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Vari und Numa
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Teil 2
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Teil 4
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Vari und Numa

Teil 4
© by Dreher, G. ()

 

Disclaimer: Das StarTrek Universum gehört Paramount/Viacom und ich habe nicht die Absicht, durch diese Fanfiction Story irgendwelche Rechte zu verletzen. Die Welt Rhazaghan und ihre Bewohner allerdings sowie sämtliche hier auftretenden Charaktere haben ihren Ursprung und ihr Zuhause in meinem Kopf .
An dieser Stelle möchte ich noch einmal Jörg, meinem Mann und Gefährten danken. Ohne sein Verständnis, seine Liebe und seine nie endenwollende Gesprächsbereitschaft hätte ich diese Geschichte wohl niemals geschrieben.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der StarTrek-Sektion

 
9.

 

Rilkar verließ in zufriedener Stimmung den Hangar und machte sich auf den Rückweg zu seinem Quartier. Er hatte gerade die große Eingangshalle des Habitates erreicht und seinen Fuß bereits auf die zur ersten Ebene hinaufführende Treppe gesetzt, als ihn eine Augenblickslaune überkam, die ihn zum Umkehren bewog. Mit langen Schritten strebte er auf das offene Portal zu, durch das eben einige Rhazaghaner in das Habitat zurückkehrten. Sofort wurde eine in der Steppenluum befindliche Rhazaghani aufmerksam und wandte sich zu ihm um.

"Du möchtest nach draußen?"

"Ich wollte nur ein paar Schritte vor dem Habitat auf und ab gehen. Weißt du, ob das Wäldchen sauber ist?"

"Als Tabantani heute morgen mit ihrem Trupp aufgebrochen ist, hat sie noch einmal die Umgebung kontrolliert. Trotzdem, es ist sicherer, wenn du in der Nähe bleibst. Soll ich dich begleiten?"

"Das wird nicht nötig sein, ich hatte keinen Ausflug beabsichtigt. Eigentlich wollte ich nur etwas frische Luft schnappen und gleich darauf wieder reinkommen."

Die Rhazaghani drehte beruhigt die spitzen Ohren nach hinten.

"In dem Fall kannst du unbesorgt gehen. Solltest du es dir aber anders überlegen, dann zögere nicht, uns Bescheid zu geben! Du weißt ja, daß wir gern für deinen Schutz sorgen."

Rilkar dankte, dann wandte er sich ab und trat durch das Portal ins Freie. Draußen empfing ihn Windstille und ein staubfeiner Regen, der bereits seit zwei Tagen in nebelartigen Schwaden über der Ebene niederging. Ohne irgendwelchen Anstoß an der Wetterlage zu nehmen, hielt der Ingenieur auf das Habitatswäldchen zu, wo der Dampf zwischen den Bäumen stand und die Nässe mittlerweile schwer von jedem Blatt tropfte.

Gleich darauf blieb er überrascht stehen, weil er ein Aufblitzen im hohen Gras bemerkt hatte. Im nächsten Augenblick huschte ein pelziges kleines Geschöpf den nächsten Stamm hinauf, lief rasch den untersten Ast entlang und rettete sich mit einem weiten Satz in das Geäst des benachbarten Baumes, das federnd unter der plötzlichen Belastung nachgab. Ein Schwall von Wassertropfen löste sich von dem Zweig und prasselte nach unten, während das Tierchen eilends im Laub verschwand.

Neugierig geworden trat der Ingenieur näher, in der Hoffnung, es noch einmal zu Gesicht zu bekommen, doch er wartete vergeblich. In den Baumkronen blieb es still, und keine Bewegung zeigte den Weg des kleinen Flüchtlings an.

"Ein Rish-Tik-Tik in der Baumluum!" hörte er im nächsten Moment eine Stimme hinter sich. "Wahrscheinlich ist es den Fluß heraufgekommen. Westlich von hier bilden sie regelrechte Kolonien an den Steilufern."

Als Rilkar einen Blick über die Schulter warf, trat Talan neben ihn.

"Ich hatte dich hinausgehen sehen." erklärte ihm der Romulaner. "Ich nehme doch richtig an, daß du vor dem Habitat bleiben wolltest?"

"Ich hatte lediglich vor, mir etwas die Beine zu vertreten. Der Hang zum Naturburschen geht mir zwar vollständig ab, aber das heißt nicht, daß ich nicht hin und wieder etwas richtige Erde unter den Füßen zu schätzen weiß. Das Wäldchen ist übrigens sicher. Tabantani hat es noch einmal inspiziert, als sie mit ihren Leuten zur Jagd losgezogen ist."

Talan legte den Kopf in den Nacken und blinzelte, als ihm der feine Regen ins Gesicht stäubte. "Ja, richtig! Frühsommer, die Hauptsaison für junge Sabreshbullen. Tarkin wird mit Sicherheit das Herz bluten."

Der Ingenieur betrachtete den Romulaner prüfend und konnte sich eines Grinsens nicht erwehren.

"Nicht nur ihm, habe ich den Eindruck! Dieser Gesichtsausdruck kommt mir verdächtig vor. Gehe ich vielleicht recht in der Annahme, daß du etwas Größeres planst?"

Talan schüttelte den Kopf.

"Da mache ich mir keine Illusionen! Ein Sabresh übersteigt meine Möglichkeiten um ein Vielfaches. Mit meiner Waffe wäre ich niemals in der Lage, ein solches Geschöpf mit dem ersten Stoß zu töten, gleichzeitig fehlt mir die Schnelligkeit, ihm zu entkommen. Außerdem gleichen diese Tiere lebenden Aussichtstürmen, es ist alles andere als leicht, sich ihnen zu nähern. Nein, ich fürchte, die Sabreshjagd werde ich Tarkin und seinen Artgenossen überlassen müssen."

Sein Freund sah ihn nachdenklich an.

"Die Sabreshjagd vielleicht! Aber hier gibt es ja noch andere Gegner, die durchaus nicht zu verachten sind. Laß mich raten, du denkst an Larke, stimmt's? Die Larkjagd ist immerhin Tarkins zweite Spezialität! Nach dem, was er mir erzählt hat, sollen sie sich gern in der Nähe größerer Wasserflächen aufhalten und zudem bemerkenswert gute Schwimmer sein. Hast du eigentlich schon darüber nachgedacht, wie du mit ihnen fertigwerden willst, wenn du nicht einmal in der Lage bist, dich über Wasser zu halten?"

Talan erwiderte stumm den Blick des Ingenieurs, dann blickte er lächelnd zur Seite.

"Also gut, du hast gewonnen!" seufzte er. "Aber nicht vor dem Hochsommer! Ich weiß recht gut, daß es seine Zeit dauert, bis sich der See erwärmt hat. Eine Sternschwinge kommandieren! Jagen! Schwimmen! Es dürfte schwer sein, Einsatzmöglichkeiten für meine neuerworbenen Fähigkeiten zu finden, wenn ich wieder nach Romulus zurückgekehrt bin."

Rilkar schwieg einen Moment. Dann atmete er tief durch.

"Was machen eigentlich deine Schützlinge?" erkundigte er sich unvermittelt, während er langsam wieder in Richtung des Portales strebte. "Die Anfangsschwierigkeiten liegen ja nun etwas zurück. Kannst du mittlerweile sagen, ob sich mit den Leuten etwas anfangen läßt?"

"Ich bin nicht unzufrieden!" bekannte Talan. "Gestern habe ich Rowland zur Navigation versetzt, er war mir zu schade für den Funk. Er hat zweifellos das Zeug zu einem ausgezeichneten Piloten, und seitdem er sich einen disziplinierteren Umgangston angewöhnt hat, kommt er auch besser mit der Arrhinia D'jah zurecht. Es wäre bedauerlich gewesen, wenn sein Verhalten zu einem Hinauswurf aus der Sternenflotte geführt hätte."

"Und die anderen?"

"Unterschiedlich! Die meisten guter Durchschnitt, aber auch einige fähige Köpfe darunter, so wie du es in den meisten Mannschaften findest. Ich hatte es eigentlich nicht anders erwartet. Und wie steht es bei dir? Ist die Testinstallation des Phasenabgleichers schon abgeschlossen?"

"Nicht nur das, wir haben vorhin bereits die ersten Messungen durchführen können. Die Ergebnisse waren überraschend gut, ich schätze, das Prinzip wird funktionieren. Natürlich werden wir noch ein paar Abstimmungen durchführen müssen, aber da rechne ich mit keinen großen Problemen."

Gleich darauf durchschritten sie das Habitatstor und machten sich auf den Weg nach oben. Der warme Regen hatte die Kleidung wie auch die Haare der beiden Männer durchnäßt, aber das beeinträchtigte ihre gute Laune in keiner Weise. Bereits nach den ersten Stockwerken begannen sie einen großzügigen Austausch scherzhafter Bemerkungen. Rilkar hatte soeben begonnen, bildhaft seine Vorstellungen von Talans ersten Schwimmlektionen zu schildern, als ihn eine ruhige weibliche Stimme aus seinen Ausführungen riß.

"Guten Tag, Kommandant!"

Neugierig sah er auf, aber die Sprecherin hatte sie schon passiert und stieg weiter die Habitatstreppe hinab. Als Rilkar stehenblieb und sich umdrehte, konnte er gerade noch einen Blick auf die schlanke Gestalt der Vulkanierin werfen, dann geriet sie außer Sicht.

Sofort wandte er sich wieder um, in der Absicht, Talan nach der Sternenflottenangehörigen zu fragen, mußte jedoch erkennen, daß sein Freund nicht gewartet hatte, sondern ihm bereits ein Stück voraus war. So eilte er ihm nach, und hatte ihn kurz darauf eingeholt, dabei stellte er erstaunt fest, daß der Romulaner seinen Blick starr auf die Stufen vor seinen Füßen gerichtet hielt.

"Sie gehört zur Nachmittagsschicht der Narhamak, nicht wahr?" bemerkte der Ingenieur. "Hast du öfter mit ihr zu tun?"

Talan warf ihm einen Seitenblick von ungewöhnlicher Kürze zu.

"Mit wem?"

"Mit der Vulkanierin! Sie hat dich eben gegrüßt, ist dir das entgangen?"

"Anscheinend!" erwiderte Talan knapp, während er im Hinaufsteigen weiter auf die Treppe starrte. Verblüfft bemerkte Rilkar, daß das Gesicht seines Freundes wie dunkel übergossen wirkte und daher beschloß er, hier etwas nachzuhaken.

"Sie trug eine Lieutenantuniform, eine noch relativ junge Frau und durchaus ansprechend. Du willst mir doch nicht erzählen, daß sie dir nicht aufgefallen ist!"

Talan hob ruckartig den Kopf. Sein Gesicht hatte eine Farbintensität, wie Rilkar sie noch niemals bei einem Vulkanoiden gesehen hatte.

"Darf ich fragen, was du damit andeuten willst?" fragte er scharf. "Du hast also eben eine Vulkanierin auf der Treppe gesehen, gut! Dennoch sehe ich nicht ein, warum du gleich eine Stellungnahme von mir erwartest, nur weil sie in der Lage war, meine Kommandantenuniform als solche zu erkennen. Im übrigen ist es für mich fast ein Ding der Unmöglichkeit, die Gesichter von Vulkanierinnen auseinanderzuhalten. Die einzigen Gemütsbewegungen, die du darin findest, sind die typisch vulkanische Arroganz und eine selbstzufriedene Unnahbarkeit."

Er wandte sich abrupt wieder ab und beschleunigte seinen Schritt. Auf der dreizehnten Ebene angekommen, verabschiedete er sich und schlug eilig den Weg zu seiner Unterkunft ein. Rilkar sah ihm verdutzt nach. Es war unübersehbar gewesen, daß sich Talans Gesichtsfarbe noch immer nicht normalisiert hatte. Dann, nach kurzem Zögern, wandte sich der Ingenieur ab, um zu seiner eigenen Ebene hinaufzusteigen.

In seiner Unterkunft angekommen, ließ er sich vor seinem Computerterminal nieder, in der Absicht, noch etwas an seiner Weiterentwicklung zu arbeiten. Bald darauf war er in seine technische Welt eingetaucht, machte jedoch bald die Feststellung, daß seine Gedanken immer wieder zu Talans Verhalten auf der Treppe zurückkehrten. Es war lange her, daß er seinen Freund so sichtlich außer Fassung erlebt hatte.

Als ihm dann geraume Zeit später sein Gehör verriet, daß seine Gefährtin wieder in ihr Quartier zurückkehrte, erhob er sich, um sie zu begrüßen. Nirrit wirkte müde und abgespannt, als er eintrat, und Rilkar begann sofort den Grund dafür zu ahnen.

"Laß mich raten! Euer Meinungsaustausch lief nicht besonders gut."

Sie schüttelte niedergeschlagen den Kopf.

"Tarkin und Tybrang haben sich wieder gestritten, aber das war nicht einmal sonderlich überraschend. Inzwischen gibt es kaum noch einen Meinungsaustausch, der nicht mit einer heftigen Auseinandersetzung der beiden endet. Allmählich fange ich jedoch an, mir Sorgen um Tarkin zu machen. Heute sagte er kaum ein Wort auf Tybrangs Vorwürfe, sondern stand einfach nur mit geballten Fäusten da, starrte ihn an und war weiß vor Zorn. Ehrlich gestanden wäre mir wesentlich wohler, wenn er sich erhitzen und schreien und toben würde."

"Worum ging es?"

Die Rhazaghani zuckte die Achseln und ließ sich in ihrem Lieblingssessel nieder.

"Um alles und nichts! Zu Anfang drehten sich die Streitgespräche noch um die Anwesenheit der Romulaner und um Tarkins Verhalten den Föderationsleuten gegenüber. Inzwischen ist das aber nur noch der Aufhänger. Ob es nun um Entscheidungen bezüglich der Vorratshaltung, der Ausbildung der Heranwachsenden oder der Ausrüstung des Krankenbezirks geht, Tybrang ist der Ansicht, daß unser Clanführer überall gravierende Fehler macht. Jedenfalls endete heute die ganze Sache damit, daß Tarkin sich abrupt umdrehte und den Raum verließ. Ich vermutete schon, er wäre auf die Jagd gegangen, aber später sagte mir Aslari, daß er sich in seine Unterkunft zurückgezogen hätte."

Der Ingenieur nickte nachdenklich.

"Tut mir leid, daß es wieder Streitigkeiten gegeben hat, dabei habe ich eigentlich den Eindruck, daß sich die Kontakte zwischen dem Regiment und den Föderationsleuten recht zufriedenstellend entwickeln. Talan sagte mir heute, daß sich sein Trüppchen gar nicht schlecht herausgemacht hätte, selbst der Haupträdelsführer Rowland scheint sich mit seiner Ausbildung arrangiert zu haben. Allerdings hat Talan selbst wohl ein paar Probleme mit einer ganz speziellen Sternenflottenangehörigen."

Nirrit stutzte. Ihr Gefährte war überzeugt, daß sie in der Krallenluum die Ohren gespitzt hätte.

"Wie meinst du das?"

Rilkar schilderte nun ausführlich, was er auf der Habitatstreppe beobachtet hatte, den Gruß der Vulkanierin, Talans offensichtliche Befangenheit, seine schroffe Reaktion auf die Nachfrage seines Freundes sowie seinen fluchtartigen Rückzug auf sein Quartier. Nirrit unterbrach ihn nicht ein einziges Mal, sondern folgte seinem Bericht mit großen Augen. Als ihr Gefährte schließlich verstummte, sah sie ihn staunend an.

"Dann ist es also doch wahr!"

Nun war es der Ingenieur, dessen Gesicht Verblüffung zeigte.

"Was ist wahr, wovon redest du, Nirrit?"

"Kurz nach der Ankunft der Sternenflottenleute erzählte mir Lareni, sie hätte gesehen, daß Talan auf der Habitatstreppe beinahe in eine Vulkanierin hineingelaufen wäre. Sie sagte, die Frau hätte ihn lange und aufmerksam betrachtet, und sein Gesicht hätte dabei eine ungewöhnlich dunkle Farbe angenommen. Einige Zeit später kam sie und berichtete, ihr erster Reifungspartner hätte eine ähnliche Beobachtung gemacht. Er unterstützt den Nachmittagsdienst auf der Narhamak, und daher begegnet er Talan häufig, wenn dieser von der Arrhinia D'jah zurückkehrt. Er hat behauptet, er hätte mehrfach gesehen, wie sich Talans Gesicht beim Anblick der Vulkanierin auffällig verdunkelt hat. Ich muß dir ganz offen gestehen, daß ich diese Berichte für optimistische Übertreibungen hielt, schließlich ist es im ganzen Habitat bekannt, daß sich Tarkin eine Reifungspartnerin für Talan wünscht."

Rilkar schüttelte den Kopf und begann zu lachen.

"Eigentlich ist es nicht zu fassen! Dieses Prachtexemplar von einem romulanischen Kommandanten gerät vor einer Vulkanierin ins Schwitzen! Wahrscheinlich fürchtet er, sich als Soldat vor einem Lieutenant vom Wissenschaftsdienst zu blamieren. Wird Zeit, daß er seiner kühlen Schönen beweist, daß es auch Romulaner gibt, die Scharfsinn und einen wachen Verstand besitzen. In dieser Hinsicht mache ich mir wahrhaftig keine Sorgen um ihn, aber vielleicht sollte man ihm etwas unter die Arme greifen, indem man ihm eine günstige Gelegenheit verschafft."

Nirrit hob den Kopf und betrachtete ihn neugierig.

"Du willst ihm helfen? Wie stellst du dir das vor?"

Er lächelte.

"Warte es ab! Es wäre doch gelacht, wenn sich in dieser Angelegenheit nichts unternehmen ließe. Ich werde noch ein bißchen darüber nachdenken müssen, aber vielleicht habe ich schon eine brauchbare Idee."

 

Am darauffolgenden späten Abend verließ Pittoni noch einmal ihr Quartier, und machte sich auf den Weg zur Kantine, in der Absicht, sich mit einer weiteren Ration Kaffee zu versorgen. Talan hatte ihr untertags einen Zwischenbericht von der laufenden Schulung überstellen lassen, und wie alles, was der Romulaner unternahm, zeichnete sich auch dieser durch beeindruckende Gründlichkeit und Sachkompetenz aus.

Insgeheim war Pittoni längst im Begriff, dem Kommandanten geistige Abbitte für ihren anfänglichen Argwohn zu leisten. Anstatt wie befürchtet die Ausbildung zu behindern, hatte sich der Mann als echte Stütze erwiesen und vor allem eine erstaunliche Wandlung an den Jeanne D'Arc-Leuten bewirkt. Mochte Talan als Romulaner auch eine fremdartige und zum Teil unbegreifliche Weltanschauung vertreten, so zweifelte Pittoni doch nicht mehr daran, daß es sich bei ihm um eine vertrauenswürdige und integre Persönlichkeit handelte.

Als sie sich dem großen Gemeinschaftsraum näherte, der die Funktion der Kantine ausfüllte, stellte sie überrascht fest, daß es offenbar noch jemanden gab, dem der Sinn nicht nach Schlaf stand. Durch den breiten Eingang schimmerte ihr helles Licht entgegen, außerdem glaubte sie eine Art Klappern wahrzunehmen. Unwillkürlich bewegte sie sich leiser und warf gleich darauf einen vorsichtigen Blick um die Ecke.

Im Inneren des Raumes erkannte sie einen Mann, der vor dem geöffneten Hauptspeicher der Nahrungsreplikatoren kniete. Er hatte mehrere Werkzeuge um sich herum ausgebreitet und war gerade dabei, eine der Abdeckplatten wieder an ihren Platz zu heben, wo sie im nächsten Moment in ihren Halteklammern einrastete. Pittoni beobachtete ihn einen Augenblick, dann trat sie entschlossen vor.

"Darf ich fragen, was Sie da eigentlich machen? Sie müßten doch wissen, daß es sich hier um Föderationseigentum handelt."

Der Mann warf einen Blick über die Schulter. Pittonis plötzliches Erscheinen schien ihn nicht im mindesten aus der Fassung gebracht zu haben.

"Das mag schon sein, Captain, aber es war nötig, Ihren Replikatorspeicher zu überprüfen." erwiderte er ruhig. "Wir vermuten, daß es heute mehrere Schwankungen im Energienetz gegeben hat, und wie Sie sicher wissen, reagieren solche Geräte auf Fluktuationen recht empfindlich. Wenn ich geahnt hätte, daß Sie noch wach sind, hätte ich Sie selbstverständlich vorher informiert."

Zu ihrem Erstaunen stellte Pittoni fest, daß es sich bei ihrem Gegenüber um den Mischling mit den romulanischen Gravitationsspangen handelte. Deutlich besänftigt trat sie neben ihn.

"Und was meinen Sie? Glauben Sie, daß der Speicher Schaden genommen hat?"

Der Mann sah nachdenklich in das geöffnete Gehäuse, dann griff er zur letzten Abdeckplatte.

"Ich konnte nichts feststellen!" erklärte er achselzuckend. "Ich fürchte, man wird die morgige Inbetriebnahme der Replikatoren abwarten müssen. Es ist keineswegs ausgeschlossen, daß eine Beeinträchtigung des Speicherinhaltes die Ungenießbarkeit zahlreicher Lebensmittel zur Folge hat, was dann eine umfangreiche Neuprogrammierung erforderlich machen würde. Ebensogut ist denkbar, daß lediglich einige Gerichte durch die Fluktuationen verlorengegangen sind. Dann genügt es, die entsprechenden Zubereitungen festzustellen und ihre Programme dem Speicher wieder hinzuzufügen. Auf alle Fälle stehe ich Ihnen zu Verfügung, Captain!"

"Das ist wirklich sehr liebenswürdig von Ihnen!" entgegnete Pittoni freundlich. "Leider befindet sich kein Replikatorprogrammierer unter meinen Leuten, und so sind wir hier voll und ganz auf fremde Unterstützung angewiesen."

Sie zögerte einen Moment.

"Ich nehme an, Sie sind wegen Kommandant Talan hier, nicht wahr?" fragte sie dann behutsam.

Der Knieende sah auf.

"Wie kommen Sie denn auf den Gedanken?" fragte er verblüfft.

"Nun, ich nahm an, er hätte Sie hierhergeschickt. Er ist doch Ihr... Ihr Dienstherr, oder?"

Der Mann erhob sich und starrte sie an.

"Was?" fragte er staunend.

In Pittoni keimte schlagartig die Erkenntnis, daß sie hier einem gravierenden Trugschluß aufgesessen war. Hilfesuchend wanderten ihre Augen zu den Grav-Spangen, die die Handgelenke ihres Gegenübers umschlossen. Der Mann folgte ihrer Blickrichtung und sah nun seinerseits an seinen Armen hinunter.

"Ich hatte angenommen, weil Sie diese Geräte tragen..." begann sie zaghaft.

"...wäre ich der, sagen wir einmal, persönliche Gefangene von Kommandant Talan!" vervollständigte der Halbcardassianer ihren Satz und lachte. "Schauen Sie her!"

Rasch und geübt griff er mit beiden Händen zu den jeweils gegenüberliegenden Handgelenken, worauf ein zweifaches Klicken erklang. Im nächsten Moment hielt er ihr die Spangen hin.

"Sehen Sie? Ich würde sie nicht tragen, wenn sie intakt wären, stimmt's? Tut mir leid, Captain, ich wußte nicht, daß Sie die Dinger kennen, sonst hätte ich Sie schon früher aufgeklärt. Die Spangen hat mir ein guter Freund überlassen; sie haben ihre Funktionstüchtigkeit schon vor geraumer Zeit eingebüßt. Im übrigen können Sie sicher sein, daß Clanführer Tarkin solche Geräte hier niemals dulden würde."

Pittoni schloß kurz die Augen und atmete tief durch. Dann öffnete sie sie wieder.

"Fangen wir noch einmal neu an!" sagte sie tapfer. "Darf ich Sie nach Ihrem Namen fragen?"

Er ergriff ihre ausgestreckte Hand und schüttelte sie lächelnd.

"Rilkar! Ich bin einer der Habitatsingenieure."

Sie nickte. "Ingenieur Rilkar! Sie sind das also! Ich erinnere mich, daß Clanführer Tarkin Ihren Namen erwähnte."

"Ich arbeite hauptsächlich im Hangar und kümmere mich um die drei Vari-Schiffe, bin Ihnen jedoch gern behilflich, wenn Sie hier technische Probleme haben sollten. Wenn also Ihre Replikatoren irgendwelche Fehlfunktionen aufweisen, so scheuen Sie sich nicht, sich an mich zu wenden. Meine Unterkunft liegt weiter oben auf der siebzehnten Ebene. Außerdem können Sie sich stets bei Nirrit nach meinem Aufenthaltsort erkundigen, sie ist meine Gefährtin."

"Eine der Beraterinnen des Clanführers, die kleine rotbraune Rhazaghani, nicht wahr?"

Seine Augen leuchteten einen kurzen Augenblick auf.

"Das ist Nirrit! Gute Nacht, Captain!"

"Gute Nacht, Ingenieur Rilkar!"

Als der Halbcardassianer den Raum verlassen hatte, trat Pittoni automatisch an einen der Replikatoren heran, überlegte es sich jedoch anders. Vielleicht würde ihr am nächsten Tag der Sinn danach stehen, den Hauptspeicher auf seine Intaktheit zu prüfen. Im Moment jedenfalls hatte sie nur noch das Bedürfnis, in der Stille ihres Quartiers kräftig zu erröten, um sich unmittelbar darauf schlafen zu legen.

 

Am frühen Nachmittag des folgenden Tages war Ruhe in die Föderationskantine eingekehrt. Rilkar richtete sich langsam wieder auf und rieb sich nachdenklich das Kinn. Dann drehte er sich zu Pittoni um.

"Es ist, wie ich vermutet hatte! Zwar haben Sie das Glück, daß die replizierten Mahlzeiten keine Mängel aufweisen, doch wie es aussieht, sind die Programme sämtlicher vegetarischen Gerichte verlorengegangen. Tut mir leid, Captain, die Ergänzung wird eine Weile dauern."

Pittoni sah etwas ratlos auf T'Alai, die neben ihr stand.

"Dann haben wir ein Problem! Für mich und den Rest meiner Crew stellt diese Einschränkung keine große Beeinträchtigung dar, doch der Lieutenant war auf die betroffenen Gerichte angewiesen. Hätten Sie irgendeinen Vorschlag, der uns weiterhelfen könnte?"

Der Ingenieur wandte sich der Vulkanierin zu.

"Mal sehen! Sie haben heute noch gar nichts in den Magen bekommen, nicht wahr? Ich denke aber, es gibt eine Möglichkeit, Sie doch noch mit einem Mittagessen zu versorgen. Haben Sie einen Moment Zeit?"

"Das ist leider nicht der Fall!" erwiderte T'Alai ruhig. "Unsere Schulung wird in wenigen Augenblicken beginnen, und ich werde mich ohnehin verspäten. Ich bin sicher, daß es mir keine Probleme bereiten wird, die Vervollständigung des Replikatorspeichers abzuwarten."

Pittoni begann energisch den Kopf zu schütteln.

"Das kommt gar nicht in Frage, Lieutenant! Ich bestehe darauf, daß Sie erst eine vernünftige Mahlzeit zu sich nehmen, bevor Sie in den Hangar hinuntergehen. Bei Ihren Fortschritten ist es absolut vertretbar, wenn Sie sich Ihrer Schicht erst etwas später anschließen, und daher werden Sie jetzt Ingenieur Rilkars Vorschlag annehmen."

"Captain..." begann die Vulkanierin.

Pittoni sah sie an und hob warnend die Brauen.

"Das ist mein völliger Ernst, T'Alai!"

Rilkar grinste. "Gut, freut mich, daß wir uns einig sind. Wenn Sie mich also begleiten würden, Lieutenant?"

 

Talan war wieder von der Arrhinia D'jah ins Habitat zurückgekehrt und hatte, wie es seiner Gewohnheit entsprach, gleich darauf das romulanische Replimat aufgesucht, um dort seine Mahlzeit einzunehmen. Er war gerade an einen der Replikatoren herangetreten, als er unvermittelt die Stimme seines Freundes wahrnahm.

"Talan, kann ich dich einen Moment sprechen?"

Der Romulaner wandte sich um und erstarrte. Direkt ihm gegenüber stand eben jene Vulkanierin in der Lieutenantuniform, der er zu seinem Leidwesen fast jeden Tag auf der Habitatstreppe begegnete. An ihrer Seite befand sich Rilkar, der ein harmloses Grinsen zur Schau stellte.

"Entschuldige bitte!" begann der Ingenieur. "Wir haben unten auf den Föderationsebenen ein paar Schwierigkeiten mit dem Replikatorspeicher. Es sieht fast so aus, als ob sämtliche vegetarischen Gerichte bei einer Energiefluktuation verlorengegangen wären. Wärest du bitte so liebenswürdig, Lieutenant T'Alai bei der Bestellung einer für sie geeigneten Mahlzeit behilflich zu sein? Ich muß gleich wieder hinunter, um mir das Problem etwas näher anzusehen."

Talans Gesicht hatte augenblicklich begonnen, eine tiefere Tönung anzunehmen. Er erwiderte den unschuldigen Blick seines Trainingspartners aus blitzenden Augen.

"Dafür stirbst du heute abend in der Trainingshalle!" zischte er auf Rhazaghanisch.

Rilkar wandte sich an die Vulkanierin.

"Kommandant Talan ist damit einverstanden, Ihnen bei der Bedienung des Replikators zu helfen." erklärte er hastig. "Wenn ich Sie dann allein lassen darf? Ich habe leider noch einiges zu tun."

Wenige Augenblicke später hatte er den Raum verlassen. T'Alai stand noch immer geduldig da und hatte ihre Aufmerksamkeit auf Talan gerichtet. Dieser drehte sich eilig wieder dem Nahrungsbereiter zu.

"Es ist wirklich sehr liebenswürdig von Ihnen, mir zu helfen." hörte er die ruhige Stimme der Vulkanierin hinter sich. "Ich hoffe, ich bereite Ihnen keine Umstände!"

Die Finger des Romulaners krallten sich um den Rand des Ausgabefaches.

"Keineswegs!" knirschte er. "Wären Sie mit einer Gemüsesuppe einverstanden?"

"Ein Gericht dieser Art wäre vollkommen akzeptabel, vielen Dank!"

"Sarri'shtja!" fauchte Talan.

Das Gerät reagierte sofort, indem es eine Schale mit dampfendem Inhalt replizierte. Die Vulkanierin trat heran und nahm das Tablett mit der Mahlzeit an sich, machte jedoch keine Anstalten, sich zu einem der Tische zu begeben, sondern blieb höflich wartend stehen. Talan zögerte, dann wandte er sich wieder zum Replikator um.

"Norikh-Leber, blutig!" stieß er auf Romulanisch hervor, eine Bestellung, der ohne Verzögerung nachgekommen wurde. Anschließend strebte Talan auf einen freien Tisch in der Nähe zu und nahm dort Platz, während sich T'Alai ihm gegenüber niederließ. Die Augen auf seinen Teller gerichtet, begann der Romulaner zu essen, brachte es jedoch nach kurzer Zeit nicht mehr fertig, seine Begleiterin zu ignorieren.

"Ich hoffe, die Art meiner Mahlzeit stellt keine Belästigung für Sie dar!" bemerkte er niederträchtig. "Ich habe nun einmal eine Schwäche für Fleischgerichte, und der Geschmack von Norikh-Leber kommt nur in blutigem Zustand voll zur Geltung."

"Machen Sie sich meinetwegen keine Gedanken!" erwiderte T'Alai gleichmütig. "Ich diene in einer terranischen Crew und bin mit andersartigen Eßgewohnheiten vertraut. Lassen Sie sich versichern, daß Sie mit Ihrer Vorliebe für Fleisch keineswegs eine Ausnahme darstellen. Dennoch muß ich zugeben, daß mich die Leidenschaft Ihres Volkes für gerade diese Spezialität in Erstaunen versetzt."

Talan blickte kurz auf.

"Was meinen Sie? Wollen Sie behaupten, daß Ihnen dieses Gericht bekannt ist?"

"Das ist richtig! Ich hörte in einer xenotoxikologischen Vorlesung auf der Akademie davon. Selbstverständlich ist Ihnen bekannt, daß Norikh-Leber eine giftige Eiweißverbindung enthält, die erst durch längeres Erhitzen zerstört wird. Wird diese mit der Nahrung aufgenommen, reichert sie sich in verschiedenen Organen, vor allem im Gehirn an, ohne vom Körper wieder abgebaut zu werden. Irgendwann, nach einer ausreichenden Anzahl dieser Mahlzeiten, kommt es dann zu schweren Vergiftungserscheinungen, die von Lähmungen bis hin zum Tod reichen können."

Sie betrachtete ihn neugierig.

"Offen gestanden halte ich den Wunsch nach Genuß für eine unzureichende Erklärung dafür, die eigene Gesundheit durch die freiwillige Aufnahme von Toxinen zu gefährden. Wahrscheinlich besteht der wahre Grund darin, durch die vermeintliche Resistenz gegen das Gift Kraft und Vitalität demonstrieren zu wollen, nicht wahr?"

Talan legte sein Eßbesteck zur Seite.

"Nein!" schnappte er. "Der wirkliche Grund besteht in der heimlichen romulanischen Neigung zur Selbstquälerei! Wie kann es sonst sein, daß ich hier mit Ihnen sitze und mir Vorträge über die Ungenießbarkeit meines Essens anhöre? Ist es eigentlich eine feste Gewohnheit von Ihnen, Ihre Tischnachbarn über die Inhaltsstoffe ihrer Mahlzeiten aufzuklären?"

Die Vulkanierin warf ihm einen nicht unfreundlichen Blick zu.

"Es war nicht meine Absicht, Ihnen den Appetit zu verderben!" entgegnete sie.

"Sie haben mir keineswegs den Appetit verdorben!" gab der Romulaner eigensinnig zurück.

Es herrschte einen Moment Schweigen, dann hielt Talan es nicht mehr aus.

"Ich weiß, was Sie sagen wollen! Los, sagen Sie es schon, dann habe ich es wenigstens hinter mir! Sie sind der Ansicht, ich verhalte mich unlogisch, richtig?"

T'Alai hatte ihre Schale geleert und erhob sich.

"Aber nein!" erwiderte sie sanft. "Der Ansicht bin ich keineswegs. Glauben Sie mir, ich verstehe Sie sehr gut! Auf Wiedersehen, Kommandant, und nochmals vielen Dank für Ihre freundliche Hilfe!"

Sie nickte ihm zu, dann wandte sie sich ab und brachte ihr Tablett zurück zum Replikator. Talan sah ihr nach und wartete, bis sie den Raum verlassen hatte. Als er völlig sicher war, daß die Vulkanierin sich auf dem Weg in den Hangar befand, erhob auch er sich, um mit einem Seufzer den Rest seiner Mahlzeit in den Abfallvernichter zu werfen.

 

Am späteren Abend tastete Rilkar behutsam nach seiner Schulter und sah seinen Freund vorwurfsvoll an.

"Der hat gesessen! Ich hätte niemals gedacht, daß du so nachtragend sein könntest!"

Talan hatte sich nach ihrer Rückkehr aus der Halle in seinen Sessel fallen lassen und düster vor sich hingesehen. Nun aber warf er seinem Trainingspartner einen bösen Blick zu.

"Jetzt weißt du es! Im übrigen ist ja wohl klar, daß der von dir sabotierte Replikatorspeicher bis spätestens morgen mittag wieder intakt sein wird. Ich hoffe, wir haben uns hier verstanden!"

"Reg dich bloß nicht auf! Wenn du willst, versetze ich ihn eben wieder in den alten Zustand zurück. Wenn man bedenkt, daß ich dir nur einen Gefallen erweisen wollte!"

"Du wolltest mir einen Gefallen erweisen? Indem du mich dazu nötigst, meine Mahlzeit in Gesellschaft dieser wandelnden Computerbibliothek einzunehmen?"

"Eigentlich hatte ich den Eindruck erhalten, daß du ein Auge auf sie geworfen hast."

Talan schoß das Blut ins Gesicht.

"Was? Auf eine Vulkanierin? Du beliebst zu scherzen. Glaubst du wirklich, es ist schon so weit mit mir, daß ich mich für ein Geschöpf interessiere, welches sich nur durch das Material von einem Androiden unterscheidet? Ich denke doch, daß dafür noch ein wenig mehr als ein hübsches Gesicht erforderlich ist."

Sein Freund lächelte.

"Sie gefällt dir also?"

Talan sah zur Seite.

"Ihr Äußeres erfüllt in gewisser Weise meine ästhetischen Ansprüche, weiter nichts!" knurrte er.

Rilkar lehnte sich vor.

"Das ist immerhin schon etwas! Darf ich fragen, was dich eigentlich an ihr stört?"

"Was mich stört? Muß ich dir wirklich einen Vortrag über Vulkanier halten? Sieh sie dir doch an, dann weißt du Bescheid! Der reinste Ausbund an Stolz, Rationalität und Förmlichkeit! Ein frei im Weltraum schwebender Duranidblock würde mehr Warmherzigkeit ausstrahlen."

"Vorsicht, Vorsicht! Paß auf, was du sagst! Zufällig kenne ich da einen romulanischen Kommandanten, der während seines Dienstes dieser Beschreibung mühelos gerecht werden könnte."

"Wenn man einem Regiment vorsteht, ist es notwendig, eine gewisse Distanz zu wahren." verteidigte sich Talan verärgert. "Im übrigen weißt du genau, daß ich mich unter Freunden keineswegs mit Gefühlen zurückhalte. Meine Erziehung hat schließlich nicht in der systematischen Abtötung von Emotionen wie Freundschaft, Liebe, Glück und Dankbarkeit bestanden. Dir sollte doch eigentlich bekannt sein, daß erwachsene Vulkanier nicht mehr fähig sind, all das zu empfinden."

Der Ingenieur hob verblüfft die Brauen.

"Oha! Kann es vielleicht sein, daß du da ein paar ausgewachsene Vorurteile hegst? Wer behauptet denn, daß Vulkanier keine Empfindungen besitzen? Nach dem, was ich feststellen konnte, lernt man auf Vulkan zwar, Emotionen sorgfältig zu verbergen, aber das bedeutet keineswegs, daß sie nicht mehr vorhanden sind. Im übrigen gilt für Suraks Lehre, was eigentlich für jede Ideologie gilt: Es gibt die unterschiedlichsten Hauptströmungen und Interpretationen, wobei das Spektrum von tolerant bis radikal reicht."

"Schau an, ich hatte keine Ahnung, daß du neuerdings Experte für vulkanische Sichtweisen geworden bist." knurrte der Romulaner.

Rilkar zuckte die Achseln.

"Ich habe mich damals mit Silak hin und wieder darüber unterhalten, und er gab zu, daß es wahrscheinlich keine zwei Vulkanier gibt, deren Anschauungen identisch sind. Ein Angehöriger einer intelligenten Spezies entwickelt sich nun einmal stets zu einem einzigartigen Individuum, selbst wenn du versuchst, diesen Vorgang mit repressiven Methoden zu unterdrücken. Vielleicht wirst du ein angepaßtes Verhalten in der Öffentlichkeit erreichen, dennoch werden sich die Gehirne zwangsläufig voneinander unterscheiden, auch wenn ihre Träger es abstreiten oder nichts davon ahnen. Übrigens vertrat Silak eine eher moderate Auffassung von Suraks Doktrin. Seiner Ansicht nach hatte jener Philosoph weniger eine Unterdrückung als vielmehr eine Beherrschung von Emotionen im Sinn, was durchaus vernünftig klingt, wenn du meine Meinung hören willst."

Talan nickte spöttisch.

"Vernünftig, wirklich! Vulkanier sind in der Tat derart vernünftig, daß sie ihren Geschlechtstrieb so lange unterdrücken, bis er sich alle sechs bis acht Jahre in einem hormonellen Rausch gewaltsam Bahn bricht. Die ganze Angelegenheit wird natürlich nach außen hin vertuscht und angeblich auf Vulkan mit allerlei Bräuchen und Mythen verbrämt. Davon hat dir Silak sicherlich nichts erzählt, oder irre ich mich etwa?"

"Doch, das Thema kam ein einziges Mal zur Sprache, allerdings nicht auf mein Betreiben. Du kennst ja Knuts Taktgefühl in solchen Sachen, und da er schon einiges über das Pon farr hatte munkeln hören, sah sich Silak eines Abends seinen neugierigen Fragen ausgesetzt."

"Du meinst, er hat ihm tatsächlich Rede und Antwort darüber gestanden?"

"Überaus glücklich war er nicht über das Thema, das war zu merken. Dennoch hielt er es wohl für unlogisch, die zahlreichen Mißverständnisse und Gerüchte, denen Knut aufgesessen war, einfach stehenzulassen. Seiner Aussage nach sind es auf Vulkan eigentlich nur noch die Angehörigen der streng konservativen Richtung, die sich so lange in geistiger und körperlicher Enthaltsamkeit üben, bis sie irgendwann ritualgemäß in den Paarungsrausch fallen. Da es der größte Teil der Vulkanier in dieser Angelegenheit mittlerweile so hält, wie die meisten aufgeklärten Völker auch, treten Fälle von pathologischem Hormonstau allerdings immer seltener auf."

Talan schwieg und musterte seinen Freund nachdenklich.

"Und du glaubst ihm?" fragte er schließlich.

"Ich halte es für wesentlich naheliegender, Silaks Schilderungen zu glauben, als anzunehmen, ein Vulkanier hätte aus Schamgefühl gelogen, wenn du verstehst. Warum gehst du nicht und stellst den Wahrheitsgehalt seiner Aussagen auf die Probe? Was riskierst du denn groß, wenn du dich T'Alai von deiner besten Seite zeigst und Interesse bei ihr anmeldest?"

Talan senkte den Blick.

"Ich könnte es nicht ertragen, mich vor ihr lächerlich zu machen." sagte er leise. "Jedesmal wenn ich ihren Augen begegne, habe ich das Gefühl, unter einem Seziermesser zu liegen. Ich spüre deutlich, wie sie mich beobachtet, mich abschätzt und klassifiziert wie eine neue ungewöhnliche Lebensform. Wahrscheinlich empfände sie es als ungemein faszinierend, dabei zuzusehen, wie sich ein romulanischer Offizier zum Narren macht."

"Immerhin, du bist ihr aufgefallen!" stellte Rilkar fest. "Das solltest du ausnutzen, anstatt dich immer weiter in die Vorstellung zu versteigen, daß du ihr unterlegen bist. Nur weil sie intelligent ist und es versteht, ihre Gefühle zu verbergen, hältst du die Sache für aussichtslos und ziehst es vor, dich vor ihr zu verstecken. Darf ich fragen, wie du dir deine weitere Taktik vorgestellt hast?"

Talan hatte sich aus dem Sessel erhoben und war ans Fenster getreten.

"Es wird vorübergehen!" seufzte er. "Es ist ohnehin müßig, in dieser Angelegenheit etwas unternehmen zu wollen. Irgendwann werde ich nach Romulus zurückkehren, und dann wird dieses alles keine Rolle mehr spielen."

 

 
10.

 

Rowland nahm mit einem vernehmbaren Ächzen seine Tasche von der Schulter und lehnte sich an das Geländer des Treppenabsatzes.

"Okay!" schnaufte er. "Kurze Pause! Ich habe schon wieder das Gefühl, Bleibarren an den Füßen zu haben, bei jeder Stufe gibt es einen Ruck nach unten. Wie weit sind wir jetzt eigentlich, Arie, ich habe nicht die allergeringste Vorstellung."

Corestid warf einen Blick auf die nächste Wandanzeige.

"Das dürfte die siebzehnte..., oder nein, halt! Die sechzehnte Ebene ist es, wo wir uns befinden. Komm schon, Brad, nimm dich zusammen! Sind doch nur noch zehn Treppen bis unten!"

Rowland nickte stoisch.

"Ach, nur noch! Ist ja wundervoll! Hör mal, Arie, wir haben uns einverstanden erklärt, auf den Habitatslift zu verzichten. Trotzdem bin ich nicht bereit, hier auf der Treppe Leistungssport zu betreiben, das überlassen wir mit Vergnügen Spinnern und Verrückten wie dir." Er wandte den Kopf. "Oder seid ihr da etwa anderer Meinung?"

Fähnrich Wilkinson hatte sich auf der nächsten Stufe niedergelassen.

"Also, ich für mein Teil sitze ganz gut, und ich habe auch nicht vor, mich sofort wieder zu erheben. Gönn uns einen Moment Pause, Arie!"

Della Escobedo, die sich neben Rowland an das Geländer gelehnt hatte, musterte sie aufmerksam.

"Schau mal eben zu mir rüber, Isabel! Du siehst mir gewaltig nach einem Sonnenbrand aus, und ich bin mir ziemlich sicher, daß es nicht an der Beleuchtung liegt."

Wilkinson rümpfte die Nase.

"Du lieber Himmel, ja!" stöhnte sie entsetzt. "Die ganze Gesichtshaut spannt bereits! Verdammt, hättet Ihr mich bloß gewarnt, dann hätte ich Vorsorge treffen können."

Rowland zuckte die Achseln.

"Bitte, was hattest du denn erwartet? Daß wir das ganze Zeug bis zur Spitze raufschleppen, und dann fünf Minuten später wieder umdrehen, um uns auf den Rückweg zu machen? Wer kann schon ahnen, daß du auf Sommerwetter derart empfindlich reagierst!"

Unterdessen warf Escobedo Corestid einen neugierigen Seitenblick zu.

"Du hattest weiter oben jemanden gegrüßt, Arie! Wer war das eigentlich?"

"Drahani von der technischen Wartung! Hast du sie nicht erkannt?"

"Ich wüßte nicht, wie! Woran hast du es gesehen?"

"An der Fellfarbe, außerdem merkt man es an der Stimme! Sie klingt zwar etwas kehliger, aber sie ist trotzdem noch unverkennbar. Versuch mal, bei nächster Gelegenheit darauf zu achten!"

Rowland hob den Kopf und sah zum nächsthöheren Treppenabsatz hinauf, auf dem Schritte hörbar geworden waren. Im nächsten Augenblick stieß er sich vom Geländer ab und nahm Haltung an.

"Achtung!" zischte er seinen Kameraden zu. "Der Kommandant!"

Talan, der an Rilkars Seite die Treppe herunterkam, nahm ernst die Grüße entgegen, die ihm von seinen Schülern entboten wurden, dann ließ er langsam seine Augen über die mit diversen Fellen, Kleidungsstücken und Taschen bepackte Picknickgesellschaft wandern. In seinen Mundwinkeln zuckte es verdächtig, doch bereits im nächsten Augenblick verabschiedete er sich mit einem Nicken, und die beiden Männer setzten ihren Weg nach unten fort.

Der Ausflugstrupp sah ihnen nach und wartete, bis ihre Schritte weiter unten verklungen waren, dann meldete sich Corestid als erster.

"Meinst du wirklich, es war nötig, Haltung anzunehmen, Brad? Immerhin sind weder er noch wir im Dienst! Ich kann mir nicht vorstellen, daß Talan grundsätzlich auf militärischen Gruß besteht."

"Ach, wirklich? Ist dir noch nicht aufgefallen, daß seine Leute Haltung annehmen, sooft sie ihm begegnen? Menschenskind, dieser Mann ist das einzige, was zwischen mir und der Arrhinia D'jah steht! Ich bin nicht gerade scharf darauf, ihn gegen mich aufzubringen."

Escobedo schnalzte nachdenklich mit der Zunge.

"Die Kleidungsstücke eben sahen nach Sportsachen aus, ich könnte mir denken, daß sie in die Halle auf der zwölften zum Training wollen. Eigentlich würde ich mir das gern einmal ansehen. Talans Vorstellung auf dem Begrüßungsabend ist wahrhaftig nicht übel gewesen."

Rowland drehte sich zu ihr um und lachte.

"Hast du es immer noch nicht aufgegeben, Della? Tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber diesmal hast du dich übernommen. Beim Kommandanten beißt du auf Granit, das müßtest du doch langsam merken."

Sie seufzte und sah die Treppe hinunter.

"Kann sein, aber ansehen kostet ja nichts, oder? Schade, ich hätte zu gern herausgefunden, was für einen Liebhaber er abgibt. Abgesehen von seiner Uniform sieht er zwar wie ein Vulkanier aus, aber Romulaner sollen sich ja gerade in jener Hinsicht deutlich von ihnen unterscheiden."

"Überhaupt habe ich mir Romulaner ganz anders vorgestellt." ließ sich Wilkinson hören. "Es wird doch immer erzählt, sie wären hinterhältig und verlogen, aber das ist eine Beschreibung, die auf Talan überhaupt nicht zutrifft. Der Halbcardassianer ist übrigens auch so ein Fall. Ich glaube nicht, daß der Kommandant mit ihm trainieren würde, wenn er ein unfairer und übler Typ wäre. Habt ihr irgend etwas gehört, wie der Bursche überhaupt hierher gekommen ist? Die cardassianischen Besatzer dürften ihn ja wohl kaum damals auf Rhazaghan vergessen haben."

Corestid stützte die Unterarme auf das Geländer und runzelte die Stirn.

"Es heißt, er wäre nach Gul Dukats Machtergreifung auf Föderationsgebiet geflüchtet, zusammen mit seinem Bruder und noch ein paar anderen. Danach ist er hierher gekommen. War sicher das Vernünftigste, was er tun konnte, sich schleunigst aus dem Staub zu machen."

Rowland warf ihm einen skeptischen Blick zu.

"Du meinst, er ist ein cardassianischer Dissident? Davon habe ich noch nie etwas gehört!"

"Kann sein, allerdings haben wir uns auch nicht gerade gezielt danach erkundigt. Ich könnte mir aber denken, daß es einige Cardassianer gibt, denen andere Dinge lieber wären, als sich von ihrem jetzigen Machthaber für das Dominion verheizen zu lassen. Soweit ich gehört habe, hatte Cardassia eine gemäßigte Regierung, als die Jem'Hadar durch das Wurmloch kamen, also kann doch nicht die ganze cardassianische Bevölkerung aus Aggressoren und Kriegstreibern bestehen, oder?"

Rowland schüttelte den Kopf.

"Ich weiß nicht, das ist eine Vorstellung, die mir nicht gefällt! Wir haben mehr als einmal im Kampf gegen Cardassianer gestanden, und du weißt, wie gut sich das angefühlt hat, wenn wir ihnen wieder einmal ein Ding verpassen konnten. Und jetzt auf einmal kommst du an und führst solche Reden! Kannst du mir vielleicht sagen, wie man in Zukunft ihre häßlichen Schlachtkreuzer ins Visier nehmen soll, wenn... wenn..."

"Wenn was?"

"...wenn man glaubt, daß da drin auch nur ganz normale Leute sind, die Angst haben und nach Hause wollen, verdammt!"

 

"Alle Achtung!" bemerkte Rilkar anerkennend, während sie weiter abwärts stiegen. "Wenn man von den Vieren ausgeht, mußt du dein Trüppchen ziemlich auf Vordermann gebracht haben. Das war ein Teil deiner Brückencrew, nicht wahr?"

Talan nickte. "Lieutenant Rowland und sein engerer Kreis! Ihre Fortschritte in der letzten Zeit sind recht vielversprechend, das muß ich zugeben. Außerdem habe ich den Eindruck, daß sie jetzt auch beginnen, im Habitat etwas heimischer zu werden."

"Möglich, daß ich es mir einbilde, aber die eine der beiden Frauen schien auffällig deinen Blick zu suchen. Kann es vielleicht sein, daß sie eine Schwäche für dich hat?"

"Welche meinst du?"

"Die Schwarzhaarige mit dem Ohrschmuck!"

Talan begann kaum merklich zu lächeln.

"Das ist Lieutenant Escobedo von der Navigation! Sie bemüht sich schon eine ganze Weile erstaunlich hartnäckig, meine Aufmerksamkeit zu erregen. Tatsächlich bin ich ziemlich neugierig, wann sie die Hoffnung aufgibt."

"Sie wäre aber nichts für dich, oder?"

Talan drehte ihm den Kopf zu und hob mißbilligend eine Braue.

"Was denn, eine Untergebene?"

"Schon gut, Kommandant, ich habe nichts gesagt! Wenn die übrigen Mitglieder des romulanischen Militärs eine ähnliche Einstellung vertreten, dann ist damit zu rechnen, daß gerade die Gene der fähigsten Offiziere verloren gehen. Ich weiß nicht, ob das unbedingt im Sinne des romulanischen Reiches ist, mein Lieber!"

Kurz darauf hatten sie die Halle erreicht, die bereits von einigen Romulanern belebt wurde. Die meisten übten sich in verschiedenen Nahkampfarten, doch gab es auch mehrere Stockfechter unter den Anwesenden. Talan wurde von seinen Untergebenen geschätzt, und so hatte sein Vorbild den Stockkampf recht populär unter den Angehörigen des Regiments werden lassen.

Nach alter Gewohnheit begannen die beiden Männer zunächst damit, sich aufzuwärmen, um etwas später ihr übliches Gefecht zu beginnen. Talan war gerade im Begriff, den Ingenieur in einer stürmischen Offensive rückwärts zu drängen, als ihn ein mehr unterbewußt aufgefangenes Bild zum Erstarren brachte. Langsam drehte er den Kopf zum Halleneingang zurück und erkannte Lieutenant T'Alai, die eben an der Seite von Subkommandantin Sirtis die Halle betreten hatte. Sowohl die Romulanerin als auch die Sternenflottenangehörige trugen Sportkleidung.

Talan wandte sich mit mühsam unterdrückter Wut seinem Trainingspartner zu. Dieser hob abwehrend die Hände.

"Sieh mich nicht so an! Ich weiß, was du jetzt denkst, aber diesmal habe ich mit der Sache nichts zu tun. Wahrscheinlich hat Sirtis sie zu einem Kräftemessen eingeladen. Sie leitet doch die zweite Schicht auf der Narhamak, nicht wahr?"

Talan atmete tief durch und versuchte seine Fassung wiederzugewinnen.

"Na schön!" brachte er schließlich heraus. "Sicher hast du recht! Genau genommen ist es absurd, hier Absicht unterstellen zu wollen, schließlich leben wir im selben Habitat, und durch die Schulung kommt es zwangsläufig zu Kontakten. Warum sollte sie nicht mit Sirtis trainieren?"

"Eben! Es wäre absolut lächerlich, sich daran zu stören! Machen wir weiter?"

Gleich darauf hatten sie ihr Gefecht wiederaufgenommen, doch der Romulaner konnte nicht umhin, gelegentlich Blicke zur anderen Seite der Halle zu werfen, um festzustellen, was die beiden Frauen dort trieben. Mittlerweile hatten auch diese ihren Nahkampf begonnen und umkreisten einander leicht geduckt, die jeweilige Gegnerin wachsam im Auge behaltend.

In Talan wallte eine Art von hoffnungsvoller Schadenfreude auf. Sirtis mochte klein sein und unscheinbar wirken, aber sie verstand sich auf den Nahkampf und konnte darin eine tückische Schnelligkeit entwickeln. Talan selbst war zwar in der Lage, mit ihr mitzuhalten, aber niemals eine übergescheite Vulkanierin vom Wissenschaftsdienst.

Er wich einem Hieb aus und sah sich erst einmal gezwungen, sich stärker auf sein Gefecht zu konzentrieren, da der Ingenieur sein Tempo steigerte. Dann riskierte er wieder einen Blick nach drüben. Es war ihm nicht mehr möglich, noch Einzelheiten zu beobachten, da Sirtis im selben Moment zu einem blitzartigen Angriff überging. Einen Wimpernschlag später lag die Vulkanierin bereits auf dem Rücken.

Talan sah sich in seinen Vermutungen bestätigt: Sirtis stellte einfach eine zu starke Gegnerin dar. Zweifellos würde es für die Vulkanierin besser sein, wenn sie sich diese Tatsache eingestand und sich verabschiedete. Natürlich mußte man ihr einräumen, daß es eines gewissen Mutes bedurft hatte, hierher zu kommen.

Fast automatisch wehrte er einen Angriff seines Trainingspartners ab, tauchte unter einem weiteren Hieb weg und ging seinerseits zum Gegenangriff über. Danach versuchte er wieder das Geschehen auf der Gegenseite zu beobachten.

T'Alai hatte keineswegs aufgegeben, wie er in einer Mischung aus Ärger und Anerkennung feststellen mußte. Stattdessen war sie vorsichtiger geworden und brachte es fertig, mehreren vielversprechenden Attacken ihrer Gegnerin zu entgehen. Staunend verfolgte Talan, wie es ihr kurze Zeit später um ein Haar gelang, einen bemerkenswert geschickten Griff bei Sirtis anzubringen. Es war die Schnelligkeit der Romulanerin, die sie im letzten Augenblick rettete.

Von einer steifen Förmlichkeit war der Vulkanierin inzwischen nichts mehr anzumerken. Zwar zeigten ihre Gesichtszüge noch immer die gewohnte ruhige Selbstbeherrschung, doch die Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen sprach eine andere Sprache. Der sonst so kerzengerade aufgerichtete Körper glitt nun geduckt wie ein Raubtier über die Kampffläche, wachsam und lauernd, bereit, augenblicklich auf eine Blöße der Romulanerin zu reagieren.

Talan wich einige Schritte zurück und wehrte die Hiebe des Ingenieurs ab. Die Verwandlung, die an T'Alai vorgegangen war, faszinierte ihn, daher richtete er nach kurzem wieder seine Aufmerksamkeit auf die beiden Frauen. Mittlerweile schien der Ausgang des Kampfes völlig offen, und der Romulaner ertappte sich bei der Hoffnung, der Vulkanierin möge eine weitere Niederlage erspart bleiben. Er beobachtete gebannt, wie sie sich mit einer fließenden Bewegung ihrer Gegnerin entwand und selbst unmittelbar darauf zupackte. Atemlos sah Talan seine Untergebene den Kontakt zum Boden verlieren, als ihn selbst plötzlich ein schmerzhafter Schlag an der Schulter traf.

Überrascht blickte er auf. Rilkar hatte den Stock gesenkt und schüttelte den Kopf.

"Meine Güte, Talan!" sagte er leise und mißbilligend. "Reiß dich doch zusammen!"

"Was?" stammelte der Romulaner verlegen. "Entschuldige, ich war einen Moment abgelenkt!"

Der Ingenieur nickte. "Das habe ich gemerkt." Er deutete mit dem Kopf zum Halleneingang.

"Sieh übrigens mal, wer da drüben kommt! Vielleicht bringt dich das auf andere Gedanken."

Talan wandte sich um und sah Tarkin sich mit raschen energischen Schritten nähern. Der Clanführer hielt nur einen Moment bei den Geräten, um sich mit einem Fechtstock zu versorgen, dann kam er heran.

"Schön, daß du noch vorbeikommst!" rief Rilkar ihm entgegen. "Euer Meinungsaustausch ist zu Ende, nehme ich an!"

Tarkin nickte grimmig und führte mit dem Fechtstock einen beunruhigend sausenden Hieb ins Leere aus.

"Seit eben! Und was ich nun brauche, ist Bewegung! Viel Bewegung!"

Talan erbleichte und warf einen panikerfüllten Blick hinüber zu der Vulkanierin, die dort in einiger Entfernung stand und sich mit Sirtis unterhielt.

"Tut mir leid, Tarkin!" erklärte er hastig dem Rhazaghaner. "Ich werde mich jetzt verabschieden. Wie ich gerade festgestellt habe, läßt meine Konzentration heute abend etwas zu wünschen übrig. Vielleicht wäre es gut, wenn ich mich etwas früher zurückziehe."

Im nächsten Augenblick befand er sich bereits auf dem Weg zum Ausgang. Tarkin sah ihm verblüfft nach, dann schaute er zur gegenüberliegenden Seite.

"Die Vulkanierin?" fragte er Rilkar in gedämpftem Tonfall.

Dieser stützte die Hände auf seinen Fechtstock und nickte.

"Die Vulkanierin!"

 

Talan hatte den Bereich mit den Schwallduschen erreicht und ließ sich erleichtert auf einer der Bänke nieder. Er pflegte grundsätzlich in jedem starken Gegner eine willkommene Herausforderung zu sehen, doch im Moment sah er sich außerstande, sich Tarkin zu stellen, während er gleichzeitig wußte, daß die interessierten Augen der Vulkanierin auf ihm ruhten. Der Hieb, den er von seinem Trainingspartner hatte einstecken müssen, war ihm Warnung genug gewesen.

Er atmete tief durch, dann streifte er das Oberteil seiner Bekleidung ab. Er war sicher, daß die Sternenflottenangehörige zu beschäftigt gewesen war, um zu merken, welch schwache Leistung er geboten hatte. Alles in allem konnte er mit dem Ausgang des Abends noch zufrieden sein.

Während er die Verschlüsse seiner Sportschuhe öffnete, spürte er eine leichte Erschütterung, die durch die Bank ging. Als er zur Seite blickte, stockte ihm einen Moment der Atem. Am anderen Ende hatte T'Alai Platz genommen und begann nun ihrerseits, sich die Schuhe von den Füßen zu ziehen.

"Was machen Sie denn hier?" fragte er entgeistert.

Die Vulkanierin hob den Kopf und sah ihn an. In ihrem Gesichtsausdruck spiegelte sich gelindes Erstaunen.

"Ich lege meine Kleidung ab!" erklärte sie dann. "Vor einer Dusche erscheint mir eine solche Maßnahme angemessen. Diese Räumlichkeiten dienen doch dem Zweck der Körperreinigung, nicht wahr?"

"Schon!" räumte Talan ein. "Aber halten Sie es wirklich für angebracht, den Wasserraum zur selben Zeit aufzusuchen wie ich?"

"Sie brauchen sich meinethalben keine Gedanken zu machen!" erwiderte T'Alai ruhig. "Lassen Sie sich versichern, daß ich es als außerordentlich unlogisch ansehe, wegen eines rein äußerlichen Umstandes wie dem Fehlen von Bekleidung Unbehagen zu empfinden. Das Tragen von Textilien mag es ermöglichen, den Körper vor Auskühlung und verschiedenen anderen negativen Einflüssen zu schützen, dennoch bin ich weit davon entfernt, ihre Bedeutung überzubewerten. Zahlreiche Beispiele belegen die Existenz hochentwickelter Völker, in deren Kultur der Gebrauch von Kleidungsstücken vollkommen unbekannt ist. Auch bei unseren Gastgebern erfüllt das Hüllbild in erster Linie eine Schutzfunktion, ansonsten dient es der Unterstreichung der Individualität. Sie sehen also, daß es kein Problem für mich darstellen wird, den Wasserraum gleichzeitig mit Ihnen zu nutzen, es sei denn," sie richtete einen aufmerksamen Blick auf den Romulaner, "eine solche Situation verursacht Ihnen Ihrerseits Unbehagen."

"Nein, natürlich nicht!" versicherte Talan hastig. Er legte die Beinkleider ab und vermied es angestrengt, zu der Vulkanierin hinüberzusehen. "Wenn Sie sich vielleicht erinnern, bin ich romulanischer Soldat und stehe zudem einem gemischten Regiment vor!" fügte er trotzig hinzu.

"Gewiß, ich habe mich schon vor längerer Zeit über dieses Thema informiert!" nickte T'Alai, während Talan zu den Duschen hinüberflüchtete und gleichzeitig versuchte, eine gewisse Würde zu wahren. "Beim romulanischen Militär wird der Einzelne dazu angehalten, mit allen Sinnen und ganzer Kraft dem Reich zu dienen. Dabei wird von ihm erwartet, seine Pflicht neutral und korrekt zu versehen, ohne dem Geschlecht seiner Kameraden Beachtung zu schenken. Demzufolge wird ein romulanischer Kommandant in einer weiblichen Untergebenen grundsätzlich nichts weiter als einen Soldaten sehen, ohne sich auch nur im mindesten der Tatsache bewußt zu sein, daß ihm eine Frau gegenübersteht."

"So?" staunte der Romulaner, setzte seine Duscheinrichtung in Betrieb und nahm gleichzeitig interessiert zur Kenntnis, daß T'Alai die gegenüberliegende Seite ansteuerte.

"Für einen romulanischen Offizier sind einzig und allein Eigenschaften wie Kampfbereitschaft, Gehorsam und Loyalität gegenüber dem Oberkommando maßgeblich." dozierte die Vulkanierin weiter. "Aspekte wie Mitgefühl, Freundschaft und Sympathie treten dabei vollständig in den Hintergrund. Jegliche persönliche Vorliebe hat im Dienste des romulanischen Reiches zu schweigen und wird bereits im Ansatz unterdrückt, eine Grundhaltung, welche die Entwicklung von Leistungsfähigkeit, Effizienz und Härte begünstigt."

"Ach?" bemerkte Talan. Während er den Schwall warmen Wassers über seinen Körper strömen fühlte, sah er gespannt hinauf zu dem Wandschlitz, der sich ein gutes Stück über T'Alai's Kopf befand. Seiner Erfahrung nach hatte sich die Vulkanierin etwa einen halben Schritt zu weit der Wand angenähert.

"Aus diesem Grunde ist gerade Funktionalität eine Eigenschaft, die einen romulanischen Kommandanten definiert." schloß diese eben ihren Vortrag. Dann nahm sie ihre Duscheinrichtung in Betrieb. Der Romulaner hielt den Atem an.

Bereits im nächsten Augenblick erklang ein schriller Schrei, und die Vulkanierin flüchtete mit einem weiten Satz aus dem Schwall, der sich über sie ergossen hatte. Vor Entsetzen zitternd sah sie zu dem Romulaner auf, während ihr ganze Wasserströme aus dem Haar ins Gesicht liefen.

"Warum haben Sie mir nicht gesagt, daß es sich um eine Kaltwasserdusche handelt?" stieß sie hervor.

Talan lächelte auf die klatschnasse Frau hinunter.

"Es tut mir leid!" antwortete er liebenswürdig. "Wie Sie eben ganz richtig erkannt haben, gebe ich nichts weiter als einen gut funktionierenden romulanischen Offizier ab. Aus diesem Grund würde ich mir niemals anmaßen, eine derart kenntnisreiche und hervorragend informierte Person belehren zu wollen."

Die Vulkanierin strich sich das Haar aus der Stirn und schwieg verblüfft. Gleich darauf konnte Talan verfolgen, wie sie sich eilig in eines der bereitliegenden Tücher hüllte und wenig später den Wasserbereich auf dem schnellsten Wege verließ.

Talan schmunzelte vor sich hin. Als er die Dusche verlassen und seine Kleidung wieder angelegt hatte, stieg er in heiterer Stimmung zu seinem Quartier hinauf. Seiner Ansicht nach war es heute nicht T'Alai, die eine interessante Beobachtung gemacht hatte.

 

Als Nirrit in ihr Quartier zurückkehrte, verspürte sie den dringenden Wunsch, tief und ausgiebig zu schlafen - ihrer Ansicht nach das beste Mittel gegen Verärgerung und schlechte Laune. In letzter Zeit sah sie sich allerdings gezwungen, es im Übermaß anzuwenden, da kaum ein paar Tage vergehen konnten, ohne daß Tybrang auf einen neuen Meinungsaustausch bestand. Dies war zwar sein gutes Recht, doch die Auftritte die dann folgten, konnten Nirrits Meinung nach bestenfalls als Zeitverschwendung betrachtet werden.

Niemals hätte sie es für möglich gehalten, einer Begegnung mit ihrem Lehrer voller Widerwillen entgegenzusehen. Tybrang war stets eine fast strenge Vernunft und ein ausgeprägtes Pflichtgefühl zu eigen gewesen, und ihn nun auf eine solche Weise zu erleben, erfüllte sie mit Bestürzung. Gewiß, wenn er seine Anschuldigungen gegen Tarkin vorbrachte, erhob er kaum jemals die Stimme über ein gewisses Maß, doch die feindselige Gehässigkeit, die darin zum Ausdruck kam, war schlimmer als wenn er geschrien hätte.

Mittlerweile rechtfertigte sich Tarkin kaum noch; stattdessen begegnete er Tybrangs Vorwürfen mit düsterem Gesicht und einer fast unnatürlichen Ruhe. Es war deutlich erkennbar, daß er der Meinung seines ehemaligen Freundes keinen Wert mehr beimaß, ein Umstand, der diesen nur noch anzuspornen schien. Natürlich ließen es weder Nirrit noch die beiden anderen an Beschwichtigungsversuchen fehlen, doch Tybrangs einzige Reaktion darauf bestand in Unverständnis, Ärger und, wie Nirrit es inzwischen erschien, einer heimlichen Verachtung. Voll hilfloser Sorge fragte sie sich, auf welche Weise diese bedenkliche Entwicklung zu stoppen war.

Nirrit wußte, daß sich ihr Gefährte zusammen mit Talan in der Sporthalle aufhielt, doch heute hatte sie nicht die Absicht, sie dort aufzusuchen oder ihre Rückkehr abzuwarten. Ihre angespannten Nerven verlangten nach Ruhe, und so verzog sie zunächst das Gesicht, als sich jemand durch ein Kratzen an ihrer Tür bemerkbar machte.

"Nirrit!" hörte sie gleich darauf eine weibliche Stimme. "Kann ich dich einen Augenblick sprechen?"

Als sie öffnete, fand sie ihre Freundin Lareni in ihrer Krallenluum vor der Tür stehen; ihr Fell hatte sich gesträubt, und die aufgerissenen Augen vermittelten den Eindruck von Beunruhigung und Ratlosigkeit. Nirrit sah verwundert auf sie hinunter, doch dann trat sie zur Seite, um ihre Besucherin einzulassen.

"Ein Glück!" brachte Lareni heraus, nachdem sie sich auf dem Boden niedergelassen hatte. "Ich hatte schon befürchtet, daß du schläfst."

"Keine Sorge, ich hatte mich noch nicht hingelegt." beruhigte sie Nirrit. "Erzähl mir, was passiert ist!"

"Ich wollte in mein Quartier," begann Lareni ohne Umschweife, "und auf meinem Weg hinauf hörte ich aufgeregte Stimmen, die mir auf der Habitatstreppe entgegenkamen. Als ich die zweiundzwanzigste Ebene erreichte, erkannte ich Tybrang, der dort auf dem Absatz stand und eine ziemlich lebhafte Diskussion mit Hanak führte. Mehrere andere hatten sie umringt und warfen hin und wieder Bemerkungen ein. Tybrang sagte lauter gräßliche Dinge, er schimpfte ununterbrochen auf Tarkin, meinte, er gäbe einen schlechten Clanführer ab, und seine Berufung sei ein Irrtum gewesen. Hanak war wütend und ging dagegen an; er vertrat die Ansicht, daß Tarkin eine außergewöhnliche Persönlichkeit und demzufolge ein außergewöhnlicher Clanführer wäre; es wäre unrealistisch und zudem gefühllos, den individuellen Eigenschaften eines Clanführers nicht Rechnung tragen zu wollen. So stritten sie eine beträchtliche Zeit, bis sich Tybrang nach einer Weile mit einer ungeduldigen Geste abwandte, um seine Unterkunft aufzusuchen. Als ich dann weiterging, hörte ich hinter mir Jaitril, die sich mit Olanikim unterhielt. Jaitril zeigte sich beunruhigt über den Vorfall. Sie glaubte, es wäre ein schlechtes Zeichen, wenn ein so enger Freund und Berater des Clanführers eine solche Meinung vertreten würde. Olanikim stimmte ihr zu und erklärte, daß sie und ihr Gefährte eigentlich geplant hätten, den Hochsommer zu nutzen, es jedoch vielleicht vernünftiger sein würde, mit der Zeugung des Nachwuchses noch ein weiteres Jahr zu warten. Dann äußerte sie die Absicht, das Thema mit ihren Freundinnen zu besprechen."

Lareni sah Nirrit verzweifelt an.

"Ich dachte, du solltest von dieser Sache wissen. Es ist zu befürchten, daß es eine Menge Gerede über diese Angelegenheit geben wird. Was sollen wir bloß tun, Nirrit?"

Die Angesprochene erhob sich abrupt aus ihrem Sessel.

"Wir müssen sofort etwas unternehmen, bevor die Sache im Habitat herum ist. Kannst du dich noch erinnern, wer alles bei dem Vorfall anwesend war?"

"Ich glaube schon!"

Nirrit nickte. "Dann geh bitte zu ihnen, Lareni, zu jedem einzelnen, und rede mit ihnen! Sag ihnen, du hättest mit mir gesprochen, und ich wüßte mit Sicherheit, daß Tybrang sich irrt. Wenn du glaubst, daß danach noch Zweifel zurückgeblieben sind, dann sag mir Bescheid! In dem Fall werde ich noch einmal selbst mit den Betreffenden reden."

Nirrit öffnete die Tür und Lareni sah zu ihr auf.

"Und du, Nirrit, was hast du jetzt vor?"

Tarkins Beraterin holte tief Luft.

"Ich werde jetzt ebenfalls gehen und einen Besuch machen."

Nirrit hatte nur fünf Treppen bis zu ihrem Ziel zu überwinden, und so stand sie kurz darauf vor der Tür ihres Lehrers. Sie zögerte kurz, aber dann gab sie sich einen Ruck und klopfte an.

Sie mußte nicht lange warten. Als Tybrang öffnete, spiegelte sich zunächst Überraschung in seinem Gesicht, doch gleich darauf begannen seine Züge, sich zu verfinstern.

"Laß mich raten! Du bist seinetwegen gekommen, richtig?"

Nirrit erwiderte einen Moment stumm seinen Blick.

"Darf ich hereinkommen?" fragte sie dann.

"Bitte!" Er wandte sich von der Tür ab und ging zurück in den Raum. "Ich weiß schon, was jetzt kommt! Du willst mir sagen, daß ich im Unrecht bin, daß Tarkin seine Sache ganz großartig macht. Dann wirst du mir ins Gewissen reden, mehr Verständnis für unseren exzentrischen Clanführer von mir fordern und schließlich verlangen, mich mit seinen ausgefallenen Entscheidungen zu arrangieren." Er schnaubte verächtlich und drehte sich wieder zu ihr um. "Das ist es doch, oder?"

Nirrit warf einen Blick auf die riesige, noch unvollendete Darstellung, welche fast eine ganze Wand schmückte. Es war ein äußerst detaillierter Längsschnitt durch das Habitat einschließlich des Kraftwerkes und der Umgebung, an dem Tybrang schon seit Jahren arbeitete. Nirrit schätzte, daß seit dem Winter keine Einzelheiten mehr hinzugekommen waren.

"Ich verstehe nicht, was dich stört!" sagte sie leise. "Du behauptest zwar, daß Tarkin nur an sich denkt, aber das stimmt einfach nicht! Er hat längst angefangen, für uns zu sorgen. Seine Lösungen mögen manchmal ein wenig ungewöhnlich sein, aber meiner Ansicht nach tut er immer das Richtige. Das Habitat funktioniert, Tybrang!"

Er nickte spöttisch. "Gewiß, es wundert mich nicht, das von dir zu hören. Es ist ohnehin völlig gleich, mit wem von euch dreien ich spreche, schließlich hat sich Tarkin seine Berater gut ausgewählt. Wer ist es denn überhaupt, der ihm mit Rat und Kritik zu Seite stehen soll?"

Er warf Nirrit einen mißmutigen Blick zu. "Seine halberwachsene Lieblingsschülerin! Seine in ihn vernarrte und ihm völlig ergebene Gefährtin! Und Tabantani, von der man ohnehin fast nie ein Wort hört!"

"Und du, Tybrang!"

"Ja! Und ich! Es ist gut, daß du das erwähnst! Mittlerweile habe ich allerdings den Eindruck, daß Tarkin mich lediglich in seinem Beraterstab duldet, um Vorwürfen entgegenzuwirken, er würde sich ausschließlich mit Opportunisten umgeben. Die Wahrheit ist allerdings, daß ich doch schon lange keinen Einfluß mehr auf jene Entscheidungen habe, von denen das Wohl des Clans abhängt."

Nirrit hob beschwichtigend die Hände. Das letzte, was sie erreichen wollte war, daß sich ihr Lehrer erneut in Rage redete.

"Deine Meinung hat Tarkin immer viel bedeutet, aber seine Geduld ist mittlerweile an ihrem Ende angelangt, verstehst du das nicht? Seit einiger Zeit tust du nichts anderes, als ihn anzugreifen, seine Ideen in Frage zu stellen und seine Entscheidungen anzufechten. Warum, Tybrang? Er war immerhin derjenige, der die Durchführung großangelegter Kampfmanöver anregte, und er brachte es fertig, die Clanführer von ihrer Notwendigkeit zu überzeugen. Die Kampfübung im Frühjahr wurde als großer Erfolg angesehen, und es ist bereits im Gespräch, eine weitere noch vor dem Herbst stattfinden zu lassen."

"Du vergißt, daß Tarkin die Planung und Durchführung dem Romulaner überlassen hat, anstatt sich selbst darum zu kümmern, wie es eigentlich angebracht gewesen wäre." wurde sie von Tybrang unterbrochen. "Er hat es schon immer verstanden, die wirkliche Arbeit auf andere abzuschieben."

"Tarkin weiß Fähigkeiten bei anderen zu erkennen, und er setzt sie vernunftgemäß ein." erwiderte sie geduldig. "Er ist sich sehr wohl dessen bewußt, daß er zwar strategisches Talent besitzt, aber über keine militärische Erfahrung verfügt, wie es für diese Aufgabe notwendig gewesen wäre. Meiner Ansicht nach zeugt es nicht von Trägheit, sondern von Einsicht, sich an die richtigen Leute zu wenden. Was ist mit der Torwächterin? Es war Tarkins Vorschlag, einen von den Vari-Schiffen geprägten Schiffscomputer als Zentralsystem einzusetzen. Hätte er deshalb bei der Installation selbst mit Hand anlegen sollen, anstatt die Durchführung qualifizierten Fachleuten zu überlassen? Er hatte eine Idee für ein fast unangreifbares System, und sie leuchtete den Clanführern ein. Seit dem Winter versieht nun die Torwächterin ihren Dienst pflichtbewußt und fehlerfrei, und nach dem, was man hört, ist Mongaris mit dieser Problemlösung sehr zufrieden. Laut Trijat hält sie Tarkin sogar für einen der hellsten und fähigsten Köpfe in der Clanführerversammlung."

Tybrang hatte sich in einen Sessel fallen lassen und vor sich hingesehen. Nun ruckte sein Kopf zu ihr hinüber.

"Natürlich, Mongaris!" fauchte er. "Das überrascht mich nicht im geringsten! Seit dem Tag, an dem wir Tarkin als halbverhungertes Bündel von dem cardassianischen Schiff zurückholten, scheint er zu ihrem erklärten Liebling avanciert zu sein. Egal mit welchen Einfällen er auf den Versammlungen daherkommt, er kann sich ihrer uneingeschränkten Unterstützung sicher sein, was natürlich Eindruck bei den übrigen Clanführern macht. Wem Mongaris ihr Wohlwollen schenkt, an dem muß zwangsläufig etwas dran sein. Glaub mir, was Tarkins Abstimmungserfolge angeht, gebe ich mich keinen Illusionen hin."

Nirrit öffnete und schloß mehrere Male den Mund, ohne etwas sagen zu können. Schließlich schüttelte sie fassungslos den Kopf.

"Tybrang, in was für eine Vorstellung hast du dich bloß verstiegen?" brachte sie heraus. "Anstatt dich über die Anerkennung, die unser Clanführer für seine Arbeit erhält, zu freuen, beginnst du damit, ihn zu verunglimpfen und seine Leistungen herabzuwürdigen. Nicht genug damit, du unterstellst auch noch der Vorsitzenden der Clanführerversammlung Subjektivität und Günstlingswirtschaft. Was ist nur los mit dir?"

Ihr Lehrer erhob sich.

"Was mit mir los ist?" zischte er. "Das will ich dir sagen! Ich habe es satt, daß hier jemand die Führung innehat, dessen Pflichterfüllung lediglich darin besteht, irgendwelchen neuen außergewöhnlichen Einfällen nachzujagen. Was glaubt Tarkin eigentlich, wer er ist? Jarsali vielleicht? Das Amt eines Clanführers ist kein Spiel, sondern harte Arbeit. Tarkins Aufgabe sollte es sein, für Ruhe und Stabilität zu sorgen, aber anstatt sich das zu vergegenwärtigen, hat er uns enttäuscht. Wenn du meine Meinung hören willst: Es steckt einfach kein richtiger Clanführer in ihm und er wird auch niemals einer sein."

Er hielt einen Moment inne, dann wandte er sich ab und trat ans Fenster. Nirrit starrte ungläubig auf seinen Rücken. Eine Weile verharrte sie in ratlosem Schweigen, aber dann stieg ein Gedanke in ihr auf, so abwegig, so fremd und ungeheuerlich, daß sie nach Luft schnappte.

"Du bist nicht länger froh, daß die Wahl nicht auf dich fiel!" ächzte sie entsetzt. "Im Gegenteil, du bedauerst es inzwischen! Und nun bist du der Überzeugung, du würdest einen besseren Clanführer abgeben. Einen besseren Clanführer als Tarkin!"

Tybrang fuhr herum. Mit einem Blick, in dem sich Panik spiegelte, starrte er sie an.

"Ich, ein Clanführer? Ohne den Ruf des Clans erhalten zu haben? Glaubst du, ich wäre geisteskrank? Nirrit, glaubst du das wirklich?"

Angstvoll und fast verzweifelt sah er sie an.

Seine Schülerin brachte kein Wort heraus. Dann begann sie mit dem Kopf zu schütteln.

"Ich weiß es nicht!" antwortete sie schließlich erstickt. "Ich weiß es wirklich nicht!"

Sie drehte sich um und verließ hastig Tybrangs Quartier. Auf der Habitatstreppe rannte sie fast, so daß sie kurz darauf ihre eigene Tür hinter sich schließen konnte. Erschüttert ließ sie sich auf den Rand ihres Lagers sinken, dabei stieg in ihr die Ahnung auf, daß sie den Inhalt dieses Gespräches niemals würde mit jemandem teilen dürfen.

 
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