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Vari und Numa Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5 Teil 6 Teil 7 Teil 8 Teil 9 Teil 10 Teil 11 Teil 12 Teil 13 Teil 14
Die Tage rückten immer weiter gegen Hochsommer. Mittlerweile stieß man überall an den Seen und am Flußufer auf verrottende Berge von Pflanzenmaterial, aus denen die hügelförmigen Brutmeiler der Sabreshs bestanden hatten. Im fortgeschrittenen Frühjahr waren sie von ihren Erbauern sorgfältig angelegt und mit Eiern bestückt worden, doch jetzt lagen die gärenden Haufen auseinandergezerrt und verwaist. Die umliegende Vegetation wirkte kahl und erholungsbedürftig, und so hatten sich die Herden wieder gesammelt und waren mit ihrem geschlüpften Nachwuchs auf die Ebene hinausgezogen, wo üppiges Grün reichhaltige Weide versprach. Durch das ganze Habitat ging eine gewisse Unruhe. Trotz Nirrits Bemühungen waren Gerüchte über Tybrangs und Hanaks Auseinandersetzung durchgesickert und hatten für weitere Streitigkeiten unter den Vari gesorgt. Zahlreiche Habitatsbewohner, die sich noch vor kurzer Zeit ihrer Sache sicher gewesen waren, sahen der Zeugungszeit nun mit Unentschlossenheit entgegen. Zwar war der größte Teil von ihnen nach wie vor der Ansicht, der Clan würde gut geführt, jedoch hielten es viele für besser, die Fortpflanzung noch bis zu einem Zeitpunkt hinauszuschieben, an dem die Differenzen beigelegt waren. Tarkin wußte um die Stimmung, die in seinem Habitat herrschte, und während er spürte, wie der Blick seines Clans sich wachsam und prüfend auf ihn legte, stieg eine sorgenvolle Ratlosigkeit in ihm auf. Der Hochsommer war bereits in drohende Nähe gerückt, doch er sah keine Möglichkeit, der Verunsicherung, die sich unter den Vari ausgebreitet hatte, entgegenzutreten.
Die Rhazaghani, die eine Gruppe Kinder auf einer Aussichtsterrasse der achtundzwanzigsten Ebene unterrichtete, sah den Ankömmling schon von weitem. Er befand sich in der Schwingenluum und näherte sich dem Habitat mit hoher Geschwindigkeit, wie sie an der schnellen Schlagfrequenz feststellen konnte. Kurzentschlossen wandte sie sich um und schickte die Kinder nach drinnen, dann trat sie mit zusammengekniffenen Augen an die Brüstung. Nur wenig später landete Noshpar neben ihr, der sich tags zuvor zur Partnersuche vom Habitat aufgemacht hatte. Nachdem er in die Grundform zurückgewechselt war, ließ er sich keuchend auf dem Steinboden nieder, ohne der Frau irgendwelche Beachtung zu schenken. Sofort beugte sie sich über ihn. "Wurde jemand verletzt?" fragte sie beunruhigt. Der Rhazaghaner schüttelte nur den Kopf. Er war derart ausgepumpt, daß er kein Wort herausbrachte. Erst einen Moment später hatte sich sein Atem soweit beruhigt, daß er sprechen konnte. "Schnell, hol den Clanführer!" "Den Clanführer? Warum? Sag doch, was passiert ist!" Noshpar wandte ihr das Gesicht zu und sah sie aus schreckengeweiteten Augen an. "Ein Atalan! Ich habe einen Atalan gesehen!" "Was?" rief sie fassungslos. "Aber das ist nicht möglich! Es hat hier nie Atalane gegeben. Niemand von uns hat jemals einen gesehen. Es wird sicher nur ein großer Tirst gewesen sein." "Und ich sage dir, es ist ein Atalan gewesen!" rief Noshpar verzweifelt. "Wenn du dabei gewesen wärest, dann hättest du es auch gewußt. Bei einem so riesigen Tier gibt es nicht den allergeringsten Zweifel. Hol den Clanführer, sagte ich!" Wenig später betraten Tarkin und Aslari die Aussichtsplattform. Mittlerweile hatte sich Noshpar ein wenig erholt und er erhob sich. "Es gibt schlechte Nachrichten, Clanführer Tarkin!" begann er. Der Angesprochene nickte mit gerunzelter Stirn. "Ich habe es eben gehört! Du bist dir ganz sicher?" "Vollkommen, Clanführer! Das Tier ist gewaltig, vielleicht ein Weibchen! Die Haut graugrün, mit einer bräunlichen Zeichnung! Die Muskulatur der Hinterbeine ist enorm ausgeprägt, und solche Kiefer habe ich noch niemals gesehen. Ich wußte sofort, daß es sich nur um einen Atalan handeln kann. Er war gerade dabei, die Reste eines Zerliks hinunterzuschlingen, und so hatte ich das Glück, daß ich ihn eher bemerkte als er mich. Man sollte es nicht glauben, aber zwischen den Bäumen war er kaum zu erkennen." "Wo befand er sich zu dem Zeitpunkt?" "Etwas östlich von der Stelle, wo sich der Fluß ins Kaja-Auge stürzt. Ich hatte eigentlich dem Laro-Habitat einen Besuch abstatten wollen." fügte er erklärend hinzu. Tarkin zog die Aussagen des Mannes nicht einen Augenblick in Zweifel, sondern wandte sich eilig an seine Gefährtin. "Es sind drei Jagdtrupps draußen. Es müssen sofort mehrere Schwingen aufbrechen, um sie zurückzuholen. Besondere Priorität haben dabei Kerrap und seine Leute, sie wollten Richtung Nordwesten. Beeilt euch!" Aslari nickte, dann verließ sie wortlos die Terrasse, um die Befehle des Clanführers weiterzugeben. Tarkin drehte sich wieder zu Noshpar um. "Ruh dich zunächst etwas aus! Wenn du dich erholt hast, werde ich dich zu der Stelle begleiten. Ich möchte mir selbst einen Eindruck von dem Tier verschaffen." Einige Zeit später starteten beide Rhazaghaner in der Schwingenluum, in der Hoffnung, daß sich der beobachtete Eindringling nicht tiefer in den Schatten der Wälder zurückgezogen hatte. In dem Fall wäre eine Entdeckung aus der Luft schwierig, wenn nicht gar unmöglich gewesen, und man hätte sich mit Hilfe der Zahnluum auf die Suche begeben müssen. Eine Annäherung in der Schwinge war zwar auffällig, aber noch ging es darum, das Tier sicher zu klassifizieren und vielleicht schon eine Wanderungstendenz auszumachen. Als sie sich am frühen Nachmittag dem betroffenen Gebiet näherten, erkannte Tarkin schon von weitem, daß keine umständliche Suche erforderlich sein würde. Der Atalan - denn daß es sich um einen handelte, stand sofort außer Frage - hatte den Schutz der Nadelbäume verlassen und stand an einer kleinen Bodensenke, in der sich durch den Regen der letzten Tage ein Tümpel gebildet hatte. Während der lange muskulöse Schwanz das Gleichgewicht stabilisierte, beugte sich das Tier weit nach vorn, um Wasser mit seinem Unterkiefer zu schöpfen, dann lehnte es sich zurück und ließ das Naß nach Tirst- oder Vogelart die Kehle hinunterrinnen. Tarkin stockte der Atem, als er näher heransegelte und fassungslos die mächtige Kreatur betrachtete. Was da an dem kleinen Teich stand, war das perfekte Raubtier, eine Jagdmaschine aus Muskeln und Knochen. Im Vergleich mit diesem herrlichen Geschöpf war er ein Nichts, ein Anfänger, ein armseliger Allesfresser, der es gerade eben verstand, sich etwas Fleisch zu verschaffen. Er wußte, daß er hier das wahre Ende der rhazaghanischen Nahrungskette vor sich sah. Der Atalan hatte ihre Annäherung schon bemerkt. Er hob schnaubend den Kopf und beobachtete die beiden Schatten über ihm, dann produzierte er ein drohendes Geräusch, indem er mahlend die Kiefer öffnete und schloß. Es war leicht vorstellbar, was mit dem Rhazaghaner geschah, der zwischen diese Zähne geriet. Selbst die schnellste Hilfe würde vergebens sein, ganz abgesehen von der Frage, wie man eine Rettung versuchen sollte, ohne mit zahlreichen Toten rechnen zu müssen. Langsam wandte sich der Atalan um und schritt zu einer Gruppe höherer Bäume hinüber, um bei dem höchsten Exemplar zu verharren. Mit einem schnaufenden Schnuppern fuhren seine Nüstern prüfend an der Rinde auf und ab. Dann begann er ausgiebig, seine Schläfen an dem Stamm zu reiben. Dem hoch über ihm kreisenden Tarkin überlief es kalt, denn er wußte, was er gerade beobachtet hatte. So und nicht anders pflegten paarungswillige Tirstweibchen ihr Revier zu markieren, um alleinstehende Männchen anzulocken und Rivalinnen abzuschrecken. Auch diese Atalanin erhob Anspruch auf ihr neues Jagdrevier, indem sie ihre Kopfdrüsen an Bäumen rieb, um jene mit ihrer Duftmarke zu versehen. Der Eindringling hatte deutlich gemacht, daß er zu bleiben beabsichtigte.
"Noshpar hat recht!" sagte Tarkin als erstes, als Aslari und Tabantani ihn abends auf seiner Aussichtsterrasse empfingen. "Es ist ein Atalan!" Tabantani schüttelte ungläubig den Kopf. "Wo kann dieses Tier nur hergekommen sein? Die Ostpopulation existiert schon seit etlichen Jahrhunderten nicht mehr. Die Vari haben es noch nie mit einem Atalan zu tun bekommen." Tarkin sah nachdenklich vor sich hin. "Ich weiß, und ich glaube auch nicht, daß es von dort gekommen ist. Meiner Ansicht nach stammt es aus dem Süden." Aslari und Tabantani wechselten einen betroffenen Blick. "Von jenseits der Südbarriere?" fragte Aslari entgeistert. "Aber es ist noch niemals vorgekommen, daß von dort ein Atalan zu uns eingewandert ist. Wie kommst du auf den Gedanken?" "Denk nach, Aslari! Wir waren es von Anfang an so gewohnt, daß ausschließlich die Sabreshs durch den Numa-Paß kamen, um sich in der relativen Sicherheit des Nordens fortzupflanzen. Dennoch muß es Zeiten gegeben haben, in denen auch Atalane in dieses Gebiet zogen. Sie jagten hier den Sommer über, und bei Herbstbeginn zogen sie sich mit den Sabreshs wieder nach Süden zurück. Als sich aber die Numa am Paß niederließen, begannen sie den Raubtieren die Passage zu verweigern, indem sie sie mit Hilfe von Steinlawinen erschlugen. Jeder Atalan, der durch den Paß kam, bezahlte seinen Versuch mit dem Leben, und so haben die Numa dieses Verhalten aus dem Gedächtnis jener Art gelöscht. Aber jetzt sind die Numa nicht mehr, es ist schon lange niemand mehr da, der den Paß bewachen und Eindringlinge abwehren könnte. Wahrscheinlich waren die vergangenen Jahre gut auf dem Subkontinent, Revierplätze sind rar, und so tat dieser Atalan etwas, was lange Zeit nicht mehr vorgekommen war: Er nahm den Weg durch das Gebirge, den einzigen, der existiert, den Weg durch den Numa-Paß." Sie schwiegen. Dann begann Tabantani zu nicken. "Du hast recht! So muß es gewesen sein! Sicher würde sich auch dieses Exemplar im Herbst wieder hinter die Südbarriere zurückziehen, aber wir müssen damit rechnen, daß es von da an wiederkommen wird." "Nicht nur das!" ergänzte Tarkin. "Es steht zu befürchten, daß es mit einem Partner zurückkehrt, sich fortpflanzt, weitere Artgenossen mit sich zieht. Ganz abgesehen von der Frage, wie wir auch nur einen Sommer lang mit einem Atalan im Clangebiet zurechtkommen sollen. Es bleibt uns keine andere Wahl, wir müssen etwas unternehmen." Gemeinsam verließen sie Tarkins Quartier. Auf der Habitatstreppe blieb er stehen und wandte sich zu seinen Begleiterinnen um. "Aslari, sag bitte Nirrit Bescheid! Dies ist nicht gerade ihr Wissensgebiet, trotzdem möchte ich auf ihren Rat nicht verzichten. Tabantani, es wäre vielleicht gut, wenn du deinen Reifungspartner mitbringst! Malukan ist weit herumgekommen, und es ist möglich, daß er etwas erfahren hat, was uns nützen könnte." "Soll ich..." begann Aslari. Das Gesicht des Clanführers verhärtete sich. "Nein, ihn nicht!" erwiderte er entschieden. Dann begann er mit langen Schritten die Treppe hinaufzueilen. "Wo gehst du hin?" rief Aslari ihm nach. "Ins Jagdarchiv!" erklang die Stimme ihres Gefährten von weiter oben. "Wir sehen uns dort!"
Wie jede rhazaghanische Wohnstätte verfügte auch das Vari-Habitat über ein Jagdarchiv, das aus einer umfangreichen Sammlung teils handschriftlicher Aufzeichnungen bestand. Einige davon waren so alt, daß sie aus einem brüchigen, faserigen Pflanzenmaterial bestanden, viele andere waren auf Pergament niedergelegt worden. Solche Unikate wurden inzwischen in klimatisierten und abgedunkelten Spezialbehältern gelagert, um ihren weiteren Zerfall zu verhindern, außerdem waren im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Kopien von ihnen angefertigt worden. Den größten Teil der Sammlung machten jedoch in Leder gebundene Bücher aus, obwohl man auch mittlerweile begonnen hatte, den Informationsschatz in den Datenspeicher des Habitatscomputers zu übertragen. Alle Aufzeichnungen hatten eines gemein: Sie befaßten sich mit der Schilderung von Jagden, die aus unterschiedlichen Gründen als bedeutend angesehen wurden, dabei fanden sich dort keineswegs nur Taten der Vari beschrieben. Zahlreiche Berichte entstammten den Jagdarchiven anderer Habitate und waren irgendwann von reisenden Clanmitgliedern dort kopiert und zum heimatlichen Clan mitgebracht worden. Auf diese Weise herrschte seit Jahrtausenden ein ständiger Informationsfluß, der für die Verbreitung der gesammelten Jagderfahrungen sorgte. Tarkin war ein häufiger Gast im Jagdarchiv, und viele der hier lagernden Berichte hatte er etliche Male gelesen, teils wegen des Informationswertes, den diese Schilderungen in sich bargen, teils wegen der Spannung, die sie vermittelten, wenn der Autor sein Fach verstanden hatte. Es gab Jagderzählungen, die er schon seit frühester Jugend schätzte und andere, die ihm auf seinen späteren Reisen aufgefallen waren. Er hatte sie kopiert und mitgebracht, Beschreibungen aus den Jagdarchiven der Laro, Dana und Sirk, aber auch der Lesh, der Tar und der Halab, deren Habitate er besucht hatte. Als die anderen eintrafen, hatte Tarkin schon diverse Bände unterschiedlicher Dicke aus den Regalen gezogen und auf dem nächsten Tisch ausgebreitet. Während er in einem davon blätterte, schob er seinen Beratern einen ganzen Stapel hinüber. "Hier dürften wir am ehesten fündig werden!" erklärte er, ohne aufzublicken. "Alles Berichte aus dem Osten! Raubtiere des Antaji-Hochlandes. Schilderungen aus der Gründungszeit der Lesh. Großjagden der Ribarn. Erinnerungen der Clanführer Wradesh, Zelardid und Teldring. Bei Zelardid und Teldring dürften wir vermutlich noch die jüngsten Jagdbeschreibungen zu dem Thema finden. Zu schade, daß uns kein lebender Augenzeuge mehr zur Verfügung steht!" Tabantani nahm interessiert einen der Bände zur Hand. "Mal sehen! Clanführerin Zelardid lebte vor etwas mehr als neunhundert Jahren, nicht wahr?" Tarkin nickte, während er weiterblätterte. "Und Teldring vor knapp tausend! Sie hatten mit den Resten der Ostpopulation zu tun, bis dann die fortschreitende Abkühlung des Klimas die Atalane endgültig auf den Süden beschränkte. Die letzten Exemplare sind nach meinen Informationen der Augenwelke zum Oper gefallen, die damals unter den Herden grassierte." Aslari, die zu einem der älteren Bücher gegriffen hatte, meldete sich. "Hier habe ich etwas! Ein Bericht von Natajim von den Ribarn! Der Eindringling war ein Männchen mit einer Gesamtlänge von vierzehn Rhazaghanerschritten. Bevor seine Anwesenheit bemerkt wurde, fielen ihm sechs Personen zum Opfer, worauf man sich entschloß, einen Trupp von vierunddreißig erfahrenen Jägern in der Zahnluum zu entsenden. Es gelang wie geplant, das Tier an einem Hang zu stellen, was dem Jagdtrupp einen bedeutenden Vorteil verschaffte. Nach relativ kurzem Kampf war es möglich, es zu Fall zu bringen und durch Zerreißen der Kehle zu töten. Es gab fünf Verletzte. Anzahl der Toten: - " Sie schwieg einen Moment bestürzt, dann blickte sie auf und sah die anderen an. "Einundzwanzig!" hauchte sie. Tarkin ächzte entsetzt. Er schüttelte den Kopf. "Nein, so geht es nicht! Wir haben zwar reichlich Hänge im Clangebiet, aber das war offensichtlich der falsche Weg. Meiner Ansicht nach ist es nötig, das Tier in eine noch deutlich ungünstigere Position zu bringen, bevor man es wagen kann, derart offensiv vorzugehen. Eine verlustreiche Schlacht dieser Art möchte ich unter allen Umständen vermeiden. Es wird hoffentlich noch andere Möglichkeiten geben, mit unserem Eindringling fertigzuwerden." Sie suchten schweigend. Nach einer Weile machte sich Nirrit bemerkbar. "Die Schilderung hier stammt aus dem Jagdarchiv der Bradu. Das Tier war ein zwölf Schritt langes Männchen und bewegte sich unmittelbar auf das Habitat zu. Nach längerer Jagd, bei der die Schwinge als Beobachter eingesetzt wurde, gelang es, den Atalan zu einer Schlucht zu locken und dort in einen Kampf mit der Zahnluum zu verwickeln. Man drängte es zum Rand, wo es schließlich abrutschte und sich zu Tode stürzte. Vierzehn Jäger und Clanführer Kirgran gingen dabei verloren." Tarkin seufzte. "Zu viele! Immer noch viel zu viele! Außerdem haben wir keine Schlucht im Clangebiet. Die Abbruchkante zum Unterland im Westen könnte zwar den gleichen Zweck erfüllen, doch das Tier dorthin zu lotsen könnte eine verlustreiche Angelegenheit werden. Nein, diese Methode überzeugt mich nicht! Suchen wir weiter!" Nach und nach stießen sie auf unterschiedliche Quellen, doch jede sprach von zahlreichen Toten und Verletzten und wurde von Tarkin als Hilfe abgelehnt. Schließlich seufzte er frustriert. "Hier haben wir einen besonders tragischen Fall! Es handelte sich um ein Weibchen, siebzehn Schritt in der Länge. Apakas von den Lesh und sein Jagdtrupp glaubten in der Schwinge an das Tier herankommen zu können. Es war sicher ein mutiger Versuch, aber er endete in einem Fiasko. Alle achtzehn Jäger kamen dabei um, allein der Berichterstatter kehrte zurück." "Das Tier blieb am Leben, nehme ich an?" warf Tabantani ein. Tarkin nickte. "Meiner Meinung nach war es nicht anders zu erwarten gewesen, die Schwinge ist einfach zu groß und nicht wendig genug für einen solchen Angriff. Der Atalan muß sie regelrecht aus der Luft gepflückt haben. Die Sache wurde natürlich bekannt, wohl mit dem Ergebnis, daß sich fortan niemand mehr an solche Experimente wagte. In den folgenden Jahrhunderten wurden nur noch Trupps in der Zahnluum entsandt. Zwar hatten diese Jagden grundsätzlich viele Tote zur Folge, aber wenigstens erfüllten sie ihren Zweck." Er hielt inne und sah nachdenklich vor sich hin. "Die Kämpfe in der Zahnluum enden nie ohne Gemetzel. Die Schwinge versagt in solchen Fällen. Die Krallenluum scheint im Kampf gegen ein solches Tier hoffnungslos unterlegen." Er sah auf. "Und dann ist da noch die letzte Luum! Auch sie kam nie gegen einen Atalan zum Einsatz." "Was ich gut verstehen kann!" ließ sich Nirrit hören. "Sich in der Steppenluum einem solchen Raubtier entgegenzustellen, widerstrebte der Natur eines Rhazaghaners und würde blankes Entsetzen in ihm hervorrufen. Es käme einfach einer Preisgabe gleich." Tarkin biß auf seine Unterlippe. "Nicht unbedingt!" Er begann nochmals in dem Band, den er auf dem Schoß hielt, zu blättern. "Es ist ein Jammer, daß nichts darüber zu erfahren ist, wie schnell diese Tiere eigentlich sind. Über ihre Sinne ist einiges zu finden. Exzellente Witterung, gutes Gehör, Lichtsinn hauptsächlich bewegungsorientiert, ohne Farbwahrnehmung. Dann wird immer wieder die enorme Beschleunigungsfähigkeit erwähnt, die diese Tiere besitzen. Das ist nicht weiter überraschend, es sind Jäger; aber auf welche Endgeschwindigkeit können sie es eigentlich bringen?" Er erhob sich und begann im Raum auf und ab zu gehen. "Verglichen mit einem Atalan ist ein Tirst außerordentlich klein, doch wir wissen genau, wie schnell ein solches Tier ist. Dennoch wird ihm eine Nirong immer entkommen, es sei denn, es gelingt ihm, sie zu überraschen. Die Uraukhs, die im Ostteil des Kontinents leben, sind ein gutes Stück größer als unsere Tirste hier, und nun würde mich interessieren, wie sich dieser Umstand auf ihre Schnelligkeit auswirkt. Vor zwei Jahren habe ich mich bei den Sirk mit einem Jäger unterhalten, der die Ansicht vertrat, ein Uraukh wäre kräftiger und müsse zwangsläufig schneller sein. Ich bin mir da allerdings keineswegs so sicher. Tatsächlich könnte ich mir sogar vorstellen, daß diese Raubtiere aufgrund ihrer höheren Masse langsamer und unbeweglicher sind." Malukan von den Tar, ein großer, kräftiger Rhazaghaner, der ein hellschimmerndes Grau als Individualhaarfarbe trug, hatte sich bis zu diesem Moment nur wenig geäußert. Nun jedoch blickte er auf. "Clanführer Tarkin, ich habe bei den Dana mit einer älteren Jägerin vom Clan der Risla gesprochen." begann er mit zischendem Akzent. "Sie meinte, die allgemeine Vorstellung von der Schnelligkeit der Uraukhs wäre stark übertrieben. In ihrer Jugend war sie von einem solchen Tier am Wasser überrascht worden, jedoch war es ihr noch möglich, ihrem Angreifer auszuweichen. Anschließend gelang es ihr ohne allzu große Mühe, in der Steppenluum zu entkommen." Tarkin sah Malukan einen Augenblick schweigend an, dann begann er zu lächeln. "Das ist die Information, auf die ich gehofft hatte."
Tybrang eilte mit langen Schritten die Habitatstreppe hinauf, um auf der einunddreißigsten Ebene zum Jagdarchiv einzubiegen. Als er eintrat, klang ihm aus dem zweiten Raum Malukans Stimme entgegen. "Das klingt überzeugend, Clanführer! Gewiß, es ist ein riskanter Plan, aber meiner Ansicht nach kann er funktionieren. Auf alle Fälle ist so etwas noch nie versucht worden." Der bernsteinfarbene Rhazaghaner trat in den Durchgang und sah sich unter den Anwesenden um. Dann wandte er sich unwirsch an Tarkin. "Heute hat mir jemand mitgeteilt, daß du wegen einer Atalanwarnung das Habitat hättest schließen lassen. Außerdem hieß es, der Clanführer hätte das Habitat verlassen. Eben habe ich erfahren, du wärest wieder zurück und befändest dich mit deinen Beratern im Jagdarchiv. Warum hast du mich nicht informiert?" Tarkin warf ihm einen gereizten Blick zu. "Weil ich deine Ratschläge kenne! Wir haben ein Problem, und ich brauche jemanden, der mir bei der Lösung hilft, anstatt mir Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Zur Zeit kann ich mir nicht den Luxus leisten, mir stundenlang deine Anfeindungen anzuhören." Er nickte Malukan und den anderen zu. "Es ist also entschieden! Ich werde den Jagdtrupp leiten. Das was ich jetzt noch brauche, sind sieben Freiwillige, die sich für eine solche Jagd eignen." Aslari und Nirrit senkten die Köpfe. Die hochgewachsene Tabantani trat vor. "Ich! Ich bin mit dabei, Tarkin!" Der Clanführer nickte. "Gut! Ich weiß, was du bei der Jagd leisten kannst und nehme dein Angebot dankbar an. Wenn die anderen über ebensoviel Erfahrung verfügen, brauche ich mir keine Sorgen zu machen." Malukan neigte den Kopf. "Tabantani vertraut dir, und so tue ich es auch! Ich werde mit dir gehen, Clanführer Tarkin!" "Danke, Malukan! Geht bitte und fragt auch Intral, meinen Jagdbegleiter! Ich kann mir gut vorstellen, daß er mit uns kommen möchte. In dem Fall blieben nur noch vier. Macht es im Habitat bekannt und sagt, daß ich nur Jäger nehme, die sich zutrauen, in der Steppenluum eine Nirong zu überholen." "Was!" platzte Tybrang heraus. "Du willst eine solche Sache in der Steppenluum angehen? Du bist vollkommen wahnsinnig!" Tarkin erwiderte gelassen seinen Blick. "Seit Jahrhunderten tun die Rhazaghaner nichts anderes, als eingefallene Atalane rein zahlenmäßig zu erdrücken. Wir dagegen werden das Habitat zu acht verlassen. Vielleicht habe ich damit eine bessere Lösung gefunden." "Du wirst nichts anderes erreichen als sie alle umzubringen, und dich dazu! Gib mir vierzig erfahrene Zahnluumjäger mit! Ich werde versuchen, die Sache ohne größere Verluste zu erledigen." Tarkin wich sämtliches Blut aus dem Gesicht. Dann trat er so hastig an Tybrang heran, daß dieser schon glaubte, sein einstiger Freund würde sich zu Handgreiflichkeiten hinreißen lassen. Er sah sich allerdings getäuscht; Tarkin hielt dicht vor ihm an. "Du wirst mir niemals vertrauen!" brachte er mit äußerster Beherrschung heraus. "Eher wärest du bereit, die Vari bluten zu lassen. Damit du es weißt: Ich habe vielleicht eine Idee, wie man diese Sache ohne großen Verlust an Leben bewerkstelligen kann, und schon daher werde ich meine Leute keinem Rhazaghaner anvertrauen, der seit einem Jahr das Portal nicht mehr durchschritten hat. Übermorgen werde ich mit meinem Trupp das Habitat verlassen. Es ist möglich, daß ich versage und nicht mehr zurückkehre. Sollte das geschehen, wirst du endlich deine ersehnte Chance erhalten." Tybrang starrte ihn an. "Was willst du damit sagen?" stieß er mit heiserer Stimme hervor. Tarkin sah ihm tief in die Augen. "Das weißt du ganz genau!" erwiderte er so leise, daß nur sein ehemaliger Berater die Worte verstand. "Wenn also dieser Fall eintreten sollte, dann gib dir Mühe und versuch zu beweisen, daß du einen besseren Clanführer als der gescheiterte Tarkin abgibst! Kehre ich aber wieder zurück -" er holte tief Luft und seine Stimme gewann schneidende Schärfe, "dann überlege dir gut, ob du mit meiner Führerschaft leben kannst! Lautet die Antwort nein, dann wird es besser sein, du gehst und suchst dir woanders einen Clanführer nach deinem Herzen, denn ich bin der Clanführer der Vari und werde sie nicht verlassen." Tybrang erbleichte. "Tarkin..." begann er, doch dieser schob sich an ihm vorbei, ohne ihm weiter Beachtung zu schenken. Kurz darauf war Tybrang allein im Jagdarchiv zurückgeblieben.
Als Pittoni am nächsten Abend ihre Unterkunft betrat, wußte sie, daß etwas im Habitat nicht stimmte. Schon am Morgen war ihr auf dem Weg in den Hangar aufgefallen, daß die große Eingangshalle dämmeriger als gewöhnlich war, bis sie gleich darauf bemerkte, daß man das Portal geschlossen hatte. Später dann auf der Brücke der Narhamak hatten die beiden Rhazaghaner, die Pittonis Gruppe mitbetreuten ungewöhnlich nervös und abgelenkt gewirkt. Pittoni hatte diesen beiden Fakten noch keine große Beachtung geschenkt, doch als sie ihre Schicht beendet hatte, stellte sie auf der Habitatstreppe fest, daß überall größere Gruppen von Rhazaghanern beisammen standen, die sich über etwas austauschten, was sie stark zu beschäftigen schien. Aufmerksam geworden blieb sie stehen, um ihre Gastgeber zu beobachten, und so ergab es sich, daß sie kurz darauf den romulanischen Kommandanten zusammen mit dem halbcardassianischen Ingenieur die Treppe heraufkommen sah. Beide Männer machten einen beunruhigten Eindruck und waren derart in ihr Gespräch vertieft, daß sie Pittoni beinahe übersehen hätten. Erst im letzten Augenblick erkannte sie der Romulaner und nickte ihr flüchtig zu. Nun erst begann auch in Pittoni eine vage Besorgnis aufzusteigen. Sie hatte Talan als ruhigen und disziplinierten Offizier kennengelernt, der es zudem nie versäumte, sie bei einer Begegnung mit zurückhaltender Freundlichkeit zu grüßen. Gelegentlich war es sogar zu kurzen, sachbezogenen Gesprächen gekommen, die ihre Achtung vor ihrem sogenannten Gegenspieler hatte wachsen lassen. Kein Zweifel, inzwischen empfand die Terranerin eine gewisse Sympathie für den Romulaner, und so war sie überzeugt, daß ein Umstand, der Talan bestürzte, schwerlich ihr selbst gefallen würde. Den Nachmittag über spielte sie mit dem Gedanken, direkte Nachforschungen anzustellen, doch die Erinnerung an die bisherigen Pannen und Fehleinschätzungen brachte sie schließlich zu der Ansicht, daß es besser wäre, noch etwas abzuwarten. Dabei hoffte sie im Stillen, daß man im Laufe der nächsten Tage sie oder einen ihrer Leute ins Vertrauen ziehen würde. Als am späteren Abend an ihre Tür geklopft wurde, dachte sie sofort an die gemachten Beobachtungen. In der Hoffnung, nun möglicherweise Antworten auf ihre Fragen zu erhalten öffnete sie, ohne im mindesten damit zu rechnen, den Clanführer persönlich vor ihrer Tür zu finden. Überrascht sah sie zu ihm auf. Tarkin erwiderte ernst ihren Blick. "Darf ich eintreten, Captain?" fragte er nach einem Moment des Schweigens. Pittoni erholte sich mühsam von ihrer Verblüffung. "Wie? Oh, natürlich, Clanführer!" stammelte sie. "Kommen Sie herein! Ihr Besuch ist mir eine Ehre." Tarkin folgte der Einladung und ließ sich in dem angebotenen Sessel nieder. Anstatt jedoch sofort zur Sache zu kommen, lehnte er sich zurück und ließ seine Augen eine geraume Weile durch den Raum wandern. Dann sah er mit einer gewissen Verzweiflung zu Pittoni hinüber. Fassungslos stellte sie fest, daß der Clanführer offensichtlich nicht wußte, wie er anfangen sollte. "Ich hätte da eine große Bitte an Sie!" begann er schließlich hilflos. Die Terranerin beugte sich beunruhigt vor. "Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann...?" Tarkin senkte den Blick. "Sie und Ihre Leute leben nun schon seit einer vollen Jahreszeit hier bei uns im Habitat." fuhr er leise fort. "Ich weiß, daß es am Anfang nicht ganz leicht für Sie gewesen sein muß, sich in unsere Gemeinschaft einzuleben. Insbesondere die Anwesenheit der Romulaner dürfte bei Ihnen für einige Irritationen gesorgt haben." Er hob den Kopf. "Sie haben Kommandant Talan kennengelernt, Sie arbeiten mit ihm zusammen. Haben Sie den Eindruck, daß es ihm Freude machen würde, den Eroberer und Unterdrücker zu spielen?" "Kommandant Talan ist ein kluger und ehrenhafter Mann." antwortete sie überzeugt, während sie sich fragte, worauf der Rhazaghaner hinauswollte. "Ich schätze die Zusammenarbeit mit ihm und halte ihn für absolut vertrauenswürdig." Der Clanführer nickte langsam. "Ich bin froh, daß Sie das sagen! Sehen Sie, ich bin der Ansicht, daß Rhazaghan die Föderationsmitgliedschaft braucht. Die Zeiten sind vorbei, in denen ein Planet in diesem Sektor allein für sich bestehen konnte. Dennoch waren wir lange Zeit nichts anderes als ein bequemer Rohstofflieferat und pflegeleichter Bündnispartner für die Föderation; das Dilithium und unsere Flottenpräsenz waren das einzige, was interessierte, und von selbst verschwendete kaum jemand einen Gedanken an den einsamen Standort Rhazaghan. Das änderte sich erst, als wir Hilfe von den Romulanern bekamen. Auf einmal erinnerte man sich an uns, man umwarb uns, indem man Sie hierher sandte in der Hoffnung, wir würden kurzerhand die Romulaner nach Hause schicken. Und genau das halte ich für den falschen Weg." Er hielt einen Moment inne und schien nach Worten zu suchen. Dann fuhr er fort. "Natürlich bin ich über den Expansionsdrang des romulanischen Reiches informiert. Allerdings liegt Rhazaghan nicht am Rand der neutralen Zone, sondern weit auf Föderationsgebiet. Ich weiß, daß ein hier stationiertes romulanisches Regiment nie mehr als ein politisches Ärgernis für die Föderation darstellen kann. Dieser Grund wird jedoch dem romulanischen Reich genügen, seine Präsenz hier aufrecht erhalten zu wollen. Es ist sich darüber im klaren, daß dieses Regiment einen kleinen aber schmerzhaften Stachel im Fleisch der Föderation darstellt." Er hob den Kopf und sah Pittoni flehentlich an. "Und darum braucht Rhazaghan das Regiment! Nach dem Ende des Krieges wird es weit mehr als das Dilithium an die Existenz unseres Planeten erinnern. Dennoch würde ich es nicht einmal aus diesem Grund im Vari-Habitat dulden, wenn ich nicht vollstes Vertrauen zu seinem Kommandanten hätte, verstehen Sie?" "Ja!" antwortete Pittoni leise. "Ich verstehe Sie nun vollkommen, Clanführer Tarkin!" Tarkin nickte. "Wissen Sie, Sie haben meinen Berater Tybrang nach Ihrer Ankunft sehr verunsichert, doch mittlerweile kennen Sie Talan. Sie müßten wissen, daß man mit ihm reden kann. Und aus diesem Grunde appelliere ich an Sie: Halten Sie an dieser Zusammenarbeit fest! Bitte stehen Sie zu Talan und seinen Leuten, ganz gleich was auch passieren wird!" In Pittoni stieg plötzlich ein alarmierender Gedanke auf. Möglichst unauffällig untersuchte sie das Bild des Clanführers auf Anzeichen irgendeiner Krankheit, doch dieser wirkte so stark und gesund, wie jemand nur sein konnte. Endlich beschloß sie, das Risiko einer Frage einzugehen. "Entschuldigen Sie bitte, Clanführer! Ich hoffe, Sie nehmen mir diese Bemerkung nicht übel, aber... Sie sind doch nicht etwa krank?" "Krank?" Er begann zaghaft zu lächeln. "Nein, zum Glück bin ich das nicht! Allerdings ist es nicht ausgeschlossen, daß es demnächst zu einer Veränderung in der Clanführung kommen wird." "Ich ahnte nicht, daß Ihnen die Gefahr eines politischen Umsturzes droht!" bemerkte Pittoni verblüfft. "Das ist es nicht!" Er sah vor sich hin und schwieg eine Weile, dann begann er wieder zu sprechen. "Im Clangebiet ist ein Tier aufgetaucht, ein so mächtiges und gefährliches Tier, wie es bei uns noch niemals gesichtet wurde. Es streift dort draußen herum, und jeder Rhazaghaner, auf den es stößt, wird nichts weiter als hilflose Beute sein. Morgen werde ich mit einem kleinen Jagdtrupp aufbrechen und versuchen, es zu töten." Pittoni richtete sich bestürzt auf. "Sie wollen sich auf einen Kampf mit ihm einlassen?" "Wissen Sie eine Alternative?" Pittonis Gedanken rasten. "Sie besitzen doch mit den Sternschwingen exakt arbeitende und durchschlagende Waffen. Ich bin sicher, daß es für ein Schiff wie Narhamak kein Problem darstellen würde, das Tier zu orten. Danach wäre es eine Kleinigkeit, es durch einen zielgenauen Phaserschuß aus dem Orbit zu vernichten." Sie sah ihn erwartungsvoll an. Im nächsten Augenblick wurde ihr klar, daß sie einen neuen Fehler begangen hatte. Tarkin erwiderte ihren Blick aus vor Entsetzen geweiteten Augen, dann begann er den Kopf zu schütteln. "Sie verstehen nicht! Gewiß, die Rhazaghaner stellen die vorherrschende Lebensform auf diesem Planeten dar, doch sie müssen sich jeden Tag ihren Platz in seinem Gefüge neu verdienen. Wir sind ein Teil Rhazaghans, eine Existenz ohne diese Welt ist für uns nicht vorstellbar, und so unterwerfen wir uns ihren Gesetzen. Können Sie sich vorstellen, wie unser Planet aussähe, wenn wir Löcher in ihn schießen würden, nur weil uns eines seiner Geschöpfe im Wege ist? Wir haben die Sternschwingen gebaut, um unsere Heimat zu verteidigen, und glauben Sie mir: Lieber beende ich mein Leben dort draußen zwischen den Zähnen jenes Raubtieres, als zuzulassen, daß mein Schiff seine Waffen gegen sie wendet." "Falsch eingeschätzt!" dachte Pittoni bei sich. "Ich habe ihn von Anfang an falsch eingeschätzt!" Sie seufzte. "Kann ich denn gar nichts für Sie tun?" "Sie können mir Glück wünschen. Und Sie können sich zu gegebener Zeit an das erinnern, um was ich Sie gebeten habe." Er erhob sich. "Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, aber meine Gefährtin wartet auf mich." "Natürlich!" Sie begleitete ihn zur Tür und streckte die Hand aus. "Ich wünsche Ihnen alles Glück der Welt, Clanführer Tarkin! Kommen Sie gesund zu uns zurück!" Er ergriff ihre Hand und neigte den Kopf. "Ich bin Ihnen für Ihre Wünsche dankbar!" erwiderte er ruhig. Gleich darauf schloß sich die Tür hinter ihm.
In der großen Eingangshalle war es ruhig - erstaunlich ruhig für einen Ort, an dem sich eine so große Anzahl von Personen versammelt hatte. Bereits bei Sonnenaufgang hatten sich die ersten dort eingefunden, und nun war der Saal vollständig gefüllt. Es waren in erster Linie Rhazaghaner, die den Clanführer und seinen Jagdtrupp verabschieden wollten, aber auch einige Romulaner, unter ihnen Talans Stellvertreter Borial und Subkommandantin Sirtis, befanden sich unter den Anwesenden. In der Nähe des noch immer geschlossenen Portals standen Talan und der Ingenieur und warteten. "Er ist der beste Jäger der Vari, er wird wieder zurückkommen!" murmelte Rilkar zum wiederholten Male, ohne sich dabei direkt an den Romulaner zu wenden. Talan dagegen zog es vor zu schweigen. Er konnte die Gründe für die beschwörungsartigen Voraussagen seines Freundes nachvollziehen, was jedoch nichts daran änderte, daß er selbst die Situation nicht so optimistisch beurteilte. Tarkin hatte ihm am Vortag eine Darstellung des Tieres gezeigt, ihm seine Größe beschrieben und ihm von den alten Jagdberichten erzählt, die zu seiner Entscheidung geführt hatten. All diese Informationen brachten den Romulaner zu der Ansicht, daß Tarkins Chancen auf eine Rückkehr nicht besonders gut standen. Er hob den Blick und sah hinüber zu Tybrang, der gesenkten Hauptes einige Schritte entfernt stand. Wenn Tarkin nicht wiederkehrte, würde die Clanführerschaft mit großer Wahrscheinlichkeit an diesen Mann gehen, das wußte Talan. Und jene Wahl wäre dann gleichbedeutend mit dem Ende des rhazaghanischen Regiments, denn Tybrang würde Talan und seine Leute dazu auffordern, das Habitat zu räumen und Rhazaghan für immer zu verlassen. Der gemeinsame Kampf gegen das Dominion, das Leben im Habitat, die Freundschaften, die entstanden waren und die Neugier auf eine gewisse Vulkanierin - sie gehörten dann der Vergangenheit an. Talan dachte an Romulus, an die prachtvolle Hauptstadt, ihre hinreißenden Frauen und das gewaltige Trainingszentrum, das der Schauplatz seines Sieges gewesen war. All das würde er dann wiedersehen. Danach käme ein neues Kommando, vermutlich an Bord eines Warbirds, womit er die Gelegenheit erhielte, sein Wissen und Können für die Verteidigung des Reiches einzusetzen. Die Hülle seines Schiffes würde wieder grünlich schimmern, nicht bläulich, sein Äußeres dem anderer Warbirds perfekt gleichen und aus dem Maschinenraum keine cardassianischen Flüche mehr herausschallen. Der Schiffscomputer würde nicht mit der Stimme einer launenhaften Frau antworten, emotionsgeladene Diskussionen mit einer eigenwilligen künstlichen Intelligenz der Vergangenheit angehören. Und wenn die Mannschaft die Brücke verlassen hatte, würde dort nichts als Stille herrschen. Nach dem Krieg folgte vielleicht ein Kommando auf einer der zahlreichen romulanischen Kolonien. Es gab eine Menge Welten im Reich, deren Bewohner eines wachsamen Auges bedurften, Planeten auf denen immer wieder aufs Neue der Widerstand aufflackerte. Talan dachte an die Rubianer und den ständigen Kreislauf von Unruhen, Sanktionen, Attentaten und Vergeltungsmaßnahmen. Man würde von ihm erwarten, daß er zur Abschreckung Rachefeldzüge unternahm und Eingeborene erschießen ließ; Leute, die weniger glücklich waren als die Rhazaghaner und die mitansehen mußten, wie fremde Eindringlinge ihre Welt ausbeuteten. Was würde sein, wenn er diese Erwartung nicht mehr erfüllen konnte? Talan biß die Zähne zusammen. Er wollte Rhazaghan jetzt nicht verlassen und schon gar nicht auf diese Weise. Dennoch konnte er Tarkin nicht daran hindern, mit seinem Jagdtrupp dort hinauszugehen, und wenn er fiel, würde nichts von ihm übrigbleiben, um es dort oben auf der Habitatsspitze dem Feuer zu übergeben. Die harten Gefechte in der Halle, die gemeinsamen Jagdausflüge, der Austausch über gänzlich unterschiedliche Weltanschauungen - sie würden nicht mehr sein. Man würde Talan aus dem Habitat werfen und die Chronik der Vari vom Tod eines Clanführers berichten, der seine Arbeit gerade erst begonnen hatte. In der Menge um sie herum entstand Bewegung, und einige Rhazaghaner machten Platz für Nirrit, die sich schweigend ihnen hinzugesellte. "Wo ist Tarkin?" fragte Rilkar mit gedämpfter Stimme. Sie hob den Kopf und erwiderte den Blick ihres Gefährten. "Er ist noch einmal zur Habitatsspitze hinaufgestiegen!" antwortete sie leise.
Tarkin griff über sich und öffnete die Dachluke, dann stieß er sie mit dem gewohnten kurzen Ruck nach außen. Gleich darauf stieg er ins Sonnenlicht, wo der kräftige Wind über die Plattform blies. Er kam von Nordwesten. Der Rhazaghaner trat dicht an den Rand und sah über die Ebene. Dort hinaus würde sie die Suche nach ihrem Feind führen, zunächst den Fluß entlang bis zu den Steilufern, dann hieß es die Waldgebiete abzusuchen, vom Feuchtland bis hin zum Elfhügelbezirk, der mit seinem dichten Nadelwald reichlich Deckung für solch einen Eindringling bot. Wie dieser würden sie an den Boden gebunden sein, denn eine Annäherung in der Schwinge mochte von unten aus dem Dickicht beobachtet werden. In einem solchen Fall würden die Jäger erst durch den blitzartigen Angriff des Atalans erkennen, daß aus ihnen Gejagte geworden waren. Tarkin hoffte inständig, daß es ihnen möglich sein würde, sich dem Raubtier unbemerkt zu nähern. Sein Plan setzte einen bis zum Schluß ahnungslosen Gegner voraus, und für das, was dann folgen sollte, brauchte er zudem eine Menge Glück. Letztendlich würden es jedoch seine Überlegungen sein, die über Erfolg oder Fehlschlag entschieden. Stellten sich seine Gedanken als falsch heraus, dann würde Tarkin der Rote in die Clanchronik eingehen als ein Clanführer, der durch eine Fehlentscheidung sieben der besten Jäger in den Untergang geführt hatte; eine Aussicht, die ihn mehr entsetzte als die Möglichkeit des eigenen Todes. Dennoch sah er keinen anderen akzeptablen Weg, und so wünschte er verzweifelt, sein Plan möge funktionieren. Der Rhazaghaner seufzte tief und blinzelte nach Osten. Die Sonne verbreitete mittlerweile bemerkenswerte Wärme, obwohl sie erst ein kleines Stück weit in den Himmel geklettert war, während die Ebene in sattem Grün zu Füßen des Habitates lag. Es war deutlich zu merken, daß der Hochsommer nicht mehr weit war. Tarkin senkte den Blick und betrachtete seine heimatliche Wohnstätte, deren Terrassen sich immer kleiner werdend unter ihm ausbreiteten. Er liebte das Habitat, diesen sanft gewölbten und in sich gedrehten Turm, der ihn in den vergangenen Jahren schon von weitem willkommen geheißen hatte, wenn er von seinen Reisen zurückgekehrt war. Er hatte sein Wachstum vom Fundament an miterlebt, ja, er hatte nach Kräften beim Bau geholfen, so wie alle Vari, die alt genug gewesen waren, einen Stein in die Hand zu nehmen und ihn an seinen richtigen Platz zu setzen. Nach der Vertreibung der Eindringlinge kehrte der Clan aus dem Schutz der Kaverne an die Oberwelt zurück, mußte jedoch rasch feststellen, daß eine Heimkehr ins angestammte Habitat nicht mehr in Frage kam. Cardassianer waren in die verwaiste Wohnstätte eingedrungen und hatten sie geplündert, und so waren fast eineinhalb Jahrzehnte lang Nässe und Kälte durch zerstörte Fenster eingedrungen, ohne daß weiterführende Schäden hatten verhindert werden können. Das Mauerwerk war mürbe und rissig; Algen, Schimmelpilze, diverse Insekten und andere Geschöpfe waren in Scharen eingezogen, und so mußte man sich der bitteren Erkenntnis stellen, daß das alte Habitat unbewohnbar geworden war. Als nächstes stellte sich die Frage nach dem Errichtungsort für eine neue Wohnstätte, und man fand sie rasch beantwortet. Die Vari wünschten in der Nähe ihres Schiffes zu bleiben, daher sollte sich der neue Bau direkt über der Kaverne erheben. Noch im Jahr der Befreiung wurde der genaue Platz festgelegt und unverzüglich mit den Arbeiten begonnen. Noch niemals war ein Habitat so schnell errichtet worden. Die neue Technologie, die ursprünglich zur Vertreibung der Besatzer geschaffen worden war, wurde nun zum raschen Transport der Baustoffe genutzt. Noch brauchbare Teile des alten Habitates wurden so zur Baustelle gebracht und neues Material aus dem gesamten Gebiet herangeschafft. In seiner Erinnerung sah Tarkin Berge von Steinen, die wie aus dem Nichts heraus präzise dort materialisierten, wo sie gerade benötigt wurden. Ganze Scharen von Rhazaghanern, unter ihnen auch Dana, Kelp, Sim und Laro, griffen zu, um die neu eingetroffenen Baustoffe unverzüglich zu verarbeiten, während die Architekten der Sirk Planung und Organisation des Aufbaues übernommen hatten. Auf diese Weise wurde es möglich, daß die Vari ihre neue Wohnstätte nach der wahrhaft phantastischen Bauzeit von weniger als einem Jahrzehnt beziehen konnten. Seit gut vier Jahrzehnten ragte nun die wunderbare Konstruktion in den Himmel, und voraussichtlich würde vor dem Bau des nächsten Habitates ein volles Jahrtausend vergehen. Tarkin schloß die Augen. Er spürte sein Habitat unter den Füßen wie eine leise und machtvolle Vibration, fühlte, wie eine Aura von überwältigender Lebendigkeit von ihm ausging. Seiner Empfindung nach war dies weniger ein Bauwerk als vielmehr das Gefäß, welches den Geist der Vari in sich trug. Er war vollkommen sicher, daß die anderen Clanführer die gleichen Gefühle für ihre Habitate hegten. Er atmete tief durch und warf noch einen letzten Blick über die Ebene, dann gab er sich einen Ruck und kehrte zur Dachluke zurück. Unten traf er auf Aslari, die am Fuß der schmalen Treppe auf ihn gewartet hatte. Wortlos stiegen sie Seite an Seite die Habitatstreppe hinab, bis sie die sechsundzwanzigste Ebene erreichten. Dort bog Tarkin ein und begab sich zu der Unterkunft von Shyldrim, die seinem Jagdtrupp angehörte. Jemand, der sich für eine solche Jagd meldete, verdiente es, vom Clanführer persönlich abgeholt zu werden. Auf sein Klopfen wurde augenblicklich geöffnet. Tarkin neigte grüßend den Kopf. "Du bist noch entschlossen, Shyldrim?" Die Frau nickte energisch. "Entschlossener denn je, Clanführer! Am Ende dieser Jagd wird es eine Geschichte geben wie sie noch kein Rhazaghaner hat erzählen können. Wie sollte ich mich da mit der Rolle des Zuhörers zufriedengeben?" Tarkin wurde es warm ums Herz. Es tat ihm wohl, festzustellen, daß es noch Vari gab, die ihm derart uneingeschränkt vertrauten. Er nickte Shyldrim zu. "Dann schließ dich mir an! Wir brechen auf!" Auf ihrem weiteren Weg nach unten machten sie vor den Quartieren der übrigen Jagdteilnehmer Halt, so daß der Trupp vollständig war, als sie in der großen Eingangshalle ankamen. In der schweigenden Menge fanden sie ihre Freunde und Verwandten versammelt, die dort gewartet hatten, um ihnen ihre guten Wünsche mit auf den Weg zu geben. Darrab trat als erster auf den Clanführer zu, und Tarkin wurde bei dieser Gelegenheit bewußt, daß es nicht mehr sehr häufig geschah, daß er zu jemandem aufblicken mußte. "Viel Glück, mein Junge!" sagte Darrab leise. "Gib acht auf deine Jäger, aber gib auch acht auf den Clanführer! Laß die Vari nicht allein!" Tarkin nickte stumm. Der alte Habitatsarzt hatte ihn in der Vergangenheit schon oft zusammenflicken müssen, doch er glaubte nicht, daß Darrab diesmal Arbeit an ihm haben würde. Von dieser Jagd würde er unverletzt oder überhaupt nicht zurückkehren. Gleich darauf zwang er sich, sich auf die Segenswünsche der anderen zu konzentrieren. Es dauerte eine Weile, bis er beim Portal angelangt war, dann erhielt er Gelegenheit, sich von Nirrit und Rilkar zu verabschieden. Talan kam heran und legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. "Gute Jagd!" sagte er knapp. Sein Lehrer nickte ernst, und ihre Augen trafen sich, dann atmete der Romulaner tief durch und trat zurück. Zum Schluß fiel Tarkins Blick auf Tybrang, der still und bleich im Hintergrund stand. Einen Moment sah der bernsteinfarbene Rhazaghaner auf, als wollte er etwas sagen, doch dann blickte er wieder zu Boden. Tarkin wartete noch einen Augenblick, um sich endlich von ihm ab- und Aslari zuzuwenden. Sanft legte er seiner Gefährtin die Hände auf die Schultern, dann neigte er seinen Kopf zu ihr herab, bis sich ihre Stirnen berührten. Stumm und bewegungslos verharrten sie auf diese Weise, während die Menge sie schweigend umstand. Was es zu sagen gab, war gesagt worden. Schließlich richtete Tarkin sich auf und gab Befehl, das Portal zu öffnen. Blendendes Licht strömte herein, dann durchschritt der Jagdtrupp das Tor und wechselte geschlossen in die Steppenluum. Gleich darauf stießen die Torflügel mit einem dumpfen Laut wieder zusammen. Das Habitat war verschlossen und die Jäger mit ihrer Aufgabe allein. Tarkin führte sie ohne Eile den Fluß entlang. Sie brauchten sich nicht zu hetzen, denn sämtliche Vari waren in das Habitat zurückgerufen worden, und alle anderen Clans hatten die Warnung über das Netz der Zentralen erhalten. Damit war sichergestellt, daß sie die einzigen Rhazaghaner waren, denen der Atalan begegnen würde. Kurz bevor sie den Schatten des Darjis erreichten, drehte sich Tarkin noch einmal um, worauf auch seine Jäger verharrten. Dort hinten erhob sich in schlanker Anmut das Vari-Habitat, und seine Umrisse leuchteten in der Sonne. "Eines der schönsten Habitate des Zentralkontinents!" hörte Tarkin Malukans Stimme neben sich. "Und ich habe einige gesehen!" Der Clanführer schüttelte den Kopf. "Das schönste, Malukan!" widersprach er leise. "Es ist das allerschönste!" Dann wandte er sich nach Nordwesten.
Talan sah mißmutig zum Horizont. "Sechs Tage!" knurrte er. "Sechs Tage sind sie nun unterwegs, und vor Ablauf von vierzig Tagen darf niemand das Habitat verlassen, verdammt!" Er öffnete die Hand und ließ die elf romulanischen Würfel über den Steinboden der Terrasse rollen. Der Ingenieur beugte sich stirnrunzelnd vor, um die unterschiedlichen Zeichen auf den nach oben weisenden Seiten zu entziffern, von denen jedes ein anderes Ereignis verkörperte. Je nach Kombination konnten sich die Symbole gegenseitig verstärken, abschwächen, aufheben oder sogar gänzlich umkehren, wobei die Spieler die Option hatten, nur einen Teil des Wurfes zu werten. Rilkar hatte noch immer Mühe, die Feinheiten des Spieles zu begreifen. "Hieraus werde ich nicht schlau!" bemerkte er. "Was ist das für ein Zeichen auf dem grünen Würfel da drüben? Ich kann mich nicht erinnern." Talan warf einen achtlosen Blick auf seinen Wurf, dann wandte er sich wieder der Ebene zu. "Lushu, der Handstreich!" antwortete er. "In Ergänzung mit einem daneben liegenden Garib kann er Diebstahl bedeuten, zusammen mit einem Kyrrid bedeutet er Anerkennung. Du liegst nach wie vor in Führung." "Freut mich zu hören!" murmelte sein Freund und suchte die Würfel zusammen, um zum nächsten Wurf auszuholen. Wie auf eine geheime Verabredung hin hatten sie begonnen, sich auf Tarkins Aussichtsterrasse zu treffen, die dank ihrer Lage auf der achtundzwanzigsten Ebene über einen ausgezeichneten Ausblick verfügte. Während Aslari sich darauf beschränkte, die meiste Zeit schweigend in die Ferne zu sehen, pflegte sich Nirrit in gedämpften Tonfall mit verschiedenen Besuchern wie Darrab, Mutub oder Borial zu unterhalten. Talan dagegen war mit dem Würfelspiel zu einer alten Soldatengewohnheit zurückgekehrt, und obwohl Rilkar diese Leidenschaft nicht unbedingt mit ihm teilte, war er doch bemüht, seinem Freund die zermürbende Zeit des Wartens zu erleichtern. Der Romulaner zeigte sich seit Tarkins Aufbruch ausnehmend wortkarg und lehnte jeglichen Vorschlag, die Halle für ein Gefecht aufzusuchen, ab. Inzwischen hatte er sogar damit begonnen, seinen Dienst zu vernachlässigen, was sein Trainingspartner niemals für möglich gehalten hätte. Zwar mußte eingeräumt werden, daß sich das gesamte Habitat in einem Ausnahmezustand befand, dennoch entsprach es normalerweise Talans Art, gerade in kritischen Situationen an einer makellosen Pflichterfüllung festzuhalten. Der Ingenieur betrachtete seinen letzten Wurf und bemühte sich, seine Bedeutung zu enträtseln. Schließlich schüttelte er den Kopf. "Ich glaube, ich werde dieses Spiel niemals lernen. Es erstaunt mich eigentlich, daß es sich gerade beim Militär durchsetzen konnte. Allein die Vielzahl der Kombinationen ist bereits entmutigend, von den komplexen Regeln ganz zu schweigen. Talan warf einen Blick über die Schulter. "Nach und nach prägen sie sich einem ein. Ich habe Mangarr während meiner Zeit auf Rubia gelernt. Dort gab es genügend Abschnitte, in denen wir keine andere Möglichkeit hatten, eine Wartezeit zu überbrücken." "Rubia? Nie gehört! Was ist das für eine Gegend?" Der Romulaner wandte sich wieder dem Horizont zu. "Eine Welt, auf der man Feinde mit flüssigem Feuer zu bewerfen pflegt!" knurrte er leise.
Tabantani kroch vorsichtig in ihrer Grundform bis zur Abbruchkante und spähte zwischen den hohen Halmen hindurch in die Tiefe. In einiger Entfernung erkannte sie das dichte Strauchwerk des Waldrandes und konnte sehen, wie das Sonnenlicht auf den rotbraunen Stämmen der Nadelbäume spielte. Ein leiser Wind ging durch die Zweige, und nichts schien das friedliche Bild zu stören, doch die Rhazaghani wußte, daß der Eindruck täuschte. "Unglaublich, daß ein so gewaltiges Tier derart unsichtbar wirken kann!" raunte sie dem neben ihr liegenden Tarkin zu. Dieser nickte kaum merklich. "Ich habe es seit dem Morgengrauen nicht aus den Augen gelassen, und währenddessen hat es sich nur zweimal kurz bewegt." antwortete er ebenso leise. "Es ist geradezu unheimlich, wie lange es diese Lauerstellung durchhält. Dennoch sollten wir lieber nicht riskieren, daß es doch noch seinen Standort wechselt." Die ersten Hinweise auf den Eindringling hatten sie am Rande der Ebene gefunden, wo er offenbar aus dem Schutz der Bäume heraus über eine Herde von Zerliks hergefallen war. Den wenigen Überresten zufolge lag die Mahlzeit des Atalans gut zwei Tage zurück, und so bereitete es den Jägern keine Probleme, den noch frischen Spuren zu folgen. Schließlich wurden sie nicht weit von jener Stelle fündig, wo der Fluß über die Abbruchkante ins Unterland strömte und hier ein mittelgroßes Gewässer bildete. Die Vierzig hatten ihm seinerzeit wegen seiner Form und Schwärze den Namen Kaja-Auge gegeben. Mittlerweile beobachteten die acht Jäger ihren Feind schon einen Tag lang, und wie es aussah, waren sie dabei unbemerkt geblieben. Die Atalanin stand regungslos im Schatten des Waldrandes, und nur manchmal ließ ein Streifen Sonnenlichtes die rotbraune Tarnzeichnung auf der grünlichen Haut erahnen. Tarkin schob sich langsam rückwärts, während Tabantani die Rolle des Beobachters übernahm. Erst als sich der Clanführer ein beträchtliches Stück von der Abbruchkante entfernt hatte, erhob er sich und erreichte kurz darauf die Stelle, wo die anderen im Schatten eines Baumes warteten. "Es geht los!" verkündete er. "Noch steht der Wind günstig, und darum sollten wir möglichst rasch handeln. Außerdem müssen wir damit rechnen, daß gegen Abend das Kleinzeug die Deckung verläßt und an die Tränke kommt. Nach einem solchen Riß wird der Atalan weiterziehen, und dann war die ganze Mühe umsonst. - Intral!" wandte er sich an seinen Jagdbegleiter. "Begib dich jetzt auf die Suche! Du weißt was wir brauchen. Grundsätzlich gilt: Je größer, desto besser! Gute Jagd!" Intral nickte, dann wechselte er in seine Krallenluum und schlich davon. Tarkin ließ sich auf den Boden nieder, um gemeinsam mit den anderen zu warten. Er wußte, daß sich Intral erst ein gutes Stück von ihrem Standort entfernen mußte, bevor er es wagen konnte, in der Schwinge aufzusteigen, und so würden sie sich in Geduld fassen müssen. Dafür konnte die Wartezeit genutzt werden, um noch einmal Kräfte für das Kommende zu sammeln. Der Vormittag verstrich, und die Sonne hatte ihren höchsten Punkt fast erreicht, als der Ausgesandte zurückkehrte. Als Tarkin die schwarzbraune Gestalt herankommen sah, erhob er sich und sah ihr erwartungsvoll entgegen. Intral wechselte zunächst in seine Grundform zurück, bevor er Bericht erstattete. "Ich habe die gesamte Umgebung abgesucht, Clanführer! Zwischen den Hügeln im Norden und Nordwesten konnte ich zunächst nur Kleinzeug ausmachen, und so wandte ich mich noch etwas weiter westlich. Schließlich habe ich dann an dem kleinen Gewässer bei den Weißfelsen einen Sabresh gefunden. "Das ist nahe genug!" stellte Tarkin erfreut fest. "Gut gemacht, Intral! Laßt uns also aufbrechen!" Intral folgte der Aufforderung nicht. Stattdessen warf er Tarkin einen unsicheren Blick zu. "Clanführer!" wandte er leise ein. "Es ist der große alte Sabresh." Tarkin schloß die Augen, und einen kurzen Moment lang glaubte Intral, er werde ihn dazu auffordern, sich noch ein zweites Mal auf die Suche zu begeben. Dann öffnete Tarkin die Augen wieder. "Gehen wir!" sagte er rauh.
Die acht Zahnluumjäger hatten sich geschickt gegen den Wind angenähert und waren bereits dabei, den Kreis in weitem Bogen zu schließen, als der alte Sabreshbulle den Kopf hob. Sogleich setzte er sich in Bewegung und strebte auf den nahen See zu, während er in deutlicher Warnung den langen Schwanz hin und her schwingen ließ. "Laßt ihn nicht ins Wasser!" rief Tarkin den anderen zu, während er den Riesen in schnellem Lauf überholte. "Wir bekommen ihn dort nicht wieder heraus. Seid vorsichtig, die Reichweite des Schwanzes ist ein gutes Stück größer als üblich." Bereits im nächsten Augenblick hatten sich fünf Rhazaghaner vor das Ufer geschoben, was den Sabresh dazu bewog, ihnen in langsamer Drehung den Rücken zuzuwenden. Jedoch noch bevor er zum ersten Schlag ausholte, waren die Jäger zur Seite ausgewichen. Die Richtung zum Wasser war nun wieder frei, doch da es dem Tier nicht möglich war, sich rückwärts zu bewegen, mußte es sich abermals drehen, um seinem Ziel die Front zuzuwenden. Sogleich fand es seinen Weg wieder von den Rhazaghanern versperrt, die sich jedoch einzig darauf beschränkten, das Ufer abzuriegeln und ansonsten nicht die geringste Neigung zum Angriff zeigten. Noch zweimal wiederholte sich der Vorgang, ohne daß es dem Sabresh gelang, sich weiter dem Wasser anzunähern. Es wirkte wie ein sorgfältig einstudiertes Spiel; das Tier drehte sich und die Rhazaghaner zogen sich zurück, worauf sich der Riese abermals drehte, um das Ufer erneut besetzt zu finden. Schließlich verharrte der alte Sabresh und äugte unsicher zu den Rhazaghanern hinüber, die wiederum vor ihm Aufstellung bezogen hatten. Es war deutlich zu merken, daß ihn die Situation verwirrte. Mehrmals wandte er unruhig den Kopf hin und her, dann drehte er sich um und bewegte sich nach Osten. "Folgen wir ihm!" seufzte Tarkin. "Wir dürfen nicht zu nahe aufrücken, sondern ihn nur langsam treiben. Wenn wir vorsichtig sind, werden wir die Richtung halten können."
Den Angriff des Atalans erlebten sie von der Höhe der Abbruchkante aus. Tarkin knirschte vor Schmerz mit den Zähnen, als das Raubtier seine Beute am Hals packte und niederriß. Intral sah nach unten und seufzte. "Schade, einen Moment lang glaubte ich, der Alte würde es schaffen. Auf dem ganzen Weg hierher hatte ich die Hoffnung gehegt, er würde sich als der Stärkere erweisen." Tarkin schüttelte bekümmert den Kopf. "Er hatte keine Chance. Er war durch uns abgelenkt und irritiert, die Situation hat ihn einfach überfordert. Es war ihm gar nicht mehr möglich, sich auf diesen Angriff vorzubereiten." Malukan nickte nachdenklich. "Ja, es ging viel zu schnell. Enorm, wie sie beschleunigt hat, die Berichte darüber sind keinesfalls übertrieben. Was schätzt du, wie schnell sie werden kann, Clanführer Tarkin?" Tarkin starrte auf das Bild, das sich ihm bot. "Das werden wir sehen!" antwortete er leise. Später zogen sich die Jäger ein Stück vom Rand zurück, ließen sich nieder und unterhielten sich in gedämpftem Tonfall. Nach einer Weile erhob sich Tabantani und ging hinüber zu Tarkin, der noch immer an der alten Stelle stand und kummervoll nach unten blickte. Das Reißen und Krachen war bis zu ihnen herauf zu hören. Die Rhazaghani legte ihm die Hand auf die Schulter. "Komm, setz dich mit hinüber zu uns, Tarkin!" forderte sie ihn freundlich auf. "Es wird noch eine Weile dauern, bis wir tätig werden können, und bis dahin solltest du dir Ruhe gönnen. Vergiß nicht, daß noch Arbeit auf uns wartet!" Tarkin nickte langsam. "Du hast recht, die Hauptsache bleibt noch zu tun. Soll sie sich also am Tisch der Vari gründlich den Bauch vollschlagen! Danach werden wir gehen und prüfen, wie sie ihre Mahlzeit vertragen hat." Er wandte der Abbruchkante den Rücken zu, um sich gemeinsam mit Tabantani zu den anderen zu setzen. Während sie eine Kleinigkeit zu sich nahmen, unterhielt Malukan die Runde mit Erzählungen von seinen Reisen, worauf Tabantani eine Jagdgeschichte zum Besten gab. Hin und wieder erhob sich einer von ihnen, ging zur Kante und überprüfte den Stand der Dinge, bis schließlich Shyldrim mit der Meldung zurückkehrte, die Atalanin hätte sich im Schatten einer kleinen Baumgruppe niedergelassen. Auf diese Nachricht hin sprang Tarkin auf und eilte zum Rand. Er wußte, daß ihnen nicht mehr viel Zeit blieb, denn die Sonne neigte sich allmählich gegen Abend, und ohne Tageslicht würde ihr Vorhaben nicht mehr durchzuführen sein. Tatsächlich lag die Atalanin in einiger Entfernung an einen Stamm gelehnt und schien zu schlafen. "Hast du dir also deinen Wanst gefüllt!" murmelte Tarkin. "Allerdings werden wir dir nicht viel Zeit zum Verdauen geben." Kurz darauf wechselte er in die Schwinge und segelte im Gleitflug nach unten. In der Nähe des Kadavers setzte er auf und spähte zur Atalanin hinüber. Sie lag auf der Seite und gab im Schlaf ein grollendes Stöhnen von sich. Es war gut erkennbar, wie sehr ihr Leib von dem üppigen Fraß angeschwollen war. Tarkin holte tief Luft und wechselte in die Steppenluum. Dann trabte er langsam und geräuschvoll auf die Überreste des Sabresh los, als wäre er ein dreister Aasfresser, der gekommen war, um seinen Anteil einzufordern. Nach der Hälfte des Weges verharrte er und warf dem immer noch schlafenden Raubtier einen wachsamen Blick zu. Auf der Stelle spürte er, wie sein Herz die Schlagfrequenz erhöhte und ihm der Schweiß ausbrach. Seine sämtlichen Urinstikte lehnten sich entsetzt gegen seine augenblickliche Gestalt auf, hielten ihm seine Chancenlosigkeit vor Augen und verlangten von ihm, er möge eine wehrhaftere Form annehmen. Die Steppenluum war Tarkins bevorzugte Gestalt, in ihr hatte er sich von Anfang an zuhause gefühlt, aber nun mußte er zu seiner Bestürzung feststellen, daß es ihn ungeheure Überwindung kostete, diese Form beizubehalten. Während er widerstrebend seinen Weg fortsetzte, kam ihm die sorgenvolle Frage in den Sinn, ob es den anderen gelingen würde, ihre Natur zu überwinden, oder ob sie dem machtvollen Drang in ihrem Inneren folgen würden. Zum ersten Mal verstand er, warum es noch kein Rhazaghaner gewagt hatte, diesen Weg zu beschreiten. Langsam näherte sich Tarkin dem, was einmal der alte Sabresh gewesen war und zwang sich dabei, sich mit möglichst viel Lärm vorwärts zu bewegen. Endlich ging ein Zucken durch den Leib der Atalanin. Sie wälzte herum und hob den Kopf, um zu ihm hinüberzuäugen. Tarkins gesamter Körper bereitete sich auf sofortige Flucht vor, doch das übersatte Raubtier schien nicht geneigt, seinen komfortablen Schlafplatz zu verlassen. Es schnaufte und führte eine scheuchende Bewegung mit seinem gepanzerten Schädel aus, dann nahm es wieder seine Ruhestellung ein. Der Rhazaghaner wartete vergeblich auf eine weitere Reaktion seiner Gegnerin, und seine Zweifel an der Durchführbarkeit des Vorhabens wuchsen ins Unerträgliche. Schließlich stampfte er wutentbrannt mit dem Huf auf. "So nicht, meine Schöne!" schrie er hinüber. "Du setzt dich jetzt in Bewegung, ansonsten wirst du dabei zusehen müssen, wie sich ein Rhazaghaner an deinem Fraß beteiligt." Dann sprang er vorwärts und begann mit dem Mut der Verzweiflung an dem Fleisch des alten Sabresh zu zerren. Das half. Die Atalanin hob fauchend den Kopf, und ehe Tarkin sich versah, griffen die beiden muskulösen Hinterbeine nach vorn und begannen, den schweren Leib in die Höhe zu stemmen. Tarkin nahm sich nicht die Zeit, die weiteren Vorgänge zu beobachten. Panikerfüllt warf er sich herum und jagte nach Südosten, in die Richtung, in der nur wenig Bäume und Strauchwerk seine Flucht behinderten. Gleich darauf nahm er hinter sich die stampfenden Tritte der Atalanin und ihre schnaubenden Atemzüge wahr, und nur der Gedanke an seine zuschauenden Jagdgenossen hielt ihn davon ab, entsetzt die Ohren anzulegen. Das Raubtier mußte ungeheuer schnell zu ihm aufgeschlossen haben. Der Rhazaghaner legte all seine Kraft in die Beschleunigung und jagte nun in halsbrecherischem Tempo vorwärts, in der verzweifelten Hoffnung, daß nirgendwo der Bau eines Kralips unter seinem Huf nachgeben würde. Ein Sturz in dieser Situation würde gleichbedeutend mit dem Ende sein, das wußte Tarkin, und dennoch blieb ihm nichts anderes übrig, als dem federnden Boden zu vertrauen. Schließlich beschränkte sich seine ganze Wahrnehmung nur noch auf seinen rasenden Herzschlag, das vorbeischießende Strauchwerk und das Trommeln seiner Hufe, bis ihm auffiel, daß das entsetzliche Zischen hinter ihm verstummt war. Unter Aufbietung seiner gesamten Selbstbeherrschung drosselte er sein Tempo, dann erst hielt er an und sah zurück. Weit hinten in erheblicher Entfernung sah er die Atalanin stehen, die böse zu ihm herüberäugte. Selbst von seinem Standort aus konnte er erkennen, wie heftig sich ihre Flanken hoben und senkten. "Sollte das hier schon alles gewesen sein?" dachte Tarkin verblüfft. Dann beobachtete er, wie das Raubtier zu seinem Schlafplatz zurückkehrte und sich erneut niederließ. Langsam drehte er sich um und trabte zurück. Die Atalanin mochte wieder ihre Ruhestellung eingenommen haben, doch er wußte, daß die orangefarbenen Augen ihn nun wachsam beobachteten. Als er erneut auf den Kadaver zusteuerte, erklang ein dumpfes Grollen, das um so mehr an Höhe und Lautstärke gewann, je weiter er sich dem Fleisch näherte, und das sich schließlich in ein wütendes Heulen verwandelte. Tarkin fuhr das drohende Geräusch bis in die Knochen, doch dieses Mal empfand er weitaus mehr Zuversicht, als er sich über die blutigen Überreste des Sabreshschwanzes beugte. Augenblicklich schoß die Atalanin in die Höhe, um auf ihn loszustürmen. Der Rhazaghaner wirbelte herum und ergriff die Flucht, war jedoch diesmal gefaßt genug, um noch beobachten zu können, daß sich das Raubtier träger als bei seiner Jagd bewegte. Wieder hetzte er mit enormer Geschwindigkeit über das Land, während er sich bemühte, den Abstand seiner Verfolgerin einzuschätzen. Gleich darauf stellte er anhand der leiser werdenden Zischlaute fest, daß das Raubtier weit zurückgefallen sein mußte. Daraufhin verlangsamte auch er und blieb schließlich stehen. Die Atalanin hatte angehalten. Diesmal zeigte sie sich jedoch nicht gewillt, sich wieder in den Schatten der Bäume zurückzuziehen; stattdessen ließ sie sich in unmittelbarer Nähe des Kadavers nieder, um den lästigen Schmarotzer im Auge behalten zu können. Tarkin wußte jetzt, daß er dem Raubtier auf freier Strecke an Schnelligkeit deutlich überlegen war, allerdings würde es schwer für ihn werden, noch ein weiteres Mal in die Nähe des Fleisches zu gelangen. Die Atalanin lag halb aufgerichtet da und verfolgte jede Bewegung des Rhazaghaners. Die furchtbaren Kiefer mahlten geräuschvoll, und hin und wieder ging ein beunruhigendes Zucken durch die Muskelstränge der gewaltigen Hinterbeine. Noch niemals in ihrem Leben hatte sie so große Beute geschlagen, und sie war nicht bereit, sie mit diesem lästigen kleinen Vierbeiner zu teilen. Tarkin näherte sich nun in weitem Bogen, während er wachsam die Reaktionen seiner Gegnerin beobachtete. Er konnte förmlich spüren, wie sie sich zum Angriff bereit machte. Der Atem der Atalanin ging rasch und schnaufend, dann verstärkte sich das Muskelzucken und der mächtige Schädel begann sich zu senken. Noch bevor Tarkin sich abermals zur Flucht wenden konnte, bemerkte er im Augenwinkel einen Schatten, der auf der entgegengesetzten Seite des Kadavers niedersegelte. Nach einem Aufblitzen erschallte von drüben Tabantanis schriller Jagdschrei und ließ den Kopf des Raubtieres herumfahren. "Haiii-jiiiih, Atalanin! Schau her, was ich mit deiner Beute mache! Komm herüber und reiß mich in Stücke, wenn du deinen trägen Bauch noch tragen kannst!" Das Raubtier stemmte sich hoch, und nun erlebte Tarkin das bisherige Schauspiel von der Gegenseite aus. Er sah die Atalanin zum Angriff übergehen, während die Rhazaghani einen Bogen schlug und zur freien Seite hin davonstürmte, dabei schauderte es ihn, wie schmal und zierlich die große Tabantani gegen ihre ungeschlachte Verfolgerin wirkte. Einen entsetzlichen Moment lang schien ihre Distanz zu schrumpfen, dann hatte die Atalanin ihre Endgeschwindigkeit erreicht, während die Flüchtende weiterhin beschleunigte und nun deutlichen Abstand gewann. Dennoch setzte das erboste Raubtier seine Verfolgung noch ein Stück fort, bevor es schließlich anhielt, um der Rhazaghani schnaubend und bebend hinterherzusehen. Als es sich umwandte, hatte sich Tarkin bereits wieder über den Sabresh hergemacht, dessen klaffende Bauchhöhle mittlerweile von Aasspinnen nur so wimmelte. An dieser Stelle fingen die Ereignisse an, sich zu überschlagen. Noch bevor die Atalanin ihre Beute erreichen konnte, war Malukan aufgetaucht, kreuzte kühn ihren Weg und ließ sie seine Verfolgung aufnehmen. Gleichzeitig begannen drei der übrigen Jäger an verschiedenen Stellen des gewaltigen Kadavers zu reißen. Mit einem wütenden Aufheulen stürzte die Atalanin heran, schnappte hierhin und dorthin, wirbelte herum, um ihre davonjagenden Gegner zu packen, bekam aber keinen zu fassen. Zu groß war ihre Beute, um sie zuverlässig vor den flinken Rhazaghanern schützen zu können. Sobald sie einem Flüchtenden nachjagte, machten die übrigen kehrt, lenkten von dem Verfolgten ab oder stellten sich wieder beim Fleisch ein. Kreuz und quer ging die Jagd an den Überresten des alten Sabresh vorbei, und Tarkin beobachtete besorgt, daß die ersten seiner Jäger vom Übermut gepackt wurden. Shyldrim und Lakar galoppierten ein beträchtliches Stück an die vor Wut tobende Atalanin heran, bevor sie sich endlich herumwarfen und erneut Distanz zwischen sich und das Raubtier brachten. Tarkin jagte ihnen nach. "Du hattest recht, Clanführer!" rief Lakar begeistert, als er zu ihnen aufschloß. "Die Steppenluum ist bedeutend schneller als ein Atalan. Ein Kinderspiel, dieses vollgefressene Exemplar in Atem zu halten!" "Seid vorsichtig!" ermahnte Tarkin die beiden. "Der Leichtsinn hat leise Pfoten, aber einen weiten Rachen. Unser Feind ist schrecklich genug, ich will nicht auch noch gegen einen zweiten kämpfen müssen." Gleich darauf drehte er um und kehrte in die Nähe des Kadavers zurück, wo die übrigen Jäger noch immer in Bewegung waren. Die Atalanin hatte mittlerweile begonnen, vor Anstrengung zu keuchen. Hin und wieder hielt sie inne und ließ dabei hechelnd die Zunge sehen. Tarkin beobachtete sie noch einen Moment, dann wußte er, daß der Augenblick gekommen war. "Tabantani!" rief er lauthals. "Jetzt!" Die Rhazaghani nickte, dann beschleunigte sie, zog an ihm vorbei und setzte sich unmittelbar vor das Raubtier, welches soeben die Verfolgung des flüchtenden Intral abgebrochen hatte. Als es einen seiner Gegner so nah vor sich erblickte, heulte es siegessicher auf, um seine Kräfte noch einmal für eine Beschleunigung zu mobilisieren. Auch Tabantani beschleunigte, achtete jedoch darauf, direkt vor der dahinstürmenden Atalanin zu bleiben, die in ihrer Gier nicht mehr nach links oder rechts blickte. Endlich glaubte sie einen ihrer Peiniger in ihrer Reichweite, und nun richtete sie ihr ganzes Sinnen und Trachten darauf, diesen kleinen Quälgeist einzuholen und zu packen. Die nahe Witterung der Flüchtenden spornte sie an, machte sie rasend und ließ alles andere wie hinter einem Nebel verschwinden. Hinter ihr hatte Tarkin die Verfolgung aufgenommen. Während ihm das Blut in den Ohren rauschte, hörte er seinen Instinkt aufschreien, dies sei keine Beute sondern ein übermächtiger Räuber, vor dem ihn nur sofortige Flucht retten könne. Angestrengt konzentrierte er sich auf die Stimme seines Verstandes, die ihm immer wieder vorsagte, was zu tun war. Der lange gepanzerte Schwanz der Atalanin pendelte vor ihm hin und her. Wie im Traum sah er sich den beiden stampfenden, mit acht mörderischen Krallen bewehrten Beinen näherkommen, dann hatte er sie eingeholt. Im nächsten Moment befand er sich mit der Atalanin auf einer Höhe. Er wußte, daß er durch den Umwandlungsprozeß etwas Zeit verlieren würde, deshalb sah er sich gezwungen, noch ein kleines Stück Boden zu gewinnen. Dann war es soweit: Er wechselte mit unerreichter Geschwindigkeit in die Krallenluum und sprang. Als er auf Beckenhöhe aufkam, stellte er panikerfüllt fest, daß seine Gegnerin weiter an ihm vorbeigezogen war als berechnet. Ohne sich einen Moment zu besinnen, begann er den hornigen Rücken hinaufzujagen. Die erschöpfte Atalanin reagierte einen winzigen Augenblick zu spät. Als sie abbremste und sich zu schütteln begann, hatte Tarkin bereits ihr Genick erreicht und sich mit seinen Krallen seitlich an Kopf und Hals verankert. Während das Tier unter ihm wie rasend aufheulte, öffnete er seine Kiefer so weit es ihm möglich war. Dann packte er zu und begann zu reißen.
"Du hast gewonnen - oder?" hörte Nirrit die Stimme ihres Gefährten aus dem Hintergrund. Einen Moment sah sie hinüber zu den beiden Männern, dann wandte sie sich wieder Knut zu, der sich ihnen vor kurzem hinzugesellt hatte. "Wie geht es ihm?" fragte sie leise. Der Terraner zuckte die Achseln. "Frag mich etwas Leichteres! Er sagt nicht mehr viel, ist fast so schweigsam wie damals, als wir mit seiner Reparatur begannen. Hin und wieder versucht einer von uns, etwas Ermutigendes zu sagen. Er ist ein verdammt netter Kerl und tut uns allen leid." Nirrit nickte nachdenklich. "Und sie?" Knut atmete tief durch. "Wenn ich sie nicht besser kennen würde, müßte ich sagen, sie läuft zur Hochform auf. Sie flucht in einem fort und fragt nach Talan. Ich habe es nicht fertiggebracht, ihr zu gestehen, daß die beiden hier oben am Spielen sind, stattdessen habe ich behauptet, ihr Schiffsführer wäre mit der Organisation des Herbstmanövers beschäftigt. Sag ihr also um Himmels Willen nicht, daß ich sie angeschwindelt habe! Sie brächte es fertig, mich für immer in die nächstbeste Lifttür zu klemmen." Nirrits Augen suchten erneut den Horizont ab. "Mach dir keine Sorgen!" erwiderte sie abwesend. "Sie wird dir ohnehin kein Wort geglaubt haben." "Schon möglich!" Der Terraner schwieg. "Also, angenommen..." begann er schließlich von Neuem, "...angenommen, es käme dazu, daß das Regiment Rhazaghan tatsächlich verlassen müßte! Eigentlich wage ich gar nicht darüber nachzudenken, wie sie dann reagiert. Ich könnte mir aber vorstellen, daß Tybrang dann der erste Clanführer in der Geschichte Rhazaghans wäre, der es lieber nicht wagen sollte, den Hangar zu betreten, oder?" "So weit ist es noch nicht!" antwortete Nirrit mit einer gewissen Schärfe in der Stimme. Er nickte nur. Dann schaute er hinüber zu Aslari, die mit dem Rücken zu ihnen stand. "Was macht sie eigentlich?" fragte er leise. "Sie wartet! Wie wir alle! Was soll sie auch anderes tun?" Knut sah sie befremdet an. "Wie hält sie das aus? Ich meine, die meiste Zeit über steht sie nur so da und sieht hinaus auf die Ebene. Sagt kaum mal ein Wort! Die beiden da drüben beschäftigen sich ja wenigstens mit etwas, und du bist immer bereit, dich zu unterhalten. Aber sie...?" Nirrit seufzte. "Sie ist seine Gefährtin!" Sie sah flüchtig zu Aslari hinüber, doch schon im nächsten Augenblick erwachte ihre Aufmerksamkeit. Tarkins Gefährtin hatte die Hände auf die Brüstung gestützt und spähte angestrengt zum Horizont. Als Nirrit neben sie trat, streckte sie den Arm aus. "Dort draußen! Kannst du es sehen?" Nirrit kniff die Augen zusammen. Gleichzeitig kamen Talan und der Ingenieur heran. Sie schwiegen und schauten gemeinsam. "Ein Trupp Rhazaghaner! Steppenluum!" brachte Nirrit mit vor Aufregung heiserer Stimme heraus. "Aber ich kann noch nicht erkennen, wie viele es sind." "Fünf vielleicht! Oder sechs!" murmelte Rilkar. "Wahrscheinlich gehen sie auch zum Teil hintereinander." Sie starrten auf den kleinen Punkt, der sich dem Habitat kaum zu nähern schien. Dann geschah etwas. Er begann sich zu teilen. Ein noch winzigerer Punkt spaltete sich gut erkennbar ab, dann ein zweiter. Ein dritter. Ein vierter. Atemlos verfolgten die Zuschauer den Vorgang. Dann jubelte Aslari auf. "Acht! Es sind acht! Alle auf ihren eigenen Beinen! Tarkin gibt uns zu verstehen, daß sie es geschafft haben." Rilkar drehte sich zu seinem Freund um. Der Romulaner lachte. "Los, komm! Gehen wir ihn begrüßen! Wir sollten uns beeilen, unten wird es mit Sicherheit voll werden."
Pittoni befand sich in ihrer Unterkunft, als draußen ein Freudenschrei ertönte. Dann wurde es laut im Habitat. Lachen und Rufen wurde hörbar, zahlreiche Füße stürmten die Habitatstreppe hinab, und hin und wieder erklang neues Jauchzen. Pittoni lächelte. Sie konnte sich denken, wer sich da draußen dem Habitat näherte. Eilig verließ sie ihr Quartier und schloß sich dem Gedränge auf der Habitatstreppe an, dabei nahm sie zum ersten Mal halb unterbewußt war, daß ihr die Bewegungen keine Mühe mehr abverlangten. Mit dem Strom von begeisterten Rhazaghanern gelangte sie nach unten zur Eingangshalle, fand diese jedoch derart überfüllt, daß sie sich entschied, auf der letzten Treppe stehenzubleiben, die ihr einen guten Überblick über die Menge bot. Im nächsten Augenblick sah sie auch schon, wie das Portal weit aufgerissen wurde. Tageslicht strömte in die Halle, dann verdunkelte sich die helle Öffnung wieder. Die Menge drängte zurück, machte den Heimkehrenden Platz, die mit weiten Schritten in den Saal traten. Mitten unter ihnen erblickte Pittoni die dunkelrote Steppenluum des Clanführers, der auf seinem Rücken einen großen Gegenstand trug, welcher in eine grün und braun gezeichnete Tierhaut gehüllt war. Mehrere Rhazaghaner sprangen heran, lösten die Riemen, mit denen die Last auf seinem Rücken befestigt war und nahmen es ihm ab. Danach wurde das Aufblitzen sichtbar, mit dem der Clanführer in die Grundform zurückwechselte. Tarkin lachte, dann bückte er sich und verschwand einen Moment in der Menge. Gleich darauf erschien seine rote Haarmähne wieder, und die Terranerin erkannte, daß er im Begriff war, etwas anzuheben. Ganz offensichtlich handelte es sich um ein so großes und schweres Objekt, daß der Clanführer es nicht sofort zur Hochstrecke brachte, sondern es zunächst vor seine Brust wuchtete und so einen Augenblick verharrte. Dann stemmte er den Gegenstand in die Höhe und hielt ihn hoch über sein Haupt. "VARI!" donnerte sein Siegesruf durch den Saal. Ein einziger Jubelschrei war die Antwort. Ein Freudensturm brach los, und Pittoni ließ ihren nachdenklichen Blick über die anwesenden Romulaner wandern, die ihre Fäuste ebenso begeistert wie die Rhazaghaner in die Höhe reckten. Direkt hinter ihr erklang ein entsetztes Keuchen. "Wo sind wir hier eigentlich hingeraten?" ächzte die Stimme. "Das ist der Kopf eines Tyrannosaurus... oder eines Allosaurus... oder... oder..." "...oder jenes Tieres, welches ihre hiesige ökologische Nische einnimmt." ergänzte Pittoni, ohne sich umzuwenden. Sie hatte die feste Absicht, sich dieses urwüchsige Bild, das sich ihr gerade bot, für immer in ihr Gedächtnis einzuprägen. "Seien Sie ehrlich, Lieutenant Rowland: Sie haben sich mein Informationsblatt immer noch nicht durchgelesen, nicht wahr?"
Als sich Nirrit gemeinsam mit Rilkar und dem Romulaner einen Weg durch die Menge gebahnt hatte, war Tarkin gerade dabei, seine Gefährtin in die Arme zu schließen. Der neben ihm stehende Intral wandte sich zu ihr um. "Du hättest Tarkin sehen sollen, Nirrit!" rief er freudig. "Er stürmte den Rücken des Atalans hinauf und krallte sich an seinem Hals fest. Dann packte er seinen zweiten Wirbel und brach ihm das Genick. Ich wollte zunächst meinen Augen nicht trauen, als sich Tarkin neben dem zusammengebrochenen Räuber vom Boden erhob." Tarkin richtete sich auf und tastete mit einer Grimasse nach seinem Unterkiefer. "Ganz so einfach wie Intral die Angelegenheit schildert, war es eigentlich nicht. Ich hatte schon geglaubt, der Wirbel würde sich als zu kräftig für meine Kinnlade erweisen. Glücklicherweise kam die Atalanin nicht auf die Idee, sich auf dem Boden zu wälzen, das gab mir die Zeit, die ich für die Sache brauchte." Malukan hob beide Arme in die Höhe. "Kein Clanführer wie Tarkin der Jäger und kein Jäger wie Tarkin von den Vari!" rief er lauthals in die Menge, worauf sich erneuter Jubel erhob. Blitzschnell machte das Wort die Runde, und Tarkin begann zu lächeln. Dann stand unversehens Tybrang vor ihm. Der bernsteinfarbene Rhazaghaner schüttelte fassungslos den Kopf. Mehrmals öffnete und schloß er den Mund, ohne etwas sagen zu können. "Damit gehst du in die Jagdgeschichte von Rhazaghan ein!" brachte er schließlich heraus. Daraufhin drehte er sich um und verschwand ohne ein weiteres Wort in dem begeisterten Tumult, der rings um sie herrschte.
"Ich weiß nicht wie es Ihnen geht," bemerkte Malewitsch zufrieden, "aber ich fühle mich auf dieser Feier bedeutend wohler als auf der letzten." Pittoni verdrehte gequält die Augen. "Bitte tun Sie mir einen Gefallen, und erinnern Sie mich nicht mehr daran! Allein bei dem Gedanken, was für Vermutungen ich damals gehegt habe, könnte ich in den Boden versinken. Zu jenem Zeitpunkt hätte ich es nie für möglich gehalten, daß mir die Sorge um den Clanführer einmal schlaflose Nächte bereiten würde." Malewitsch sah zu Tarkin, der zwischen seinen Jägern auf der gegenüberliegenden Seite saß. "Ja, ich muß zugeben, daß die gedrückte Stimmung der letzten Tage überaus ansteckend wirkte. Überhaupt habe ich das Gefühl, daß unsere Leute nach und nach eine gewisse Bindung an das Habitat und seine Bewohner entwickeln, meinen Sie nicht auch?" "Nicht nur sie!" Pittoni wies mit dem Kopf zu einigen in der Nähe sitzenden Romulanern. "Sie hätten heute morgen in der Halle sein sollen, Konstantin! Die Begeisterung, die ich bei den Angehörigen des Regiments beobachtet habe war echt, da gibt es gar keinen Zweifel. Ganz offensichtlich sind unsere angeblich so kriegerischen Romulaner drauf und dran, sich an das hiesige Leben anzupassen." Ihr erster Offizier nickte nachdenklich. "Ja, seltsam! Eine derartige Verhaltensweise hätte ich von Romulanern niemals erwartet. Was schätzen Sie, wodurch diese Entwicklung verursacht wurde?" "Wer weiß? Sicherlich hat der Umstand, zum ersten Mal als Freunde und nicht als feindliche Invasoren betrachtet zu werden, einiges dazu beigetragen. Außerdem ist die Anpassungsfähigkeit von Humanoiden geradezu sprichwörtlich." Sie lächelte verschmitzt. "Können Sie voraussagen, was für Gewohnheiten wir während unseres Aufenthaltes hier noch annehmen werden, Konstantin?" Er sah sie überrascht an. "Also wenn Sie jetzt von mir erwarten, demnächst zusammen mit unseren Gastgebern hinauszugehen und bei der Erlegung eines solchen Tieres zu helfen, muß ich Sie enttäuschen, Captain! Der Bursche da drüben sieht mir ganz so aus, als würde er mit einem Terraner kurzen Prozeß machen." Beide sahen zum Haupt der Atalanin, dem man eine Art Ehrenplatz inmitten der Jäger eingeräumt hatte. Sie schwiegen einen Moment. "Wie hat Ihnen die Jagddarstellung gefallen?" erkundigte sich Pittoni schließlich. "Sehr eindrucksvoll, nicht wahr?" Malewitsch hob die Brauen. "Und ob! Der Clanführer hatte die Zeichnung des Tieres wirklich sehr naturgetreu kopiert, auch wenn die Färbung nicht stimmte. Sehr anschaulich auch die Szene, als er sich aufbäumte und die Kleinste der Jägerinnen seinen Rücken hinaufjagte. Daß er den Sturz unbeschadet überstanden hatte, konnte ich einen Moment lang kaum glauben." Pittoni nickte zu dem furchteinflößendem Schädel hinüber. "Nun, dieses Tier hat es jedenfalls nicht, soviel steht fest. Nach dem, was man uns gezeigt hat, muß es sogar schon tot gewesen sein, bevor es auf dem Boden aufschlug. Ein gewagter Plan, es auf diese Weise zu versuchen, aber offensichtlich führte er zum Erfolg. Wenn ich recht verstanden habe, ist es das erste Mal, daß eine solche Jagd ohne Todesfälle ausging. Wir sind indirekte Zeugen eines bedeutenden Ereignisses, Konstantin!" Im nächsten Augenblick beugte sich Aslari zu ihnen herunter. Sie lächelte. "Captain! Commander! Die ersten Ausgesandten sind zurück und haben von dem Fleisch mitgebracht. Mein Gefährte legt Wert darauf, daß Sie zwei von den ersten Portionen erhalten. Sie sind eigens für Sie zubereitet und erhitzt worden." Pittoni und Malewitsch nahmen die Teller dankend entgegen und warfen einen Blick darauf. Die beiden Fleischstücke kamen in ihrem Aussehen gewöhnlichen Steaks recht nahe, allerdings ging ein beunruhigender Geruch von ihnen aus. Nach der ersten Kostprobe, die sich als außerordentlich mühsam erwies, wandten die Terraner die Köpfe und sahen einander an. Gleich darauf fiel ein Schatten auf sie. Als Pittoni aufblickte, erkannte sie den Clanführer, der direkt vor ihr in die Hocke ging. "Nun, Captain!" wandte er sich freundlich an sie. "Eines der ersten Stücke von unserer Jagdbeute. Darf ich fragen, wie es Ihnen schmeckt?" Pittoni schaute den Clanführer an, in dessen Augen es verräterisch funkelte. Einen Moment lang blieb sie stumm, dann beschloß sie, auf jegliche Diplomatie zu pfeifen. Sie holte tief Luft. "Bei allem Respekt, Clanführer!" begann sie. "Aber dies ist mit Sicherheit das widerwärtigste und zäheste Stück Fleisch, das ich je in meinem Leben gekostet habe. Eine verschwitzte Schuhsohle ist zweifellos eine Delikatesse dagegen. Wenn Sie von mir erwarten, auch nur ein einziges weiteres Mal in dieses Ding zu beißen, so tut es mir furchtbar leid, Sie enttäuschen zu müssen. Ich sehe mich beim besten Willen nicht in der Lage, das hier zu essen." Tarkin warf den Kopf in den Nacken und lachte schallend. Dann wandte er sich mit einem Schmunzeln wieder Pittoni zu. "Machen Sie sich keine Sorgen! Ich wollte Ihnen wenigstens Ihren Anteil zugestehen, auch wenn ich schon vermutet hatte, daß Ihnen das Atalanfleisch nicht zusagen würde." Er drehte den Kopf und Pittoni folgte seinem Blick. In geringer Entfernung saß Talan und zeigte ein vergnügtes und etwas schadenfrohes Lächeln. "Als der Kommandant seinen ersten Tirst erlegte, war er über seine Trophäe überaus erfreut, aber das Fleisch lehnte er rundheraus ab." erläuterte Tarkin. "Von daher war ich recht sicher, daß auch Sie kein Gefallen an einer solchen Mahlzeit finden würden. Vielleicht muß man Rhazaghaner sein, um dieses Fleisch zu mögen. Machen Sie sich nichts daraus, Captain! Wir haben Naripah und Kaja-Rücken für unsere Gäste vorbereitet, schließlich geht es nicht an, daß Sie diese Feier mit hungrigem Magen verlassen müssen."
Talan hatte den kleinen Spaß, den sich sein Jagdlehrer mit den Terranern erlaubt hatte, mit Erheiterung verfolgt. Nun beobachtete er, wie sich Tarkin noch einen Moment zu Pittoni setzte, sich mit ihr unterhielt, lachte, scherzte und Fragen beantwortete. Es bereitete ihm keine Mühe, die Freude und Erleichterung des Rhazaghaners nachzuempfinden. Am Tag vor dem Aufbruch des Jagdtrupps hatte er Tarkin noch einmal in seiner Unterkunft aufgesucht und dabei festgestellt, daß dieser gerade damit beschäftigt war, die Clanchronik wieder auf den aktuellen Stand zu bringen. Der Romulaner hatte sofort begriffen, was vorging: Tarkin wollte es unter allen Umständen vermeiden, diese Arbeit seinem Nachfolger zu hinterlassen. Danach wußte Talan, daß der Rhazaghaner seine ruhige Zuversicht lediglich vortäuschte. Tarkin plagten schwere Zweifel bezüglich seines Planes; er wußte, daß er ein hohes Risiko einging, und nun bereitete ihm der Gedanke an die Zukunft der Vari Sorgen. Etwas später verließ ihn Talan mit dem bedrückenden Gefühl, einen Sterbenden beobachtet zu haben. Doch nun war Tarkins Lebensfeuer wieder erwacht. Als man wenig später Pittoni und ihrem ersten Offizier zwei Teller mit Kaja-Fleisch brachte, erhob er sich und hielt wieder auf seinen Platz zwischen den anderen sieben Jägern zu. Dabei wandte er kurz den Kopf, um seiner vorbeigehenden Gefährtin einen glühenden Blick zuzuwerfen. Aslari verharrte einen Moment und antwortete mit einem verheißungsvollen Lächeln. Talan schmunzelte. Mochten sich die beiden Rhazaghaner im nahen Hochsommer auch voneinander fernhalten, so war es doch sehr unwahrscheinlich, daß Tarkin in der kommenden Nacht allein auf seinem Lager sein würde. Nach der unerträglichen Wartezeit war es wohltuend, die allseitige Lebensfreude zu spüren. "Sie mögen ihn, nicht wahr?" hörte Talan unvermittelt eine Stimme neben sich. Noch bevor er aufblickte, wußte er, wer sich ihm genähert hatte. Die Worte hatten lediglich eine ruhige, kühle Feststellung zum Ausdruck gebracht. T'Alai stand kerzengerade da und hatte die Hände auf den Rücken gelegt. Nichts an ihr erinnerte an die schockierte junge Frau, die tropfnaß vor ihm gestanden hatte. Talan fühlte eine Welle des Ärgers in sich aufsteigen. Nach dem Vorfall im Wasserbereich hatte er die Vulkanierin nicht mehr gesehen. Obwohl er diesen Umstand zum Teil bedauerte, konnte er nicht anders, als innerlich darüber zu frohlocken. T'Alais Ausbleiben schien ihm ein unwiderlegbarer Beweis, daß es ihr schwer zu schaffen machte, vor ihrem Studienobjekt die Fassung verloren zu haben. Offenbar sah sie sich im Moment nicht in der Lage, ihm mit ihrer gewohnten Würde zu begegnen, und so hatte Talan voller Spannung die künftigen Ereignisse abgewartet. Nun allerdings stand ihm eine Frau gegenüber, die geradezu als Musterbeispiel für Gleichmut und vulkanische Rationalität hätte dienen können. "Ganz recht, ich mag ihn!" erwiderte er mit einer gewissen Schärfe in der Stimme. "Wahrscheinlich möchten Sie meine emotionelle Einstellung nun zum Anlaß nehmen, mir einen Vortrag über Zurückhaltung und vulkanische Überlegenheit zu halten, richtig?" T'Alai sah schweigend auf ihn hinunter, ohne auf seinen indirekten Angriff einzugehen. "Wären Sie bereit, mir Ihre atypische Sympathie für einen nicht-Romulaner zu erklären?" fragte sie dann. Einen winzigen Moment lang stand Talan kurz vor einer Explosion. Im nächsten Augenblick spürte er jedoch, wie sich eine sonderbare Ruhe in ihm ausbreitete. "Der vulkanische Wissensdrang, natürlich!" nickte er. "Gut, meinetwegen, ich bin bereit, Ihre Neugier zu befriedigen. Allerdings würde ich vorschlagen, daß wir zu diesem Zweck mein Quartier aufsuchen. Oder ist zu befürchten, daß Ihnen eine solche Situation Unbehagen verursacht?" fügte er spöttisch hinzu. T'Alai schien kurz zu überlegen. "Ihr Vorschlag ist akzeptabel." erwiderte sie daraufhin. Als beide wenig später in der Unterkunft des Romulaners eintrafen, richtete die Vulkanierin ihre Aufmerksamkeit sofort auf die prächtige Tirsthaut, die an der Wand schillerte. Etwas derartiges hatte sie bisher auf den Föderationsebenen nicht bemerken können. Interessiert trat sie heran und ließ prüfend ihre Hand über den Schlitz in der Halsgegend gleiten. "Dieses Tier wurde nicht mit Hilfe von Zähnen zur Strecke gebracht." stellte sie sachlich fest. "Das haben Sie ganz richtig erkannt!" hörte sie Talans Stimme hinter sich. "Der Todesstoß erfolgte hiermit!" Sie drehte sich um und sah den Romulaner einige Schritte entfernt stehen. Auf den Händen hielt er eine lange, primitive Stichwaffe, die dennoch einen gefährlichen Eindruck machte. Fasziniert trat T'Alai näher, während Talan sie ernst beobachtete. "Ein Fechtstock, mit Hilfe einer geschliffenen Duraniumspitze zum Jagdspeer umgearbeitet." registrierte sie halblaut. "Darf ich mir Ihre Waffe näher ansehen?" Schweigend übergab ihr Talan sein Jagdgerät, das von der Vulkanierin aufmerksam betrachtet wurde. "Bemerkenswert!" Sie sah die lange Schneide entlang. "Bisher war ich der Ansicht, es existierten keine Waffen auf Rhazaghan." "Normalerweise nicht!" Der Romulaner nahm seine Lanze wieder entgegen. "Ich hatte sie mir eigens von der Clanführerversammlung genehmigen lassen müssen. Man gestattete mir ihren Besitz unter der strengen Auflage, sie ausschließlich zu Jagdzwecken zu verwenden." "Offenbar bringt man Ihnen eine Menge Vertrauen entgegen. Die Waffe ist sorgfältig gefertigt und sicherlich von durchschlagender Wirkung. Dennoch halte ich es für außerordentlich leichtsinnig von Ihnen, mit dem Ehrgeiz, es den Einheimischen gleichtun zu wollen, das Habitat zu verlassen." Talan lächelte selbstbewußt. "Das Risiko ist kalkuliert! Immerhin habe ich den besten Jäger von Rhazaghan zum Lehrer. Wenn Tarkin jemanden schult, überläßt er nichts dem Zufall." Die Vulkanierin setzte sich und betrachtete ihr Gegenüber erwartungsvoll. "Womit wir bei meiner Bitte um Auskunft wären." Talan nickte langsam. "Richtig, ich versprach, Ihren Wissensdurst zu stillen." Bevor er an den Replikator trat, um sein gewohntes Getränk zu replizieren, warf er einen Blick über die Schulter. "Ich biete Ihnen keinen Alkohol an, da mir die vulkanische Einstellung zu solchen Getränken bekannt ist. Wünschen Sie sonst etwas?" "Ich habe momentan keine Flüssigkeitsaufnahme nötig, vielen Dank!" "Wie Sie meinen!" Er kehrte mit einem Glas in der Hand zurück und ließ sich ihr gegenüber nieder. "Der Anfang, mal sehen!" Er überlegte kurz. "Ich denke, es genügt für Sie zu erfahren, daß dieses Regiment vor einiger Zeit auf einem Planeten in der neutralen Zone stationiert war. Durch einen Zwischenfall wurden wir eines Tages von einem Schiff der Föderation geortet und gerieten in Gefangenschaft, während unsere Arbeitssklaven die Freiheit zurückerhielten. Unter ihnen befanden sich zwei Personen, die rein zufällig in unsere Gewalt geraten waren: Ein Cardassianer und eine Rhazaghani." T'Alai nickte. "Der vermeintliche Entführungsfall damals." "Ach so, Sie wissen! Nun, ich hätte mir eigentlich denken müssen, daß sich jemand wie Sie nicht mit dem allgemeinen Informationsmaterial über Rhazaghan begnügt. Wahrscheinlich ist Ihnen auch bekannt, daß es sich bei dem Schiff, welches uns entdeckte und anschließend aufnahm, um Tarkins Narhamak handelte." "Das ist korrekt!" "Gut! Dann kennen Sie wahrscheinlich auch die Namen der beiden erwähnten Personen." "Ich gehe wohl richtig in der Annahme, daß es sich um Ingenieur Rilkar und Beraterin Nirrit handelt." Sie betrachtete ihn neugierig. "Da Sie offenbar mit beiden eine recht enge Freundschaft verbindet, vermute ich, daß sich in Ihrem Lager einige interessante Vorgänge abgespielt haben." "Schon möglich!" räumte Talan mit grimmigem Lächeln ein. "Aber Sie haben nun einmal nach Tarkin gefragt, nicht wahr? Von daher würde ich es vorziehen, beim Thema zu bleiben." Er lehnte sich zurück und fuhr mit seinem Bericht fort. "Zum Zeitpunkt jener Ereignisse nahm Tarkin noch nicht die Position des Clanführers ein, doch er besaß bereits großen Einfluß unter den Vari. Und da er zu der Ansicht gelangte, seine Clanschwester wäre gut behandelt worden, begegnete man uns an Bord der Sternschwinge auf außerordentlich wohlwollende Art und Weise. Außerdem verstand es Tarkin, bei der Föderation ein gewichtiges Wort für uns einzulegen, was dann auch zu unserer raschen Entlassung in die Heimat führte. Und dann kam der Krieg. Die Föderation verlor bald an Boden und nach einem weiteren Einbruch der Linien stellte man fest, daß der rhazaghanische Sektor gefährdet war. Anstatt sich jedoch endlich des Bündnisses würdig zu erweisen, tat die Föderation das, was sie auch in der Vergangenheit getan hatte: Sie räumte Rhazaghan eine äußerst niedrige Priorität ein. Zu allem Überfluß forderte man die Rhazaghaner dazu auf, den Schutz des betroffenen Sektors selbst zu übernehmen und damit der Sternenflotte den Rücken freizuhalten. Offenbar war man über die rhazaghanische Bevölkerungszahl selbst nach all den Jahren noch nicht informiert und hatte nicht die geringste Vorstellung, was man den Rhazaghanern hier abverlangte. Tarkin erinnerte sich an uns und machte den Vorschlag, unser Regiment nach Rhazaghan zu holen. Er wußte, daß ich mittlerweile zum kommandierenden Offizier befördert worden war, und aus irgendeinem Grund hielt er mich für vertrauenswürdig. Allerdings gelang es ihm zunächst nicht, die Clanführer von seiner Idee zu überzeugen. Das änderte sich erst, als die Jem'Hadar den Planeten angriffen. Wer weiß, wie die Schlacht ausgegangen wäre! Kaum eine Sternschwinge verfügte damals über aggressives Potential, und einzig die Arrhinia D'jah besaß direkte Kampferfahrung. Glücklicherweise kam Tarkin auf den kühnen Gedanken, seine formwandlerischen Fähigkeiten einzusetzen, um sich vor den Kriegern des Dominion als Gründer auszugeben. Der Erfolg war durchschlagend: Die Jem'Hadar zogen unverzüglich ab. Rhazaghaner besitzen eine friedliche Natur und stehen Gewalt normalerweise ablehnend gegenüber. Haben sie sich jedoch erst einmal zu diesem Schritt entschlossen, können sie erstaunlich konsequent sein. Dieser Punkt war nun erreicht. Die Schlacht hatte dreihundertundachtundzwanzig Personen das Leben gekostet. Um zu begreifen, was das für einen Rhazaghaner bedeutet, muß man eine gewisse Zeit hier gelebt haben. Es war der größte Schicksalsschlag seit der Katastrophe auf der Arrhinia D'jah. Um es kurz zu machen: Man schickte uns hierher. Die Ausbildungszeit lief relativ reibungslos ab, und wir hatten bereits die Hoffnung, dem nächsten Schlag des Dominion zuvorkommen zu können, als etwas passierte, womit niemand gerechnet hatte: Tarkin fiel den Gründern in die Hände." T'Alais Augen hatten sich kaum merklich geweitet. "Ich verstehe!" sagte sie leise. "Durch seine geglückte Irreführung der Jem'Hadar mußte er sich unweigerlich den Haß der Formwandler zugezogen haben. Wahrscheinlich hatte sie der Vorfall in nicht unerhebliche Existenzängste versetzt." Talan nickte. "Genauso verhielt es sich! Sie begreifen schnell, das muß ich Ihnen lassen! In der Tat beabsichtigten die Gründer, Tarkin so weit zu bringen, daß er ihren Kriegern gegenüber ein Geständnis ablegte. Die unmittelbare Folge davon wäre wahrscheinlich der Fall von Rhazaghan gewesen. Man wäre auch ohne diese Konsequenz nicht bereit gewesen, Tarkin aufzugeben, aber so hing der ganze Planet von seiner Rettung ab. Die Rhazaghaner verzichteten übrigens von vornherein auf die Möglichkeit, sich hilfesuchend an die Föderation zu wenden. Man wußte recht gut, daß die Reaktion Ihres Oberkommandos lediglich darin bestanden hätte, sein Bedauern über den Verlust eines kleinen Provinzhäuptlings auszudrücken." Er warf T'Alai einen vorwurfsvollen Blick zu, als trüge sie allein die Verantwortung für die Pflichtvergessenheit der Föderation. Da die Vulkanierin jedoch auf eine Stellungnahme verzichtete, begann er wieder zu sprechen. "Es wurde ein Rettungsplan entwickelt, und ich erklärte mich bereit, den Rhazaghanern die Tarnvorrichtung unseres Warbirds zu überlassen. Bevor Sie jetzt etwas sagen: Ich habe mir diese Entscheidung nachträglich von meiner Regierung absegnen lassen. Allerdings legte man Wert darauf, daß die "Dolch" mit intakter Tarnvorrichtung nach Romulus zurückgeschickt wurde." Er leerte sein Glas und erhob sich, um sich mit Nachschub zu versorgen. Danach kehrte er zu seinem Platz zurück und trank einen Moment schweigend, ohne sich daran zu stören, daß T'Alai ihn still beobachtete. Schließlich wandte er sich der Vulkanierin wieder zu. "Unsere Operation hatte tatsächlich Erfolg. Es gelang uns, Tarkin zu befreien, aber man kann kaum beschreiben, in welchem Zustand er sich befand. Erschöpft, fast verhungert, zum Wechsel nicht mehr im geringsten fähig, so holten wir ihn von dem feindlichen Schiff. Bis zum Schluß hatte er sich geweigert, seine Leute preiszugeben, und darum hatten die Gründer beabsichtigt, ihn in dieser elenden Verfassung den Jem'Hadar vorzuführen. Bevor wir uns auf die Arrhinia D'jah zurückbeamen ließen, sprach Tarkin noch eine deutliche Warnung an die Gründer aus. Sollten jemals wieder Jem'Hadar-Schiffe im rhazaghanischen Raumgebiet auftauchen, würde er alles daransetzen, die Gründer als Hochstapler bloßzustellen. Danach würde es ihnen niemals wieder möglich werden, ihre Krieger von der Göttlichkeit der Formwandler zu überzeugen." T'Alai nickte langsam und verstehend. "Und die Drohung zeigte Wirkung. Daher die ungewöhnliche Ruhe im rhazaghanischen Sektor! Darf ich fragen, wie es zu Tarkins Gefangennahme kam?" Talan sah sie einen Augenblick schweigend an, dann seufzte er. Bevor er zu einem neuen Bericht ausholte, stand er auf und füllte von neuem sein Trinkgefäß. "Wir hatten an Bord unseres Warbirds eine Gründerin eingeschleppt." begann er leise, als er ihr wieder gegenüber saß. "Sie war gegen meine Vorgesetzte ausgetauscht worden, die man zuvor liquidiert hatte. Auf Rhazaghan angekommen, brachte die Formwandlerin es nach kurzer Zeit fertig, in das hiesige Zentralsystem einzudringen. Inzwischen wurde es durch einen eigens für diese Aufgabe programmierten Schiffscomputer, genannt "Torwächterin", ersetzt, aber damals verfügten die Rhazaghaner über keinerlei Schutzmechanismen. Die Folge war, daß sich die Narhamak bei ihrem nächsten Dienst allein im Orbit wiederfand, während sich auf dem Planeten kein einziges Hangartor öffnen ließ. Die Gründerin hatte ihre Aufgabe mit Bravour erledigt." "Und dann griff das Dominion an!" "Die Cardassianer!" korrigierte Talan. "Jem'Hadar konnten von den Formwandlern aus naheliegenden Gründen nicht eingesetzt werden, also war man auf die Verbündeten angewiesen. Die Narhamak wurde in dem folgenden Kampf schwer beschädigt, Tarkin auf einen cardassianischen Schlachtkreuzer verschleppt." T'Alai dachte kurz nach. "Es ist natürlich alles andere als überraschend, daß die Gründerin ihre Mission erfolgreich abschließen konnte." erklärte sie. "Das rhazaghanische Volk zeichnet sich durch eine ausgesprochen sanftmütige und vertrauensvolle Art aus, schon von daher steht es einer so aggressiven und verschlagenen Spezies wie den Gründern hilflos gegenüber. Es werden nun unbedingt Maßnahmen getroffen werden müssen, um einen Racheakt des Dominion zu verhindern. Es ist noch nicht einmal auszuschließen, daß sich bereits in diesem Moment Formwandler auf Rhazaghan befinden." Talan, dem der Alkohol mittlerweile eine kräftige Gesichtsfarbe verliehen hatte, runzelte unwillig die Stirn. "Unterschätzen Sie die Rhazaghaner nicht!" unterbrach er die Vulkanierin. "Den Gründern gelang es damals, eine Saboteurin hier einzuschleusen, das ist richtig! Allerdings bezweifle ich stark, daß sie noch einen zweiten Versuch dieser Art wagen werden. Schon beim ersten Mal war die Formwandlerin auf eine ganz spezielle Schutzmaßnahme angewiesen, damit ihre Identität verborgen blieb: Sie mußte große Mengen eines intensiven Duftstoffes verwenden, um dem scharfen Geruchssinn der Habitatsbewohner zu entgehen. Seither ist die Verwendung von Parfüm und ähnlicher Substanzen auf Rhazaghan streng verboten." T'Alai blinzelte mehrmals. "Wollen Sie damit sagen, daß es den Bewohnern dieses Planeten möglich ist, einen getarnten Formwandler zu wittern?" fragte sie nach längerer Pause. Talan lächelte. "Das überrascht Sie, nicht wahr? Ich muß natürlich zugeben, daß es hier nur eine begrenzte Anzahl von Personen gibt, die den Geruch eines Gründers als solchen identifizieren könnten. Dennoch würde seine Witterung hier jedem sofort auffallen, auch wenn die betroffene Person sie noch niemals zuvor wahrgenommen hat. Die Rhazaghaner kennen jeden einzelnen der hier auftretenden Gerüche, müssen Sie wissen." T'Alai sah vor sich hin. "Logisch, vollkommen logisch!" murmelte sie. "Selbst wenn ein Gründer die Gestalt eines Einrichtungsgegenstandes annehmen würde, müßte ihn seine Witterung unweigerlich verraten. Wahrscheinlich wäre ein Rhazaghaner sogar in der Lage, den Weg des Formwandlers zu seinem Versteck festzustellen." Sie erhob sich abrupt. "Ich danke Ihnen für Ihren informativen und aufschlußreichen Bericht. Wenn Sie mich nun bitte entschuldigen würden?" Talan sah überrascht auf. "Erstaunlich, daß Sie es plötzlich so eilig haben. Ich dachte, Sie wären gekommen, um sich mit mir über Tarkin zu unterhalten." Die Vulkanierin wandte sich noch einmal kurz zu ihm um. "Das ist richtig, aber ich denke, daß ich mir inzwischen die Gründe für Ihre freundschaftliche Beziehung erklären kann." antwortete sie in pragmatischem Tonfall. "Zweifellos ist Tarkin eine achtunggebietende Persönlichkeit, die auf ein Individuum mit hierarchisch geprägtem Weltbild besonders beeindruckend wirken muß. Daß sich ein Romulaner zu einem starken Anführer hingezogen fühlt, ist nur logisch und natürlich." Talan schoß vor Zorn das Blut ins Gesicht. Noch bevor T'Alai zur Tür gelangt war, hatte er sie überholt und ihr den Weg abgeschnitten. Wenn diese arrogante Vulkanierin einzig und allein aus dem Grund gekommen war, um eine Bestätigung für ihre Vorurteile zu suchen, dann sollte sie sie bekommen. Als T'Alai vor ihm anhielt, verschränkte er die Arme vor der Brust und ließ provozierend seinen Blick an ihrem Körper hinabgleiten. "Freut mich, daß Sie mit mir fertig sind!" knurrte er. "Selbstverständlich haben Sie sich schon längst hinreichendes Wissen über uns Romulaner angeeignet. Also dürfte Ihnen auch klar sein, daß ich keineswegs die vergangenen Jahrzehnte damit verbracht habe, meinem Verlangen Zügel anzulegen. Was bringt Sie eigentlich auf den Gedanken, daß ich Sie jetzt so ohne weiteres hinauslasse, wo Sie nun schon einmal hier sind? "Zwei Dinge!" erwiderte T'Alai ohne die geringste Beunruhigung. "Zum einen die Gewißheit, daß es Taten gibt, die Ihnen noch nicht einmal oder vielmehr gerade Ihr Freund Tarkin nicht verzeihen würde. Zum anderen die Beobachtung, daß Ihre Person sehr wohl strenger Kontrolle unterworfen ist: Durch den Willen, Verantwortung zu tragen und ein ausgeprägtes Ehrgefühl." Talan schwieg. Einen Moment lang sah er stumm in die dunklen Augen der Vulkanierin. Daraufhin gab er die Tür frei und ging zum Replikator hinüber. "Tja, da haben Sie mich erwischt!" murmelte er, als er ein neues Glas in der Hand hielt. "Sie haben recht, ich würde höchstens versuchen, Sie zu verführen, wenn ich eine Chance für mich sähe. Allerdings wissen wir wohl beide, daß eine solche nicht existiert. Vulkanierinnen können nun einmal nicht verführt werden, nicht wahr?" T'Alai stand noch immer in der Nähe der Tür und sah zu ihm hinüber. "Ich weiß nicht, woher Sie diese Information haben." begann sie nach einer Weile zögernd. "Wahrscheinlich wird sie in romulanischen Militärkreisen verbreitet. Ich allerdings möchte Ihnen versichern, daß sie in keiner Weise korrekt ist." Talan hielt inne. Einen Augenblick stand er vollkommen regungslos und erwiderte ihren ruhigen, sanften Blick. Dann stellte er mit einer langsamen, fast anmutigen Bewegung sein Glas ab.
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