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Vari und Numa
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Teil 2
Teil 3
Teil 4
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Teil 6
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Teil 8
Teil 9
Teil 10
Teil 11
Teil 12
Teil 13
Teil 14
 
 

Vari und Numa

Teil 6
© by Dreher, G. ()

 

Disclaimer: Das StarTrek Universum gehört Paramount/Viacom und ich habe nicht die Absicht, durch diese Fanfiction Story irgendwelche Rechte zu verletzen. Die Welt Rhazaghan und ihre Bewohner allerdings sowie sämtliche hier auftretenden Charaktere haben ihren Ursprung und ihr Zuhause in meinem Kopf .
An dieser Stelle möchte ich noch einmal Jörg, meinem Mann und Gefährten danken. Ohne sein Verständnis, seine Liebe und seine nie endenwollende Gesprächsbereitschaft hätte ich diese Geschichte wohl niemals geschrieben.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der StarTrek-Sektion

 
13.

 

Am nächsten Morgen erwachte Nirrit bereits früh. Einen Moment lang lag sie still und lauschte, allerdings war sie sicher, daß das gesamte Habitat noch in tiefem Schlaf lag. Kein Rhazaghaner war nach solch einer Feier bereit, sich schon in den Morgenstunden zu erheben, und daher war man so vorausschauend gewesen, Schulungen und andere Aktivitäten bereits am Vortag abzusagen.

Nirrit schloß die Augen und bemühte sich, in den Schlaf zurückzufinden, mußte aber feststellen, daß ihre Gedanken gegen ihren Willen zu kreisen begonnen hatten. Eine Weile versuchte sie sich gegen das, was sie beschäftigte, zur Wehr zu setzen, dann gab sie auf. Langsam und vorsichtig löste sie sich aus den Armen ihres schlafenden Gefährten, erhob sich von seinem Lager und verließ, nachdem sie ihr bevorzugtes Hüllbild erzeugt hatte, lautlos die Unterkunft,

Als sie vor Tybrangs Quartier anhielt, zögerte sie kurz, doch irgendetwas in ihrem Inneren ließ sie bezweifeln, daß ihr Lehrer schlief. Dennoch klopfte sie nicht an, sondern kratzte nur leise an der Tür, so wie sie es in der Krallenluum getan haben würde. Eine gedämpfte Antwort von drinnen verriet ihr, daß ihre Vermutung richtig gewesen war.

Tybrang hatte ihr den Rücken zugewandt und war gerade dabei, in einem Manuskript zu blättern, das er kurz zuvor aus einem der Regale herausgezogen haben mußte. Nirrit schloß vorsichtig die Tür hinter sich und beobachtete den Lesenden einen Augenblick.

"Warum bist du nicht unten gewesen?" fragte sie dann. "Wir haben dich auf dem Fest vermißt."

Tybrang klappte die Seiten zusammen.

"Er nicht, glaub mir!" seufzte er.

Dann griff er nach einigen weiteren Bänden, um sie in einer kleinen Truhe zu seinen Füßen zu verstauen. Nirrit beobachtete ihn verständnislos.

"Was tust du da?" erkundigte sie sich schließlich.

Tybrang richtete sich wieder auf und nahm das nächste Buch zur Hand.

"Tarkin hat gewonnen!" erklärte er. "Aus diesem Grund bin ich derjenige, der gehen muß. Ich verlasse das Vari-Habitat."

Seine Schülerin starrte ihn an.

"'Tarkin hat gewonnen', wie du das sagst!" platzte sie heraus. "Tarkin hat nicht gewonnen, sondern er hat überlebt, er ist zu uns zurückgekehrt, verstehst du das nicht, Tybrang? Ist dein Haß auf ihn denn so groß, daß du auf seinen Tod gehofft hast?"

"NEIN!!!"

Als Tybrang herumwirbelte, hatte er fast geschrien. Mehrere Male atmete er hastig durch, bevor er sich wieder etwas beruhigt hatte.

"Nein!" wiederholte er dann leise. "Was du auch von mir denkst, glaube das bitte niemals!" Er lächelte zaghaft. "Ich bin froh, sehr froh, daß er zurück ist. Weißt du, wir sind einen langen Weg zusammen gegangen, Nirrit!"

"Und trotzdem willst du uns verlassen."

Tybrang sah traurig lächelnd auf sie herab.

"Im Grunde ist es besser so, wir wissen es beide, Tarkin und ich. Unsere Sichtweisen sind zu verschieden, sie würden immer wieder aufeinanderprallen, ständig für Streitigkeiten sorgen. Es war jedoch Tarkin, den die Vari an die Spitze riefen, und darum ist es das Vernünftigste, wenn ich mich aufmache."

Nirrit sah auf die geöffnete Truhe mit den alten Büchern.

"Hast du es wirklich so eilig, dem Vari-Habitat den Rücken zu kehren?" fragte sie leise.

Tybrang schüttelte den Kopf.

"Ich werde mir Zeit lassen, in aller Ruhe packen, noch ein paar Besuche machen." erklärte er. "Außerdem werde ich dieses hier noch ein letztes Mal lesen."

Er griff erneut ins Regal und überreichte ihr einen vergilbten alten Band, der bereits einen sehr abgegriffenen Eindruck machte.

"Clanführer Habrols Struktur des Habitates!" bemerkte er. "Nicht das Original, aber doch eine der ersten Kopien. Ich rechne nicht damit, daß ich es noch brauchen werde. Wenn du also willst, bringe ich es dir in ein paar Tagen vorbei."

Nirrit blickte fassungslos darauf.

"Das ist bestimmt sechs Jahrhunderte alt, Tybrang! Eine so alte Handschrift! Das kann ich nicht von dir annehmen."

"Sieh es als das Abschiedsgeschenk deines ehemaligen Lehrers an! Es tut mir sehr leid, daß ich mir nicht mehr Zeit für dich genommen habe, Nirrit! Geh am besten zu Tarkin, er wird gern bereit sein, dich für den Rest der Steppenluum als Schülerin anzunehmen."

Sie sah zu ihm auf.

"Wohin wirst du gehen?"

Er atmete tief durch. "Ich denke, ich werde zu den Laro wandern. Ralebs Führungsstil hat mich schon immer sehr beeindruckt. Tarkin kann mir dann meine Sachen mit einem der Schiffe nachschicken."

Tybrang sah zu der Wand hinüber, auf der die unvollendete Darstellung des Vari-Habitates prangte. Er seufzte betrübt.

Nirrit war seinem Blick gefolgt.

"Vielleicht wäre es möglich, das Stück herauszubeamen." begann sie zögernd.

Tybrang wandte sich rasch von seinem Gemälde ab. Er schüttelte den Kopf.

"Es ist eine tragende Wand. Außerdem wird dies dann nicht mehr meine Heimat sein. Es ist nicht gut, sich zu viel zu erinnern."

Sie nickte langsam.

"Vielleicht hast du recht!"

Er legte ihr sanft die Hände auf die Schultern.

"Ich werde dich auf alle Fälle vor meiner Abreise noch einmal aufsuchen, Nirrit!" sagte er freundlich. "Nimm es mir nicht übel, aber ich würde jetzt gern noch ein wenig allein sein."

"Natürlich, Tybrang!"

Niedergeschlagen wandte sie sich von ihm ab und verließ das Quartier. Als sie die Tür schloß, begannen eine Vielzahl von Gedanken und Gefühlen auf sie einzustürmen, und so zuckte sie ein wenig zusammen, als eine Stimme sie ganz aus der Nähe ansprach.

"Er hat sich entschlossen zu gehen, nicht wahr?"

Sie drehte sich um und sah den Gang hinauf. Nur wenige Schritte entfernt erblickte sie Tarkin, der mit verschränkten Armen an der Wand lehnte.

"Ja, das hat er!" antwortete sie nach einer überraschten Pause. "Du bist schon wach?"

Tarkin reckte sich.

"Ich habe überhaupt nicht geschlafen." erklärte er ruhig und kam heran.

"Woher hast du gewußt, daß er..." Sie brachte den Satz nicht zu Ende.

"...daß sich Tybrang nach der Position des Clanführers sehnt? Es war für mich nicht allzu schwer zu erahnen. Wir kennen uns eine lange Zeit, Nirrit!"

Sie schwieg.

"Gab es denn keine andere Möglichkeit?" brach es schließlich heftig aus ihr hervor.

"Glaub mir, es ist besser für ihn!" antwortete Tarkin. "Ich weiß zwar nicht, was da in ihm nicht in Ordnung ist, aber nun wird er endlich hinausgehen und wieder anfangen, wie ein Rhazaghaner zu leben. Rhazaghan ist ein Heilmittel für alles."

Sie sah zweifelnd zu ihm auf.

"Das mag vielleicht für dich zutreffen. Aber in seinem Fall...?"

"Ein Heilmittel für alles!" wiederholte Tarkin voller Überzeugung.

Auf der Habitatstreppe trennten sie sich. Tarkin stieg hinauf zu seiner eigenen Ebene, um sich noch etwas neben seiner schlafenden Gefährtin auszustrecken, während Nirrit ein wenig unschlüssig den Weg nach unten wählte. Sie wußte, daß ihr Gemüt im Moment zu aufgewühlt war, um jetzt sofort Schlaf finden zu können.

Auf der siebzehnten Ebene blieb sie stehen und überlegte. Dann kam ihr ein Gedanke, der ihre Stimmung deutlich aufhellte, und so machte sie sich auf den Weg ins dreizehnte Stockwerk. Als sie es erreicht hatte, wechselte sie in die Krallenluum, um wenig später vor Talans Tür anzuhalten.

Nirrit spitzte die Ohren, und ihr feines Gehör vermittelte ihr sofort das Geräusch leiser Schritte aus dem Inneren des Quartiers. Kurzentschlossen streckte sie die Pfote aus und kratzte, worauf die Schritte zunächst verstummten, um sich dann, nach einer Pause, der Tür zu nähern.

Im nächsten Augenblick wurde sie ein Stück geöffnet, und Talan stand mit entblößtem Oberkörper vor ihr. Er betrachtete sie verwundert.

"Aber Nirrit! So früh am Morgen? Und schon in der Krallenluum?"

"Es entsprach einfach meiner Stimmung." erwiderte sie fröhlich. "Guten Morgen, Talan! Ich konnte nicht mehr einschlafen, und so hatte ich die Hoffnung, daß du ebenfalls bereits wach wärest."

Sie witterte möglichst unauffällig in seine Richtung, mußte aber feststellen, daß Talan offenbar schon den Wasserbereich aufgesucht hatte. Nirrit konnte nicht umhin, sich ein wenig darüber zu ärgern, noch immer nicht die Zahnluum erreicht zu haben. In jener Gestalt wäre es ihr ein Leichtes gewesen, eine eindeutige Antwort auf ihre Frage zu erhalten.

Ohne Zögern strebte sie auf die Türöffnung zu, doch Talan machte einen Schritt zur Seite und verstellte ihr den Weg. Überrascht sah sie zu ihm auf.

Einen Moment lang sah er ernst auf sie herab, dann zeigte sich ein wissendes Lächeln auf seinen Zügen.

"Ja, sie ist hier, Nirrit!" sagte er leise. "Sie schläft noch, darum wird es erst einmal besser sein, du gehst wieder hinauf. Jetzt weißt du es also! Wenn Rilkar wach wird, dann richte ihm bitte von mir aus, daß seine Einschätzungen richtig waren."

Kurz darauf hatte er die Tür wieder geschlossen. Nirrit verharrte noch etwas, um das frohe Gefühl dieser Nachricht auszukosten, dann erst wandte sie sich ab, um vergnügt der eigenen Ebene zuzustreben.

 

Als Pittoni die Augen aufschlug, wußte sie, daß sie heute ein freier Tag erwarten würde. Dennoch unternahm sie gar nicht erst den Versuch, wieder einzuschlafen, sondern erhob sich gutgelaunt von ihrem Lager. Seit vielen Jahren war sie daran gewöhnt, um diese Zeit aufzustehen, und auch eine durchfeierte Nacht würde nichts daran ändern. Ohnehin verfügte sie mittlerweile über ein stark reduziertes Schlafbedürfnis, ein Umstand, den sie durchaus begrüßte.

Im Wasserbereich rief sie sich noch einmal den vergangenen Abend in Erinnerung. Zum ersten Mal hatte sie wirklich das Gefühl gehabt, daß sie und ihre Leute im Habitat keine Fremdkörper mehr darstellten. Sie hatte an der allgemeinen Freude und Erleichterung teilgehabt, war verschiedenen Erzählungen und Jagddarstellungen gefolgt und hatte sich durch sie vorzüglich unterhalten gefühlt. Der erste Habitatsarzt, ein lemnorianischer Techniker, ein romulanischer Ingenieur und nicht zuletzt der Clanführer waren nur einige der Personen gewesen, mit denen sie auf der Feier ins Gespräch gekommen war. Dabei hatte sie zu ihrer Überraschung eine gesunde Portion Humor bei Tarkin festgestellt. Die Terranerin empfand es immer wieder als beeindruckend, wie bestimmte Ereignisse die unterschiedlichsten Personen einander näherbrachten.

Sie war gerade im Begriff, ihr Haar zu ordnen, als sie von nebenan ein Klopfen vernahm.

"Captain?" hörte sie die Stimme ihres ersten Offiziers.

"Ich bin gerade im Bad!" rief sie hinüber. "Aber kommen sie ruhig herein, Konstantin!"

Gleich darauf verließ sie fertig angekleidet den Wasserbereich und fand Malewitsch wartend im Raum stehen.

"Setzen Sie sich doch!" forderte sie ihn auf und bemerkte bereits im nächsten Augenblick, daß ihr Untergebener etwas auf dem Herzen hatte. Malewitschs Miene zeigte eine seltsame Mischung aus Ratlosigkeit und Erheiterung, die sich noch etwas verstärkte, als er sich in dem angebotenen Sessel niederließ.

"Entschuldigen Sie, Captain!" begann er. "Ich hätte Sie normalerweise noch nicht aufgesucht, aber ich weiß ja, wann Sie aufzustehen pflegen."

"Das ist vollkommen in Ordnung." versicherte ihm Pittoni. "Sie hatten mir etwas berichten wollen?"

"Äh, ja, das stimmt! Um gleich zur Sache zu kommen: Ich war ebenfalls heute früh aufgewacht und hatte mich vergewissern wollen, daß auf unseren Ebenen die Morgenruhe eingehalten wird. Dabei bin ich T'Alai begegnet. Sie befand sich auf dem Rückweg von den romulanischen Ebenen."

Pittoni lehnte sich vor.

"Tatsächlich?"

"Ganz ohne Zweifel! Und das ist nicht alles: Von einem unserer anderen Leute hätte ich gesagt, er machte einen verschlafenen Eindruck, aber in Anbetracht der Tatsache, daß es sich um T'Alai handelte, ist der Ausdruck 'derangierter Zustand' wohl angemessener."

Pittoni lehnte sich wieder in ihrem Sessel zurück und starrte vor sich hin. Malewitsch sah förmlich, wie es in ihr arbeitete. Gleich darauf hob sie wieder den Blick.

"Talan!"

Er nickte langsam.

"Ich bin geneigt, Ihre Einschätzung zu teilen, zumal ich gestern abend beobachten konnte, wie T'Alai in der Gesellschaft Kommandant Talans die Feier verließ."

Sie richtete den Blick wieder in die Ferne und schwieg einen Moment.

"Und? Was meinen Sie, Captain?" riß Malewitschs Stimme sie kurz darauf aus ihren Gedanken.

"Was?" fragte sie überrascht.

Ihr erster Offizier schmunzelte.

"Wie gedenken Sie jetzt weiter vorzugehen? Beabsichtigen Sie, ihn aufzusuchen und zur Rede zu stellen, oder haben Sie vor, ihn für nächsten Sonntag auf Kaffee und Kuchen einzuladen?"

Pittoni lachte.

"Sie haben mich ertappt, Konstantin! Meine Gedanken gingen tatsächlich ungefähr in diese Richtung. Wenn man längere Zeit bei der Sternenflotte ist, fängt man zwangsläufig an, alle jüngeren Mannschaftsmitglieder aus Elternsicht wahrzunehmen."

"'Jüngeres Mannschaftsmitglied' ist gut! Soviel ich weiß, trennt uns nicht allzuviel Lebenszeit von T'Alai."

Seine Vorgesetzte seufzte. "Mag sein, aber das ändert nichts daran, daß sie vom biologischen Alter her als noch recht jung angesehen werden muß. Nun ja, eigentlich ist die Sache nicht allzu überraschend. Wie lange liegt die Beziehung mit Lieutenant Storash nun zurück? Zweieinhalb Jahre?"

"Fast drei! Storashs Versetzung auf die Himmel von Andor erfolgte damals im September."

Pittoni nickte. "Kein Wunder, daß sie Talan nicht widerstehen konnte. Obwohl, wenn mir jemand prophezeit hätte, daß ausgerechnet T'Alai dem Charme eines romulanischen Kommandanten erliegen würde..."

Im nächsten Augenblick wurde an die Tür geklopft. Malewitsch wandte seiner Vorgesetzten das Gesicht zu und schien etwas sagen zu wollen, aber Pittoni kam ihm zuvor.

"Ich nehme keine Wetten an, Konstantin! Ich bin sicher, daß sie es ist. Treten Sie ein!" rief sie mit erhobener Stimme.

Als die Vulkanierin vor ihr stehenblieb, stellte Pittoni erst einmal fest, daß Malewitschs Beschreibung von vorhin nicht mehr zutraf. T'Alai mußte in ihrem Quartier den Wasserraum aufgesucht und eine frische Uniform angezogen haben. Auch das schimmernde schwarze Haar war von makelloser Glätte. Bei diesem gewohnten Bild erschien Pittoni die gehegte Vermutung geradezu absurd, doch ihre Meinung änderte sich bereits im nächsten Augenblick.

"Captain!" wandte sich T'Alai ernst an sie. "Ich sehe es als meine Pflicht an, Ihnen etwas zu melden."

Ihre Vorgesetzte schoß aus ihrem Sessel hoch und hob beschwichtigend die Hände.

"Hören Sie, T'Alai, ich bin weit davon entfernt, Ihnen Vorwürfe zu machen. Lassen Sie sich versichern, daß es nichts gibt, wofür Sie sich entschuldigen müßten, schließlich sind Sie eine erwachsene Frau und haben ein Recht auf ein eigenes Privatleben. Es mag sein, daß die Romulaner noch vor wenigen Jahren einem gegnerischen Lager angehörten, doch inzwischen wurde ein militärisches Bündnis geschlossen, und damit können sie nicht mehr als Feinde betrachtet werden. Vielleicht beruhigt es Sie zu hören, daß ich Kommandant Talan für einen sehr tüchtigen und achtenswerten Offizier halte. Und schließlich muß eingeräumt werden, daß es sich bei ihm um einen außerordentlich attraktiven jungen Mann handelt."

Sie hatte gehofft, damit einer schuldbewußten Erklärung T'Alais zuvorzukommen, erkannte jedoch an subtilen Veränderungen im Gesicht der Vulkanierin, daß diese etwas ganz anderes hatte sagen wollen. Bereits im nächsten Moment kam ihr ein übler Verdacht.

"Oder sollte er etwa...?" begann sie beunruhigt.

In T'Alai stieg die Erinnerung an das Gesicht des Romulaners auf, an eine seltsame Mimik, zu beherrscht für einen normalen Menschen und bei weitem zu lebhaft für einen Vulkanier. Sie sah ihn im Ärger die Stirn runzeln, seine Augen amüsiert aufblitzen und ihn hastig das tief verdunkelte Gesicht abwenden. Dann hörte sie in ihrem Inneren den Klang von Talans Stimme, die das erste Mal ihren Namen aussprach.

Sie wandte ihrer Vorgesetzten wieder den vollen Blick zu und schüttelte energisch den Kopf.

"Keineswegs, Captain! Lassen Sie sich vielmehr versichern, daß die Initiative in dieser Angelegenheit zu nicht geringem Anteil von meiner Person ausging. Wie Sie vielleicht wissen, halte ich es für vollkommen unlogisch, natürliche Bedürfnisse so lange zu unterdrücken, bis es zu körperlichen und geistigen Ausfallerscheinungen kommt. Ich muß Ihnen natürlich zustimmen: Kommandant Talans vorteilhaftes Erscheinungsbild ist mir durchaus aufgefallen. Vor allem jedoch - " hier verdunkelte sich ihre Gesichtsfarbe zu Pittonis Verblüffung, " - muß ich betonen, daß er sich durch eine überaus hochherzige und faszinierende Wesensart auszeichnet."

"Sie sehen mich erleichtert." bemerkte Pittoni, die wußte, daß dieses Geständnis sie noch einige Zeit beschäftigen würde. "Darf ich dann fragen, aus welchem Grunde Sie mich aufgesucht haben?"

T'Alai legte die Hände auf den Rücken.

"Ich habe gestern abend etwas sehr Wichtiges von Kommandant Talan erfahren." erklärte sie ernst. "Nach seinen Aussagen hielt sich im letzten Jahr eine Gründerin auf Rhazaghan verborgen."

"Was?" platzte Pittoni heraus und tauschte einen bestürzten Blick mit dem fassungslosen Malewitsch. "Sie meinen, es gab Sabotageakte auf Rhazaghan?"

"Das ist richtig! Man drang in das hiesige Zentralsystem ein, mit dem Ziel, die Dienstpläne der Schiffe zu manipulieren und um die Blockierung sämtlicher planetaren Hangartore zu erreichen. Das Ergebnis bestand in der Isolierung der Narhamak im Weltraum, was schließlich ihre Enterung durch cardassianische Kriegsschiffe ermöglichte. Ich denke, es dürfte nun klar sein, bei welcher Gelegenheit diese Sternschwinge ihre schweren Beschädigungen erhielt."

"Aber welches Interesse könnte das Dominion an Tarkins Schiff haben?"

"Es ging um den Clanführer, Captain! Er hatte sich mit Hilfe seiner Fähigkeiten vor den Jem'Hadar als Gründer ausgegeben und damit ihren Rückzug erreicht. Die Formwandler sahen darin den Anfang einer äußerst gefährlichen Entwicklung und beschlossen, dem einen sofortigen Riegel vorzuschieben. Als man sich Tarkins bemächtigt hatte, brachte man ihn an den Rand des Hungertodes, um seinen Willen zu brechen, hatte jedoch keinen Erfolg mit dieser Strategie. Also beschloß man, den restlos Geschwächten vor die Jem'Hadar zu schaffen."

"Du lieber Himmel!" murmelte Pittoni bestürzt. "Ein Wunder, daß er noch lebt! Haben Sie erfahren, wie Tarkins Befreiung erreicht werden konnte? Die Gründer werden ja wohl kaum freiwillig auf ihren Gefangenen verzichtet haben, nehme ich an!"

"Als mir der Kommandant von diesen Vorgängen erzählte, verzichtete er auf Details. Allerdings scheint eine romulanische Tarnvorrichtung bei der Operation eine entscheidende Rolle gespielt zu haben."

Pittoni hob die Brauen und sah zu Malewitsch hinüber.

"Ist Ihnen klar, was das bedeutet, Commander? Unser Auftrag, die Romulaner von hier zu verdrängen, war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Niemand kann vom Clanführer verlangen, daß er Talan hinauswirft, immerhin handelt es sich um seinen Lebensretter. Wie wird wohl Lacasse auf diese bedauerliche Nachricht reagieren?"

"Moment, Captain!" bremste T'Alai. "Es gibt da noch etwas anderes. Wie ich erfahren habe, war die Formwandlerin, die Tarkins Gefangennahme ermöglichte, zu einer äußerst primitiven Maßnahme gezwungen, um hier unentdeckt zu bleiben: Sie benutzte Parfüm."

Ihre Vorgesetzte starrte sie an.

"Erklären Sie mir das!" brachte sie heraus.

"Im Grunde ist es ganz einfach, Captain! Wie wir wissen, besitzt ganz besonders eine der rhazaghanischen Wandlungsformen einen hochentwickelten Geruchssinn. Hätte die Gründerin auf den Schutz des Duftstoffes verzichtet, wäre sie bereits am ersten Tag als fremde Lebensform identifiziert worden."

Pittoni schnappte nach Luft.

"Das Duftstoffverbot, natürlich! Es ging dabei nie um Rücksichtnahme, sondern man will verhindern, daß die Gründer noch einmal an Tarkin herankommen. Also sind die Bewohner dieses Planeten in der Lage..."

"...einen Formwandler trotz seiner Tarnung zu erkennen." ergänzte Malewitsch verblüfft. "Unglaublich! Wenn das keine Nachricht ist!"

T'Alai nickte. "Verstehen Sie jetzt, warum ich diese Information für bedeutsam hielt, Captain?"

"Allerdings!" Pittoni wandte den Kopf und sah ihren ersten Offizier an. "Kommen Sie, Commander! Ich glaube, es wird nun allmählich Zeit, daß wir unseren Subraumsender in Betrieb nehmen."

 

 
14.

 

Escobedos Finger trommelten auf die Armlehnen des Kommandosessels.

"Glatt ausgestochen - von einer Vulkanierin!" murmelte sie. "Irgendwie begreife ich das immer noch nicht!"

Der an den Kontrollen sitzende Corestid tauschte einen amüsierten Blick mit dem neben ihm sitzenden Rowland, dann sah er über die Schulter.

"Mach dir nichts daraus, Della!" unternahm er einen Tröstungsversuch. "So wie ich den Kommandanten einschätze, hat er einfach eine Schwäche für besondere Herausforderungen. Ich würde das nicht unbedingt persönlich nehmen."

Während Escobedo etwas Unverständliches zur Antwort brummte, griffen Rowlands Hände nach den Kontrollen. Er beschleunigte, kippte das Schiff um sechzig Grad und ließ es mit der stürmischen Eleganz eines Mauerseglers an einer kleinen Formation von Sternschwingen vorbeijagen. Dann brachte er es gefühlvoll in seine alte Lage zurück.

"So allmählich wird mir klar, was die Romulaner hier hält!" erklärte er gutgelaunt. "Verdammt, diese Vögel machen Spaß!"

In der Kommunikation neben ihm knackte es.

"Nun hör sich einer den Grünschnabel an!" spottete die Arrhinia D'jah. "Wirklich ein Jammer, daß Talan das nicht mitbekommen hat! Immerhin mußte er dich vor noch gar nicht so langer Zeit am Kragen deiner hübschen Föderationsuniform packen und dich gewaltsam an Bord schaffen."

Rowland grinste verlegen.

"Aber wer wird denn hier nachtragend sein! Schließlich habe ich mir danach gewaltig Mühe gegeben, um dich zufriedenzustellen. Ich denke doch, daß aus mir ein ziemlich guter Pilot geworden ist, oder?"

"Ja, ganz begabt!" gab die Arrhinia D'jah widerstrebend zu. "Trotzdem, bilde dir deswegen bloß nicht ein, daß es nichts mehr zu lernen gibt! Um mich in einer handfesten Schlacht zu unterstützen fehlt dir noch so allerlei, mein Lieber!"

Corestid deutete auf den Hauptschirm.

"Seht mal, das Schiff dahinten! Befindet sich immer noch im Sinkflug. Ich gehe jede Wette ein, daß es gerade dabei ist, sich über dem Vari-Habitat auszurichten."

"Noch ein Gratulant!" Rowland feixte. "So geht das nun schon seit zwei Wochen. Erst dieser bärbeißige Alte, Zarab von den Sim! Dann die beiden Hellgrauen, Makuji und Eras von den Tar, kurz darauf Laskani von den Dral und schließlich Darbris von den Kelp. Und wie hieß sie noch, diese Riesin mit den Lachfältchen?"

"Selembri!" ließ sich Escobedo vernehmen. "Selembri von den Dana!"

"Selembri, richtig! Jeden Tag neue Gäste, das ganze Vari-Habitat summt wie ein Bienenschwarm. Tja, gestehen wir es uns ein: Unser Clanführer ist berühmt, Leute!"

Corestid kam nicht dazu, etwas zu erwidern, weil sich bereits im nächsten Augenblick Fähnrich Wilkinson vom Funk her meldete.

"Hallo, ich bekomme hier gerade eine Nachricht herein! Die Bergschnee wendet sich an den Rest des Geschwaders. Sie hat ein Schiff geortet, das sich in Richtung Rhazaghan bewegt, sieht sich aber nicht in der Lage, es zu identifizieren."

"Ha!" rief die Arrhinia D'jah triumphierend. "Ich wußte es! Es war mir von Anfang an klar, daß sie sich nicht dafür eignen würde, aber nein, wer sollte die neuen Langstreckensensoren bekommen? Dieses warpschnelle Zählwerk für Sternschnuppen! Was für eine erbärmliche Verschwendung! Ich schätze, in diesem Fall wird es wohl das beste sein, wenn jemand mit Sachverstand den Orbit verläßt, um sich unseren Neuankömmling etwas näher anzusehen."

Rowland ließ begeistert seine Fingerknöchel knacken.

"Prima Idee, ich warte schon seit zwei Tagen auf die Gelegenheit, ein bißchen Stoff zu geben. Alles gut und schön mit der Orbitwache, aber so allmählich wird es Zeit für ein paar anspruchsvollere Aufgaben."

Im nächsten Augenblick warf er einen fassungslosen Blick auf das Kommunikationsdisplay. "He!" rief er protestierend. "Was meinst du damit: Kein Zugriff!?"

Die Arrhinia D'jah beschleunigte und schwenkte in einem raschem Bogen aus der Umlaufbahn.

"Damit meine ich, daß ich wieder übernehme, mein Junge!" antwortete sie ruhig. "Wir wissen nicht, was unser Freund da draußen plant, und bei einer solchen Sache gehe ich kein Risiko ein. Im übrigen rate ich dir, ab sofort wieder etwas auf deine Ausdrucksweise zu achten, Talan wird nämlich in ein paar Augenblicken hier sein."

Kurz darauf öffnete sich zischend die Brückentür, und der Romulaner betrat mit langen Schritten den Raum. Escobedo sprang mit einem Satz aus dem Kommandosessel und nahm Haltung an.

"Kommandant auf der Brücke!" verkündete sie zackig, doch die Rücken der übrigen Anwesenden hätten schon vorher mühelos der Überprüfung durch ein Lineal standgehalten. Talan nickte kurz zum Dank und nahm seinen Platz ein.

Nur wenig später hatte die Arrhinia D'jah das Sonnensystem verlassen und begab sich in den Warpraum. Rowland beobachtete erst staunend, dann ungläubig die Anzeigen der Geschwindigkeitskontrollen.

"Wenn diese Angaben hier korrekt sind, haben wir soeben ein Schiff der Excelsior-Klasse abgehängt." bemerkte er kurz darauf. "Verzeihen Sie, Kommandant, aber hat es hiermit wirklich seine Richtigkeit? Ich bin mir nicht sicher, wie lange die Strukturintegrität des Schiffes einer solchen Geschwindigkeit standhält. Außerdem sind die angezeigten Energieverbrauchswerte mehr als fragwürdig."

"Machen Sie sich keine Sorgen!" antwortete Talan ruhig. "Alle Anzeigen sind völlig korrekt und in Ordnung. Unser augenblicklicher Status entspricht lediglich dem, was die Arrhinia D'jah als 'angemessene Transfergeschwindigkeit' bezeichnet. Sie werden sich schnell daran gewöhnen."

Mit einer gewissen Nervosität lauschte die Schulungscrew auf die feinen Vibrationen im Inneren des Schiffes. Da jedoch weder das Schrillen der Alarmsirenen einsetzte, noch vor einem bevorstehenden Warpkernbruch gewarnt wurde, begannen die Anwesenden sich nach einer Weile zu entspannen. Kurze Zeit später erschien ein ferner Punkt auf dem Hauptschirm, und die Stimme der Arrhinia D'jah wurde wieder hörbar.

"Na bitte, da haben wir es ja!" stellte sie zufrieden fest. "Föderationsschiff, Intrepid-Klasse, leicht zu erkennen. Wenn man eines gesehen hat, hat man alle gesehen. Natürlich ist es nicht weiter überraschend, daß Bergschnee es nicht erkannt hat. Ich denke, hier haben wir einen deutlichen Hinweis auf ihre mangelnde Begabung im Umgang mit technischen Innovationen." fügte sie bedeutungsvoll hinzu.

"Oder auf einen weiteren Konzeptfehler!" gab Talan zu bedenken. "Wenn ich dich daran erinnern darf, warst du selbst diejenige, die bei der Überlastung die Schwachstelle der neuen Traktoremitter aufdeckte. Warum soll Bergschnee nicht auf ein ähnliches Problem gestoßen sein?"

"In dem Fall wünsche ich den Sirk viel Vergnügen bei der Ursachenforschung." höhnte die Sternschwinge. "'Mongaris, diese Strategie bei der Eliminierung des Fehlers ist mir nicht einsichtig, würdet ihr mir bitte eure Vorgehensweise erläutern?'" äffte sie die Stimme der anderen Sternschwinge perfekt nach. "Wir werden noch in einem Jahrzehnt auf die neuen Sensoren warten müssen, glaub mir!"

Talan nickte gelassen. "Ich weiß, Geduld ist nicht unbedingt deine Stärke."

Nachdenklich richtete er seine Augen auf den Schirm, wo der Punkt kaum merklich angewachsen war.

"Erstaunlich, daß sie auf unsere Annäherung noch nicht reagiert haben." murmelte er. "Normalerweise hat man es auf Föderationsschiffen außerordentlich eilig, Grüße zu senden und seine Absichten darzulegen. Die dort bleiben allerdings ungewöhnlich lange still."

"Ich könnte mir ihren Schiffscomputer vornehmen." bot sich die Arrhinia D'jah eifrig an. "Dieser Trottel da drüben dürfte mir kaum etwas entgegenzusetzen haben. Aus dem hole ich dir jede gewünschte Information heraus, bevor seine Leute auch nur halb begriffen haben, was da vor sich geht."

Talan kniff überlegend die Augen zusammen, dann schüttelte er den Kopf.

"Nein, nicht so schnell!" entschied er. "Bleiben wir ruhig höflich und machen den Anfang! Funkkanal öffnen!"

"Ich bin Talan, Schiffsführer der Arrhinia D'jah von den Vari!" begann er seine Botschaft an das sich nähernde Schiff. "Sie sind in einen Sektor eingedrungen, dessen Schutz in den Verantwortungsbereich der rhazaghanischen Verteidigungsflotte fällt. Bitte nennen Sie unverzüglich den Namen Ihres Schiffes, Ihr Ziel und Ihren Auftrag!"

Mit einer kurzen Handbewegung bedeutete er Wilkinson, den Funkkanal wieder zu schließen. Daraufhin legte er die Fingerspitzen gegeneinander und wartete. Tatsächlich erschien nach einer kurzen Pause ein angegrauter Terraner auf dem Hauptschirm.

Wenn dieser Mann über den Umstand überrascht war, sich einem Romulaner gegenüber zu sehen, so zeigte er es jedenfalls nicht. Mit ernstem Gesicht beugte er sich vor.

"Ich bin Kusumi Okyo, Captain des Föderationsraumschiffes Tecumseh. Bitte verzeihen Sie unser Schweigen, wir hatten Anweisung, möglichst lange Funkstille zu halten. Habe ich Sie eben richtig verstanden, dieses Schiff kommt von den Vari?"

Talan neigte den Kopf.

"Das ist korrekt! Ihr Auftrag steht mit unserem Clan in Zusammenhang?"

"Ganz recht! Ich habe Order, mich mit einem Mann namens Tarkin von den Vari in Verbindung zu setzen. Er ist nicht zufällig an Bord?"

"Es tut mir leid, Captain, aber unser Clanführer hält sich zur Zeit im heimatlichen Habitat auf. Wenn Sie ihn sprechen wollen, wird es das Einfachste sein, wenn Sie uns nach Rhazaghan folgen. Er wird gern bereit sein, Sie in der Vari-Wohnstätte zu empfangen."

Okyo nahm den Vorschlag des Romulaners dankend an. Kurze Zeit später hatte die Tecumseh die Sternschwinge erreicht, welche das Föderationsschiff ohne den geringsten Zwischenfall bis nach Rhazaghan geleitete.

 

Als Tarkin das Quartier betrat, das man dem Gast zur Verfügung gestellt hatte, fand er den terranischen Captain bereits in der Gesellschaft Pittonis vor. Okyo erhob sich bei Tarkins Anblick sofort aus seinem Sessel und verneigte sich.

"Clanführer Tarkin?"

"Der bin ich!" Tarkin trat einen Schritt zur Seite und wies mit einer höflichen Handbewegung auf seine Begleiterin. "Dies ist Clanführerin Mongaris, die Vorsitzende der rhazaghanischen Clanführerversammlung, die sich zur Zeit als Gast im Vari-Habitat aufhält. Verständlicherweise interessiert auch sie sich für die Gründe Ihres Besuches, Captain!"

Okyo verneigte sich abermals in Richtung der großen Rhazaghani.

"Ich fühle mich geehrt, Ihre Bekanntschaft zu machen. Bedauerlicherweise ist es keine erfreuliche Mission, die mich Ihren schönen Planeten ansteuern ließ. Hinzu kommt, daß die Zeit drängt, daher würde ich gern zur Sache kommen, Clanführer!"

"Natürlich!" Tarkin und Mongaris ließen sich den beiden Terranern gegenüber nieder.

Der Clanführer nickte. "Wenn Sie mir Ihr Anliegen schildern würden?"

Okyo lehnte sich vor.

"Zunächst eine Frage, Clanführer! Wie wir von Captain Pittoni erfuhren, hatten Sie und Ihr Volk im letzten Jahr eine Berührung mit den Gründern. Sind wir hier richtig informiert?"

Die beiden Rhazaghaner wechselten einen unruhigen Blick. Tarkin schwieg einen Moment, dann fuhr er sich nervös mit der Zunge über die Lippen.

"Ja!" antwortete er mit heiserer Stimme. "Das ist richtig, Captain!"

Okyo legte eine rücksichtsvolle Pause ein, dann begann er wieder zu sprechen.

"Bitte verzeihen Sie, Clanführer, aber wir hörten außerdem, daß Ihr Volk eine außergewöhnliche Fähigkeit besitzen soll. Angeblich ist es in der Lage, den Aufenthaltsort eines verborgenen Formwandlers allein mit Hilfe des Geruchssinns festzustellen. Entspricht das ebenfalls den Tatsachen?"

Tarkin sah auf.

"Auch das ist korrekt! Bitte, darf ich fragen, worauf Sie hinauswollen?"

"Nun, da Sie mir meine Fragen freimütig beantwortet haben, möchte ich Sie nicht weiter im Unklaren lassen. Ich bin hier, um im Namen des Sternenflottenkommandos Ihre Hilfe zu erbitten."

"Sie brauchen unsere Hilfe? In welcher Angelegenheit?" fragte Tarkin überrascht.

"Es geht um eine unserer Raumstationen, Starview Red. Ist sie Ihnen ein Begriff?"

Der Rhazaghaner schüttelte den Kopf.

"Ursprünglich als eher kleine Einrichtung konzipiert, diente sie der Unterstützung verschiedener im Jotan-Sektor ansässiger Bergbaukolonien, wurde jedoch mehrfach aus verschiedenen Anlässen modernisiert und erweitert. Im Krieg erhielt sie als Stützpunkt zunehmend strategische Bedeutung und wurde daher noch einmal umfassend aufgerüstet. Verständlicherweise ist Starview Red dem Dominion ein Dorn im Auge, doch im Moment verfügt unser Gegner über nicht genügend freie Kräfte, um diese schwer bewaffnete Station einzunehmen und zu halten. Von daher waren wir noch vor kurzem optimistisch, daß sich Starview Red auch weiterhin würde behaupten können, bis es dann zu einigen unerklärlichen Vorkommnissen auf der Station kam. Zweimal wurde im Sicherheitsbereich der Alarm ausgelöst, ohne daß sich jemand zu dem Zeitpunkt in der Nähe aufgehalten hätte. Außerdem gibt es einige verworrene Berichte über verschwundene Einrichtungsgegenstände, nichts was uns normalerweise auf den Plan gerufen hätte. Aber unter den gegebenen Umständen werden Sie sicher verstehen, daß wir besorgt sind."

Tarkin nickte. "Sie glauben, daß sich ein Formwandler auf Starview Red aufhält."

Okyo atmete tief durch. "Das ist unsere Befürchtung, Clanführer! Wir haben uns bereits möglichst unauffällig bemüht, die Station Stück für Stück zu scannen, allerdings ohne Ergebnis. Wie Sie vielleicht wissen, haben selbst unsere modernsten Geräte Schwierigkeiten, einen getarnten Formwandler aus größerer Entfernung zu orten. Aus diesem Grunde waren wir sehr froh, von den Fähigkeiten Ihres Volkes zu erfahren."

Tarkin überlegte einen Moment.

"Ich verstehe! Darf ich fragen, wie groß Ihre Raumstation ist?"

"Sie umfaßt siebzehn Decks. Augenblicklich wohnen und arbeiten dort über dreitausend Personen, wenn Ihnen das eine Vorstellung vermittelt. Eine einzelne Person würde also für die Aufspürung des Formwandlers kaum ausreichen."

"Natürlich, Sie denken an einen Jagdtrupp! In dem beschriebenen Fall wäre es gut, pro Deck einen Rhazaghaner einzusetzen, oder besser noch zwei. Leider muß ich Ihnen sagen, daß es hier ein Problem gibt."

Okyo warf Tarkin einen beunruhigten Blick zu.

"Von was für einem Problem sprechen Sie?"

"Man hat Ihnen berichtet, daß die Anwesenheit eines Formwandlers einem Rhazaghaner auffallen würde, das ist richtig - sofern sich der Eindringling auf Rhazaghan befindet. Sehen Sie, Captain, dies ist unsere Heimat, jede einzelne hier auftretende Witterung ist uns vertraut. Ganz anders sieht es auf einer Raumstation mit ihrem ständigen Wechsel unterschiedlichster Materialien und Spezies aus. Die Luft im Inneren einer solchen Einrichtung durchläuft den Recyclingprozeß mitunter seit Jahrzehnten, und selbst die modernsten Filteranlagen können sie nicht vollständig von Geruchsrückständen befreien, selbst wenn Ihnen das so scheint. Hinzu kommt eine Vielzahl aktueller Fremdwitterungen, die ebenfalls für Irritationen sorgen würden. Aus diesem Grund wäre ein normaler Rhazaghaner mit dieser Aufgabe rettungslos überfordert."

Der Terraner wirkte bestürzt.

"Sie meinen, Sie können uns nicht helfen?"

Tarkin hob die Hand. "Das würde ich so nicht sagen. Tatsächlich gibt es einige Rhazaghaner, für die der Geruch eines Gründers keine Fremdwitterung mehr darstellt und die in der Lage wären, ihn zuverlässig zu identifizieren. Ich spreche hier von den Mitgliedern eines Rettungstrupps, die im letzten Jahr halfen, mich von einem cardassianischen Schiff zu bergen. Sie hatten die Gelegenheit, die Witterung eines Formwandlers wahrzunehmen und sich einzuprägen. Allerdings gibt es bei den Vari nicht allzuviele von ihnen, und ich befürchte, daß etliche nicht bereit sein werden, Rhazaghan zu verlassen."

"Sie würden sich weigern?"

Tarkin sah seinem Gast ruhig in die Augen.

"Bitte denken Sie nicht schlecht von meinem Volk! Zu einer anderen Jahreszeit würde sich jeder meiner Leute bereit erklären, Ihnen zu helfen. Allerdings stehen wir zur Zeit unmittelbar vor dem Hochsommer, und in diesem Jahr haben sich viele Vari zur Fortpflanzung entschlossen. In Anbetracht dieser Umstände kann ich nicht von ihnen verlangen, sich einem solchen Jagdtrupp anzuschließen, Captain! Es wäre ganz einfach eine Zumutung. Natürlich werde ich sehen, wieviel Leute ich zusammenbringen kann, aber für die gestellte Aufgabe werden es möglicherweise zu wenig sein."

"Moment, Tarkin!" schaltete sich Mongaris ein. "Meiner Ansicht nach ist es ohnehin nicht tragbar, eine solche Mission allein den Vari zu überlassen. Hier wurde nach der Hilfe des rhazaghanischen Volkes gefragt, und wir sollten sie der Föderation gewähren." Sie wandte sich Okyo zu. "Auch bei meinem Clan gibt es Personen mit den verlangten Fähigkeiten, Captain, und ich bin sicher, daß sich mehrere von ihnen bereit finden werden, Sie nach Starview Red zu begleiten. Dasselbe gilt für Angehörige von drei weiteren Clans, deren Clanführer ich noch heute kontaktieren werde. Es würde mich sehr überraschen, wenn wir die erforderliche Anzahl von vierunddreißig Jagdteilnehmern nicht aufbrächten."

Tarkin nickte. "In dem Fall sehe ich keine Schwierigkeiten. Captain, ich erkläre mich hiermit bereit, einen Jagdtrupp nach Starview Red zu führen."

 

Als Nirrit am frühen Morgen die Habitatstreppe hinauf hastete und um die Ecke bog, lief sie fast in Tybrang hinein, der ihr auf ihrer Seite entgegenkam. Halb überrascht, halb erfreut sah er auf sie herab.

"Du bist früh unterwegs, Nirrit!" bemerkte er anerkennend. Er hob lächelnd den alten Band in die Höhe, den er Nirrit versprochen hatte. "Eigentlich hatte ich dir das Buch vorbei bringen wollen, aber fast befürchtet, daß du noch schläfst."

"Ich muß noch ein paar organisatorische Dinge erledigen." erklärte sie etwas außer Atem. "Ich habe gerade gehört, daß sich im Habitat noch ein Neunter gemeldet haben soll, damit wären sie also jetzt vollzählig."

Tybrang sah sie mit großen Augen an.

"Wer?" fragte er verständnislos.

"Der Jagdtrupp!" erwiderte sie erstaunt. "Tybrang, weißt du denn gar nichts von dem Hilfsersuchen der Föderation?"

"Ich habe in den letzten Tagen mein Quartier kaum verlassen." gestand er. "Du sagst, die Föderation bittet Rhazaghan um Hilfe? Was ist passiert?"

"Die Föderation besitzt im Jotan-Sektor eine Raumstation, auf der seltsame Vorkommnisse aufgetreten sind. Man nimmt mit großer Sicherheit an, daß sich ein Formwandler dort eingeschlichen hat, aber da man bisher nicht in der Lage war, ihn zu orten, ist man auf uns verfallen. Anscheinend hatte Captain Pittoni in ihren Berichten die rhazaghanischen Fähigkeiten erwähnt, und nun hat sich die Sternenflotte an Tarkin gewandt, mit der offiziellen Bitte, einen Jagdtrupp zu entsenden, der in der Lage ist, den Gründer aufzuspüren."

"Was hat Tarkin gesagt?"

"Er hat zugestimmt! Außerdem hat Mongaris die Hilfe der Sirk angeboten und vorgeschlagen, auch die übrigen drei Clans zu fragen, die seinerzeit an der Rettungsaktion beteiligt waren. Wie es bis jetzt aussieht, wird der Trupp aus neun Vari, elf Sirk, sieben Dana, fünf Laro und zwei Sim bestehen. Im Orbit befindet sich ein Schiff der Sternenflotte, das sie noch heute an Bord nehmen wird."

Tybrang nickte zufrieden. "Es ist gut, daß Rhazaghan endlich Gelegenheit erhält, seine Bündnistreue zu beweisen. Eine derartige Hilfe wird die Sternenflotte mit Sicherheit nicht vergessen. Weißt du schon, wer den Jagdtrupp leiten wird?"

"Ja, natürlich! Tarkin hat sich angeboten, seine Führung zu übernehmen. Schließlich weiß er mehr über Formwandler als wir alle."

Tybrang starrte sie fassungslos an.

"Tarkin?"

Er beugte sich vor und ergriff Nirrit bei den Schultern.

"Tarkin will sich an dieser Mission beteiligen? Aber das darf er nicht, Nirrit, das darf er auf gar keinen Fall!"

Sie sah verwirrt zu ihm auf.

"Warum, was meinst du? Sicher, Formwandler sind gefährlich, aber Tarkin kennt sich mit ihnen aus. Außerdem weiß er doch, was zu tun ist, Tybrang!"

Er ging nicht auf ihre Beschwichtigungsversuche ein.

"Wo ist er jetzt?" fragte er hastig.

"Oben!" stammelte sie. "Oben in seinem Quartier, zusammen mit den anderen! Tybrang, meinst du wirklich, daß...?"

"Ich gehe hinauf!" erklärte Tybrang entschlossen. "Ich muß noch einmal mit ihm sprechen. Glaub mir, ich habe meine triftigen Gründe dafür, Nirrit!"

Zweifelnd lief sie neben ihm her. Nicht ganz zu Unrecht befürchtete sie einen der zahlreichen unerfreulichen Auftritte, bei denen sie in der Vergangenheit Zeuge gewesen war. Dennoch glaubte sie irgendetwas in Tybrangs Gesichtsausdruck zu finden, das ihr schon länger nicht mehr darin begegnet war, und so beschloß sie, erst einmal abzuwarten.

Als sie eintraten, beugte sich Tarkin gerade gemeinsam mit Captain Okyo über den Schreibtisch, wo ein detaillierter Strukturplan der Raumstation ausgebreitet lag. Als Tybrang vor ihm anhielt, blickte er überrascht auf, dann runzelte er die Stirn.

Sein ehemaliger Berater zeigte auf den Grundriß.

"Du kannst nicht dorthin gehen!" begann er.

Tarkin senkte seinen Blick wieder auf die Karte.

"Wir werden heute nachmittag aufbrechen." wies er ihn ab. "Bitte entschuldige, aber ich habe vor, mich bis dahin noch etwas zu informieren."

Tybrang blieb erstaunlich ruhig.

"Du mußt mich anhören!" sagte er fest. "Wenigstens dieses eine Mal noch!" Er wies auf Tarkins versammelten Beraterstab. "Im übrigen denke ich, daß dieses Gespräch auch die anderen hier etwas angeht."

Tarkin atmete tief durch, dann richtete er sich auf.

"Also sprich!"

"Gerade du bist die denkbar ungeeignetste Person, diesen Jagdtrupp anzuführen." begann Tybrang ohne Umschweife. "Ich weiß es, und du weißt es ebenso! Dich auf diese Mission zu lassen, hieße einen Rhazaghaner ohne Zähne auf die Larkjagd zu schicken."

Tarkin zuckte nicht mit der Wimper, doch er wurde um einige Grade blasser.

"Was meinst du damit?"

"Du bist ein Jäger, Tarkin! Wahrscheinlich der Begnadetste, den die Vari seit Jahrhunderten hervorgebracht haben. Ich kenne niemanden, der in der Lage ist, mit einer derartigen Leichtigkeit zu wechseln, eine Folge des unermüdlichen Trainings, dem du dich seit Jahrzehnten unterwirfst. Der Vorgang des Wechselns ist dir vollkommen in Fleisch und Blut übergegangen; einmal eingeleitet, läuft er mit unübertroffener Schnelligkeit und Präzision ab, und genau das ist in diesem Fall dein Handikap. Die meisten Vari sind inzwischen in der Lage, ihren Luumwechsel zu Verteidigungszwecken zu verzögern, aber das gilt nicht für dich! Ich habe dich nach deiner Genesung beobachtet. Du bist nur in äußerst geringem Maße dazu fähig, auf die Geschwindigkeit deiner Umwandlung Einfluß zu nehmen, wahrscheinlich läuft der Vorgang bei dir größtenteils unterbewußt ab. Hast du überhaupt eine Vorstellung, wie du dich in einem engen Wartungsschacht einem Formwandler stellen willst, wenn du deinen Luumwechsel nicht einmal auf die Dauer von zwei Herzschlägen hinauszögern kannst?"

Tarkin betrachtete ihn mißgestimmt.

"Das wird sich finden, wenn es soweit ist." erwiderte er. "Ich nehme deine Bedenken zur Kenntnis, aber an meinem Entschluß werden sie nichts ändern. Ich breche gemeinsam mit dem Trupp auf."

Tybrangs Kopf fuhr zu Tarkins Gefährtin herum, die schweigend im Raum stand.

"Was sagst du zu dieser Angelegenheit, Aslari? Ich finde, daß auch du deine Meinung äußern solltest. Die Formwandler hassen Tarkin, wir haben gesehen, was sie mit ihm angestellt haben. Denkst du, daß sie ihm noch eine zweite Chance geben würden, ihrer Rache zu entkommen?"

Im Gesicht der Rhazaghani zuckte es. Dann trat sie Tarkin gegenüber.

"Tybrang hat recht, es ist zu gefährlich für dich! Bleib hier, Tarkin! Du bist der Clanführer, und dein Platz ist bei den Vari!"

Tarkins Gesicht nahm einen fast verzweifelten Ausdruck an.

"Bitte, Aslari, wir haben das doch schon besprochen. Es geht einfach nicht anders. Die Entscheidung ist gefallen, das müßt ihr doch einsehen."

Malukan hatte mit verschränkten Armen dabei gestanden. Nun runzelte er die Stirn und begann den Kopf zu schütteln.

"Nein, Clanführer!" erklärte er entschieden. "Auch ich bin der Ansicht, daß Tybrang recht hat! Für diese Jagd bist du nicht geeignet. Denk an den Clan und sieh es ein!"

Tarkin sah sich um. Nirrit und Tabantani waren herangekommen.

"Bleib hier, Tarkin!" sagte Tabantani ernst.

Tarkins Blick wanderte zu seiner Schülerin.

"Bleib!" sagte sie kaum hörbar.

In Tarkins Augen blitzte es einen kurzen Moment voller Mutwillen auf, doch bereits im nächsten fügte er sich seinen Beratern. Er seufzte.

"Wer wird den Trupp führen?"

"Laß mich gehen!" bot sich Tybrang an. "Ich bin zur Zeit nicht gebunden, und wenn ich mich auch nicht so gut wie Aslari auf die Luumverzögerung verstehe, so doch mindestens so gut wie jeder andere Rhazaghaner. Außerdem hatte ich damals auf dem Heimflug reichlich Gelegenheit, den an dir haftenden Gründergeruch aufzunehmen. Wenn ich ihn wahrnehme, werde ich ihn erkennen."

Tarkin sah ihn nachdenklich an. Dann ging ein leichtes Lächeln über seine Züge.

"Gut, einverstanden!" nickte er. "Du hast mein Vertrauen! Geh also und führe den Jagdtrupp nach Starview Red!"

 

Am späten Nachmittag beobachteten sie dann, wie Captain Okyo gemeinsam mit den ersten vier Vari entmaterialisierte. Tybrang wartete kurz, dann bezog er zusammen mit den verbliebenen vier Jägern auf der frei gewordenen Fläche Aufstellung. Als er zu den anderen hinübersah, begegnete sein Blick zwei besorgten Augen.

"Eine erfolgreiche Jagd!" wünschte ihm Tarkin. "Gib gut auf sie acht, Tybrang!"

Der bernsteinfarbene Rhazaghaner lächelte.

"Darauf kannst du dich verlassen! Im übrigen hoffe ich, daß hier in der Zwischenzeit alles ruhig verläuft. Nicht, daß ich nach meiner Rückkehr gesagt bekomme, du wärst nach Süden aufgebrochen, um die Nackenwirbel der dortigen Atalane mit der Kinnlade nachzumessen."

Tarkin brach in lautes Gelächter aus, und das war das letzte, was Tybrang von ihm hörte, denn bereits im nächsten Augenblick setzte der Entmaterialisierungsprozeß ein. Gleich darauf breitete sich der Transporterraum der Tecumseh um sie aus.

Tybrang kniff im ersten Moment die Augen zusammen, denn für sein Empfinden war die Beleuchtung viel zu grell und kalt. Gerade als er begann, Überlegungen über die Strahlungsintensität der irdischen Sonne anzustellen, bemerkte er, daß ein uniformierter Terraner vor ihm stehengeblieben war. Der junge Mann nickte höflich zu ihm herauf.

"Ich bin Lieutenant Commander Hayes, Sir, und heiße Sie im Namen von Captain Okyo auf der Tecumseh herzlich willkommen. Der Captain läßt sich vielmals entschuldigen, da er auf die Brücke gerufen wurde. Wenn Sie so liebenswürdig wären, mir in unser Casino zu folgen? Sie können sich dort aufhalten, bis sämtliche Vorbereitungen für Ihre Unterbringung abgeschlossen sind. Selbstverständlich besteht auch für Sie die Möglichkeit, dort etwas zu essen oder zu trinken, wenn Sie möchten."

Tybrang bedankte sich höflich und verließ mit den anderen Rhazaghanern die Plattform, dabei hörte er, wie sich hinter ihm Matani und Trysnar über die geringere Schwerkraft amüsierten.

Die Rhazaghani kicherte leise.

"Hier kann man gut springen. Ich wette, hier kommt man eineinhalb Mal weiter als gewöhnlich."

"Gut möglich!" stimmte Trysnar ihr zu. "Nur schade, daß der Bodenbelag so glatt ist. Du würdest ausrutschen."

"Das käme auf einen Versuch an. Man müßte es zunächst ohne Anlauf probieren."

Tybrang brauchte den Widerschein des Lichtblitzes nicht zu sehen, ihm genügte ein Blick in das Gesicht des Transporteroffiziers, um zu wissen, daß Matani ihre bevorzugte Luum aufgesucht hatte. Auf der Stelle drehte er sich um.

"Bitte, Matani!" beschwor er seine Artgenossin. "Wir wollen sie doch nicht erschrecken! Diese Leute haben noch niemals einen Rhazaghaner gesehen, und darum denke ich, es ist besser, wenn wir uns bis auf weiteres auf die Grundform beschränken. Es wäre nicht sehr rücksichtsvoll, unsere Gastgeber in Panik zu versetzen."

Matani sah zu ihm auf und zuckte irritiert mit den spitzen Ohren.

"Wie du meinst, Tybrang! Andererseits wundert mich ihre Ahnungslosigkeit. Schließlich haben uns die Sternenflottenleute doch gerade wegen unserer Fähigkeiten eingeladen, oder nicht?"

Trotz dieser Worte wechselte sie anstandslos zurück in die Grundform, so daß Tybrang gleich darauf mit seiner Gruppe den Raum verlassen konnte. Als er einen Blick über die Schulter warf, konnte er sehen, wie der Transporteroffizier nervös durchatmete.

Als sie das Casino erreichten, stellten sie erfreut fest, daß man von dort einen guten Blick auf den Planeten hatte, der von seiner Atmosphäre wie in einen zarten leuchtenden Schleier gehüllt war. Sogleich ließen sich die Vari an zwei Tischen in der Nähe der Fenster nieder, während Tybrang von Hayes erfuhr, daß man als nächstes das Habitat der Laro, daraufhin die Dana, die Sim und zum Abschluß die Sirk ansteuern würde. Wenig später bezog auch er an einem der Fenster Aufstellung, jedoch hielt er es für sicherer, immer wieder einen Blick hinüber zu seinen Leuten zu werfen. Solche Vorfälle wie jenen im Transporterraum galt es nach Möglichkeit zu vermeiden.

Es dauerte nicht lange, bis die ersten Laro, kurz darauf gefolgt von den Dana im Casino erschienen. Der Raum war nicht sonderlich groß, so daß er sich gut gefüllt hatte, als der Trupp der Sirk eingetroffen war. Mittlerweile standen überall Gruppen sich unterhaltender Rhazaghaner beisammen, neugierig beobachtet von den wenigen Sternenflottenangehörigen, die sich im Casino aufhielten.

Es hatte sich herumgesprochen, daß Tybrang den Jagdtrupp führte, und so nahm dieser erst einmal die Begrüßungen der Neuankömmlinge entgegen. Fast jedes Gesicht war ihm noch vom Vorjahr bekannt, und es bereitete ihm keine Mühe, die meisten mit Namen zu begrüßen. Wenig später dann löste sich Dylas von den Laro, ein älterer Rhazaghaner mit anthrazitfarbenen Haar, aus der Menge und begann eine Unterhaltung mit ihm.

"Wir Laro sind voller Bewunderung für die Leistung, die Clanführer Tarkin vollbracht hat." erklärte er würdevoll. "Zusammen mit sieben Jägern zu einer Atalanjagd aufzubrechen und seine Leute dann nach vollbrachter Tat unverletzt ins Habitat zurückzubringen, das ist absolut beispiellos. Ich glaube kaum, daß ein anderer den Mut zu dieser Vorgehensweise aufgebracht hätte, allerdings muß man zugeben, daß sich nur sehr wenige Jäger mit dem Clanführer der Vari vergleichen können. Nach dem, was man sich erzählt, soll er in die Krallenluum gewechselt und dem Atalan ins Genick gesprungen sein, ist das wahr?"

Tybrang nickte. "Doch, das stimmt! Tarkin brachte es fertig, den Hals des Tieres hinauf zu klettern, um an seine Nackenwirbel zu gelangen. Danach brach er ihm das Genick. Sicherlich eine ungewöhnliche Methode, einen Atalan zu erlegen, aber er hatte tatsächlich Erfolg damit."

"Unglaublich!" staunte Dylas. "Ich hatte schon fast geglaubt, es hätte sich hier um ein Mißverständnis gehandelt. Was für ein Schauspiel muß das gewesen sein, als das Raubtier unter ihm stürzte! Seine Jäger sind für ihr Vertrauen mit einer Erzählung belohnt worden, die man noch in Jahrhunderten weitergeben wird."

"Habe ich recht verstanden, ihr sprecht über die Atalanjagd?" hörte Tybrang eine Stimme aus der Nähe. Als er sich ihr zuwandte, erblickte er den jungen Brispin, der ebenfalls den Laro angehörte und sich gerade eilig einen Weg zu ihnen durchbahnte.

"Eine phantastische Sache, diese Atalangeschichte!" meinte er mit leuchtenden Augen, als er vor Tybrang anhielt. "Die Vari können stolz auf ihren Clanführer sein. Jeder, den ich kenne, wünscht, er wäre bei Tarkins Jagd dabeigewesen."

Tybrang runzelte die Stirn.

"Es hätte auch ganz anders ausgehen können." gab er zu bedenken. "Tarkin wußte nichts über die Schnelligkeit dieser Tiere, seine Taktik beruhte allein auf Vermutungen. Jede Fehleinschätzung hätte zwangsläufig zu einem Blutbad führen müssen."

Brispin lachte. "Du bist zu bescheiden, Tybrang! Es ist allgemein bekannt, daß Tarkin von den Vari der brillanteste Jäger von Rhazaghan ist. Er wußte, was er tat. Es gibt niemanden, der so viel Kraft und Schnelligkeit mit diesem Wissen und einem derartigen Einfallsreichtum vereinen kann."

"Einfallsreichtum, sicher!" erwiderte Tybrang leicht gereizt. "Allerdings muß man sagen, daß Einfälle nicht alles sind. Im übrigen braucht es weit mehr als einen tüchtigen Jäger, um einen Clan zu führen, Brispin!"

Tybrang hörte, wie sein Name gerufen wurde. Gleich darauf trat eine Frau mit tiefbraunem Haar zu ihnen, die er als Riardis von den Sirk erkannte, und die seines Wissens nach die jüngste Beraterin von Clanführerin Mongaris war. Riardis lächelte strahlend.

"Ich freue mich, dich zu sehen, Tybrang! Ich wollte dir gern sagen, daß wir alle froh über den glücklichen Ausgang der Jagd sind. Vor allem Mongaris war sehr betroffen, als sie von Tarkins Absicht hörte, sich dem Eindringling zusammen mit einigen Wenigen zu stellen. Stell dir also unsere Freude vor, als die Nachricht von seinem großartigen Sieg eintraf! Die Vari mögen wohl viele Jahre ohne Clanführer gewesen sein, doch nun steht endgültig fest, daß es richtig gewesen war, auf Tarkin zu warten."

Tybrang verdrehte die Augen.

"Ja, er ist begeisternd, ich weiß! Wohin du auch kommst, heißt es 'Was für ein Clanführer!', allmählich kann man es nicht mehr hören. Alles gut und schön mit Tarkins Erfolg, aber meiner Ansicht nach sollte man den Jubel nicht übertreiben."

Riardis sah ihn verblüfft an.

"Aber bist du denn nicht stolz auf ihn, Tybrang? Er ist dein Clanführer, und er hat etwas vollbracht, was noch niemand vor ihm geschafft hat. Ist es da nicht vollkommen natürlich, sich zu freuen?"

"Ja, mag sein!" räumte Tybrang ein. "Dennoch sollte bei dem ganzen Wirbel nicht vergessen werden, daß ein Clanführer auch noch ein paar andere Pflichten hat außer gegen Raubtiere zu Felde zu ziehen. Die Hauptaufgabe besteht in der Organisation und Führung des Clans, und gerade auf diesem Gebiet hat Tarkin wohl noch einiges zu lernen."

Die Rhazaghani riß die Augen auf.

"Was meinst du damit? Willst du etwa behaupten, daß er seine Sache schlecht macht?"

"Nein, nicht direkt!" wich Tybrang aus. "Fest steht allerdings, daß Tarkin noch ein paar Probleme mit der Selbstdisziplin hat. Er war immer ein impulsiver Charakter, handelte oft ohne Überlegung, leichtsinnig, manchmal geradezu verrückt. Ich sage es nur ungern, aber leider ist diese Neigung noch heute zu spüren."

Dylas runzelte die Stirn.

"Verrückt oder nicht, so redet man nicht über seinen Clanführer." tadelte er ungnädig.

"Ich sehe mich kaum geneigt, dir zu widersprechen!" wurde eine weiche weibliche Stimme hörbar. "Dafür halte ich es für durchaus denkbar, daß nicht Tarkin verrückt ist, sondern vielmehr jemand anders."

Tybrang stöhnte leise auf, denn er wußte sofort, wem die Stimme gehörte. Als er sich umdrehte, erblickte er eine schlanke, hochgewachsene Frau, der man ihren ausgezeichneten Zustand sofort ansah. Ihre Gliedmaßen waren langgestreckt, aber muskulös und ließen die Vorliebe für die Steppenluum geradezu erahnen. Die scharfen Augen der Rhazaghani leuchteten in einem satten Grün, und die Haarfarbe konnte kaum noch als ocker, sondern fast schon als gelb bezeichnet werden.

"Aryshtin!" seufzte Tybrang.

Die Frau legte den Kopf auf herausfordernde Weise zur Seite und lächelte spöttisch. Dann kam sie heran.

"Tybrang ist unzufrieden." erklärte sie den anderen. "Er hatte erwartet, daß Tarkin durch die Clanführerschaft still und kühl wie ein See im Winter werden würde. Nun ist er verärgert, weil er begriffen hat, daß dieses bewegte Gewässer niemals sein Bild spiegeln wird."

"Aryshtin war im letzten Jahr im Vari-Habitat zu Gast." knurrte Tybrang. "Sie bewundert Tarkin und hat sich während seiner Genesung viel mit ihm unterhalten. Wahrscheinlich war Clanführerin Selembri heilfroh, den Plagegeist eine Weile los zu sein."

"Selembri ist ein toleranter Charakter und mißt auch Plagegeistern einen Wert bei." erwiderte Aryshtin heiter. "Sumal behauptet zwar, unsere Clanführerin wäre grundsätzlich zu nachsichtig, doch er beugt sich ihren Entscheidungen, so wie wir alle. Ich kann wohl mit Recht behaupten, daß die Dana sehr glücklich unter ihrer Führung sind."

"Alle Clanführer haben ihre Eigenheiten." warf Riardis ein. "Mongaris beispielsweise ist unmittelbar vor den Clanführerversammlungen äußerst gereizt und kann recht laute Flüche von sich geben, wenn sie feststellt, daß es Verzögerungen bei den Vorbereitungen gegeben hat."

"Was denn, Mongaris?" fragte Aryshtin entzückt.

"Oh ja! Neuerdings verwendet sie sogar ziemlich deftige Außenweltausdrücke." fügte Riardis hinzu.

"Mit Clanführer Raleb ist es ähnlich." ließ sich Brispin hören. "Er verfügt normalerweise über eine sehr ausgeglichene Natur, aber wenn er übermüdet ist, sollte man ihm besser nicht in die Quere kommen. Wenn es wieder einmal soweit ist, pflegt Injin ihn energisch schlafen zu schicken, ohne sich im mindesten um die ungnädigen Ausdrücke zu kümmern, mit denen er sie bedenkt. Ich habe sie oftmals sagen hören, es sei mit Raleb wie damals mit ihren Kindern, nur schlimmer, denn diese hätten ihr nicht so viele Widerworte gegeben."

Tybrang war der Unterhaltung verdrossen gefolgt. Es war für ihn leicht ersichtlich, daß man die Tragweite seines Problems nicht verstanden hatte, doch bevor er sich erneut in das Gespräch einschalten konnte, hielt Lieutenant Commander Hayes bei ihnen an.

"Bitte verzeihen Sie, aber ich wollte Ihnen mitteilen, daß sämtliche Unterkünfte bereit sind, bezogen zu werden." Er wandte sich Tybrang zu. "Ich habe erfahren, daß Sie der leitende Offizier bei dieser Operation sind, ist das richtig, Sir?"

Tybrang sah ihn einen Moment überrascht an.

"Der leitende Offizier? Nun ja, doch, ich bin der Jagdführer, wenn Sie das meinen."

Hayes lächelte.

"Sehr gut! Wenn ich Sie dann bitten darf, mit mir zu kommen, Sir? Ich habe eine Offiziersunterkunft auf Deck Zwei für Sie vorbereiten lassen."

"Eine Offiziersunterkunft?" fragte Tybrang verwirrt. "Aber..."

"Nun, Sir, es ist bei uns üblich, der Führungspersönlichkeit einer Delegation wie der Ihren eine angemessene Unterkunft zur Verfügung zu stellen. Sie brauchen sich wegen Ihrer Leute keine Gedanken zu machen. Es wird in wenigen Minuten jemand kommen, um sie in ihre Quartiere auf den Mannschaftdecks einzuweisen."

Tybrang sah unschlüssig auf den lächelnden Hayes, dann wandte er sich seinen verdutzten Artgenossen zu.

"Es hilft nichts!" erklärte er. "Wir werden uns den hiesigen Gepflogenheiten anpassen müssen. Wenn euch jemand eure Unterkünfte zeigen will, dann geht mit ihm! Wir sehen uns später."

Bevor er sich abwandte, konnte er noch sehen, wie Aryshtin die Brauen hob.

"Ja, Sir!" antwortete sie spöttisch.

 

Während der folgenden sechs Tage war Tybrang damit beschäftigt, den Strukturplan von Starview Red zu studieren und sich genauestens einzuprägen. Diese Tätigkeit beanspruchte den größten Teil seiner Aufmerksamkeit, und so fand er nur wenig Gelegenheit, seine Leute auf den Mannschaftsdecks zu besuchen. Dennoch kam er nicht gänzlich umhin, dort einige Male nach dem Rechten zu sehen, um sich davon zu überzeugen, daß seine Anweisungen befolgt wurden. Tatsächlich konnte er feststellen, daß sich selbst die rebellische Aryshtin an das Grundformgebot ihres Jagdführers hielt, obwohl sie bei jeder ihrer Begegnungen die steife Grußhaltung der Sternenflottenleute imitierte.

Auch bei den übrigen Mitgliedern des Jagdtrupps glaubte Tybrang einen gewissen Groll zu spüren. Anscheinend verübelten ihm seine Artgenossen, daß er der räumlichen Trennung zugestimmt hatte, und so stieß er bei fast allen auf Zurückhaltung und verschlossene Mienen. Natürlich war es nicht üblich, daß sich ein Jagdführer von seinen Leuten entfernte, andererseits hatte er keine Möglichkeit gehabt, das abgesonderte Quartier abzulehnen, ohne die Sternenflottenleute vor den Kopf zu stoßen. Tybrang war sicher, daß gerade dem Benehmen des Anführers besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde, und das mangelnde Verständnis der anderen für seine Situation bekümmerte ihn.

Täglich fand sich Lieutenant Commander Hayes bei ihm ein, um ihn zu verschiedenen Besichtigungen und Unternehmungen einzuladen. Dann erhob sich der Rhazaghaner jedesmal gutwillig von seinem Schreibtisch und begleitete den Terraner in verschiedene Regionen des Schiffes. Er wurde zuvorkommend von Captain Okyo auf der Brücke empfangen, ließ sich vom Chefingenieur die Wunder des Maschinenraumes zeigen und bestaunte höflich die geruchslosen Illusionen des Holodecks, die ihm Hayes voller Stolz präsentierte. Nachdem Tybrang dann das Programm des Tages absolviert hatte, zog er sich wieder in seine Unterkunft zurück, um sich erneut seinen Überlegungen und Vorbereitungen zu widmen.

Als ihn Hayes zu Beginn des siebten Tages weckte, um ihm mitzuteilen, daß die Tecumseh binnen einer Stunde Starview Red erreichen würde, empfand er profunde Erleichterung. Die Zeit des Wartens war vorüber, nun war es endlich soweit, daß er gemeinschaftlich mit den anderen tätig werden konnte. Etwas später dann rematerialisierte er zusammen mit Captain Okyo im Bereitschaftsraum der örtlichen Stationskommandantin.

Die Terranerin erhob sich sofort von ihrem Platz hinter dem Schreibtisch, um die beiden Ankömmlinge zu begrüßen.

"Ich bin Captain Hermansen, kommandierender Offizier von Starview Red!" stellte sie sich vor, während sie dem Rhazaghaner die Hand schüttelte. "Ich bin außerordentlich froh, Sie hier zu sehen. Zwar sind in den letzten Tagen keine ungewöhnlichen Vorfälle mehr bekannt geworden, dennoch gibt es mittlerweile einige Gerüchte, die vor allem unter den Zivilisten für Unruhe sorgen. Wir sehen uns kaum noch in der Lage, unseren Verdacht geheim zu halten. Haben Sie bereits einen bestimmten Plan, nach dem Sie vorgehen wollen?"

Tybrang warf Okyo einen kurzen Blick zu.

"Der Captain und ich halten es für das Beste, auf jedes Deck der Station zwei meiner Leute zu beamen, die dann unverzüglich mit der Suche beginnen werden. Auf diese Weise erhält der Eindringling nur wenig Zeit zu reagieren. Vielleicht haben wir sogar Glück, und es gelingt uns, ihn zu überraschen."

"Natürlich, Sie haben recht!" nickte Hermansen. "Sie wollen vermeiden, daß er sich in schwer zugängliche Bereiche zurückzieht. Von daher wird ein paralleles Vorgehen sicherlich am effektivsten sein. Auf alle Fälle möchte ich Ihnen versichern, daß ich und meine Leute Sie in jeglicher Hinsicht unterstützen werden."

"Ich danke Ihnen, Captain!" erwiderte der Rhazaghaner ernst. "Ich hätte diesbezüglich auch gleich eine Frage an Sie: Gibt es bewaffnete Leute auf der Station? Das Äußere der Zahnluum ist leider dazu geeignet, unkontrollierte Reaktionen bei nicht-Rhazaghanern auszulösen."

"Das Sternenflottenpersonal ist bewaffnet." erklärte die Stationskommandantin. "Allerdings wird in wenigen Minuten jeder meiner Leute über Ihre Ankunft informiert sein. Ansonsten sind Waffen jeglicher Art auf der Station verboten."

"Gut!" Tybrangs Gestalt straffte sich. "In dem Fall würden wir gern beginnen, wenn Sie gestatten."

Gleich darauf begaben sie sich hinaus auf den Gang, wo Okyo Kontakt mit dem Transporterraum der Tecumseh aufnahm. Bereits im nächsten Augenblick begann neben ihnen eine Person zu rematerialisieren, nahm nach kurzem Flimmern klarere Konturen an, um dann schließlich zu einer hochgewachsenen Frau zu erstarren.

Tybrang seufzte, als er Aryshtin erkannte. Natürlich, er hatte keine Anweisungen ausgegeben, welcher seiner Artgenossen ihn auf der Jagd begleiten sollte, dabei hätte ihm klar sein müssen, daß sich die Dana diese Gelegenheit nicht entgehen lassen würde. Andererseits stand sie in dem Ruf, eine außergewöhnlich gute Jägerin zu sein, und so fand sich Tybrang widerwillig mit der Situation ab.

Aryshtin, die ihn beobachtet hatte, lächelte und tippte sich auf die Nase.

"Ich fürchte, diese wird mir hier nicht besonders von Nutzen sein. Vielleicht werden die Grundformen ja nun bereit sein, ihre große Schwester willkommen zu heißen, jetzt, da sie sich Hilfe von ihr erhoffen. Was meinst du, Sir?"

"Ich meine, daß du dir Unhöflichkeiten dieser Art sparen kannst." antwortete er ärgerlich. "Es ist nicht ihre Schuld, daß sie sich in dieser Lage befinden. Sehen wir lieber zu, daß wir den Eindringling aufspüren."

Er wandte sich ab und wechselte in die Zahnluum, in der Hoffnung, einer frechen Erwiderung entgehen zu können. Sogleich schnappte er nach Luft, denn die Vielzahl von Gerüchen, die in seine empfindliche Nase zog, benahm ihm fast den Atem. Seit Jahrzehnten ausdünstende Kunststoffe, unzureichend funktionierende Aborte, langsam überhitzende Energieleitungen, vor sich hin oxidierende Metalle, allmählich zerfallende Schmiermittel, das waren nur einige der Botschaften, welche die Raumstation selbst zu ihm sandte. Tybrang nieste mehrmals und schob die Materialausdünstungen gewaltsam beiseite, dann bemühte er sich, die Stationsbewohner aus dem Geruchschaos herauszufiltern: Mengen von Terranern, Vulkanier, mehrere Lemnorianer, einige Bolioner und Scharen niemals wahrgenommener Spezies kamen ihm in Form ihrer unterschiedlichen Witterungen entgegengeweht. Hunderte von Individuen beschickten die Station mit ihren Individualgerüchen, andere hatten sie betreten und wieder verlassen, waren nur noch anhand ihrer längst verblaßten Duftschatten präsent. Der Rhazaghaner schloß die Augen und bemühte sich angestrengt, Bekanntes und Unbekanntes, Vorhandenes und Gewesenes voneinander zu trennen.

Und dann war sie plötzlich da: Die Witterung, die für ihn stets mit der Erinnerung an Kummer, Furcht und Wut verknüpft sein würde. Sie umgab ihn wie eine stille, unsichtbare Drohung, schwach nur, verschwommen zwischen all den anderen Gerüchen, aber allein ihre Anwesenheit genügte. Tybrang riß die Augen auf.

Neben ihm stand Aryshtin, das dichte Mähnenhaar gesträubt, den Rachen mit dem kräftigen Gebiß geöffnet. Sie zitterte förmlich vor Jagdfieber.

"Formwandler!" grollte sie wild. "Dieselbe Witterung wie damals unter den Cardassianern, aber bei weitem nicht so frisch. Laß uns nach ihrem Ursprung suchen, Tybrang!"

Bevor sich der Rhazaghaner in Bewegung setzte, sah er sich nach der Stationskommandantin um. Captain Hermansen stand noch immer an derselben Stelle, war jedoch deutlich bleicher geworden.

"Ich verstehe jetzt, was Sie vorhin meinten." sagte sie ruhig. "Sie brauchen sich jedoch keine Sorgen zu machen, meine Leute sind entsprechend vorbereitet und werden die übrigen Bewohner der Station im Auge behalten. Ich wünsche Ihnen viel Glück, Sir!"

Seite an Seite durchstöberten die beiden Rhazaghaner das gesamte Stationsdeck, konzentriert, aufmerksam, nach allen Seiten witternd. Sie trabten unter dem Schutz mehrerer Sicherheitswächter durch ein Geschäftsviertel, brachten lärmende Frachterbesatzungen zum Verstummen und ließen diverse ansässige Händler bis in den hintersten Winkel ihres Ladens zurückweichen. Eine Gruppe Vulkanier hob überrascht die Brauen, während eine bajoranische Mutter energisch ihre beiden Sprößlinge am Kragen packte, um sie daran zu hindern, den beiden zottigen Ungetümen hinterherzulaufen. Tybrang und Aryshtin durchsuchten zwei Bars, und wurden von dem scharfen Alkoholdunst zum Niesen gebracht, während der Mann hinter dem Tresen das Nachschenken vergaß. Gleich darauf brachten sie die Besitzerin eines Süßigkeitengeschäftes in Erklärungsnöte, weil sie nebenbei auf ein ansehnliches Lager mit verbotenen Zusätzen stießen. Schließlich folgten sie den Gängen bis zu den Wohnbereichen, ließen sich von den Sicherheitsleuten verschiedene Quartiere öffnen und witterten gewissenhaft in jeden Luftschacht. Kurz vor Schichtwechsel des Stationspersonals stand dann die Antwort endgültig fest.

"Jeder von uns ist sich vollkommen sicher." erklärte Tybrang der Stationskommandantin. "Es stimmt, Sie hatten einen Gründer auf dieser Station, aber er muß sie vor knapp drei Tagen wieder verlassen haben. Man kann die Abnahme seiner Geruchspräsenz förmlich spüren. Leider ist kaum noch festzustellen, wo er sich in erster Linie aufgehalten hat, durch die ständige Umwälzung der Stationsluft ist seine Witterung verdünnt und über die ganze Einrichtung verteilt worden. Allerdings glauben meine Leute, daß der jüngste und schärfste Duftschatten im Andockbereich von Deck neun zu finden ist."

"Dort haben in den letzten Tagen vier verschiedene Versorgungsfrachter gelegen." murmelte Hermansen. "Ich werde sofort versuchen, sie zu kontaktieren. Außerdem werden wir die gesamte Station auf Sabotage untersuchen müssen. Hoffen wir, daß nicht ausgerechnet der Reaktor betroffen ist!"

Sie sah zu dem Rhazaghaner auf.

"Wir sind Ihnen zu großem Dank verpflichtet, Sir! Es war sehr liebenswürdig von Ihnen und Ihren Leuten, Ihre Heimat zu verlassen, um uns zu Hilfe zu eilen. Außerdem ist die Suche sicherlich sehr anstrengend für Sie gewesen. Ich habe auf diesem Gang ein Offiziersquartier für Sie herrichten lassen, weitere Unterkünfte für Ihre Leute befinden sich am anderen Ende der Station sowie ein Deck tiefer. Es tut mir furchtbar leid, aber im Moment verfügen wir über nur sehr wenig freistehende Quartiere, ich hoffe sehr, daß Sie mir diesen Umstand nicht verübeln."

"Aber natürlich nicht!" versicherte ihr Tybrang rasch. "Das geht völlig in Ordnung!"

"Ganz recht, machen Sie sich keine Gedanken!" hörte er Aryshtins ironiegesättigte Stimme. "Wenn unser Jagdführer etwas mit Sicherheit haßt, dann die Vorstellung, der Sternenflotte irgendwelche Umstände bereiten zu müssen."

 

Als man Tybrang zu seinem Quartier geführt hatte, ließ er sich sofort erleichtert auf das Bett nieder. Die Jagd hatte ihm ein hohes Maß an Anspannung und Konzentration abverlangt, und so verspürte er nur noch den Wunsch, ausgiebig zu schlafen. Tatsächlich war er auch schon dabei, in den Schlaf hinüberzugleiten, als ihm ein akustisches Signal zu verstehen gab, daß ein Besucher um Einlaß bat.

Seufzend stemmte er sich in die Höhe und begab sich zur Tür, um sich im nächsten Moment Captain Okyo gegenüber zu sehen. Es war auf den ersten Blick zu erkennen, daß der Terraner in großer Eile war.

"Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, daß ich nicht hereinkomme!" erklärte er hastig. "Ich muß mich leider von Ihnen verabschieden. Uns erreichte gerade die Nachricht, daß die Cardassianer völlig überraschend im Abantha-System eine Offensive gestartet haben. Sämtliche Schiffe dieses Sektors, unter ihnen auch die Tecumseh, wurden zur Verteidigung abberufen. Ich kann Ihnen im Moment noch nicht sagen, wann genau Sie nach Rhazaghan zurückgebracht werden können, aber ich versichere Ihnen, daß sich die Sternenflotte so schnell wie möglich darum kümmern wird."

Tybrang sah ihn verwirrt an, dann begriff er die Situation.

"Sie meinen, wir werden noch einige Zeit auf Starview Red bleiben müssen? Aber wie..." Er hielt inne und räusperte sich. "Nun, sicher, ich habe natürlich vollstes Verständnis, daß es im Moment einfach nicht anders geht. Wir werden in der Zwischenzeit schon zurecht kommen. Auf alle Fälle wünsche ich Ihnen viel Glück, Captain!"

Okyo schüttelte ihm die Hand.

"Es tut mir natürlich leid, daß Sie erst einmal auf unbestimmte Zeit hier festsitzen, dennoch können Sie sicher sein, daß man alles tun wird, um Sie rasch wieder nach Hause zu bringen. Bitte entschuldigen Sie, aber ich muß auf mein Schiff!"

Nachdem sich die beiden Männer voneinander verabschiedet hatten, verließ Tybrang sein Quartier, um die unangenehme Nachricht an die anderen weiterzugeben. Wie er es erwartet hatte, löste sie allgemeine Bestürzung unter den Mitgliedern des Jagdtrupps aus. Die Raumstation mochte zwar kein uninteressanter Ort sein, doch die Aussicht, dort eine längere Zeit verbringen zu müssen, erfreute niemanden. Natürlich gab es die Möglichkeit, Rhazaghan zu kontaktieren, aber die Überlegung, eine Sternschwinge aus Bequemlichkeitsgründen ein Kriegsgebiet durchqueren zu lassen, stieß bei allen auf Ablehnung. Es würde nichts anderes übrigbleiben, als das Ende der Kampfhandlungen abzuwarten.

Müde und abgespannt kehrte Tybrang in seine Unterkunft zurück. Er fragte sich ernsthaft, wie es ihm möglich sein sollte, die Wartezeit auf der Station zu überbrücken. Seine Bitte an seine Artgenossen, sich weiterhin auf die Grundform zu beschränken, hatte denkbar wenig Begeisterung hervorgerufen, und er hatte zu seiner Sorge feststellen müssen, daß sich bei den ersten eine gewisse Reizbarkeit bemerkbar machte. Er lag noch eine Zeitlang voller Ratlosigkeit auf seinem Lager und grübelte, dann übermannte ihn ein langer tiefer Schlaf.

Das nächste, was er wahrnahm, war eine Erschütterung, die mit einem dumpfen Dröhnen einherging. Verwirrt schlug Tybrang die Augen auf, um sich beim Anblick der schlichten Wände daran zu erinnern, wo er sich befand. Noch bevor er sich aufrichten konnte, erfolgten zwei weitere Stöße, die ihn endgültig begreifen ließen. Das, was die Station da schüttelte, war schweres Geschützfeuer, und er lag hier in diesem Bett, weitab von den anderen.

Er sprang auf, stürzte aus seinem Quartier und rannte den Gang entlang. Einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken, die langsame Grundform zu verlassen und in die Zahnluum zu gehen, unterdrückte den Impuls jedoch, als er nur mit Mühe einer größeren Gruppe ausweichen konnte, die ihm entgegenkam. Es herrschte ohnehin genug Chaos um ihn her.

Im nächsten Gang geriet er in einen regelrechten Pulk, und während er sich einen Weg durch das Gedränge bahnte, glaubte er bereits den ersten Rauchgeruch wahrzunehmen. Rings um ihn erklang das Gewirr erschrockener Stimmen, in einiger Entfernung schrie jemand, und über allem lag der markerschütternde Ton der Alarmsirenen.

Kurz darauf hatte er das Gewühl hinter sich gelassen, und nun endlich war es ihm möglich, Tempo zu entwickeln. Mit raumgreifenden Schritten rannte er seinem Ziel zu, bog um die Ecke und erkannte Aryshtin, die dort stand, noch immer in der Grundform, aber in einer Körperhaltung, die Kampfbereitschaft ausdrückte. Als er ihren Namen rief, wandte sie sich leicht um und warf ihm einen kurzen Blick zu, dann horchte sie wieder einen Seitengang hinunter, wo das unverkennbare Geräusch von Energiewaffen hörbar geworden war.

"Wo sind die anderen?" fragte Tybrang hastig.

"Ich weiß es nicht!" antwortete die Rhazaghani. "Ich war auf dem Rückweg zu meinem Quartier, als es völlig unvermittelt losging. Wahrscheinlich haben sie alle noch geschlafen."

Die Schüsse vor ihnen verstummten. Mittlerweile umgab sie nur noch das schwache Licht der Notbeleuchtung, allerdings hatten die schweren Einschläge aufgehört. Beide Rhazaghaner versuchten angestrengt, die Schatten zu erkennen, die sich am Ende des Ganges hin und her bewegten. Noch wußten sie nicht, mit wem sie es zu tun hatten.

Als das scharfe Geräusch hinter ihnen erklang und sie herumfuhren, war es bereits zu spät für eine Flucht. Ein ganzer Trupp Jem'Hadar war dort materialisiert und richtete die Waffen auf die beiden Rhazaghaner.

"Muß ich meinen letzten Kampf in der Grundform ausfechten, um die zarten Nerven der Jem'Hadar zu schonen, oder darf ich jetzt endlich wechseln?" hörte Tybrang seine Begleiterin fauchen.

"Tu's, Aryshtin!" rief er laut, und zwei Blitze erhellten den Gang. Die vordersten Krieger prallten entsetzt zurück und senkten augenblicklich die Waffen.

"Lichtwandler!" schrie einer von ihnen. "Erster, was sollen wir tun?"

"Geht zur Seite!" antwortete ihm eine ruhige, feste Stimme, und ein älterer Jem'Hadar bahnte sich einen Weg zwischen ihnen durch. Ohne die geringsten Anzeichen von Furcht stand er den noch abwartenden Rhazaghanern gegenüber, dann neigte er den Kopf.

"Wir erbitten eure Vergebung, kleine Götter!" richtete er das Wort an sie. "Wir sind dabei, den Befehlen der Gründer Folge zu leisten. Wenn ihr uns aber dennoch zürnt, dann lenkt euren Fluch auf mich, den Ersten, denn meine Krieger trifft keine Schuld."

Tybrang fühlte sich zu keiner Bewegung fähig. Fassungslos beobachtete er, wie sich der Jem'Hadar eine Waffe reichen ließ und sie langsam und andächtig auf ihn richtete. Im nächsten Augenblick nahm er nur noch blendend weißes Licht wahr, das ihn mit sich forttrug.

 

Als Tarkin im Maschinenraum der Narhamak von der Nachricht erreicht wurde, er würde im Habitat im kleinen Versammlungsraum erwartet, ahnte er nichts Böses. Er verabschiedete sich von Rilkar mit einem freundschaftlichen Schlag auf die Schulter, begab sich in den Transporterraum und bat sein Schiff, ihn in den Hangar zu beamen. Wenig später stieg er in zufriedener Stimmung ins Habitat hinauf.

Als er dann die schwere geschnitzte Tür öffnete, sah er überrascht auf das Bild, das sich ihm bot. Sein kompletter Beraterstab, Captain Pittoni, der seit dem Vortag im Habitat weilende Raleb von den Laro und Mongaris von den Sirk - sie alle saßen gesenkten Hauptes an dem langen Besprechungstisch und sahen stumm vor sich hin. Nicht ein einziger blickte ihn an, und Tarkin begriff, daß etwas Entsetzliches passiert war.

"Der Jagdtrupp..." begann er.

Mongaris hob den Kopf. Sie war auffallend bleich, doch sie sah ihm ruhig und gefaßt in die Augen.

"Sie kamen zu spät, Tarkin!" antwortete sie leise. "Der Formwandler hatte sein Zerstörungswerk bereits vollendet und war wieder verschwunden, so daß die Jem'Hadar leichtes Spiel hatten. Die Station wurde geentert und anschließend vernichtet. Starview Red existiert nicht mehr."

Tarkin starrte sie einen Moment an, dann sah er sich fassungslos unter den anderen um.

"Was sitzt ihr dann noch hier?" schrie er sie an. "Wir müssen die Sternschwingen starten, um sie zu suchen. Die Jem'Hadar pflegen häufig Gefangene zu machen, vielleicht sind sie noch am Leben. Wenn wir uns sofort aufmachen..."

"Nein, Tarkin, nein!" hörte er die Stimme seiner Gefährtin.

Aslari stemmte sich hoch und kam langsam auf ihn zu.

"Die Jem'Hadar haben tatsächlich viele Gefangene gemacht." sagte sie mit belegter Stimme. "Einen Tag nach dem Angriff wurden zahlreiche Sternenflottenangehörige freigelassen, im Austausch gegen den Diolarn-Sektor. Die Föderation ist ohnehin nicht in der Lage, ihn noch lange zu halten. Unter jenen, die ihre Freiheit zurückerhielten, befand sich auch die Kommandantin von Starview Red. Sie hat die Überlebenden gesehen, aber es war kein einziger Rhazaghaner unter ihnen."

Sie holte tief Luft und sah ihn kummervoll an.

"Das Dominion hat sich an uns erinnert. Sie haben sie alle umgebracht, Tarkin!"

Ihr Gefährte suchte Halt im Türrahmen und krümmte sich zusammen.

"Vierunddreißig Rhazaghaner! Neun Vari!" ächzte er.

Dann plötzlich wirbelte er herum und verließ fluchtartig den Raum.

Aslari eilte hinterher, gefolgt von der leichenblassen Nirrit.

"Wo willst du hin?" rief Aslari ihrem Gefährtin nach.

"Auf die Jagd!" antwortete er erstickt.

Aslari warf Nirrit einen Blick zu.

"Sag Intral Bescheid!"

Tarkin hielt abrupt an und drehte sich um.

"Nein!" schrie er verzweifelt. "Ich bitte euch, laßt mich doch allein gehen! Nur dieses eine Mal!"

Aslari richtete sich auf und sah ihrem Gefährten tapfer in die Augen.

"Das können wir nicht!" erwiderte sie leise. "Weil du der Clanführer bist!"

 
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