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Vari und Numa
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Teil 2
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Teil 4
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Teil 8
Teil 9
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Vari und Numa

Teil 8
© by Dreher, G. ()

 

Disclaimer: Das StarTrek Universum gehört Paramount/Viacom und ich habe nicht die Absicht, durch diese Fanfiction Story irgendwelche Rechte zu verletzen. Die Welt Rhazaghan und ihre Bewohner allerdings sowie sämtliche hier auftretenden Charaktere haben ihren Ursprung und ihr Zuhause in meinem Kopf .
An dieser Stelle möchte ich noch einmal Jörg, meinem Mann und Gefährten danken. Ohne sein Verständnis, seine Liebe und seine nie endenwollende Gesprächsbereitschaft hätte ich diese Geschichte wohl niemals geschrieben.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der StarTrek-Sektion

 
3.

 

"Ich denke, es wird das Beste sein, wenn wir erst einmal mit der Sammlung der anatomischen Daten beginnen." erklärte Luratar. "Wenn wir deine Spezies wirklich verstehen wollen, ist es unumgänglich, uns zunächst mit deinen verschiedenen Daseinsformen vertraut zu machen. Diese Informationen werden dann die Basis für unsere detailliertere Arbeit bilden. Bist du mit dieser Vorgehensweise einverstanden?"

Tybrang nickte. Er war kein Mediziner, doch er bezweifelte keinen Augenblick, daß der Indiv eine Autorität auf seinem Gebiet darstellte. Welche Strategie er auch vorschlug, sie würde sich als zweckmäßig erweisen.

Auf Luratars Anordnung hin war der große Raum, der Tybrangs Quartier gegenüberlag, als Labor eingerichtet worden. Den ganzen Vormittag über hatten zahlreiche wissenschaftliche Angestellte fieberhafte Aktivität entfaltet, indem sie Materialschränke, beleuchtete Arbeitstische, diverse Meßgeräte, Monitore und andere Utensilien herbeischafften. Das ganze Institut schien mitten in einem Umzug zu stecken.

Nun jedoch war Ruhe eingekehrt. Der Rhazaghaner hatte sich auf dem Rand einer komfortablen medizinischen Liege niedergelassen, während die Assistenten des Indiv, unter ihnen auch die Dringam Obtanas, ihn mit erwartungsvollen Blicken bedachten. Luratar selbst trat neben ihn und legte ihm ermutigend die Hand auf die Schulter.

"Von jeder deiner Wandlungsformen werden wir Blut- und Gewebeproben benötigen. Ein Scanner wird uns nicht genügend Informationen liefern, ganz davon abgesehen, daß es nicht möglich ist, ihn ohne jegliches Grundwissen zu kalibrieren. Ich muß dich also um ein wenig Nachsicht bitten, Tybrang!"

"Schon gut, Indiv, das ist kein Problem! Sagen Sie mir nur, was ich tun soll!"

Luratar überlegte kurz.

"Beginnen wir einfach, würde ich sagen!" entschied er dann. "Vielleicht nimmst du als erstes die Gestalt an, die dir am längsten vertraut ist."

Der Rhazaghaner erhob sich und wollte gewohnheitsmäßig Luft holen, doch dann zögerte er. Unsicher sah er sich unter den Anwesenden um. Der Institutsleiter begann zu lächeln.

"Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, daß du jemanden erschrecken könntest. Diese Leute sind hochqualifizierte Wissenschaftler, die sich die Erforschung fremdartiger Geschöpfe zur Lebensaufgabe gemacht haben. Ich verspreche dir, daß dein Anblick keine Furcht in ihnen wecken wird."

Tybrang sah ihn an, dann nickte er. Im nächsten Augenblick warfen die Laborschränke den Lichtblitz des Wechsels zurück.

Luratar musterte nachdenklich den fragend zu ihm aufblickenden Rhazaghaner. Langsam ließ er seine Augen über das bernsteinfarbene Fell wandern, registrierte die feine Sprenkelzeichnung ebenso wie die verschwommene Streifung der Flanken und die Aufhellungen an Bauch und Kehle. So lange dauerte seine intensive Betrachtung, daß Tybrangs spitze Ohren schließlich nervös zu zucken begannen. Die unruhige Gebärde riß den Cardassianer aus seinen Gedanken.

"Entschuldige, Tybrang, aber diese Gestalt ist außerordentlich interessant. Vermute ich richtig, daß keine zwei Rhazaghaner eines Habitates dieselbe Musterung aufweisen?"

"Das stimmt, Indiv! Jeder erwachsene Rhazaghaner bevorzugt im Normalfall seine ganz bestimmte Zeichnung. Bis auf eine Ausnahme!" fügte er dann hinzu.

"Ach ja, dein etwas exzentrischer Clanführer! Nun, er wird hoffentlich wissen, was er tut. Dein Äußeres hier ermöglicht auf alle Fälle eine wirkungsvolle Umrißauflösung, was auf einer Welt wie der deinen mit Sicherheit nur zu empfehlen ist. Ich halte nichts von nutzlosen Risiken."

Er gab seinen Untergebenen einen Wink, worauf diese ohne Zögern herantraten und mit einer genauen Datenerfassung begannen. Sie stellten die Größe des Rhazaghaners fest, notierten dann sein Gewicht, um sich anschließend auf Pulsschlag und Atemfrequenz zu konzentrieren. Nach der Entnahme der angekündigten Blut- und Gewebeproben erfolgte eine Untersuchung der Pfoten und des Gebisses, worauf man sich den Augen widmete. Tybrang wurde durchleuchtet und abgetastet, seine Hörfähigkeit im Hinblick auf Lautstärke und Frequenz untersucht und die Leistungsfähigkeit seiner Muskulatur in einer Gravitationskammer ausgetestet. Geduldig ließ er sämtliche Prozeduren über sich ergehen, denn er wußte, daß jede einzelne Information die Sicherheit seiner Leute vermehrte. Beim nächsten Besuch des Regierungsvertreters würde Luratar diesem nicht mit leeren Händen gegenübertreten müssen.

An diesem Abend sank der Rhazaghaner zum ersten Mal seit etlichen Tagen ermüdet auf sein Lager. Zwar spürte er durch die Gravitationsversuche jeden einzelnen Muskel seines Körpers, doch er wußte, daß er in dieser Nacht tief und lange würde schlafen können. Der Tag hatte ihm nicht nur die ersehnte Beschäftigung gebracht, sondern ihm vor allem das Gefühl gegeben, endlich wieder Teil einer Gemeinschaft zu sein. Er hatte jetzt eine Aufgabe, und um nichts in der Welt war er bereit, sie erneut gegen die quälende Stille seines Quartiers einzutauschen.

 

Ab nun stand der Rhazaghaner im Mittelpunkt einer regen Betriebsamkeit. Nachdem Luratar und seine Assistenten die Eigenschaften der Krallenluum weitestgehend erfaßt hatten, wandten sie ihre Aufmerksamkeit Tybrangs Steppenluum zu. Es folgten die gleichen Tests und Untersuchungen, anatomische Vergleiche wurden angestellt, während die biologischen Labors die ersten Ergebnisse lieferten. Man informierte den Rhazaghaner, daß bei dem genetischen Vergleich von Grundform und Luuma eine vollkommene Übereinstimmung festgestellt worden sei, und Tybrang empfand vage Gewissensbisse darüber, kaum jemals einen Gedanken an seine eigene Biologie verschwendet zu haben.

Da die Steppenluum über eine höhere Muskelmasse als die Krallenluum verfügte, hielt der Indiv kurze Rücksprache mit Tybrang, worauf er seinen Mitarbeitern die Anweisung gab, die Leistung der Gravitationskammer um gut ein Drittel zu erhöhen. Tatsächlich mußte der Rhazaghaner daraufhin seine gesamten Kräfte aufbieten, um bis zum Ende des Tests auf den Beinen zu bleiben. Anschließend verließ er den Raum ausgepumpt und leicht schwankend, doch fühlte er gleichzeitig eine stille Freude über das überschwengliche Lob, das ihm von Luratar entgegengebracht wurde. Auch auf den Gesichtern der anderen Cardassianer stand beifälliges Lächeln, und das Wissen, daß diese Anerkennung der Leistungsfähigkeit seines Volkes galt, erfüllte Tybrang mit Stolz.

Einige Tage später entschied sich der Institutsleiter, mit der Erfassung der Zahnluum zu beginnen. Es folgten die Untersuchungsverfahren, mit denen Tybrang nun schon vertraut war, und so sah er gelassen zu, wie Dislorn, einer der jüngeren Assistenten des Indiv die gewohnten Proben aus seinem Vorderbein entnahm. Mittlerweile empfand er die Vorgänge um seinen Körper fast als Routine.

Drei Tage lang widmete sich Luratar ausschließlich dem Studium der Zahnluum, dann kündigte er Tybrang einen weiteren Test in der Gravitationskammer an.

"Deine aktuelle Wandlungsform zeichnet sich eindeutig durch den größten Muskelanteil aus." erklärte er ihm. "Obwohl die Leistungen deiner anderen beiden Gestalten bereits beachtlich waren, bin ich sicher, daß in dieser Form das bei weitem höchste Potential steckt. Aus diesem Grund würde ich heute gern deine Belastung um zwei weitere Skalenpunkte steigern."

Tybrang verspürte ein diffuses Unbehagen. Bereits die ersten beiden Experimente hatten ihn deutlich an sein Eingesperrtsein in der letzten Zeit erinnert, und er hatte sich beherrschen müssen, um nicht sofort in dem kleinen Raum auf und ab zu laufen. Beim zweiten Mal war dann das Gefühl eines wahrhaft mörderischen Gewichtes hinzugekommen, das sich unaufhaltsam auf seinen gesamten Körper legte. Die Grav-Tests gefielen ihm nicht sonderlich, soviel stand fest.

"Meinen Sie wirklich, Indiv?" begann er unsicher. "Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich habe die Gravitation bereits beim letzten Mal als sehr stark empfunden. Es kann gut sein, daß ich einer höheren Schwerkraft nicht mehr gewachsen bin."

"Hab keine Angst!" beschwichtigte ihn der Indiv. "Wir werden die Belastung langsam und kontinuierlich steigern, um Muskelrisse zu vermeiden. Offen gestanden setze ich große Erwartungen in diese Gestalt und ich bin nahezu sicher, daß du uns noch ein weiteres Mal überraschen wirst."

Einige Zeit später betrat Tybrang dann die Gravitationskammer und wechselte. Nach Luratars freundlichem Zuspruch hatte er wieder etwas Mut gefaßt, doch nach einem erträglichen Anfang merkte er, wie die ansteigende Gravitation beunruhigend an seinem Körper zu zerren begann. Sofort stieg eine dumpfe Beklemmung in ihm auf.

Der Rhazaghaner drückte alle vier Beine durch und spürte, wie die Belastung seiner Gelenke immer mehr zunahm. Das Gewicht eines Sabresh schien sich langsam auf ihn zu senken, und während Tybrang krampfhaft Atem schöpfte, glaubte er verschiedene Bestandteile seines Körpers knirschen zu hören. Gleich darauf erkannte er, daß er nicht mehr zu der geringsten Bewegung fähig war. Alles was er noch fertigbrachte, war seine schmerzenden Muskeln dem entsetzlichen Druck entgegenzustemmen und durchzuhalten. Er war sicher, daß er seine Leistung vom letzten Mal schon bei weitem überboten hatte, und nun wartete er verzweifelt auf das Nachlassen der fürchterlichen Kraft, die ihn mittels seines eigenen Gewichtes zu zerquetschen drohte. Mittlerweile hallten seine Ohren vom überlauten Dröhnen des eigenen Herzschlages wieder, und plötzlich erkannte er, daß ihm kein Atemzug mehr möglich war. Panikerfüllt versuchte er einen Hilferuf, aber ein ächzender Laut war alles, was er zustande brachte. Dann durchfuhr ihn ein Zittern, und bereits im nächsten Augenblick fühlte er seinen gesamten Körper mit unglaublicher Wucht auf dem Boden aufschlagen.

Als er wieder zu denken begann, stellte er fest, daß Luratar neben ihm kniete, welcher dabei war, aufgeregt auf ihn einzusprechen. Verwundert versuchte der Rhazaghaner sich zu erheben. Er hatte gar nicht gemerkt, daß der Indiv hereingekommen war.

"...haben es beinahe nicht fassen können, aber ich war sicher, daß es in dir steckt. Zwölf Komma sechs Skalenpunkte, Tybrang! Einen solchen Wert hatte bisher einzig und allein ein orionischer Kildar erreicht, den wir hier vor ein paar Jahren untersucht haben. Unsere Gravitationskammer ist überhaupt nicht in der Lage, ein stärkeres Feld zu erzeugen. Ich bin wirklich sehr stolz auf dich, mein Junge!"

Tybrang stellte erleichtert fest, daß er die Luum gehalten hatte. Er hatte nur eine sehr unklare Vorstellung davon, wie sich ein solches Gravitationsfeld auf seine Grundform ausgewirkt hätte, aber er war froh, daß ihm die Erfahrung erspart geblieben war. Allerdings hatte er den Eindruck, daß man die Schwerkraft um ihn herum so schnell wie möglich auf den normalen Wert zurückgebracht hatte.

Nach einem weiteren Moment der Besinnung wechselte er zurück in seine humanoide Gestalt, um sich schließlich unsicher zu erheben. Luratar und Dislorn unterstützen ihn dabei.

"Mach dir keine Sorgen, du hast dir zwar ein paar Zerrungen und Prellungen zugezogen, aber keine ernsthaften Verletzungen." beruhigte ihn der Indiv. "Falls du es nicht gemerkt haben solltest: Ich habe dich eben einer raschen Untersuchung unterzogen. Zwar warst du nicht direkt bewußtlos, jedoch war ziemlich ersichtlich, daß du mich nicht hören konntest. Auf alle Fälle hast du es jetzt überstanden. Deine letzte Wandlungsform werden wir lediglich den normalen Tests unterwerfen."

Tybrang brachte ein Lächeln zustande.

"Danke, Indiv!" seufzte er. "Ich bin froh, das zu hören."

 

Nur wenige Tage später erklärte der Institutsleiter Tybrangs anatomische Erfassung für abgeschlossen und setzte sich mit dem Rhazaghaner zu einem Gespräch zusammen.

"Wir sind nun mit der Physis deiner Wandlungsformen recht vertraut." begann er. "Wir wissen, daß sich deine Gestalten zwar äußerlich unterscheiden, in genetischer Hinsicht jedoch vollkommen gleichen. Ähnliches gilt für das außergewöhnliche Organ, durch welches sich deine Spezies auszeichnet. Wir haben festgestellt, daß es den Wandlungsvorgang zwar auslöst und kontrolliert, ihm jedoch selbst in keiner Weise unterworfen wird. Sein Erscheinungsbild bleibt immer gleich, in welchem Körper es sich auch immer befindet. Im nun folgenden Schritt unserer Forschungsarbeit werden wir uns um einen Einblick in seine Funktionsweise bemühen. Zweifellos erfolgt das initiierende Signal durch das Gehirn, doch ich muß gestehen, daß sich der weitere Ablauf unserer Vorstellungskraft entzieht. Unsere Aufgabe wird also zunächst darin bestehen, den Vorgang des Wechselns zu beobachten, ihn sensorisch zu erfassen und auszuwerten."

Der Rhazaghaner hatte aufmerksam zugehört. Luratars Eröffnung stellte für ihn keine Überraschung dar, vielmehr hatte er mit Neugier und Ungeduld den Beginn jener Arbeitsphase erwartet, die sich ausschließlich mit seiner Wechselfähigkeit befassen würde. Die Sammlung seiner anatomischen Daten mochte notwendig gewesen sein, doch hatte sie auch einige Unannehmlichkeiten mit sich gebracht. Er war froh, daß die Wissenschaftler nun bereit waren, sich der Hauptsache zu widmen.

"Ich verstehe, Indiv!" erklärte er. "Haben Sie schon eine bestimmte Vorstellung, wie Sie weiter vorgehen wollen?"

"Ich denke, wir werden zunächst damit beginnen, den Wechsel zwischen Krallen- und Zahnluum zu beobachten. Es gibt zwar eine gewisse Größendifferenz, doch in Bezug auf Haltung und Körperbau sind sich diese beiden Formen recht ähnlich. Es ist wichtig, die Sensoren auf eine Weise zu plazieren, daß während des gesamten Vorgangs größtmögliche Nähe zu deinem Wandlungsorgan gewährleistet ist. Aus diesem Grund haben wir die Geräte mit Anti-Gravmodulen ausgerüstet, um sie ringförmig um deinen Brustkorb gruppieren zu können."

"Sie werden mit frei schwebenden Sensoren arbeiten?" fragte Tybrang beeindruckt.

"Das halte ich für die beste Lösung. Außerdem habe ich die Hoffnung, daß die geringfügige Höhenverlagerung, die das Organ bei diesem Wechsel erfährt, die Genauigkeit unserer Messungen nur leicht beeinträchtigen wird. Alles weitere wird sich allerdings bei den Versuchen selbst herausstellen müssen."

Etwas später dann holte man Tybrang ins Labor hinüber. Nach seinem Wechsel in die Zahnluum beobachtete er fasziniert, wie die Assistenten des Indiv die Sensoren um seinen Vorderleib plazierten, wo sie bewegungslos in der Luft stehenblieben. Eine Verzögerung ergab sich durch ein defektes Anti-Gravmodul, welches immer wieder mit dem darauf angebrachten Meßgerät abstürzte, doch nach einem raschen Austausch der beschädigten Einheit zeigte sich der Indiv mit dem Versuchsaufbau zufrieden.

"Sehr gut!" nickte er. "Beginnen wir also!" Er wandte sich an den wartenden Rhazaghaner und wies hinüber zum Laborcomputer. "Sämtliche aufgenommene Daten werden direkt an diese Station gesendet und dort verarbeitet. Ich rechne fest damit, daß uns die aufgezeichneten energetischen Emissionen einiges über die Natur des Wechselvorganges verraten werden."

Tybrang wartete, bis er das Signal zum Versuchsbeginn erhielt, dann wechselte er. Gleich darauf hieß ihn das Körpergefühl der Krallenluum willkommen. Erwartungsvoll sah er zu Luratar hinüber.

Der Indiv beugte sich mit gerunzelter Stirn über einen der Monitore, wo gerade die ersten Daten eintrafen. Nachdenklich rieb er sich das Kinn, dann schüttelte er den Kopf.

"Zu schnell!" erklärte er, indem er sich wieder aufrichtete. "Die Instrumente registrierten lediglich einen kurzen Maximalausschlag, dann war der Vorgang bereits abgeschlossen. Energieanstieg und -abfall scheinen außerordentlich abrupt zu verlaufen."

Er seufzte, dann, nach kurzem Nachdenken, wandte er sich zu dem Rhazaghaner um.

"Es sieht leider ganz so aus, als ob unsere Sensoren mit der Aufzeichnung eines normalen Wechsels etwas überfordert wären. Tybrang, wärst du vielleicht in der Lage, den Vorgang auf irgendeine Art und Weise zu verlangsamen?"

Der Rhazaghaner, der zunächst ratlos dagestanden hatte, spitzte die Ohren.

"Das bin ich, Indiv!" antwortete er eifrig. "Ich habe sogar einiges an Zeit damit verbracht, die Luumverzögerung zu trainieren. Fast jeder erwachsene Rhazaghaner ist mittlerweile in der Lage, eine gewisse Zeit an der Bewußtseinsschwelle zu verharren, um dann in die erste Form zurückzufallen oder den Wechsel ganz zu vollziehen."

"Ausgezeichnet!" Luratar lächelte erfreut. "Vielleicht werden wir dank deiner Fähigkeiten in der Lage sein, die Mängel unserer Technik auszugleichen. Versuchen wir es also gleich noch einmal!"

Tybrang atmete mehrmals tief und konzentriert durch, in dem festen Willen, den Zwischenzustand möglichst lange beizubehalten. Dann ließ er seinen Körper in einen ausgedehnten Wechsel hinübergleiten.

Es schien ihm außergewöhnlich viel Zeit vergangen zu sein, als die Sinne der Zahnluum ihre Tätigkeit aufnahmen. Fast im selben Augenblick brachte ihn ein beißender Brandgeruch zum Husten, worauf auch die letzten Nebel von Desorientierung verflogen. Als er sich umsah, stellte er fest, daß sämtliche Anwesenden ihre Augen auf den Boden gerichtet hatten. Auch der Indiv selbst blickte mit einer gewissen Melancholie auf etwas, das sich in der Nähe von Tybrangs Pranken zu befinden schien.

"Tja," murmelte er, "zumindest wissen wir nun, daß es so nicht geht. Im übrigen hege ich allmählich starke Zweifel, ob sich unsere Laborsensoren für diese Aufgabe eignen."

Der Rhazaghaner sah nach unten. Auf den hellen Bodenkacheln erkannte er die Reste der Anti-Gravmodule, über denen sich feiner Rauch kräuselte. Über den Zustand der mit ihnen abgestürzten Meßgeräte ließen sich bestenfalls Vermutungen anstellen.

Tybrang sah betroffen zum Institutsleiter auf.

"Indiv, ich... das wollte ich nicht! Ich hätte nie gedacht, daß..."

"Es ist schon gut!" erwiderte Luratar besänftigend. "Ich weiß, daß du dein Möglichstes getan hast. Allerdings fürchte ich, daß uns dieses Meßverfahren nicht weiter bringt. Die Sensoren haben uns auch dieses Mal nichts außer einem plötzlichen Maximalausschlag geliefert, worauf sie dann ihre Funktionsfähigkeit einbüßten. Auf diese Weise hat es wohl keinen Zweck, aber vielleicht können wir uns anders an die Sache herantasten."

Der Rhazaghaner hatte seinen Blick wieder schamerfüllt auf die zerstörten Geräte gesenkt.

"Sie meinen, es gibt noch eine Möglichkeit?"

"Ich denke schon!" erwiderte der Indiv ruhig. "Wir müßten nur vorerst darauf verzichten, das Wandlungsorgan während seiner Tätigkeit zu beobachten. Stattdessen könnten wir dazu übergehen, das ruhende Gewebe zu sondieren, um mehr über seine Funktionsweise zu erfahren. Wenn wir etwas Geduld und Sorgfalt aufwenden, dürfte es uns auch so möglich sein, Antworten auf unsere Fragen zu erhalten."

An diesem Tag wurde der Rhazaghaner schon früh in seine Unterkunft entlassen. Als ihn Obtanas hinüberführen wollte, drehte sich Tybrang noch einmal um.

"Wie geht es drüben mit meinen Leuten, Indiv?" erkundigte er sich. "Haben sie sich den allgemeinen Umständen angepaßt?"

Luratar hob den Kopf und wandte sich vom Laborcomputer ab.

"Im großen und ganzen eigentlich schon!" erwiderte er nach kurzem Zögern. "Man merkt, daß die rhazaghanische Spezies über eine außerordentlich friedfertige Natur verfügt. Allerdings ist mir eine Person aufgefallen, die..."

Er hielt inne und warf dem Rhazaghaner einen etwas ratlosen Blick zu.

"Man muß ihre Art wohl als ein wenig schwierig bezeichnen." schloß er dann.

Über Tybrangs Gesicht glitt ein Lächeln.

"Sagen Sie mir nichts, ich glaube, ich habe eine Vorstellung, von wem Sie reden. Sie meinen Aryshtin, nicht wahr? Das Haar ziemlich gelb, als Braunton kaum noch anzusehen?"

Der Indiv seufzte resigniert.

"Ja! Ja, das ist sie! Im Moment zeigt sie sich in Bezug auf die Mahlzeiten überaus anspruchsvoll. Außerdem wird sie von jedem unserer Institutsdiener als launenhaft und unberechenbar beschrieben. Nach dem was ich von ihnen höre, ist der tägliche Umgang mit ihr nicht unbedingt ein Vergnügen. "

Der Rhazaghaner nickte ernst und mitfühlend.

"Sie kann ein Problem sein, ich weiß! Richten Sie ihr bitte von ihrem Jagdführer aus, sie möchte sich der uns gewährten Gastfreundschaft würdig erweisen. Ich hoffe, daß sie das etwas zur Vernunft bringt."

"Ich werde es ihr sagen. Ruh dich gut aus, Tybrang, wir sehen uns morgen."

Kurze Zeit später nahm der Rhazaghaner in seinem Quartier seine Mahlzeit ein. Als der schweigsame Bralis das leergegessene Geschirr abgeholt hatte, streckte sich Tybrang auf seiner Bettstatt aus und horchte auf Luratars Stimme, die vom Labor zu ihm herüberdrang. Er wußte, daß sich der Institutsleiter noch bis spätabends seiner Arbeit zu widmen pflegte, Daten interpretierte und die gewonnenen Erkenntnisse mit seinen Mitarbeitern besprach. Mittlerweile fiel es ihm leicht, die jeweiligen Stimmen ihren Besitzern zuzuordnen, und so stellte er rasch fest, welche Assistenten dem Indiv noch zur Hand gingen, und wer seine Tätigkeit für den heutigen Tag beendet hatte. Eine Weile noch lauschte er dem beruhigenden Klang der Gespräche von nebenan, dann schlief er ein.

 

Als Tybrang am Tag darauf das Labor betrat, stellte er fest, daß man die medizinische Liege in die Mitte des großen Raumes gerückt hatte. Auf einem Metalltisch daneben befand sich ein Gerät, das er bisher noch nicht kennengelernt hatte. Luratar winkte ihn heran.

"Mit Hilfe dieser Apparatur werden wir dein Wandlungorgan einer genauen Untersuchung unterziehen, dabei werden wir weitaus differenziertere Ergebnisse als bei einer Durchleuchtung erhalten. Unsere Sonden ermöglichen ein zellgenaues Arbeiten auf der Basis einer niederenergetischen Reizung und liefern dabei vor allem Informationen über Eigenschaften und Vernetzung des untersuchten Gewebes. Mit der Zeit werden wir einen detaillierten Bauplan des Organs erhalten, wobei ich mir auch Erkenntnisse über funktionelle Untereinheiten erhoffe. Wenn man einmal von dem Fehlen der Emitterphalanx absieht, kann das Murandral größtenteils als das biologische Pendant eines Materietransporters angesehen werden. Aus diesem Grund rechne ich mit der Existenz von Gewebeteilen, welche die Funktion solcher Komponenten wie Molekularbild-Scanner, Phasenumwandlungsspulen und Musterpuffer erfüllen. Sind wir erst einmal in der Lage, verschiedene funktionelle Einheiten voneinander zu unterscheiden, könnten wir über die Reihenfolge der Reizweitergabe Genaueres über ihre Aufgaben erfahren. Hast du mir soweit folgen können?"

"Ich denke schon, Indiv! Was soll ich dabei tun?"

"Deine Arbeit wird darin bestehen, dich hier auf der Liege auszustrecken und dich zu entspannen. Den aktiven Teil werden diesmal meine Assistenten und ich übernehmen. Allerdings möchte ich dich darum bitten, dein Hüllbild im Bereich des Oberkörpers abzulegen. Das ist zwar nicht absolute Bedingung für ein erfolgreiches Arbeiten, wird sie aber doch erleichtern."

Gleich darauf hatte der Rhazaghaner der Bitte Luratars Folge geleistet und sich niedergelegt. Im nächsten Augenblick kam ein Assistent des Indiv auf ihn zu und begann damit, ihn mit Hilfe gepolsterter Textilbänder an Oberarmen und Taille auf die Liege zu fixieren. Tybrang sah ängstlich auf und begegnete dabei Obtanas Blick, die beruhigend auf ihn hinablächelte. Auch der Indiv wurde aufmerksam und trat an ihn heran.

"Es ist wichtig, plötzliche Bewegungen weitestgehend auszuschließen." erklärte der Institutsleiter. "Zwar werden regelmäßige Veränderungen, wie Atmung und Herzschlag sie verursachen, durch die Sonden kompensiert, doch alle anderen Störungen müssen vermieden werden. Aus diesem Grund ist es nötig, dich ruhigzustellen. Außerdem ist es möglich, daß du während der Messungen ein leichtes Prickeln in der Brust verspüren wirst. Ich hoffe, daß diese Umstände keine allzugroße Beeinträchtigung für dich bedeuten."

Tybrang begann zu lächeln.

"Natürlich nicht, Indiv! Wenn die Messungen es erfordern, werde ich mich bemühen, mich möglichst ruhig zu halten. Machen Sie sich meinetwegen keine Gedanken!"

Trotz allem fühlte sich der Rhazaghaner noch immer etwas nervös, auch wenn er sich ständig vergegenwärtigte, daß Luratar nur zu bald Ergebnisse würde vorweisen müssen. Unruhig ließ er seinen Blick über die Beleuchtungskörper an der Decke wandern, um schließlich Zuflucht bei den Gesichtern zu suchen, die sich über ihn beugten.

"Wo ist Dislorn?" erkundigte er sich dann nach einer Weile.

Luratar, der noch immer mit der Kalibrierung des Meßgerätes beschäftigt war, sah auf. Ein bekümmerter Ausdruck huschte über sein Gesicht.

"Dislorn? Ich wußte gar nicht, daß du seinen Namen kennst."

"Doch, sicher, Indiv! Der junge Mann mit der schmalen Nase und der auffallend hellen Gesichtsfarbe. Er war auch gestern nicht hier. Ist er krank?"

Der Institutsleiter seufzte und wandte sich dem Rhazaghaner ganz zu.

"Es freut mich, daß du dich nach ihm erkundigst. Leider muß ich dir sagen, daß sich Dislorn momentan im Hospital befindet. Nach meinen Informationen ist sein Zustand ernst, wenn auch nicht lebensbedrohlich."

Tybrang blickte ihn an. Einen Moment lang schwieg er betroffen.

"Wie...?" begann er schließlich.

"Er hat seine Eltern in Chradib besucht." erwiderte Luratar ruhig. "Er kam genau rechtzeitig, um dort in einen Angriff der Föderation zu geraten. Höchstwahrscheinlich hatte man vor, das Polyduranid-Werk zu treffen, ohne dabei zu ahnen, daß es schon vor einiger Zeit auf eine Nebenwelt verlegt wurde."

Tybrang fühlte sich verpflichtet, etwas zu sagen, doch ihm fiel einfach nichts ein. Auf eine verwirrende Art und Weise fühlte er sich schuldig.

Luratar beobachtete ihn still. Er schien zu ahnen, was dem Rhazaghaner durch den Kopf ging.

"So ist der Krieg!" bemerkte er nach einer Weile. "Er rückt jetzt näher. Angriffe dieser Art konnten einfach nicht ausbleiben."

Gleich darauf konzentrierte er sich wieder auf seine Arbeit, während Tybrang noch eine Weile grübelnd zur Decke hinaufblickte. Etwas später dann begannen die Messungen, die sich als überaus eintönig für den Rhazaghaner erwiesen. Bewegungslos lag er da und ließ die Sondierung über sich ergehen, von der er im übrigen nicht das Mindeste spürte. Nach einer Essenspause ging es auf gleiche Weise weiter, und als er entlassen wurde, kannte er die genaue Anzahl der Facetten jedes einzelnen Beleuchtungskörpers. Bralis brachte ihm wie gewohnt die Spätmahlzeit, worauf Tybrang sich zur Ruhe begab. Kurze Zeit später geleiteten ihn die Stimmen aus dem Labor in den Schlaf, denn das lange Stillhalten hatte ihn sehr ermüdet.

Der Fortgang der Untersuchungen verlangte dem Rhazaghaner nun ein hohes Maß an Geduld und Selbstdisziplin ab. Um die Meßergebnisse nicht zu beeinträchtigen war er dazu gezwungen, den größten Teil des Tages in Schweigen und Bewegungslosigkeit zu verharren, während die kleine Schar der Sonden unendlich langsam über seine Brust kroch. Um ihn her klangen die gedämpften Bemerkungen der cardassianischen Wissenschaftler, deren Aufmerksamkeit einzig und allein auf die Erfüllung ihrer Aufgaben gerichtet war. Nur selten hatte jemand ein aufmunterndes Wort für ihn.

Da Tybrangs einzige Unterhaltung in der Beobachtung der Anwesenden bestand, entging es ihm nicht, daß das Gesicht des Indiv von Tag zu Tag einen unzufriedeneren Ausdruck annahm. Schließlich, nach mehreren Tagen Sondierungsarbeit, brach er unter Kopfschütteln die Messungen ab und wandte sich an sein Studienobjekt.

"Tybrang, wir kommen nicht weiter!" erklärte er ihm. "Die Fremdartigkeit dieses Gewebes stellt ein größeres Problem dar, als ich geglaubt hatte. Wir haben zwar einige Informationen über die allgemeine Struktur deines Organs erhalten, aber es sieht ganz so aus, als wären wir nicht in der Lage, Näheres über die Aufgaben der verschiedenen Zentren herauszufinden. Die Bereiche sind intensiv miteinander vernetzt, und die Reizung eines einzelnen Knotenpunktes scheint zwangsläufig die Erregung des gesamten Organs zur Folge zu haben. Genaugenommen ist das nicht verwunderlich, denn wir mußten die Frequenz und Energiestärke, mit der wir arbeiten, rein willkürlich festsetzen. Leider scheint das Gewebe nur sehr selektiv auf Energieströme zu reagieren, und so war es uns bis jetzt noch nicht möglich, eines der Zentren gezielt anzusprechen. Würde es sich um einen bekannten Zelltyp handeln, wären wir bereits zu Ergebnissen gelangt, aber so kann sich die Sache noch sehr lange hinziehen. Uns fehlt einfach ein Punkt, an dem wir ansetzen können."

Tybrang sah ratlos zu ihm auf, während er die Pause dazu nutzte, seine steif gewordenen Gliedmaßen etwas zu bewegen.

"Es tut mir leid, Indiv! Ich glaube nicht, daß ich Kenntnisse besitze, die Ihnen weiterhelfen könnten."

Luratar faltete die Hände auf den Oberschenkeln und beugte sich vor.

"Weißt du vielleicht von irgendwelchem Körpergewebe, das von deinem Wandlungsorgan besonders beeinflußt wird? Sind dir schon einmal Nachwirkungen aufgefallen, die zum Beispiel auf Hormonausschüttungen zurückzuführen sein könnten? Was wir brauchen, ist eine uns bekannte Gewebeart, die mit dem fremden Typ in Verbindung steht."

Der Rhazaghaner schüttelte zunächst den Kopf, doch dann hielt er inne. Nach kurzem Nachdenken richtete er seinen Blick wieder auf den Institutsleiter.

"Das Hüllbild!" begann er unsicher. "Darrab sagt, das Hüllbild würde im Gehirn abgespeichert. Hilft Ihnen das weiter?"

Luratar starrte ihn an. Dann erhob er sich langsam.

"Was sagst du?" fragte er verblüfft. "Es gibt noch einen zweiten Musterspeicher? Einen Musterspeicher im Gehirn?"

"So hatte ich ihn verstanden. Meinen Sie, Sie können mit dieser Information etwas anfangen?"

"Dessen bin ich mir sogar ganz sicher!" antwortete Luratar aufgeregt. "Herkömmliches Nervengewebe ist etwas, das wir ganz besonders gut kennen. Wenn wir unsere Sondierungen auf dein Gehirn verlagern, dürfte es mit etwas Sorgfalt kein Problem darstellen, dieses spezielle Zentrum zu finden. Es ist gut möglich, daß wir dann den Schlüssel für die weitere Erforschung des Wandlungsorgans in Händen halten."

Gleich darauf gab er seinen Assistenten die Anweisung, den Großteil der Sonden von Tybrangs Brust zu entfernen, um mit ihrer Hilfe eine Hirnsondierung zu beginnen. Obtanas legte dem Rhazaghaner ein weiteres schmales Textilband über die Stirn, um auch den neuen Forschungsbereich ruhigzustellen. Tybrang duldete es bereitwillig; er war froh, daß er den Wissenschaftlern hatte weiterhelfen können.

Die Basisstation wurde aktiviert und sogleich nahmen die selbsthaftenden Sonden ihre Kundschaftertätigkeit wieder auf. Im selben Augenblick schnappte der Rhazaghaner unwillkürlich nach Luft. Er hatte ein deutliches Stechen hinter der Stirn empfunden. Ein zweiter Schmerz folgte unmittelbar nach, und Tybrang begann unruhig zu blinzeln.

Irritiert sah der Indiv auf.

"Was ist?"

Der Liegende versuchte ihm einen Blick zuzuwerfen, ohne den Kopf zu bewegen.

"Ich... ich merke es, Indiv!"

Luratar nickte abwesend.

"Anscheinend reagiert dein Hirngewebe etwas empfindlicher auf die Sondierung. Leider können wir die Energiestärke nicht reduzieren; wir würden keine zuverlässigen Meßergebnisse mehr erhalten. Gedulde dich noch ein wenig, in der Regel tritt nach kurzer Zeit ein Gewöhnungseffekt ein."

Der Rhazaghaner sah zur Decke und wartete darauf, daß sich die Voraussage des Indiv erfüllte, daß sich sein Gehirn an die von den Sonden verursachte Reizung anpassen würde. Allerdings tat es das nicht; im Gegenteil, es wurde schlimmer.

Bald hatte er die Vorstellung, daß sich das kleine technische Ungeziefer auf seinem Kopf in sein Gehirn hineinfraß, dort wühlte und kramte. Heftig atmend ließ er die Sondierung über sich ergehen, während es ihn äußerste Mühe kostete, ruhig zu bleiben. Längst hielt er die Augen geschlossen, denn mit der Zunahme des Schmerzes schien das Licht der Beleuchtungskörper eine beißende Helligkeit zu gewinnen. Schließlich lag er nur noch da, den Körper verkrampft, die Hände zu Fäusten geballt, und wartete auf das Ende der Messungen.

Als Luratar endlich Anweisung gab, die Arbeit für den heutigen Tag zu beenden, reagierte der Rhazaghaner kaum. Still nahm er zur Kenntnis, daß man ihn von den Textilbändern befreite, dann richtete er sich mühsam auf und ließ sich von der Liege herabgleiten. Sein ganzer Kopf schien sich inwendig wund anzufühlen.

"Du hast heute sehr gut durchgehalten." hörte er Luratars freundliche Stimme neben sich. "Vielleicht freut es dich zu hören, daß wir dank deiner Hilfe einen beträchtlichen Bereich haben sondieren können. Mach dir keine Sorgen, morgen wird es besser gehen.."

Tybrang nickte schwach, dann führte man ihn hinüber in seine Unterkunft, wo Bralis ihm das Essen brachte. Allerdings sah sich der Rhazaghaner nicht in der Lage, mehr als ein paar Bissen zu sich zu nehmen. Danach verkroch er sich auf sein Lager und reagierte nicht einmal, als der Institutsdiener wieder zurückkehrte und die Reste der Mahlzeit hinaustrug.

Als er tags darauf erwachte, stellte er fest, daß das Innere seines Schädels immer noch etwas empfindlich auf jede Lageveränderung reagierte, allerdings hatte sich die Übelkeit vom Vorabend gelegt. So brachte er es fertig, seine gewohnte Morgenmahlzeit zu sich zu nehmen, bevor der Indiv eintrat, um ihn ins Labor hinüberzuholen. Mit einem beklommenen Gefühl, aber auch in der hoffnungsvollen Erinnerung an Luratars ermutigende Worte, erhob sich der Rhazaghaner und folgte ihm nach nebenan.

Im selben Augenblick, als die Messungen begannen, begriff Tybrang, daß sich die heutige Sondierung in nichts von jener vom Vortag unterscheiden würde. Erbarmungslos bohrten sich die Impulse der Sonden in sein Gehirn, und nur zu bald mußte er seine gesamte Selbstbeherrschung aufbieten, um nicht laut zu stöhnen. Der Rhazaghaner umklammerte in seinem verzweifelten Bemühen um Bewegungslosigkeit den Rand der Liege, während sich die Wissenschaftler um ihn her konzentriert über ihre Monitore beugten. Mit dem Verstreichen der Zeit erschien es Tybrang, als ob sich die Qual immer weiter steigerte, obwohl er das eigentlich kaum für möglich gehalten hätte. Er hatte nicht einmal gewußt, daß er zu einem solchen Schmerzempfinden fähig war.

Dann kam die Essenpause, und Tybrang wurde von zwei Assistenten des Indiv in seine Unterkunft gebracht. Ohne auch nur einen Blick auf seine Mahlzeit zu werfen, ließ sich der Rhazaghaner auf seine Schlafstätte fallen. Er hatte gehofft, daß die Unterbrechung der Messungen ein Nachlassen des Schmerzes mit sich bringen würde, doch nun sah er sich getäuscht. Das wütende Toben in seinem Schädel hielt weiterhin an, ihm war speiübel, und in seinen Ohren vernahm er ein spöttisches Knistern und Flüstern, als hätten die Sonden einen Weg in das Innere seines Kopfes gefunden. Erschöpft krümmte er sich zusammen und wartete darauf, daß wieder Stille in sein geplagtes Hirn einkehrte.

Er stand kurz davor, in einen gnädigen Schlaf zu fallen, als er die Stimme des Indiv aus nächster Nähe vernahm. Erschrocken riß er die Augen auf und sah in das Gesicht des Cardassianers, der sich über ihn gebeugt hatte. Die beiden Assistenten, die dem Rhazaghaner in sein Quartier hinübergeholfen hatten, standen neben ihm und warteten.

"Es tut mir leid, daß ich dich wecken mußte, Tybrang!" erklärte Luratar mit freundlichem Lächeln. "Wir müssen nun wieder mit der Arbeit beginnen, und daher ist es leider nötig, daß du deinen Schlaf noch ein wenig verschiebst. Wenn du dann soweit wärest?"

Tybrang brach der Schweiß aus, und sein Herz begann vor Angst zu rasen. Allein der Gedanke, daß sich diese fürchterlichen Meßgeräte noch einmal in sein Gehirn graben würden, erfüllte ihn mit Entsetzen. Man würde ihn wieder hinüberbringen, ihn auf die Liege binden, um ihn dann jenem fürchterlichen Schmerz auszuliefern, der das Innere seines Schädels Stück für Stück zu verzehren drohte. Um nichts in der Welt wollte er dies noch einmal über sich ergehen lassen. Hilflos begann er den Kopf zu schütteln, brachte jedoch kein Wort hervor.

Luratar warf einen Blick in das Gesicht des Rhazaghaners und wurde auf der Stelle ernst. Mit ein paar kurzen Worten befahl er seinen beiden Untergebenen, den Raum zu verlassen, worauf sie augenblicklich gehorchten und die Tür hinter sich schlossen. Der Indiv seufzte und rückte einen Stuhl an Tybrangs Bett, worauf er sich niederließ.

"Du hast sicherlich geglaubt, mir wäre entgangen, was du seit gestern hast durchmachen müssen." begann er schließlich leise. "Allerdings muß ich dir sagen, daß das nicht stimmt. Wir haben sehr wohl gemerkt, wie furchtbar die Sondierungen dir zusetzten, und ich wüßte keinen meiner Leute, der nicht froh gewesen wäre über eine Möglichkeit, dir Erleichterung zu verschaffen. Leider ist es aber so, daß die Verabreichung eines unserer Schmerzmittel eine Veränderung deiner Hirntätigkeit und damit eine Verfälschung der Meßergebnisse zur Folge hätte. Im übrigen können wir noch immer nicht absehen, welche toxischen Auswirkungen ein solches Medikament auf deine Körperchemie hätte. Schließlich wollen wir dich nicht vergiften."

Er holte tief Luft und sah dem Rhazaghaner, der stumm lauschte, in die Augen.

"Vor allem aber," betonte er, "möchte ich dir versichern, welche Hochachtung wir alle vor deiner Tapferkeit empfinden. Wir wissen, daß es gerade die Liebe zu deinen Artgenossen ist, die dich dies alles ertragen läßt, und ich habe vor dir noch niemanden kennengelernt, der bereit gewesen wäre, auf eine solche Art und Weise für seine Leute einzustehen. Du bist ein außergewöhnlicher Anführer, Tybrang!"

Der bernsteinfarbene Rhazaghaner schwieg. Noch immer fühlte er ein dumpfes Pochen zwischen seinen Schädelwänden, doch die Worte des Indiv berührten ihn tief in seinem Inneren. Es stimmte schließlich: Das was er hier tat, tat er für seine Leute, zu ihrem Schutz und ihrer Sicherheit, und es freute ihn, daß sein Einsatz Luratars Anerkennung fand. Mochten seine Artgenossen auch kaum etwas von seiner Fürsorge ahnen, so hatte er sich doch immerhin den Respekt des Indiv erworben. Luratar wußte die Art seines Opfers zu schätzen.

Er dachte noch einen Moment nach, dann überwand er sich und blickte auf.

"Sie haben recht, Indiv!" sagte er leise. "Schließlich weiß ich, wofür ich dies tue. Ich werde es bis zum Ende aushalten."

Vorsichtig schwang er seine Beine über den Rand seines Lagers, atmete mehrere Male ganz bewußt durch und sammelte Kraft. Kurz darauf stemmte er sich hoch und verließ an der Seite des Indiv sein Quartier.

Von nun an ertrug er die Sondierungen widerstandslos und ohne ein Wort der Klage. Wie betäubt lag er da, fühlte, wie eifrig die Meßgeräte nach der gewünschten Information gruben, und krallte sich verzweifelt an dem Wissen fest, daß Luratar sich auf ihn verließ. War es ihm einmal möglich, einen klaren Gedanken zu fassen, empfand er beinahe Stolz um die Größe seiner Verantwortung, doch die meiste Zeit über füllte der Schmerz sein Denken und Fühlen vollständig aus.

Mittlerweile verließ ihn das Wüten in seinem Kopf nur noch selten. Hatte man ihn in sein Quartier zurückgeführt, saß der Rhazaghaner noch lange zusammengekauert auf seinem Lager, den Kopf mit Schwindel angefüllt, die Fäuste gegen die Schläfen gepreßt. Die beständige Übelkeit in ihm vertrieb jegliches Verlangen nach Nahrung, und auch sein Zeitgefühl hatte ihn verlassen. Tage und Nächte waren im Begriff, zu einem einzigen Wirbel aus hellem und dunklem Schmerz ineinander zu fließen.

An diesem Morgen vermochte Tybrang nicht zu sagen, ob und wie lange er geschlafen hatte, als er sich schließlich in dem Versuch aufrichtete, seinen Schädel vor dem Zerspringen zu bewahren. Er saß bereits eine ganze Weile mit dem Kopf in den Händen da, als er hörte, wie seine Quartiertür geöffnet wurde. Allerdings erfolgte daraufhin nicht der freundliche Gruß des Indiv, sondern das Geräusch schwerer Schritte, die unmittelbar vor ihm anhielten. Der Rhazaghaner blieb zunächst still, doch schließlich sah er auf und blickte in das Gesicht Drugans.

Der cardassianische Offizier betrachtete ihn einen Moment schweigend, dann begann er zu lächeln.

"Kopfschmerzen, wie?" bemerkte er mit spöttischem Unterton. "Ein recht verbreitetes Leiden unter Rhazaghanern, nehme ich an! Es geht eben nichts über einen guten Hausarzt."

"Was meinen Sie?" ächzte Tybrang.

Im nächsten Augenblick wurde die verärgerte Stimme Luratars hörbar.

"Gul, ich bitte Sie! Lassen Sie den Mann doch in Frieden! Es geht ihm momentan nicht besonders gut."

Drugan drehte den Kopf und blickte zum Eingang.

"Wirklich?" höhnte er. "Dann wird es aber langsam Zeit, daß Sie etwas dagegen unternehmen. Regen Sie sich nicht auf, Indiv, ich werde Ihr wertvolles Versuchsobjekt schon nicht beschädigen. Ich bin lediglich gekommen, um mich von unserem Freund hier zu verabschieden."

Er wandte sich Tybrang wieder zu und lachte.

"Du hast richtig gehört, Rhazaghaner! Dies ist also mein letzter Besuch bei dir. Noch heute verläßt mein Schiff das Dock, und dann werden die verdammten Romulaner es bitter bereuen, jemals ihre Geschütze auf die Zorn Cardassias gerichtet zu haben. Damit du es aber gleich weißt: Mein erster Mann Glin Elartas wird in der Hauptstadt bleiben und bei dieser Gelegenheit ein Auge auf dich halten. Er ist ein tüchtiger junger Offizier, der sein Handwerk versteht, also komm lieber nicht auf dumme Gedanken! Obwohl du mir eigentlich nicht so aussiehst, als ob du dazu noch in der Lage wärst."

Drugan betrachtete Tybrang noch einmal aufmerksam, dann drehte er sich um und verließ den Raum, vorbei an Luratar, der ihm verärgert nachblickte. Jedoch noch bevor der Rhazaghaner imstande war, die angekündigte Veränderung vollständig zu begreifen, war der Indiv bereits bei ihm und sprach tröstend und beruhigend auf ihn ein. Kurz darauf brachte man ihn ins Labor, wo erneut die Sondierungen begannen.

Auf einen Tag voller Qual folgte eine schmerzerfüllte Nacht, und wieder trat der Indiv in Tybrangs Bewußtsein, um ihn hinüber auf die Untersuchungsliege zu rufen. Dieses Mal machte er dem Rhazaghaner sogar Hoffnungen, bevor die Sonden ihre Arbeit aufnahmen.

"Wir haben gestern einige interessante Werte erhalten, und ich bin mir fast sicher, daß wir heute fündig werden. Nur sieht es ganz so aus, als ob wir mit der bisher verwendeten Energiestärke nicht weiterkämen. Ich muß dich also nochmals um etwas Durchhaltevermögen bitten, damit wir die Messungen zu Ende führen können."

Tybrang nickte schwach, und im nächsten Augenblick verbissen sich auch schon die Meßgeräte ins Innere seines Kopfes. Zwar hatte der Rhazaghaner bereits ein beträchtliches Maß an Schmerzen ertragen müssen, doch das was nun folgte, besaß eine Intensität, die ihm förmlich den Atem benahm. Schließlich, nach einer ganzen Weile, öffnete er voller Entsetzen die Augen.

"Indiv, bitte..." begann er flehend.

"Halt noch einen kurzen Moment durch!" sprach Luratar hastig auf ihn ein. "Wir sind gleich da, wo wir hin wollten. Ich glaube..."

Die weiteren Worte des Institutsleiters erfaßte der Rhazaghaner nicht mehr. Licht und Schmerz zugleich ließen seinen Kopf explodieren, und wie von sehr weit entfernt hörte Tybrang jemanden schreien. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.

 

 
4.

 

Als Tybrang wieder zu sich kam, nahm er zunächst gedämpft, dann deutlicher, aufgeregte Stimmen aus dem Hintergrund wahr, und gleich darauf spürte er, wie die Textilbänder von seinem Körper entfernt wurden. Jemand kam und richtete ihn auf, während Luratar bei ihm stand und irgend etwas Begeistertes hervorbrachte. Es dauerte jedoch noch einige Zeit, bis der Rhazaghaner den Inhalt der Worte erfassen konnte, und so begann der Indiv nach einer Weile von Neuem.

"Sieh nur, Tybrang, wir haben es geschafft!" erklärte er freudestrahlend. "Wir haben die Stelle gefunden, in der dein Wandlungsorgan das Hüllbild abspeichert. Es muß sich um einen entwicklungsgeschichtlich sehr jungen Bereich handeln, das neue Zentrum ist gewissermaßen gerade dabei, sich herauszubilden."

Tybrang hob den Blick und erkannte das holographische Bild eines Gehirns, welches sich über der Meßstation drehte. In regelmäßigen Abständen wurde ein kleiner Punkt durch ein grünes Aufleuchten optisch hervorgehoben.

Der Rhazaghaner preßte die Hände gegen die Schläfen und ließ den Kopf wieder sinken.

"Es freut mich für Sie, daß Sie Erfolg hatten." murmelte er.

Nun erst kam ihm zu Bewußtsein, daß er von den Schultern bis zu den Knien in eine Decke gehüllt war. Über die weiche Beschaffenheit des Gewebes gab ihm seine Haut Auskunft, ohne im Mindesten durch ein Hüllbild behindert zu werden.

Als Tybrang begriffen hatte, was passiert war, bemühte er sich, sein gewohntes Äußeres zu vervollständigen, doch erst unter Aufbietung seiner gesamten Konzentration gelang es ihm, sein Hüllbild zu reaktivieren. Ein stechender Schmerz zwischen den Schläfen war die Folge.

Luratar wollte gerade wieder das Wort an ihn richten, als eine Institutsangestellte eilig den Raum betrat.

"Bitte verzeihen Sie, Indiv!" brachte sie schuldbewußt auf cardassianisch heraus. "Sie werden gebeten, in Ihr Büro zu kommen. Glin Elartas möchte Sie unverzüglich sprechen."

Der Angesprochene runzelte die Stirn.

"Das ist dieser unangenehme junge Bursche aus Drugans Stab, nicht wahr? Und er ist in meinem Dienstzimmer, sagen Sie? Warten Sie einen Moment, ich komme sofort."

Er wandte sich an Obtanas.

"Bringen Sie Tybrang in sein Quartier!" wies er sie an. "Er hat Ruhe verdient. Sagen Sie ihm, daß seine Hilfe für heute nicht mehr benötigt wird, es wird ihn sicherlich freuen."

Kurz darauf befand sich der Indiv auf dem Weg in sein Büro, welches sich nicht weit entfernt am anderen Ende des Ganges befand. Als er die Tür öffnete, erkannte er vor der breiten Fensterreihe einen uniformierten Cardassianer, der ihm den Rücken zugewandt hatte. Der Mann hatte die Hände auf den Rücken gelegt und blickte auf den Neubau, der sich dort unten vor ihm ausbreitete.

"Verzeihen Sie, Glin!" richtete der Indiv das Wort an ihn. "Sie treffen mich gerade mitten in meiner wissenschaftlichen Arbeit an."

"Ich weiß!" erwiderte der Offizier wie abwesend. "Ich habe das Geschöpf schreien hören."

Nun erst drehte sich der Mann um. Luratar sah sich einem noch relativ jungen Mann gegenüber, dessen Augen sich mit kritischem, fast verächtlichem Ausdruck auf ihn richteten. So stand er bewegungslos da und schwieg.

"Warum sind Sie gekommen?" erkundigte sich der Institutsleiter schließlich. "Ich habe bereits Gul Drugan versichert, daß wir unser Möglichstes tun, um zu raschen Ergebnissen zu gelangen. Wie Ihnen bekannt sein dürfte, ist jeder von uns ein ergebener Diener des cardassianischen Reiches, und unser einziges Streben..."

Elartas hob fast augenblicklich die Hand.

"Bitte!" unterbrach er den Indiv angewidert. "Sparen Sie sich solche Versicherungen für Leute wie Drugan! Wir wissen doch beide recht gut, daß Sie etwas ganz anderes als die Treue zum Reich antreibt."

Luratars Interesse erwachte und er musterte sein Gegenüber aufmerksam, so wie man ein Ungeziefer betrachtet, das sich unversehens als seltenes Insekt erweist. Konnte es möglich sein, daß ein Ignorant vom Militär eine schwache Vorstellung davon besaß, welch höchste Befriedigung die Erkundung von wissenschaftlichem Neuland bereitete? Langsam trat er näher.

"Was meinen Sie damit?" forschte er nach.

Elartas erwiderte seinen Blick ungerührt.

"Sie haben mich genau verstanden." antwortete er kühl. "Aber lassen Sie uns von mir aus die Karten auf den Tisch legen. Meine Mutter ließ mir eine fundierte naturwissenschaftliche Ausbildung zukommen, und so bin ich mir völlig im Klaren darüber, daß Ihre Versprechungen Phantasiegebilde sind. Genaugenommen dürfte fast jedes Regierungsmitglied von Anfang an gewußt haben, daß es keinerlei Möglichkeiten für Sie gibt, Ihre Zusagen einzuhalten. Aber gut, man wußte ohnehin nicht, was man mit diesen Wesen anfangen sollte, und schließlich haben Sie einige Beziehungen spielen lassen. Ob man die Fremden nun austauschte oder Ihnen überließ, spielte letztendlich keine große Rolle. Ich bin sogar ziemlich sicher, daß Drugan Ihnen glaubt, jedenfalls sah er es als seine Pflicht an, hier hin und wieder nach dem Rechten zu sehen. Ich jedoch habe die Aufgabe erhalten, halbe Knaben auf den Kriegseinsatz vorzubereiten, und so bin ich nicht im geringsten bereit, meine Zeit bei Ihnen zu verschwenden. Ich werde also dieser Einrichtung zukünftig fern bleiben, zumal ich glaube, daß es sehr in Ihrem Sinne ist, wenn die schmutzigen Vorgänge hier nicht an die Öffentlichkeit dringen."

"Wie bitte?" fragte der Indiv verblüfft.

Der junge Cardassianer legte den Kopf etwas schräg und betrachtete den Institutsleiter aus schmalen Augen.

"Sie sind Witwer, nicht wahr? Und zwar schon ziemlich lange, wie man hört. Drugan hat mir berichtet, daß etwa die Hälfte der Geschöpfe, die Sie dort unten gefangenhalten, weiblichen Geschlechts und einige sogar ausnehmend hübsch sind. Und natürlich sind sie Ihnen hilflos ausgeliefert."

Luratar schnappte vor Entrüstung nach Luft. Einen Moment rang er um Fassung, dann ließ er seinen Zorn hinaus

"Jetzt hören Sie einmal gut zu!" fauchte er. "Seitdem ich dieses Institut übernommen habe, habe ich alles getan, damit die Forschung auf Cardassia trotz Ihres nutzlosen Krieges nicht völlig zum Erliegen kommt. Meine sämtliche Mitarbeiter bemühen sich bis in den späten Abend hinein um seriöse wissenschaftliche Arbeit, obwohl ihnen lediglich veraltetes und unzureichendes Material zur Verfügung steht. Ich bin außerordentlich stolz auf die Leistungen dieser Leute, und darum denke ich nicht daran, mir Ihre haarsträubenden Hirngespinste auch nur einen Augenblick länger anzuhören."

Bereits im nächsten Moment drehte er sich um und verließ mit langen wütenden Schritten seinen Dienstraum. Gleich darauf hatte er das Hauptgebäude verlassen, um wenig später den Neubau zu betreten, wo er von einigen seiner Mitarbeiter empfangen wurde. Ernst nahm er ihre Begrüßungen entgegen, worauf er sein zweites Dienstzimmer aufsuchte, noch immer innerlich empört über die ungeheuerlichen Unterstellungen, die er sich von jenem impertinenten Flegel hatte bieten lassen müssen.

Luratar haßte unseriöse Arbeit, und der Vorwurf, zweideutigen Motiven zu folgen, empfand er als schwere Kränkung. Er konnte sich guten Gewissens sagen, daß er sich niemals eines unlauteren Gedankens schuldig gemacht hatte, und ganz besonders hatte das für jenen Moment gegolten, als...

Er atmete tief durch, dann ließ er sich hinter seinem Schreibtisch nieder und griff nach seinem handschriftlich geführten Labortagebuch. Natürlich waren sämtliche Details im Institutscomputer festgehalten worden, aber Luratar folgte einigen altmodischen Gewohnheiten, und dazu gehörte es, daß er sich eigenhändig niedergelegte Gedächtnisstützen schuf.

Langsam ruhiger werdend blätterte der Cardassianer durch die Kunststoffseiten, bis er auf die Notizen zu seinem Lieblingsprojekt stieß. Zum wiederholten Male empfand er Dankbarkeit über die äußerst günstigen Umstände, die ihm diese Forschungsarbeit überhaupt ermöglicht hatten. Zunächst hatte natürlich die Stasis zum idealen Zeitpunkt eingesetzt, worauf ihm ein glücklicher Zufall das erforderliche Wissen in die Hand gespielt hatte. Er hatte sofort die Bedeutung dieser Information erkannt und sich entschlossen, die Gunst des Augenblicks zu nutzen.

Leise begann er zu lächeln, als er auf die ersten Bemerkungen stieß. Hin und wieder einige Seiten auslassend, dann wieder genauer lesend, folgte er den Notizen, während er sich erinnerte.

 

Projekt 5, dritter Tag.

Anhand der zahlreichen Blut- und Gewebeproben konnten bereits neun einschlägige Wirkstoffe in die innere Wahl gezogen werden. Mir persönlich erscheint Tonadib 14 sehr geeignet, weil es diverse Ähnlichkeiten mit entsprechenden Körpersubstanzen aufweist. Dennoch werden wir die Verträglichkeit zunächst an einigen unbeteiligten Exemplaren austesten, um kein Risiko einzugehen.

 

Projekt 5, sechster Tag.

Wir haben uns vorläufig für Tonadib 14 entschieden. Versuche mit steigenden Dosen haben nur unbedeutende Nebenwirkungen gezeigt, dabei beunruhigt mich allerdings die unbestreitbare Tatsache, daß es bisher keinerlei Anzeichen für den von uns gewünschten Effekt gibt. Dennoch bin ich entschlossen, die ausgewählten Exemplare dem Experiment zu unterziehen. Es ist zu befürchten, daß weitere Verzögerungen den Erfolg des Projekts in Frage stellen.

 

Projekt 5, siebter Tag.

Am Morgen haben alle acht Testexemplare eine Dosis von 12 Alas Tonadib erhalten und wurden anschließend paarweise zusammengebracht. Unsere besonderen Hoffnungen und Erwartungen sind dabei auf die beiden bereits miteinander vertrauten Exemplare gerichtet.

 

Zunächst scheint die Droge keinerlei Auswirkungen zu haben, gegen Mittag zeigt sich jedoch eine gewisse Unruhe bei den beiden bevorzugten Exemplaren. Keine auffälligen Reaktionen bei den übrigen.

 

Die bezeichneten Exemplare haben die Mittagsmahlzeit verweigert. Ihre Unruhe nimmt deutlich zu, dabei scheint jeder für sich bemüht, dem anderen aus dem Weg zu gehen. Keine Reaktionen bei den übrigen.

 

Gegen Abend meiden die Exemplare die gegenseitige Nähe nicht mehr, ganz offensichtlich schlägt die Droge an. Beide deaktivieren ihr Hüllbild, ohne Beobachtern noch irgendwelche Beachtung zu schenken. Es kommt zur Paarung. Befürchtungen, die beiden Exemplare könnten einander in ihrem beeinträchtigten Zustand verletzen, scheinen unbegründet, dennoch halte ich es für sicherer, die Beobachtung fortzusetzen. Keine Reaktionen bei den übrigen.

 

Projekt 5, neunter Tag.

Keines der willkürlich zusammengebrachten Paare zeigte während der letzten beiden Tage auch nur die geringste Reaktion auf die Droge, obwohl die Dosis zweimal aufgefrischt wurde. Ganz offensichtlich weisen unverpaarte Exemplare eine etwas andere Körperchemie auf als solche, die bereits einen Partner besitzen.

Bei den beiden miteinander verbundenen Exemplaren hat die Wirkung der Droge nun eindeutig nachgelassen, weshalb ich Anweisung gebe, diese Testphase zu beenden. Die Trennung des Paares erweist sich als überraschend schwierig, obwohl beide Exemplare als ruhig und umgänglich beschrieben wurden.

Bei der anschließenden Untersuchung des weiblichen Exemplars kann der Erfolg des Experiments nachgewiesen werden; es hat zweifelsfrei eine Empfängnis stattgefunden. Ich gebe Anweisung, das schwangere Exemplar in die vorbereitete Sicherheitszelle zu bringen, damit wir dem entstehenden Leben möglichst günstige Bedingungen bieten können. Es versteht sich, daß die Pflege der Mutter mit ausgesprochener Sorgfalt erfolgen muß, um das Ungeborene nicht zu gefährden.

 

Projekt 5, dreiundvierzigster Tag.

Der Nahrungsbedarf der Schwangeren steigert sich weiterhin, dabei wird protein- und eisenhaltige Kost eindeutig bevorzugt. Nach wie vor erfolgt in regelmäßigen Abständen ein Wechsel zwischen den unterschiedlichen Daseinsformen. Die Vollziehung dieses Vorganges ist vom Willen der Mutter unabhängig und sorgt dafür, daß Gehirn und Wandlungsorgan des Ungeborenen wichtige Anregung erhalten, wie ich von Tybrang erfahren konnte. Jenes vollzieht die Umwandlung über das Organ der Mutter, da es zu einem selbständigen Wechsel noch nicht in der Lage ist. Ansonsten ist zu bemerken, daß bei der Schwangeren eine gewisse Neigung zur Aggressivität beobachtet wurde.

 

Projekt 5, neunundsechzigster Tag.

Die letzte Analyse hat erbracht, daß die Muskelmasse der Schwangeren um weitere 8 Prozent zugenommen hat. Gleichzeitig gestaltet sich der Umgang mit ihr in ansteigendem Maße problematisch. Obwohl wir sie ausschließlich in der Grundform zu Untersuchungen heranziehen, mußten bereits die ersten Verletzten vermeldet werden, dabei scheint sich die Aggressivität des Exemplars von Mal zu Mal zu steigern. Einige meiner Untergebenen äußerten den Gedanken, der Schwangeren ein mildes Sedativum zu verabreichen, ein Vorschlag, den ich selbstverständlich strikt abgelehnt habe.

 

Projekt 5, achtzigster Tag.

Die Muskelmasse der Schwangeren scheint nun konstant zu bleiben, allerdings hat sich durch den gestrigen Vorfall erwiesen, wie gefährlich das Exemplar mittlerweile ist. Ich habe Sicherheitsorder ausgegeben, wonach die Zelle ausschließlich zu viert und nur noch bei gleichzeitiger Beobachtung von außen betreten werden darf. Im übrigen hat die neue Untersuchung zu unserer Freude ergeben, daß sich das ungeborene Mädchen hervorragend entwickelt.

 

Der Cardassianer klappte seine Notizen zu und legte sie zurück auf seinen Schreibtisch. Dann erhob er sich, um seinen täglichen Rundgang durch den Neubau anzutreten. Bereits nach wenigen Schritten erreichte er die Zentrale, wo einer der neuen Institutsgehilfen herbeisprang und die Tür zum Zellengang öffnete. Luratar hatte zahlreiche Beziehungen spielen lassen, und schließlich waren einige im Nahkampf erfahrene Soldaten zu seiner Unterstützung abkommandiert worden, die sich als überaus nützlich erwiesen. Interessanterweise hatte sich bald herausgestellt, daß Rhazaghaner zwar groß und stark waren, aber kaum einer eine Vorstellung davon hatte, wie man sich in der Grundform verteidigte. Aus diesem Grund hatten die Soldaten meist leichtes Spiel mit ihnen; allerdings mußte Luratar zugeben, daß es unter seinen Versuchspersonen auch ausgesprochene Naturtalente gab.

Während ihn das Summen der Geongeneratoren begleitete, schritt der Cardassianer langsam durch die Abteilungen, die aus dem Mittelgang und jeweils sechs Zellen bestanden. Jede Einzelzelle wurde von drei glatten Wänden und zum Gang hin durch ein starkes Gitter begrenzt, welches in der Nacht zusätzlich durch ein codiertes Kraftfeld gesichert war. Luratar konnte dieses Sicherheitssystem nur als funktionell und zuverlässig bezeichnen.

Auf seinem Weg durch den langgestreckten Neubau beobachtete er aufmerksam die Insassen der Zellen. Viele lagen zusammengekauert auf ihrem Matratzenlager und schliefen, andere wanderten unruhig hin und her, nicht ohne ihm Blicke hilflosen Zornes zuzuwerfen. Manchmal drang ein Stöhnen aus einer der Zellen, dann hielt Luratar jedesmal an, bis er davon überzeugt war, daß keine gravierende körperliche Beeinträchtigung den Klagelaut ausgelöst hatte. Es hätte ihn überaus bekümmert, eines dieser faszinierenden Geschöpfe durch Krankheit zu verlieren.

Als er die zweite Abteilung betrat, kam sofort ein männlicher Rhazaghaner an das Gitter geeilt.

"Indiv Luratar, bitte, kann ich Sie einen Augenblick sprechen?"

Der Cardassianer hielt an und drehte sich zu dem Sprecher um.

"Ja, natürlich, Trysnar!" antwortete er freundlich. "Was ist denn?"

"Es... es geht um Matani. Haben Sie noch einmal über meine Bitte nachgedacht? Ich verspreche Ihnen, daß ich Ihnen keine Probleme bereiten werde; ich mache alles, was Sie verlangen. Sie werden sehen, ich halte auch ganz still bei Ihren Tests, nur lassen Sie mich zu ihr, Indiv, bitte!"

Der Institutsleiter betrachtete den Rhazaghaner nachdenklich.

"Das ist wirklich ein sehr liebenswürdiges Angebot, Trysnar!" erwiderte er geduldig. "Allerdings haben wir doch schon einmal darüber gesprochen. Matani braucht im Moment sehr viel Ruhe, und darum solltest du nicht egoistisch sein. Gerade jetzt kannst du ihr deine Zuneigung am ehesten beweisen, indem du Geduld und Rücksichtnahme übst."

Luratar wandte sich ab, während Trysnars verzweifelte Stimme hinter ihm herschallte.

"Ruhe, immer sagen Sie, sie braucht Ruhe! Sie braucht keine Ruhe, sie braucht mich! Bitte, Indiv!"

Dann betrat der Cardassianer auch schon die nächste Abteilung.

Das erste Geräusch das ihn dort empfing, war das Scheppern eines unzerbrechlichen Tellers, der ein Gitter traf.

"Verdammt!" schrie eine etwas jüngere männliche Stimme. "Ich halte das nicht mehr aus, ich werde wahnsinnig hier drin. Ich will nach draußen ins Sonnenlicht, ich will laufen, ich will mir meine Nahrung selbst beschaffen, und vor allem will ich nie wieder eine Wand sehen."

In der Zelle gegenüber erhob sich ein großer, leicht angegrauter Rhazaghaner und trat ans Gitter.

"Bitte, Brispin!" sagte er leise auf Rhazaghanisch. "Mach ihm nicht die Freude, zu seiner Unterhaltung beizutragen! Atme tief durch, versenke dich in dein Inneres und denk an Rhazaghan. Erinnere dich an die Weiten unserer Heimat, die Berge, die Gewässer, die Darjis und die Sabreshs, und sende deinen Geist zur Jagd aus!"

Der jüngere Rhazaghaner zögerte zunächst, zog sich jedoch, als er den Institutsleiter erkannte, bis an die hintere Wand zurück, ließ sich dort nieder und schloß die Augen. Luratar warf dem anderen einen interessierten Blick zu.

"Das scheint tatsächlich geholfen zu haben, Dylas! Was hast du ihm gesagt?"

Der ältere Rhazaghaner reagierte nicht auf die Frage des Cardassianers. Groß und würdevoll stand er jenseits des Gitters und musterte sein Gegenüber mit stiller Verachtung.

"Du bist ein Leuteschinder, Luratar!" stellte er schließlich fest. "Ein Blutsauger bist du, ein Lishbrak! Du bist heimtückischer als ein Uraukh, und selbst ein Goroch würde mehr Mitleid mit seiner Beute zeigen."

Daraufhin drehte er sich um und kehrte zu seinem Lager zurück.

Der Institutsleiter lächelte amüsiert.

"Das klang nicht uninteressant, Dylas! Wir sollten uns bei Gelegenheit noch einmal unterhalten. Es würde mir gefallen, Näheres über jene Kreaturen zu erfahren, mit denen du mich gerade verglichen hast."

In der darauffolgenden Abteilung traf er auf einen seiner Assistenten, der sich mit dem Institutsdiener Bralis unterhielt. Im Hintergrund war ein eintöniger Singsang zu hören, was ihn vor die entsprechende Zelle lockte.

"Sie singt?" fragte er fasziniert.

Sein Assistent stöhnte.

"Pausenlos, und immer dasselbe Lied, Indiv! Mittlerweile geht die Melodie keinem von uns mehr aus dem Kopf. Wir glauben, daß sie das absichtlich macht."

Luratar zweifelte die Vermutung seines Mitarbeiters keinen Augenblick an. Überhaupt beeindruckte ihn die Verschlagenheit jenes Geschöpfes in der Zelle dort immer wieder. Wie sich gezeigt hatte, verstand dieses Exemplar es geschickt und absolut überzeugend, verschiedene Krankheitszustände zu simulieren, was einigen besorgten Assistenten unangenehme Blessuren eingebracht hatte. Ganz zu schweigen von dem Fluchtversuch vor einigen Tagen. Glücklicherweise waren die Hilferufe des Soldaten gehört worden, so daß es mit vereinten Kräften gelang, die Rhazaghani wieder in ihre Zelle zu schaffen.

Ein Verhör des schuldigen Institutsgehilfen hatte dann ergeben, daß sie vor ihm ihr Hüllbild abgelegt hatte, um dann auf provozierende Weise ans Gitter zu treten. In seiner Verzweiflung schwor der Mann, etwas von einem 'Einverständnis' verstanden zu haben, was ihm vor Luratar jedoch nichts nützte: Bereits am nächsten Tag befand sich der Betreffende wieder auf dem Weg an die Front. Der Indiv verabscheute unzuverlässige Mitarbeiter.

Luratar warf einen Blick auf das Eßgeschirr, das auf dem Boden stand. Der Inhalt war offensichtlich unangetastet.

"Was ist damit?" fragte er streng.

Bralis schlug vor ihm die Augen nieder.

"Man hatte mir Anweisung erteilt, ihr wieder gegarte Nahrung zu bringen." murmelte er. "Es hieß, sie werde sich schon daran gewöhnen."

Der Institutsleiter wirbelte zu seinem Assistenten herum.

"Sind Sie dafür verantwortlich?"

"Verzeihen Sie, Indiv!" stammelte der Mann erschrocken. "Unbehandeltes Fleisch aufzutreiben bereitet momentan außerordentliche Mühe. Ich dachte, nach zwei, drei Tagen würde sie auch fertige Gerichte annehmen."

Luratar atmete tief durch.

"Also gut!" antwortete er beherrscht. "Sie werden jetzt Ihre Arbeit hier erledigen und sich danach mit einem Gleiter auf den Weg machen. Fliegen Sie ins Zentrum und besorgen Sie frisches Fleisch, wie überlasse ich Ihnen. Ich hoffe sehr, daß Sie mich nicht enttäuschen."

"Ja, Indiv!" antwortete sein Mitarbeiter erleichtert.

Luratar trat näher ans Gitter.

"Aber Aryshtin!" begann er mit sanftem Vorwurf. "Was muß ich von dir hören? Du weißt doch, wie nötig euer Körper das Eisen braucht! Glaubst du nicht, du könntest dich wenigstens bis heute abend mit zubereiteter Nahrung abfinden? Es wird sicher etwas dauern, bis wieder Nachschub im Institut ist."

Die Rhazaghani, die mit dem Rücken an die hintere Wand gelehnt saß, stellte den Gesang augenblicklich ein und öffnete die Augen. Dann zeigte sich auf ihrem Gesicht ein Lächeln, das sämtliche Zähne sehen ließ.

"Es ist seltsam, nicht wahr?" stellte sie zufrieden fest. "Der eine haßt die Jagd nach Frischfleisch und der andere das Leben in solchen Wänden. Vielleicht sollten wir tauschen. Laß dir im übrigen sagen, daß ich gar nicht anspruchsvoll bin. Ein Stückchen Luratar wie zum Beispiel sein verrottetes Herz würde mir völlig genügen, sei es gekocht, gebraten oder gänzlich verbrannt. Eigentlich hätte ich nie geglaubt, daß es mich einmal nach dem Fleisch eines Lishbrak verlangen könnte."

Der Indiv schmunzelte.

"Das ist meine Aryshtin, immer zu einem Scherz aufgelegt! Dein derber Humor ist es, was wir alle am meisten an dir schätzen. Übrigens hatte ich vergessen, dir etwas auszurichten: Dein Jagdführer Tybrang grüßt dich und läßt dir sagen, du möchtest dich der gewährten Gastfreundschaft würdig erweisen."

Aryshtins Augen zogen sich zu Schlitzen zusammen. Luratar wartete noch einen Moment, doch da die Rhazaghani stumm blieb, wandte er sich um und betrat die nächste Abteilung.

Aryshtin schwieg längere Zeit.

"Er ist ein Idiot!" brach es dann plötzlich aus ihr heraus.

"Tybrang?" erkundigte sich eine weibliche Stimme aus der Zelle daneben, um dann rasch fortzufahren. "Denk nicht allzu schlecht von ihm! Ich bin sicher, daß er sich irgendwie auf seine Weise Mühe gibt. Wenn es auch die falsche Weise sein mag!" fügte sie hinzu.

Aryshtin seufzte.

"Du bist immer viel zu verständnisvoll. Sei doch wenigstens so gut und laß mir meinen ungerechten Zorn! Es ist nicht gerade viel, was uns geblieben ist."

Riardis preßte ächzend die Fäuste gegen die Schläfen.

"Sing noch ein bißchen, Aryshtin!" lenkte sie ab. "Wenn mir schon der Kopf brummt, dann soll er wenigstens auch den Cardassianern brummen."

Aryshtin lächelte, dann lehnte sie sich zurück und fuhr zur Verzweiflung des Assistenten fort, Schwingenjagd zu singen.

 

Schließlich erreichte Luratar das Ende des Zellengangs, durchschritt eine Schleuse und erreichte jene Abteilung, die er vom Einfluß der Geonfelder sorgfältig hatte abschirmen lassen. Hier befand sich nur noch ein Beobachtungszimmer, ein Untersuchungsraum und ein mit einem besonders starken Gitter versehener Bereich, der dreimal soviel Platz wie eine gewöhnliche Zelle bot. Jenseits der Stäbe bewegte sich ein mächtiger Schatten geschmeidig hin und her.

Als die diensthabende Assistentin ihren Vorgesetzten bemerkte, erhob sie sich eilig und kam ihm entgegen.

"Immer noch nichts Neues?" erkundigte sich Luratar.

"Leider nicht, Indiv!" erwiderte die Institutsangestellte. "Es hat bisher kein Wechsel mehr stattgefunden. Diese Gestalt ist nunmehr seit drei Tagen stabil."

Er nickte nachdenklich.

"Ganz wie ich vermutet hatte! Die Wechselphase ist vorbei; sie hat die Kontrolle über ihr Äußeres zurückerhalten. Schade, damit werden zukünftige Untersuchungen zu einem Problem."

Er trat nahe an das Gitter heran, hinter dem das Geschöpf ruhelos auf und ab schritt. Er beobachtete es noch einen Moment, dann versuchte er eine Kontaktaufnahme.

"Matani!" rief er leise. "Matani, wie geht es dir?"

Ein kurzes Kopfrucken und das Aufblitzen von Zähnen war die einzige Reaktion auf die Stimme des Indiv. Dennoch gab Luratar nicht auf.

"Matani," begann er nochmals, "möchtest du nicht wissen, wie es Dislorn geht?"

Diesmal blieb die Rhazaghani stehen und wandte sich ganz dem Cardassianer zu. In ihren Augen funkelte es haßerfüllt.

"Es war nicht schön von dir, ihn anzugreifen, Matani!" fuhr Luratar fort. "Er handelte allein auf meine Anweisung. Er hat mir sogar selbst gesagt, es täte ihm leid, dich auf der Untersuchungsliege festbinden zu müssen. Dennoch mußt du einsehen, daß wir nicht anders können; schließlich müssen wir wissen, ob es deinem Kind gut geht."

Das Geschöpf legte die Ohren flach an den Kopf und duckte sich leicht. Die Beine gespreizt, das mörderische Gebiß entblößt, stand es dem Cardassianer gegenüber. Luratar seufzte, denn er wußte, daß er seine Antwort erhalten hatte.

"Wie gesagt, wir haben ein Problem!" wandte er sich an seine Assistentin. "Wir haben gesehen, wozu sie mittlerweile in der Grundform fähig ist, aber sich hiermit auseinanderzusetzen, ist völlig unmöglich. Es sieht wohl ganz so aus, als ob wir uns etwas einfallen lassen müßten."

 

Gegen Abend ging es Tybrang etwas besser. Zwar meldete sich immer wieder ein Schmerz in seinem Kopf, der ihm schier den Schädel sprengen wollte, doch es schien ihm, als nähme er seine Umgebung endlich wieder mit vollem Bewußtsein wahr. Das Denken fiel ihm wesentlich leichter, und anstatt wie üblich halbbetäubt auf seiner Bettstatt zu bleiben, erhob er sich öfters, um im Raum auf und ab zu gehen. Hatte man ihm auch erklärt, daß die Sondierungsarbeiten noch nicht ganz abgeschlossen wären, so war er doch äußerst dankbar für die Ruhe, die man ihm heute zugestanden hatte.

Der Schwindel und die Geräusche in seinen Ohren waren fast verschwunden, doch als der Rhazaghaner sich zuversichtlich vor sein Essen setzte, würgte ihn erneute Übelkeit. Nach wenigen Bissen schob er den Teller wieder von sich und kehrte auf sein Lager zurück, wo ihn nur zu bald der Kopfschmerz wieder einholte. Enttäuscht schloß er die Augen und krümmte sich zusammen.

Als Bralis zurückkehrte, fand er Tybrang an die Wand gelehnt, die Fäuste gegen die Schläfen gedrückt. Dennoch hob der Rhazaghaner zum ersten Mal seit längerer Zeit den Kopf und warf dem Institutsdiener einen Blick zu.

Bralis nahm den Teller mit dem Rest der Mahlzeit auf und schickte sich an, den Raum zu verlassen, doch kurz vor der Tür zögerte er und sah noch einmal zurück.

"Ihnen geht es nicht besonders gut, wie?" bemerkte er auf Cardassianisch, was augenblicklich von dem Translator an seinem Kragen übersetzt wurde.

Es war das erste Mal, daß der Institutsdiener von sich aus das Wort an Tybrang richtete, weshalb dieser verwundert die Hände sinken ließ. Der Rhazaghaner blinzelte erschöpft.

"Es ist nicht die Schuld des Indiv." erklärte er leise. "Er würde mir das alles gern ersparen, doch er braucht jemanden, auf den Verlaß ist, einen, der bereit ist, Opfer zu bringen. Ich tue es gern, denn ich weiß, daß die Sicherheit meiner Leute nur so erkauft werden kann. Dies ist die einzige Möglichkeit, in der schützenden Hand des Indiv zu bleiben. Ich bin ihm sehr dankbar für alles, was er für uns getan hat."

Bralis warf ihm einen seltsamen Blick zu.

"Sagen Sie," begann er schließlich langsam, "glauben Sie eigentlich alles, was man Ihnen erzählt?"

Tybrang sah verständnislos zu ihm auf.

"Was meinen Sie damit?" fragte er dann.

Der Institutsdiener seufzte und schüttelte den Kopf. Dann kramte er einen kleinen Gegenstand aus der Tasche.

"Hier, nehmen Sie!" sagte er hastig und drückte ihn Tybrang in die Hand. "Zeigen Sie dies niemandem und verraten Sie schon gar nicht, daß Sie es von mir haben. Ich riskiere ohnehin mit dieser Sache Kopf und Kragen. Fragen Sie nicht weshalb, begnügen Sie sich einfach mit der Information, daß mich jemand darum gebeten hat. Und noch etwas: Ganz gleich, was Sie erfahren: Lassen Sie sich bitte nichts anmerken."

Tybrang öffnete die Hand und betrachtete das kleine Ding. Es war ein Universaltranslator.

"Was soll...?" fragte er verwirrt.

"Ob Sie ihn gebrauchen oder nicht, müssen Sie schon selbst wissen." wurde er schroff von Bralis unterbrochen. "Wenn Sie ihn nicht mehr benötigen, verstecken Sie ihn einfach unter dem Fußende Ihrer Matratze. Ich habe heute nacht Bereitschaftsdienst und werde ihn dann wieder an mich nehmen."

Kurz darauf war der Rhazaghaner allein. Er starrte noch immer auf den Translator, der in seiner Hand lag.

Tybrangs erste Reaktion bestand darin, das Übersetzungsgerät unter seiner Bettdecke zu verstecken. Er wußte nicht, was er mit dieser Leihgabe anfangen sollte, und eigentlich fürchtete er sich davor, daß man einen solchen Mißtrauensbeweis bei ihm finden könnte. Endlich hörte er Schritte, die sich dem Labor näherten, und da wußte er, daß Luratar drüben eingetroffen war, um wie üblich die Ergebnisse des Tages auszuwerten.

Lange Zeit lauschte er dem Hin und Her der verschiedenen Stimmen und wehrte sich gegen die Versuchung, die neben ihm in Gestalt des kleinen Gerätes unter der Decke lag. Er weigerte sich, Luratar zu belauschen. Dieser Mann hatte sich in all der Zeit als sein Freund und Wohltäter erwiesen, und es schien ihm der Gipfel der Undankbarkeit, ihm dies mit Argwohn zu vergelten.

Nach und nach verließen die Assistenten den Arbeitsraum auf der gegenüberliegenden Seite, und noch immer saß der Rhazaghaner da und horchte auf die unverständlichen Worte, die an sein feines Ohr drangen. Endlich, als nur noch die Stimmen von Luratar und Obtanas sich drüben abwechselten, hielt er es nicht mehr aus und griff unter die Decke. Gleich darauf kauerte er an der Tür und aktivierte das Gerät.

Die ersten Worte, die aus der kleinen Übersetzungseinheit drangen, erfüllten ihn mit Erleichterung: Es handelte sich um eine Auflistung von Zahlen. Obtanas schien einige Daten von ihrem Monitor abzulesen. Wenig später zweifelte Luratar einen der Werte an, was eine kurze Unterhaltung der beiden zu Folge hatte, dann wandte man sich wieder den übrigen Ergebnissen zu.

So verging eine längere Zeit und Tybrang begann zu lächeln. Ganz offensichtlich tat Luratar dort drüben nichts anderes, als sich seiner Arbeit zu widmen.

Er war fast schon bereit, das Gerät wieder zu deaktivieren, als Obtanas ein längeres Gespräch mit ihrem Vorgesetzten begann. Der Rhazaghaner runzelte die Stirn und begann wieder aufmerksamer zu lauschen.

"Bitte verzeihen Sie, Indiv, wenn ich Sie nochmals darauf anspreche," drang die Stimme der Cardassianerin aus dem Translator. "aber haben Sie bereits Zeit gefunden, eine Auswahl zu treffen?"

"Ihre Abteilung, richtig!" antwortete ihr Vorgesetzter. "Nein, tut mir leid, Obtanas, ich war die letzten Tage stark in Anspruch genommen. Ich versichere Ihnen aber, daß ich daran denken werde."

"Meine Mitarbeiter würden sich gern an die Arbeit machen." bemerkte die Dringam vorsichtig. "Sie wissen ja, daß wir erhebliche Zeit mit dem Projekt beschäftigt sein werden. Aus diesem Grund wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns schon einmal ein oder zwei Exemplare überlassen könnten."

"Gewiß, Obtanas" erwiderte der Indiv gutmütig. "Ich verstehe vollkommen, daß Sie sich auf diese Aufgabe freuen. Sie haben natürlich recht, es wird allmählich Zeit, mit der Arbeit zu beginnen. Haben Sie schon jemand Bestimmtes ins Auge gefaßt?"

"Eigentlich hatte ich an Tybrang gedacht." gestand die Assistentin. "Er wird uns ohnehin bald nichts mehr nützen, und er gäbe ein außergewöhnlich schönes Stück ab."

Auf diese Äußerung folgte tiefes Schweigen.

"Obtanas," begann die Stimme des Indiv dann langsam, "ich hätte nie gedacht, daß Sie mich einmal derart enttäuschen würden."

"Verzeihen Sie, Indiv..."

"Ich war fest davon überzeugt, daß Sie mehr bei mir gelernt hätten." fuhr ihr Vorgesetzter unbarmherzig fort. "Glauben Sie wirklich, daß ich ein solches Maß an Sorgfalt und Zeit in ein Exemplar investiere, um es dann an die Präparation zu verschwenden? Ich schätze Ihre Liebe zur Ästhetik wirklich, aber hier sind Sie entschieden zu weit gegangen."

"Es tut mir leid, Indiv!" beteuerte seine Untergebene erschrocken. "Aber wie wir gesehen haben, können wir doch die gleichen Daten auch im Neubau erhalten. Außerdem hatte ich angenommen, daß wir inzwischen ethnologisches Material im Überfluß hätten..."

"Ja, ich weiß!" erwiderte Luratar verärgert. "Auf Cardassia findet dieser Wissenszweig nicht viel Beachtung. Stattdessen verläßt man sich bei der Sammlung von Erkenntnissen noch immer auf bloße Zufälle. Hätte der leitende Offizier der rhazaghanischen Operation damals nicht unter Langeweile gelitten und die Unterhändler des Clanführers an Bord beamen lassen, hätten wir wahrscheinlich niemals etwas von der Geonfeld-Intoleranz der Rhazaghaner erfahren. Arrogant, diese Einstellung, arrogant und gefährlich! Zumindest haben wir gesehen, wohin sie führt. Hätten wir dieser Spezies seinerzeit die nötige Aufmerksamkeit geschenkt, würde sich Rhazaghan vielleicht auch heute noch in cardassianischem Besitz befinden."

Langsam beruhigte sich seine Stimme wieder.

"Nein, Obtanas!" erklärte er mit Nachdruck. "Ich bin nicht bereit, mich von diesem Exemplar zu trennen. Tybrangs Gutartigkeit und sein vertrauensvolles Wesen gefallen mir, ganz davon abgesehen, daß sich seine Isolierung unerwartet günstig auf sein Verhalten ausgewirkt hat. Er bedeutet eine wertvolle Informationsquelle für mich, und daher beabsichtige ich die Sondierung ausschließlich im Neubau fortzusetzen, um ihn nicht zu gefährden. Ich bin sehr wohl damit einverstanden, Ihnen einige unserer Versuchsexemplare für Präparate zu überlassen, aber Tybrang wird der Letzte sein, den ich zu opfern bereit bin, merken Sie sich das!"

Direkt danach erfolgte das Geräusch der zufallenden Labortür, worauf sich der Indiv in reserviertem Tonfall von seiner zerknirschten Assistentin verabschiedete.

 

Tybrang schlug die Hände vor das Gesicht.

 
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