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Vari und Numa Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5 Teil 6 Teil 7 Teil 8 Teil 9 Teil 10 Teil 11 Teil 12 Teil 13 Teil 14
Lange Zeit saß er nur da und sah vor sich hin. Die Zeit verging, längst war es still im Institut geworden, und noch immer kauerte der Rhazaghaner bewegungslos auf seiner Bettstatt, wie erstarrt von dem Entsetzlichen, das er erfahren hatte. Dann endlich fing sein Verstand an, sich aus den Trümmern seines Weltbildes zu schälen, und allmählich begann Tybrang zu begreifen, was mit ihm geschehen war. Sein Gedächtnis meldete sich und ließ ihn verschiedene Unterhaltungen mit Luratar noch einmal erleben; einzelne Gesprächsfetzen tauchten aus einem Meer von Erinnerungen auf, zeigten sich in einem völlig neuen, schrecklichen Licht. Zum ersten Mal wurde Tybrang bewußt, wie leicht er es dem Institutsleiter gemacht hatte. "Eine Persönlichkeit, für die Disziplin und Selbstbeherrschung eine große Rolle spielen.", so hatte Luratar ihn beschrieben, und voller Scham erinnerte sich Tybrang an den Stolz, den er auf diese Worte hin empfunden hatte. Oh ja, der Cardassianer hatte rasch erkannt, wo seine Schwächen lagen. Nach nur kurzer Beobachtungsphase hatte er begonnen, ihn in seiner Sichtweise zu bestätigen, hatte ihn mit Lob und Anerkennung geradezu gefüttert, bis Tybrang zu seinem ergebenen und willigen Versuchstier geworden war. Dabei hatte Luratar gleich zu Anfang deutlich gemacht, welches Verhalten er sich von ihm wünschte. "Besonnenheit und Pflichtgefühl sind die grundlegenden Tugenden eines Anführers." und "Ich finde deine Loyalität und Fürsorge erfreulich." hörte er den Cardassianer sagen, gefolgt von "In schwierigen Zeiten sind es die Bündnisse, die uns am Leben erhalten. Es ist unverzeihlich, einen Alliierten vor den Kopf zu stoßen." Eine andere Stimme aus Tybrangs Gedächtnis meldete sich, eine Stimme wie aus einem anderen Leben, ungeduldig und ärgerlich. "Auch ein Verbündeter gewährt dir nichts, ohne etwas dafür zu verlangen. Entwickelt er gar Fürsorge, ist doppelte Vorsicht geboten." Der Rhazaghaner stöhnte. Er hatte sich Tarkin so überlegen gefühlt, so klug und vernünftig, und nur zu gern hatte er sich in seiner Überzeugung bestätigen lassen, den fähigeren Anführer abzugeben. Doch anstatt seine Leute zu schützen, hatte er nichts erreicht, als zum Liebling jener Kreatur aufzusteigen, die sich Luratar nannte, und die ihn ununterbrochen manipuliert und betrogen hatte. Nicht einen Augenblick hatte er die Aussagen des Cardassianers in Zweifel gezogen, sondern sich der naiven Vorstellung hingegeben, daß die anderen sich gut versorgt und unbehelligt im Neubau die Zeit vertrieben. So eifrig war er gewesen, sich als Luratars loyaler Verbündeter zu zeigen, daß er nicht ein einziges Mal Beweise verlangt hatte. Eine einleuchtende Geschichte und ein paar wohlklingende Worte hatten ihm genügt, um einem völlig Fremden zu vertrauen. Und das war noch nicht alles: Nebenbei hatte der Cardassianer jede Menge Nutzen aus seiner Leichtgläubigkeit gezogen, einfach, indem er ihm zuhörte. Tybrang erinnerte sich voller Entsetzen an die langen Gespräche, die er mit Luratar geführt hatte. Noch vermochte er sich nicht auszumalen, welche Schäden er mit seiner Redseligkeit angerichtet hatte, doch er war sicher, daß seiner Dummheit Folgen erwachsen waren. Wie er nun erkannt hatte, war Luratar ein Mann, der dazu fähig war, die Informationen auf das skrupelloseste an seinen Gefangenen umzusetzen. Die anderen! Eine Welle der Verzweiflung stieg in dem Rhazaghaner auf, als er sich die Frage stellte, was mit ihnen in der Zwischenzeit geschehen sein mochte. Auch im Neubau fanden Versuche statt, das wußte er nun, und Luratar würde kaum das Einverständnis der Betroffenen eingeholt haben. Während er selbst sich einer gnädigen Illusion hingegeben hatte, waren seine Artgenossen dort jeden Tag gequält und für Experimente mißbraucht worden. Wahrscheinlich hatten sie nicht einmal die Hoffnung, dieses grauenvolle Institut eines Tages wieder verlassen zu dürfen, und damit lagen sie vollkommen richtig. Was zumindest einige von ihnen erwartete, war der Entsetzlichste der Schrecken, den dieser Ort für sie bereithielt. Man würde sie töten, um... "Gib gut auf sie acht, Tybrang!" Das war wieder Tarkin. Tarkin, der seinen besorgten Blick auf ihn gerichtet hielt. Und dann seine eigene Antwort, gedankenlos, leichtfertig, geradezu überheblich. "Darauf kannst du dich verlassen!" Er hatte versagt, hatte keinen Gedanken an Vorsicht oder Mißtrauen verschwendet, sondern sich in Luratars schmeichelnder Anerkennung gesonnt. Er hatte sich der eitlen Vorstellung hingegeben, sein Stillhalten diene dem Schutz der anderen, dabei hatte sein sogenanntes Opfer nichts als eine freundliche Dreingabe für Luratar bedeutet. Und während er selbst sich nun als einziger in Sicherheit befand, würde man einige seiner Artgenossen auswählen und umbringen, damit ihre Körper anschließend zu Schauobjekten verarbeitet werden konnten. Tybrang sah Luratars lächelndes Gesicht vor sich, und er fühlte, wie ein artfremder Haß in ihm aufstieg. Morgen früh würde dieser Mann wie immer sein Gefängnis betreten, und dieser Moment würde sein letzter sein. Tybrang würde sich auf ihn stürzen, seinen Hals packen und seine Wirbelsäule so leicht zerknicken, wie man einen dürren Ast bricht. Mochten seine Assistenten auch herbeieilen, für ihn würde jede Hilfe zu spät kommen. Der Gedanke an Mord löste nicht den allerkleinsten Abscheu in dem Rhazaghaner aus, vielmehr empfand er eine grimmige Freude bei dieser Vorstellung. Unter seinen eigenen Händen wollte er spüren, wie das Leben des Cardassianers verlosch. Wahrhaftig, Luratar sollte für die Verbrechen an seinen Leuten bezahlen! Einen Moment lang befand sich Tybrang in einem wilden Erregungszustand, der jedoch schon im nächsten einer verzweifelten Ernüchterung Platz machte. Ein anderer würde an Luratars Stelle treten, würde Tybrangs Tötung veranlassen, und die Versuche würden weitergehen. Er begriff, daß sich mit dieser Tat nichts für seine Artgenossen ändern würde, gar nichts, und wieder hatte er das Gefühl, vor Hilflosigkeit und Enge zu ersticken. Sein Instinkt hatte ihn nicht getrogen, dieses war eine Falle, ein Rachen, der ihn festhielt und daran hinderte, zu den anderen zu gelangen. Wie rasend sprang er auf und begann, im Raum auf und ab zu laufen. "Hinaus!" flüsterte er heiser, um dann lauter zu werden und schließlich zu schreien. "Raus! Ich will hier raus! Ich habe genug, ich will zu meinen Leuten!" Ganz plötzlich hielt er an. Sein Blick galt der Tür, und plötzlich wußte er wieder, daß er Rhazaghaner war, daß er wechseln konnte und daß dieses armselige dünne Metall niemals in der Lage sein würde, eine Steppenluum gefangenzuhalten. Von der Erkenntnis bis zur Tat dauerte es nur einen Herzschlag. Ein Blitz erhellte den Raum, und dann erklang ein Krachen, das weit den Gang hinunterhallte. Tybrang wechselte zurück in die Grundform, um die Türöffnung passieren, aber auch, um die Hände gegen die Schläfen pressen zu können. Die Kopfschmerzen hatten wieder eingesetzt, und so schloß er einen Moment die Augen und suchte Halt am Türrahmen, bevor er sich endgültig auf den Weg machte. Gleich darauf hielt er an. In geringer Entfernung erkannte er im trüben Licht der Gangbeleuchtung einen Mann, der an der Wand lehnte und ihn zu erwarten schien. Es war Bralis, der Institutsdiener. Der Rhazaghaner senkte leicht den Kopf. "Bitte," begann er warnend, "versuchen Sie nicht, mich aufzuhalten!" Bralis stieß sich mit dem Fuß von der Wand ab und kam gelassen auf ihn zu. "Ich hatte nicht die Absicht!" erklärte er ruhig. Der Cardassianer betrachtete den Rhazaghaner einen Moment. "Der Translator?" fragte er dann. Tybrang wies hinter sich. "Unter meiner Matratze, wie Sie verlangt haben. Wie konnten Sie sicher sein, daß ich mich an Ihre Anweisungen halten würde?" Bralis lächelte ein wenig. "Es war kein großes Risiko. Jemand, der derart gutgläubig ist, muß zuverlässig sein." Tybrang blickte gedemütigt zur Seite. "Und das Gespräch? Wie...?" "...ich wissen konnte, was Sie hören würden?" Der Institutsdiener zuckte die Achseln. "Offen gestanden habe ich keine Ahnung, was Sie mitbekommen haben, doch anscheinend hat es gereicht. Immerhin kenne ich die Bemerkungen, die im Labor hin und her gehen. Eine Verwandte von mir ist Mitglied im cardassianischen Widerstand, und ich habe ihr von den Geschichten erzählt, die hier neuerdings passieren. Das war wohl ein Fehler, denn seither fällt sie mir ständig auf die Nerven und macht mir Vorhaltungen. Naja, wahrscheinlich hat sie sogar recht. Ich glaube nicht, daß ich noch besonders gut schlafe, wenn Ihre Leute tatsächlich im Kabinett landen sollten. Eigentlich ist es meine Aufgabe, mich um die Viecher zu kümmern, die an das Institut geliefert werden, aber das..." "Sie werden mir also helfen?" "Versprechen Sie sich nicht allzuviel davon! Ich kann allenfalls ein paar Hilfestellungen geben, aber die Hauptsache liegt bei Ihnen. Das Beste wird sein, wenn Sie so lange warten, bis mein Kollege aus dem Neubau vorbeikommt. Normalerweise gehen wir dann in die Kantine, essen eine Kleinigkeit und machen ein Spielchen, diese Zeit sollten Sie nutzen, um unten die Energieversorgung lahmzulegen. Vor dem Umsturz hatte man begonnen, das Institut zu modernisieren, und seither haben wir im Erdgeschoß diese großartigen automatischen Türen, die sich bei Stromausfall nicht öffnen lassen. Wir werden also dort festsitzen, ohne die geringste Möglichkeit, Hilfe herbeizurufen. Danach wird es allerdings schwierig für Sie werden. Luratar hatte eigens eine unabhängige Energieversorgung für den Neubau schaffen lassen, von daher werden Sie die Geongeneratoren drüben in der Zentrale abschalten müssen. Für die Kraftfelder vor den Zellen kann ich Ihnen allerdings keine Lösung anbieten. Die Deaktivierung erfolgt jeweils über eine Schalttafel von fünfzig Sensorfeldern, von denen zwei bis zehn berührt werden müssen. Sie haben zwei Versuche, danach wird Alarm ausgelöst. Noch nicht einmal ich habe Zugang zu den Codeschlüsseln, es tut mir leid." "Das klingt nicht sehr ermutigend." stellte Tybrang bedrückt fest. "Luratar ist außerordentlich stolz auf diese Sicherheitseinrichtung." erwiderte Bralis. "Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich keinen fertigen Fluchtplan zu bieten habe. Alles was ich Ihnen geben kann, ist eine Chance. Wie Sie sie nutzen, bleibt Ihnen überlassen." "Könnte es vielleicht ein bestimmtes Prinzip geben?" fragte der Rhazaghaner verzweifelt. "Wird möglicherweise irgendeine Reihenfolge besonders bevorzugt?" "Was für eine Reihenfolge?" wunderte sich der Institutsdiener. "Die Felder müssen selbstverständlich gleichzeitig betätigt werden." Tybrang riß die Augen auf. "Sie werden zugleich gedrückt? Sind Sie vollkommen sicher?" "Machen Sie Witze? Es handelt sich immerhin um das am meisten verbreitete Sicherungssystem. Allerdings glaube ich kaum, daß Sie damit besser dastehen. Sie müßten dreiunddreißig Mal sehr viel Glück haben, um Ihre Freunde zu befreien." Der Rhazaghaner hatte zu lächeln begonnen. "Lassen Sie das nur meine Sorge sein! Gibt es sonst noch etwas zu beachten?" "Sollten Sie tatsächlich so weit kommen, sind Sie schon fast so gut wie draußen. Die Gittertüren sind rein mechanisch gesichert. Es genügt, den Wandriegel neben der Zelle zu betätigen. Ansonsten wäre noch die Mauer zu erwähnen, die das Gelände umgibt. Sie stammt aus der Zeit vor dem Krieg und ist etwa dreimal so hoch wie Sie. Schaffen Sie das?" Tybrang nickte erleichtert. "Noch etwas hätte ich gern gewußt!" bemerkte er nach kurzem Nachdenken. "Gibt es Vögel bei Ihnen, und wenn, wie groß können sie werden?" Bralis hob die Brauen. "Müllhacker meinen Sie?" Er hielt die Hände ein Stück auseinander. "Also wenn Sie an das denken, was ich vermute, dann schlagen Sie es sich aus dem Kopf! Höchstwahrscheinlich kämen Sie noch unentdeckt über die Mauer, aber das ist auch alles. Jedes fliegende Objekt, das länger ist als Ihr Arm, wird schon in geringer Höhe erfaßt. Wir haben Krieg, wissen Sie! Außerdem herrscht da draußen lausiges Wetter. Ich glaube kaum, daß Sie klarkämen." Tybrang seufzte. "Nun gut, es war nur ein Gedanke. Wir müssen eben sehen, wie wir hier wegkommen. Was ist mit Ihnen? Glauben Sie nicht, daß Luratar einen Verdacht gegen Sie hegen wird?" Bralis lachte nun zum ersten Mal. "Machen Sie sich um mich keine Sorgen! Wenn Luratar eine eindeutige Schwäche besitzt, dann seinen Stolz auf seine Führungsqualitäten. Ohne handfeste Beweise käme ihm gar nicht der Gedanke, daß ihn ein Untergebener hintergehen könnte, schon gar nicht, wenn er wie ich bereits eine lange Zeit an diesem Institut arbeitet. Es stimmt schon, er tut etwas für seine Leute. Vor allem hält er uns aus diesem verdammten Krieg heraus, und das allein reicht, ihm unsere Loyalität zuzusichern. Ich muß gestehen, daß ich gern unter ihm arbeite." "Trotz der Dinge, zu denen er fähig ist?" "Ich bin hier, oder nicht? Also was ist nun? Wollen Sie fliehen oder sich lieber mit mir unterhalten?" Tybrang begriff, daß ihm die Zeit davonlief, und so schob er seine Einwände gewaltsam beiseite und begann sich statt dessen auf die Erläuterungen des Institutsdieners zu konzentrieren. Dabei bemühte er sich, die Beschreibungen der verschiedenen Räumlichkeiten, der technischen Anlagen, der Schalttafeln und ihrer Bedienung möglichst genau in seinem schmerzenden Kopf zu behalten. Schließlich sprach er dem Cardassianer seinen Dank aus, worauf sich ihre Wege trennten. Kurz darauf kauerte er in einem unbeleuchteten Gang des Erdgeschosses und wartete. Eine gewisse Zeit verging, und die ersten Zweifel suchten den Rhazaghaner heim. Was würde sein, wenn der zweite Wachmann nicht auftauchte, was, wenn Bralis es sich doch noch anders überlegte oder wenn dieser ihn überhaupt belogen hatte? Immer mehr wuchs die Anspannung in seinem Inneren an, doch schließlich hörte er das Geräusch des sich öffnenden Eingangsportals. Jemand betrat das Gebäude, Schritte hallten durch das Foyer und entfernten sich gleich darauf von ihm. Tybrang erhob sich erleichtert, um jenem Weg zu folgen, den der Institutsdiener ihm empfohlen hatte. Einige Zeit später erlosch jegliches Licht im Institut. Stasisfelder, Kühleinrichtungen und Brutschränke fielen aus, worauf hochempfindliche Zellkulturen zu verderben begannen. Gleichzeitig drangen deftige Flüche aus der finsteren Institutskantine, während Geräusche darauf schließen ließen, daß dort eine verschlossene Tür mit zahlreichen Tritten bedacht wurde. Der Rhazaghaner nahm jedoch nichts davon wahr, denn er war bereits auf dem Weg zu seinen Artgenossen. Draußen empfing ihn Wind und ein prasselnder Regen, doch Tybrang schenkte diesen wundervoll natürlichen Phänomenen kaum Beachtung, so eilig hatte er es, zum Neubau zu gelangen. Dort verschaffte er sich auf gleiche Weise Einlaß, wie er aus seiner Zelle entkommen war. Als erstes passierte er eine Sektion mit Dienstzimmern, um gleich darauf auf jenen weitläufigen Bereich zu stoßen, den er als Zentrale erkannte. Die Bedienungselemente für die Geongeneratoren waren optisch hervorgehoben und so kostete es ihn keinerlei Mühe, sie nach Bralis' Anweisungen zu deaktivieren. Mit klopfendem Herzen wandte er sich der Tür zum Zellengang zu. Wenn das, was jetzt vor ihm lag, so gelang, wie er es sich vorstellte, würde eine Flucht möglich sein. Mit einem Handgriff entriegelte er die dicke Metalltür und betrat den dahinter liegenden Gang, wo ihn eine dämmrige Beleuchtung empfing - und die Atemzüge schlafender Rhazaghaner. Erschüttert sah er sich um. Er hatte seine Artgenossen um ihre Lebensbedingungen beneidet, und nun fand er sie hier, in winzigen fensterlosen Zellen, die nichts als eine Matratze und einen dürftigen Sanitärbereich aufwiesen. Die Seite zum Gang wurde lediglich durch starke Gitter begrenzt, welche auch nicht den armseligsten Rest einer Intimsphäre zuließen. Beim Anblick dieser Ställe konnte sich Tybrang nur schwer des Gefühls erwehren, die ganze letzte Zeit in einem Luxusgemach zugebracht zu haben. "Tybrang?" hauchte eine fassungslose Stimme. "Bist du das wirklich?" Er fuhr herum und erblickte Raiji von den Sim, die sich auf ihrem Lager aufgerichtet hatte und ihn zweifelnd anstarrte. Außer sich vor Freude eilte er so nahe an ihr Gitter, wie das Kraftfeld es nur zuließ. "Aber ja, Raiji!" antwortete er glücklich. "Ich bin es! Komm her, dann wirst du sehen, daß es kein Traum ist." Die Rhazaghani stemmte sich aufgeregt in die Höhe "Du meine Güte, und ich hatte dich schon für eine von diesen verdammten Nebenwirkungen gehalten. Ich habe mittlerweile soviel Zeug gesehen, daß ich mir vollkommen unsicher geworden bin. Wie kommst du hierher?" "Durch die Vordertür, und ich verspreche dir, daß sie nicht mehr besonders gut schließt. Warte einen Moment, ich will sehen, ob ich dich hier rausholen kann." "Die Schalttafel rechts!" erklang eine männliche Stimme hinter ihm. "Er drückt die Felder mit beiden Händen, aber ich kann dir nicht genau sagen, wo. Er schiebt grundsätzlich seinen Körper dazwischen." Tybrang drehte sich um und erkannte Zelar von den Sirk, der hinter dem Gitter gegenüber stand. Der Rhazaghaner machte einen ruhigen, geistesgegenwärtigen Eindruck, auch wenn seine Unterarme die fleißige Entnahme von Hautproben erkennen ließen. Auf Tybrangs entsetzten Gesichtsausdruck hin begann er mit einer gewissen Bitterkeit zu lächeln. "Das hier müßtest du doch eigentlich kennen. Er lobt immer wieder deine vorbildliche Tapferkeit, deine Geduld und deine Friedfertigkeit, die du während seiner Experimente an den Tag legst. Stimmt das wirklich, was er sagt, oder handelt es sich bloß wieder um eine seiner Lügen?" "Es stimmt!" erwiderte Tybrang erstickt. "Aber das ist jetzt vorbei. Mit etwas Glück werde ich es schaffen, die Kraftfelder zu deaktivieren, und dann werden wir gehen, wir alle." "Wohin?" fragte Raiji, der man anmerkte, daß sie jeder Antwort begeistert zustimmen würde, gleichgültig, wie sie lautete. Erwartungsvoll sah sie ihn an. "Hinaus!" war Tybrangs ganze Antwort. Bereits im nächsten Augenblick wechselte er in die Zahnluum hinüber. Langsam trat er an die Schalttafel heran und witterte sorgfältig. Sofort vermittelten ihm die einzelnen Felder ihre Geruchsbotschaften und begannen in der Art eines binären Codes zu ihm zu sprechen. Nein - nein - nein - ja - nein - nein ... Was Tybrang wahrnahm, war die Witterung, die Luratar höchstpersönlich mit jedem Fingerdruck auf den Feldern hinterlassen hatte, und die ihn nun verriet. Es kostete Tybrang nur einige wenige Atemzüge, den sorgfältig gehüteten Codeschlüssel des Institutsleiters zu erfahren. Gleich darauf kehrte er in die Grundform zurück, warf noch einen letzten prüfenden Blick auf die Tafel, richtete acht seiner Finger präzise aus und drückte entschlossen. Das Kraftfeld erlosch augenblicklich. Bereits im nächsten Moment hatte Tybrang die Gittertür entriegelt und zur Seite geschoben, worauf er die überglückliche Raiji in die Arme schloß. Als er wieder aufsah, erblickte er die übrigen Bewohner der Abteilung, die den Vorgang von ihren Zellen aus beobachtet hatten. Zelar lächelte anerkennend. "Nicht übel, an diese Möglichkeit hatte ich überhaupt nicht gedacht. Allerdings leben wir nun schon eine halbe Ewigkeit unter der Wirkung dieser verdammten Generatoren. Offen gestanden hatte ich nicht mehr daran geglaubt, daß ich meine Fähigkeiten jemals wieder würde gebrauchen können." Es dauerte nicht lange, bis Tybrang auch die übrigen fünf aus ihren Zellen befreit hatte. Er wandte sich ihnen zu. "Ihr habt nun gesehen, wie es geht. Laßt uns jetzt zu den anderen gehen und sie herausholen. Gemeinsam dürfte das einigermaßen rasch zu schaffen sein. Kommt!" In der nächsten Abteilung machten sie sich als erstes daran, die Bewohner der Zellen zu wecken, bevor sie damit begannen, die Schlüsselcodes zu erspüren. Trysnar war dermaßen hastig an das Gitter herangekommen, daß Tybrang ihn ermahnen mußte, sich von dem Kraftfeld fernzuhalten. Der eingesperrte Rhazaghaner lief unruhig in seiner Zelle auf und ab, bis seine Gittertür beiseite geschoben wurde, dann kam er herausgestürzt und fiel Tybrang förmlich um den Hals. "Danke, Tybrang!" stieß er hervor. "Matani und ich werden dir das niemals vergessen. Mir ist völlig egal, was Luratar sagt. Du bist zu uns gekommen, um uns zu helfen, und das ist das einzige, was zählt." Daraufhin wirbelte er herum und lief hinüber in die nächste Abteilung. Die Befreiung der gefangenen Rhazaghaner erfolgte nun so rasch, daß Tybrang die hinteren Bereiche des Neubaus nicht mehr aufzusuchen brauchte. Bereits nach kurzer Zeit kam Dylas von den Laro auf ihn zu und meldete ihm, daß sämtliche Zellen offen seien. Direkt hinter ihm erschien Aryshtin und musterte ihren Befreier neugierig. "Du siehst mich erschüttert, Tybrang!" gestand sie heiter. "Bedeutet dies etwa, daß du das Interesse an Luratars zuvorkommender Gastfreundschaft verloren hast? Ich hätte dich für beständiger gehalten." Tybrang sah vernichtet zu Boden, als er an die Worte dachte, um deren Ausrichtung er den Cardassianer gebeten hatte. Offenbar hatte dieser keinerlei Skrupel gehabt, seine Ermahnung weiterzugeben. "Ich war ein Narr!" murmelte er. Aryshtin wechselte einen kurzen Blick mit Riardis von den Sirk, die neben ihr aufgetaucht war, dann wandte sie sich wieder dem schamerfüllten Rhazaghaner zu. "Ja, das warst du!" bestätigte sie freundlich. "Allerdings scheint mir diese Sache hier nicht gerade das Werk eines Narren zu sein, und das läßt auf eine Wandlung schließen. Vermutlich liegt in diesem Moment nichts als ein tauber Kokon in deiner Zelle, während das, was auskroch, auf den Gedanken kam, gemeinsam mit uns auszubrechen. Armer Luratar, es steht zu befürchten, daß ihn morgen früh der Schlag trifft." Tybrang sah auf. "Laß es so sein, Aryshtin!" erwiderte er voller Ingrimm. Kurz darauf strömten sie hinaus in die Nacht, wechselten aufatmend in die jeweils bevorzugte Luum, um sich gleich darauf wieder zu versammeln. Keiner von ihnen fror, nicht einer nahm Anstoß an der Nässe. Die vertraute Witterung erschien ihnen wie ein Freund. "Regen!" seufzte Brispins Stimme andächtig. "Und Wind! Daß es das wirklich noch gibt!" Ein paar Worte gingen hin und her, dann wurde im blassen Licht der Wegbeleuchtung die zottige Gestalt von Dylas sichtbar, die auf Tybrang zukam. "Wir sind uns einig." erklärte er ernst. "Du hast uns dort herausgeholt, und darum vertrauen wir dir. Führe uns nach draußen, Tybrang!" Der Angesprochene zögerte zuerst, doch dann nickte er und setzte sich an die Spitze seiner Artgenossen. Kurz darauf hielt er vor der Mauer an, die das Institutsgelände umgab, und legte den Kopf in den Nacken. "Sie ist tatsächlich nicht allzu hoch!" bemerkte er halblaut, während er sich an Bralis' Hinweise erinnerte. "Allerdings wissen wir nicht, was uns auf der anderen Seite erwartet. Vielleicht wäre es doch besser, sie in knapper Höhe zu überfliegen, um gleich darauf einen geeigneten Landeplatz zu suchen." Riardis eilte zu ihm. "Matani wird dazu nicht bereit sein." informierte sie ihn flüsternd. "Sie führt ihr erstes Kind mit sich, und ein Wechsel in die Schwinge wäre mittlerweile zu riskant. Sie wird die Mauer auf alle Fälle überspringen müssen." "Was?" brachte Tybrang bestürzt heraus. "Aber Matani und Trysnar hatten diesen Sommer doch gar keinen Nachwuchs geplant..." Er sah sich suchend um und erblickte gleich darauf eine wehrhaft und muskulös wirkende Gestalt mit blitzenden Augen an Trysnars Seite. Es war absolut unübersehbar, daß Matani ein Kind erwartete. Bereits im nächsten Augenblick erinnerte er sich an seine Unterhaltungen mit Luratar, und er stöhnte auf, als ihm das Ausmaß seiner Schuld bewußt wurde. Er wagte gar nicht darüber nachzudenken, auf welche Weise man die beiden Rhazaghaner dazu gebracht hatte, sich zu einem derart unglücklichen Zeitpunkt fortzupflanzen. "Sie waren nicht bei Verstand." berichtete Riardis kaum hörbar. "Luratar wußte um die Weise der rhazaghanischen Fortpflanzung und setzte bei mehreren von uns eine Droge ein. Aber nur bei den beiden zeigte sie Wirkung." "Ich... ich werde hinaufspringen!" erklärte Tybrang heiser. "Ich werde mich dort oben umsehen und euch Bescheid geben. Wartet so lange!" "Verwende die Schwinge, du weißt nicht, wie schmal..." begann Riardis, doch Tybrang war bereits in die Krallenluum gewechselt und entfernte sich von der Mauer, um Anlauf zu nehmen. Im nächsten Moment kam er heran, spannte seinen Körper wie eine Feder und sprang. Fast wäre er zur anderen Seite hinübergeschossen, denn die gemauerte Umzäunung stellte sich in der Tat als recht schmal heraus. Erst im letzten Moment gelang es ihm, sich auf den nassen Steinen festzukrallen und sein Gleichgewicht zu stabilisieren. Wachsam sah er sich um. Durch die Regenschleier hindurch erkannte er die Schatten naher und ferner Gebäude, doch nur ganz vereinzelt zeigten Lichter noch Aktivität an. Eine Art Straße schien sich in einiger Entfernung zwischen ihnen hindurchzuwinden, allerdings wirkte sie still und verwaist. Sämtliche Cardassianer schienen sich bei diesem Wetter in die Sicherheit ihrer Wohnhäuser zurückgezogen zu haben. Tybrang senkte den Blick und versuchte die Beschaffenheit des Bodens dort unten zu ergründen. Der Fuß der Mauer versank in formloser Schwärze, doch das Geräusch der aufprallenden Tropfen ließ darauf schließen, daß sich an jener Stelle eine niedrige Krautschicht, auf keinen Fall aber Steinpflaster befand. Seine Nase bestätigte diese Einschätzung, indem sie ihm den Geruch von nasser Erde und unbekannten Pflanzen zutrug. So wie es aussah, brauchten sie beim Aufkommen keine Verletzungen zu befürchten. Er richtete sich noch einmal auf und horchte, doch außer dem Prasseln des Regens und der Geräusche der Stadt, die sich weit entfernt zu einem gedämpften Summen vereinten, vermochte er nichts wahrzunehmen. Schließlich wandte er sich wieder seinen Artgenossen zu, die auf der anderen Seite schweigend warteten. "Es ist alles ruhig!" raunte er ihnen zu. "Ihr könnt springen, es scheint hier weichen Untergrund zu geben." Einer nach dem anderen wechselten sie nun in die Krallenluum und überwanden das Hindernis mit einem hohen Sprung. Tybrang blieb bis zum Schluß auf der Mauer und sicherte weiterhin die Umgebung. Erst als der letzte Rhazaghaner das Institutsgelände verlassen hatte, stieß auch er sich ab und landete auf einer Schicht niedriger fleischiger Gewächse, die unter seinem Aufprall zerknickten. Gleich darauf übernahm er erneut die Führung, und sie machten sich auf den Weg. Tybrang hatte den Eindruck erhalten, daß das Gelände vor der Stadt ein erhebliches Stück anstieg, und diese Erhebung erschien ihm geeignet, sich einen Überblick über die Umgebung zu verschaffen. Vorsichtig, aber dennoch zügig folgten ihm seine Artgenossen, ohne noch ein weiteres Mal die Luum zu wechseln. Die Krallenluum war jene Gestalt, die am wenigsten auffiel, und so entfernten sie sich geschmeidig wie huschende Schatten immer weiter von der Stadt. Sie mieden Straßen und Gebäude, suchten gewissenhaft Deckung, wo sie sie fanden, bis sie als weit auseinandergezogener Verband auf die Spitze der Anhöhe gelangten, die Tybrang ausgemacht hatte. Erst dort hielten sie an und schauten sich um. Langsam trat Tybrang vor und schaute zur Stadt, die selbst zu dieser späten Stunde aus einem Meer von Lichtern zu bestehen schien. Gleißend leuchtete das Zentrum mit seinen krallenförmig gebogenen Türmen, und Tybrang sah staunend, daß selbst die tiefhängenden Regenwolken die Helligkeit dieser ungeheuren Stadt widerspiegelten. Inmitten der Lichterflut konnte er Bewegung ausmachen; winzig anmutende Konstruktionen stiegen auf oder sanken ab, belebten den Luftraum mit ihrem Kommen und Gehen. Tybrang wußte sofort, was er da vor sich hatte. "Ein Shuttlehafen!" murmelte er, und zum ersten Mal stellte er sich die Frage, wie sie von diesem Planeten entkommen sollten. Alles was er bisher im Sinn gehabt hatte, war seine Artgenossen in Sicherheit zu bringen, hinaus aus den Zellen, fort von Luratar mit seinen erbarmungslosen Forschungen. Nun allerdings kam ihm zu Bewußtsein, daß sie das Institut zwar verlassen hatten, doch daß das auch schon alles war. Sie befanden sich noch immer auf einer fremden Welt, umgeben von Feinden, und schon morgen würde man ihre Flucht bemerken und sich auf die Suche nach ihnen machen. Man würde sie mit allen Mitteln jagen, und wenn man sie faßte, würde man sie zurück in die Zellen bringen und darauf achten, daß die neuen Sicherheitseinrichtungen ihnen keine Möglichkeit mehr ließen, zu entkommen. Es würde das Ende für sie alle bedeuten. Tybrang überlegte verzweifelt. Da vorn, fast zum Greifen nah, gab es Schiffe, Schiffe die sie nach Hause bringen konnten. Aber sich nach dorthin auf den Weg zu machen, hieße sich einem ungeheuren Entdeckungsrisiko auszusetzen. Die Chance, es in diesen gleißenden Mittelpunkt der cardassianischen Welt zu schaffen, um dann mit einem gestohlenen Shuttle unbehelligt den Orbit zu verlassen, war gleich Null, das wußte er. Ebensogut konnte er einen Teil seiner Artgenossen direkt bei Obtanas zur Präparation abliefern, um dann die anderen an Luratar zu übergeben. Um nichts in der Welt wollte er sie dieser Gefahr aussetzen. Einen Moment lang hingen seine Augen sehnsuchtsvoll an den kleinen Raumschiffen, die dort landeten und wieder aufstiegen, dann traf er schweren Herzens seine Entscheidung. Er verabschiedete sich geistig von seiner Heimat, vom Vari-Habitat, von Tarkin und seinen Freunden und wandte sich ab. Es existierte keine Hoffnung auf Rückkehr, nicht für sie, aber vielleicht gab es auf dieser Welt die Möglichkeit, in Freiheit zu überleben. Die anderen umstanden ihn noch immer schweigend, und so blickte er langsam von einem zum anderen. "Wir können nicht mehr fort." sagte er zu ihnen. "Und darum müssen wir uns jetzt aufmachen." "Aufmachen?" fragte Aryshtin verblüfft. "Wohin?" Tybrang schloß die Augen und sah Darrab sich für die Vari-Geschichte erheben. Die Stimme des alten Rhazaghaners schien in seinem Geist widerzuhallen. "Wir werden uns auf die Suche machen, auf die Suche nach einer Gegend, die ein Habitat tragen kann!" antwortete er leise. "Was sagst du, ein Habitat?" rief Brispin verzweifelt aus. "Für uns? Ein Habitat ist die Heimat eines Clans, Tybrang! Das sind wir aber nicht! Wir sind nichts, nur ein armes versprengtes Häufchen weit weg von Rhazaghan. In unseren heimatlichen Habitaten hält man uns für tot, dort trauern sie um uns, und im kommenden Frühjahr werden die neugeborenen Kinder unsere Namen tragen." "Bitte, Brispin!" schaltete sich Riardis begütigend ein. "Vielleicht gelten wir für tot, aber das ändert nichts an der Tatsache, daß wir noch immer am Leben sind. Es besteht keinerlei Grund, uns jetzt einfach aufzugeben. Ich für mein Teil bin jedenfalls bereit, zu kämpfen." Wiederum tauchte in Tybrangs Geist die Erinnerung an Luratar auf. Der Institutsleiter drehte sich um und verzog das Gesicht zu einem überlegenen Lächeln. "Tybrang, ich weiß, es muß hart in deinen Ohren klingen, aber irgendwann muß man sich der Erkenntnis stellen, daß man die Toten ruhen lassen sollte." Und aus Tybrangs aufkeimendem Zorn entstand ein Gedanke. "Du hast recht!" wandte er sich an Brispin. "Wir sind kein Clan. Jedenfalls nicht Laro, nicht Dana, nicht Sirk, weder Sim noch Vari, denn diese Clans existieren alle auf Rhazaghan, und wir sind nur winzige Bruchstücke von ihnen. Es gibt aber einen Clannamen, der frei ist, und der schon lange Zeit vergeblich auf einen neuen Träger wartet. Ihr kennt ihn alle." Er holte tief Luft und versuchte seine Gedanken zu ordnen. "Jeder von uns trägt die Erinnerung an das fürchterliche Ereignis in sich, an die Trauer und das Entsetzen, das wir alle empfanden. Mit einer Handbewegung war das Habitat und mit ihm der ganze Clan der Numa ausgelöscht. Fast nichts blieb von ihnen übrig, allein ihren Namen hinterließen sie wie eine rauchende Hülle, ein trauriges Andenken an das, was einmal eine blühende Gemeinschaft gewesen war." Er schwieg einen Moment, dann fuhr er fort. "Und nun sind wir hier. In der Heimat jener Leute, denen der Widerstand der Numa ein Dorn im Auge war. Ohne Clan, aber mit der Entschlossenheit, uns unserer Haut zu wehren. Was liegt näher, als sich gerade hier der Numa zu erinnern? Vierzig auf Rhazaghan waren es, die seinerzeit von den Numa aufbrachen, um den Clan der Vari zu gründen. Und vierunddreißig auf Cardassia werden es sein, die den Namen Numa wieder mit Leben füllen." Rings um ihn herrschte Stille, keiner machte eine Bewegung, keiner sprach ein Wort. Dann rührte sich Dylas als erster. "Numa!" rief er mit kraftvoller Stimme. "Numa!" fiel Riardis ein. "Numa!" jubelte Aryshtin. "Numa!" stimmte Brispin begeistert zu. Und so rief jeder von ihnen seinen neuen Clannamen in die cardassianische Nacht, einer nach dem anderen. Als letzter von ihnen legte Tybrang sein Bekenntnis ab, und der Name Numa hatte wieder zu leben begonnen. Als nächstes trat Dylas an ihn heran. "Wohin wollen wir gehen?" fragte er geradeheraus, und Tybrang wurde sich erneut der Tatsache bewußt, daß sie ihr Hauptproblem noch immer nicht gelöst hatten. Sie waren ein Clan, aber nun galt es, einen sicheren Zufluchtsort zu finden, damit die junge Gemeinschaft überhaupt eine Chance bekam. "Dorthin, wo er uns nicht findet." erwiderte er entschlossen. "Wir brauchen ein eigenes Gebiet, weitab von ihren Siedlungen. Irgendwo auf diesem Planeten muß es doch eine Gegend geben, die frei von Cardassianern ist." Er hob den Kopf und sah angestrengt hinaus in den Regen. Das Gebirge jenseits der Stadt war mehr zu erahnen als zu erkennen, aber Tybrang wußte, daß das Massiv dort draußen war und mit seiner Nähe lockte. "Eines steht fest: Er hält mich für dumm." murmelte er. "Und darum wird er uns dort als erstes suchen. Wir werden ihm jedoch nicht den Gefallen tun, uns in die Berge zu flüchten, sondern uns vielmehr in eine andere Richtung wenden." Langsam suchte er mit den Augen den dunklen Horizont ab, in der Hoffnung, etwas zu sehen, das ihnen die Entscheidung erleichtern würde. Zunächst vermochte er nichts Außergewöhnliches zu erkennen, doch dann machte er eine sonderbare Beobachtung: Die niedrige Wolkendecke war nicht gleichmäßig dunkel, sondern es gab Aufhellungen, lichte Flecken, einige nah und gut zu sehen, andere schwach und weit entfernt. Es stand für ihn fest, daß es sich nicht um hindurchschimmernde Gestirne handelte, und einige Momente lang stellte ihn das schwache Leuchten vor ein Rätsel. Dann begriff er schlagartig, was er dort sah. "Städte!" stieß er hervor. "Es sind die Lichter von Städten. Ihre Leuchtkraft ist so groß, daß ihr Widerschein den Himmel färbt." "Sie sind überall!" hauchte Riardis. "Was sollen wir bloß tun?" Langsam drehte sich Tybrang um sich selbst, während seine scharfen Augen aufmerksam die Wolkendecke absuchten. Plötzlich hielt er an. "Nicht überall!" rief er aus. "Seht dort hinten! An dieser Stelle scheint mir der Himmel dunkel zu sein." Aryshtin trat neben ihn und schaute. "Du hast recht!" stimmte sie zu. "Wenn sie sich auch viel Mühe damit gemacht haben, uns zu umzingeln, so scheinen sie doch diese Seite vergessen zu haben. Vielleicht sollten wir gehen und überprüfen, was dahinter steckt." Eine gedämpfte Aufregung breitete sich unter den Rhazaghanern aus. Sie hatten nun ein konkretes Ziel, eine Richtung, der sie folgen konnten. Hoffnungsvoll wandten sie sich der dunklen Seite zu. Allein Tybrang drehte sich um, entfernte sich ein Stück von ihnen und blickte zurück auf die gewaltige Stadt. Einen Moment lang suchte er, bis er an ihrem Rand ein schwach erleuchtetes, ummauertes Gelände mit einigen Gebäuden entdeckte. Eines davon hatte eine auffällig flache und langgestreckte Form. "Disziplin und Selbstbeherrschung!" zischte er haßerfüllt. Dann wandte er sich ab und folgte seinen Artgenossen die Anhöhe hinunter.
"Es war mein Fehler!" seufzte Luratar. "Ich hätte das Ausmaß seiner Angst erkennen müssen." Langsam ließ er seinen Blick über die Stadt wandern, die sich vor ihm ausbreitete und die nach dem Ende des Regens einen geschäftigen und fast heiteren Eindruck vermittelte. Zwar war der Himmel nach wie vor bezogen, doch ein heller Fleck in der Nähe des Zenits ließ vermuten, daß sich die Sonne gegen Mittag bewegte. Jenseits der Stadt war wunderbar deutlich das gezackte Massiv der Erzschmiede zu erkennen. "Ich war unaufmerksam!" bekannte der Indiv noch einmal. "Der Verlust seines Hüllbildes war mit Sicherheit ein erschreckendes Erlebnis für ihn. Wahrscheinlich empfand er es als einen schweren Schlag, daß sein Körper vor sämtlichen Anwesenden entblößt worden war, und daher wäre es eigentlich notwendig gewesen, noch einmal mit ihm zu reden. Was er brauchte, war Zuspruch und Anerkennung, aber anstatt ihm direkt zu sagen, daß es keine weiteren Sondierungen geben würde, habe ich ihn seiner Furcht überlassen. Armer Tybrang, kein Wunder, daß er in der Nacht außer Kontrolle geriet!" Die noch immer fassungslose Obtanas schüttelte den Kopf. "Eigentlich ist es unglaublich! Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie das passieren konnte. So wie es aussieht, hatte er nicht die geringsten Schwierigkeiten, das Institut gemeinsam mit den anderen zu verlassen." Der Institutsleiter nickte nachsichtig. "Gewiß, oberflächlich betrachtet wirkt der ganze Vorgang mysteriös, aber natürlich gibt es ein paar ganz einfache Erklärungen. Wahrscheinlich befand sich Bralis bereits in der Kantine, als der erste Ausbruch erfolgte, was durch die Tatsache untermauert wird, daß er keinen Knall wahrnahm. Kurz darauf unternahm Tybrang den Versuch, das Gebäude zu verlassen, und ich bin mir fast sicher, daß er dabei von unserem Wächter aus dem Neubau gestört wurde. Auf der Suche nach einem Versteck flüchtete er ins Untergeschoß, und bei dieser Gelegenheit muß er auf die Schaltzentrale für die Energieversorgung gestoßen sein. Alles andere war nicht weiter schwierig; die Schalter für die elementaren Funktionen sind klar hervorgehoben. Dank seiner Intelligenz muß er sofort erkannt haben, was er da vor sich hatte." Die Dringam wandte sich von der Stadt ab und warf ihrem Vorgesetzten einen verstörten Blick zu. "Sicher, Indiv, soweit ist der Vorgang absolut durchsichtig, aber was ist mit den gesicherten Zellen? Wie konnte es angehen, daß er sich im Besitz der Schlüsselcodes befand? Ehrlich gesagt ist mir diese Sache ein vollkommenes Rätsel." Luratar nickte langsam. "Ja, es scheint zunächst unerklärlich, und ich muß gestehen, daß ich geraume Zeit darüber nachdenken mußte. Allerdings glaube ich mittlerweile die Antwort zu kennen. Eigentlich ist die Lösung sogar sehr einfach: Seine Nase hat ihm die Codeschlüssel verraten." Er machte eine Pause und gab seiner Untergebenen Gelegenheit, ihn mit großen Augen anzusehen, dann begann er zu lächeln und fuhr fort. "Benutzen Sie Ihren Kopf, Obtanas! Tybrangs Spezies besitzt in ihren Wandlungsformen Sinne, wie wir sie in dieser Schärfe nur bei Tieren kennen, das gilt insbesondere für den Geruchssinn. Sicherlich genügte es für ihn, sich den Sensorfeldern zu nähern und meine vertraute Witterung aufzunehmen. Alles weitere dürfte nicht sonderlich schwer gewesen sein." "Sie haben recht, Indiv!" rief die Cardassianerin bewundernd aus. "So muß es sich abgespielt haben. Demnach war also unser Sicherheitssystem für Rhazaghaner überhaupt nicht geeignet." "Ganz recht! Wir hatten von Anfang an einen Fehler im Konzept. Natürlich werden wir das ändern müssen, aber jetzt müssen wir erst einmal zusehen, wie wir ohne irgendwelches Aufsehen unsere Versuchsexemplare zurückbekommen." "Was ist mit unseren neuen Institutsgehilfen? Es ist zu befürchten, daß sie reden. Wenn dann durchsickert, daß uns vierunddreißig Rhazaghaner entkommen konnten und sich nun frei auf Cardassia bewegen..." "Machen Sie sich keine Sorgen!" antwortete der Indiv leicht abwesend. "Die Soldaten werden nichts verlautbaren lassen. Sie wissen genau, daß, sollte dieser Vorfall bekannt werden, ihr nächster Weg sie wieder zurück an die Front führen wird. Wir können sicher sein, daß sie dichthalten." Er drehte sich um und sah zum Fuß der Anhöhe, wo mehrere Institutsangehörige die Umgebung mit Scannern absuchten. Einer seiner Assistenten quälte sich gerade zwischen struppigem Gestrüpp den Hang hinauf. "Irgendwelche Hinweise?" rief ihm der Institutsleiter entgegen. "Leider nicht, Indiv!" keuchte der Mann. "Der heftige Regen heute nacht muß sämtliche Spuren weggewaschen haben, es ist nichts zu finden. Möglicherweise haben sie diese Stelle auch gar nicht passiert." "Oh doch!" erwiderte Luratar mit Nachdruck. "Ich bin sicher, daß er hiergewesen ist. Der Bepflanzung nach haben sie unser Gelände auf der nördlichen Seite verlassen, er muß die Anhöhe also bemerkt haben. Er besitzt ein starkes Verantwortungsgefühl, und er war zudem sehr verängstigt, weshalb er sich erst einmal ein Bild von seiner Umgebung machen wollte. Nun, genaugenommen spielt das alles gar keine Rolle, weil ich ohnehin weiß, wohin er sie geführt hat." Er wandte sich wieder der Stadt zu und richtete seine Augen zum Horizont, wo sich die Gipfel des cardassianischen Gebirges erhoben. Mit einer gelassenen Handbewegung wies er hinüber. "Da! Irgendwo dort drüben sind sie. Die Gegend erinnert ihn an sein Zuhause, und so hofft er, auf vertraute Lebensbedingungen zu stoßen. Er kann natürlich nicht ahnen, daß seine Bemühungen von vornherein zum Scheitern verurteilt sind." Seine beiden Mitarbeiter traten neben ihn und blickten in die angegebene Richtung. Einen Moment lang herrschte nachdenkliches Schweigen, dann begann Luratar wieder zu sprechen. "Sie sind an die Jagd auf Großwild angepaßt, und das ist etwas, was ihnen Cardassia schon seit Jahrtausenden nicht mehr bieten kann. Bald werden sie feststellen, daß es auf dieser Welt nicht viel Sinn hat, auf die Jagd zu gehen, ganz einfach weil da draußen kaum noch etwas existiert. Es wird eine herbe Enttäuschung für die Ärmsten werden!" Er überlegte kurz, um schließlich den Kopf seinem Assistenten zuzuwenden. "Besorgen Sie vier, fünf Gleiter und machen Sie sich mit Ihrer Abteilung auf die Suche. Ich rechne nicht damit, daß sie allzuweit gekommen sind, und so müßten wir sie spätestens in ein paar Tagen gefunden haben. Eine auffällige Vorgehensweise ist unter allen Umständen zu vermeiden, allerdings sollten wir uns darüber im Klaren sein, daß die Zeit drängt. Nur zu bald werden Hunger und Erschöpfung unseren Versuchspersonen so stark zusetzen, daß wir Verluste befürchten müssen. Aus diesem Grund können wir davon ausgehen, daß sie nach ihrer Entdeckung keine allzugroße Gegenwehr mehr leisten werden. Wenn die ganze Sache vorbei ist, werden sie sicherlich froh und dankbar sein, endlich wieder Nahrung zu erhalten."
Brispin warf einen interessierten Blick nach draußen. "Möchte mal wissen, was es hiermit auf sich hat. Dylas, was denkst du, was dies ist?" Der ältere Rhazaghaner öffnete ein Auge, dann zeigte er gähnend die spitzen Zähne. "Gebrauchtes und Gewesenes, darüber sind wir uns doch einig! Offen gestanden ist die Möglichkeit, endlich unbeobachtet zu schlafen, das einzige, was mich an diesem Ort interessiert. Ansonsten ist noch zu sagen, daß man wahrscheinlich das Material von dem Zeug wiederverwenden wollte, das ist alles!" "Ja, schon!" erwiderte Brispin beharrlich. "Aber warum haben sie das alles so stehenlassen?" "Ich kann nicht sagen, daß ich es begreife," brummte Dylas, der seine Augen bereits wieder geschlossen hatte, "aber sie haben es nun einmal getan, und damit sollten wir uns begnügen. Dies hier ist nicht unsere Angelegenheit, zum Glück, würde ich sagen. Tu mir einen Gefallen und schlaf, Brispin!" Ganz in der Nähe erhob sich Aryshtin, um sich ausgiebig zu schütteln und sich dann zu Matani umzusehen. "Schlaf wäre ja gut und schön, allerdings knurrt mein Magen gerade lautstark nach etwas, das nicht nach blutleerem zerkochten Brei schmeckt. Meine Nase gibt mir schon seit längerer Zeit zu verstehen, daß man sich die Umgebung noch einmal etwas gründlicher ansehen sollte. Wie sieht es aus, Matani, kommst du mit?" Die muskelbepackte Rhazaghani erhob sich auf der Stelle. "Wenn du jener Witterung nachgehen willst, die mich schon den ganzen Weg über verrückt gemacht hat, dann bin ich dabei. Ich habe bereits mehrere Male etwas in den Büschen gehört, und sogar einmal etwas gesehen. Laß uns gehen, Aryshtin!" Gleich darauf suchten sich die beiden ihren Weg durch das Gerümpel und begaben sich auf einen Streifzug. Die ganze Nacht hindurch hatten sich die vierunddreißig Rhazaghaner in Richtung des dunklen Himmels bewegt, in stetigem Trab und nach wie vor ausschließlich in der Krallenluum. Die Landschaft, die sie durchquerten, war leicht hügelig und größtenteils von einer rauhen Sorte Strauchwerk bewachsen, dem nur hin und wieder ein paar niedrige Bäume den Raum streitig machten. Als dann gegen Morgen der Regen nachließ, stellten sie bestürzt fest, daß sie sich direkt auf einige hohe Bauwerke zubewegten, die sich am Horizont vor dem heller werdenden Himmel abzeichneten. Allerdings wies nicht ein einziges Licht auf die Anwesenheit von Cardassianern hin, und so wagten sie es, sich vorsichtig gegen den Wind den Gebäudekomplexen zu nähern. Eine Überprüfung in der Zahnluum ergab dann, daß sich dort offenbar schon länger keine Cardassianer mehr aufgehalten hatten: Die Luftströmung trug in erster Linie den Geruch großer Mengen Metalls mit sich. Als sie die Bauwerke kurz darauf erreichten, begannen sie sofort mit einer groben Erkundung des Geländes. Ganz offensichtlich handelte es sich um eine industrielle Niederlassung, doch die Werkhallen, Förderbänder und Reduktionsanlagen, die sich zwischen Bergen von korrodierendem Metall erhoben, lagen verwaist und befanden sich in den Anfangsstadien der Auflösung. Die Gebäude zeigten Anzeichen von Verwitterung, primitive Flechten hatten sich auf den schattigeren Stellen niedergelassen und die Wege zwischen den Hallen und Unterständen waren zum Teil von einem pilzartigen Gewächs auseinandergesprengt worden. Auf dem weiten Platz, der sicherlich einmal den kleinen Luftfahrzeugen der Angestellten Parkraum geboten hatte, wuchs und gedieh niedriges Gestrüpp, und selbst auf den flachen Dächern der nach zwei Seiten offenen Schuppen hatten sich Pflanzen angesiedelt. Es gab keinen Zweifel, daß diese Anlage schon vor geraumer Zeit verlassen worden war. Tybrang, der es kaum noch fertigbrachte, sich auf den Beinen zu halten, machte den Vorschlag, die Unterstände für eine Ruhepause zu nutzen, um sich erst nach Einbruch der Dunkelheit wieder auf den Weg zu machen. Er hegte die starke Befürchtung, daß man sich mit Luftfahrzeugen auf die Suche nach ihnen machen würde und nun war er erleichtert, ein Versteck erreicht zu haben, welches dem ganzen Clan ausreichend Sichtschutz bot. Die anderen stimmten zufrieden zu, und so hatten es sich die Rhazaghaner bald zwischen Shuttle- und Gleiterfragmenten gemütlich gemacht. Die meisten von ihnen machten sich gar nicht erst die Mühe zu wechseln, sondern rollten sich an Ort und Stelle in der Krallenluum zusammen. Riardis dagegen hatte sich erleichtert in die Grundform zurückbegeben und genoß es, mit den Händen Druck gegen ihren dröhnenden Kopf ausüben zu können. Während sie sich gemeinsam mit den anderen durch die kühle Nachtluft bewegt hatte, waren ihre Beschwerden in den Hintergrund getreten und zwischenzeitlich sogar ganz verschwunden. Nun jedoch war der Kopfschmerz zurückgekehrt und erinnerte sie nachdrücklich an den Wissensdurst des Cardassianers. Als sie nach einer Weile aufsah, erblickte sie Tybrang, der in der Grundform an einer Shuttlewand lehnte. Er hatte die Augen geschlossen, und sein Gesicht trug den Ausdruck maßloser Erschöpfung. Leise erhob sie sich und stieg vorsichtig über ein paar schlafende Artgenossen hinüber. Gleich darauf hatte sie ihren einstmaligen Jagdführer erreicht, um dann lautlos vor ihm in die Hocke zu gehen. Verwundert betrachtete sie das lange, bernsteinfarbene Haar, das Tybrang in Wellen über die Schultern fiel, dann musterte sie besorgt sein Gesicht. Im nächsten Moment schlug der Rhazaghaner die Augen auf, als hätte er die Berührung ihres Blickes gespürt. "Riardis?" krächzte er heiser und richtete sich fast erschrocken auf. "Was gibt es denn?" "Es ist alles in Ordnung!" beschwichtigte sie ihn. "Mir war nur gerade aufgefallen, daß du einen sehr entkräfteten Eindruck machst. Kein anderer von uns befindet sich in einem derartigen Zustand. Was ist los mit dir? Machen dir die Nachwirkungen so sehr zu schaffen? Tybrang blickte schamerfüllt zur Seite. Einen Moment lang zögerte er, den hauptsächlichen Grund für seinen Zustand zu nennen, dann gab er auf. "Es ist meine Muskulatur." murmelte er. "Sie ist keine längeren Belastungen mehr gewöhnt." Riardis runzelte verwirrt die Stirn. "Das verstehe ich nicht! Gewiß, wir waren eine Jahreszeit lang eingesperrt, aber normalerweise..." Tybrang unterbrach sie mit einem Kopfschütteln. "Nein, das ist es nicht!" brachte er so leise heraus, daß sie ihm ein Ohr zuwenden mußte. "Es liegt in erster Linie daran, daß ich das Habitat vor unserem Aufbruch ein Jahr lang nicht verlassen hatte." Die Rhazaghani riß die Augen auf. "Ein ganzes Jahr?" flüsterte sie zurück. "Und ausschließlich im Habitat? Du meine Güte, wie...? Ich meine, ich hätte nicht geglaubt, daß eine solche Lebensweise möglich ist, ohne daß es zu schweren Verhaltensauffälligkeiten kommt..." Tybrang senkte den Kopf. "Es ist zu Verhaltensauffälligkeiten gekommen." erwiderte er kaum noch hörbar.
Unterdessen hatten Aryshtin und Matani die Schrottberge hinter sich gelassen und mit einem Sprung über die Geländeumzäunung gesetzt. Zufrieden gestimmt machten sie sich daran, das Strauchwerk zu durchstöbern. "Nicht, daß ich Luratar vermisse," bemerkte Matani schadenfroh, "aber sein Gesicht heute morgen wäre tatsächlich einmal von Interesse gewesen. Ich möchte wissen, was er gerade macht." "Das ist nicht schwer zu erraten." entgegnete Aryshtin. "Er ist dabei, seiner Assistentenschar Bewegung zu verschaffen. Ich wüßte keinen von ihnen, der nicht ganz wild darauf wäre, auf einen Wink von ihm aufzuspringen und sich in Trab zu setzen." "Ich weiß!" knurrte die schwangere Rhazaghani. "Ich habe mehrere Male versucht, ihn zu erwischen, aber ich kam einfach nicht an ihn heran. Jedesmal sprang einer seiner Leute dazwischen und hielt den Kopf für ihn hin." Aryshtin warf ihr über die Schulter einen Blick zu. "Ich nehme an, das waren dieselben, die man dann anschließend an unseren Zellen vorbeitransportierte." warf sie erheitert ein. "So ein Vorfall konnte meine Stimmung immer gleich für Tage heben. Dem einen von ihnen hattest du ganz hübsch zugesetzt, alles was recht ist." Matanis Fell sträubte sich. "Ich habe mich gefreut, als ich ihn in die Finger bekam. Der Ausdruck seines Gesichts, wenn er mich vor den Untersuchungen auf der Liege festband, gefiel mir nicht. Ich kann mich nicht genau erinnern, aber ich glaube, daß er neben Luratar vor unserer Zelle stand, als Trysnar und ich..." "Schau dir das an!" wurde sie schnell von Aryshtin unterbrochen. "Da vorn haben wir schon den ersten Beweis dafür, daß außer uns noch weiteres Leben in den Büschen existiert. Irgendein Geschöpf hat dort begonnen, seine Losung zu vergraben." Beide musterten die Stelle, die etwas versteckt unter ein paar Sträuchern lag. In der Tat lag dort in einer sandigen Mulde eine größere Anzahl glänzender schwarzer Kügelchen, die nur unvollständig verscharrt worden waren. "Ganz frisch!" stellte Matani erfreut fest. "Es muß noch hier in der Nähe sein. Wahrscheinlich ist es durch unsere Annäherung gestört worden. Was schätzt du, wie groß es ist, Aryshtin?" "Den Krallenspuren nach vermute ich es etwas kleiner als ein Kralip. Vielleicht legen sie ebenfalls Baue an, der Boden wäre geeignet dafür. Es ist aber auch denkbar, daß sie ihren Nachwuchs im Strauchwerk verstecken." Matani blickte zum Himmel und schnupperte nachdenklich. "Ja, schon möglich! Ich würde dies für Spätfrühling halten, also ist es nicht ausgeschlossen, daß wir auch Jungtiere zu sehen bekommen. Natürlich könnte auf dieser Welt auch alles ganz anders sein. Was meinst du? Ob es hier im Winter auch Schnee geben wird?" Aryshtin gab ein glucksendes Geräusch von sich. "Wer weiß! Es würde mich gar nicht wundern, wenn er hier aus dem Boden aufstiege oder sich als gelb oder blau herausstellte. Vielleicht wachsen die Eiszapfen wie Pilze, und die Wolken stürzen als gefrorene Klumpen zur Erde. Ich bin bereit, mich überraschen zu lassen." Matani warf ihr einen Blick zu, in dem sich Ärger und Belustigung mischten. "Du besitzt einfach keinen Ernst, Aryshtin!" "Da magst du recht haben! Als ich mich von meinem letzten Reifungspartner verabschiedete, meinte er, er hätte sich oft gefragt, was länger durchhielte: Unsere Verbindung oder sein Zwerchfell. Demzufolge bin ich überaus froh, ihn in heilem Zustand zurückgelassen zu haben." Ohne sich abgesprochen zu haben, nahmen nun beide die Spur des unbekannten Geschöpfes auf und machten sich lautlos an seine Verfolgung. Geduckt bewegten sie sich durch das Strauchwerk, während die fremde Witterung eine lockende Intensität gewann. Ältere Spuren zogen sich kreuz und quer durch die Büsche, und mehrmals verrieten ihnen ihre Nasen weitere Plätze, an denen Kot abgesetzt und vergraben worden war. Die fremde Kreatur schien sich vor allem durch Häufigkeit auszuzeichnen. Kurz darauf hielt Aryshtin abrupt an und preßte sich an den Boden, worauf Matani augenblicklich ihrem Beispiel folgte. Nur ein kleines Stück entfernt hockte ein Tier auf einem flachen Felsstück und putzte eifrig das dürftige graue Haar, das seinen Körper bedeckte. Es besaß in etwa die Länge eines Unterarmes, den langen knorpeligen Schwanz nicht mitgerechnet, und zeichnete sich alles in allem durch abstoßende Häßlichkeit aus. Obwohl der rundliche Unterleib der Kreatur keineswegs den Eindruck von Futtermangel vermittelte, stachen unter dem dünnen Fell eine große Anzahl von spitzen Wirbeln und Rippen hervor. Die vier Beine waren kurz und dünn und endeten in jeweils vier bemerkenswert scharfen Krallen, während der dreieckige Kopf mit den schlitzartigen Augen in eine spitze, faltige Nase auslief. Die beiden Rhazaghanis betrachteten es entzückt. "Da ist es!" hauchte Matani. "Erstaunlich, wie unbesorgt es wirkt. Wie gehen wir am besten vor? Soll ich einen Scheinangriff starten, während du die Veränderung beobachtest?" Aryshtin hatte Mühe, nicht laut loszulachen. "Du meine Güte, wozu?" wisperte sie zurück. "Hast du es noch nicht bemerkt? Schau hin, es ist eindeutig ein Säuger!" Aryshtin biß sich vor Vergnügen in die Pfote. "Wir sind auf Cardassia, schon vergessen? Die Säuger hier besitzen keine Wechselfähigkeit. Das Kerlchen da vorne ist das, was es scheint, nicht mehr!" "Bist du sicher?" fragte Matani mißtrauisch. "Natürlich, oder hast du Luratar schon einmal wechseln sehen? Zugegeben, ich hätte da die eine oder andere passende Gestalt im Sinn..." "Schon gut, du hast mich überzeugt! ... Du oder ich?" "Nach dir, Matani!" antwortete Aryshtin großzügig.
Tybrang hatte sein Geständnis beendet. Nun seufzte er. "Bei näherer Betrachtung komme ich zu dem Schluß, daß Tarkin seine Position keineswegs auf die leichte Schulter nahm. Er tat mit Sicherheit, was er konnte, und dabei hatte er noch zusätzlich meine Anfeindungen auszuhalten. Genaugenommen ist es ein Wunder, daß er mich nicht packte und kurzerhand aus dem Habitat warf." "Es steckt tatsächlich eine ganz besondere Geduld in ihm." bemerkte Riardis, die ihm zugehört hatte. Tybrang blickte zweifelnd auf. "Tarkin? Entschuldige Riardis, aber so hat ihn eigentlich noch niemand beschrieben. Gewiß, ich habe mittlerweile begriffen, daß ich ihn falsch beurteilt habe, allerdings kann man wohl nicht abstreiten, daß sich sein Charakter durch ungewöhnliche Lebhaftigkeit auszeichnet. Bist du ganz sicher, daß wir von ein- und derselben Person reden?" "Ich weiß natürlich, worauf du anspielst." räumte Riardis ein. "Allerdings hatte ich es anders gemeint. Ich habe einmal Mongaris sagen hören, daß Tarkins Geduld in einem ganz bestimmten Bereich ihresgleichen sucht: Er bringt es einfach nicht fertig, jemanden aufzugeben. Kaum einer entwickelt eine derartige Ausdauer, wenn es um das Leben und Wohlergehen von Personen geht, er setzt seine Bemühungen noch fort, wenn andere längst kapituliert haben. Das ist eine jener Eigenschaften, die einen wirklich guten Clanführer ausmachen, Tybrang!" Der Rhazaghaner sah traurig vor sich hin. "Doch!" gab er dann zu. "Du hast recht, das ist Tarkin! Er erträgt es nicht, jemanden zu verlieren, egal um wen es sich handelt. Die Nachricht von der Zerstörung der Station muß ein fürchterlicher Schlag für ihn gewesen sein." Riardis nickte langsam und tastete behutsam nach ihrer Schläfe. "Eines Tages wird er es überwunden haben. Vor allem aber kannst du sicher sein, daß er immer auf seinen Clan achten wird. Den Vari wird es gutgehen, Tybrang!" Tybrang betrachtete sie nachdenklich. Es dauerte einen kleinen Augenblick, bis er die Bedeutung des Gesehenen begriff, dann durchfuhr es ihn wie ein Schlag. "Warum tust du das?" fragte er entsetzt, obwohl er längst die Antwort kannte. Rasch ließ sie die Hand sinken. "Was meinst du?" "Dein Kopf! Was ist mit deinem Kopf, Riardis?" Sie seufzte. "Luratar erklärte mir überaus liebenswürdig, daß sie ein weibliches Exemplar zum Vergleich benötigten, bevor sie begannen. Die Sondierungen des Murandrals waren in erster Linie lästig, aber als sie sich auf den Kopf verlegten, wurde es schlimm. Zum Ausgleich habe ich mich bemüht, ihnen ihre Forschungsarbeit so sauer wie möglich zu machen, allerdings mit nur sehr geringem Erfolg, wie ich zugeben muß. Leider besitze ich nicht Aryshtins Einfallsreichtum, was den Umgang mit der Grundform angeht." Tybrang blickte sie in stummer Verzweiflung an. Vielleicht würden sie es schaffen, einen sicheren Ort zu erreichen, doch egal wie weit sie kamen, die Erinnerung an seinen sträflichen Leichtsinn würde ihn immer wieder einholen. Niemals würde er vergessen können, wie schuldig er sich an den anderen gemacht hatte. Er suchte noch nach Worten, überlegte, wie es möglich wäre, Riardis um Vergebung zu bitten, als unvermittelt Aryshtins ockerfarbene Gestalt vor ihnen auftauchte. Sie öffnete die Kiefer und ließ ein graues Etwas vor Riardis' Füße fallen. "Die Verpflegung!" verkündete sie fröhlich. "Laß es dir schmecken, Riardis, dein Appetit ließ in der letzten Zeit etwas zu wünschen übrig. Tybrangs Mahlzeit müßte übrigens auch gleich hier sein." Die Angesprochene hob die Kreatur, der sauber das Genick gebrochen worden war, in die Höhe und drehte sie erfreut hin und her. "Danke, Aryshtin! Das sieht recht brauchbar aus. Wo hast du es erlegt?" "In der Nähe des Zauns! Zugegeben, jagdtechnisch sind sie keine Herausforderung, aber sie helfen einem, über die cardassianischen Kochkünste hinweg zu kommen. Wenn man sich erst einmal auf die Suche macht, findet man ganze Massen davon. Bisher konnten wir keine Spur ihrer eigentlichen Freßfeinde ausmachen, wahrscheinlich sind sie deshalb so unvorsichtig. Matani hat sogar zwei erwischt, die gerade damit beschäftigt waren, sich gegenseitig umzubringen." "Seltsam! Aber zumindest sind wir versorgt, das ist die Hauptsache. Soll ich dir helfen?" "Später! Sieh erst einmal zu, daß du etwas in den Magen bekommst, deine Gesichtsfarbe gefällt mir gar nicht. Ich werde in der Zwischenzeit gehen und noch ein paar weitere von diesen Strauchlingen besorgen." Wenig später traf Matani mit Tybrangs Mahlzeit ein, worauf sich die beiden Rhazaghaner direkt an die Essensvorbereitungen machten. Tybrang schlug seine scharfen Eckzähne in das Geschöpf und riß mit einer Leichtigkeit, wie sie nur lebenslange Übung vermittelt, den Balg auf. Dann schälte er rasch und geschickt die Haut von dem rosigen Körper. Als er daraufhin mit seiner Mahlzeit begann, stellte er mit einer gewissen Überraschung fest, wie sehr ihm diese Form der Nahrung gefehlt hatte. Hier handelte es sich nicht um eine undefinierbare Masse, geschmacklich verfärbt und versteckt unter seltsam riechenden Soßen, sondern er wußte, was er in Händen hielt. Als er zu kauen begann, genoß er die Frische seiner Mahlzeit, den wunderbaren Geschmack nach Eisen und nicht zuletzt die Tatsache, daß seine Zähne endlich wieder etwas zu tun bekamen.
Sofort nach seiner Rematerialisierung legte Tarkin den Kopf in den Nacken und blickte hinauf zur Hangardecke, wo Schatten und winzige Lichter die Konturen seines Schiffes erahnen ließen. Angestrengt suchten seine Augen den Rumpf ab, doch in der Schwärze dort oben waren keinerlei Brandspuren auszumachen. Allerdings änderte das nichts an der Wahrheit; Tarkin wußte, daß sie da waren. Wenig später wies ein weit entfernter Heulton darauf hin, daß man damit begonnen hatte, die Gerüste auszufahren. Stück für Stück würden sie nun von der Decke herabgleiten, sich wie Krallen um die Narhamak schließen, um für unbestimmte Zeit einen stählernen Käfig zu bilden. Zum Schluß würden zahlreiche Scheinwerfer rings um sein Schiff aufflammen und seine Wunden den kritischen Blicken der Techniker preisgeben. Tarkin hatte seine Augen noch immer nach oben gerichtet, als ihn das Geräusch von hallenden Tritten darauf aufmerksam machte, daß sich jemand im Laufschritt näherte. Als er sich umwandte, erkannte er im gleißenden Licht der Wegbeleuchtung Nirrits Gefährten, der ihn schon fast erreicht hatte. "Wie schlimm ist es?" erkundigte sich der Ingenieur, als er bei ihm angelangt war. Der Rhazaghaner seufzte. "Hüllenbrüche auf Deck fünf, sechs, neun und elf. Ausfall der Trägheitsdämpfung auf Deck vier, fünf und sechs. Knapp ein Viertel der Deflektorgeneratoren sind ausgefallen, ein Drittel in ihrer Funktion beeinträchtigt. Diverse Schäden an Sensorenphalanx, interner Kommunikation und Recyclingsystemen." Rilkar pfiff durch die Zähne. "Sieht so aus, als hättet ihr gewaltig Prügel bezogen." "Das ist noch milde ausgedrückt; sie kamen von allen Seiten. Immerhin gelang es uns, eine Lücke in ihre Angriffsformation zu schießen, alles andere haben wir deinem Warpantrieb zu verdanken. Noch am selben Tag erfuhren wir, daß wir einen verdeckten cardassianischen Stützpunkt passiert haben mußten, den die Sternenflotte in diesem Sektor vermutet hatte. Wie man uns versicherte, ist man uns dort für unseren Hinweis außerordentlich dankbar." Der Ingenieur lachte trocken auf. "Tröstlich, das zu wissen!" Er zögerte einen Moment. "Und das andere?" fragte er dann leise. Tarkin sah ihn an, dann schüttelte er resigniert den Kopf. "Nichts! Das Trümmerfeld hat sich mittlerweile auf ein riesiges Gebiet ausgedehnt, und es ist fast unmöglich, Genaueres auszumachen. Das einzige organische Material, das wir in der ganzen Zeit entdecken konnten, stammte wohl aus den Replikatorsystemen der Station. Vielleicht war es auch ein Fehler gewesen, nicht sofort aufzubrechen." Rilkar nickte nachdenklich. "Die Chancen bei einer solchen Suche sind natürlich außerordentlich gering." bemerkte er behutsam. Der Rhazaghaner senkte den Blick. "Es gab genügend warnende Stimmen, aber ich wollte es einfach nicht wahrhaben." gestand er schließlich bedrückt. "Irgendwie hatte ich mich an die Hoffnung geklammert, daß es noch ein paar Überreste von ihnen da draußen geben würde, irgendetwas, das man zurückbringen und auf der heimatlichen Habitatsspitze dem Feuer übergeben könnte. Natürlich war es ein völlig abwegiger Gedanke; ihre Körper wurden mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit noch während des Kampfes desintegriert. Mein Scheitern stand also von vornherein fest, doch was tue ich? Ich weigere mich, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen und führe mein Schiff und meine Leute in ein Kriegsgebiet! Ich setze ihre Leben aufs Spiel, obwohl es niemals irgendwelche Aussichten gab, Leben zu retten. Ich hatte kein Recht dazu, Rilkar!" Der Ingenieur betrachtete ihn mitfühlend. "Du hast es wenigstens versucht!" Tarkin sah kurz auf. "Ja, das habe ich!" seufzte er. "Ich konnte einfach nicht anders, und dennoch wüßte ich nicht, wo Trost in diesem vergeblichen Versuch zu finden wäre. Ich kann nur froh sein, daß mir Verluste erspart geblieben sind. Die Folgen meines Starrsinns hatte dieses Mal allein Narhamak zu tragen." Er senkte niedergeschlagen den Blick und wollte sich abwenden, doch die Stimme des Ingenieurs hielt ihn noch einmal zurück. "Tarkin!" Rilkar lächelte ein wenig. "Es ist gut, daß du wieder zurück bist. Willkommen im Habitat, Tarkin!"
Die allererste Zeit nach ihrem Ausbruch wurde hart für Tybrang. Nacht für Nacht quälte er sich an der Seite seiner Artgenossen weiter, verzweifelt bemüht, mit ihnen Schritt zu halten. Es galt, soviel Strecke wie möglich zwischen den Clan und Luratar zu bringen, und auf keinen Fall wollte er, daß man Rücksicht auf ihn nahm, indem man das Tempo reduzierte. Sie waren auf der Suche nach einem sicheren Ort, einem Ort ohne Cardassianer, und dieser Gedanke trieb ihn vorwärts. Nach wie vor bewegten sie sich in die Richtung des dunklen Himmels. Häufig überquerten sie einsame Verkehrswege oder passierten die Überreste verlassener Gebäude, doch sie mieden konsequent beleuchtete Gebiete, wie sie auch jeglicher cardassianischer Witterung aus dem Weg gingen. Der anhaltende Regen begünstigte ihre Flucht; sanft und gleichmäßig fiel er vom Himmel, versorgte sie mit Wasser und löschte hinter ihnen ihre Spuren aus. Mochte er diese Welt auch in ein düsteres Licht tauchen, den Numa erschien er freundlich und wohlgesonnen. In dem monotonen Buschland, das sie durchquerten, erwies sich die Nahrungsbeschaffung als unproblematisch. Die struppige Vegetation beherbergte Unmengen von Strauchlingen, die Wurzeln und Knospen beknabberten, sich in ihren Erdmulden paarten, dort Junge warfen und ihren Nachwuchs gegenüber kannibalischen Artgenossen verteidigten. Die einzigen Geschöpfe, die diesen Lebensraum mit ihnen teilten, waren ein paar flugfähige Insekten, außerdem eine stattliche Raubkäferart, die jenen im Sand auflauerte. Doch nirgendwo zeigte sich ein Geschöpf, das bereit oder in der Lage gewesen wäre, den Numa ihr augenblickliches Beutetier streitig zu machen. Nach einigen Tagen stellte Tybrang fest, daß seine Muskulatur begann, sich auf seine neue Lebensweise einzustellen. Die tiefe Erschöpfung, die zunächst sein ständiger Begleiter gewesen war, wich allmählich von ihm, bis er sie schließlich endgültig hinter sich zurückließ. Wenn das Licht zu schwinden begann, erhob er sich frisch und ausgeruht, begierig, mit den anderen ein weiteres Stück Wegs zurückzulegen. Das Durchhalten bereitete ihm nun keine Schwierigkeiten mehr. Anstatt sich wie zu Anfang elend und müde voran zu schleppen, trabte er leicht und federnd neben Dylas und Aryshtin vorwärts. Jeder Schritt brachte sie weiter fort, fort von dem Schrecken namens Luratar, und Tybrang wäre am liebsten ohne Pause immer weiter gelaufen, hätten sie ihre Flucht nicht bei Anbruch jeder Morgendämmerung unterbrechen müssen. Zeigten sich die ersten hellen Streifen am Himmel, wurde Tybrang stets von Unruhe gepackt und er entspannte sich erst, wenn sie ein einigermaßen brauchbares Versteck gefunden hatten. Hin und wieder stießen sie auf ein paar Ruinen, einmal verbargen sie sich in den Resten eines abgestürzten Gleiters, doch die meiste Zeit über mußten sie sich mit hinreichend dicht wachsendem Buschwerk begnügen. Hatten sie einen solchen Rastplatz erreicht, machte sich ein Jagdtrupp an die Versorgung der anderen, eine Aufgabe, an der sich Tybrang gewissenhaft beteiligte. Er gehörte wieder zu seinen Leuten, war Teil eines Ganzen, und er war fest entschlossen, seinen Beitrag für das Wohlergehen der Gemeinschaft zu leisten. Eifrig witternd durchsuchte er das Unterholz, und er war niemals zufrieden, bevor er nicht eine Jagdstrecke von acht bis zehn Strauchlingen vorzuweisen hatte. Der Clan mußte ernährt werden, und die Beschaffung der lebensnotwendigen Beute erfüllte ihn mit Zufriedenheit. Es gab jedoch noch einen weiteren Grund, weshalb der Rhazaghaner davor zurückschreckte, seinen Körper zur Ruhe kommen zu lassen. Regelmäßig, wenn Tybrang sich zwischen seinen Kameraden ausstreckte, fing sein Schädel an zu pochen, und er brauchte nicht zu Riardis hinüberzusehen, um zu wissen, daß es ihr ebenso ging. Unbarmherzig suchte ihn dann die Erinnerung an das Gewesene heim, an seine Einfalt, seine Gefügigkeit und den schändlichen Leichtsinn, dessen er sich schuldig gemacht hatte. In diesen Momenten blieb ihm nichts weiter übrig, als schamerfüllt mit den Zähnen zu knirschen und die Fäuste gegen die Schläfen zu pressen. Erst im Laufe des Vormittags zog wieder Frieden in seine Schädelwände ein und ließ ihn in einen gnädigen Schlaf sinken.
Sie waren bereits seit vierundzwanzig Nächten unterwegs, als sie auf den ersten größeren Fluß stießen. Sie hatten auf ihrer Flucht bereits mehrere unauffällige Rinnsale durchquert, deren Entstehung sie dem feuchten Wetter zuschrieben, doch der breite Wasserlauf, der nun ihren Weg kreuzte, hatte sich bereits von weitem durch einen durchdringenden Geruch bemerkbar gemacht. Die Numa versammelten sich oberhalb des Ufers und blickten auf das langsam strömende Wasser, dessen gekräuselte Oberfläche das erste aufsteigende Licht reflektierte. Dylas legte irritiert die Ohren an. "Eine seltsame Witterung für einen Fluß." bemerkte er unbehaglich. "Schwefelwasserstoff!" stellte einer der Numa fest. "Es gibt eine Schwefelquelle im Sirk-Gebiet, von der die Habitatsärzte eine Menge halten, allerdings ist ihr Geruch nicht im entferntesten so penetrant. Aber wer weiß schon, wo dieser Fluß da entspringt." "Geruch oder nicht, wir müssen hinüber." entschied Dylas. "Bald geht die Sonne auf, und auf dieser Seite gibt es kein wirklich gutes Versteck. Ich schätze, es wird das Beste sein, wenn wir in kleinen Gruppen nach drüben schwimmen." Sogleich begann er vorsichtig den dunklen Hang hinunterzuklettern, gefolgt von Aryshtin und Tybrang, der unruhig witternd um sich blickte. Dieses widerlich riechende träge Gewässer gefiel ihm ganz und gar nicht, aber Dylas hatte recht; es blieb ihnen nicht mehr viel Zeit, um sich nach einem guten Unterschlupf umzusehen. Voller Mißfallen näherte er sich dem Ufer, das statt von einem Pflanzengürtel lediglich von einem breiten Schlickstreifen gesäumt wurde. Gleich beim ersten Schritt sank seine Pranke tief ein, um beim Herausziehen ein saugendes Geräusch zu verursachen. Noch bevor Tybrang das Wasser erreicht hatte, waren seine Beine zur Hälfte im Schlamm versunken. Der Rhazaghaner hielt an und sah zu den anderen hinüber, die ihr Glück ein kleines Stück weiter flußauf versuchten. Offenbar hatten sie mit weniger Schwierigkeiten zu kämpfen, denn Dylas und Aryshtin hatten bereits zu schwimmen begonnen, während sich Matani tastend dem Wasser näherte. Tybrang setzte sich wieder in Bewegung. Gleich darauf stieg auch er in den Fluß, worauf sich ein paar Gasblasen vom Grunde lösten. Angeekelt hielt der Rhazaghaner den Atem an. Aus dieser Nähe war der Gestank kaum noch zu ertragen. Mit angelegten Ohren paddelte er voran, während er immer wieder spürte, wie weiche Dinge seine Flanken streiften, sich für kurze Momente um seine Beine legten, um dann von der Strömung davongetrieben zu werden. Tybrang vermutete, daß es sich um Streifen losgerissenen Tangs handelte, doch in der momentanen Situation war es unmöglich, diese Annahme zu überprüfen. Zumindest behinderten ihn die treibenden Objekte nicht, und so kämpfte er mühsam seinen Widerwillen nieder, um sich weiter auf seine Schwimmbewegungen zu konzentrieren. Nur wenig später stieg er unweit von Dylas aus dem Wasser und drehte sich um, damit er seine nachfolgenden Kameraden beobachten konnte. Im heller werdenden Licht vermochte er die Schwimmenden leicht auf der grauen Wasserfläche auszumachen, während die noch im Schatten des jenseitigen Ufers Wartenden schwerer zu erkennen waren. Erleichtert verfolgte er, wie einer nach dem anderen unversehrt dem Fluß entstieg und den Schlickstreifen durchquerte. Manche schüttelten dabei unwillig die Pranken, um schwarze längliche Fladen loszuwerden, bei denen es sich in der Tat um verrottenden Tang zu handeln schien. Es wunderte Tybrang nur, daß es so große Mengen waren, die den Fluß hinabtrieben. Erst als Riardis in der Nähe anhielt und sich kräftig schüttelte, wurde ihm bewußt, daß auch er noch vor Nässe triefte, und so folgte er ihrem Beispiel. Allerdings war es ihm nicht möglich, den übelriechenden Schlamm vollkommen zu entfernen; wenn sich keine saubere Wasserstelle fand, würde ihnen nichts anderes übrigbleiben, als auf den nächsten kräftigen Regenguß zu warten. Riardis, deren Gestalt sich vor dem immer heller werdenden Himmel abhob, wandte sich um und blickte nachdenklich auf das Wasser. "Ein seltsames Zeug, was da im Fluß treibt." bemerkte sie. "Was glaubst du, woher es kommt, Tybrang?" "Ich habe nicht die geringste Vorstellung." gestand er. "Ich kann dir nur sagen, daß es flußaufwärts viel davon geben muß, während hier unten noch nicht einmal Uferpflanzen wachsen. Ehrlich gesagt kann ich mir nur schwer vorstellen, daß in diesem Gewässer überhaupt etwas gedeihen kann." "Vielleicht sind es keine Wassergewächse." vermutete Riardis. "Kann sein, daß diese Blätter weiter oben auf irgendeine Art und Weise in den Fluß geraten." "Möglich!" erwiderte Tybrang voller Unbehagen. "Aber eigentlich möchte ich dieser Stelle nur so schnell wie möglich den Rücken kehren. Das sind jetzt die letzten da vorn. Komm, laß uns zu Dylas gehen!" Gleich darauf gesellten sie sich zu den anderen, die sich um den älteren Rhazaghaner geschart hatten. "Sind nun alle da?" erkundigte sich dieser. "Dann schlage ich vor, daß wir uns ein hinreichendes Stück von diesem stinkenden Etwas entfernen und uns auf die Suche nach einem Schlafplatz machen. Der Tag ist nicht mehr allzu fern." Die Numa wandten sich vom Wasser ab und nahmen ihren Marsch wieder auf, allein Brispin, der sich bei den Letzten befand, verharrte und spitzte die Ohren. Er war sicher, von Fluß her ein Geräusch gehört zu haben. Im nächsten Augenblick vernahm er es wieder. Ein glitschiger Laut, wie von etwas, das im Schlamm glitt und zappelte. Neugierig geworden kehrte der Rhazaghaner um und trabte zurück Richtung Ufer, um den Fluß noch einmal in näheren Augenschein zu nehmen. Dylas, der sich noch einmal prüfend umgesehen hatte, sah verwundert, wie sich ein Schatten von der Gruppe entfernte. "Brispin!" rief er ihm verwundert nach. "Was ist los, warum gehst du zurück?" "Ich komme gleich nach!" rief dieser über die Schulter zurück. "Ich wollte nur etwas überprüfen." "Etwas überprüfen? Ausgerechnet jetzt? Du siehst doch, daß es bald hell wird!" "Keine Angst, Dylas!" erwiderte Brispin lachend. "Ich hatte nicht vor, lange wegzubleiben, ich werde nur nachsehen, ob es nicht Fische dort drüben gibt." Während Dylas ihm verdutzt nachsah, trabte Brispin ein kleines Stück flußaufwärts, dem feinen Geräusch entgegen. Etwas weiter vorn, wo der Fluß hinter einer Biegung verschwand, fiel die Uferkante beinahe senkrecht zu einer schlammigen Landzunge ab. An ihren Rändern türmten sich ganze Haufen verrottenden Pflanzenmaterials, und dort, im Dämmerlicht, bewegte sich etwas: Schlangengleiche glänzende Leiber glitten im Schlick hin und her, drängten, krümmten und balgten sich zwischen der überreichlich vorhandenen Nahrung. Brispin konnte kaum fassen, wie viele es waren. Tybrang sah, wie sich Brispin von ihnen entfernte, und eine übermächtige Unruhe stieg in ihm auf. Bisher war alles so gut abgelaufen, zu gut, wie es schien. Sie hatten genügend Nahrung gefunden, waren nicht ein einziges Mal auf Cardassianer gestoßen, keiner war erkrankt oder verletzt worden. Sie hatten dieses unheimliche Gewässer glücklich überqueren können, und nun drehte einer von ihnen um, um noch einmal dorthin zurückzukehren. Immer weiter trabte Brispin von ihnen fort, und Tybrangs Unruhe verwandelte sich in eine irrationale Angst. "He, Brispin, stinkst du dir noch nicht genug?" rief Aryshtin hinter dem Davonstrebenden her. "Er hört nicht!" stieß Tybrang hervor. "Bleibt hier, ich gehe ihn holen." Er startete und fiel sogleich in eine schnelle Gangart, die es ihm erlaubte, rasch zu Brispin aufzuschließen. Bald hatte er ihn erreicht und blieb neben ihm stehen. "Was soll das?" fragte er zornig. "Wir sind auf der Suche nach einem Unterschlupf, hast du das vergessen?" Brispin sah flüchtig über die Schulter, dann fuhr er fort, nach unten zu starren. "Schau!" flüsterte er begeistert. "So viele auf einmal! Was schätzt du? Ob es sich um Fische oder etwas anderes handelt?" Tybrang blickte hinunter zur Schlickbank, um sich dann wieder Brispin zuzuwenden. "Laß es von mir aus Würmer sein!" knurrte er mürrisch. "Sie sind dort unten und wir hier oben. Komm wieder mit zurück zu Dylas und den anderen!" "Geh ruhig!" erwiderte Brispin und setzte sich wieder längs des Uferrandes in Bewegung. "Ich werde inzwischen sehen, ob ich ein paar davon erwischen kann, dann komme ich nach. Ihr könnt euch ja schon einmal die Umgebung ansehen." Tybrang warf einen panischen Blick auf den Schlamm, der weiter unten in der Dämmerung glänzte, dann überholte er Brispin mit ein paar Sprüngen und verstellte ihm den Weg. "Nein!" sagte er scharf. "Du gehst nicht dort hinunter, es wäre zu gefährlich. Wir kehren zusammen um, sagte ich!" Brispin lachte. "Komm schon, Tybrang! Nun sag mir bloß nicht, daß du keine Abwechslung bei der Jagd zu schätzen wüßtest. Wir haben genug Strauchlinge gesammelt, jetzt wird es langsam Zeit für etwas Neues." "Verdammt, Brispin!" schnappte Tybrang. "Hast du denn keine Augen im Kopf? Das Zeug da unten ist alles andere als fester Boden, der Fluß hat es angeschwemmt. Du wirst unweigerlich im Schlick versinken, und jedem, der versucht, dich dort herauszuholen, wird das gleiche passieren. Es ist überhaupt nicht möglich, diese Geschöpfe dort zu erreichen." "Laß das nur meine Sorge sein, es ist nicht das erste Mal, daß ich auf Fischfang gehe. Im übrigen habe ich die Schwinge letztes Jahr beendet, du kannst also aufhören, den Lehrer zu spielen. Von mir aus bleib hier oben, ich bin gleich wieder da." Er wandte sich ab, als er auch schon Tybrangs zischende Stimme hinter sich vernahm. "Ich gebe dir jetzt den guten Rat, mit mir zurückzukehren, Brispin! Solltest du nämlich auch nur den Versuch unternehmen, dort hinunter zu gehen, werde ich dich am Kragen packen und zu den anderen zurückschaffen." Brispin blickte sich erstaunt um. "Was, du, Tybrang?" war seine ganze Erwiderung. Dann strebte er unbesorgt direkt auf die Uferkante zu. Im nächsten Augenblick fühlte er sich energisch am Nackenfell gepackt und verlor den Boden unter den Vorderpranken. Wie ein Halbwüchsiger wurde er vom Uferrand fortgeschleift, doch Brispin war so verdattert, daß er sich nicht einmal zur Wehr setzte. Erst als sie sich ein bedeutendes Stück vom Fluß entfernt hatten, senkte Tybrang den Kopf so weit ab, daß der jüngere Rhazaghaner wieder laufen konnte, ohne jedoch den festen Griff an dessen Nacken zu lockern. Aryshtin sah sie kommen und brach in schallendes Gelächter aus. "Ein guter Fang, Tybrang!" rief sie ihnen entgegen. "Aber wie wollen wir ihn aufteilen? Brispin ist zu dünn, wir werden wohl kaum alle von ihm satt werden." Kurz darauf langten die beiden bei den Wartenden an, worauf Tybrang Brispin freigab. Er sah dem Jüngeren in die Augen. "Wir gehen!" sagte er fest. "Jetzt!" "Ja, Tybrang!" erwiderte Brispin.
Den Tag verbrachten sie notdürftig versteckt unter lichtem Strauchwerk, und sie waren überaus erleichtert, sich im Schutz der darauffolgenden Dämmerung wieder auf den Weg machen zu können. Zu Beginn ihrer Flucht waren die Numa dankbar für jegliche natürliche Umgebung gewesen, mittlerweile jedoch ging diese monotone Buschlandschaft jedem von ihnen auf die Nerven. Hier gab es nur wenig Deckung, nichts, was einem Clan wirklichen Schutz geboten hätte. Das Nahrungsangebot war zwar reichlich, doch unsagbar eintönig, und so sehnten sie immer verzweifelter ein Ende dieser Welt aus Sträuchern und Strauchlingen herbei. Zwei Nächte waren seit ihrer Flußüberquerung vergangen, als es völlig unvermittelt zu einer Veränderung kam: Der vormals eher sandige Untergrund machte einem aus lockerem Geröll bestehenden Boden Platz, der sich zu sonderbar dünenähnlichen Erhebungen auftürmte. Irritiert stellten die Rhazaghaner fest, daß das allgegenwärtige Strauchwerk zwar auch hier Fuß gefaßt hatte, jedoch nur als kümmerliche Zwergform existierte, die beim besten Willen nicht mehr als Versteck genutzt werden konnte. Während sie sich ihren Weg durch die nächtliche Hügellandschaft suchten, wurde Tybrang von sorgenvollen Gedanken befallen. Wenn die Morgendämmerung sie in dieser kargen Umgebung überraschte, würden sie Blicken von oben schutzlos ausgeliefert sein. Außerdem bezweifelte er stark, daß der plötzliche Wechsel der Bodenbeschaffenheit auf natürliche Ursachen zurückzuführen war, eine Überlegung, die ihn außerordentlich beunruhigte. Nicht zum ersten Mal kam ihm zu Bewußtsein, daß er es versäumt hatte, sich bei Nirrits Gefährten nach dessen Heimat zu erkundigen. Wohl hatte Tarkin häufig mit dem Romulaner und dem Ingenieur zusammengesessen und sie über die Lebensweise ihrer Völker ausgefragt, eine Neugier, die Tybrang als überflüssig erachtet hatte. Damals hatte er die Ansicht vertreten, daß Zeit und Interesse eines Clanführers zu kostbar waren, um an exotische Welten verschwendet zu werden. Nun jedoch erwachte in Tybrang der Wunsch, er möge sich der kleinen Runde hinzugesellt und gemeinsam mit Tarkin den Schilderungen der beiden Außenweltler gelauscht haben. Die ganze Nacht wanderten sie durch das magere Gestrüpp der Geröllberge, ohne Hinweise auf eine abermalige Veränderung. Lediglich die Größe der Hügelketten schien immer mehr anzusteigen, je weiter sie kamen. Langten sie am Fuße eines gerade überkletterten Höhenzuges an, ging es den nächsten um so höher hinauf, nur um dahinter einer weiteren Anhöhe Platz zu machen. Dann endlich, mit dem ersten Morgenlicht, erklommen sie die letzte, die höchste Erhebung von allen. Auf ihrem Gipfel blieben sie stehen und starrten. Vor ihnen breitete sich eine apokalyptisch wirkende Landschaft aus, die sich buchstäblich bis zum Horizont erstreckte. Gewaltige, wie mächtige Quader geformte Steinbauten wechselten sich ab mit Türmen der unterschiedlichsten Form und Höhe, rund, kantig, bauchig, gewölbt oder schlank. Viele besaßen eine aufrechte, sich verjüngende Form, andere ragten wie riesige gebogene Krallen in den heller werdenden Himmel, fügten sich mit Gebäuden, brückenähnlichen Konstruktionen, Gängen, Treppen, Mauern und Plattformen zu einem einzigen unüberblickbaren Labyrinth. Über all das wand sich eine Unzahl von Röhren unterschiedlichster Dicke: Metall in wilden grotesken Verrenkungen, blank oder in verschiedenen Stadien der Korrosion, vergesellschaftete sich an etlichen Stellen zu komplizierten filigranen Figuren, um sich dann etwas weiter weg wieder zu entwirren. Einzeln oder in geordneten Bündeln überquerte es Schluchten, schmiegte sich wie überdimensionale Riesenschlangen an Wände und kroch um Ecken, um dann irgendwo im Inneren der unförmigen Bauwerke zu verschwinden. Es schien, als habe eine gigantische Stahlspinne ihr verworrenes Netz über eine Landschaft aus gemauertem und gegossenem Stein geworfen. Während Tybrang noch stumm dastand, hörte er hinter sich eine der Sirk-Geborenen fassungslos aufkeuchen. "Ihre Industrie!" brachte sie entgeistert heraus. "Sie steht draußen! Sie haben sie direkt auf der Oberfläche ausgebreitet." "...um sie dann irgendwann einfach zu verlassen." ergänzte Riardis. "Seht es euch an! Das alles muß schon seit vielen Jahren still stehen." Es stimmte. Es war unverkennbar, daß der Planet bereits dabei war, sich sein Eigentum wieder zurückzuerobern. Aus den Abgründen zwischen den Bauwerken erhoben sich die dunklen Kronen von Laubbäumen, während jede auch nur annähernd waagerechte Fläche von Strauchwerk unterschiedlichster Art besiedelt wurde. Moose und Flechten überzogen schattige Mauern mit ihren Grünschattierungen, und Klettergewächse enterten die Wände hinauf, suchten sich zwischen bröckelndem Gestein und Röhrengewirr ihren Weg nach oben. Wohin die Rhazaghaner auch schauten, überall bot sich ihren Augen das Bild aufblühenden pflanzlichen Lebens. Dann brach ein schmaler Sonnenstrahl durch die Wolkendecke, und in seinem Licht erkannten die Numa etwas, was sie während ihrer gesamten Flucht noch nicht hatten erblicken können. "Vögel!" jauchzte Brispin und streckte den Arm aus. "Dort drüben steigt ein Vogelschwarm in die Höhe. Es gibt sie also doch!" Tybrang nickte, während eine Erkenntnis in ihm aufstieg. "Natürlich!" murmelte er. "Hier, und nur hier sind sie in der Lage, ihre Eier und ihren Nachwuchs den Strauchlingen zu entziehen. Als die ersten Vögel damit begannen, hier ihre Nester zu bauen, müssen sie in ihren Eingeweiden auch die Samen weit entfernt lebender Pflanzen mitgebracht haben. Sie gingen auf und vermehrten sich und boten damit auch weiteren Arten Obdach und Nahrung. Ich bin fast sicher, daß wir hier nicht nur auf Strauchlinge stoßen werden." "Verstecke ohne Ende!" stellte Aryshtin zufrieden fest. "Man könnte das komplette Dana-Habitat nehmen und in dieses Wirrwarr versetzen, man würde es niemals wiederfinden. Ein Versuch mit uns Numa wäre sicherlich noch vielversprechender. Was haltet ihr davon, wenn wir uns das da vorne etwas näher ansehen würden?" Wenig später waren sie in den gigantischen Irrgarten eingetaucht und durchstöberten voller Neugier Plätze und Winkel, jedoch nicht ohne eine gewisse Vorsicht zu wahren. Viele Bauwerke machten bereits einen stark verwitterten Eindruck, und am Boden herumliegende Röhren und Steine vermittelten eine deutliche Warnung. Schließlich machte Tybrang den Vorschlag, sich unter den besser erhaltenen Gebäuden nach einem sicheren Unterschlupf umzusehen. Seiner Ansicht nach würde es früh genug sein, das Nahrungsangebot des neuen Areals erst nach einer ausgedehnten Ruhepause zu testen, eine Einstellung, die von den anderen geteilt wurde. Nach kurzer, aber gewissenhafter Suche stießen sie dann auf einen weitläufigen, von vier riesigen Schloten gesäumten Komplex, dessen wuchtige Substanz einen vertrauenswürdigen Eindruck machte. Bald durchstreiften sie in kleineren Gruppen die Werkhallen, strichen um verfallende Maschinen und drangen mit Hilfe der Treppen bis in die tieferen Eingeweide des steinernen Kolosses vor. Zwar stellten sie dabei fest, daß die meisten Räumlichkeiten Schutz und Sicherheit boten, doch es verspürte keiner von ihnen die Neigung, sich auf dem kalten Steinboden zum Schlaf niederzulegen. Schließlich rief Dylas seine Artgenossen zusammen. Er war auf eine dämmrige kleine Halle gestoßen, die mehrere hohe Fenster aufwies. Direkt jenseits der zerstörten Scheiben waren zahlreiche Bäume in die Höhe geschossen, und so hatte der Wind jahrzehntelang ihr Laub hereingetragen. Das Ergebnis war eine weiche bröckelige Humusschicht, deren Behaglichkeit offenbar auch Strauchlinge zu schätzen wußten. Als die Numa eintraten, huschte eine ganze Anzahl kleiner grauer Schatten auseinander, um zwischen Bergen von Metallgerümpel zu verschwinden. Die neuen Gäste ließen sich nicht lange bitten. Zufrieden suchte sich jeder einen Winkel nach seinem Geschmack und rollte sich zusammen. Schon kurz darauf lagen die Rhazaghaner in tiefem Schlaf.
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