Zurück
 

Wer ohne Schuld ist,...

© by Tatjana ()

 

Disclaimer: Alle verwendeten HL-Charaktere gehören Panzer/Rysher/Davis/wem-auch-immer und wurden nur zu noncommerce Zwecken ausgeliehen. Nach dem Spielen schicke ich sie wieder frisch regeneriert und gekämmt nach Hause, versprochen. :-)
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der Highlander-Sektion

 

"Mrs. Drake, können Sie uns sagen, was in dieser Nacht bei Ihnen Zuhause geschah?"

In dem kleinen, mausartigen Gesicht der jungen Frau zuckte es, ihre verschreckt dreinblickenden Augen huschten unruhig über die versammelten Menschen im Gerichtssaal, die sie ausnahmslos ängstigten, bis ihr Blick auf einer eleganten Erscheinung liegen blieb, die ihr Vertrauen und Kraft einflößte. Die schmalen Schultern strafften sich im schwarzen Garbadinekostüm und sie gab sich Mühe, ihrer Stimme Festigkeit zu verleihen.

"Ich... Ich weiß nicht... Mein Mann war aus und als er heimkehrte, schlief ich schon. Ich erwachte durch laute Stimmen... anscheinend stritt er mit jemanden..." Die leise Stimme bebte verdächtig, als Phylis Drake sich an die grauenvolle Ereignisse erinnerte. "... Und dann war da dieses Poltern und danach war es totenstill. Ich wollte nach dem rechten sehen und als ich... als ich..." Zitternd holte die junge Frau Luft. "... als ich ihn da liegen sah, bin ich gleich losgelaufen und habe Dr. Adams geholt. - Aber er konnte auch nicht mehr helfen." Die kleinen, abgearbeiteten weißen Hände krallten sich in das Taschentuch in ihrem Schoß.

Der Anwalt, der die Anklage vertrat, nickte langsam und ließ der jungen Witwe taktvoll Zeit, sich wieder zu sammeln, bevor er behutsam weiterfragte: "Mrs. Drake, haben Sie die zweite Stimme erkennen können, die Sie hier zu Protokoll geben?" Phylis schüttelte den Kopf. "Nein." antwortete sie leise. Der Anwalt verzichtete auf die Frage nach möglichen Feinden von Jonathan Drake, da das nichts genutzt hätte, und entließ die wegen Gattenmordes Angeklagte, um seinen nächsten, wichtigsten Zeugen aufzurufen.

"Ich rufe Dr. Benjamin Adams in den Zeugenstand!"

 

Einen Lidschlag lang blieb Methos - oder Dr. Ben Adams, als den man ihn hier kannte - noch sitzen, dann erhob er sich geschmeidig und drängte sich durch die engen Stuhlreihen nach vorne, wo er im Zeugenstand seinen Platz einnahm. Er hatte es schon fast erwartet, dass man ihn aufrief, und flüchtig hatte er in Erwägung gezogen, einfach nicht zur Verhandlung zu gehen, bis sein besseres Ich die Oberhand gewonnen hatte und er seinen staatsbürgerlichen Pflichten erfüllte. Der elegant gekleidete Unsterbliche strich seinen Gehrock glatt, lehnte seinen Stock gegen das Pult und signalisierte dem Anwalt, dass er anfangen könne.

"Dr. Adams, Sie kennen die Angeklagte Phylis Drake?"

Vor Methos' geistigem Auge stand das elende Bild eines halben Kindes, das er kennenlernte, als er sich hier zum Praktizieren niederließ, und dessen erbärmliche Verfassung ihn eigentümlich anrührte. Die Sachen waren zwar ordentlich gebürstet, doch das Persönchen, das sich in ihnen befand, war ein Bild des Jammers: viel zu mager, übersät mit blauen Flecken und Abschürfungen und so verschüchtert, daß es ihm Mühe machte, auch nur eine An twort von ihr zu erhalten. Die großen Augen in dem mausartigen Gesicht huschten ständig hin und her, als suchten sie nach einem Fluchtweg; und die ganze Zeit über wirkte sie so angespannt, als wollte sie sofort aufspringen und davon laufen. Eine resolute, kugelrunde und sehr patente Nachbarin hatte die Kleine zu ihm gebracht und auf den ersten Blick hatte Methos die Spuren von Mißhandlungen erkannt...

"Ja." antwortete er ruhig.

"Und kannten Sie auch Mr. Drake, Doktor?"

Nein, er hatte nie richtig Bekanntschaft mit dem Mann gemacht, dessen Tod niemand beklagte. Jonathan Drake war ein ungehobelter, grobschlächtiger Mann; der meistens nach Alkohol roch und nicht viel von Arbeit und Autorität hielt. Beides hatte zur Folge, daß Drake häufig von seinen Arbeitgebern entlassen wurde und noch mehr trank. War er nüchtern, handelte es sich bei ihm um einen wortkargen, stillen Mann, der gänzlich unauffällig war. Hatte er getrunken, war er jähzornig und streitlustig; - und ließ seinen Frust nur allzu häufig an seiner wehrlosen Frau aus, die zu verängstigt war, sich zu wehren oder Hilfe zu suchen. Nein, Mr. Drake kannte er nicht, aber die Spuren seiner Hand, die kannte Methos nur zu genau!

"Kaum. Ich sah ihn vielleicht ein Dutzend Mal auf der Maine, aber persönlich habe ich ihn nie kennengelernt."

"Schildern Sie uns bitte mit Ihren eigenen Worten, wie Sie den Abend des 17.Juli in Erinnerung haben!"

 

Methos hatte über einem neuen Lehrbuch gesessen, als es fast panisch an seine Tür gehämmert hatte und er war aufgestanden, um zu öffnen. Draußen stand Phylis Drake, kreidebleich, und teilte ihm mit gespenstischer Ruhe mit: "Ich habe ihn umgebracht, Doktor." Methos wirkte irritiert. "Wen?" fragte er verständnislos und die junge Frau wandte ihm ihren Blick zu, der leer und dunkel war. "Meinen Mann, natürlich." sagte sie, als sei es das selbstverständlichste von der Welt. Das Herz des Unsterblichen setzte einen Schlag lang aus, dann hatte er seine gewohnte Kaltblütigkeit zurückgewonnen, faßte Phylis am Arm und zog sie ins Haus, wo er sie auf einen Stuhl nötigte und ihr ein Glas in die Hand drückte. Dann setzte er sich ihr gegenüber und forderte sie ernst auf: "So, und jetzt erzählen Sie mal, was passiert ist!"

"Er kam spät nach Hause..." Die weibliche Stimme klang emotionslos, als sie berichtete. "... betrunken, wie immer. Und kaum war er da, fing er an zu toben und schrie wie ein Wahnsinniger... Ich wollte ihn beruhigen, aber das machte ihn nur noch wütender..." Phylis sah auf und in den Augen flackerte es unruhig. "Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen, Doktor!" flüsterte sie und eine Träne rann ihr über die Wange, ehe das erste Schluchzen sie schüttelte und der Schock, gelöst durch den Gin, sich in einem Weinkrampf Luft machte. Methos blieb nichts anderes übrig, als ihr Zeit zu geben, daß sie sich beruhigen konnte. Nach zwei weiteren Gläsern Gin war Phylis soweit, daß sie mit Methos heimging, damit er einmal schauen konnte, wie ernst die Lage wirklich war.

Das Innere von Jonathan Drakes armseliger Wohnung glich einem Schlachtfeld mit seinen umgeworfenen Möbeln, dem zertrümmerten Geschirr und dem leblos daliegenden Körper des Hausherrn. Auf den ersten Blick sah Methos, daß Drake nicht mehr zu helfen war: der blutverschmierte Schemel und grausam deformierte Hinterkopf sprachen Bände. Zitternd stand Phylis neben Methos und rang die Hände, unaufhörlich bewegten sich ihre Lippen im stummen Gebet, und Methos überrollte eine Welle des Mitleids.

"Holen Sie die Polizei, Phylis!"

 

"Als Mrs. Drake mich holte, konnte ich nur noch den Tod des Opfers feststellen."

"Dr. Adams, wie fanden Sie die häuslichen Verhältnisse im Hause Drake vor?"

"Es sah aus, wie nach einem heftigen Kampf." antwortete der Unsterbliche wahrheitsgemäß. Phylis wurde schwindelig.

"Dr. Adams, halten Sie es für möglich, daß Mr. Drake getötet wurde von dieser ominösen dritten Person?"

"Sicher, aber nicht zwingend."

"Wie meinen Sie das? Erläutern Sie das bitte!"

"Nun, der Fraktur nach zu schließen, kann Mr. Drake auch ebensogut unglücklich gestürzt sein, was die tödliche Verletzung verursachte."

"Halten Sie das für möglich?"

"Mr. Drake war stark alkoholisiert. - Ja."

Phylis Drake drehte das Taschentuch unablässig in ihren schweißnassen Händen, nervös biss sie sich auf die bleichen Lippen, ohne es zu merken.

"Wie würden Sie das Verhältnis der Eheleute zueinander bezeichnen?"

Methos sandte der jungen Witwe einen langen, nachdenklichen Blick. "Darüber kann ich keine Auskunft geben, tut mir leid."

"Aber Mrs. Drake ist doch Ihre Patientin!" Der spitze Zeigefinger des Anwalts schoß nach vorne. "Und da hat sie Ihnen niemals etwas über ihre Ehe erzählt?"

Um Methos' Mund zuckte ein winziges Lächeln. "Nun, zum einen ist es privat und selbst wenn Mrs. Drake mich über ihre Ehe ins Vertrauen gezogen haben sollte, mein werter Herr, so unterliegt dieses Wissen noch immer meiner ärztlichen Schweigepflicht. Es tut mir leid", wiederholte er betont, worauf der gute Mann vor ihm ein Gesicht zog, als habe er in eine Zitrone gebissen.

"Doktor Adams, um nochmal auf das Tötungsdelikt zurückzukommen... Könnte es sein, daß ein Dritter diese Tat begangen haben könnte?"

"Das ist gut möglich."

"Und glauben Sie: wäre es möglich, daß selbst eine so schwache Person wie Mrs. Drake dieses unsägliche Verbrechen begangen haben könnte?"

Unauffällig glitt Methos' Blick über die Anwesenden, in deren Gesichtern er lesen konnte, daß sie die Wahrheit vielleicht nicht kannten, so doch ahnten und daß niemand diese Tat verurteilte. Hätte Phylis es nicht getan, wäre es ein anderer gewesen, früher oder später. Für die meisten hatte Jonathan Drake nur bekommen, was er verdient hatte.

"Es müßten schon viele Umstände zusammentreffen, aber jeder - wirklich jeder - könnte eine solche Tat vollbringen!"

Phylis glaubte, ohnmächtig zu werden, als sie Dr. Adams' Worte vernahm.

Der Anwalt nickte zufrieden. "Keine weiteren Fragen! Dr. Adams, Sie können den Zeugenstand verlassen."

 

*** * *** * *** * *** * ***
 

Wie erwartet war Phylis Drake vom Verdacht des Gattenmordes von den Geschworenen freigesprochen worden.

Methos stieß sich von der Wand ab, als Phylis in Begleitung ihrer wohlbeleibten Nachbarin den Gerichtssaal verließ, und die beiden Frauen stoppten. Die junge Frau sah auf und Methos hatte den Eindruck, als habe man sie von einer zentnerschweren Last befreit.

"Danke, Doktor Adams." "Was werden sie nun tun?" "Ich habe Mrs. Drake angeboten, bei mir als Näherin anzufangen", mischte die Nachbarin sich ein, was ihr ein wohlwollendes Nicken eintrug; dann reichte er Phylis seine Hand zum Abschied. "Ich denke, ich werde Sie nun nur noch selten in meiner Praxis sehen, Mrs. Drake, und ich bin froh darüber." Der Händedruck war fest und herzlich. "Alles Gute, Phylis Drake." "Danke, Doktor, das werde ich brauchen können."

 
Ende

 
Du bist der 1642. Leser dieser Geschichte.