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Durchbruch
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Durchbruch

Teil 1
© by Natascha/Norynia ()

 

Disclaimer: Tja, gute Frage, wem gehört was? Ich denke, es reicht, wenn ich hier sage, dass nichts mir gehört *bg* Dennoch: Archivierung nur mit Erlaubnis des Autors. Me, myself and I!
Anmerkungen: Nachdem Julia so lange gebeten und gebettelt hat, hat sich meine Muse doch erweichen lassen... dass mir das nicht zur Gewohnheit wird! Das nächste Mal verlange ich für Extrawünsche Geld! Nur damit ihr's wisst ^^
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)

 

"Ich liebe dich und... ja, ich liebe dich einfach." Omi betrachtete das Gesicht vor ihm und versuchte, jegliche Röte aus seinen Zügen zu verbannen. Doch es ging nicht. Schüchtern neigte er den Kopf nach unten und starrte auf seine Fußspitzen. Das durfte doch alles nicht wahr sein, nicht einmal vor seinem eigenen Spiegelbild konnte er sich halbwegs beherrschen.

Was würde dann erst passieren, wenn er es Ken tatsächlich sagte? Wenn das Gesicht ihm gegenüber nicht sein eigenes im Spiegel, sondern tatsächlich das von Ken wäre. Würde er dann vor Scham im Boden versinken? Wahrscheinlich. Würde er sich nach diesen kleinen Worten umdrehen und wie ein gehetzter Hund davonjagen? Wahrscheinlich. Würde er sich überhaupt jemals trauen, es Ken zu sagen? Wahrscheinlich nicht.

Durch seine Unbeholfenheit frustriert schlug Omi neben dem Spiegel auf die weißen, glatten Kacheln und stieß einen wütenden Schrei aus. Wie lange sollte das noch so weitergehen? Wie lange sollte er noch gezielt nach Kens Nähe suchen und sie dann fast im selben Moment wieder meiden, wenn das Objekt seiner Begierde ihm zu Nahe kam? Er hatte Angst, dass ihre Freundschaft durch ein Geständnis wie dieses zerstört werden würde, dass sie sich niemals mehr würden ansehen können oder dass Ken ihn verachten würde. Aber was wohl das Schlimmste für Omi wäre, wäre, wenn Ken ihm zuhören, ihm eine Hand auf seine Schulter legen und ihm dann mit einem entschuldigenden Lächeln - wie es seine Art war - sagen würde, dass er ihn zwar mochte, aber derartige Gefühle nicht erwiderte. Dann wäre der ganze Traum vorbei. Der Traum von einem gemeinsamen Leben mit Ken, das die Grenzen der Freundschaft sprengte und in tiefer, inniger Liebe endete. Dann wäre er noch nicht einmal mehr in der Lage, davon zu träumen, weil er wissen würde, dass es sinnlos war. Aber so, wie es im Moment war, konnte er immerhin noch hoffen. Auch wenn dieses Hoffen, das zu keiner Erlösung kam, sehr schmerzhaft sein konnte. Er fühlte sich ungeküsst, und das war er ja auch.

 

Omi wusch sich nun wohl zum hundertsten Mal die Hände und lauschte dann, ob jemand die Treppe hochkommen würde. Seine Schicht hatte vor fünf Minuten angefangen, aber es war noch keiner gekommen, um ihn zu holen. Seine Hände wurden langsam wund, und er verzichtete darauf, sie erneut unter dem lauwarmen Wasser zu schrubben. Zeit schinden war nicht sein Ding, er erledigte lieber schnell, aber er wollte warten, bis Ken die Treppe hoch hastete und ihn aus dem Bad trommeln würde.

Yohji hatte jetzt frei und war mit einer Verabredung unterwegs, und Aya hatte sich sein Katana geschnappt und aus dem Laden geschleppt, um es schleifen zu lassen. Also war nur Ken da, und wenn dieser Omi schon so nie mehr als die nötige Aufmerksamkeit zukommen ließ, wollte Omi doch Kens Stimme hören, die ihn rief. Er wollte nur seinen Namen aus Kens Mund hören, und das so oft wie möglich. Also wartete er geduldig, auch wenn es ihn fast wahnsinnig machte, und lehnte sich seufzend gegen die kalte Wand. Konnte Ken die Uhr nicht lesen, oder war er einfach nur zu beschäftigt? Vielleicht war unten auch gar nichts los, und Ken brauchte Omis Hilfe gar nicht... nein, das war kein schöner Gedanke. Ken musste Omi brauchen, auch wenn es nur beim Zusammenbinden von Blumen oder dem abrechnen der Kasse war.

Omi riss die Tür auf und stolperte die Treppen runter, er war eben doch kein sehr geduldiger Mensch. Ken saß hinter der Kasse, das Kinn auf dem Arm gestützt und starrte auf ein rotes Rosenblatt in seiner anderen Hand. Er schien Omi noch nicht einmal zu bemerken, als der sich ganz nah hinter ihn gewagt hatte und leise zu schnüffeln begann. Ken roch so gut, ähnlich wie Aya, nur noch besser. Eine Mischung aus Rosen, Sonne und erdiger Wärme. Omi wollte nur einmal sein Gesicht an Kens Brust drücken und tief durchatmen. Das würde die letzten Wochen mit einem Schlag wiedergutmachen, die er in unerfüllter Begierde zugebracht hatte. Ken schien in tiefe Träumerei versunken, also nahm Omi seinen ganzen Mut zusammen und trat leise noch einen Schritt näher, atmete tiefer und bemerkte nicht Aya, der durch die Tür des Blumenladens kam.

Ken sprang mit einem Satz auf und stieß gegen Omi, der zurücktaumelte und die Hände gegen seine Nase presste. Aufgeschreckt und mit ertappter Röte starrte er zu Ken auf, der sich überrascht zu ihm umgedreht hatte und sich verlegen den Hinterkopf rieb.

"Ach, Omi. Hab dich gar nicht bemerkt. Hast du dir weh getan?"

Weh getan? Ja, hatte er, aber musste Ken so etwas fragen und damit nur allzu deutlich machen, dass er Omi für ein kleines, verletzbares Kind hielt? "Nein", schluckte Omi mit gedämpfter Stimme und drehte sich um, um sich scheinbar interessiert einem abholfertigen Strauß zu widmen. Er zupfte und zupfte, obwohl da gar nichts zum Zurechtzupfen war, und beobachtete aus den Augenwinkeln Ken, der Aya anstrahlte, als wäre er der Messias. Aya dagegen hatte nichts als ein mürrisches Knurren für die beiden übrig und legte sich sein Katana über die Schulter.

"Bin wieder da."

Als ob sie das nicht mitbekommen hätten. Omi seufzte kaum hörbar und folgte mit seinem Blick Aya, der an den beiden vorbei die Treppen hoch ging. Ken starrte ihm wie ein kleines Hündchen hinterher und zerdrückte wohl mehr unbeabsichtigt das kleine Rosenblatt in seiner Hand. Eine Weile herrschte peinliches Schweigen im Laden. Peinlich wohl mehr für Omi, denn Ken war beschäftigt und starrte immer noch die Treppe rauf, obwohl Aya bereits in seinem Zimmer war und die Tür hinter sich geschlossen hatte. Und als eine Kundin den Laden betrat und Ken immer noch als Salzsäule verharrte, schämte Omi sich für sie beide und sprang auf die Kundin zu, um sie mit einem übertrieben freundlichen Lächeln und strahlend blauen Augen zu bedienen.

 

* * * * * *
 

"Meine Güte, was soll das denn sein?" Yohji stocherte in seinem Teller rum und sezierte das Undefinierbare fast fachmännisch mit Messer und Gabel. Irgendetwas mit Nudeln musste es sein, soweit konnte ihn seine Forschungsarbeit aufklären. Was genau er da aber vor sich hatte, wollte sich beim besten Willen nicht herausfinden lassen. "Ich will nicht behaupten, selbst besonders gut kochen zu können, aber dich sollten wir dringend mal zu einem Kochkurs schicken, Ken. Das wird mir hier alles noch zu abenteuerlich." Yohji grinste breit und lehnte sich zurück. Leichte Röte legte sich auf Kens Wangen, doch wohl mehr aus Wut als aus Verlegenheit. Man konnte ihm deutlich ansehen, dass er sich einen bissigen Kommentar verkniff, was Omi doch sehr wunderte. Ken benahm sich in letzter Zeit merkwürdig. Sehr zurückhaltend, obwohl er dennoch oft genug loslegte und sich zur Wehr setzen konnte. Omi überlegte angestrengt und holte sich eben diese Momente in den Sinn, wie wenn er sich mit Yohji über das Fernsehprogramm stritt, über das Dekorieren von Sträußen, über Fußball, Frauen, Yohjis Unzuverlässigkeit und den Küchendienst. Mit Omi stritt er sich nie, denn Omi versuchte mit allen Mitteln, es Ken immer recht zu machen und somit jeder Auseinandersetzung fern zu bleiben, und mit Aya stritt Ken sich auch nie, nur mit Yohji... Omi war oft genug dabei und Aya... nein, Aya nicht.

Omi blieb mit einem Mal das Essen - was immer es jetzt auch war - im Hals stecken, und er musste husten, während sich sein Kopf zu einem roten Feuerball mit dunkelblonden Haaren verfärbte.

"Siehst du! Selbst Omi bekommt es nicht runter! Ken, für die Küche bist du definitiv nicht geeignet. Die schlechteste Hausfrau, die ich kenne!"

Omi war den Tränen nahe. Fast panisch tastete er nach seinem Glas und trank es in einem Zug leer. Doch erst, als Yohji ihm kräftig auf den Rücken klopfte, wurde seine Lunge wieder frei und sein Gesicht bekam seine gesunde Hautfarbe wieder zurück. Ken biss sich nur noch fester auf die Lippen, und Aya saß recht teilnahmslos auf seinem Platz und verschränkte die Arme vor der Brust. Er hatte wohl auch nicht vor, etwas von diesem Mischmasch auf seinem Teller zu essen. Yohji zündete sich eine Zigarette an, obgleich er wusste, wie sehr Aya das hasste, und strich Omi sacht über den Rücken.

"Wollen wir was essen gehen, Kleiner? Ich lad dich ein."

Omi sah zu ihm auf und ließ seinen Blick dann auf Ken schwenken, der mit geschlossenen Augen aufstand und die Küche verließ. Der starke Drang, ihm zu folgen und zu trösten, machte sich in Omi breit, doch als er aufstand, um seinem Verlangen nachzugehen, erhob sich auch Aya und ging. Omi sah ihm kurz nach und wollte dann trotzdem zu Ken gehen, doch Yohji packte ihn an der Schulter und zog ihn zurück auf seinen Stuhl.

"Ich denke nicht, dass du dich da einmischen solltest."

"Was?" Omi sah ihn aus großen, fragenden Augen an. Jetzt verstand er gar nichts mehr. In seinem Kopf hämmerte es nur, dass Ken verletzt war und Yohji schuld daran hatte. Doch Yohji lächelte nur, so, wie er es immer tat und was verhinderte, dass man jemals wirklich böse auf ihn sein konnte. Und Yohji hatte wieder diesen Playboy-Blick drauf, der wohl jedes Frauenherz zum Schmelzen bringen würde. Omis sicherlich nicht, aber es hatte dieselbe beruhigende Wirkung wie Valium und kühlte ab wie Eiswürfel. "Musste das eben sein?" fragte er deshalb nur leise und sah wieder sehnsüchtig aus der Küche und in Gedanken den Treppenaufgang hoch bis hin zu Kens Zimmer.

"Glaub mir, indem ich das tue, helfe ich ihm sogar, und mir selbst noch dazu."

In Gedanken schwebte ein großes, wildblinkendes Fragezeichen über Omis Kopf, wie diese elektronischen Reklametafeln, von denen man in der Nacht geblendet wurde und die einem helle Punkte ins Blickfeld zauberten. Doch Omi wurde nicht aufgeklärt, denn Yohji kam wieder auf das vorige Thema zurück, und fragte ihn noch einmal, ob er mit ihm etwas essen gehe wolle. "Eigentlich..." Omi stand langsam auf und verließ die Küche, blieb vor der Treppe dennoch unschlüssig stehen. Was Yohji wohl gemeint hatte, als er gesagt hatte, er solle sich da nicht einmischen.

"Ausreden nehme ich keine an, Kleiner. Was ist dir lieber? Italienisch, chinesisch... obwohl... um die Ecke hat ein neues koreanisches Restaurant aufgemacht, vielleicht sollten wir das mal ausprobieren. Kann ich dann auch gleich für zukünftige Verabredungen testen."

"Eigentlich..."

"Na dann lass uns gehen. Spülen kannst du später noch. Vielleicht übernimmt Ken das auch, wenn er sein schlechtes Gewissen und seinen Körper reingewaschen hat."

"Seinen Körper?" Omi blinzelte Yohji erneut fragend an, und dieser lächelte erneut sein Playboy-Lächeln, als er seinen Arm um Omis Schulter legte und ihn aus dem Laden schob. Omi ließ sich führen, er war verwirrt, nahm sich aber fest vor, Yohji später zur Rede zu stellen, wenn er selbst nicht auf eine befriedigende Antwort kam. Was hatte das Ganze jetzt mit Kens Körper zu tun? Da sollte mal einer durchblicken...

"Sag mal, du hast doch bald Geburtstag. Wie gedenkst du den Tag zu feiern? Irgendetwas Besonderes?"

Omis Gesichtszüge verdunkelten sich. Sicher hatte er sich darüber schon seine Gedanken gemacht, immerhin waren es nur noch drei Wochen bis zu seinem achtzehnten Geburtstag, aber wie sollte er den schon feiern? Er hatte keine Freunde, sein Leben als Attentäter hatte ihm in dieser Hinsicht bisher alles verdorben, und bei seinem Glück würden sie kurz zuvor einen neuen Auftrag bekommen und er in der Nacht in seinem Bett sitzen und auf seinen kleinen Digitalwecker starren, bis es Mitternacht war, um dann in einen depremierenden Gelegenheitsschlaf zu verfallen. "Keine Ahnung", brachte er leise und tonlos hervor, als sie vor dem Restaurant angekommen waren und durch die schwenkbare Glastür traten. Der Geruch von Essen schlug ihnen entgegen, und Omis Magen begann, auf Kommando zu knurren. Sie setzten sich an einen Tisch in der hintersten Ecke am Fenster und studierten schweigend die Speisekarte. Nun ja, schweigend solange, bis Yohji sich entschieden hatte und weiter auf Omi einredete, der mit seinen Gedanken schon wieder bei Ken angekommen war. Was er wohl gerade tat?

"Irgendetwas müssen wir doch machen. Man wird schließlich nicht alle Tage achtzehn. Wir beide könnten einen kleinen Ausflug machen. In eine Bar. Ich könnte dich ein paar netten Damen vorstellen, es wird höchste Zeit, dass du dir eine Freundin suchst. Du verkommst mir noch, wenn da nicht bald etwas ans Laufen gebracht wird."

Also wenn es nach Omi ginge, würde er seinen Geburtstag ganz allein mit Ken feiern, wenn er überhaupt so etwas wie feiern würde. Das wäre doch mal was. Ein ganzer Tag Ken nur für ihn allein. Wenn er nur daran dachte, was er da am liebsten mit dem jungen Sportler machen würde, überfiel ihn leichte Schamröte. Man konnte sich nicht beschweren, dass er nicht genügend Fantasie hätte, das sicher nicht. Aber natürlich würde er nicht ganz allein mit Ken feiern können, höchst wahrscheinlich würde er gar nicht feiern. Er konnte sich überhaupt nicht daran erinnern, jemals etwas in seinem Leben gefeiert zu haben, wozu sich also Gedanken darüber machen?

Die Bedienung kam und nahm ihre Bestellungen auf. Yohji griff zu seinem Zigarettenpäckchen, und Omi linste verstohlen auf die Straße hinaus, dieses mal mit Gedanken direkt in Kens Zimmer. Er mochte Yohji, wirklich, aber jetzt wäre er eben lieber woanders. Es müsste spezielle Schleudersitze geben, die einem nach Ziehen der Notleine sofort zu dem gewünschten Ort katapultierten. Ja, seine Fantasie war sehr ausgeprägt.

"Nun zieh nicht so eine Schnute und lächle mal für mich. Immerhin bezahle ich das alles. Das mache ich sonst nur für ganz erlesene Damen."

"Um sie danach ins Bett zu kriegen."

"Irgendwie müssen sie sich ja revengieren."

"Und wie soll ich das machen? Etwa auch mit dir ins Bett steigen?" Omi beobachtete teils geschockt, teils fasziniert, wie Yohjis Wangen eine rötliche Färbung annahmen und er sich fast am Rauch seiner Zigarette verschluckte. Doch Yohji wäre nicht Yohji, wenn er sich nicht wieder augenblicklich fassen würde und nichts in seinem Blick auf den vorherigen Ausrutscher hinweisen würde.

"Und so was von einer Jungfrau..."

Omi riss die Augen auf und starrte Yohji zuerst völlig perplex, dann wütend an. Nicht dass er sich heute schon vermitteln lassen musste, dass er ein kleines tollpatschiges Kind war, nein, jetzt wurde ihm auch noch vorgehalten, dass er noch Jungfrau war. Irgendwann musste doch mal Schluss sein! Omi stand auf und steuerte mit schnellen Schritten wieder auf die Tür zu. Er hätte eben doch zu Hause bleiben und sich um Ken kümmern sollen. Er nahm sich fest vor, sich nie wieder von Yohji einwickeln und überrumpeln zu lassen. Man sah ja, wohin das führte. Er wusste selbst, was er war, er brauchte niemanden, der ihm das ständig unter die Nase rieb. Und was war schon so schlimm daran, Jungfrau zu sein? Es konnte ja nicht jeder so sexsüchtig sein wie der Herr von und zu Playboy. Es gab auch noch andere Arten, das Leben zu genießen, ohne zwanghaft auf die Triebe zurückgreifen zu müssen. Der junge Assassin ignorierte Yohjis Rufe und rannte die Straße hinunter in den Blumenladen, um die Treppen hoch zu hasten und erst vor Kens Tür wieder halt zu machen.

Zaghaft klopfte er an und wartete darauf, dass Ken ihn hereinbitten würde, doch es kam keine Antwort. Omi wartete und klopfte erneut, diesmal lauter. Immer noch nichts. Als er die Hand auf die Klinke legte und die Tür ungefragt aufmachen wollte, ging hinter ihm die Tür zum Bad auf und Ken kam heraus. Bekleidet nur mit einem weißen Frottee- Handtuch, das fest um seine schmalen Hüften geschlungen war. Auf seiner gebräunten Haut glänzten noch Wasserperlen, und der Duft von Bodylotion strömte Omi in die Nase. Für einen Moment war er von diesem Anblick wie geblendet, als Ken ihn überrascht musterte und neben ihn trat.

"Willst du zu mir?"

"Ich?" Omi senkte den Blick und starrte für einen Moment etwas unbeholfen auf das weiße Handtuch, bis ihm bewusst wurde, wo genau er da gerade hinsah, und Schamröte schoss ihm ins Gesicht. "Yohji war ziemlich gemein zu dir, ich wollte nur sehen, was du machst."

"Ich? Ich... ahm... ich habe geduscht. Hast du unten schon gespült?"

Omi schüttelte zaghaft mit dem Kopf und trat einen Schritt zurück, um Ken den Weg in sein Zimmer nicht zu versperren. "Mach ich sofort!" platzte es plötzlich voller Euphorie aus ihm heraus, und er wäre wohl auch sofort die Treppen wieder hinuntergestürmt, wenn Ken ihn nicht festgehalten hätte. Omi traf diese Berührung, die überhaupt nichts Zweideutiges hatte, wie ein Schlag, und er wünschte sich, die Zeit anhalten zu können, um dieses Gefühl ewig währen zu lassen. Doch als er stehen blieb, nahm Ken auch seine Hand wieder weg. Zu schade...

"Hat Yohji etwas gesagt?"

"Gesagt? Was meinst du?"

"Ach, nichts." Ken lächelte und strich sich über das kurze, braune Haar. Seine dunkelbraunen Augen fixierten die Decke, ehe sie wieder Omis Blick erwiderten, und Omi meinte, seine Knie würden gleich unter ihm nachgeben. "Bis dann." Er öffnete die Tür zu seinem Zimmer und verschwand auch gleich darin. Omi blieb wie angewurzelt stehen und runzelte die Stirn, was aber nur eine kleine Falte zwischen seinen Augenbrauen hervorbrachte. Was sollte Yohji denn groß gesagt haben? Omi überlegte. Also: Er sollte sich in was-auch-immer nicht einmischen. Sie sollten zusammen dieses koreanische Restaurant testen. Spülen konnte er später, wenn Ken es nicht tun würde, nachdem er sein schlechtes Gewissen und seinen Körper reingewaschen hatte. Was er an seinem Geburtstag machen würde... Moment. Körper reinwaschen? Ken kam aus dem Bad und hatte sich zweifellos geduscht... ob es da einen Zusammenhang gab? Omi stutzte und schlurfte nachdenklich die Treppen hinunter. Irgendwie beschlich ihn das Gefühl, als würde etwas Außergewöhnliches vorgehen und jeder außer ihm Bescheid wissen. Ob Aya auch was wusste? Fragen würde er ihn nicht, auf eine Antwort konnte er ewig warten, und er hatte nicht vor, sich mit Aya anzulegen. Ken wollte er nicht fragen, das war nun doch schon zu peinlich und Yohji... Yohji wollte ihm wohl nichts sagen. Omi wurde flau im Magen. Das gefiel ihm ganz und gar nicht. Aber er wäre nicht Omi, wenn er nicht noch herausfinden würde, was die anderen vor ihm verheimlichten. Aber er musste sich eingestehen, dass ihr Verhalten ihn verletzte. Vertrauten sie ihm denn nicht? Oder war es etwas Schlimmes und sie wollten ihn nicht damit belasten? Omi schüttelte energisch mit dem Kopf. Sie sollten wissen, dass er strapazierfähig war. Sonst wäre er ja sicherlich kein Mitglied von Weiß. Warum benahmen sie sich dann so seltsam und hatten Geheimnisse vor ihm? Das hatte er noch nie erlebt.

 

* * * * *
 

Die Tage vergingen, und Omi hatte auf eine kindliche Strategie gesetzt, um sich an seinen Freunden zu rächen. Dass er sich dabei extrem kindisch benahm, war ihm klar. Doch ihm fiel nichts besseres ein, und er wollte nicht so tun, als wäre nichts gewesen.

Anfangs hatte er alle nur beharrlich angeschwiegen, auch wenn es bei Ken nicht lange geklappt hatte und es Aya eh egal war. Also konzentrierte sich seine Rache auf Yohji, dem nach einer Woche etwas wie Sorge ins Gesicht gemeißelt schien, was Omi mit leichter Genugtuung erfüllte.

Er tat einfach so, als hätte er auch ein Geheimnis, das er keinem verraten wollte, und verschwand hin und wieder unter fadenscheinigen Vorwänden aus dem Laden. Allerdings waren Ferien, er hatte keine wirklich Freunde, mit denen er sich hätte treffen können und zu erledigen gab es auch nichts. Also spazierte er nur gelangweilt durch die Straßen, verschanzte sich mitten in der Nacht in leerstehenden Wohnungen, nachdem er laut genug, dass es jeder hören musste, sein Zimmer und den Laden verlassen hatte, und langweilte sich fast zu Tode.

Nach der ersten Woche, die sich wie ein alter Kaugummi endlos in die Länge gezogen hatte, hatte ihn noch keiner gefragt, was er denn eigentlich immer allein treiben würde.

Omi hatte alle Hoffnungen auf Ken gesetzt, doch das schien ein unerfüllbarer Traum zu sein, und nicht einmal Yohji hatte etwas gesagt. Er hatte nur besorgt geschaut und war ständig um Omi herumgeschwänzelt. Aber kein Wort war über seine Lippen gekommen, was seine Ausflüge betraf. Das machte Omi nicht nur wütend, nein, er war auch enttäuscht und fühlte sich verraten. So wenig interessierte man sich für ihn? Nun gut, dann würde es kaum jemanden stören, wenn er einfach mal für längere Zeit weg bleiben würde. Nur, wohin sollte er gehen? Er hatte keine wirkliche Lust, irgendwo alleine hinzufahren, nur um zwei oder drei Tage vor sich hinzugrübeln und zu warten, bis man ihn zurückholte. Wenn sie wollten, würden sie ihn überall finden, nur machte sich in Omi die Angst breit, dass sie sich eben nicht die Mühe machen würden, ihn zu finden. Das wäre schlimmer als das Geheimnis, das sie vor ihm hatten. Es würde ihn einsam machen. Es gab zwei Arten der Einsamkeit. Allein zu sein oder sich allein zu fühlen. Omi wäre dann beides, und dieses Bewusstsein wollte er nicht riskieren. Lieber es nicht herausfordern und so auch nicht wissen, als eine Ahnung auf diese Art und Weise bestätigt zu bekommen.

 

"Ach, verdammte..." Omi stoppte. Er war kein Mensch, der fluchte. Nicht einmal das bekam er hin. Wütend warf er sich auf den Bauch und vergrub sein Gesicht tief in seinem Kissen. Er war kurz davor, seine ganze innere Unruhe und seinen ganzen Schmerz über das Verhalten seiner Freunde laut herauszuschreien und mit dem dicken Daunenkissen zu dämpfen, als er hörte, wie die Tür zu seinem Zimmer geöffnet wurde. Omi blieb liegen und rührte sich nicht. Er wartete ab und lauschte den leisen Schritten, die direkt neben ihm vor dem Bett verstummten.

Eine Hand legte sich auf seinen Hinterkopf und streichelte sein Haar. Dann spürte er einen kurzen Druck und vernahm ein leises Geräusch, das nur von Körperflüssigkeiten verursacht wurde und an einen Kuss erinnerte. Man hatte ihn geküsst? Auf die Haare? Wer konnte das wohl sein? Omi wollte aufspringen und sich den nächtlichen Besuch ansehen, ließ es dann aber bleiben. Es wäre peinlich, sich selbst so zu verraten, also blieb er weiter regungslos, spürte wieder die Hand und hörte dann, wie die Person sich aus dem Zimmer stahl und die Tür wieder schloss.

Das waren eindeutig Zeichen der Zuneigung gewesen, aber von wem? Für Omi kam da eigentlich nur eine Person in Frage, und ein seliges Grinsen stahl sich auf seine Lippen. War er Ken also doch nicht so egal, wie er befürchtet hatte. Irgendwie romantisch. Omis Herz machte einen Hüpfer, als er sich aufrichtete und seine Füße auf den rauen Teppich stellte. Wenn jetzt nicht die Zeit für einen nächtlichen Ausflug war, dann wusste er auch nicht weiter. Ken würde ihm garantiert folgen. Er war noch wach und würde hören, wenn Omi ging. Das war seine Gelegenheit!

 

Omi zog sich nicht gerade leise seine Shorts, ein Shirt und seine Schuhe an, schlüpfte auf dem Flur noch in seine Kapuzenjacke und verließ dann das Haus durch den Hintereingang. Nach einem kurzen Blick in beide Richtungen entschied er, der kleinen Seitengasse bis zum Ende zu folgen und sich eine Weile durch die Gässchen zu bewegen, in denen er um diese Uhrzeit niemanden, außer vielleicht ein paar Betrunkenen und Obdachlosen begegnen dürfte. Das war perfekt, und Ken würde denken, er wolle vermeiden, verfolgt zu werden, um sein kleines Geheimnis zu wahren. Sollten sich die stillen Leiden der vergangenen Woche also doch noch bezahlt machen. Omi hatte schon fast aufgegeben.

 

* * * * *
 

Das Licht der Straßenlaternen reichte nur ein kleines Stück weit in die schmalen Gassen, und erhellte nur eine kleine Fläche des schmutzigen Betons und der überfüllten Mülleimer. Hin und wieder vermischte sich der Lärm von Autos und herumpöbelnder Jugendlicher mit dem Rascheln einer streunenden Katze, die im Müll nach etwas Essbarem suchte.

Omi wurde kalt, die Katzen taten ihm leid, und von einem Verfolger weit und breit keine Spur. Langsam wurde er müde und wünschte diese ganze Geschichte weit von sich weg, als er eine leere Dose vor sich herkickte. Ken konnte sich nicht darüber beschweren, Omi nicht auf den Fersen bleiben zu können, immerhin war er laut genug, um selbst einen Betrunkenen aus seinem Tiefschlaf zu wecken. Wo blieb er dann nur? Omi müsste ihn bemerken, wenn er in der Nähe war. Der Gedanke, dass ihm niemand folgen könnte, schob Omi sofort von sich. Es musste klappen, es gab kein wenn und aber!

Schließlich bog er wieder ab, trat in völlige Dunkelheit und mit voller Absicht in eine Sackgasse. Hier würde er eine Weile warten und den Weg dann zurückgehen. Irgendwann musste er ja auf Ken treffen. Anders ging es nicht, und wieder einmal, wie schon so oft in den vergangenen zwei Stunden, meldete sich Omis Magen. Mit einem selbstmitleidigem Seufzer kramte er in seiner Tasche nach seinem Schokoriegel, als eine schwarze Katze sich um seine Beine schlängelte und ein herzzerreißendes Maunzen von sich gab. Oder war sie getigert? Egal. In der Nacht waren alle Katzen grau oder, wie hier, schwarz. Omi lächelte und kniete sich hin, um sie zu streicheln und ihr ein wohliges Schnurren zu entlocken. "Ich hab nichts für dich, Schokolade wird dir nicht bekommen." Doch die Katze maunzte weiter und musterte ihn mit bettelndem Blick aus ihren gelben Augen. Omi leckte an seinem Finger und rieb ihn eine Weile an dem Schokoriegel, um ihn dann der Katze hinzuhalten, die mit ihrer rauen Zunge gierig nach der Süße leckte.

 

"Hm... lecker. Machst du das auch für mich?" Omis Blick schoss nach oben und entdeckte eine Gestalt, die von der hohen Mauer vor ihm sprang und wenige Sekunden in der dunklen Versenkung verharrte, bevor sie sich ihm mit lässigen, schlurfenden Schritten näherte. Die Katze miaute plötzlich einmal laut und rannte dann weg. Omis Augen hatten sich zwar inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt, doch den Mann vor sich erkennen konnte er nicht. Ken war es definitiv nicht, das hatte er schon an der Stimme ausmachen können. "Okay, ich helfe dir ein bisschen." Ein Streichholz flammte auf und offenbarte für wenige Augenblicke das Gesicht des Mannes, der Omi in seinem ,Versteck' heimgesucht hatte. Omi blieb die Luft weg, doch er fing sich schnell wieder und griff nach seinen Pfeilen. Seine Taschen waren leer. Das durfte doch nicht wahr sein, und das nur, weil er ganz fest mit Ken gerechnet hatte! Wie konnte er nur so dämlich sein?

"Keinen Schritt näher!" Omi wich selbst zurück, nahm seinen Blick jedoch nicht von dem Feind und überlegte, wie er jetzt am besten verschwinden konnte, ohne von ihm verfolgt zu werden.

"Ach komm schon, nun hab dich nicht so. Ich sehe das als Einladung, wenn du ganz allein mitten in der Nacht und noch dazu unbewaffnet in Sackgassen umherstolzierst. Ich reagiere also nur natürlich. Und was deinen Freund angeht... keine Angst, der kommt auch gleich." Wieder flammte ein Streichholz auf und zeigte Schuldigs breites Grinsen, das seine Worte begleitet hatte. Omi bewegte sich weiter zurück, als er Schritte hörte, die sich hinter ihm näherten und schließlich jemand um die Ecke in die dunkle Sackgasse trat. Ein leises Keuchen durchbrach die entstandene Stille und die Schritte verstummten wieder.

"Omi?"

"Ken!" Omi drehte sich um und vernachlässigte Schuldig, was sich als sofortiger Fehler herausstellte.

"Nagi, Farf, it's Showtime!"

Auf der Mauer zeichneten sich die Konturen von zwei weiteren Personen ab, die ebenfalls hinuntersprangen und neben Schuldig traten, der schon damit begonnen hatte, Omis Kopf mit irgendwelchen, wirren Gedanken fast zum Platzen zu bringen. Omi rannte auf Ken zu, wollte nach ihm greifen und davonrennen, als er zurückgeschleudert wurde und Schuldig direkt in die Arme fiel.

"Und das im Dunkeln, Nagi, du wirst immer besser."

"Ich war schon immer so gut, du hast es nur noch nicht bemerkt", antworte eine sarkastische Stimme neben Omis Ohr. Der junge Assassin versuchte, sich aus Schuldigs Griff zu befreien, doch der schwächte ihn weiter mit schmerzhaften Gedanken und lachte nur leise.

"Wie auch immer. Farf, kümmere dich um den Fußballer, ich will in mein Bett."

Farfarello holte ein Messer hervor, und im Dunkeln konnte man das leise, nasse Geräusch seiner Zunge hören, die zärtlich die scharfe Klinge streichelte, bevor er sich fast geräuschlos auf Ken stürzte, der nur knapp ausweichen konnte.

"Ken, lauf! Sag den anderen Bescheid!"

Ken nickte reichlich hilflos und sprintete an Farfarello vorbei, doch der war nicht minder schnell in seinen Reflexen und schlang seinen Arm um Kens Hals. Ken keuchte erschrocken auf und rammte seinen Ellbogen in Farfarellos Magen. Ohne Erfolg. Der Schlag prallte an dem vernarbten Körper ab, ohne dem Mann auch nur einen Ton abzuringen. Schließlich zwang er Ken durch seinen festen Griff in die Knie und holte mit seinem Messer aus.

"Farf nicht! Wenn dann bringen sie uns nur lebend etwas!"

Schuldigs Einwand kam zu spät. Farfarello bremste den Hieb nicht mehr ab und bohrte die silberne Klinge tief in Kens Magen. Ken stöhnte auf und sackte dann schwer atmend nach vorne.

"Ken! Nein! Lass los, du Dreckkerl, lass mich los! Ken!" Omi schlug wild um sich und wand sich in Schuldigs Griff, bis ein schmerzhafter Schlag gegen seine Schläfe ihn verstummen ließ.

 

* * * * *
 

Natürlich wusste er, dass es besser war anzuklopfen. Natürlich wusste er, dass es besser war zu fragen, und natürlich wusste er, dass es besser war, Aya erst gar nicht in seinem Zimmer aufzusuchen. Aber das war egal. Alles war egal. Yohji riss die Tür auf und trat in völlige Dunkelheit. Kein Ton war zu hören, was auf Ayas Anwesenheit hätte hindeuten können, aber Yohji wusste, dass er hier war. Er spürte die beißende Kälte eines leidenden Menschen, der niemals zugeben würde, Gefühle zu haben, geschweige denn jemals mehr als Wut oder Gleichgültigkeit zeigen würde. Normalweise. Es gab eine Ausnahme.

Ausnahmen bestätigen die Regel. "Aya?" Yohji tastete er nach dem Lichtschalter, doch seine Hand war noch nicht auf der Wand angekommen, als er etwas Kaltes an seinem Hals fühlte. Aya hatte sich bemerkbar gemacht.

"Was schleichst du hier so rum?"

"Nimm das Katana runter, oder hast du Angst, ich könnte etwas sehen, was nicht für meine Augen bestimmt ist?"

"Gehen wir auf den Flur."

Yohji blinzelte nur irritiert in die Dunkelheit, trat dann jedoch rückwärts wieder aus dem Zimmer und spürte, wie der gefährliche Druck an seinem Hals wieder nachließ. Aya folgte ihm, und, nachdem er die Tür hinter sich zugezogen hatte, schaltete er die Flurbeleuchtung an. Die nackte Birne glomm auf und verbreitete einen matten, gelben Schimmer um die beiden Männer.

"Wie oft habe ich euch schon gesagt, dass mein Zimmer tabu ist?"

Yohji wurde wütend. Aya kam hier mit Moralpredigten, während Omi und Ken von Schwarz verschleppt wurden. Er stieß das Katana zur Seite, das immer noch in Höhe seiner Kehle in der Luft gehangen hatte und funkelte Aya an. Aya funkelte zurück. Yohji hätte jetzt nicht übel Lust gehabt, dem Rothaarigen eine reinzuhauen. Gleichzeitig wusste er, dass er ohne seine Waffe im stark Nachteil war und es Wichtigeres zu tun gab. "Wir haben andere Probleme."

"Ach ja?"

"Omi ist..."

Aya seufzte laut, und würde er sich benehmen, wie ein normaler Mensch, hätte er jetzt wohl mit den Augen gerollt. Mit einer wütenden Handbewegung schnitt er durch die Luft und Yohji das Wort ab. "Du gehst mir auf die Nerven mit deinem Omi! Seit Wochen höre ich nichts anderes mehr, und in den letzten Tagen hast du mir die Ohren vollgejammert und Ken versucht, ein schlechtes Gewissen einzureden! Lass ihm doch seine sinnlosen Ausflüge, wenn es ihn beschäftigt. Das war doch, was du wolltest, oder? Ihn ablenken. Das brauchst du nun nicht mehr, also was soll das?"

"Er ist weg, und..."

"Dann such ihn meinetwegen. Klappere jede verdammte, leerstehende Wohnung ab, wenn es dir Spaß macht. Irgendwo wird er schon sitzen."

Nun war es mit jeder Selbstbeherrschung und Vorsicht vorbei. Yohji packte Aya am Kragen und stieß ihn mit voller Wucht gegen die Wand. In Ayas Augen flammte erneut Wut auf. Kein Ton kam über seine Lippen und nichts in seinem Gesicht verriet die Schmerzen, die er zumindest kurz gespürt haben musste. "Nun hör mir gefälligst zu, oder muss ich erst damit kommen, dass Ken auch weg ist?" Aya schwieg. Yohji nahm seine Hände wieder weg und trat einen großen Schritt zurück. Aya verharrte an der Wand und zeigte keine Gefühlsregung, aber er schlug auch nicht zurück. Er würde also zuhören, mehr hatte Yohji auch gar nicht verlangt. "Omi und Ken sind von Schwarz verschleppt worden." Immer noch Schweigen. Irgendwie wusste Yohji nicht, ob ihn das erleichtern oder einschüchtern sollte. "Die beiden wurden von Schuldig, Nagi und Farfarello überfallen. Crawford war nicht dabei. Ich bin ihnen heimlich gefolgt, wir waren unbewaffnet und hatten keine Chance, also bin ich zurückgekommen um dich zu holen. Ich denke, sie werden sie ins Schwarz-Hauptquartier bringen."

"Warum?"

"Was?" Yohji sah Aya irritiert an. Er hatte damit gerechnet, dass Aya toben würde. Stattdessen stand er nur ganz ruhig da, stützte sein Katana gegen den rauen Teppich und sah ihn aus ausdruckslosen Augen an.

"Warum wart ihr mitten in der Nacht unbewaffnet unterwegs?"

"Naja, ich..." Yohji senkte seinen Blick und tastete automatisch zu seiner Hosentasche, umfasste durch den schwarzen Stoff sein Zigarettenpäckchen, holte es aber nicht heraus. "Omi ist wieder gegangen, und ich habe Ken hinterhergeschickt, damit er dem endlich ein Ende bereit. Wir wissen doch, was mit ihm los ist, und es tut mir im Herzen weh, wie er jeden Tag hofft, dass Ken ihm folgen oder fragen würde, wohin er geht. Also ging Ken auch."

"Und warum du?"

Yohji schwieg und zog nun doch eine Zigarette. Ayas starrer Blick machte ihn nervös. Er zündete sich die Zigarette an und sah an ihm vorbei auf einen kleinen rostbraunen Fleck an der Wand. Ein alter Blutfleck von Aya, als er sich nach einer Mission verletzt an der Wand vorbei in sein Zimmer geschoben hatte. Das meiste hatten sie danach abbekommen, nur dieser längliche Streifen neben Ayas Tür war geblieben. Ein Andenken an alte Tage.

Aya schwang sein Katana und lehnte es über die Schulter, als er auf Yohji zuging und ihm die Zigarette aus dem Mund riss. "Du wolltest, dass Ken ihm sagt, dass er nicht an ihm interessiert ist und ihn danach trösten, nicht wahr?" Es war keine Frage, aus Ayas Mund war es eine Feststellung, die so selbstverständlich und natürlich klang, dass es Yohji ein flaues Gefühl im Magen bereitete. "Du wirst ihn nicht bekommen, und wenn, dann wärst du nur ein Ersatz für Ken, nichts weiter, warum dann diese Mühe?"

Yohji wusste das, und er hatte sich mehr als einmal den Kopf darüber zermartert. Aber im Vordergrund stand für ihn Omis Wohlbefinden, und das fiel immer mehr in sich zusammen, je länger er vergeblich sehnte und hoffte. Und Yohji litt mit ihm. Es tat ihm weh, Omi so zu sehen, und in den letzten Tagen hätte er alles für ein Lächeln des jungen Assassin gegeben. Doch dazu war nur Ken in der Lage, egal wie sehr es Yohji verletzte. Omi war nicht eines der Mädchen, die sich mit ein paar geschmeichelten Worten und einem charmanten Lächeln um den Finger wickeln ließen, obgleich er etwas sehr Feminines an sich hatte. Omi war anders, von der Tatsache mal abgesehen, dass er ein Junge war. Vielleicht reizte er Yohji deshalb so. Dennoch war da mehr, viel mehr, das Yohji von Omi wollte, Omi aber Ken entgegenbrachte. Er seufzte leise.

 

Aya ließ die Zigarette auf den Boden fallen und ging in sein Zimmer zurück. Das Flurlicht schien matt durch den morschen Rahmen, von dem schon die Farbe bröckelte, und gewährte Yohji einen kurzen Blick in das verborgene Zimmer. Das einzige, was er in diesem Augenblick erhaschen konnte, bis die Tür sich wieder schloss, war etwas Unordnung - auf dem Boden liegende Kleidung und Bettzeug. Gut, bei Aya schon ungewohnt, da er ansonsten pingelig genau auf Ordnung achtete, aber doch kein Grund, es dermaßen vor Yohji zu verstecken. Der Ältere schüttelte etwas irritiert mit dem Kopf und ging dann in sein eigenes Zimmer, um sich umzuziehen und zum Aufbruch bereit zu machen.

 

* * * * *
 

"Man könnte gerade meinen, ich hätte ihm den Schädel eingeschlagen." Schuldig lachte leise. "Dass er so empfindlich ist, hätte ich nicht gedacht. Er kommt wohl doch mehr nach seinem Aussehen."

"Ich hab keine Lust mehr zu warten, wecken wir ihn gewaltsam auf." Farfarello hielt die Arme vor der Brust verschränkt und blickte abwesend auf den schlafenden Körper am Boden.

Schuldig blieb gelassen und legte den Arm um den Weißhaarigen. "Ach Farf, denkst du nicht auch, dass es Gott viel mehr verletzt, wenn er langsam und verwirrt zu Bewusstsein kommt, um in seinen Kopfschmerzen zu baden, ohne das wir auch nur einen Finger rühren müssen und es genießen?"

Farfarello schüttelte den Arm ab und schnaufte verächtlich. "Mach doch was du willst. Ich such mir eine bessere Beschäftigung." Er öffnete die Eisentür und ließ sie schwer wieder ins Schloss fallen.

Schuldig verdrehte genervt die Augen und fuhr sich durch sein langes, rötliches Haar. "Spinner." Nach einigen weiteren Minuten des Wartens stieß er sich von der Wand ab und spazierte um Omi herum, der immer noch keine Anstalten machte, sich zu rühren. Der Deutsche riskierte wieder einen ,Blick' in seine Gedanken und schlug sich entnervt gegen die Stirn. "Ken, Ken, Ken... ich kann es nicht mehr hören!" Er riss Omi am Arm herum auf den Rücken und verpasste ihm mit der Faust einen harten Schlag ins Gesicht. Erleichterung machte sich in seinem Gesicht breit. "Gut, jetzt denkt er mal an gar nichts... aufwachen tut er aber auch nicht... ach, was soll's." Er beugte sich über den jungen Körper und platzierte seine Knie rechts und links von Omis Hüften, mit der Hand strich er durch das dunkelblonde Haar und zog daran seinen Kopf vom Boden. "Bevor du wieder anfingst, zu denken sollte ich vielleicht ein paar Richtlinien vorgeben." Ein breites Grinsen formte sich auf seinen Lippen, als er Omis Kopf wieder auf den kalten Beton fallen ließ.

 

* * * * *
 

Ihm war so warm, auf eine erstaunlich angenehme Art und Weise. Ob er in seinem Bett war? Nein, das konnte nicht sein. Er spürte, dass er auf einem harten Untergrund lag, aber es war so schön warm. Omi wollte sich zur Seite drehen und zusammenrollen, doch der Druck auf seinen Hüften ließ ihn nicht. Seine Hände ertasteten seine Umgebung, über den harten Boden in die Richtung, in der er das fremde Gewicht spürte. Ein Körper. Ein warmer Körper... "Hm?" Omi blinzelte benommen und sah auf, in das Gesicht, das sich über ihn beugte und breit angrinste.

"Hallo Kleiner."

Die Stimme kam ihm bekannt vor. Eine Weile starrte er einfach nur auf dieses Gesicht, bis seine Augen sich aus dem Ruhezustand verabschiedeten und er endlich wieder scharf sehen konnte. Da saß Ken über ihm gebeugt und lächelte. Ken? "Ken!" Omi riss die Augen weit auf und warf sich dem Freund um den Hals. "Ich dachte, sie hätten dich umgebracht!"

Ken lachte leise und strich Omi über die runden Wangen. "So schnell zieht man mich nicht aus dem Verkehr, das solltest du wissen. Aber sie haben uns eingesperrt, wer weiß, was noch kommt."

Unkontrolliert begann Omi zu schluchzen. Sein ganzer Körper zitterte unter den Tränen, die ihm über die Wangen liefen. Er erinnerte sich an den Überfall, an Farfarellos Hieb mit dem Dolch und Ken, wie er schwer atmend in seinen Armen nach vorn gesackt war. Er hatte solche Angst um ihn gehabt, aber jetzt war er hier und es schien ihm gut zu gehen. Welch ein Glück! "Wie... wie geht es... deiner Wunde?" stotterte Omi, und klammerte sich noch fester an den warmen Körper. Ken streichelte über seinen Rücken und erwiderte die Umarmung. Das war so schön... wie ein Traum, wie die Erfüllung eines Traumes. Danach hatte Omi sich immer so sehr gesehnt.

"Halb so wild. Wir sind schon fast zwei Wochen hier, ich dachte schon, du wachst gar nicht mehr auf."

"Zwei Wochen?" Omi sah zu Ken auf, in dieses freundliche Gesicht, die schokoladenbraunen Augen, die ihn so liebevoll ansahen. "Was ist mit Yohji und Aya? Die Kritiker? Sie müssten uns doch schon gefunden haben!"

Kens Blick wurde mit einem Mal traurig und bekam diese Mitleidsspur. Omi war verwirrt, als Ken sich mit ihm im Arm nach vorne beugte und auf den Boden legte, bevor er sich aus der Umarmung befreite und die Arme rechte und links von ihm gegen den Beton stemmte. "Ach, Omi." Wieder strich er ihm über die Wangen, wischte die Tränen weg, die langsam begannen zu trocknen, und griff nach Omis Hand, um sie zu seinem Mund zu führen und zu küssen. "Ich weiß nicht, was los ist. Es tut mir so leid."

"Aber du kannst doch nichts dafür." Omis Hand begann, unter Kens Kuss zu zittern. Was war in den zwei Wochen passiert, dass Ken sich ihm so offenbarte? Oder hatte er sich solche Sorgen um Omi gemacht, dass er sich einfach nicht mehr zurückhalten konnte? Omi wollte lächeln, doch diese Wärme überrollte ihn plötzlich wie eine Lawine, und so schloss er nur die Augen und genoss die Zärtlichkeiten, auf die er so lange gewartet hatte. Sie könnten sich auch noch später darüber Gedanken machen, wie sie hier wieder rauskamen. Im Moment zählte nur, dass er mit Ken allein war. Mit seinem Ken. Seine Stirn begann zu glühen, als Ken den Kuss abbrach und seine Hände zärtlich über Omis Shirt glitten, sich einen Weg darunter bahnten und es nach oben schoben. Omi sog scharf nach Luft, sein Kopf tat weh, er war verwirrt. Wieso so plötzlich? Wieso erst jetzt? Wieso hier?

"Schhht." Ken legte seine Lippen an Omis Ohr und blies leicht hinein. "Es ist alles in Ordnung."

Omi öffnete die Augen, doch sein Blick war wieder verschwommen. In seinem Kopf hämmerte es wild, und er konnte durch seine Hose Kens Erregung seiner eigenen spüren. Kens Hände ließen von seinem entblößten Oberkörper ab und wanderten tiefer, um erst seine, dann Omis Hose zu öffnen und ein Stück nach unten zu ziehen. Omi wollte protestieren, das ging ihm alles ein bisschen zu schnell, doch sein Körper gehorchte ihm nicht mehr und kein Wort kam über seine Lippen. Sein Becken hob sich wie automatisch Kens entgegen und ein leises Stöhnen entkam ihm, als Ken begann, langsam auf und ab zu rutschen.

"Man sollte sich nicht gegen Dinge wehren, die einem gefallen, Omi. Genieße es einfach und lass mich nur machen."

Wenn es so einfach war, warum hatte er dann so lange darauf warten müssen? Warum hatte nichts an Kens Verhalten ihn früher verraten? Das passte nicht ganz zusammen, aber vielleicht musste es das auch gar nicht. Vielleicht sollte es auch einfach so sein. Es gab Dinge, die konnte man nicht erklären, warum es dann versuchen und nicht das tun, was Ken ihm gesagt hatte: Genießen. Endlich das spüren, wovon er immer geträumt hatte?

Jetzt war es ein schmerzhaftes Stechen in seinem Kopf. Sein Blick war müde, und Omi fürchtete wieder ohnmächtig zu werden. Warum gerade jetzt? Die Hitze, die durch seinen Körper schoss, machte ihn schläfrig. Das gefiel ihm nicht. Er hörte neben dem leisen Stöhnen von Ken das laute Knacken einer Tür und legte den Kopf zur Seite. Die Tür öffnete sich, und er konnte die Konturen von zwei Gestalten erkennen, die hereinkamen. Er versuchte, seinen Blick wieder zu schärfen, in seinem Kopf hämmerte es jetzt noch wilder. Das Stechen wurde durch einen unerträglichen Druck ersetzt, dass Omi meinte, sein Kopf würde explodieren. Farfarello, er konnte Farfarello sehen. Er brachte jemanden mit, aber das war kein Mitglied von Schwarz, das war... "Ken?" Omi flüsterte, er wollte schreien, wollte aufspringen, es ging nicht. Er war völlig erschöpft und konnte sich kaum noch rühren. Was passierte nur?

Ken sah ihn mit großen Augen an und starrte dann auf die Person über ihm. Omi verstand nicht. Wie konnte Ken an der Tür stehen, wenn er doch auf ihm lag? Wieder drehte er den Kopf, doch er sah wieder nur Ken. Wie war das möglich?

Farfarello knurrte leise und stieß den anderen Ken dann in das Zimmer, so dass er zu Boden fiel und aufkeuchte. Seine Hand legte sich zitternd auf seinen Bauch. Er hatte Schmerzen dort. Die Stichwunde? Aber das war doch jetzt zwei Wochen her. Aber das konnte doch auch gar nicht Ken sein. "Das war ja klar gewesen. Gibt es eigentlich auch mal Momente, in denen du nicht an Sex denkst, Schuldig?"

Schuldig? Omi betrachtete den Ken über sich genauer. Da war doch gar kein Schuldig.

"Geh von ihm runter du Mistkerl!" Der andere Ken rappelte sich wieder auf und kam auf sie zu. Er taumelte und sein Gesicht war wutverzerrt. Was war hier bloß los?

"Ich versteh gar nichts mehr", flüsterte Omi leise und schloss die Augen. Seine Lider waren so schwer, und sein Körper versagte völlig in seinem Dienst.

Farfarello seufzte. "Komm schon, Crawford will uns sprechen. Tob dich später an ihm aus, der ist doch eh nicht mehr ganz da."

Der Ken über ihm lachte laut, aber es war ein fremdes Lachen. "Sekunde."

Omi spürte, wie ein Ruck durch seinen Körper fuhr. Sein Herz setzte für einen Schlag aus, und seine Glieder zogen sich plötzlich mit ungeahnter Kraft zusammen. Er stöhnte leise. Was war das gewesen? Der Druck auf ihm ließ nach, Ken musste aufgestanden sein. Alles wurde kalt, nur in seinem Schritt blieb es seltsam warm. Er blinzelte noch mal und sah an zwei langen, schlanken Beinen hoch. Sah Hände, die die Hose schlossen und das Shirt wieder gerade richteten. Sah noch höher und rötliche Haarspitzen, die hinter die Schultern geworfen wurden. "Schuldig?"

"War schön mit dir, Kleiner."

 

* * * * *
 

"Ich habe ein komisches Gefühl." Yohji lehnte sich im Sitz zurück und starrte auf den kleinen, blinkenden Punkt auf dem Bildschirm. Sie würden noch eine Weile brauchen, bis sie den Ort erreicht hatten, den der rote Punkt markierte. "Stell dir mal vor, Omi hätte nicht seine Uhr an, dann würden wir sie so schnell nicht finden. Was bin ich froh über die heutige Technik."

"Wozu eigentlich die kleine Wanze?" Aya blickte stur geradeaus. Als würde das leise Piepen ihm sagen, wo er lang fahren müsse, ohne auch nur einen Blick auf die Anzeige werfen zu müssen.

Yohji griff nach seinen Zigaretten, zog seine Hand jedoch schnell wieder zurück. Er sollte Aya nicht unnötig provozieren, das würde nicht gut gehen. "Ich hab mir Sorgen um ihn gemacht, als er ständig seine seltsamen Ausflüge gemacht hat. Ich wollte nur sehen, wohin er so geht, ohne ihm folgen zu müssen. Das Risiko, entdeckt zu werden, war zu hoch." Er sah aus dem Fenster und musterte die Protestuirten, die den Bürgersteig säumten. Auf unzähligen Leuchtreklamen wurden Alkohol, leichte Frauen und Spaß angekündigt. "Es ist schon eine blöde Situation. Vielleicht hätten wir ihm von Anfang an einweihen sollen."

"Was hätte das gebracht?"

Yohji sah Aya überrascht an. "Wie meinst du das?"

Aya ließ sich Zeit mit seiner Antwort, und zum ersten Mal, seit sie losgefahren waren, warf er einen Blick auf die Anzeige, um dann in eine scharfe Linkskurve zu gehen und fester ins Pedal zu treten. "Hätten wir ihm gesagt, was los ist, wäre es ihm noch schlechter gegangen oder? Stell dir vor, du liebst jemanden... okay..." Aya atmete tief durch und lehnte sich nun ebenfalls tiefer in seinen Sitz. "Stell dir vor, nach all der Zeit, in der du für Omi schon etwas empfindest, stellt sich plötzlich heraus, dass er die ganze Zeit schon vergeben war und alle außer dir Bescheid wussten. Wie würdest du dich da fühlen oder: Wie würdest du da reagieren? Omi ahnt, dass etwas nicht stimmt, aber er weiß nicht was, und denkt, wenn er selbst so tut, als würde er etwas vor uns verheimlichen, würden wir schon mit der Sprache rausrücken. Wer weiß, wie lange das noch so weitergeht. Wahrscheinlich wird er irgendwann aufgeben und sich damit abfinden, bei Ken keine Chancen zu haben. Und irgendwann wird er sich in jemanden verlieben, der seine Gefühle erwidert. Dann würde es ihn nicht mehr so verletzen, wenn er herausfindet, warum genau er denn bei Ken keine Chancen hatte und was die ganze Zeit hinter seinem Rücken abgelaufen ist. Er würde es verstehen. Hätten wir es ihm aber gleich erzählt, wäre eine Welt für ihn zusammengebrochen. Er wäre zu nichts mehr zu gebrauchen gewesen. Es kommt nicht auf die Art der Mittel an, mit denen man ein Ziel verfolgt, sondern auf das Ergebnis."

"Und wenn Ken es ihm mittlerweile gesagt hat?"

"Dann vergiss, was ich eben gesagt habe, daran kann man nichts mehr ändern. Hör zu." Aya stoppte den Wagen und nahm die Hände vom Lenkrad. Er drehte sich zur Seite und sah Yohji eindringlich an, der seinen Blick fragend erwiderte und sich nach seinen Zigaretten sehnte. "Wir sind wegen dir hier! Wärst du nicht in sein Zimmer gegangen, wäre er heute Nacht nicht noch einmal aufgebrochen! Noch dazu unbewaffnet. Du hast Ken hinter ihm hergeschickt und damit ebenfalls in Gefahr gebracht! Wir haben weder Manx noch Bierman Bescheid gesagt und machen das hier auf eigene Gefahr. Ich komme nur wegen Ken mit, ansonsten könntest du sehen, wie du ihn wieder da raus bekommst! Ich bin nicht euer Babysitter und habe keine Lust, euren Müll auszubaden. Wenn wir sie da raus haben, wäscht du ihm gefälligst den Kopf oder ihr könnt sehen, wo ihr bleibt, hast du mich verstanden?!" Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern wollte den Wagen wieder starten, als Yohji ihn an den Schultern packte und schüttelte.

"Es kotzt mich an, wie wenig dir an deinen Kameraden liegt, die nachts mit dir kämpfen. Ich weiß, du bist nur bei uns geblieben, um Takatori zu erledigen, und jetzt nur noch wegen Ken da, und ich weiß, du hast Omi auf dem Kieker, weil er auch ein Takatori ist, auch wenn du etwas anderes behauptest. Du trägst mit deiner Haltung dazu bei, dass Weiß zerbrechen wird, denn es kümmert dich einen Scheißdreck, was aus Omi oder mir wird. Du würdest uns sogar auf Befehl töten und vielleicht sogar Ken, ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass wir die letzten Tage und Wochen nicht gerade ein Paradebeispiel für ein Team waren, und sicher werde ich mit ihm reden, aber hör in Gottes Namen auf über Omi zu reden, als wäre er eine Krankheit!"

Aya stieß Yohji mit einem wütenden Funkeln in den Augen weg und musste sich sicherlich schwer beherrschen, nicht auf ihn einzuschlagen, denn er schrie fast und seine Augen spiegelten seine Gewaltbereitschaft wieder. "Es ist meine Sache, was ich tue und was nicht, und wenn ihr beide so weiter macht, habe ich tatsächlich einen Grund euch auf Befehl zu töten, vielleicht tu ich es dann auch freiwillig. Dass Omi ein Takatori ist, hat nichts damit zu tun, ich habe ihm gesagt, dass ich ihn nicht dafür halte und das meine ich auch. Warum sollte ich in diesem Punkt lügen? Wenn ich nicht dieser Ansicht wäre, hätte ich gar nichts gesagt! Es ist mir auch egal, was du von mir hältst, so lange unsere Missionen erfolgreich laufen, hat keiner einen Grund sich zu beschweren!"

"Du und deine Missionen, ist das das einzige, woran du denken kannst? Auch mal daran gedacht, dass Ken und Omi trotz allem gute Freunde sind, dass wir das alle sind? Herrgott, Omi betrachtet sogar dich als seinen Freund! Ob es dir passt oder nicht, wir sind ein Team, wir haben alle harte Schicksalsschläge hinter uns und sind nicht aus Watte gemacht. Du bist nicht der einzige, der Probleme hat, ich habe immer versucht, geduldig zu sein und dich zu nehmen wie du bist, aber du treibst mich in den Wahnsinn damit! Ich verstehe Omi nicht, er verteidigt dich jedes Mal."

"Ich brauche seinen Beistand nicht!"

"Nein, aber er deinen!" Yohji atmete schwer und kümmerte sich nicht mehr darum, dass in Ayas Auto Rauchverbot herrschte. Nach dem ersten Zug fühlte er sich schon um einiges besser und wendete seinen Blick von dem Rothaarigen ab, um aus dem Fenster zu starren und sein wippendes Bein wieder zu beruhigen. Aya sagte nichts mehr. Er startete den Wagen wieder und ließ die Reifen quietschen, als er den Standstreifen verließ und weiter dem vorgezeichneten Weg auf dem Monitor folgte. Yohji musste innerlich grinsen. Es kam selten vor, dass Aya so viel redete oder sich gar verteidigte. Und dass es ihm die Sprache verschlagen hatte, war nur zu deutlich, auch wenn man ihm wie immer nichts ansah. Das beste war aber noch, dass er rauchte und Aya nichts dagegen sagte. Yohji wusste nicht wirklich, wie es weitergehen sollte, wenn sie Omi und Ken von Schwarz weggeholt hatten, er wusste nur, dass es nicht einfach werden würde, sie zu befreien, und sie sich keinen Fehler erlauben durften. Aber Aya war ein gewissenhafter Mensch. Immerhin war er auf Missionen zuverlässig, und das hier war ihre gemeinsame Mission.

 

* * * * *
 

Als er wieder aufwachte, war ihm furchtbar kalt. Ohne sich seiner Handlung wirklich bewusst zu sein, brachte er sich in eine sitzende Position und stöhnte vor Schmerzen auf. Sein Kopf hämmerte wieder wie verrückt, und sein Nacken schien so hart wie der Beton, auf dem er saß. Mit angestrengtem Blick betrachtete er den leeren, kahlen Raum, die schwere Eisentür, die verschlossen war, und schließlich Ken, der neben ihm an der Wand gelehnt saß. Ihre Blicke trafen sich, und Omi schaute weg. Hatte er wirklich mit Schuldig...? Aber er hatte doch gar nicht gewusst, dass es Schuldig gewesen war, doch selbst das würde er Ken nicht sagen können. Er würde sich verraten... obwohl, Ken hatte ihn geküsst. Auch wenn er gedacht hatte, Omi würde schlafen. Vielleicht könnte er sich ihm dann doch anvertrauen, er würde es verstehen. Bestimmt. Er sah an sich herunter und stellte fest, dass sein Shirt wieder gerade saß und seine Hose geschlossen war. Selbst wenn er früher herausgefunden hätte, dass es sich um Schuldig gehandelt hatte, hätte er sich doch nicht wehren können. Er konnte doch wirklich nichts dafür, aber warum wagte er es dann nicht, Kens Blick zu erwidern, und warum sagte Ken nichts? Omi ließ sich nach vorn fallen, um auf allen Vieren zur Wand zu kriechen und die gleiche Haltung wie Ken einzunehmen. So saßen sie nun nebeneinander, mit ein paar Zentimetern Abstand, und schwiegen. "Wie... geht es deiner Wunde?" Omis Stimme zitterte leicht, und er musste sich schwer beherrschen, nicht laut über die Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren war, zu schimpfen, wie er es am liebsten getan hätte.

"Geht schon... Omi?"

"Ja?"

Ken rutschte kurz auf seinem Platz hin und her und sah Omi dann direkt an. Der Jüngere konnte es spüren, erwiderte jedoch nicht.

"Hast du es gewusst? Das mit... mit Schuldig."

"Nein."

"Warum hast du dich dann nicht gewehrt?"

Omi wurde mit einem Schlag noch kälter, als ihm ohnehin schon war. Er zog seine Beine näher und schlang die Arme darum. Kens Blick wurde langsam unangenehm, und Omi wusste nicht, wo er hinsehen sollte. Er stützte sein Kinn auf seine Knie und fixierte die Tür. "Ich dachte, er wäre jemand anders. Und selbst wenn ich es gewusst hätte, hätte mir das nicht viel geholfen." Dass er sich zu schwach gefühlt hatte, wollte er nicht zugeben. Er wollte vor Ken nicht schwach erscheinen.

"Wer denn?" kam es schließlich nach einer Weile und Omi zuckte zusammen. Er wusste genau, was Ken wissen wollte, und er hatte Angst vor der Reaktion. Er war sich plötzlich gar nicht mehr so sicher, dass Ken ihn verstehen würde. Er überlegte, wie er am geschicktesten antworten könnte, als Ken mit einem Namen alle Gedanken über den Haufen warf. "Yohji?"

"Yohji?" Omi hob nun seinen Blick und drehte seinen Kopf zur Seite, um Ken anzusehen. "Warum Yohji?"

"Naja..." Ken begann, etwas nervös mit seinen Fingern zu spielen. "Wir wissen ja, dass Schuldig jeden von uns in einem schwachen Moment mit Gedanken beeinflussen kann. Er wird dir wohl vorgegaukelt haben, Yohji zu sein, deshalb hast du dich auch nicht gewehrt, stimmt's?"

Das mit den Gedanken vielleicht, aber... "Nein, ich hatte nicht Yohji vor Augen!"

Ken seufzte wissend und lehnte den Kopf gegen die Wand. Sein Blick glitt über die graue Decke, als er sich plötzlich mit einem Ruck zur Seite lehnte und nach Omis Hand griff. Omi zuckte zusammen und wollte sie zurückziehen, doch Ken hielt sie hartnäckig fest und sah Omi traurig an. "Ich weiß es, Omi. Ich weiß, wen du geglaubt hast zu sehen, und ich möchte es dir nicht weiter verschweigen. Die letzten Tage haben gezeigt, wohin das führt." Er machte eine Pause und holte tief Luft. Omi begann zu zittern. Was würde Ken ihm jetzt sagen? Der junge Sportler beugte sich weiter nach vorne, und als Omi sich konzentrierte, konnte etwas von seinem unverkennbaren Duft riechen, den er so sehr liebte. Er beugte sich Ken entgegen und war mit einem Mal fest entschlossen, ihn zu küssen, als die Tür sich öffnete und Nagi mit Farfarello das kalte Gefängnis aus Beton betraten.

"Beweg dich Tsukiyono, Crawford will dich sehen!"

 

* * * * *
 

Sie liefen einen schmalen, schwach beleuchteten Gang entlang. Nagi vor ihm, den Weg weisend, Farfarello als Schlusslicht. Omi versuchte, gleichgültig zu erscheinen, doch die Präsenz des vernarbten Irren hinter ihm machte Omi Angst. Niemals dem Feind den Rücken kehren und schon gar nicht so einem, aber welche Wahl hatte er denn? Selbst bewaffnet hätte er gegen die beiden Schwarz Mitglieder keine Chance, und wenn doch, wusste er nicht, wie er hier rauskommen könnte. Um sie herum nur kalter Beton und einige Eisentüren, die den Gang säumten, keine ersichtliche Fluchtmöglichkeit. Außerdem war Ken noch da. Er konnte ihn doch nicht einfach allein lassen. Er war verletzt und wäre Schwarz vollkommen ausgeliefert. Sein Leben konnte und wollte Omi nicht riskieren, nicht, nachdem sich die Wirrungen der vergangenen Wochen und Tage endlich lösten und ein heller Lichtstrahl in Omis dunkle Gefühlsweg vorgedrungen war.

"Beweg dich!" Farfarello schubste Omi auf einen Treppenaufstieg zu, der ins Dunkle führte. Nagi war schon nicht mehr zu sehen, nur seine Schritte, die im Gang widerhallten, zeugten noch von seiner Anwesenheit. Omi folgte der Aufforderung und trat in völlige Schwärze. Die Stufen ließen sich nur ertasten, bis Nagi eine Tür öffnete und ihm grelles Licht entgegenflutete. Omi hielt sich die Hand vor Augen und lief blind weiter, bis Farfarello ihm einen kräftigen Schubs verpasste und er über die letzte Stufe nach vorn stolperte. Der junge Assassin reagierte nicht schnell genug und schlug der Länge nach auf dem Boden auf.

"Konntest es wohl kaum erwarten, mich wiederzusehen, eh?" Schuldig ging vor ihm in die Hocke und grinste breit. Omi hätte kotzen können. Allein schon der Gedanke, dass er... vor Ken... mit einem mühseligem Seufzer rappelte er sich wieder auf und stieß beim Rückwärtsgehen gegen Farfarello, der die Tür hinter ihnen wieder geschlossen hatte. "Nur keine falsche Bescheidenheit, ich weiß doch, dass es dir gefallen hat." Der Deutsche streckte die Hand nach Omi aus, doch der schlug sie weg und zog die Augenbrauen verärgert zusammen.

"Du..." Omi versuchte die richtigen Worte zu finden, die seine Abscheu für Schuldig klar ausdrückten, doch Schuldig winkte nur ab und kehrte ihm den Rücken zu.

"Spar dir die Töne. Ich muss nicht einmal deine Gedanken lesen, um zu wissen, was du denkst. Ach, es könnte so einfach sein, warum müsst ihr komischen Typen immer alles so verkomplizieren? Was ist so schlimm an etwas Spaß?"

"Spaß?" Omi spuckte dieses Wort aus, als wäre es etwas Abscheuliches, an das man nicht einmal denken sollte. In diesem Fall war es mehr der Zusammenhang, der Omis Stimme diesen verächtlichen Ausdruck gab. "Du Irrer... du... du... Psychopath!"

"Ah!" Schuldig setzte sich grinsend in einen weißen Ledersessel und hob tadelnd den Finger. "Das ist Farfarellos Bezeichnung, verärgere ihn bloß nicht."

"Na dann können wir ja anfangen." Crawford schlug ein Bein über das andere und legte seine Hände auf sein Knie. Ein selbstsicheres, gefühlloses Auftreten, wie Weiß es von dem Orakel gewohnt war. Nichts Neues. Nur ein Grund mehr, sich auch weiterhin hier auf keinen Fall wohl zu fühlen. "Wie geht es deinem Freund?" Crawfords Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Omi ließ seinen Blick durch den Raum schweifen und stoppte schließlich an der großen, prunkvollen Kristalllampe, die an der Decke hing und das Zimmer in ein warmes, gelbes Licht tauchte. Eine Antwort gab er nicht.

"Er hat dir eine Frage gestellt!" Farfarello stieß Omi nach vorne, so dass dieser auf seine Knie sackte. Seine Reaktionen waren erschreckend lahm. Omi schob es auf seinen Geisteszustand, der ein heilloses Durcheinander war. Ihm fehlte der Durchblick. Etwas Ruhe wäre jetzt schön.

"Später, mein Kleiner. Ich besorge dir ein gemütliches Plätzchen auf meinem Bett, wenn du jetzt schön brav bist und unsere Fragen beantwortest." Schuldig zeigte wieder sein abscheuliches Grinsen, und Omi nahm sich fest vor, an gar nichts mehr zu denken, bis der Deutsche nicht mehr in seiner Nähe war.

"In Ordnung. Lassen wir diese nutzlose Kommunikation weg und gehen zum Wesentlichen über." Crawford richtete seinen Blick starr auf Omi, dem dies mehr und mehr unangenehm wurde. Er musste stark bleiben, und dieser eindringliche Blick wirkte wie Röntgenstrahlen, die alles offenbarten. "Wir suchen jemanden, Bombay, und da du diese Personen kennst, kannst du uns doch bestimmt auch sagen, wo sie sich befinden. Also?"

"Also was?" knurrte Omi leise und weigerte sich, seinen Blick von der Kristalllampe zu nehmen.

"Wo ist der Hauptsitz der Kritiker?"

"Das weiß ich nicht."

Crawford lächelte leise und nickte dann Farfarello zu. Der riss Omi wieder auf die Beine und versetzte ihm einen harten Schlag in den Magen. Omi stöhnte auf und ließ sich hängen. Das bisschen Kraft, die noch in seinem Körper gewesen war, war mit diesem Schlag aus seinen Lungen gepustet worden. Etwas Ruhe, nur etwas Ruhe, mehr wollte er doch gar nicht. Mehr brauchte er vielleicht auch gar nicht, um sich endlich zu sammeln und nicht diesen erbärmlichen Eindruck bei Schwarz zu hinterlassen.

"Bringt ihn wieder zu dem anderen. Er wird schon reden, und das auch ohne dass wir uns die Finger schmutzig machen."

"Aber ich weiß es doch wirklich nicht", keuchte Omi und klammerte sich haltsuchend an Farfarellos Arm, der ihn umschlang. Wie er es hasste, so schwach zu sein.

"Und wenn schon. Mit deiner Hilfe werden wir sie früher oder später bekommen. Wir haben Zeit." Crawford lächelte. Ein kaltes Lächeln. Omi schaute weg und ließ sich von dem Iren zurück zu der dicken Eisentür ziehen, hinter der die Treppe lag.

"Äh... Brad?" Schuldig sprang auf und machte ein paar Schritte auf Crawford zu, der sich mit einer langsamen, fließenden Bewegung zu ihm umdrehte und böse anfunkelte.

"Wie bitte?"

"Oh..." Schuldig kratzte sich etwas verlegen am Hinterkopf und lächelte entschuldigend. "Entschuldige... Crawford. Kann ich ihn", er nickte in Richtung Omi "mit auf mein Zimmer nehmen? Es ist doch langweilig, ihn gleich wieder wegzusperren, warum nicht genießen, wenn mal was Nettes im Haus ist?"

Crawford seufzte kaum hörbar auf und warf Omi selbst noch einmal einen Blick zu. Der starrte nur aus großen, blauen Augen zurück und schüttelte leicht mit dem Kopf. Ein zum Scheitern verurteilter Versuch, Crawford von einem 'Ja' abzuhalten. Durch Omis offensichtlichen Unmut rückte ein 'Nein' nur noch weiter weg. "Meinetwegen, aber nicht in dein Zimmer. Unten sind genügend leerstehende Räume. Vielleicht bringt es ihn schneller zum Reden, wenn du dich ein bisschen mit ihm beschäftigst."

Omi begann wild in Farfarellos Umklammerung zu strampeln, als Schuldig im grinsend seine Hand ums Kinn legte und festhielt. "Wir werden viel Spaß miteinander haben, kleiner Bombay. Ich weiß schon, wie ich dich kriege. Ist das nicht toll? Wir werden beide unseren Spaß haben, und dennoch wird es dich vernichten." Er öffnete die Tür und lachte noch einmal laut auf. "Dass ich auch so verdammt gut sein muss."

 

* * * * *
 

Yohji sah nach oben und nickte dem Schatten zu, der sich zwischen den Baumwipfeln bewegte und die Äste streifte, ohne ihnen einen Laut zu entlocken. Erst als dieser bewegliche Schatten scheinbar mit denen der Baumkronen verschmolz, richtete er sich wieder geradeaus dem Licht zu, das aus den geschlossenen Fenstern drang. Mit dem Mittelfinger schob er sich seine Sonnenbrille weiter den Nasenrücken hinauf und war im Begriff, sich durch die dichten Büsche einen Weg näher an die weiße Villa heranzubahnen, als ihn etwas an der Schulter berührte. Mit einem Ruck schnellte er herum und hob seinen rechten Arm, bereit, unverzüglich anzugreifen, als er Ayas gleichgültigem Blick begegnete. Kaum hörbar seufzte er auf und verdrehte die Augen hinter den schwarzen Gläsern.

"Aya, du..."

"Scht." Aya hob einen Finger an seine Lippen und nickte zu einem der Fenster. "Sie haben ihn in den Keller gebracht. Schwarz ist komplett. Farfarello und Schuldig sind ebenfalls auf dem Weg nach unten."

"Und Ken?" Um ehrlich zu sein, war Ken für Yohji im Moment zweitrangig, dennoch interessierte ihn, was mit dem Vierten in ihrem Bunde war. Nicht zuletzt wegen Omi und der Tatsache, Aya abzugewöhnen so zu tun, als würde er ihn nur flüchtig kennen. Zumindest jetzt, wo Omi nicht bei ihnen war, konnte er sich doch ein wenig offener zeigen.

"Ich habe ihn nicht gesehen." Aya schob sich an Yohji vorbei und verschwand in einem der Büsche.

"Ahm... Aya?" Yohji folgte zögernd und rückte zu Aya auf. "Wie ist der Plan?"

Aya stoppte abrubt und sah Yohji mit zweifelnder Faszination an. "Wir gehen rein und holen sie raus."

"Ja, klar." Yohji konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und schob sich durch das Blättergewirr an dem rothaarigen Assassin vorbei. "Also", setzte er erneut an und drehte sich im Gehen zu dem Freund um. "Wie genau ist unser Plan?"

"Das ist der Plan." Und schon war Aya in eine andere Richtung verschwunden.

"Das..." Yohji stand wie angewurzelt da und starrte Aya hinterher, oder zumindest in die Richtung, in der er ihn zuletzt gesehen hatte. "Und Plan B?" fragte er hastig, erhielt jedoch keine Antwort mehr. "Verliebt ist er wirklich unausstehlich."

 

* * * * *
 

"Nein, das ist doch nicht dein Ernst." Schuldig besah sich den Kellerraum, in dem er, Farfarello und Omi sich gerade befanden, und schüttelte beschwörend mit dem Kopf. "Fa-fa-rello..."

"Ich hole nichts, verstanden?! Gar nichts!"

"Aber hier drin gibt es nicht einmal eine Matratze!"

"Ich dachte, der da ist deine Matratze." Farfarello verpasste Omi einen Schubs, wie er es auf dem Weg nach unten des Öfteren so gern getan hatte, und verschränkte die Arme vor der Brust. "Ich gehe in mein Zimmer." Er drehte sich um, und wollte den Raum verlassen, als er das breite Grinsen, das sich auf Schuldigs Gesicht breit machte, förmlich spüren konnte. "Was?"

"Hm..." Schuldig legte seine Hand um sein Kinn und ließ seinen Blick scheinbar nachdenklich an den grauen Betonwänden entlang streifen, bis er zur Decke kam und ein paar Mal im Kreis ging.

"Was?!" Wiederholte Farfarello nun wesentlich lauter und beäugte den Deutschen misstrauisch.

"Ich frage mich..." Schuldig schlich sich hinter Farfarello und schielte erneut zur Decke, während er seinen Arm um den Iren legte. "Wie lange es dauert, die Verankerungen für deine Fesseln von der Wand in deinem Zimmer nebenan an diese hier zu bringen."

"Wozu?"

"In deinem Zimmer steht ein Bett."

"Vergiss es!" Farfarello stieß Schuldig zur Seite und zog die Stahltür wieder auf. "Nur weil ich meines nie benutze, heißt das noch lange nicht, dass ich es dir überlasse!"

"Aber es wäre doch nur für eine Weile."

"Nein."

"Eine kleine Weile."

"Vergiss es."

"Eine klitzekleine Weile."

Farfarello schüttelte mit dem Kopf und trat auf den schwach beleuchteten Gang hinaus.

"Nun hab dich nicht so, darfst auch zuschauen!"

Farfarello schlug die Stahltür mit solch einer Kraft zu, dass ein lauter, metallischer Knall ertönte und Schuldig das Gesicht verzog. "Das ist ja so typisch!" Er lehnte sich gegen die Tür und verschränkte die Arme lässig vor der Brust. "Da gibt man ihm eine Zwangsjacke, wäscht sie einmal die Woche, fesselt und füttert ihn, und wozu? Undankbares Pack!" Er seufzte laut auf und atmete dann tief durch.

 

Omi hatte sich nach Farfarellos Stoss nicht mehr vom Fleck bewegt und sah gedankenverloren auf eine kleine Einkerbung auf dem Boden. Was Ken wohl gerade tat? Ob es ihm gut ging? Wer weiß, wie Schwarz ihn verarztet hatte, die Wunde könnte sich entzünden, und er könnte genau in diesem Moment große Schmerzen haben. Und was tat Omi? Er stand hier mit dieser notgeilen Grinsekatze und hatte keine Ahnung, was er tun sollte. Er besaß im Moment ja noch nicht einmal die nötige Kraft, sich zu wehren. Wie sollte er Ken helfen, wenn sein eigener Überlebenstrieb genau dann den Geist aufgab, wenn er gebraucht wurde? Am liebsten hätte er sich auf den Boden geworfen und wie ein Kleinkind angefangen zu weinen, aber dazu war er zu stolz. Nicht weinen, auf gar keinen Fall! Er war kein kleines Kind mehr, und die Blöße würde er sich niemals freiwillig geben. Er war ein Mitglied von Weiß, er war ein Assassin, dann würde er sich gefälligst auch wie einer benehmen!

"Das war wohl nichts." Omi trat neben Schuldig an die Stahltür und starrte sie an, als könne er durch sie hindurch sehen. "Warum die ganze Mühe? Lässt sich keiner mehr freiwillig von dir nehmen?" Wie schnell doch solche Worte rausrutschen konnten... Omi war über sich selbst überrascht. Schuldig runzelte nur die Stirn, aber auch das konnte ein Anflug von Überraschung sein. "Ich weiß nicht, was ihr wollt. Ich weiß nicht, wo der Hauptsitz der Kritiker ist, und selbst wenn ich es wüsste, würde ich es euch nicht sagen."

"Das ist mir klar, Kleiner."

"Wie..." Omi sah überrascht zu Schuldig auf. "Aber warum fragt Crawford dann danach?"

Der würdigte Omi keines Blickes, bis dieses Wohlbekannte Grinsen wieder auftauchte und er noch gelassener wirkte denn je. "Was machst du alles für eine Antwort?" Er blinzelte ihm von der Seite zu und schlang dann plötzlich seine Arme um den zierlichen Körper. "Komm mein Kätzchen, lass uns ein wenig spielen gehen."

 

* * * * *
 

"Wir können da nicht einfach reingehen und sie rausholen, verdammt! Ist dir dein Verstand nun endgültig in die Hose gerutscht?!" Yohji erntete für diese Bemerkung ein böses Funkeln in Ayas Augen, aber immer noch keine Antwort. Seit einer guten, halben Stunde saßen sie nun schon an der Wand auf der Rückseite der Villa und warteten... wenn man das denn Warten nennen konnte. Yohji hatte im Grunde genommen keine Ahnung, was sie hier gerade taten. Aya antworte weder auf seine Fragen, noch reagierte er auf seine Bemerkungen, er saß einfach nur da, starrte vor sich hin und rührte sich nicht. Yohji hätte davonlaufen können, dieser Sturkopf machte ihn rasend. "Okay... noch mal von vorne." Er holte tief Luft und wollte wieder zu einer längeren Rede über die derzeitige Situation, dem Krampf in seinem rechten Bein und dem Verlangen nach einem vernünftigen Plan ausschweifen, als Ayas Hand nach oben schoss und sich auf seinen Mund legte. Verblüfft über die Tatsache, dass Aya endlich aus seiner Starre erwacht war, schielte Yohji zu ihm rüber und schwieg. Die Hand senkte sich wieder und Aya sackte mit einem Mal in sich zusammen.

"Ich habe keine Ahnung, was wir machen sollen."

Aya hatte das nicht wirklich zu Yohji gesagt, mehr hatte er laut gedacht und dem Älteren wohl unbeabsichtigt und überfordert von dieser Lage gezeigt, dass auch der Mann mit den kalten Augen so etwas wie Gefühl besaß. Etwas anderes als Wut und Mordlust.

Yohji starrte jetzt selbst geradeaus. Dieses Geständnis beunruhigte ihn. Entweder brach Aya jetzt vollkommen zusammen, oder er würde gleich sein Katana schwingen und mit einem lauten ,SHINE' auf ihn losgehen, wenn er realisiert hatte, was er da gerade laut gesagt hatte. Keins von beiden durfte geschehen!

"Verdammt." Er drehte den Kopf wieder in Ayas Richtung und unterdrückte den Drang, die Hand nach ihm auszustrecken. Die wollte er noch eine Weile behalten. "Vielleicht sollten wir doch Manx und Birman verständigen."

"Um ihnen was zu sagen? Dass du scharf auf Omi bist, Omi auf Ken, der aber auf mich? Um ihnen zu sagen, dass du Mist gebaut hast und Omi und Ken so in die Hände von Schwarz gespielt hast?"

Yohji zuckte zusammen. Jetzt war der Drang, Aya zu trösten, endgültig von ihm gewichen. "Die Vorgeschichte müssen wir ja nicht unbedingt breittreten. Außerdem wäre ich dir dankbar, mir das nicht weiter vorzuhalten."

"Ich habe allen Grund dazu! Nur weil du dich nicht beherrschen kannst und keine Geduld hast, den Dingen ihren Lauf zu lassen, sitzen wir jetzt hier und die beiden da drin!" Aya sprang auf und richtete seinen Blick auf Yohji, der dem auswich und den Ohrring fixierte, der an Ayas Ohr baumelte. "Wenn Ken irgendetwas passiert, töte ich dich, verstanden?!"

Yohji lachte leise auf. "Ken, Ken, Ken. Und was ist mit Omi?" Er sah nun doch zu Aya auf und wäre am liebsten auf ihn losgegangen. Es waren zwei von ihnen dort drin. Zwei! Ayas Kälte gegenüber Omi war so unberechtigt, dass dieses Verhalten Yohjis Blut zum kochen brachte.

Eine Weile schwiegen sie sich einfach nur an, bis Aya sich herunterbeugte und sein warmer Atem Yohjis Wange streifte.

"Wenn Omi etwas passiert, würde dein schlechtes Gewissen dich vernichten. Dann muss ich nichts mehr tun, um zu sehen, wie du zugrunde gehst." Er streckte seine Hand aus und ließ sie in Yohjis Hosentasche verschwinden. Yohji war vollkommen perplex, drehte nur seinen Kopf zur Seite, um sich so, ohne große Bewegungen, so weit wie möglich von Aya zu entfernen. Der Rothaarige zog vier kleine Wanzen aus Yohjis Tasche und richtete sich dann wieder auf. Zwei schmiss er vor ihm auf den steinigen Boden. "Dieses Gebäude hat so viele Fenster, dass wir irgendwo schon ein offenes finden werden. Wir setzen die Wanzen für den Fall, dass wir erwischt werden. Die Kritiker haben ihre Lauscher auf derselben Frequenz. Mehr Absicherung haben wir nicht."

 

* * * * *
 

"Lass mich los! Was soll das?!" Omi versuchte, nach einer von Schuldigs Haarsträhnen zu greifen, bekam sie jedoch nicht zu fassen. Schuldig zerrte weiter an seinem Arm und somit hinter sich her zu dem Zimmer, in dem sich Ken befand. Er öffnete die Tür und schleuderte Omi an sich vorbei in den kalten Raum. Der junge Assassin taumelte dem Boden entgegen, fing sich aber gerade noch rechtzeitig und richtete sich wieder auf. "Bist du noch ganz dicht? Was soll das?" Schuldig lächelte nur und ließ Omi und Ken allein. Das Knacken des Schlosses war noch zu hören, dann wurde es wieder still. Omi blieb noch eine Weile stehen und starrte auf die Eisentür. Der Deutsche hatte ihn in dem anderen Zimmer plötzlich an sich gedrückt, und eine Sekunde später grob gepackt und hier her gezerrt. Omi war noch völlig perplex über diesen plötzlichen Stimmungswandel, der keinen Sinn ergeben wollte. Aber musste man Schwarz verstehen?

"Da bist du ja wieder." Ken lächelte leicht und schob sich in eine gerade, sitzende Position. Sein rechter Arm verweilte über seiner Wunde, die ihm offenbar immer noch Schmerzen bereitete. Nun ja, so lange lag die Verletzung durch Farfarello ja auch noch nicht zurück. Omi ging langsam auf ihn zu und kniete vor ihm nieder.

"Darf ich mal sehen?"

Ken stutzte einen Augenblick, nickte dann ergeben und nahm seinen Arm weg. Omi schob das Shirt seines Freundes hoch und besah sich den festen Verband. "Haben sie irgendetwas draufgemacht? Salbe? Jod? Ist es genäht worden?"

"Ich weiß nicht, ich war bewusstlos."

Omi nickte und suchte nach dem Ende des Verbandes, bis er den Knoten fand und ihn öffnete. Beim Abwickeln lehnte er sich weiter nach vorne und schlang seinen Arm um Ken. Ein warmer Hauch streifte seine Wange und Blut schoss ihm ins Gesicht. War er Ken jemals so nah gewesen? Er wusste es nicht, er wusste nur, dass er am liebsten erstarren würde. Aber würde er jetzt nicht weitermachen, könnte das sehr peinlich werden, und so beendete er seine Arbeit und legte den Verband zur Seite. Erst als seine Hand warm wurde, besah er sich den weißen Stoff und entdeckte die rote Färbung an dem Ende, das innen gelegen hatte. Kens Wunde hatte durch den weißen Lappen, der noch zusätzlich darauf lag, durchgeblutet, und tat es immer noch. Omi schluckte. Das musste behandelt werden, aber hier waren ihnen keine Möglichkeiten gegeben. "Das muss genäht und desinfiziert werden, sonst entzündet sich die Wunde, Ken", flüsterte er leise und lehnte sich wieder etwas zurück. Seinen Blick starr auf das dunkelrote Blut gelegt, das über Kruste und braune Haut rann.

Wieder nickte Ken, und seufzte leise. "Wir haben schon Schlimmeres überstanden, oder?" Wieder versuchte er zu lächeln, dieses Mal scheiterte er kläglich. "Ob die andern uns bald finden?"

Omi überlegte. Wäre es denn möglich, dass Yohji und Aya sie hier finden würden? Sie wussten nicht, wo sich der Hauptsitz von Schwarz befand, und sie hatten lange danach gesucht. Nun saßen er und Ken hier drin, und Yohji und Aya hatten nicht viel Zeit, sie zu suchen. Was war wahrscheinlicher? Ein kleines Wunder oder ein paar Tage, vielleicht sogar Wochen, die sie hier noch zubringen mussten. Eventuell auch die Ewigkeit. Wer konnte schon sagen, ob sie hier überhaupt wieder rauskommen würden? Crawford verlangte den Hauptsitz der Kritiker. Nicht einmal Weiß kannte den und arbeitete für diese Organisation.

"An was denkst du gerade?"

Omi schreckte auf und starrte Ken lange an, bis er sich leise räusperte und den Verband vom Boden hob. Mit einer Hand rollte er seine Kapuzenjacke nach oben und löste eine Sicherheitsnadel aus dem Saum, der danach ein kleines Loch zeigte. Auf Kens fragenden Blick hin lächelte Omi nur schwach. "Ich hatte noch keine Gelegenheit, es zu nähen." Er riss das Loch größer und löste einen langen Faden. Die Sicherheitsnadel verbog er und rutschte schließlich zur Wand, um sie an einer außenstehenden Ecke hoch und runter zu hobeln. Nach einer Weile und einer zerbissenen Lippe drehte er sich schließlich wieder zu Ken um und hielt mit der linken Hand den Faden, und mit der rechten die verbogene und halb abgebrochene Nadel hoch. Kens Blick wurde skeptisch, doch Omi blieb ruhig. Irgendeiner von ihnen musste jetzt ja schließlich die Fassung bewahren. "Nun, Ken, wie du schon sagtest: Wir haben schon Schlimmeres überstanden, oder?"

 
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