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Durchbruch
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Durchbruch

Teil 2
© by Natascha/Norynia ()

 

Disclaimer: Tja, gute Frage, wem gehört was? Ich denke, es reicht, wenn ich hier sage, dass nichts mir gehört *bg* Dennoch: Archivierung nur mit Erlaubnis des Autors. Me, myself and I!
Anmerkungen: Nachdem Julia so lange gebeten und gebettelt hat, hat sich meine Muse doch erweichen lassen... dass mir das nicht zur Gewohnheit wird! Das nächste Mal verlange ich für Extrawünsche Geld! Nur damit ihr's wisst ^^
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)

 

"Hast du das gehört?" Nagi drehte sich zu Crawford um und lauschte erneut. Diesmal hörte er nichts. Es war mit einem Mal wieder ruhig geworden. "Hört sich an, als ob da unten jemand abgeschlachtet wird."

"Wer soll das sein?"

"Farfarello?"

"Der schreit nicht, wenn er sich aufschlitzt." Crawford schüttelte mit dem Kopf und sah dann zur großen Empore am anderen Ende der Treppe hinauf. "Ist Schuldig in seinem Zimmer?"

"Nein, er ist raus gegangen. Hat irgendetwas von Einkaufen gefaselt." Nagi seufzte leise. "Vielleicht war es ja einer von den beiden anderen, der so geschrieen hat."

Crawford lächelte leicht und zog die Tür zu seinem Büro auf. "Wenn einer von denen so laut schreit, dass man es bis hier hin hört, muss da unten eine unerträgliche Lautstärke herrschen. Ich denke nicht, dass die beiden auf solche Aktionen zurück greifen. Vor allem, wo sie doch wissen, dass es keinen Sinn hat. Ich halte das für ziemlich unwahrscheinlich. Kümmere dich lieber um das Sicherheitssystem, wir werden bald Besuch bekommen."

Nagi nickte und ging zur Treppe, während Crawford hinter der Tür verschwand. Auf halbem Weg blieb er noch einmal stehen, und wartete eine Weile. Als sich nichts mehr tat und kein weiterer Schrei oder ein anderes verdächtiges Geräusch folgte, begab er sich schweigend in sein Zimmer.

 

* * * * *
 

"Ken! Jetzt stell dich nicht so an!" Omi verlor langsam aber sicher die Geduld mit seinem Freund. Der hing vollkommen geschwächt in der Ecke und keuchte schwer. Die Blutung hatte wieder eingesetzt, und die wenigen Stiche, die Omi bisher gesetzt hatte, spannten die Haut bis zum Äußersten. "Wenn du nicht damit aufhörst, reißt die Haut auf. Das wird nur noch schlimmer für dich!" Omi gefiel es nicht, so mit Ken reden zu müssen. Doch das anfängliche, gute Zureden, das Drücken seiner Hand, das sanfte Abwischen des Schweißes auf seiner Stirn und das Streicheln über den zerzausten Haarschopf hatten nichts genützt. Also schrie Omi jetzt, damit Ken ihn überhaupt wahrnahm, und um dessen Schmerzesschreie zu übertönen, die mittlerweile eine unerträgliche Lautstärke angenommen hatten. Niemals hätte er gedacht, dass Ken zu solchen Schreien fähig war. Ihm lief dabei jedes Mal ein eiskalter Schauer über den Rücken, und nur schwer konnte er das Zittern seiner Finger unterdrücken. Er musste jetzt stark bleiben, wenn Ken es schon nicht tat.

"Wie stellst du dir das vor? Bist du schon mal mit so einem Ding genäht worden? Denkst du, mir macht das Spaß?" Ken leckte sich über die trockenen Lippen und stöhnte schmerzhaft auf. "Lassen wir das. Verbinde es wieder, das Nähen kann man ein anderes Mal machen, vielleicht brauchen wir das auch gar nicht mehr."

"Wie meinst du das?" Omi blickte unsicher von der blutverschmierten Nadel auf und versuchte, Ken in die Augen zu sehen. Doch der hielt seine geschlossen und Tränen rannen aus Schmerz aus seinen Augenwinkeln.

"Sie wollen den Hauptsitz der Kritiker, und den kennen wir nicht. Sie werden uns so schnell nicht hier raus lassen, Omi. Du hast selbst gesagt, dass die Wunde versorgt werden muss, aber dazu fehlen uns die Möglichkeiten. Wenn Schwarz nichts macht, bin ich eh im Eimer, da kann auch deine Rumstocherei mit dieser Verunstaltung einer Nadel nicht helfen." Er versuchte, sich etwas an der Wand in die Höhe zu schieben und seinen Rücken gerade zu halten. Schon nach der ersten Muskelbewegung ließ er es dann aber doch wieder bleiben. "Ich bitte dich, nimm das Ding da weg, die Schmerzen machen mich noch wahnsinnig."

Omi zögerte, beugte sich dann hinunter und biss den Faden durch. Vorsichtig zupfte er den dünnen Faden durch die vier Stichlöcher und beobachtete mit Tränen in den Augen, wie Ken scharf nach Luft sog und sich auf die Unterlippe biss, bis sie blutete. Er krabbelte zu ihrem Ausgangspunkt zurück, bevor Ken in eine der Ecken geflüchtet war, und holte den alten Verband, um ihn Ken wieder anzulegen. "Es tut mir leid. Ich wollte dir nicht unnötig weh tun, ich wollte nur helfen. So bleiben kann die Wunde doch nicht, ich meine, du brauchst dringend ärztliche Versorgung."

"Glaubst du, wenn du mir das immer wieder vorhältst, wird es besser? Omi, verdammt noch mal, jetzt wach endlich auf, wir sind hier drin eingesperrt und somit auf Schwarz angewiesen! Bevor ich mir von denen helfen lasse, sterbe ich lieber!"

"Sag doch so was nicht!" Omi schluckte schwer und starrte Ken aus großen, blauen Augen an. Solche Worte hatte er nicht erwartet, und solche Worte waren wahrlich nicht das, was sie jetzt brauchten. "Wenn du stirbst, hilft uns das auch nicht weiter!"

"Das weiß ich doch! Hör auf mir solche Sachen zu sagen, verdammt. Du gehst mir auf die Nerven damit!" Ken keuchte nun wieder heftiger, und kalter Schweiß lief über seine Schläfen.

Omi starrte ihn immer noch an und wischte sich mit dem Ärmel seiner Kapuzenjacke über die Augen. Kurz öffnete er den Mund, um etwas zu sagen, entschied dann aber, Kens Wunsch - wenn auch nicht so formuliert - nachzukommen, und den Mund zu halten. Langsam rutschte er zurück und setzte sich wenige Meter von Ken entfernt an die kalte Wand. Er hätte am liebsten laut losgeheult, er hätte am liebsten seinen ganzen Kummer rausgeschrieen, und er hätte sich Ken am liebsten an den Hals geworfen und ihn noch geohrfeigt. Aber all das ließ er bleiben und winkelte nur die Knie an, um erschöpft seinen Kopf darauf zu stützen und seine blutverschmierten Hände zu betrachten. Er wusste nicht ganz genau, was er denn erwartet hatte, das aber ganz sicher nicht. Es lief wirklich alles Erdenkliche schief, und er war mit seinem Latein mal wieder am Ende. Sie hätten sich den ganzen Stress sparen, und einfach nur so hier sitzen bleiben können. Hinterher war man immer schlauer.

 

* * * * *
 

"Meine Güte, was stinkt denn hier so?" Yohji kniff sich die Nase zu und heftete die erste Wanze unter den Tisch, der umgeben von vier Stühlen in der Mitte des Raumes stand.

"Küche", murmelte Aya nur und schlich sich in der Dunkelheit, die nur vom blassen Mondlicht erhellt wurde, zur Tür.

"Was haben die gekocht, dass es so stinkt? Ich dachte schon, Ken wäre ein schlechter Koch, aber das..." Yohji stoppte, als er Ayas Augen wütend im Dunkeln funkeln sah. Den Namen sollte er vielleicht doch nicht mehr als nötig erwähnen. Er unterdrückte ein selbstmitleidiges Seufzen und holte lautlos zu Aya auf. Dann nickte er und wartete, bis Aya die Tür einen Spalt breit geöffnet hatte, und sie auf den unbeleuchteten Gang hinaus sehen können. Ein Geländer war zu sehen, und ein großer Vorraum erstreckte sich einige Meter weiter abwärts. Ein Kronleuchter beleuchtete den Saal, aber bis auf den Boden konnten sie nicht sehen. Es war still, was darauf deuten ließ, dass sich im Moment niemand in ihrer Nähe befand. Das konnte ihnen nur recht sein.

 

Ein lautes, pfeifendes Geräusch unterbrach für einen kurzen Moment die Stille, und Aya und Yohji drehten sich erschrocken um. Quer über das Fenster, durch das sie eingestiegen waren, blitzten für den Bruchteil einer Sekunde rote Laserstrahlen auf, bevor sie wieder mit einem Mal verblassten und das schrille Pfeifen abrupt endete.

 

"Was war das?" Yohji starrte durch das Fenster, während Aya noch kurz lauschte, und dann die Tür so weit öffnete, dass sie sich beide rauszwängen konnten.

"Jetzt kommen wir nicht mehr so einfach raus", antwortete er nur trocken und schlich auf den Gang hinaus. Yohji folgte ihm wieder, und, nach einem kurzen Blick in alle Richtungen und vor allem über das Geländer hinunter, folgten sie dem langen Gang bis zum rechten Ende. Aya lauschte an beiden Türen, die sich rechts und links befanden, und öffnete dann eine. Eine schmale Treppe führte nach unten in völlige Dunkelheit. "Hier geht's zum Keller."

"Sicher, dass sie dort unten sind?" hackte Yohji etwas unsicher nach und sah sich sicherheitshalber um, um sicherzugehen, dass sie im Moment wirklich allein waren.

"Werden wir sehen." Aya ging voraus, mit den Händen nach der Wand tastend. Yohji wollte schon seine zweite und letzte Wanze am Treppenabstieg anbringen, entschied sich aber doch noch dagegen. Sie sollten nicht zu verschwenderisch damit umgehen. Für den Fall, im Keller nicht fündig zu werden, sollten sie sich ihre einzige Absicherung aufsparen. Vier Wanzen bei der Größe dieses Hauses waren nicht gerade viel.

 

* * * * *
 

Nagi lehnte sich in seinem Sitz zurück und haute ein letztes Mal auf die Enter-Taste. Zufrieden grinste er vor sich hin und schloss die Augen. Es gab doch nichts Befriedigenderes als die erfolgreich ausgeführte Etappe eines Plans. Gut, vielleicht die erfolgreiche Abschließung des gesamten Plans. Aber dazu blieb ja noch etwas Zeit. Bloß keinen Stress machen. Er drehte den Sitz einmal im Kreis, stand dann auf und öffnete die Tür.

Auf dem Flur war alles ruhig. Er starrte auf die gegenüberliegende Tür, hinter der sich eine zweite Treppe hinunter zum Keller befand, und überlegte, ob er Farfarello einen Besuch abstatten sollte, entschied sich dann aber dagegen. Warum sollte er Farfarello besuchen? Der stand jetzt entweder vor seiner Ikone und schlitzte an sich rum, oder hatte sich selbst gefesselt und an die Wand gehängt, bis ihm das Blut aus der Nase lief.

Schuldig war noch immer nicht zurück, das hätte er gehört. Der rothaarige Deutsche hatte die Marotte, so laut durch die Eingangstür zu marschieren und diese mit Wucht zuzuknallen, dass er sich sogar mit Crawford deswegen schon angelegt hatte. Nein, es war zu ruhig. Schuldig war definitiv noch nicht zurück.

Zu Crawford wollte Nagi auch nicht, das war ihm langweilig. Wer wollte schon neben seinem Boss stehen, während der auf seinem Laptop herumhackte oder irgendwelche Konzentrationsübungen machte? Außerdem würde er Nagi nicht in seiner Gegenwart dulden, wenn es nicht nötig war. Also blieben nur noch die beiden Weiß-Mitglieder Tsukiyono Omi und Hidaka Ken.

Nagi überlegte. Was die Schreie aus dem Keller wohl vorhin zu bedeuten hatten? Das wäre doch mal eine Sache, für die es sich zu interessieren lohnte. Aber erst würde er etwas essen gehen. Seit dem Frühstück hatte sich keiner von ihnen mehr in die Küche gewagt, und der Vorrat in seinem Zimmer war seit Tagen nicht mehr gefüllt worden. Verbrannte Leber mit Tabasko waren nicht gerade das ideale Frühstück, und vor allem stank es wie die Pest. Anscheinend war es aber das einzige, zu was Farfarello sich herabließ. Sie sollten ihn lieber nicht mehr kochen lassen. Das jüngste Mitglied von Schwarz seufzte und beschloss, einen Blick - oder besser eine Nase - in die Küche zu riskieren. Wozu hatten sie denn den ganzen Tag das Fenster aufgelassen? Ach ja, stimmt. Das hatte einen anderen Grund gehabt. Nagi lächelte. Sein kaltes, heiteres Lächeln.

 

* * * * *
 

Omi war für einen Moment eingenickt. Als er wieder aufschreckte, konnte er nicht sagen, was ihn aus seiner kurzen Ruhe gerissen hatte. Er sah nach Ken, der immer noch in seiner Ecke saß und ihn wütend anfunkelte. Omi schloss einmal fest die Augen und sah noch mal hin. Tatsächlich, Ken sah ihn an, als wäre er Schuldig, oder sonst jemand, der auf der Abschussliste von Weiß stand. Ob er noch sauer wegen dieser Näh-Sache war? Konnte Omi sich nicht vorstellen. Ken wusste doch, dass er es nur gut gemeint hatte, und hätte sich mittlerweile wieder beruhigen müssen. Außerdem hatte Ken nicht so vernichtend geschaut, bevor Omi eingenickt war. "Ken?" Ken gab keine Antwort, und starrte wütend weiter. Omi wurde ganz flau im Magen. War das ein Gefühl von Angst, das ihn gerade beschlich? Ken hatte ihn noch nie so angesehen. Vielleicht war es aber auch nur Unbehagen, das sich in ihm breit machte. Warum sollte er Angst vor Ken haben? Er liebte ihn doch und Ken ihn doch schließlich auch, oder? Der junge Assassin überlegte, ob er Ken jetzt auf den Kuss ansprechen sollte, entschied sich aber in Anbetracht des anhaltenden Blickes, erst mal die Lage zu checken. "Wie geht es dir?" Immer noch nichts. Omi wartete. Ken machte keine Anstalten zu antworten. War die Hölle zugefroren, oder was war passiert? Omi schluckte leise und krabbelte zu Ken rüber. Der folgte seinen Bewegungen mit seinem Blick, und seine Augenbrauen schienen sich immer mehr zusammen zu ziehen. Als Omi sich direkt vor ihn setzte, starrten sie sich eine Weile einfach nur an. Nun wurde das unbehagliche Gefühl in Omis Magen stärker. Ihm wurde schlecht. "Ken, was hast du?"

Ken schnaufte leise, und schlug plötzlich mit einer solchen Wucht zu, dass Omi gegen die Wand prallte und sein Kopf ein reichlich ungesundes Geräusch beim Aufprall gegen den harten Beton erzeugte. Er sah für einen Moment nur noch bunte Sternchen, bis sein Blick sich wieder schärfte, und der erste stechende Schmerz durch seine Nervenbahnen jagte. Tränen schossen ihm in die Augen, und ihm war schwindelig. "Was..." Er hielt sich den Kopf und hörte seinen eigenen Herzschlag. Das Blut pochte wild gegen seine Schläfen. "Sag mal, spinnst du?" Ken lachte leise auf und betrachtete Omi scheinbar amüsiert. Das schien ihm auch noch Spaß gemacht zu haben. Omi verstand die Welt nicht mehr. Warum tat Ken so etwas?

"Jetzt stell dich nicht so an. Du bist von uns beiden doch wohl immer noch am besten dran", antwortete er kalt und betrachtete seine Hand, mit der er eben zugeschlagen hatte. "Wegen dir sitzen wir hier, vergiss das nicht. Nur weil du dich wie ein kleines Kind aufführen musstest! Schon mal an mich gedacht? An Aya und Yohji? Du siehst immer nur dich. Dich, dich, dich und deine Bedürfnisse. Und wenn mal nicht alles so läuft, wie du es gern hättest, versinkst du im Selbstmitleid und siehst gar nicht, wie du andere damit verletzt, oder was du ihnen damit alles antust. Die Welt ist groß, Omi, du bist nicht der Mittelpunkt des Universums, begreif das endlich mal!"

"Ken..." Omi schluckte schwer, und Tränen sammelten sich in seinen Augen. Er wusste nicht, worauf Ken hinaus wollte, er verstand nicht, warum Ken ihm so etwas sagte. Er verstand Ken nicht mehr. So hatte er ihn noch nie erlebt. Jetzt war es kein Unbehagen mehr. Jetzt hatte er tatsächlich Angst.

"Ken mich nicht so an. Ich wollte dir schon längst mal die Meinung sagen, aber Yohji hat mich immer zurück gehalten."

"Yohji?" Omi heulte ungeniert los und zog die Nase hoch. "Wovon redest du?"

"Immer dieses ständige: Er kann doch nichts dafür. Er empfindet nun mal so. Er ist doch noch so jung. Er hatte es auch nicht leicht. Wir sollten es ihm schonend beibringen. Wir sollten warten, bis sich seine Euphorie gelegt hat... bla bla bla. Ich habe versucht, es zu verstehen, und vielleicht habe ich es auch ein bisschen. Ich war mit ihm einer Meinung. Man sollte warten, aber jetzt sehen wir ja, wo uns diese Warterei hingeführt hat. Ich verrecke hier, und du bemitleidest dich selbst. Ich habe keine Lust, bis zum Schluss so weiter zu machen, einen Scheißdreck werde ich tun!" Ken keuchte, und wieder lief ihm Schweiß über die Stirn.

Omi überlegte, ob er vielleicht Fieber hatte. Das könnte es sein, er fieberte einfach bloß, er meinte es gar nicht so. Er wusste nicht, was er tat. Omi sprang über seinen Schatten, der gekränkt, vor sich hinzitterte und streckte seine Hand nach Ken aus. Der schlug sie weg, doch damit hatte Omi gerechnet und legte schnell seine andere auf Kens Stirn. Heiß. Er hatte tatsächlich hohes Fieber.

"Fass mich nicht an!" keuchte er und schlug wieder nach Omi. Der wich zurück und schüttelte mit dem Kopf.

"Du hast Fieber Ken, du weißt nicht, was du tust."

"Oh doch, das weiß ich sehr wohl. Vielleicht komme ich härter rüber, als du von mir gewohnt bist, aber ich bin immer noch klar im Kopf. Wir sind nur hier, weil du mal wieder einen deiner mitternächtlichen Spaziergänge machen musstest, um stundenlang in irgendeiner leerstehenden Wohnung zu sitzen, um uns ein schlechtes Gewissen zu machen!"

"Woher..." Omi hielt die Luft an. Woher wusste Ken das? Es war ihm doch nie jemand gefolgt.

Ken schien sich nach diesem Ausbruch langsam wieder zu beruhigen. Sein Atem wurde langsamer, seine Erscheinung müde, aber sein Blick war immer noch voller Zorn. "Wir wissen es alle, Omi. Yohji hat es uns gesagt, weiß der Teufel, wo er das herhat, vielleicht ist er dir mal nachgelaufen. Weißt du noch, als Schuldig mit dir fertig war? Er hat dir vorgegaukelt, jemand anderes zu sein, damit du die Beine breit machst, und ich fragte dich, ob du Yohji gesehen hättest, erinnerst du dich?"

Omi nickte nur. Sagen konnte er nichts mehr. Sein Mund war trocken, und ein dicker Kloß hing in seinem Hals. Er konnte ja nicht einmal den Tränenfluss stoppen, der über seine Wangen rann, und auf sein Shirt tropfte.

"Du hast mich gefragt, wie ich auf Yohji kommen würde. Und ich sagte dir, dass ich was klarstellen müsste, als die kleine Schlange und der Irre dich geholt haben. Nun, holen wir das nach. Ich bin zwar nicht gerade in einer einfühlsamen Stimmung, aber vielleicht begreifst du es so besser." Ken holte tief Luft und verzog schmerzhaft das Gesicht. Omi wollte wieder seine Hand nach ihm ausstrecken und mit einer Berührung versuchen, ihn zu beruhigen, ihm zeigen, dass er nicht alleine war. Doch er hielt seine Hand krampfhaft bei sich. Ken wollte nicht von ihm berührt werden. Er hatte ihn zuvor schon von sich gestoßen. "Ich weiß, dass du dich in mich verliebt hast. Ich weiß es schon die ganze Zeit, und Yohji und Aya auch. Aber keiner von uns hat dir das gestanden, wir wussten nicht, wie wir mit dir umgehen sollten, wenn du erfährst..." Er schrie leise auf. Omi sah ihn starr vor Schreck an. Der Verband war nun vollständig durchgeblutet und das sogar an einer Stelle, an der überhaupt kein Blut laufen sollte. Die Wunde war weiter aufgerissen. "Das ist wohl ein Omen." Ken lächelte traurig, und mit Schmerz in den Augen. Er krümmte sich noch mehr in sich zusammen, und versuchte, seinen Atem flach zu halten. Schließlich kam er nur noch in kurzen, abgehackten Stößen. "Wir wollten dir nicht weh tun. Aber wir wussten, wir würden das, wenn ich dir sagen würde, dass ich nicht mehr als Freundschaft für dich empfinde. Und weil wir wussten, dass das allein dir schon zu schaffen machen würde, haben wir auch unsere Beziehung vor dir verheimlicht."

"Unsere?" Omi wurde schlecht, seine Kopfschmerzen wurden immer heftiger. Er hatte das Gefühl, ersticken zu müssen, und rang überfordert von der Situation nach Luft.

"Ja", nickte Ken, und der Zorn in seinem Blick erstarb, wurde nun gänzlich von Schmerz und Trauer gefüllt. "Ich bin mit Aya zusammen, Omi. Schon die ganze Zeit, seit du dich in mich verliebt hast. Wir wussten nicht, wie wir dir das beibringen sollten, und wollten warten, bis du ablässt. Du bist noch jung und unerfahren, zumindest warst du mal unerfahren... da verliebt man sich schnell."

"Das ist nicht wahr." Omi schluchzte laut auf, und zitterte am ganzen Körper. "Das ist nicht wahr, das stimmt nicht! So blind kann ich doch gar nicht gewesen sein!"

Ken lächelte traurig. "Liebe macht blind, Omi. Ich weiß das nur zu gut. Du hast dich dermaßen auf mich konzentriert, dass du alles andere nicht mehr wahrgenommen hast."

"Aber du hast mich doch geküsst!" Omi stand auf, und wischte sich in einem Anflug von Verzweiflung hektisch über die nassen Augen, um Ken wieder klar erkennen zu können. "Du bist in mein Zimmer gekommen! Du hast mich geküsst! Du hast mich dazu getrieben, noch einmal rauszugehen, mit dem Glauben, dass du mir folgen würdest. Und das hast du verdammt noch mal auch getan, oder etwa nicht? Habe ich mir das auch nur eingebildet?!"

"Omi", flüsterte Ken, und sackte noch mehr in sich zusammen. "Das war nicht ich, das war Yohji. Yohji, verdammt. Er hat mich auch hinter dir hergeschickt, damit ich reinen Tisch mache. Er konnte es nicht mehr ertragen, wie du dich selbst gequält hast, es hat ihn krank gemacht."

Omi starrte auf Ken hinunter. Seine Knie waren weich, und gaben schließlich ihren Halt auf, indem sie zusammen knickten. Schwer krachten sie auf den Boden, und Omi musste die Arme gegen den Beton drücken, um mit dem Oberkörper nicht aufzuschlagen. Sein Körper war plötzlich so kalt, er zitterte. Ihm war schlecht, und Schmerzen hämmerten in seinem Kopf, dass er befürchten musste, das Bewusstsein zu verlieren. Was war nur passiert? In welcher Welt hatte er die letzten Wochen über gelebt?

"Er liebt dich, Omi", setzte Ken noch nach, und diesmal rann keine Träne des körperlichen, sondern eine des seelischen Schmerzes über seine erhitzten Wangen. "Yohji liebt dich."

Omi schrie auf, und sein Körper wurde von einer erneuten Welle der Verzweiflung geflutet, bis er nur noch würgend über dem Boden beugte und laut weinte.

 

* * * * *
 

"Hörst du was?"

Yohji verweilte noch einen Moment an einer der Stahltüren und lauschte angestrengt, ließ dann jedoch mit einem bedauernden Kopfschütteln wieder ab. "Nein. Nichts. Wir haben den halben Flur jetzt schon durch. Viele Möglichkeiten bleiben uns nicht mehr."

"Die Chancen standen 1:10, dass wir sie gleich auf Anhieb finden. Los, Nächste."

"Jaja." Yohji trottete missgelaunt hinter Aya her und lauschte mit ihm an der nächsten Tür. "Hörst du das?"

"Da summt etwas." Aya nickte Yohji kurz zu und drückte dann den Hebel zur Seite. Zusammen schoben sie das Eisen in den dunklen Raum hinein und starrten in totale Finsternis. Das Summen jedoch war lauter geworden, und mit einem Mal begannen kleine, blaue Funken vor ihren Augen zu tanzen. Yohji gab plötzlich einen Schrei von sich und sackte nach vorn. Aya sprang zurück, und das hereinfallende, schwache Licht aus dem Flur machte die näherkommenden Konturen einer Person sichtbar. "Farfarello."

Der Ire lächelte nur, um sein Gesicht dann im nächsten Augenblick wieder völlig emotionslos zu gestalten, und stieß mit dem Elektroschocker in seiner Hand nach vorn. Aya wich nach rechts aus und fixierte in einigen Metern Entfernung die Treppe, von der sie gekommen waren. Wieder musste er einem Angriff ausweichen und zog sein Katana hervor.

"Ich hoffe du denkst nicht daran, uns wieder zu verlassen. Die Party hat gerade erst angefangen." Nagis kichern erfüllte den Gang, und noch ehe der rothaarige Assassin reagieren konnte, wurde er von einer enormen Druckwelle direkt in Farfarellos Arme geschleudert. Er versuchte, mit dem Katana auf Farfarellos Herz zu zielen, oder zumindest auf die Stelle, wo er so etwas in der Art vermutete. Doch die glänzende Klinge bohrte sich durch das Schulterblatt. Und das nahm Farfarello hin, wie er es mit allen Arten von Schmerzen tat. Mit einem Lächeln.

 

* * * * *
 

"Bin wieder da...ha...!" Schuldig ließ die beiden braunen Einkaufstüten mit einem Knall auf den blanken Marmor fallen und sah sich im Saal um. Keiner zu sehen. Nun, das war nichts ungewöhnliches, dass hier am Eingang keiner auf ihn wartete. Warum sollten die anderen auch? Er würde es auch nicht tun. Aber nicht einmal ein: "Wo warst du?" oder "Halt die Klappe!" dröhnte durch eine der geschlossenen Türen. Schuldig räumte seinen Freunden noch ein bisschen Zeit ein, als sich dann nach weiteren ruhigen zehn Sekunden nichts tat, seufzte er nur selbstmitleidig auf und schloss die Tür hinter sich. "Home sweet Home. Es ist doch jedes Mal ein Vergnügen, wieder zurückzukommen." Er hob die beiden Taschen wieder vom Boden und setzte seinen Weg fort. Er hatte immerhin noch viel vor, da durfte keine Zeit verschwendet werden. Gegen seine eigene Müdigkeit hatte er mit Koffeintabletten vorgesorgt. Schwach erinnerte er sich noch daran, wie der Apotheker etwas von: "Höchstens drei am Tag" gefaselt hatte, als er alle zwanzig runtergewürgt hatte, und grinste belustigt vor sich hin. Er war fit wie ein Turnschuh. Er war gespannt, wie es da um seinen kleinen Kater stand. Wurde höchste Zeit, dass sich seine Krallen zeigten. Schuldig musste es sich schwer verkneifen, vor lauter Vorfreude nicht laut aufzuschreien oder einen Schlager zum besten zu geben. Ein schöner Tag!

"Schuldig."

Der Deutsche drehte sich um und entdeckte Nagi, der aus einer dunklen Ecke hervortrat und auf ihn zukam. "Na so was, doch jemand da", murmelte er vor sich hin und nickte Nagi zu. "Was gibt es?"

"Das übliche. Die Frage, wo du warst, was da in den Taschen ist, ob du weißt, wie spät es ist, dass wir auf dich gewartet haben und der Besuch eingetroffen und gut verstaut ist. Nichts weiter, also."

"Ah", Schuldig lächelte und strich Nagi eine verirrte Strähne aus dem Gesicht. "Dann kann's ja losgehen, nicht wahr?" Er drehte sich um und achtete nicht weiter auf das jüngste Mitglied von Schwarz, dessen Augen in diesem Moment dunkler und bedrohlicher wirkten, als sonst.

Nagi ging ebenfalls, aber nicht hinunter in den Keller, aus dem er gerade erst gekommen war, sondern zu Crawford, der in seinem Büro saß und arbeitete. "Sie sind da."

"Ich weiß."

"Warum sollte ich dir dann eigentlich Bescheid sagen? Den Weg hätte ich mir sparen können." Nagi fixierte Crawford verärgert in seinem schwarzen Chefsessel aus Leder und trat einen Schritt zurück. "Was sollen wir jetzt mit ihnen machen?"

"Nichts." Crawford lächelte zufrieden und faltete ruhig und gelassen wie immer die Hände. "Ist Schuldig wieder da?"

"War doch eigentlich nicht zu überhören."

"Gut." Crawford widmete sich wieder seinem Laptop und kehrte Nagi den Rücken. "Wenn er sich ausgetobt hat, können wir immer noch überlegen, wie wir sie am elegantesten ein für allemal ruhigstellen."

Nagi nickte mürrisch und öffnete die Tür. Das hereinfallende Licht brannte in seinen Augen. Es war weiß und kalt. Ganz anders als in Crawfords abgedunkeltem Arbeitszimmer.

"Mach nicht so ein Gesicht, Nagi. Eine amüsante Zeit steht uns bevor, du solltest dich freuen."

"Ich weiß."

"Aber?"

Crawford warf noch mal einen Blick zurück und sah Nagi an, der regungslos in der Tür stand. Den geübten Augen des Amerikaners entging nicht, dass Nagi innerlich aufgewühlt war. Auch, wenn Nagi es gut verbergen konnte. Crawford entging nichts. Auch nicht, dass Nagi sein Blick unangenehm war.

"Kein aber. Nichts ist", platzte es plötzlich aus Nagi heraus, und mit einem Schritt hatte er Crawfords Büro wieder verlassen. Vor der Tür blieb er einen weiteren Moment stehen und holte tief Luft. Der Drang, Bombay den Hals umzudrehen wurde immer unwiderstehlicher.

 

* * * * *
 

Omi war schwindelig. In seinem Kopf hämmerte es, und er konnte sich kaum noch an einen Zustand erinnern, der nicht irgendwelche Schmerzen und starkes Unbehagen beinhaltete. War es möglich, einfach umzukippen und zu sterben, wenn man es sich lange genug wünschte? Anscheinend nicht, oder dreißig Minuten intensives Wünschen waren einfach nicht genug. "Sieh mich nicht an", presste er heraus und starrte weiter stur auf den Boden. Ken seufzte abermals, wie er es die vergangene Zeit nur zu oft getan hatte und zog die Nase hoch.

"Du fängst schon wieder damit an."

"Womit?"

"Dich selbst zu bemitleiden."

"Halt die Klappe!" Omi schlug wütend gegen den Beton und schrie leise auf. Ein stechender Schmerz jagte durch seine Hand und schoss brutal durch alle Zellen seines Bewusstseins. "Warum?" keuchte Omi und streckte sich auf dem Boden aus. "Warum sagst du mir das alles ausgerechnet jetzt? Ist unsere Situation nicht schon verfahren genug?"

"Wann hätte ich es dir sonst sagen sollen? Wenn wir zu Hause sind und du denkst, alles überstanden zu haben? Oder wenn wir durch die rosa Wölkchen reiten und Beethovens Neunte summen?"

"Wir werden nicht sterben."

"Oh Omi, jetzt komm. Man braucht dich nur anzusehen, um zu wissen, dass dir das noch am liebsten wäre. Sicher ist das Ganze nicht angenehm, aber denk mal darüber nach, wie wir uns die letzten Wochen gefühlt haben. Was für Gedanken wir uns um dich gemacht haben, und... ach, war alles kein Spaß, ehrlich nicht. Ich bin auch nicht glücklich mit den Umständen, aber ich bin dennoch froh, es endlich los geworden zu sein."

"Ist ein tolles Gefühl, eh?"

"Was?"

"Alles an jemand anderem abladen zu können." Omi wischte sich über die tränennassen Augen und vermied es weiterhin hartnäckig, auch nur in Kens Nähe zu sehen. Trauer, Bestürzung, Wut, Verzweiflung, Zorn, der Wunsch zu leben und der Wunsch zu sterben wechselten sich in solch erschreckender Geschwindigkeit ab, dass Omi selbst nicht mehr sagen konnte, ob er im nächsten Moment heulen, um Vergebung bitten, schreien oder Ken an die Kehle springen würde. Er hatte keine Kontrolle mehr über sich. Konnte es eigentlich noch schlimmer kommen? Schwer vorstellbar. Sehr schwer.

Ken schwieg. Er wusste, dass er im Moment als einziger in diesem Raum seinen gesunden Menschenverstand bewahren konnte, selbst wenn das Fieber kräftig gegen dieses Vorhaben arbeitete. Aber wenn sie sich beide wie die Verrückten bekriegen würden, würde das nichts bringen. Außer vielleicht Schwarz Arbeit zu ersparen. Omi kauerte sich zusammen und versuchte augenscheinlich, es sich auf dem kalten Beton gemütlich zu machen, als es eisern quietschte und die Tür aufgeschoben wurde.

 

"Miez, Miez, Miez."

Schuldigs Grinsen schien so überdimensional wie noch nie. Omi schob sich reflexartig ein Stück zurück Richtung Wand und zog die Beine enger an sich. Ken knurrte nur leise.

"Irgendwann schneide ich dir dieses dreckige Grinsen noch aus deiner hässlichen Fratze!"

Der Deutsche kicherte und schwang eine schwarze Leine durch die Luft. "Nanana, solltest du nicht zur Begrüßung miauen, wie es alle braven Kätzchen tun?" Mit wenigen Schritten trat er durch den Raum und bückte sich zu Omi hinunter. Der funkelte ihn nur wütend an, und presste sich fest gegen die feuchte Wand. Schuldig hob sein Kinn an und hielt es fest. Als Omi ihn von sich stoßen wollte, ignorierte er das mit einer solchen Standfestigkeit, dass der junge Assassin verblüfft nachgab. "Krieg ich von dir auch kein Miau, mein kleiner Kater?"

Omis Bein schoss mit einem Mal nach oben, genau dorthin, wo es Schuldig und jedem anderen Mann am meisten weh tun würde. Doch Schuldig war schneller, wich aus, und zog die schwarze Leine fest um Omis Hals. "Regel Nr. 1: Du kannst machen was du willst, ich werde dir immer einen Schritt voraus sein. Also bemüh dich erst gar nicht und heb dir deine Energie gut auf, du wirst sie noch brauchen. Regel Nr. 2: Wenn dir irgendetwas an deinem und dem Leben deines treudoofen Freundes hier liegt, wirst du jetzt mitkommen. Wenn nicht... auch egal... du wirst auf alle Fälle mitkommen." Schuldig streichelte Omi über den Kopf, als hätte er tatsächlich eine Katze vor sich, packte ihn am Nacken und zog ihn mit einem Ruck nach oben. "Und zu guter letzt, Regel Nr. 3: Wenn ich sage - Mach die Beine breit - will ich einen Spagat sehen, mein kleiner Kater." Er stieß Omi gegen die Wand und drehte sich noch im selben Moment um. Der Ruck mit der Leine schnürte Omi die Luft gab, und so konnte er nicht anders, als hinter Schuldig herzutaumeln und zu verhindern, dass das schwarze Leder ihn nicht erdrosseln würde. Schuldig zog ihn hinter sich hinaus auf den Gang, in ein anderes Zimmer, dessen Tür weit offen stand. Im Hintergrund hörte er Ken fluchen.

"Seine Wunden müssen versorgt werden", presste Omi mühsam hervor und versuchte stehen zu bleiben, doch Schuldig zog ihn unerbittlich weiter. Omi kam gegen ihn in seinem derzeitigen Zustand einfach nicht an.

"Wenn er es schafft, uns zu folgen, ist das einzige, dass er nach dieser Nacht noch braucht, der Gnadenschuss."

Omi wurde mit einem Schlag noch kälter, als ihm sowieso schon war. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er Schuldig an, der sich zu ihm umdrehte und wieder seine weißen Zähne zeigte. "Selbiges gilt für dich." Er riss an der Leine und schleuderte Omi an sich vorbei in das durch Kerzen erhellte und aufgewärmte Zimmer. Omi stürzte nach vorn und nestelte noch im Fall hektisch an der Leine, die sich so fest zugezogen hatte, dass ihm schwindelig wurde. Als Schuldig endlich das Leder durchschnitt und Omi das warme Blut spüren konnte, das über sein Schulterblatt rann, wurde es auch schon schwarz um ihm herum.

 

* * * * *
 

Es spürte etwas Weiches unter seinen Händen. Noch schläfrig strich er über den ungewohnten Untergrund, auf und ab, ab und auf. So schön. Der Schein von Kerzen hüllte ihn ein, als er langsam die Augen öffnete und das Pochen an seinem Hals wahrnahm. Es tat nicht weh, aber es war heiß. Vorsichtig tastete er nach der aktiven Stelle und spürte einen Verband, der darum gelegt war. Verband... Verband? Schuldig! Omi schoss in die Höhe und sackte sofort wieder nach hinten weg. Sein Atem ging schnell, und das Blut unter der Wunde, die Schuldig ihm zugefügt hatte, pulsierte in rasender Geschwindigkeit. Er hatte keine Luft mehr bekommen... der Lederriemen. Schuldig hatte ihn aufgeschnitten, bevor er bewusstlos geworden war. Aber wo war Schuldig jetzt? Omi richtete sich erneut auf - diesmal langsamer - und sah sich um. Um ihn herum säumten sich Unmengen von kleinen, weißen Teelichtern. Oben an den Wänden hingen Kerzenhalter mit eben diesen drin. Das Stück Boden in der Mitte des Raumes, auf dem er lag, wurde bedeckt von einem weißen Laken aus Satin. Aber er konnte Schuldig nirgends entdecken.

"Hinter dir." Omi fuhr zusammen und drehte sich um. Schuldig kniete sich gelassen hinunter und lächelte. "Na, wieder aus dem Land der Träume zurückgekehrt?"

"Was willst du?" Jegliche Wärme war wieder aus seinem Körper gewichen. Er begann zu zittern. Doch er wusste nicht ob der Tatsache, das ihm jetzt wieder kalt war, oder der Angst, der Furcht, die Schuldig ihm mit seiner Präsenz einflößte, weil er nicht wusste, was ihn erwartete.

"Was ich will?" Schuldig lächelte leise hinter vorgehaltener Hand und stand wieder auf. "Du stellst Fragen, kleiner Bombay. Falls es dich beruhigt: Ich will nicht den Hauptsitz der Kritiker wissen. Falls du ihn mir anvertrauen willst, nur zu. Aber eigentlich interessiert er mich recht wenig." Er trat mit wenigen Schritten um Omi herum und strich sein weißes Sakko glatt.

Omi tastete nach seiner Kleidung, die schon recht verschmutzt und zerrissen war, und wünschte sich bei Schuldigs andauerndem, starren Blick auf seine nackten Beine, dass er einmal eine lange Hose an hätte. "Und... was willst du dann?" Omi wagte es nicht aufzusehen. Teils, um Desinteresse zu signalisieren, teils aus Scham. Schuldig macht ihn nervös, aber auf eine andere Art, als es für Omi der Fall sein sollte. Es lag eine enorme Spannung in der Luft, und er wurde rot bei dem Gedanken, was Schuldig in Kens Gestalt mit ihm getan hatte.

"Ich will dich miauen hören, mein kleiner Kater", ertönte es plötzlich neben Omis Ohr, begleitet von Schuldigs warmen Atem, als er ihn am Arm packte und in die Höhe riss. Omi wollte sich dem Griff entziehen, der sich nur noch festigte. Er schrie auf und wand sich, als Schuldig ihn über die kleinen Flammen der Teelichter hinweg gegen die Wand schleuderte. Mit den Händen fing er sich ab, als Schuldig auch schon hinter ihm stand, und ihn umdrehte. Und als ihre Blicke sich trafen, und Omi die fremde und aufdringliche Begierde in Schuldigs Augen sah, da wusste er, was er wollte. Oder meinte zumindest, es zu wissen. Sein Pullover wurde in der Mitte aufgerissen, und seine Hose mit einer hektischen Bewegung geöffnet. Der Stoff hing locker an seinem Körper, als Schuldig sich hinunterbeugte und fest an Omis Brustwarzen saugte, bis sie schmerzten.

"Nein! Aufhören!" Omi stemmte die Arme gegen Schuldigs Schultern und drückte so fest er konnte. Doch der Deutsche schüttelte seinen Befreiungsversuch wie eine Kleinigkeit ab und biss ihm in die Schulter. Omi schrie auf. Blut schoss in sein Gesicht und zwischen seine Beine. Das durfte nicht sein. Jetzt, ausgerechnet jetzt, wo es wichtig war, dass er standhielt, begann sein Körper mit einer Art Verrat, mit der er nicht gerechnet hatte. "Aufhören!"

Schuldig lachte nur und küsste Omi fest auf den Mund. Stieß mit seiner Zunge vor und zog Omis Unterkiefer nach unten, um einzudringen. Omi keuchte auf, versuchte nach unten wegzurutschen, doch Schuldig presste ihn so fest gegen die Wand, dass er sich kaum rühren konnte. Sein Mund füllte sich und seine Zunge wurde dick bei Schuldigs Berührungen. Er wollte das nicht. Keinesfalls. Aber er schaffte es auch nicht, sich dem erfolgreich zu entziehen. Ein dünnes Rinnsal Speichel floss aus seinem Mundwinkel und Schuldig leckte es auf. Er grinste dabei. Und die Lichter der Kerzen verliehen seinem Gesicht einen gespenstischen Eindruck, der Omi einen Schauer über den Rücken jagte. Schuldig legte seine Hand in Omis Schritt und küsste ihn wieder. Ihm wurde so heiß, dass es weh tat. Das Saugen und Knabbern an seiner Unterlippe machte ihn wahnsinnig. Wahnsinnig... es machte ihn geil, und Schuldig konnte das in seiner Hand spüren.

"Nicht", gurgelte Omi und drehte den Kopf zur Seite, gab nun seinen Hals für Schuldigs Angriff frei, der mit seinen Zähnen die empfindliche Haut bearbeitete und leise zu keuchen begann. Dann wanderten die Lippen abwärts, und Omi suchte an der harten Wand verzweifelt nach Halt, als Schuldig die Lippen um sein steifes Glied legte und dort zu saugen und lecken begann. Feine Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn, sein Körper zitterte vor Erregung, und sein Atem brach stellenweise ab und drang nur noch stoßweise nach außen. Schuldigs Kopf schnellte im Rhythmus vor und zurück, eine Hand hatte sich um Omis Hüfte gelegt, die andere glitt hinauf und stieß mit zwei Fingern in Omis geöffneten Mund. Der junge Assassin begann im Reflex zu saugen. Griff nach der Hand und nahm im Wahn verzweifelt wahr, wie seine Hüften Schuldigs Rhythmus annahmen und nach vorne stießen. Dann entzog sich die Hand wieder, und ein Pfeil heiß wie Feuer schoss durch seinen bebenden Körper, als Schuldig gleich mit zwei Fingern in ihn eindrang. "Auf... hören." Aber Schuldig hörte nicht auf. Im Gegenteil. Er ließ nur kurz ab und sah Omi in die fiebrig glänzenden Augen.

"Aufhören? Aber Bombay. Das hier ist erst das Aufwärmen. Wir haben doch noch lange nicht angefangen." Er packte Omi an den Schultern und riss ihn herum. Öffnete mit seiner Hand seine Hose und führte sein Glied zwischen Omis Pobacken. "Jetzt kannst du mauzen, mein kleiner Kater." Und Omi schrie, als Schuldig nach vorne stieß, und tief in ihn eindrang. Wieder schoben sich zwei Finger in seinen Mund und eine Hand schloss sich um seine Erregung, um ihn weiter zum Höhepunkt zu führen und die Schmerzen, die es mit sich brachte, zu vertreiben. Omi spürte nur noch Hitze, nur noch Lust, nur noch dieses Kribbeln, das durch seinen Körper jagte und für eine kurze Zeit totales Vergessen brachte. Sein Körper streckte und wand sich, aber nicht von Schuldig weg, sondern zu ihm hin. Seine Lippen schlossen sich und seine Zunge prägte sich jeden Millimeter von Schuldigs Fingern ins Bewusstsein, als sich seine gesamte Energie in seinen Lenden sammelte und ihm den Halt seiner Beine nahm. Schuldig hielt ihn bis zu seinem Orgasmus und ließ Omi dann schweratmend auf den Boden fallen. Omis Gedanken galten nur noch seiner Erlösung, einer Beendigung dieses Wahnsinns, als er zu pumpen begann und seine Finger seinen Mund wieder füllten. Wieder rann Speichel aus seinem Mund, seine Bewegungen über der schweißnassen Haut wurden hörbar und sein Keuchen immer lauter, als er die angefeuchteten Finger in sich eindringen ließ, um sein Innerstes zu massieren, bis die ersehnte Explosion durch seinen Körper jagte und sein wild hämmerndes Herz und sein schwerer Atem das einzige waren, was er noch hören konnte.

Schuldigs Hände legten sich auf seine zitternden Schultern und drehten ihn zu sich herum. Seine Zunge leckte den klebrigen Samen von seinem Unterleib und erregten den geschwächten Körper aufs Neue. Omi stieß mit dem Kopf gegen die Wand und flocht seine Hände ihn Schuldigs langes Haar.

"Schnurr für mich", flüsterte Schuldig und nahm Omis Glied erneut in den Mund, machte es wieder hart.

"Nein", keuchte Omi erstickt, drückte Schuldig gleichzeitig aber fester in seinen Schritt. Sein zweiter Höhepunkt näherte sich schneller als der erste, und die Welt begann, sich in seinem Kopf zu drehen, als Schuldig plötzlich abbrechen und sich zurückziehen wollte. Omi sah ihn mit seinen blauen Augen bettelnd an und krallte sich an seinen Schultern fest. "Nicht."

Schuldigs Blick war starr und ausdruckslos. Er stieß Omi von sich weg und wollte aufstehen, doch Omi riss ihn mit aller Kraft wieder nach unten und drückte ihn fest an sich. Leise begann er zu schnurren, versuchte zu ignorieren, dass er sich damit gerade erniedrigte. Als Schuldig keine Reaktion zeigte, wurde sein Schnurren lauter, und bald konnte er wieder die herbeigesehnten Lippen und die Zunge spüren, die ihn auf eine höhere Ebene katapultierten. Die Tränen, die in einer dünnen Bahn über seine erhitzten Wangen rannen, waren so heiß wie der Selbsthass in seinem Blut.

 

* * * * *
 

"Bitte."

"Noch nicht." Schuldig setzte sich auf und zog Omi mit sich. Seine Hände krallten sich in das weiche Fleisch seines Hinterns und stieß den schwitzenden Körper fester nach unten, bis Omi aufschrie und erneut Tränen über seine Wangen perlten.

"Bitte", keuchte Omi heißer und biss sich auf die Lippen, als er spürte, dass sein Orgasmus unmittelbar bevorstand. Schuldigs Hände wanderten zu seinen Hüften und bewegten sie in einem schnelleren Rhythmus, bis wieder alles begann, sich ins Omis Kopf zu drehen. Seine Glieder zogen sich mit einer enormen Kraft zusammen, um dann plötzlich wieder zu erschlaffen und die ganze aufgestaute Energie mit einem Mal zum Explodieren zu bringen. Seine Fingernägel schnitten in Schuldigs Fleisch, als er den Kopf zurückwarf und sich an den anderen Körper presste. Nach seinem erlösenden Schrei wurde es wieder still. Nur sein schnelles Keuchen war zu hören. Schuldig gab kaum einen Ton von sich, doch Omi hatte den heißen Schuss gespürt, und wusste so, dass er auch gekommen war. "Ich kann nicht mehr", jammerte er leise, und stemmte sich gegen Schuldigs Brust, doch der schlang seine Arme um ihn und hielt ihn fest.

"Du kannst, oder du willst nicht mehr?" grinste er und leckte über Omis schweißnassen Hals.

Omi schloss die Augen und versuchte, Schuldigs Zunge zu ignorieren, aber es ging nicht. Die ganze Zeit über hatte er versucht, Schuldig zu ignorieren. Jede Berührung, jeden Stoß, es hatte nichts gebracht. Sein Körper hatte sich gegen ihn verschworen und machte es nun unmöglich, auch nur einen halbwegs klaren Gedanken zu fassen. Reagierte zu sehr auf den anderen Mann, der alle Sinne reizte, bis es weh tat. Omi hasste Schuldig, er hasste sich und er hasste diesen Ort. Er wollte ganz weit weg sein, aber er war jetzt hier und führte einen Kampf gegen sich selbst, bei dem er bisher nicht punkten konnte. "Ich..." er japste und unterbrach sich damit selbst, als Schuldig seine Hand fest um Omis Glied schloss.

"Ich denke, eine Runde schaffst du noch." Er zog Omi von sich runter und stand auf. Feiner Schweiß glänzte matt auf seiner Haut. Der Schein der Kerzen verlieh ihm einen bronzenen Touch, dessen Anblick sich Omi nicht entziehen konnte. So sehr er es auch versuchte.

Schuldig durchschnitt den brennenden Kreis und öffnete eine der braunen Tüten, wie er es in der vergangenen Zeit, die Omi nicht einschätzen konnte, schon öfters getan hatte. Allerlei Dinge hatten sich dort drin gefunden. Kondome in der schrillsten Farben, Gleitcreme, Papiertaschentücher, etwas, dass Schuldig 'Poppers' genannt hatte und Omis Sinne bis jetzt noch benebelte, Klemmen, die er ihm auf die Brustwarzen gezwickt hatte und sogar Honig, den er ihm vom Körper geleckt hatte. Omi war völlig am Ende, aber Schuldigs Kraftreserven schienen unerschöpflich. Dieses Mal holte er eine schwarze Binde, Handschellen und einen silbernen Ring aus der Tüte und lächelte wieder dieses unheilvolle Lächeln. Wie lange würde Omis Körper noch aushalten, bevor er ohnmächtig werden würde? Am liebsten wäre ihm sofort. Aber ihm war im Moment so einiges Anderes lieber, bis Schuldig ihn wieder zu den Sternen schießen würde und denken sowieso unmöglich war.

"Was ist das?"

Schuldig kniete sich hinter Omi und hielt ihm den Ring vor die Nase. "Nun ja, für deinen Finger wird er wohl zu groß sein, was denkst du also, wo er hinkommt?"

Omi zog die Augenbrauen zusammen, als Schuldigs Hand mit dem Ring abwärts ging und seinen Schoß berührte. "Wozu soll das gut sein?"

"Du machst mir zu schnell schlapp, mein Kätzchen. Das müssen wir ändern." Schuldig griff nach Omis Hoden und legte den Ring um sie, ließ dann das halbsteife Glied folgen. Omi biss die Zähne zusammen als es anfing zu ziehen und sich ein unangenehmer Druck breit machte.

"Du gewöhnst dich schon noch dran."

Omi versuchte, seine Gedanken zu blockieren, aber es gelang ihm nicht. Er wollte sich den Ring selbst abnehmen, aber Schuldig zog seine Hände nach hinten und legte ihm die Handschellen an. In Omi stieg wieder Panik auf, aber das hatte es bei der Leine und den Klemmen auch schon getan und nichts genutzt. Im Gegenteil, das schien Schuldig erst richtig auf Touren zu bringen. Selbst sein Augenlicht wurde ihm genommen und verschwand hinter einem schwarzen Tuch, dass der Deutsche verknotete. Nun konnte Omi nur noch hören... und fühlen. Aber er wollte keins von beiden. Er wollte einfach nur einschlafen und für lange, lange Zeit nicht mehr aufwachen.

 

* * * * *
 

"Omi?" Ken schreckte auf und ließ seinen Kopf gleich wieder auf den harten Boden fallen. Sein Blick war unklar, aber er erinnerte sich langsam wieder daran, dass er aus ihrem Gefängnis gekrochen war, um Omi und Schuldig zu folgen. Und wie ihm dann plötzlich schwarz vor Augen wurde. Ein anfängliches Pochen und die Rückkehr des Schmerzes erinnerten ihn wieder an seine Wunde. Aber es hatte nachgelassen. Langsam und mit einigen Kopfschmerzen sah er an sich hinunter und begutachtete die kleine Blutlache, die sich unter ihm gebildet hatte. Zwei Liter Blut konnte ein Körper verlieren. Mehr und er würde sterben. Nun ja, im Moment blutete es nicht mehr, aber wenn es wieder anfangen würde, würde es nicht mehr lange dauern und er hatte seinen Lebensatem ausgehaucht. Ken entschied, noch etwas liegen zubleiben und seine Kräfte wieder zu mobilisieren, bevor er seinen Weg fortsetzen würde. Mehr als Omi zu helfen, war jetzt nicht mehr wichtig, auch, wenn er sich selbst nicht klar machen konnte, wie er das anstellen sollte. Er konnte ja noch nicht einmal aufrecht stehen, geschweige denn sich gegen Schuldig behaupten. Aber er würde Omi nicht allein lassen. Er durfte Omi nicht allein lassen. Sie, Weiß, waren doch eine Familie. Sie mussten füreinander da sein, sonst gab es ja niemanden. Wo zum Teufel waren bloß die anderen? Warum hatten Aya und Yohji sie noch nicht gefunden?

Ken zog seine Knie an, und stemmte die Arme gegen den Boden. Sein Körper zitterte unter der Anstrengung, als er langsam über den Boden kroch. Zu dem Zimmer, in dem Omi und Schuldig verschwunden waren. Gesund wäre es so ein kurzer Weg gewesen, aber so... schien es wie ein nicht enden wollender Marsch ins Nirgendwo.

"Jetzt nur nicht schlapp machen", sprach er sich selbst Mut zu und biss die Zähne zusammen. "Wäre doch gelacht, wenn so eine lächerliche Stichwunde mein Ende sein sollte."

Ken ignorierte erfolgreich jeden weiteren Gedanken, der dagegen sprach.

 

* * * * *
 

"Aya?"

"Hm?"

"Ah." Yohji tastete sich an der Wand entlang, bis er gegen eine andere stieß. Es war so dunkel in diesem Raum, dass er nicht einmal Konturen erkennen konnte. "Wo bist du?"

"Hier."

"Super." Yohji verdrehte die Augen und versuchte, Ayas Stimme zu lokalisieren. Klappte nicht. Er drehte sich vier, fünfmal im Kreis, bis er auf gut Glück loslief und schnellen Schrittes gegen eine Wand knallte. "Verdammte Scheiße!" [...] Er lauschte. War das eben ein leises Lachen gewesen? "Aya?"

"Hm?"

"Machst du dich gerade lustig über mich?"

"Seh ich so aus?"

"Keine Ahnung." Yohji tapste weiter durch die Dunkelheit und ertastete schließlich etwas Weiches und Warmes. Er packte es fest und zog es an sich. Ein kräftiger Schlag ins Gesicht folgte. "Verdammt, Aya!"

"Ach, du warst das."

Yohji wischte sich das Blut aus dem Mundwinkel. "Wer denn sonst?"

"Weiß nicht, hier läuft noch was anderes rum, allerdings hat das sich bisher mit meinen Füßen begnügt."

"Ratten!" Yohji sprang auf, erfasste erneut Aya und drückte ihn an sich.

"Sehe ich das richtig, und der große Playboy hat Angst vor kleinen Ratten?"

"Ahm..." Yohji lockerte seinen Griff und lehnte sich schließlich neben Aya gegen die Wand. "Ach Quatsch. Ratten. Pfffffft!" Er tastete durch seine Taschen und entdeckte zu seinem Vergnügen sein Zigarettenpäckchen. "Unsere Waffen sind weg, aber meine Zigaretten haben sie mir gelassen." Mit einem erleichterten Lächeln zündete er sich eine an und machte mit dem Feuerzeug für einen kurzen Moment die unmittelbare Umgebung erkennbar. Auch Ayas Gesicht, das wieder diesen mörderischen Ausdruck hatte. Yohji war in seinem Innersten erleichtert, als er es nicht mehr sehen konnte.

"Du warst lange weg."

"Irgendetwas Ungewöhnliches?"

"Omi."

"Was?" Yohji ließ die Zigarette fallen, trat beim Zugehen auf Aya drauf und hätte sich am liebsten selbst geohrfeigt. Egal. "Wo ist er?"

"Ich denke nebenan. Ich habe ihn hin und wieder gehört. Schuldig ist bei ihm."

"Und was machen sie? Ich meine, foltert er ihn? Wie geht es ihm?"

Aya schwieg. Plötzlich legte er seine Arme um Yohji und drückte ihn an sich. Yohji war so perplex, dass er gar nicht reagieren konnte. In hundert Jahren hätte er dem Rothaarigen solch eine Handlung nicht zugetraut. Nun ja, Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel... aber bei Aya? "Hör gut zu. Wir wissen nicht, was mit ihm los ist, wir wissen nicht, wie Schuldig es macht, und wir können das genaue Ausmaß nicht erkennen. Wir wissen nichts, bevor wir es nicht gesehen haben. Aber ich weiß, was ich fühlen würde, wenn es Ken wäre, den ich gehört habe. Wir sind Weiß, wir sind Attentäter, Mörder und eine Familie. Wir müssen stark sein, egal was passiert."

Yohji nickte langsam, als Aya ihn mit einem Ruck neben sich gegen die Wand schmetterte und ihn wieder losließ. "Gut", war das letzte, was er sagte, als es wieder still wurde und Yohji hellhöriger, als ihm lieb war.

 

* * * * *
 

Schuldig fragte ihn nicht, ob es ihm gefiel, er fragte nicht, wie es ihm ging, und er hörte auch nicht auf, obwohl er doch sehen musste, dass er Schmerzen hatte. Omis Oberkörper lag auf dem Boden, sein Hintern war hochgestreckt und schmerzte höllisch. Er weinte, er jammerte, er schrie, aber Schuldig wollte einfach nicht aufhören. Sein Muskelring spannte sich an und wurde von Schuldigs Fingern erbarmungslos auseinander gedrückt. Immer weiter, immer tiefer drang erst ein, dann zwei, dann alle Finger in ihn ein, dass Omi meinte, innerlich zu zerreißen. Und er machte weiter. Immer weiter, immer langsamer bis es plötzlich einen Stoß tat, und Schuldigs ganze Hand in ihn eingedrungen war. Die Schmerzen ebbten ab, ein Druck blieb. Aber der Druck wurde angenehm, als Schuldig seine Hand leicht drehte und Schmetterlinge anfingen zu tanzen.

"Geschafft", keuchte Schuldig leise und schien selbst erleichtert. Omi konnte sich nicht vorstellen, dass er sich angestrengt hatte. Er hatte doch kaum etwas getan. Omi hatte gelitten!

Er spürte Küsse, eine streichelnde Hand zwischen seinen Beinen, das kalte Metall der Handschellen und des Cockrings und dann... dann spürte er dieses Kribbeln, das Schuldig schon einige Mal in ihm ausgelöst hatte, nur jetzt sehr viel stärker, und er fing an zu stöhnen.

 

Plötzlich wurde die Tür aufgeschoben, und es knirschte auf dem Beton. Eine unangenehme Gänsehaut manifestierte sich auf Omis Haut. Er richtete den Blick zur Tür, aber er konnte nichts sehen. Die Binde lag immer noch fest zugezogen über seinen Augen.

Nagi dagegen konnte sehr wohl sehen und öffnete ungläubig den Mund "Sch... Schuldig?" Er schluckte, kniff einmal fest die Augen zusammen und sah dann noch mal hin. Das Bild hatte sich nicht geändert. Schuldig fistete Omi. Und überhaupt... das ganze Zeug, das in diesem Zimmer rumlag. Was zum Henker hatten die beiden noch alles getrieben?

"Siehst du nicht, dass du störst?" Schuldig trieb seine Hand tiefer in Omis schmalen Körper und hörte mit Wonne dessen Aufschrei.

Nagi war kurz davor, einen Schritt zurückzuweichen, als diese bekannte Wut ihn überkam. Dieselbe Wut wie jede Nacht, wenn Schuldig von seinen Touren zurückkam, dieselbe Wut, seit Bombay hier war und Schuldig sich mit ihm beschäftigte. Eifersucht. "Hör auf damit."

"Womit?" Schuldig grinste und leckte über Omis Pobacken. "Es macht Spaß, Nagi. Du solltest das auch mal ausprobieren."

"Dazu ist er nicht hier!"

"Wozu dann?"

Nagi spürte, wie ihm heiße Tränen in die Augen schossen, und fixierte Omis angespanntes Gesicht, hörte gleichzeitig sein Stöhnen, spürte gleichzeitig die Hitze, die sich in seinem eigenen Körper sammelte. Ein Anflug von Erregung, den Druck der Eifersucht, und eine volle Ladung Mordlust. Es tat ihm weh, das zu sehen. Zu sehen, wie Schuldig sich hier mit einem Mitglied von Weiß vergnügte. Überhaupt mit jemandem. Es tat ihm weh, es machte ihn wütend und zittrig. Schuldig sah es nicht. Er hatte sich wieder ganz Bombay zugewandt und störte sich nicht weiter an ihm als Beobachter. Nagi trat zurück und schloss die Tür wieder. Blut hämmerte schmerzhaft gegen seine Schläfen und löste den Überdruck in seinem Kopf durch ein lautloses Weinen, das ihn beschämte. Sein Blick fiel nach links auf den Gang, und auf die Person, die an der Wand gelehnt dasaß und leise keuchte. Siberian...

 

* * * * *
 

Yohji verlor langsam aber sicher die Geduld mit diesem verdammten Schloss und hätte nicht übel Lust gehabt, alles einfach hinzuschmeißen. Dann aber wieder hörte er dieses entsetzliche Geräusch. Entsetzlich nur, weil Schuldig es in Omi auslöste. Schuldig! Yohji schluckte schwer und atmete tief ein und aus, als er Ayas Hand auf seiner Schulter spürte.

"Wie sieht es aus?"

"Das ist kein einfaches Schloss, verdammt. Die wären ja schön blöd, wenn sie uns so minderwertig einsperren würden", zischte er und wollte gegen die Eisentür schlagen. Überlegte es sich dann doch anders und konzentrierte sich wieder auf seine eigentliche Tätigkeit. Sehnlichst wartete er auf das positive Geräusch, das seinen Bemühungen den herbeigesehnten Erfolg bescheren würde. "Ich werde noch etwas brauchen. Zeit und ein Wunder wären nicht schlecht." Er seufzte und lehnte die heiße Stirn gegen das kalte Metall. In seinen Ohren hallte Omis Wimmern und Stöhnen und arbeiteten kräftig daran, ihn in den Wahnsinn zu treiben. Wenn er Schuldig in die Finger bekam, konnte der was erleben. Wie konnte Omi so etwas nur zulassen?

"Er hat uns nicht verraten."

Yohji schreckte auf und sah zurück ins Dunkle, wo Aya sich befinden musste. Verraten? Nein? Ja? Yohji wollte nicht über einen Verrat nachdenken. Vollkommen ignorieren, dass Omi auf irgendeine Art und Weise wirklichen Spaß daran hatte. Er wollte hier raus und Schuldig den Hals umdrehen, genau das, und vorerst nichts anderes!

"Vielleicht haben wir Glück und bekommen Hilfe von der anderen Seite."

"Wie meinst du das?"

"Hast du Nagi nicht gehört? Die Verzweiflung und Wut in seiner Stimme? Was auch immer sie da drüben tun, es passt Nagi ganz und gar nicht."

"Du meinst, dass er sich gegen seine Leute stellt und uns befreit?"

"Ich meine, dass er dem da drüben ganz genau wie wir ein Ende setzen will."

"Das hört sich locker dahergesagt an."

"Wie meinst du das?"

Yohji drehte weiter mit seinem Werkzeug am Schloss herum und senkte seine Stimme, die jedoch nicht an Wut und Entschlossenheit verlor. "Wir hören Omi, Aya. Nur Omi."

"Es geht ihm gut."

"Woher willst du das wissen? Er könnte genauso gut schon tot sein, und..." Ein blechener Knall ertönte und Yohji sah Sterne, bevor die Kopfschmerzen einsetzten und er nach hinten auf den Boden aufschlug. Er biss die Zähne zusammen und griff sich an die schmerzende Stirn. Aya entfernte sich von ihm und war nun irgendwo dort in der Dunkelheit. Yohji quälte sich benommen wieder in die Höhe und lehnte sich gegen die Tür. Von Aya war nichts mehr zu hören. Der Stoß hatte seinen Standpunkt sehr klar gemacht.

 

* * * * *
 

Nagi wischte sich über die Augen und setzte sein selbstsicheres Lächeln auf, als er auf Ken zuging, der ihn aus leeren Augen anstarrte. "Sie an, was robbt denn da über den Boden? Ich wusste gar nicht, dass Ratten solch enorme Größen annehmen können."

"Sag, dass es nicht wahr ist!"

"Was?" Nagi hielt inne und zog fragend die Augenbrauen zusammen.

"Das, was ich da eben gehört habe. Sag, dass es nicht wahr ist, dass ich mir das nur eingebildet habe!"

Nagi senkte seinen Blick und starrte zu Boden. Er war mit dieser Situation vollkommen überfordert, aber er durfte es nicht zeigen. Eine wahnwitzige Idee hatte sich in seinem Kopf breitgemacht, aber er durfte sie nicht ausführen. Er war kurz davor, auf alle Viere zu sinken und seinen Emotionen freien Lauf zu lassen, aber auch das durfte er nicht tun. Er war ein Mitglied von Schwarz. Emotionen? Was war das? Doch nur eine behindernde, menschliche Eigenschaft, die er schon vor langer Zeit hinter sich gelassen hatte. Nein, er hatte keine Gefühle für Schuldig, nein, er war nicht eifersüchtig auf Bombay, nein, das Wissen, nachdem er es gesehen hatte, tat ihm nicht weh, und nein, er würde kein Mitgefühl für Siberian aufbauen. Aber wieder konnte er Tränen spüren. Sie waren so fremd, und sie taten weh. Er wollte ausholen und alles von sich fegen, aber es ging nicht. Der Blick auf die Blutlache, die nur wenige Meter von ihnen entfernt war, und Kens tiefe Wunde waren das Einzige, was ihn beruhigen sollte. Aber anders als sonst, tat es das nicht.

"Du musst es beenden!"

"Was?" Nagi riss sich aus seiner Trance und starrte in Kens traurige Augen. Keine Verurteilung, keine Wut, nur Trauer. Ja stimmt. Omi. Er sorgte sich anscheinend um ihn.

"Hol ihn da raus."

Nagi sah sich zur der Tür um, aus der er gerade gekommen war, und ballte die Fäuste zusammen. Dann wandte er sich wieder an Ken. "Werde ich", lächelte er schwach, aber kalt. Dann trat er zu.

 

* * * * *
 

"Es tut weh, nicht wahr?" Yohji ließ sein Werkzeug sinken und starrte gegen die Tür. "Nicht zu wissen, was mit ihm ist. Was sie mit ihm gemacht haben. War das der Grund, warum du immer so kalt zu deiner Umwelt warst? Um Momente wie diese zu vermeiden?"

"Wir können uns keine Schwächen erlauben."

"Aber jetzt lieben wir. Jetzt sind wir schwach." Yohji seufzte traurig auf und lauschte wieder auf Omis heiseres Stöhnen. "Oder macht es uns stärker, weil wir Situationen wie diese ertragen müssen?"

Aya antwortete nicht, und Yohji versuchte wieder, das Schloss zu knacken. Er wusste nicht, was jetzt angebrachter wäre. Vor Wut zu schreien oder aus Trauer zu weinen. Vielleicht sollte er es mal mit Weinen vor Wut versuchen. Vielleicht sollte er es auch aufgeben und warten, bis man sie holen würde. Seine Kraft war mit jeder Sekunde, in der er Omi gehört hatte, geschwunden. Er gab langsam aber sicher die Hoffnung auf, selbstständig hier rauszukommen und Schuldig von ihm zu reißen. Wer weiß, vielleicht wollte Omi gar nicht, dass Schuldig aufhörte. Vielleicht gefiel es ihm ja wirklich, und er sicherte sich sein Überleben, indem er bei Schwarz blieb. Egal, was es genau war, Omi veränderte sich und in Yohji keimte bei diesem Gedanken ein ungutes Gefühl auf. Diese Veränderung konnte nichts Gutes sein. Nicht, wenn sie durch Schuldig hervorgerufen wurde.

"Ich verdränge den Gedanken an seinen Tod."

Yohji nickte in die Dunkelheit. "Habe ich gemerkt."

 

* * * * *
 

Meine Güte, dieser Siberian war wirklich schwer. Vielleicht hätte er ihn nicht bewusstlos treten, sondern einfach in das Zimmer hinüber helfen sollen. Nun, um sich darüber Gedanken zu machen, war es jetzt zu spät. Außerdem war Siberians Zeit so oder so schon fast abgelaufen. Lange würde er es ohne medizinische Versorgung nicht mehr machen, und Nagi wollte, dass Omi ihn vor seinem Tod noch mal sah. Dass er ihn sterben sah. Das würde ihm jegliche Lust an Schuldigs Aktivitäten austreiben. Das würde ihm sogar so ziemlich alles austreiben, wenn er Omi richtig einschätzte. Aber Omi ließ sich lesen wie ein offenes Buch. Fehlschlag schier unmöglich.

Er ließ Ken auf den Boden gleiten und wollte die schwere Eisentür wieder aufschieben, als er Schritte auf dem Flur hörte. Langsam drehte er sich um und blickte in Farfarellos vernarbtes Gesicht, das ihn schief und ausdruckslos musterte.

"Was wird das, wenn es fertig ist?"

"Geht dich nichts an!" Nagi fing wieder an zu zittern und verfluchte sich innerlich selbst. Er musste nur noch die Tür aufmachen und Ken hineinziehen. Nur noch dieses kleine Stück, das würde er ja wohl noch hinbekommen, ohne komplett in übertriebene Emotionen zu verfallen, die sich jahrelang in ihm aufgestaut hatten.

"Ich hätte mir denken können, dass es dich wurmt. Dachte, du hättest dich besser unter Kontrolle."

"Was soll das denn jetzt heißen?"

"Schuldig, eh? Du bist eifersüchtig auf Omi und drehst jetzt völlig am Rad. Wie wär's, wir nehmen die anderen zwei auch noch und schlagen alle drei ans Kreuz. Das wird klein Bombay zerschmettern und ihn zu einem willenlosen Etwas machen, das nur noch völlig emotionslos vor sich hin vegetiert. Sicher wäre Schuldig beleidigt, aber wenn du die Beine breit genug machst, verzeiht er dir vielleicht und..."

Nagi hob die Arme und schleuderte Farfarello mit einer enormen Druckwelle gegen die Wand, dass sich Risse hinter dem aufgeprallten Körper abzeichneten. Farfarello lächelte nur, als er zu Boden rutschte, und rappelte sich schnell wieder auf. "Eine Organisation wie unsere kann nur bestehen, wenn alle absolut loyal und unparteiisch sind. Siehst du nicht, wie blind du gerade durch die Gegend läufst? Du wirst alles zerstören, Nagi. Zuerst Omi, dann dich, dann Schwarz. Unsere Stärke war unser Vorteil. Die Kraft, sich nicht von Emotionen leiten zu lassen. Das war unser Vorteil gegenüber Weiß. Willst du wirklich auf ihr Niveau herabsinken?"

"Du redest zuviel."

"Sonst komme ich ja nicht dazu." Farfarello ließ seinen Blick für einen Moment auf Ken ruhen, und ging dann an ihnen vorbei in sein Zimmer. "Mach was du willst. Aber pass in Zukunft auf, wenn du mir den Rücken zuwendest. Ich mag mein Zimmer hier, und ich mag die Aufträge, die wir bekommen, solange ich mich dabei austoben kann."

Nagi kniff die Augen zusammen und lehnte sich für einen Moment an die Tür. Er durfte sich von diesem Gewäsch nicht beeinflussen lassen. Es war bekannt, dass Farfarello nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte. Schwarz zerstören? So ein Unsinn. Schwarz war nicht zu zerstören. Das Einzige, was er hier tat, war, sich Genugtuung zu verschaffen. Dieses Recht konnte ihm keiner nehmen, und es passte doch hervorragend zu seinem Profil als Attentäter.

Er schob die Tür weit auf und versuchte nicht, auf Schuldig oder Omi zu achten. Er griff nur nach Ken und zog ihn leise keuchend ins Zimmer. Immer weiter, bis er ihn an die Wand gesetzt hatte und die Eisentür mit einer einzigen Bewegung seiner Hand ins Schloss krachen ließ. Schuldig wie auch Omi schreckten zusammen. Schuldig sah Nagi nur zweifelnd an. Omi wandte seinen Kopf zur Tür und japste leise. "Was war das?"

Nagi lächelte selbstzufrieden über den sichtlich verwirrten und verschreckten Omi und nickte Schuldig zu. "Du willst dich mit ihm vergnügen? Gut. Dann gestehe ich mir dieses Recht auch zu. Mach die Binde ab, ich hab ein kleines Geschenk für ihn."

"Was soll das, Nagi?" Schuldig zog seine Hand aus Omi heraus und wischte sie sich mit einem feuchten Lappen ab.

"Du hattest ihn lange genug für dich, jetzt bin ich dran."

Schuldig lachte leise, aber gehässig genug, dass Nagi wütend wurde. "Genau das ist es, was ich an dir nicht ausstehen kann. Dieses kindische Gehabe. Du zeigst in Stresssituationen nur allzu deutlich, wie jung du noch bist."

Nagi riss die Augen auf und hob die Hand. Er wollte es, er wollte es so sehr, aber er konnte nicht. Er müsste seiner Wut nur freien Lauf lassen und könnte Schuldig hier auf der Stelle mit solch einer Kraft gegen die Wand schmettern, dass er die nächsten Tage im Bett verbringen müsste. Aber er konnte einfach nicht. Egal, was er zu ihm sagte oder wie er ihn ansah. Er brachte es nicht fertig. Nagi ließ die Hand leicht erhoben, aber anstatt einen Energiestoß freizusetzen, trat er auf die beiden zu und riss Omi die Augenbinde vom Gesicht. Omi blinzelte etwas und setzte sich hin. Erst nach ein paar Sekunden wurde sein Blick scharf genug, um Nagi erkennen zu können.

"Überraschung." In Nagis Bauch tummelten sich lauter kleine Energiestöße. Er war aufgeregt. Langsam ging er ein paar Schritte zurück und trat dann zur Seite, um den Blick auf den bewusstlosen Ken freizugeben. Das kribbelnde Gefühl von tiefster Zufriedenheit überkam ihn, als er Omis Reaktion darauf sehen konnte. Man musste den Feind treffen, wo es ihm am meisten weh tat. Und das machte so verdammt viel Spaß.

"Ken!" In Omis Gesicht stand pures Entsetzen. Er riss an den Handschellen, und versuchte, auf seinen Knien vorzurutschen. Doch der Betonboden riss die Haut auf und Omi fiel nach vorn. "Ken!" Schuldig packte ihn an den Handschellen und zog ihn wieder in die Höhe. Sein Blick traf den Nagis und setzte eine ungeheure Spannung frei. Er kochte innerlich. Nagi ging es nicht anders. Er lehnte sich gegen die Wand und blockierte mit aller Macht seine Gedanken. Er sollte dem Deutschen nicht noch weitere Angriffspunkte liefern. Seine Worte hatten so schon tief genug getroffen.

"Lass mich los, lass mich los!" Omi fing an zu wimmern und lehnte sich nach vorn. Zog an seinen Fesseln, versuchte, sich von Schuldig zu lösen. Doch der schleuderte ihn nur noch weiter zurück, dass Omi in die Kerzen fiel und laut aufschrie. Er blieb liegen, unfähig, sich zu erheben. In seinem Kopf hämmerte immer wieder der Befehl an seinen Körper, zu Ken zu gehen, aber seine Glieder reagierten nicht mehr. Sein Körper zitterte nicht einmal mehr unter seinen Tränen. Jetzt bewusstlos werden, jetzt musste es soweit sein. Aber es passierte einfach nichts. Gar nichts.

"Mein Geschenk an dich, Bombay. Da Schuldig dich schon mit der Explosion etlicher Glückshormone bedacht hat, ermögliche ich es dir, deinem Freund beim Sterben zuzusehen."

Ein scharfer Wind fegte durch den Raum, und Omi wurde in die Luft gehoben, um dann gegen die nächste Wand zu schmettern. Ihm wurde schwindelig. Und das dumpfe Knacken, als sein Kopf gegen die Wand schlug, bedeutete garantiert nichts gutes. Sein Rücken wurde von einigen spitzen Unebenheiten in der Wand aufgerissen, als er unsanft wieder auf dem Boden landete und Ken über seine Beine kippte. "Nein", flüsterte er noch leise, als er selbst nach vorne fiel und endlich in die lang ersehnte Schwärze tauchte.

 

* * * * *
 

"Verdammt, was ist da los?" Yohji lehnte sich gegen die Wand und versuchte herauszuhören, was passierte, als etwas direkt vor ihm gegen die Wand schlug und wimmernd nach unten rutschte. "Omi?" Yohji ließ sich auf die Knie sinken und schlug den Kopf gegen die Wand. "Omi!" Seine Augen wurden feucht, als er sich umdrehte, und versuchte, im Dunkeln Aya ausfindig zu machen. Als er hörte, dass auch er auf den Boden rutschte, kramte er sein Feuerzeug aus der Tasche und hielt es in die Richtung, in der er Aya vermutete. Es fiel ihm fast vor Schreck aus der Hand, als er in sein bleiches Gesicht und die ausdruckslosen Augen sah.

"Beim Sterben zusehen...", flüsterte er leise und schüttelte immer wieder mit dem Kopf "Nein!"

"Aya..."

"Nein! Er wird nicht sterben! Es wird nicht sterben!"

Yohji fühlte sich innerlich zerrissen. Omi, Aya, Ken... alles war aus den Fugen geraten, und er wusste nicht, auf was er reagieren sollte. Er ließ sein Feuerzeug schließlich fallen und krabbelte zu Aya, versuchte, ihn zu beruhigen, doch der rothaarige Assassin schlug seine Hand weg und schrie immer wieder nur "Nein, nein, nein. Er wird nicht sterben!' Yohji wusste nicht, was ihm mehr weh tat. Der Gedanke an seinen geschundenen Omi, daran, dass Ken gerade im Sterben lag oder Aya so zu sehen. Ungeachtet der Schläge packte er Aya und drückte ihn mit aller Kraft an sich. Die Schläge pressten ihm jeglichen Sauerstoff aus den Lungen, aber er ließ nicht los. Selbst nicht, als die Tür plötzlich aufgeschoben wurde, und die plötzliche Helligkeit erst mal jedes Erkennen unmöglich machte.

"Dann beeilt euch. Sonst sind beide nicht mehr zu retten."

Yohji starrte Farfarello aus großen Augen an, und zog Aya mit sich in die Höhe. Aya schob sich von ihm weg und sah Farfarello hasserfüllt an. "Was soll das?!"

Farfarello seufzte leise und strich sich über seine schwarze Augenklappe. "Mit jeder Sekunde schwinden die Chancen, überhaupt einen von beiden lebend hier rauszubekommen. Bildet euch bloß nichts darauf ein, ich helfe euch nicht. Ich helfe nur mir selbst." Er stieß sich vom Türrahmen ab und verschwand auf dem Gang. Yohji versuchte, irgendetwas davon zu begreifen, gab es jedoch auf, als Aya aus der Tür stürmte, und folgte ihm.

Was er dann zu sehen bekam, übertraf so ziemlich all seine Vorstellungen. Omi und Ken, die beide bewusstlos und blutend am Boden lagen, und Schuldig und Nagi, die sich anfunkelten, als wollten sie sich jede Sekunde gegenseitig an die Gurgel springen. Als die beiden sie bemerkten, hatte Aya Ken schon vom Boden gehoben. Nagi hob die Hände, doch Yohji stieß ihn mit ganzer Kraft zu Boden und trat ihm ins Gesicht. Er griff nach Omi und drückte ihn an sich, als Schuldig ihn zu Boden schlug. Yohji ließ Omi nicht los, versuchte, sich wieder aufzurappeln und gleichzeitig weiteren Schlägen von Schuldig zu entgehen, als Aya ohne Ken erneut in den Raum stürmte und Schuldig die Beine wegriss. "Nun lauf schon!" Yohji schulterte Omi, und rannte auf den Gang. Als er Ken dort liegen sah, wollte er stehen bleiben, doch Aya war schon wieder hinter ihm und hob Ken auf seine Arme. Yohji rannte die Treppen hoch und stieß die Tür auf. Schuldig war schon wieder hinter ihnen, und als sie im Foyer ankamen, stand die Tür weit offen.

"Verdammt, die sollte doch verschlossen sein!"

Yohji war Schuldigs Einwand so ziemlich egal. Und Farfarello kam ihm wieder in den Sinn. Er musste seine Beweggründe nicht verstehen, und Gedanken machen konnte er sich später immer noch. Aya holte ihn ein und rannte vor ihm nach draußen. Jetzt mussten sie es nur noch bis zum Wagen schaffen und dann ganz schnell in ein Krankenhaus. Das Blut an seinen Händen machte ihm Angst.

Sie verließen das Gelände und hechteten in die kleine Seitengasse, in der sie den Wagen geparkt hatten, wo sie schon von einem Duzend bewaffneter Männer erwartet wurden.

"Alles in Ordnung. Wir kommen von den Kritikern."

"Das wird ja immer besser!" Yohji riss die Wagentür auf und legte Omi auf den Rücksitz. Aya tat es ihm auf der anderen Seite gleich. Als Schuldig und Nagi wieder auftauchten, saßen sie schon im Wagen, und Yohji drückte das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Maschinengewehre begannen hinter ihnen zu rattern, als die Reifen zuerst durchdrehten und den Wagen dann mit einem Ruck nach vorn schnellen ließen. Es war ein Glück, dass die Wanzen anscheinend genutzt und die Kritiker auf den Plan gerufen hatten. Nur ob die Männer gewusst hatten, dass man sie gerade als Kanonenfutter einsetzte...?

Eins war klar: So schnell würden sie Schwarz nicht loswerden. Aber vorerst mussten sie dafür sorgen, dass Schwarz Weiß nicht los wurde. Yohji sah in den Rückspiegel. Dieser Anblick tat so verdammt weh.

 

* * * * *
 

Aya lief schleichend die Treppen hoch und ging ohne ein Wort an Yohji vorbei.

"Noch nichts?"

Ayas Schweigen und das heftige Zuknallen seiner Zimmertür waren die Antwort. Ken lag seit fast drei Wochen von den Kritikern bewacht in einem Privatkrankenhaus. Im Koma. Seine Wunde war genäht worden, hatte sich jedoch entzündet. Eine gebrochene Rippe hatte sich in seine Lunge gebohrt, und ein Leberriss hatte sein Übriges getan. Aber er lebte noch. Angeschlossenen an unzählige Maschinen, künstlich beatmet und ernährt, aber er lebte noch. Und Aya hatte ihn noch nicht aufgegeben.

Yohji seufzte leise und ging aufs Dach. Heute war Omis achtzehnter Geburtstag, aber zum Feiern war wohl keinem zumute. Omi hatte sich, wie Yohji bereits geahnt hatte, sehr verändert. Allerdings nicht so, wie er es vermutet hatte. Omi war nicht zu Schwarz zurückgekehrt, er trat ihnen nicht mit Hass entgegen oder lehnte sich auf. Nein, er hatte seit den Ereignissen in der Villa kaum ein Wort geredet, nicht mehr gelacht. Er starrte einfach nur leer vor sich hin und verbrachte den Tag in seinem Zimmer oder auf dem Dach. Yohjis Herz war schwer. Es hatte ihm damals schon so weh getan, ihn wegen seiner Liebe zu Ken und ihrer Geheimniskrämerei leiden zu sehen. Aber jetzt war er nicht mehr er selbst. Vielmehr eine leblose Puppe, mit leeren Augen und verlorenem Lächeln.

"Omi?" Yohji stellte sich hinter ihn und kniete sich hin. Omi reagierte nicht. Er saß am Rand des Daches mit angezogenen Beinen und starrte auf den schwarzen Horizont. Yohji legte seine Arme um ihn und zog ihn zu sich heran. "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Kleiner. Wie wär's, wenn ich uns was Leckeres zu Essen bestelle, und wir uns ein Video ansehen? Es wird langsam kalt hier draußen." Er presste Omis Körper fest an sich und hielt ihn fest. Es tat so gut, das endlich tun zu können, aber unter welchen Bedingungen? Omi würde sich nicht wehren. Er reagierte ja überhaupt kaum noch auf etwas. Das war es nicht, was Yohji sich gewünscht hatte. Aber vielleicht sollte er es endlich aufgeben. Omi liebte Ken sicherlich immer noch und machte sich Vorwürfe wegen dem, was geschehen war. Manchmal, da konnte Yohji ihn nachts hören. Wie er weinte und nach Ken schrie. Sich immer und immer wieder entschuldigte. Und jedes Mal, wenn er dann irgendwann in sein Zimmer gegangen war, hatte Omi sich angezogen und war aufs Dach geklettert. Er kam nicht mehr an ihn heran. Er war jetzt weiter weg, als jemals zuvor, und falls Ken die Chance hatte, ihn wieder zurückzuholen, so war er jetzt nicht in der Lage dazu. Man konnte ja noch nicht einmal sagen, ob er das jemals sein würde.

"Ich bin ein schlechter Mensch."

"Was redest du denn da? Du bist kein schlechter Mensch."

"Es ist alles meine Schuld. Wenn ich mich nicht so aufgeführt hätte..."

"Wie oft soll ich dir noch sagen, dass ich Ken hinter dir her geschickt habe? Hör auf, dir die Schuld zu geben. Wir können nichts mehr daran ändern. Wir müssen nur irgendwie weitermachen."

"Weiß ist nicht mehr, Yohji. Ken liegt im Krankenhaus, und keiner weiß, ob er sich jemals wieder erholt. Aya ist krank vor Sorge und kaum mehr zurechnungsfähig. Ich fühle mich so schlecht, wenn ich daran denke, was ich dort alles erlebt habe und..."

"Du hattest keine Chance gegen Schuldig, Omi."

"Du verstehst das nicht." Omi wand sich aus Yohjis Umarmung und stand auf. Er drehte sich um und sah traurig zu Yohji herab. "Es war die Hölle, aber auf verschiedenen Wegen. Ich fühle mich schmutzig, aber wenn ich manchmal daran denke, dann spüre ich wieder diese Gefühle. Und es tut so weh, wenn ich begreife, dass es mir irgendwie gefallen hat, was er mit mir getan hat. Dass ich mich so lange nach diesen Berührungen gesehnt habe und sie endlich bekommen habe. Ja, es war Schuldig, nicht Ken. Aber es war so... so verrückt." Omi biss sich auf die Lippen und starrte über Yohji hinweg ins Nirgendwo. "Es hat trotz aller Schmerzen so gut getan. Geküsst, gestreichelt und berührt zu werden. Und ich... ich will es wieder haben!" Omi hielt sich die Hände vor die Augen und begann zu schluchzen. Yohji stand auf und schloss ihn wieder fest in seine Arme.

"Du möchtest geliebt werden, nicht wahr?"

"Ja."

"Aber Schuldig hat dich nicht geliebt, und Ken wird es nicht tun. Nicht so, wie du es dir wünschst."

"Ich weiß."

"Aber ich liebe dich, Omi. Du weißt das, oder? Ich brauche dich, und es tut mir weh, dich leiden zu sehen. Ich würde alles tun, damit es dir wieder besser geht. Ich würde alles für dich tun. Bitte, lass es mich doch versuchen. Distanzier dich nicht so von mir, lass mich dir helfen."

Omi hörte auf zu schluchzen und stemmte die Arme gegen Yohjis Brust. "Manchmal, da... da will ich es versuchen. Aber ich weiß nicht..."

"Was weißt du nicht?"

Omi sah zu Yohji auf und ließ sich von ihm die Tränen aus dem Gesicht wischen. "Es wäre nicht fair. Du wärest nur ein Ersatz für Ken. Ich könnte deine Liebe niemals so erwidern, wie du es verdient hättest."

"Und wenn mich das nicht stört?"

Omi lächelte schief und schüttelte langsam mit dem Kopf, als er Yohji von sich drückte. "Wir werden sehen, was die Zukunft bringt. Fürs erste..." Er trat an das Dachfenster und drehte sich zu Yohji um. "Fürs erste nehme ich deine Einladung zum Essen an."

Eine Sternschnuppe durchschnitt für einen kurzen Augenblick den nachtschwarzen Himmel und verglühte in der Atmosphäre. Yohji lächelte und sah zu Omi, der ihr mit seinem Blick ebenfalls gefolgt war. "Hast du dir was gewünscht?"

"Hm, ja", nickte Omi und öffnete das Fenster. "Ein Wunder."

 
Ende

 
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