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Mann spielt nur mit dem Herzen gut© by Birgitt ()
München. Föhn. Nina Metz liebte die Stadt, aber in Kombination mit diesem Wetterphänomen präsentierte sich die Metropole als Ansammlung von unzähligen Ärgernissen. Allen voran ihr Vorgesetzter/Kollege/bester Freund (nicht unbedingt in der Reihenfolge), der bei diesen unerträglichen Klimaverhältnissen seinen Gute-Laune-Grad zu verdoppeln schien. Mindestens. Letzten Freitag hatte er sich in ein Hawaii-Hemd geschmissen, und nur ihr entrüstetes "Leo" hatte ihn davon abgehalten, die dazu passenden Boxershorts zu präsentieren. Für den Rest des Tages hatte sie sein Grinsen und seine Anspielungen auf ihre miese Laune ertragen müssen. Um vier hatte sie ausgerechnet, wie viele Tage es noch bis zu ihrer Pension waren, und - ob des schockierenden Ergebnisses - ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, Werner anzurufen und ihm einen Heiratsantrag zu machen. In den letzten vier Wochen hatten Leo und sie die Freitagabende zusammen verbracht. Entweder dienstlich oder auch privat, denn Thorsten arbeitete an seiner Fingerfertigkeit. Mit dem Cello, nicht mit Leo, was den Letzteren zwar nicht begeisterte, aber der Herr Kommissar hatte wenig gute Gründe vorzubringen, wenn Thorsten mit seinem ehemaligen Lehrer und Mentor für seine Karriere Theorie und Praxis büffelte. Die meisten Abende der trauten Zweisamkeit wurden nämlich durch die kriminellen Elemente gestört.
Diesen Freitag hatte Nina gestreikt. "Leo, laß sein. Im Kino würde ich nach fünf Minuten selbst beim Schuh des Manitu losheulen, beim Italiener läge ich schon bei der Vorspeise mit dem Kellner im Clinch - sogar in italiano, in der Disco würde ich dem ersten Girlie, das sich an deiner Brustbehaarung festkrallt, den Hals umdrehen." Das hatte Leo dann auch ziemlich schnell eingesehen, hatte sie nach Hause gekarrt, wo sie die Anlage aufdrehte, ihre Klamotten in die Ecke schmiß und sich mit einer Familienpackung Nachos und einem Sixpack vor dem Fernseher niederließ und sich solange durch die Programme zappte, bis sie einen Sender aufgespürt hatte, der noch nicht in Weihnachtsseligkeit machte. Ein weiterer Beweis, daß 9live vom Mond aus sendete und mit Robotern vor und hinter der Kamera arbeitete. Dies war der Beginn eines langweiligen Wochenendes, das ein Highlight am Sonntag mittag erreichte, als sie zur nächsten Tankstelle mußte, weil ihr die Nahrungsmittel ausgegangen waren. Und der Alkoholvorrat hatte auch sein Jahrestief erreicht. Als sie an der Kasse für die Donuts und den Wodka bezahlte, entdeckte sie ihren ganz persönlichen Rettungsring. The Road to El Dorado prangte inmitten der aktuellen DVD-Hitparade im Regal, rief laut und deutlich ihren Namen, und das nächste, was sie wußte, war, daß sie völlig gebannt vor dem Bildschirm hockte. Sie feuerte abwechselnd Tulio und Miguel an, lachte Tränen über Altivo und Bibo, warf einen angegessenen Donut nach Chel, als sie die beiden Helden gegeneinander ausspielte, boo-hisste, als Tzekel-Kan sein wahres ich zeigte. Mitten in die dramatische Abschiedsszene der beiden Freunde - Freunde, hah!!! - schrillte ihr Handy. Mit einem Fluch aktivierte sie die Pausetaste. Das Handy lag auf ihrem Klamottenhaufen und sie mußte ohnehin aufstehen, um es abzuschalten. "Leo?", fragte sie das Display und die Vorrichtung schien zur Bestätigung noch intensiver zu leuchten. Bitte nicht jetzt! Sie drückte den Hörer und wiederholte, "Leo?" "Nina, ich hab' Scheiße gebaut, kannst du kommen?" Sie schwieg, völlig überrascht und aus dem Konzept. Die Stimme hörte sich so ungewöhnlich an, wenn sie es nicht besser wüßte, geradezu verzweifelt. "Klar, ich komme. Ich komme sofort", stammelte sie schließlich, legte auf, nur um gleich darauf das Telefon wieder zu aktivieren. Sie brauchte ein Taxi nach all dem Wodka.
"Was ist denn los, Leo?" Leo hielt ihr die Tür auf, und Nina stiefelte an ihm vorbei. "Was ist so Schreckliches passiert? Und wo ist Thorsten?" Sie sah sich suchend um. "Das ist es ja. Er ist nicht hier. Thorsten ist nicht hier." "Aha." "Er ist heute morgen abgehauen. Und Schuld ist meine verdammte Eifersucht." "Aha. Hast du sie zur Strafe in den Schrank gesperrt?" "Sarkastisch kann ich alleine, Nina." Nina seufzte. Oh wie schön wär Panama. Oder El Dorado. "Einzelheiten, bitte." "Freitag abend bin ich ins Studentenviertel gegangen. Es war so schön mild und ich wollte nicht einfach auf Thorsten warten. Schließlich war er in den Wochen vorher nie vor eins zu Hause gewesen. Ich ging ins Amadeus, du weißt, die kleine Kneipe, in der Thorsten und ich--" "Die Einzelheiten kenne ich. Weiter." Nina haßte sich für ihre schlechte Stimmung, aber hatte weder die Kraft noch die Geduld, sie zu kontrollieren. Schon gar nicht in Leos Gegenwart. "Professor Dittrich war dort, mit einer Reihe von mehr oder weniger jungen Leuten. Studenten nehme ich an. Von Thorsten keine Spur." "Also keine Studien mit seinem Mentor?" "Kein Stück. Zu Hause habe ich auf Thorsten gewartet, ihm diverse Fragen gestellt, doch er ist mit der Wahrheit nicht rausgerückt. Hat mir stattdessen begeistert davon erzählt, welche Fortschritte er bei seinen Übungen gemacht hat. Ich habe meine Wut runter geschluckt. Den kompletten Samstag hat Thorsten in seinem Arbeitszimmer verbracht. Und ich hab' mich abgesetzt, bin durch die Stadt gelaufen und habe geübt, wie ich ihn auf sein Geheimnis ansprechen sollte. Als ich ihm gestern abend gegenüberstand, brachte ich kein Wort mehr raus, floh geradezu in die Küche und habe ein absolut ungenießbares Essen zusammengekocht. Und er hat's runter gewürgt und gelacht und angefangen, mir seine Mißgeschicke am Herd zu erzählen. Es war ein stinknormaler Samstagabend, mit Kuscheln vor dem Fernseher und allem. Thorsten war so... so wie immer, verstehst du? Ich habe gar nicht begriffen, wie das mit Freitag zusammenpaßte. Mitten im Spielfilm ist er dann eingenickt, und ich feige Sau hab' ihn nur zugedeckt und mich ins Schlafzimmer verzogen. Gott, Nina, heute ist unser Jahrestag!" Leo steuerte an Nina vorbei und ließ sich auf das Sofa fallen, griff nach dem Umschlag, der darauf lag. "Ich begreife noch nichts." "Wie auch, das Schlimmste kommt ja noch! Heute morgen war er noch vor mir auf, hat geduscht und sich angezogen, und bevor ich reagieren konnte, war er schon an der Haustür. Ich stürzte hinterher, hab ihn ziemlich hart angepackt. Und dann kam alles raus. Meine Wut und vor allem meine Angst, daß ich ihn verlieren könnte." "Und?" "Nichts. Jedenfalls nicht viel. Blaß ist er geworden, als ich gefragt habe, ob er mich betrügt - ja, ganz direkt hab' ich ihn gefragt, nichts mit Diplomatie und Zurückhaltung. Im nächsten Augenblick ist er aus der Tür und schlägt sie hinter sich zu. Ab ins Auto und weg war er. In dem Moment wußte ich, daß ich einen Fehler gemacht habe. Ich hätte ihn fragen können, wo er die Freitagabende verbringt, oder ich hätte meine Klappe halten müssen." "Aber da ist doch noch mehr, Leo." Nina war mit einem Schlag stocknüchtern. "Das hier, Nina, das hier!" Er reichte ihr den Umschlag. Sie fischte eine Karte heraus, in der gleichen Farbe, nicht weiß, eher creme. Die Buchstaben waren gestochen scharf, und sie erkannte Thorstens Handschrift, seine besondere Schrift, die er für 'ernsthafte' Glückwunschkarten und die Liebeszettel, die er Leo schickte, reservierte. "Das Münchener Not so Classic-Terzett gibt sich die Ehre... zum ersten Mal am Sonntag, den 30. November im Do-Re-Mi--" Sie brach ab, sah Leo an, wie er auf dem Sofa hockte und - natürlich erfolglos - versuchte, sich klein zu machen oder gar vom Erdboden zu verschwinden. "Überraschung für euren Jahrestag, nehme ich an." "Die Einladung habe ich gefunden, fünf Minuten nachdem er weg war. Auf meinem Frühstücksteller. Den Tisch muß er irgendwann mitten in der Nacht gedeckt haben. Gott, was bin ich für ein IDIOT, Nina." Leo sah hoch. "Was soll ich denn jetzt tun?" "Du bist wirklich ein Idiot, wenn du das nicht weißt. Hingehen, natürlich." "Damit er mich mit seinem Cello erschlägt?" "Au ja. Das will sehen. Ich komme mit und verhafte ihn dann." Nina grinste, und es dauerte nicht lange, da verzog sich auch Leos Gesicht. "Verhaften ist nicht gut. Mitkommen schon. Aufi geht's!"
Das Do-Re-Mi platzte aus allen Nähten. Bevor sich Nina und Leo durch die Massen kämpfen konnten, hatte sie Per entdeckt, Leos und Thorstens Leib- und Magenkellner. "Da seid ihr ja endlich. Dreimal hat man mir schon Prügel angedroht, damit ich die Reservierung von eurem Tisch nehme." Leo starrte Per nur an und Nina sprang ein, stellte die obligatorische, unvermeidlich blöd klingende Frage. "Unser Tisch?" "Ja klar. Erste Reihe, Adventsdeko, Getränke und Essen inklusive. Jetzt macht schon. In zehn Minuten wollen die Jungs anfangen." Er sah sich zufrieden im Lokal um. "Schaut euch das an. Riesenpublikum. Und dabei haben wir gar keine Werbung gemacht. Alles Freunde und Freunde von Freunden." Er schlug Leo auf den Arm. "Du kennst ja das System. Übrigens ist Thorsten leichenblaß, rennt alle zehn Minuten aufs Klo, hat seit heute morgen nichts gegessen. Na, kein Wun--" "Per!", schallte es quer durch den Raum. Nina war jedesmal baff über das Mega-Organ von Steffen, dem Besitzer des Do-Re-Mi. Und er schien einen sechsten Sinn dafür zu haben, wann Per sich mit den Gästen verquatschte. "Ich muß weg." Und das war er dann auch in der nächsten Sekunde. "Thorsten hat nie Lampenfieber. Das ist alles meine Schuld. Ich muß ihn sofort sprechen." "Das laß mal sein, Leo. Wir können jetzt nichts mehr riskieren. Laß Thorsten in Ruhe, der kommt schon rechtzeitig zu sich." Die beiden quetschen sich durch die Sitzreihen und Nina verschwendete einen Gedanken an Feuerschutzbestimmungen, bevor sie den rationalen Teil ihres Hirns ausschaltete und die Deko bewunderte. Keine Frage, Steffen hatte wirklich ein Händchen dafür. In der ersten Reihe stand auf jedem Tisch ein Adventskranz in Miniaturform. Jeweils eine der Kerzen brannte. Dann gab es noch unzählige Kerzen und Fackeln im übrigen Raum. Das elektrische Licht war auf diese Weihnachtsbeleuchtung abgestimmt. Nina merkte förmlich, wie der Rest ihrer schlechten Laune von ihr abfiel. "Das ist wohl unser." Unverkennbar unbesetzt fanden sie ihren Tisch direkt vor der Bühne, die abgesehen von drei Stühlen und Notenständern leer war. Leo zog den Stuhl für sie zurück und sie setzte sich; unbewußt begann sie, die Nußschale zu plündern. "Herr Kommissar, wenn die Kollegen erfahren, daß du von den Vorbereitungen zu all dem hier nichts mitbekommen hast--" Sie brach ab und sah Leo kopfschüttelnd an. "Du hast diesen Mann gar nicht verdient." "Stimmt. Ich tröste mich mit dem Gedanken, daß es auf der ganzen Welt kein Wesen gibt, das ihn verdient." Nina rollte die Augen. Leo war auf dem besten Wege in die Kitschzone. "Sag ihm das erst, wenn ich weg bin. Wenn ich das noch mal höre, muß ich brechen." "Vielleicht ziehst du vorher deine Jacke aus. Du siehst aus, als wärst du auf dem Flucht." Betont lässig schälte sich Nina aus der Lederjacke, machte es sich in ihrem Stuhl bequem. "Hast du Angst, ich könnte dich allein lassen? Nicht, bevor der Auftritt vorüber ist. Ich hab' heute schon mal eine kulturelle Veranstaltung wegen dir verlassen." "Was denn?" Nina wollte nicht flunkern, und murmelte etwas Unverständliches. So glaubte sie zumindest. Leo hatte allerdings Übung mit ihrem Gemurmel. "El Dorado? Der Zeichentrickfilm?" "Nein, das Meisterwerk von Dreamworks!" Zeichentrickfilm. Nina schnaubte innerlich. "Hab' ich was anderes behauptet? Thorsten liebt--" Leo schwieg abrupt, rutschte auf seinem Stuhl hin und her. "Ich wünschte der Auftritt wäre vorbei." "Gott, Leo, so wie ich das sehe, ist all das hier bestens geplant. Und wenn Thorsten so wütend wäre, wie du fürchtest, dann säßen wir jetzt wohl kaum auf den besten Plätzen." "Vielleicht plant er etwas Melodramatisches. Die fette Lady hat noch nicht gesungen." Nina atmetet mehrmals tief ein und aus. "Männer." Wie aufs Stichwort erlosch auch noch der Rest der Deckenbeleuchtung und die Lichter auf der Bühne gingen an. Drei junge Männer, mit Thorsten an der Spitze, betraten mit ihren Instrumenten die Bühne, alle gleich gekleidet in einer eigenwilligen, wenn auch nicht gerade originellen Kombination aus schwarzem Frack, schwarzer Fliege, weißem T-Shirt und Blue-Jeans. Die Füße steckten in Turnschuhen. Naja, auf den Inhalt kommt es an... Nina schielte zu Leo rüber, der hatte Mühe, seinen Mund zu schließen. Kein Wunder, Thorsten sah einfach atemberaubend aus. Die Blässe stand ihm außerordentlich gut. "Muß ich dich an den Tisch ketten, oder hältst du es bis zum Ende des Konzerts aus?" Leo schluckte und nickte wortlos. "Das war eine 'oder'-Frage!" "Was?", kam es rauh von Leo. "Vergiß es." "Was?" Bevor Nina mit dem Kopf auf die Tischplatte schlagen konnte, trat Thorsten in die Mitte der Bühne. "Liebe Freunde!" Seine Stimme klang der von Leo nicht unähnlich. "Liebe Freunde, ich bin froh, daß ihr so zahlreich erschienen seid. Das hier", er deutete auf die Bühne hinter sich, "ist das Ergebnis eines verrückten Einfalls und bestimmt nicht mehr als ein Experiment. Nicht nur, daß unsere Stückauswahl etwas ungewöhnlich ist - Advents- und Weihnachtslieder zu spielen ist ja nicht unser täglich Brot -, nein, wir wollten noch etwas weitergehen und spielen mit getauschten Instrumenten. Mark und Will waren verrückt genug, mit mir diesen Versuch zu wagen, und nun stehen wir hier, um euch mit dem Ergebnis zu überraschen. Und es ist kein dummer Spruch, wenn ich sage, daß wir selbst von der ganzen Entwicklung überrascht worden sind." Im nächsten Augenblick war er bei den anderen, schnappte sich Marks Saxophon und drückte Will sein Cello in die Hand. Mark seinerseits nahm Wills Geige auf. "Hast du gewußt, daß er Saxophon spielen kann?", raunte Nina Leo zu. "Nicht wirklich. Er beherrscht ja mehrere Instrumente, mehr oder weniger--" "Wie kommt er denn dann auf so was?" "Ich glaub', ich hab ihm gesagt, daß Saxophon mein Lieblingsinstrument ist. Ganz am Anfang, als er mir erzählt hat, daß er Musiker ist..." "Leo, dieser Mann ist nicht wahr..."
Die nächste Stunde verbrachten die beiden in nahezu atemlosem Staunen und grenzenloser Bewunderung. Das Terzett spielte... jazzte die bekanntesten Advents- und Weihnachtslieder und ein paar Stücke, die weder Nina noch Leo erkannten; wahrscheinlich wieder entdeckte alte Schätze. Die letzten Töne verklangen und es dauerte ein paar Momente, bis der Jubelsturm losbrach. Die Leute sprangen auf, gaben ihre Standing Ovations. Inmitten des Trubels saßen Nina und Leo wie auf einer Insel. Der Applaus und die Zugaberufe ebbten erst nach Minuten ab; wieder und wieder mußten sich die drei Musiker verbeugen und in die Menge winken. Schließlich trat Mark ans Mikrofon. "Hey, ihr seid ein geiles Publikum." Er stoppte den neuerlichen Jubel mit beschwichtigenden Handbewegungen. "Und eine Zugabe habt ihr euch verdient. Will und ich brauchen jetzt echt eine Pause, aber ich glaube, Thorsten hat noch was drauf!" Will und Mark legten ihre Instrumente an die Seite und zerrten Thorsten ans Mikro. "Vielleicht braucht es noch etwas Ansporn!", brüllte Will. Das Publikum ließ sich nicht lange bitten. Ergeben nickte Thorsten und winkte ab. "Okay, jetzt wißt ihr, was wahre Freunde sind. Stoßen mich hier auf die Planke..." Er drehte sich zu seinen Kollegen um. "Nein, ernsthaft, Mark und Will, danke für alles. Und ganz besonders für das hier." Jetzt wandte er sich wieder ans Publikum. "Heute ist ein besonderer Tag für mich. Vor sechs Jahren habe ich den wichtigsten Menschen in meinem Leben kennengelernt. Und auch wenn das ein Grund ist, jeden Tag zu feiern, möchte zu Ehren dieses Tages das folgende Stück dem Mann widmen, der mein Leben auf den Kopf gestellt hat und es immer wieder aufs Neue tut." Wieder schielte Nina zu Leo hinüber und es schien, als wäre er vollends erstarrt. In der nächsten Sekunde begann Thorsten sein Solo; alles elektrisches Licht erlosch, nur noch die vielen Kerzen im Raum verbreiteten ihren sanften Schimmer. Im Raum war es so still, daß man das Knistern der Kerzen hören konnte. Stille Nacht, Heilige Nacht. Es war atemberaubend. Nina rollten Tränen die Wangen herunter. Aber das war ihr egal. Sollten ruhig alle sehen, wie wunderschön sie es fand. Viel zu schnell war es vorüber. Nina glaubte, ihren Herzschlag in der vollkommenen Stille hören zu können. Dann flammten nach und nach die Lichter auf. Sie sah gerade noch, wie Thorsten von der Bühne floh, ohne auf die Reaktion des Publikums zu warten, das wieder von den Sitzen aufsprang und frenetisch applaudierte. "Nina, ich--" "Worauf wartest du denn noch, Leo? Ab hinter die Bühne mit dir." Sie hätte gewettet, daß sie den Luftzug gespürt hatte, als Leo an ihr vorbei sprintete. Sie lehnte sich in ihren Stuhl zurück, trocknete die letzten Tränen. Per steuerte auf ihren Tisch zu. "Irgendeinen Wunsch, Nina?" Sie brauchte nur wenig Zeit, um sich zu entscheiden. "Habt ihr was Mexikanisches?", lächelte sie; zum ersten Mal seit Tagen mit sich selbst und ihrer Welt zufrieden.
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