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Cajun Christmas

© by Jimaine ()

 

Disclaimer: Die Charaktere gehören restlos MARVEL, ich besitze nicht einmal eine lumpige Pik-Zwei, und verdienen tue ich erst recht nichts. Ich schaffe nur etwas Weihnachtsstimmung unter den Mutanten.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der Comic -Sektion

 

Feuchte Hitze hing über der Stadt wie ein schwerer Umhang, lastete auf der Stadt am Mississippi. Die Straßen waren voller Menschen, Einheimische wie Touristen, eine rastlose Menge, deren Energie und Hektik nicht gerade weihnachtliche Besinnlichkeit vermittelten. Dennoch war ihr Tempo fast statisch, die Bewegungen hypnotisierend, berauschend wie in Zeitlupe. Wie er auf die Veranda im ersten Stock über dem Restaurant hinaustrat, hörte er auf Anhieb drei verschiedene Sprachen, identifizierte vier Musikrichtungen. Einen Laien würde diese Flutwelle exotischer Aromen weniger reizen als in die Flucht schlagen, aber für ihn war sie so vertraut und angenehm wie der Geruch eines Lieblingspullovers aus Kindheitstagen. Nicht daß er irgend etwas aus jener Zeit besaß. Zumindest nichts, von dem er wußte. Vielleicht hatte Tante Mattie etwas aufgehoben. Seinem Ziehvater Jean-Luc traute er solche Sentimentalität jedenfalls nicht zu.

Unten auf der Straße zog ein stimmgewaltiger Verkäufer vorbei und pries seine Ware an, Sandwiches und Baguettes, belegt mit lokalen Spezialitäten.

Er spülte die aufsteigende Übelkeit mit einem Schluck Zichorienkaffee (dick wie Motoröl und extra süß) herunter. Alligatorwurst war nicht ganz sein Fall, speziell nicht nach diesem opulenten Dinner im Familienkreis; sein Magen würde noch Tage zum Verdauen brauchen, aber Mattie und seine Schwägerin Mercy hätten ihn bis Ostern mit Verachtung gestraft, wenn er nicht den angemessenen Appetit bewiesen hätte.

Vor und zurück schaukelte er und stellte die Kaffeetasse nur ab, um sich eine Zigarette anzustecken. Ja, so ließ sich das Leben genießen. Über die Feiertage war der ewige Konflikt zwischen der Diebesgilde und ihrem Pendant, der Gilde der Profikiller und Auftragsmörder, ausgesetzt und die Mitglieder konnten sich Familienangelegenheiten widmen. _Et dis-moi, qu'est-ce que la différence, exactement?_ Die Gilde war die Familie. Arbeit war Privatleben. Aber er genoß die seltenen Momente, an denen die Selbsttäuschung fast perfekt funktionierte.

Er schloß die Augen, atmete tief ein, und in seinem Kopf vermischten sich Musik und Stimmen zu einer Symphonie, die einzigartig *New Orleans* war.

Nicht etwa 'The Big Easy', hedonistisch, laut und extravagant, sondern das 'N'awlins' der Leute, die das Herz und Blut dieser Stadt waren.

Jazz...Zydeco...Weihnachtslieder...und dazu Austern en brochette und trout meunière, Gumbo und schmorendes Fleisch. Mit Rauch und dem süßen Duft blühender Azaleen ergab das etwas, von dem man glaubte, es mit einem Messer schneiden zu können.

Alles war noch grün und voller Leben, dank dem milden Winter dieses Jahr.

Um die Ecke kam eine Gruppe Frauen; mit ihren aufwendigen Kleidern und Frisuren wären sie am Hofe Louis XIV. nicht aufgefallen, ebensowenig in dieser Oase des kreolischen savoir vivre. Selbst jetzt nicht im 21. Jahrhundert. Wären da nicht die bleich geschminkten Gesichter.

Remy seufzte und zog an seiner Zigarette, nahm einen Schluck Kaffee. Was hatte Anne Rice dieser Stadt bloß angetan? Alljährlich trafen sich zum Jahreswechsel Vampir-Jünger aus der ganzen Welt, um einen schwungvollen Silvesterball zu feiern.

Gemütlich schaukelnd hing er seinen Gedanken nach, rief sich vergangene Weihnachtsfeste ins Gedächtnis zurück. Weihnachten in der Fremde...Weihnachten alleine...Weihnachten unter Palmen...Weihnachten im ewigen Eis...

Er fühlte, wie er schläfrig wurde. Dieu, war er *satt*...ja, Schlaf war eine gute Idee. Bevor seine Augen zufielen, löschte er die Zigarette im Rest Kaffee...dann fiel ihm die Tasse aus der Hand, rollte über die Bretter...

 

Mitten in der Nacht schreckte er hoch, weil sein feines Gespür für Gefahr ihm sagte, daß er nicht alleine war. Jemand war in der Nähe. Zu nahe. Wer...?

Er schlug die Augen auf. "Chère...irgendwie hatte ich Père Noël anders in Erinnerung..." Im Licht des Vollmondes schimmerte Rogues weiße Haarsträhne wie flüssiges Silber.

"Dir auch ein frohes Fest, Sumpfratte."

"Was tust du hier?"

"Bessere Begrüßungen fallen dir nicht ein?" Rogue setzte sich aufs Geländer und schlug die Beine übereinander. Sie trug ihre übliche X-Men-Kluft, darüber ihre abgewetzte Lederjacke. "Vielleicht hatte Kurt ja Recht...es war ein Fehler, herzukommen. Tut mir leid." Sie schwang ein Bein auf die andere Seite, machte sich zum Abflug bereit, da hielt Gambits Stimme sie zurück.

"Non! Mir tut es leid... Rogue, ich hatte nicht mit Besuch gerechnet -"

"Das heißt nicht, daß du ihn gleich so freundlich behandeln mußt."

"Kann ich nicht einmal eine Entschuldigung beenden, ohne gleich von dir unterbrochen zu werden? Sacre, du änderst dich nie..."

Die Bemerkung traf sie tief, doch ließ sie sich das nicht anmerken. "Remy...ich...wollte dich fragen, ob du nicht mitkommen willst. Zum Frühstück. Es ist eine Weile her, daß du bei uns warst." Sie kreuzte die Beine neu und zwang sich, das nervöse Fußwippen seinzulassen. "Es, uh, hat sich einiges verändert."

"Zum Beispiel? Wolverine ist blond? Cyclops hat fünf Piercings und trägt nur noch Leder? Jubilee haßt Kaugummi und hat dem Mallrat-Dasein abgeschworen?"

"Ah...nein." Rogue schluckte. "Eigentlich ist alles noch beim alten. Ich...ich wußte nur nicht, was ich sonst sagen sollte. Wir waren in der Gegend...und ich dachte mir, ich schaue mal vorbei und sehe, wie's dir so geht."  

"Gut, wie du siehst." Mißtrauisch beobachtete er jede Bewegung seiner ehemaligen Geliebten. Ihre Körpersprache. "Excellent. Frühstück, eh?"

Sie nickte.

"Sind die anderen damit einverstanden? Beast? Jean? Storm? Logan? *Angel*?" Er schaffte es, eine Extradosis Zynismus in den letzten Namen zu legen. "Und, grâce à Dieu, *Cyclops*?" Rote Augen glühten in der Dunkelheit.

"Ich habe sie nicht gefragt. Aber es ist 'jeder' da...ohne dich wäre es kein richtiges Weihnachten, Remy...zumindest nicht für mich", gab sie leise zu und sah hinunter auf ihre im Schoß ruhenden Hände. Erst jetzt bemerkte sie, daß sie die Handschuhe nicht trug. Hastig verschränkte sie also die Arme, klemmte die Hände in die Achselhöhlen und biß sich auf die Unterlippe. Sie wollte Remys Blick nicht begegnen. Immerhin hatte er jeden Grund, sie abzuweisen, und keinen Grund, ihrem Wunsch nachzukommen. Nicht nach allem, was passiert war. Zwar hatte er ihr vergeben, das wußte sie, auch wenn er es nie gesagt hatte, und mit den Jahren war Gras über die Sache gewachsen, es hatte ihre Zusammenarbeit nicht beeinträchtigt. Doch war es nie zu einer richtigen Aussprache gekommen. Weder mit ihr, noch mit den anderen.

Es folgte eine längere Pause der unangenehmen Art.

Gambit zählte die Sterne am Himmel und Rogue die Perlen in dem Schnurvorhang, der das Fliegengitter vor der Tür ersetzte.

Den ganzen Tag lang hatte sie ihn aus der Ferne beobachtet, gesehen, wie der einsame Wolf namens Gambit sich in dieser ihm so vertrauten Umgebung verhielt, mit den Fischverkäufern und Straßenkünstlern plauderte, mit einem alten blinden Bettler eine Zigarette rauchte und Klatsch im lokalen Patois austauschte.

Die andere Seite von Remy Etienne LeBeau. Nicht Gambit, der X-Man, nicht Gambit, der Meisterdieb und Trickbetrüger.

Einfach nur Remy.

Der Anblick hatte Gefühle in ihr wachgerufen, die sie längst vergessen glaubte. Entweder schaffte sie es, die Unterhaltung bald wiederzubeleben, oder gar nicht.

"Was wünschst du dir vom Weihnachtsmann?" fragte sie plötzlich. Ihr Gegenüber zeigte sich nicht überrascht.

"Frieden auf Erden und Harmonie zwischen allen Menschen...und Mutanten", brummte Remy mürrisch und fischte die Zigarettenpackung aus seiner Brusttasche. Doch um ehrlich zu sein war er von der unerwarteten Einladung berührt. Er vermißte seine Freunde nämlich...wenn man sie so nennen konnte. Außer Storm, Bobby und - an extrem guten Tagen - Logan wollte er niemandem diesen Stempel aufdrücken. Er vermißte die Gemeinschaft, in der er sich einst wohler gefühlt hatte als im Kreise seiner Familie. Und nun war es umgekehrt. Schon seltsam...

"Komm' mit zurück, Remy. Nur...nur zum Frühstück am Weihnachtsmorgen. Keine Hintergedanken, keine Bedingungen. Und wenn du genug hast", versprach sie, "werde ich dich sofort zurückbringen."

"D'accord", nickte er schließlich. Was hatte Tante Mattie ihm noch beim Essen gesagt? Zu einem richtigen Weihnachtsfest - und zu einer Familie, sei sie nun selbstgewählt oder von Geburt an gegeben - gehörte auch die Möglichkeit, daß schwarze Schafe und verlorene Söhne nach Jahren auf Abwegen zurück kommen konnten...und ein Heim fanden. "Pourquoi pas?" Er stand auf und lächelte, zum ersten Mal in dieser fünfzehnminütigen Unterhaltung. "Ich packe nur noch schnell ein paar Sachen. Für den Fall, daß ich länger bleibe."

"Erwähnte ich, daß Banshee einen Kasten von dem guten irischen Whiskey für Logan mitgebracht hat?"

Damit war es klar. Entschlossen ging er hinein und packte genug Kleidung für eine Woche in eine Sporttasche. Ebenso seine X-Men-Uniform, den bo-Stab und vier Kartenspiele. Denn er würde definitiv länger bleiben! Jedenfalls so lange, wie es nötig war, um Logan um mindestens drei Flaschen zu erleichtern. Als letztes noch den Mantel, Schal, Sonnenbrille - fertig!

"Allons-y, chère. Abflug." Er band sich die Tasche um, breitete die Arme aus, und im nächsten Moment trug ihn Rogue bereits in Windeseile durch die Nacht.

 

Den ganzen Weg bis nach Salem Center, New York, hielt sich das stille Lächeln auf Rogues Gesicht. Sie hatte ihr Weihnachtsgeschenk. Manchmal kostete es nur etwas Geduld und Eigeninitiative.

 
Ende

 
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