|
Geliebter Dickkopf© by Birgitt ()
Zornig lege ich die Lektüre beiseite, mit der mich meine Gönner versorgt haben, um mir die Zeit etwas angenehmer zu gestalten. Zwar bin ich ein Mann, der Müßiggang und Entspannung wohl zu genießen weiß, aber die derzeitigen Umstände treiben mich eher in den Wahnsinn, als daß ich mich hier erholen kann. Meine Wut richtet sich vor allem gegen mich selbst. Wie konnte ich nur so unachtsam sein. Zugegeben, die letzten Tage waren voller Mühsal und der Ritt durch die Kälte mehr als erschöpfend, doch ich konnte nicht anders als mir ständig Vorwürfe zu machen, daß ich Träumereien und schönen Gedanken nachhing, so als machte ich einen Spazierritt in den gepflegten Anlagen meiner Heimatstadt. Das Maultier tat einen Fehltritt und bevor ich reagieren und mich abfangen konnte, fiel ich, so unglücklich, daß ich mir mein linkes Bein verletzte. Der Pater hier in St. Bernhard stellte eine Verstauchung fest und verurteilte mich zu einigen Tagen Bettruhe. Wäre ich allein gewesen, so könnte ich mein Ungeschick noch vergeben, doch ich gefährdete die Pläne meines Freundes Tom, dem es an nichts mangelte außer an der Zeit, an meinem Bett unnötige Wache zu halten.
Vergeblich versuche ich, die Erinnerung an den Unfall zu verdrängen. Aber die Bilder und vor allem Toms Stimme sind hartnäckige Bestandteile meiner Erinnerung. Vor allem Toms Stimme. Wahrscheinlich bilde ich es mir nur ein, wie erschreckt und besorgt er klang, als er mich stürzen sah. Es muß Einbildung sein, die perfekte Ergänzung zu meinen Träumen, die mich seit dem ersten Tag unserer Begegnung erfüllen. Wer hätte gedacht, daß ich einen Seelenverwandten, nein, die fehlende Hälfte meines Ichs im Schmutz der Londoner Straßen finden würde. Ich selbst am allerwenigsten, der ich Befriedigung in vielen amourösen Abenteuern und Experimenten suchte, ohne auch nur im Ansatz das zu entdecken, dessen ich so verzweifelt bedurfte. Gleichzeitig mit der Verzauberung überfiel mich die Angst, daß meine Gefühle nicht erwidert wurden. Tom wurde mein Freund, in den wenigen Augenblicken, wo wir uns der Strauchdiebe erwehrten, die es auf Toms Geldbeutel abgesehen hatten. In der kurzen Zeit, seit wir uns kennen, gab Tom mir alles, was ein Freund geben kann. Aber die Liebe ist unbescheiden, sie will mehr und sie will alles und zwar sofort. Doch das Herz schlägt nicht nur vor Aufregung und Passion, es schlägt auch voller Besorgnis. Und der Kopf warnt, eine Freundschaft, die sicher ist, nicht für ein irres Hirngespinst aufzugeben. Aber seine Stimme... Tom, wie er meinen Namen ruft... Noch immer kann ich das Mehr, nach dem ich verlange, nach dem ich mich verzehre, darin hören, ja spüren. Als er an mein Krankenlager kam, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen, war es meine Freundschaft zu ihm, die den Egoismus der Liebe besiegte oder zumindest für den Augenblick an die Seite schob. Was Freude und Staunen und Gefahr in den letzten Wochen nicht schafften, vermochte die Wut. Sein Zögern, mich zurückzulassen, ließ mich alle Etikette vergessen, und ich benutzte zum ersten Mal das vertrauliche Du. Das Lächeln, das meine Worte und mein barscher Ton auf sein Gesicht brachten, und das Leuchten in seinen Augen sog ich in mich auf. Dies war das Bild, an dem ich mich festhalten wollte in den nächsten Tagen.
Nun, da er fort ist und ich die Zeit dehne, indem ich jede Sekunde einzeln abzähle, ist der Egoismus zurück, und ich male mir alle möglichen Szenarien aus, die unser Wiedersehen in Mailand oder Venedig gefährden können. Alle sind erschreckend real, was nicht verwundert, bedenkt man die vielen widrigen Geschehnisse, die uns in der kurzen Zeit, seit wir uns kennen, widerfahren sind. Hinzu kommt, daß Tom keiner Gefahr aus dem Wege geht, nein, er sucht geradezu nach jeder Herausforderung, die sich ihm in den Weg stellt oder auch nur in Reichweite kommt. Diese Sache mit Ovingston. Gut, er ist ein Landsmann, aber bestimmt hätte es einen anderen Weg gegeben--
Die Idee, die meinen gedanklichen Monolog unterbricht, ist so kühn wie betörend. Dieser Umweg über Ivrea, um die Verbündeten Ovingstons zu warnen, wird Tom Zeit kosten, ohne Frage. Jede Stunde, die er verliert, gewinne ich. Sollte ich recht haben mit diesem verrückten Gedanken, hat Tom zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, als er Ovingston seine Hilfe zusagte. Er warnt die Carbonari und gibt mir mehr Zeit, ihn in Mailand oder Venedig zu treffen. Gott verdamme diesen sturen Engländer! Und Gott schütze ihn auf den Wegen, die vor ihm liegen!
***
"Monsieur Sassenage? Bitte wachen Sie auf! Monsieur!" Die Stimme dringt langsam in mein Bewußtsein, und seufzend öffne ich die Augen. Endlich hatte ich Schlaf gefunden; meine Sorge um Tom ist nichts, das sich leicht ignorieren läßt. Der Mann, der an meinem Bett steht, ist mir fremd, und ich lege meinen Arm neben das Kopfkissen, unter dem sich ein Messer befindet, das ich zur Vorsicht darunter verstaut habe. Nicht, daß es nicht jedem ein Leichtes ist, mich im Schlaf aus dem Diesseits zu befördern. "Womit kann ich Ihnen dienen?" Ich empfinde keine Bedrohung beim Anblick des gut gekleideten Herrn, doch ich will mir keine weiteren Unvorsichtigkeiten mehr leisten. Meine Hand faßt den Griff des Messers. "Ich bin Lord Ovingston, Monsieur Sassenage, und mich treibt mein Gewissen zu Ihnen. Ich möchte mich nach Ihrem Befinden erkundigen, bin ich doch Ihrem Freund, Lieutenant Waghorn, zu unendlichem Dank verpflichtet. Lieutenant Waghorn schien außerordentlich besorgt über Ihren Zustand, umso erleichterter war ich, daß er mir seine Hilfe zusagte." Ich entspanne die Hand, ziehe sie zurück und lege sie auf das Betttuch. "Lord Ovingston, erwarten Sie nicht, daß ich begeistert darüber bin, in welche Lage Sie Lieutenant Waghorn gebracht haben. Es wäre schwierig genug für ihn gewesen, auf dem direkten Wege nach Mailand zu kommen." "Machen Sie sich keine Gedanken, Monsieur. Meine Freunde werden Lieutenant Waghorn Geleit geben, wohin immer er will. Er sprach davon, daß Sie sich mit ihm in Mailand treffen wollen?" "Mailand oder Venedig. Das hängt nicht zuletzt davon ab, wie lange mich mein Bein im Stich läßt." "Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um Ihre Reise zu beschleunigen. Wenn Sie es mir erlauben, versorge ich Sie mit einem schnellen Pferd." Als ich Anstalten mache, ihn zu unterbrechen, hebt er die Hand. "Sagen Sie nicht nein, auch Ihr Freund verfügt jetzt über ein solches Transportmittel. Und Sie wollen ihn doch einholen." Ich nicke wortlos und Ovingston fährt fort. "Lieutenant Waghorn ist ein mutiger Mann. Alles wird gut werden. Sobald er meinen Freunden meine Botschaft übermittelt hat, wird er den Schutz der Carbonari genießen. Wir wissen Freunde zu behandeln." "Wäre es nicht einfacher gewesen, ihm eine schriftliche Nachricht mitzugeben, anstatt sich auf Ihr Erkennungszeichen zu verlassen? Was, wenn sie ihm die Geschichte nicht glauben?" Ovingston schüttelt den Kopf, fährt sich durchs Haar. "Leider war dies nicht möglich. Ich mußte schnell handeln, als ich hörte, daß der Lieutenant erstens ein Landsmann ist und sich zweitens auf dem Weg nach Triest befindet. Außerdem wäre eine schriftliche Botschaft zu gefährlich gewesen. Für Lieutenant Waghorn und auch für mich." "Verzeihen Sie mir meine Offenheit, Lord Ovingston, aber denken Sie nicht, daß Sie meinem Freund zu viel des Risikos aufbürden? Hätten Sie ihn nicht getroffen, wäre Ihre Lage noch viel prekärer gewesen." "Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen - die Sorge um Ihren Freund ehrt Sie. Mein Bestreben ist es, meine Verbündeten zu schützen. Und damit unsere Sache." Ich begriff. Wenn Ovingston so mit Tom gesprochen, ist es kein Wunder, daß er sich in dieses neue Abenteuer stürzte. Unsere Sache. Wasser auf Toms Mühlen. "Monsieur Sassenage, haben Sie Vertrauen. In meine Freunde und mich und auch in Ihren Freund. Sobald er den Carbonari meine missliche Lage erklärt hat, wird er alle Unterstützung erhalten, die er braucht, um seine Reise fortzusetzen." "Nun ja, reden kann Tom." Mit einem Lächeln denke ich an den Tag zurück, als er bei seinen Freunden in England um Unterstützung für seine Sache bat. Plötzlich greift eine eiskalte Hand nach meinem Herzen und mit meiner nächsten Bemerkung taste ich mich an diesen neuen Schrecken heran, hoffe darauf, daß Ovingston ihn vernichten kann. "Nur wird ihm seine Redekunst in Italien kaum von Nutzen sein." Erstaunlich, wie gleichmütig ich klinge. "Was meinen Sie, Monsieur?" "Lieutenant Waghorn spricht lediglich englisch und französisch." Seine plötzliche Blässe und die Stille zwischen uns läßt die Hand um mein Herz fest zupacken. "Lord Ovingston?" "Monsieur, mir war nicht klar, daß... Ich ging natürlich davon aus, daß Ihr Freund der italienischen Sprache mächtig ist." "Gibt es keinen unter den Carbonari, der englisch spricht?" Wortlos schüttelt Ovingston den Kopf, dreht sich von mir weg, stemmt die Hände in die Hüften. Das ist Antwort genug für mich. "Lord Ovingston, helfen Sie mir, hier rauszukommen. Holen Sie den Pater. Ich muß zu dem Treffpunkt." Ich setze mich auf und beginne, mich anzuziehen. Er wirbelt zu mir herum. "Monsieur, Sie sind nicht in der Lage--" Er bricht ab, tritt auf mich zu und ergreift meine Hände. Ich versuche mich loszureißen, doch sein Griff ist erstaunlich fest. "Es gibt nur einen Weg. Sie kämen ohnehin zu spät nach Ivrea. Nun, da meine Freund gewarnt sind, kann ich zum nächsten Treffpunkt reiten. Sobald Sie wieder fähig sind, gehen Sie nach Mailand. In der Via Bagutta, Nummer sieben, finden Sie in der Wohnung im zweiten Stock einen Mann namens Caldero. Entweder ist Ihr Freund am neuen Treffpunkt oder sie bringen ihn nach Mailand. Wenn er seinen Zeitplan einhalten konnte, wird Fabrizio bei Caldero sein. Und Fabrizio spricht englisch." "Was tue ich, wenn ich Lieutenant Waghorn oder diesen Fabrizio nicht in Mailand antreffe?" "Reiten Sie weiter nach Venedig und warten auf Nachricht von mir." "Was ist mit dem Agenten, der Sie verfolgt?" Ovingston zuckt mit den Schultern. "Meine Freunde sind gewarnt, sie werden nicht zum neuen Treffpunkt kommen, ohne Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. Machen Sie sich um meinen Schatten keine Sorgen, man wird sich um ihn kümmern." Er geht zur Tür und dreht sich noch einmal zu mir um. "Ich hoffe, Sie sprechen etwas Italienisch, Monsieur Sassenage?" "La lingua dell'opera? Certamente." "Leider wird Ihnen für La Scala kaum Zeit bleiben. Ich werde für Ihre Weiterreise sorgen, Monsieur Sassenage. Alles Gute." "Das wünsche ich auch Ihnen. Bitte schicken Sie den Pater zu mir." Er zögert kurz und lächelt dann. "Ich verstehe. Und ich verstehe auch, warum Sie und der Lieutenant befreundet sind."
In dem Moment, in dem Ovingston die Tür hinter sich schließt, lasse ich mich zurück in die Kissen fallen. Ich würde noch heute nacht reiten und wenn es eine Leiter braucht, damit ich aufs Pferd komme. Thomas Waghorn, du bist nicht der einzige Dickschädel in diesem Spiel.
|