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Lache, wenn du dich traust© by Birgitt ()
Lache, wenn du dich traust
Weine, bevor du brichst Liebe, wie du fühlst Kämpfe, bis du stirbst Lebe durch die, die du liebst Ich bin dankbar für jeden der Augenblicke, in denen ich nicht darüber nachdenken muß, was mit mir geschieht. Wann immer ich die Möglichkeit habe, meinen Zorn und meine Zweifel und diese beißende Kälte dadurch zu verdrängen, daß ich mein Schwert mit dem Blut der Feinde beschmutze, greife ich danach wie ein Ertrinkender nach einem Strohhalm. Der Vergleich ist treffender als mir lieb ist, denn das Vergessen, das ich im Kampf finde, ist nur von kurzer Dauer, täuscht eine Realität vor, die ich in der Sekunde verloren habe, als ich zustimmte, Elronds Rat beizuwohnen. Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin - und wenn ich eines auf dieser Reise gelernt habe, ist es dies - so war diese Realität immer eine Illusion. Das Vermächtnis von Gondor - ich hielt es niemals in meiner ach so starken Hand. Je fester ich es greifen wollte, umso mehr entglitt es mir. Ich fühlte es, weigerte mich aber, es zu akzeptieren. Ich kämpfte mich von Sieg zu Sieg in unbedeutenden Scharmützeln, nur um der wahren Schlacht zu entgehen.
"Boromir." Vor ein paar Wochen noch hätte er mich überraschen können, doch er hatte den Fehler begangen, mich den Wald zu lehren. Allzu bereitwillig folgte ich ihm während der Stunden, in denen er mich seine Heimat sehen, hören, schmecken und fühlen ließ, wie es nur ein Ranger kann. Jeder Eindringling ist auffällig, wenn man nur die Zeichen kennt. Jetzt kenne ich sie, dank ihm. Wie gerne würde ich dieses Wissen weitergeben, auch wenn ich niemals so geduldig sein könnte wie er. Lange Zeit hätte ich meinen Kindern nur den Tod vermitteln können, die Wege, den eigenen zu vermeiden, die tausend Arten, den von anderen zu bewirken. Jetzt, da ich ihnen das Leben hätte zeigen konnte, weiß ich, daß es niemals für mich den Augenblick geben wird, in dem sich dünne Arme um meinen Hals legen, Schutz suchend nach einem Alptraum oder aus Freude über meine Rückkehr nach Hause. Aragorn läßt sich neben mir nieder, und ich nehme seinen Geruch wahr, lasse ihn auf mich wirken. In nahezu undurchdringlicher Dunkelheit bin ich auf andere Sinne angewiesen als das Sehen, und ich bedauere es nicht. Ich liebe seinen Geruch, seine Berührungen, von denen ich weiß, daß sie mich im nächsten Augenblick finden werden. "Aragorn." "Ich sollte mit dir schelten, daß du die Stunden der Ruhe nicht nutzt, um für morgen Kraft zu schöpfen. Deine Wache ist seit Stunden um, Legolas längst auf seinem Posten." Seine Hand umfaßt meine Schulter, die Geste sagt mir mehr als jedes seiner Worte und mehr als der Ton in seiner Stimme. "Tue es und deine Worte hätten wahrlich die Überzeugungskraft, daß ich dir ohne Widerstand gehorchte und mich zum Schlafen niederlegte." Bevor er reagiert, beuge ich mich in seine Richtung, berühre mit meinen Lippen die seinen. "Ich frage nicht, wie lange du ohne Schlaf bist, Aragorn." Ich küsse ihn nochmals, ebenso leicht wie beim ersten Mal. Leise lachend zieht Aragorn zurück. "Was kostet es mich, daß du dir diese Herausforderung entgehen läßt? Denn ohne Gegenleistung bleibt dies nicht - oder ich müßte mich fragen, welcher Geist meinen Boromir heute nacht beseelt." Noch immer schmerzt die Wunde des Verlustes und es braucht nicht viel, die Pein zu verstärken, so daß sie aus ihrem Hinterhalt springt und mich verspottet, mich, der ich glauben will, er habe die Wahrheit akzeptiert. Ich weiß, Aragorn spricht nie als mein Herr, wenn wir allein sind, dennoch reizt mich alles, was nur in etwa nach diesem Herrschaftsanspruch riecht. Aragorn ist mir jetzt nahe genug, um dies zu erkennen. Ich hasse mich dafür, daß ich ihm dies antue. Uns antue. Es gibt nur einen Platz, wo ich diesem Haß trotzen kann. Aragorn rührt sich nicht, bis ich vor ihm sitze und mich zurücklehne. Er akzeptiert meine Entschuldigung, indem er die Arme um mich legt und seinen Kopf auf meinem ruhen läßt. Ein 'Verzeih' würde ich niemals über die Lippen bringen, und Aragorn versteht. Auch sein Verständnis tut mir weh, aber diesen Preis muß ich zahlen, um ihm nahe zu sein. Ich würde sterben, um ihm nahe zu sein.
Gandalf hätte bestimmt einiges zu sagen gehabt, über meine Dummheit, meine Ängste, die so viel größer sind als die der Kleinen. Ein gefährlicherer Narr bin ich als der junge Peregrin Took. Wieviel Mut die Kleinen zeigen im Angesicht der Gefahr. Anfangs aus Übermut, aus Ignoranz und für das Wohl eines Freundes. Und nun alles für das Wohl von acht Gefährten. Unbeeindruckt von der Kraft und dunklen Schönheit des Ringes. Frodo. Wie er widersteht, ist mir ein Rätsel. Mich macht allein der Gedanke an Saurons Vermächtnis und Fluch wahnsinnig. Und er trägt die Bürde tagein, tagaus. Wäre ich an seiner Stelle gewesen, als ich damals den Ring aufhob - ich wäre jetzt tot. Ohne zu zögern, hätte ich den oder die getötet, die es wagten-- Ich schaudere, erschrecke über mich selbst. Wie leicht gehe ich diesen Weg, wie schwer fällt es mir, meinen Schwur gegenüber dem Ringträger zu halten.
"Woran denkst du?" Ich will die Antwort hinausschreien, so laut, daß Gondor mich hören kann, und Mordor, und ganz Mittelerde. Er muß es doch wissen, muß es doch fühlen, wie ich dem Ring verfalle, innerlich zerfalle bis nichts mehr als eine Flamme der Sehnsucht bleibt, die nur zerstört und nicht wärmt. Ich wünsche, Aragorn würde diesen Kampf austragen müssen. Er ist der Erbe, mein Bestreben müßte das seine sein. Warum zerfrißt mich, was das Seine allein ist? Warum bringe ich seine Opfer, kämpfe ich seine Kriege? Warum liebe ich den, der mir alles nimmt, was mich ausmacht? "Ich sollte gehen." Der Gedanke und die Worte, die ich dafür finde, sind eins, untrennbar. "Du kannst in meinen Armen schlafen, Boromir." Er gibt vor, mich mißzuverstehen. Und auch das schmerzt. Kann es nicht einmal leicht sein, das Richtige zu tun? *Hilf mir, Aragorn, halte mich nicht auf!* Sein Griff verstärkt sich und ich fluche über meine Schwäche. Was kann es anderes sein? Wenn mich meine Liebe zurückhält, ist sie meine Schwäche. Und kann ich ihres Wesens sicher sein? Ihrer... *Unschuld?* Ist sie doch in demselben Augenblick geboren worden wie mein Verlangen, den Ring zu besitzen. Dies hier ist falsch, meine Gefühle für Aragorn und das, was ich in ihm sehe, nur ein weiteres Hirngespinst. Eine Illusion, zu süß um wahr zu sein. "Laß mich gehen, Aragorn. Dies ist nicht für mich." "Alles, was ich geben kann, ist für dich, Boromir." "Und das ist nichts. Nichts, was im Tageslicht Bestand hat. Nichts, was nach dieser Reise zählt." Als er nicht antwortet, dränge ich weiter. Ich muß fort, und ich kann doch meine Liebe nicht verlassen. Meinen König. "Dies ist nicht meine Art zu kämpfen. Ich bewirke nichts. Frodo hat Legolas' Bogen, Gimlis Axt, die Freundschaft der Kleinen, deine Führung. Er braucht mich nicht. Gondor braucht mich." *Schick mich fort, Aragorn. Nimm diese eine Last von mir. Handle wie der König, auf den ich mein ganzes Leben gewartet habe.* "Du warst im Rat, und du hast die Lady von Lórien gehört. Du weißt, daß es nur einen Platz für dich gibt." *Ich weiß nichts. Mein Herz weiß es. Aber mein Herz blutet auch für den Ring. Schick mich fort, Aragorn.* "Ich habe die Lady gehört. Und deshalb muß ich fort." Ich weiß, daß ich mein wahres Ich verleugne, doch wenn das das Opfer ist, bin ich bereit. "Wann wirst du es tun? Jetzt, noch im Dunkel der Nacht? Oder hast du den Mut, den anderen in die Augen zu sehen, bevor du sie im Stich läßt? Merry und Pippin? Mich?" Es ist schwer, ruhig zu bleiben, und meine Kraft ist am Ende. "Meine Freundschaft zu den Kleinen wird davon nicht berührt." "So läufst du nur von mir fort? Vor dir selbst? Dann ist dies wirklich nicht dein Kampf." Noch immer hält er mich, sein Atem ist heiß an meinem Ohr. Er wird nicht loslassen, niemals. Außer ich will es. Meine Entscheidung. "Ist es der deine?" In dem Moment, wo ich die Frage ausspreche, weiß ich, daß er keine Antwort hat, außer einer zarten Berührung, die meine Tränen fortwischt. Den König, den ich suche, werde ich hier nicht finden. Aber das Herz, das ich liebe, war noch nie so nah wie jetzt. "Verzeih, Aragorn." Plötzlich ist es furchtbar leicht, das Richtige zu tun, denn mein Herr gab mir Waffen.
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