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Die Hochzeit meiner besten Freundin


© by Wuemsel ()

 

Disclaimer: Mir gehört überhaupt nichts, Geld krieg ich auch keins, bla, bla, bla ...
Anmerkung Archivar: Ach ja, der Anfang war ursprünglich in Englisch. Birgitt war so nett, ihn zu übersetzen und Wümsel hat die Übersetzung genehmigt, daher hier in der komplett deutschen Version.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der Highlander Sektion

 

"Gott, ich verlier' mein Mittagessen."

Constable Benton Fraser drehte sich um und streckte die Hand aus, um seinen leicht wankenden, inoffiziellen Partner, Detective Ray Kowalski, zu stützen. "Du hattest kein Mittag, Ray", korrigierte er.

Kowalski rollte die Augen. "Egal. Ich werde irgendwas verlieren, wenn ich nicht bald hier raus komme." Er machte sich aus Frasers Griff frei und verließ den Raum nach einem weiteren schaudernden Blick auf den grauenhaften Anblick einer enthaupteten Leiche. Auf dem Boden war kein Blut, nur ein Mann und sein Kopf, und Fraser konnte nicht anders, als den Körper staunend anzustarren. Es war wie bei diesen Filmen, die Ray ihn in geregelten Abständen anzusehen zwang - zu faszinierend schrecklich, um weg zu schauen.

"Kotz nicht auf die Leiche", rief Ray von draußen.

Fraser wandte sich ab, um ihm zu folgen, fand den Detective, wie er mit seinem Kopf gegen die Wand des Flurs lehnte.

"Ich hätte nicht gekotzt, Ray. Du warst derjenige, der fast sein nichtexistentes Mittagessen verloren hätte."

"Zumindest bin ich nicht derjenige, der seinen Partner nervt."

"Tut mir leid, ich hatte nicht die Absicht..."

Ray seufzte. "Bitte, mach 'ne Pause, Benton-Kumpel. Ich halt das jetzt nicht aus, 'kay?"

Fraser hielt den Mund.

"Verbindlichsten Dank."

Sie schwiegen, bis Kowalski tief einatmete und sich von der Wand abstieß. Ohne weitere Erklärungen ging er in die falsche Richtung davon.

"Ray. Ray. Ray. Ray. Ray."

"Was?!" Der Detective wirbelte herum.

"Hier lang."

"Ja, ich weiß", schnappte Kowalski und rannte buchstäblich aus dem Gebäude.

"Vielleicht wäre es besser, ich..."

"Du fährst nicht, Frase. Ich habe heute keine Lust, an einen Baum geklatscht zu enden, klar?"

"Aber du siehst etwas mitgenommen aus, Ray."

"Solange mein Kopf auf meinen Schultern sitzt, fahre ich."

"Ich habe nur gemeint, daß..."

"Halt's Maul und steig in den verdammten Wagen, Benton!"

Benton gehorchte.

"Verbindlichsten Dank."

"Es wäre trotzdem..."

"Benton?"

"Ja, Ray?"

"Ich würde dir ungern deinen Kopf wegtreten, weil ich heute etwas mitgenommen bin, verstehst du?"

"Ich denke schon."

"Großartig."

"Ich denke, ich werde einfach meinen Mund halten."

"Das ist eine großartige Idee, Kumpel. Die beste, die du heute hattest."

 

 

Großartig. Der ganze Tag war absolut großartig. Alles. Das Aufwachen mit haariger Zunge, der pochende Schädel, die verstreuten Bierflaschen in seinem Apartment, der Anruf von Amanda, sie würde jetzt mal eben fix heiraten und zwar einen FBI-Agenten ( ! ) und, hihi, sie meldet sich dann nach den Flitterwochen nochmal, dann Methos wecken, der einem im halbdelirischen Zustand fast den Kopf abschlug, ihn in eine Maschine verfrachten, und DANN einen anderen Unsterblichen im Hotel treffen, der den ältesten Unsterblichen der Welt gefälligst nicht schräg an zu gucken habe.... Japp, der Tag war der absolute Hauptgewinn des Jahres!

Joe Dawsons Kopf sank gegen die Lehne des Beifahrersitzes. Der Taxifahrer schielte in den Rückspiegel. "Hey Mann!"

"Was?"

"Kotzen draußen, klar?!"

"Ich muß nicht kotzen", belehrte Joe ihn tonlos. "Ich muß von irgendwas runterspringen, dann geht's mir besser."

"Klar, Mann, aber nicht hier drin, ja?"

Joe winkte ab und ließ sich zurück in den Sitz fallen. Scheißstadt. Scheißtag. Scheißunsterbliche! Scheiß....

"Hey! Fuck!"

Der plötzliche Aufprall und der darauffolgende Ruck rissen Joe in die Wirklichkeit zurück, in der sein Taxi gerade frontal mit einem schwarzen anderen Auto kollidiert war, dessen Fahrer herausgesprungen zu sein schien, noch bevor der Unfall passierte, denn er wetterte bereits lautstark den perplexen Taxifahrer an, als Joe gerade seine Augen geöffnet hatte.

"Das hier ist 'ne Einbahnstraße, du Vollidiot!!"

"'tschuldigung, das...", begann der Taxifahrer kleinlaut, doch weit kam er nicht.

"Und das da ist 'n verdammt wertvoller Wagen, klar?! Und ich bin 'n Bulle! Und das ist meine Marke!" Eine ziemlich eindrucksvolle Knarre landete im Blickfeld des Taxifahrers, der vor lauter Schreck nicht mal zusammenfahren konnte. Joe dafür um so mehr. "Und jetzt werd' ich erstmal 'ne standesgemäße Verhaftung vornehmen. Wenn ich nämlich nicht mindestens dreimal am Tag 'n blödes Arschloch verhafte, werde ich stinkig. Rauskommen, hinlegen!"

Während der inzwischen fast den Tränen nahe Taxifahrer am Türgriff herum friemelte, gelang es Joe endlich, auszusteigen. "Hören Sie mal, Officer", sagte er beschwichtigend, "finden Sie nicht, daß Sie 'n bißchen übertreiben? Ich meine..."

"Wer sind denn Sie?" wandte sich der Polizist an Joe und die Waffe gleich mit. Dawson fand, daß er eigentlich nicht wie ein Cop aussah. Eher wie ein irrer Punk. Ein etwas grünlicher irrer Punk. Tatsächlich schien ihm sein Lunch oder etwas nicht bekommen zu sein; Joe besaß eine Bar - er wußte wie Leute nach dem Kotzen aussahen.

"Ich bin der Fahrgast", wies er sich aus und bemühte sich um ein Lächeln. "Das alles ist ein Riesenmißverständins."

"Seit wann sind Autounfälle Mißverständnisse?!"

"Na ja, er..."

"Ich glaube der freundliche Herr hat recht", erklang eine beruhigend tiefe Stimme vom angedetschten Wagen des Cops her. Dessen Besitzer die Augen verdrehte.

Joe hob den Kopf, um einen in rot gekleideten Mann die Szenerie betreten zu sehen. Der riesige Hut weckte Assoziationen ....ein Mountie?!

"Eigentlich bist du zu früh abgebogen. Ich glaube nicht, daß er vorhatte, in die Einbahnstraße zu fahren. Ist es nicht so, Sir?"

Der Taxifahrer nickte schwach.

"Wirklich?" fragte der Cop stirnrunzelnd.

"J-ja, wirklich, i-ich...."

"Na gut", erwiderte der Polizist gnädig. "Dann lassen wir das mal für heute. Fahren Sie in Zukunft vorsichtiger."

Joe starrte den zwei Männern fassungslos nach.

"Du hättest wirklich nicht gleich deine Waffe zu ziehen brauchen, Ray."

"Ich weiß, aber jetzt geht's mir deutlich besser." Ein wildes Grinsen huschte über das dünne Gesicht des Cops, bevor er sich auf den Fahrersitz seines demolierten GTO gleiten ließen. "Adrenalinschocks - das Heilmittel gegen alles."

"Ich dachte, das wäre heiße Gemüsebrühe."

"In Kanada vielleicht."

Immer noch sprachlos sah Joe dem davon sausenden Wagen nach. Scheißtag, aber wirklich!

 

"Ray, meinst du nicht, ich sollte lieber...."

"Ich kann Blut sehen, Frase."

"Ich meine ja nur, heute morgen, da..."

"Es gibt einen Unterschied zwischen jemandes Blut und jemandes Kopf."

"Oh. Verstehe. Dann werde ich draußen warten."

"Prima. Dann schieben Sie die Leiche mal rüber, Doc."

Folgsam zog der diensthabende Doktor des Krankenhauses das Laken über dem bewegungslosen Körper auf der Liege zurück. Was er freigab, war ein ehemals gutaussehender Mitdreißiger mit einer häßlichen Schnittwunde an der Kehle. Inzwischen war das meiste Blut getrocknet oder weggewischt worden, aber die ungewöhnlich blasse Gesichtsfarbe des Toten zeugte trotzdem noch von der Todesursache. Ray schluckte trocken. "Okay, ich glaube...Sie können dann wieder..." Er machte eine entsprechende Geste.

Der Doktor nickte und zog das Laken zu.

"Jetzt muß ich noch den ganzen medizinischen Quatsch abfragen", erklärte Ray, froh über das Laken.

"Da muß ich erst die Akte raus suchen", erwiderte der junge Arzt. "Tut mir leid, die haben wir schon...Bin gleich wieder da." Sprach's und verlies das Zimmer.

Allein mit einer Leiche. Juch-hu. Aber er war nicht nervös. Warum sollte er? Tat die Leiche ihm denn was? Hallo Leiche! Na also, es gab nichts, wovor man...

"Au! Sch...." Das Laken bewegte sich. Oder besser: die Leiche bewegte sich. Oder besser: Die Leiche wehrte sich vehement gegen das Laken, bis es zerknüllt von ihr abfiel.

Das war doch was, wovor man Angst haben konnte. Rays Augen jedenfalls drohten, ihren Höhlen zu entfliehen.

"Uups", war der entsprechende Kommentar der Leiche, die, inzwischen relativ lebendig, von der Liege rutschte und sich schwer daran anlehnte. Ein Paar haselnußbraune Augen richteten sich entschuldigend auf Kowalskis. Dieser dachte an alles, was man ihm über die Situation "auferstehende Leiche" beigebracht hatte und zog seine Waffe. Zweimal an einem Tag - persönlicher Rekord.

"Wuo!" Mit erhobenen Händen wich die Leiche zurück bis hinter die Liege. "Was wird denn das?"

"Sie. Sind. Tot."

"Ja klar, alles, was Sie wollen, aber nehmen Sie das Ding wieder runter, ja?"

"Erst wenn Sie sich wieder tot darauf gelegt haben."

"Wenn Sie sich nicht einkriegen, wird mir gleich nichts anderes mehr übrigbleiben."

Ray atmete ein paar mal tief ein und aus, aber die Halluzination wich nicht.... Mann, ich muß WIRKLICH weniger Zucker essen!

"Hören Sie mal, Kleiner." Der quicklebendige Tote hatte sich genervt nach einem Fluchtweg umgesehen und keinen entdeckt. "Offensichtlich besteht hier ein wiiiinziges Kommunikationsproblem, das man sofort aus der Welt schaffen kann. Ich bin nicht tot, ich atme, ich winke," er winkte, "ich rede. Alles Indizien fürs absolute Nichttotsein. Abgesehen davon heiratet heute eine Freundin von mir, und deshalb muß ich mich beeilen. Ich wäre Ihnen deshalb dankbar, wenn Sie Ihre Waffe einfach wieder einsteckten und mich gehen lassen würden."

Ray runzelte die Stirn. "Aber Sie waren tot. Sie...Sie hatten da...." Er fuhr sich mit der Hand über die Kehle. An der gleichen Stelle klebte bei dem Toten getrocknetes Blut, das dieser wegwischte. Interessiert betrachtete er seine blutige Hand. "Oh. Ja, stimmt. Hatte ich wohl. Aber alles halb so schlimm, sehen Sie? Klasse Krankenhaus hier, hervorragende Ärzte. Wo sind wir denn hier überhaupt?"

"Im Leichenschauhaus."

"Ach, sieh an...." Der Tote lächelte hektisch. Ray hielt immer noch seine Waffe in der Hand. "Also, was ist jetzt...." Plötzlich stockte der Tote und hob den Kopf wie um einem entfernten Geräusch zu lauschen. Nur eine Sekunde lang - danach wurde er sehr bestimmt. "Okay, Kleiner, Schluß mit dem Blödsinn. Wir müssen hier raus. Und zwar sofort. Das heißt, ich muß hier raus, was Sie machen ist mir schnurz, aber ich würde Ihnen raten..." Inzwischen war er zur Tür geschlichen, hatte sie vorsichtig geöffnet und machte Anstalten, den Gang entlang zu schleichen. Ray steckte seinen Revolver weg und folgte ihm skeptisch. "Hey! Was..."

"Shhhh! Nicht so laut", mahnte der Fremde. Wie ein Raubtier auf der Jagd schlich er an der Wand entlang den Gang hinunter bis zu einem Notausgang. Erst dort holte Ray ihn ein und hielt ihn am Arm fest. "Hey! Bleiben Sie doch mal..."

"Äh...Ray?"

Erschrocken zuckte der junge Detective zusammen. Sich noch immer an der lebende Leiche festhaltend, hob er den Kopf, um zu Benton Fraser aufzusehen, der sich unbemerkt herangeschlichen hatte.

"Herrgott, Frase! Schleich' dich nicht so an, ich hätte mir fast in die Hose gemacht!"

"Oh. Entschuldigung. Was tust du hier?"

"Ich...ähm..." stammelte Kowalski, während er aufstand, den Toten mit sich hochziehend. "Ich verfolge eines der Mordopfer, siehst du doch."

"Er hat mich mit einer Waffe bedroht," klärte der Fremde Fraser ruhig auf. "Hilfe," fügte er hinzu, als würde ihm das im Nachhinein notwendig vorkommen.

Fraser runzelte verwirrt die Stirn. "Und Sie sind?"

"Das Mordopfer", kam Ray zuvor, "hab ich doch gesagt. Sein Name spielt keine Rolle, er ist tot. Aus. Finito. Sense. Stimmt's?" wandte er sich an den größeren Mann, den er immer noch fest am Arm hielt.

"Ja, klar, Kleiner, alles. Meinen Sie," wandte er sich an Fraser, "Sie könnten ihm irgendwie die Waffe abnehmen? Ich will ja nicht kleinlich sein, aber das Ding macht mich nervös. Also, genauer gesagt macht er mich nervös."

"Ray, hast du irgendeinen Grund Mr. ...."

"Pierson," sagte die Leiche zuvorkommend. "Adam Pierson. Und ich bin nicht tot."

"Ach ja?!" machte Ray vorlaut. "Und wieso lagen Sie dann in 'nem Ausziehsarg?!"

"Ray," mahnte der Mountie streng, "ich glaube, du solltest Mr. Pierson jetzt gehen lassen."

"Nein, ich will nicht."

Fraser seufzte leise, was Ray nicht weiter beeindruckte. "Leiche," wandte er sich statt dessen an Pierson, "Sie sind vorläufig festgenommen."

"Weswegen?!" begehrte der Verhaftete auf. Er erhaschte sehr wohl den kopfschüttelnden Blick des Mounties.

"Na wegen.... wegen....Nichttotsein. Wegen Auferstehung. Vorsätzlicher Auferstehung."

"Hey, Sie, Mountie, das reicht jetzt. Pfeifen Sie den Pit-Bull zurück, und ich gehe."

Fraser seufzte noch einmal. "Ray, laß ihn los."

"Aber er war tot, Frase, wirklich! Doktor Dingsda kann das bestätigen. Er war tot, so tot wie....na wie diese Gegenstände, die auch tot sind."

"Türnagel, Sie Vollidiot," sagte Pierson und befreite sich endlich aus Rays Griff. Zu Fraser sagte er: "Sie waren eine große Hilfe...."

"Constable Benton Fraser, Kanadische Berittene Polizei, ich...."

Ray stöhnte laut auf. Fraser unterbrach seinen Vortrag. Pierson sah von einem zum anderen.

"Du läßt ihn doch jetzt nicht einfach so gehen, oder?!"

"Ray, es liegt nichts gegen ihn vor. Wir kennen ihn doch nicht mal." Er nickte Pierson zu, während dieser langsam den Gang zurückging.

"Aber er war tot! Kapierst du das nicht? Tot! T. O. D.....T, meine ich. Er ist vor meinen Augen zum Leben erwacht, er...."

Fraser betrachtete seinen aufgebrachten Partner besorgt. Ray hatte schon den ganzen Tag lang nicht besonders ausgeruht und gesund ausgesehen. Dann die Sache mit der geköpften Leiche....vermutlich reagierte er einfach sehr stark auf den Streß des Tages. Allmählich setzte sich in Benny die Überzeugung fest, daß sein Partner in seinem momentanen Zustand nicht mit einer Waffe durch die Stadt laufen sollte. Der Gedanke war ihm bereits bei ihrer Begegnung mit dem Taxifahrer in den Sinn gekommen. "Ray," unterbrach er deshalb beherrscht die Tirade seines Freundes.

"Selbst wenn Auferstehen nicht strafbar ist,...."

"Ray."

"....ist es doch irgendwie....ich meine...."

"Ray."

".....unheimlich! Es ist unheimlich! Und wir beschützen die Menschen vor unheimlichen....

"Ray."

"Dingen. Wir...."

"Ray!"

"Was ist denn?!"

Fraser unterdrückte einen genervten Seufzer. "Ich glaube, es reicht für heute. Warum fahren wir nicht zurück aufs Revier, holen Diefenbaker und machen Schluß für heute, hm?"

Bevor Ray darauf antworten konnte, sprintete der quicklebendige Pierson wieder um die Ecke, diesmal offensichtlich erleichtert, die beiden Polizisten vorzufinden.

"Oh, hey, hi, das...klasse. Mir ist gerade eingefallen," wandte er sich keuchend an Ray, "eigentlich haben Sie doch recht. Also, nicht mit dem tot und so, aber ich würde Sie gerne erstmal begleiten." Er sah sich gehetzt um, dann wieder nach vorn. "Gilt das Angebot noch? Verhaften Sie mich?"

Ray und Fraser wechselten einen fragenden Blick.

"Verzeihung Sir," sagte Fraser schließlich, "aber es liegt nichts gegen Sie vor. Wir haben keinen Grund, Sie..."

Ohne jegliche Vorwarnung, ohne mit der Wimper zu zucken, ohne sich auch nur zu drehen, schlug Pierson Ray seine Faust ins Gesicht. Der Detective landete völlig überrumpelt auf seinem Hintern, Sterne explodierten vor ihm.

"Jetzt haben Sie einen," stellte Pierson fest und schüttelte sacht seine Hand.

Fraser sah zu Ray hinunter, der benommen seinen Kopf schüttelte. "Mr. Pierson," sagte er tonlos, "das war ein Fehler. Glauben Sie mir."

 

"Constable, ich hab' wirklich einen miesen Tag gehabt heute." Lieutenant Harding Welsh vom 27. Revier blickte wie ein sehr, sehr, seeeeeehr alter Hundewelpe zu dem Mountie hoch, der ungerührt vor seinem Schreibtisch Posten bezogen hatte. "Ich meine, wirklich, wirklich mies."

"Das betrübt mich zu hören, Lieutenant."

"Ja, glaub' ich Ihnen. Also," seufzte Welsh laut und rieb sich über die Augen, als würde Fraser verschwinden, wenn er nur lange genug die Augen geschlossen hielt, "was ist es? Warum muß ich es wissen?"

"Der Name des Mannes, den Detective Kowalski und ich verhaftet haben, ist Adam Pierson, er ist als Student in Paris gemeldet."

"Lassen Sie mich raten, er hat dorthin die Mörder seines Vaters verfolgt und ist aus Gründen, die nicht wichtig sind, geblieben."

Fraser überlegte eine Sekunde. "Nicht daß ich wüßte, Sir, aber ich kann das natürlich überprüfen lassen."

Welsh funkelte ihn vernichtend an.

"Oh", begriff Fraser und lächelte entschuldigend. "Verstehe. Sehr komisch, Sir."

"Danke, Constable. Also?"

"Ach so, ja...Mr. Pierson hat zu Protokoll gegeben, gewissermaßen ein...Zeuge des Mordes gewesen zu sein, den Detective Kowalski und ich zufälligerweise gerade behandeln."

"Den aus "Sleepy Hollow"."

"Sir?"

"Nicht so wichtig, Fraser. Was heißt "gewissermaßen"? Ist er ein Zuge oder nicht?"

"Das ist kompliziert, Sir. Er hat den Mord...gehört."

"Gehört?"

"Von seinem Zimmer aus. Es ist das Nachbarzimmer des Toten." Fraser machte eine kurze Pause und setzte einen Blick auf, der Welsh zu gut bekannt war. "Ich befürchte, Mr. Pierson befindet sich in ernster Gefahr. Der Mörder scheint offensichtlich auf ihn aufmerksam geworden zu sein und hat ihn bis in die Leichenhalle verfolgt, die Mr. Pierson aus....bisher nicht geklärten Gründen aufgesucht hatte. Ich bin davon überzeugt, daß er deshalb zurückgekehrt ist, um unsere Hilfe zu erbitten."

"Indem er Kowalski eine rein haut."

"Ja."

"A-ha."

"Ja...ähm...." Nach Worten suchend inspizierte Fraser den Boden. Nervös verlagerte er sein Gewicht aufs andere Bein, bevor er wieder aufsah. "Da gibt es noch etwas zu erwähnen, das..."

Welsh seufzte tief. "Machen Sie keine Sachen, Constable! Was ist es?"

"Detective Kowalski behauptet, Mr. Pierson sei vor seinen Augen zum....Leben erwacht...."

Welsh zeigte nicht die geringste Reaktion. "Nachdem er tot war?" fragte er tonlos.

"Das wäre die gegebene Voraussetzung dafür."

Welsh sah auf seinen Tisch, dann auf Fraser, dann auf die Wand und wieder zu Fraser. "Wissen Sie was, Constable? Drauf geschissen."

"Sir?"

"Ist mir egal, was Kowalski behauptet. Herrgott, er ist ja auch von Außerirdischen entführt worden! Ich will es gar nicht wissen. Und wenn der Typ ein unsterblicher Dämon ist, will ich's auch nicht wissen. Kowalski...." Er stockte plötzlich, seine Augen verengten sich langsam. "Übrigens, Constable, wo ist der überdrehte Spinner eigentlich?"

"Detective Kowalski zog es vor, bei dem...Verdächtigen zu bleiben, während ich Sie unterrichte."

Mit wachsender Besorgnis schob Welsh seinen Stuhl zurück und stand auf. "Sagten Sie nicht, der Typ hätte ihm eine verpasst?"

"Ja, aber ich hielt es nicht für..."

"Vecchio!" Ohne Fraser weiter zu beachten, stürmte Welsh an ihm vorbei zur Tür hinaus und in den ersten Verhörraum, wo Ray Adam Pierson gerade am Kragen seines T-shirts gegen die Wand hielt. Obwohl der Detective kleiner war, ließ ihn die Anspannung seines schlanken Körpers doch überlegener aussehen. Dazu passend trug er noch immer das blutbesudelte T-Shirt. In den grünen Augen funkelte es so gefährlich, wie es in ihnen nur funkeln konnte. Pierson sah inzwischen doch relativ beeindruckt ein, sein Blick flog zu Welsh und Fraser hinüber, die synchron "Ray!" riefen, gerade als der Detective seine Faust erhob.

"Hm?" machte Ray unschuldig und sah sich zu den beiden um. Seine Faust hing noch immer in der Luft.

"Vecchio, lassen Sie den Mann sofort los!"

"Gleich."

"Ray, Rachegefühle sind hier völlig fehl am Platz. Mr. Pierson benötigte lediglich unsere Hilfe und..."

"Ja", beeilte Pierson sich einzuwerfen, "richtig. Genau. Hilfe. Komisch, das Wort kam mir auch gerade in den Sinn. Ich meine, hey, Kleiner, das war nicht persönlich gemeint, ehrlich, das war mehr so ein....freundlicher Hin..."

Der Griff um seine Kehle verstärkte sich merklich. Pierson hustete einmal kläglich. "...weis."

Fraser trat heran und sah freundlich lächelnd zu der ängstlichen Figur an der Wand auf. "Vielleicht sollten Sie ihn nicht mehr "Kleiner" nennen, Mr. Pierson. Mein Partner reagiert sehr empfindlich auf..."

"Halt die Klappe, Fraser."

"Vecchio, lassen Sie ihn los. Sofort!"

Muffelnd zog Ray seine Hand zurück, Fraser griff bestimmt nach seiner Schulter, um ihn ein paar Schritte weit weg zu ziehen.

Pierson keuchte, seine Kehle reibend. "Danke, Lieutenant."

"Hm, ja", machte Welsh. Er hatte nicht vor, sich für das Verhalten seines Detectives zu entschuldigen - wer Ray Kowalski eine verpasste, war selbst schuld. "Also, Mr. Pierson," sagte er schließlich in einem offizielleren Ton, "nachdem Ihre momentane Lage geklärt ist, halte ich es für geboten, Sie unter Personenschutz zu stellen, bis wir mit Ihrer Hilfe den....Mörder gefaßt haben."

Pierson sah von seiner Kehlenreiberei auf. "Hä?"

"Ich habe den Lefteant über Ihre Aussage aufgeklärt", erklärte Fraser. "Er ist mit mir einer Meinung, daß wahrscheinlich Ihr Leben in Gefahr ist, da Sie in der Lage sind, den Mörder zu identifizieren. Detective Kowalski und ich stellen uns deshalb zu Ihrem Schutz zur Verfügung, bis die Situation sich entspannt hat."

"Japp!" freute Ray sich. "Genau das tun wir. Wir weichen Ihnen nicht von der Seite! Und wenn Sie nochmal von den Toten auferstehen...."

"Ray."

"...verhaften wir Sie dermaßen von der Stelle weg, daß Sie nichtmal mehr Ihren Heiligenschein mitnehmen können!"

"Vecchio, halten Sie die Klappe!"

Pierson sah von einem zum anderen, ein ungläubiges, verzweifeltes Grinsen begann sich auf seinem Gesicht zu formen. "Lieutenant, das ist nicht Ihr Ernst, oder? Ich meine...Sie lassen mich nicht mit Nelson Eddie und Bart Simpson allein, oder?"

"Es ist zu Ihrem eigenen Schutz", versicherte Welsh. Nach einem Seitenblick auf Kowalski, der diabolisch grinste, verirrte sich ein Anflug von Mitleid in seinen Blick. Er räusperte sich kurz. "Vecchio, Sie garantieren mir seine Sicherheit, klar?"

Ray wirbelte zu seinem Vorgesetzten herum und salutierte hektisch. "Japp, klar, Sir."

Welshs Blick wanderte Hilfe suchend zu Fraser, der beruhigend nickte. "Sir, wir werden Mr. Pierson an einem sicheren Ort bringen und mit Hilfe seiner Erinnerungsfetzen versuchen, den Fall aufzuklären. Ich denke, daß die Chancen durchaus gut stehen dafür."

"Aber ich hab' doch gar nichts gesehen!" begehrte Pierson auf.

"Hören ist Sehen in anderer Form", versicherte Fraser lächelnd.

Pierson starrte ihn einen Moment an, wandte sich dann an Ray. "Was macht der Kerl eigentlich hier?"

"Er ist nach Chicago gekommen, um die Mörder seines Vaters zu suchen und dann gab's da 'n Haufen langweiliger Gründe, und jetzt ist er irgendsowas Offizielles im.....also, was offizielles halt."

"Verbindungsoffizier", sagte Fraser. "Im kanadischen Konsulat."

"Hab' ich doch gesagt."

"Ja, Ray."

Pierson sah von einem zum anderen, eine tiefe Furche hatte sich zwischen seinen Augen in die Haut gegraben. "Lieutenant..."

Welsh grinste aufmunternd, winkte mit zwei Fingern und verließ den Raum.

 

Methos war nicht zufrieden mit den Formen, die dieser Tag begann anzunehmen. Hatte alles wie gewöhnlich mit einem fröhlichen Kater und einem Beinah-Mord an Joe begonnen, so zeigte sich inzwischen kein Fünkchen Licht mehr am Ende des Tunnels. Nicht nur, daß Amanda einen FBI-Agenten heiraten wollte, den sie kaum kannte, nein, natürlich mußte sich auch noch in ihrem Hotel ein anderer Unsterblicher herumtreiben, den Methos von früher kannte und noch nie hatte leiden können. Gilbert Radieux. Klugscheißer. Methos hatte ihn 1790 in Deutschland kennengelernt. Radieux war ein ängstliches Huhn mit der Mentalität eines Schreibtischtäters. Er war unsympathisch. Und er hatte Methos schief angeguckt auf dem Flur. Auf jeden Fall, und wenn Joe sich noch so sehr aufregte. Ansonsten ging der älteste aller Unsterblichen wirklich jedem Kampf aus dem Weg, aber Gilbert Radieux...irgendwo mußte man Prioritäten setzen! Und wer konnte denn auch ahnen, daß der Typ ausgerechnet seinen besten Freund, einen menschlichen Wandschrank, der mit einer mittelalterlichen Streitaxt kämpfte ( ! ), mitgebracht hatte?! Nachdem das Quickening Methos neben Radieux' gekürzten Körper erschöpft zurücklassen hatte, war ihm besagter Freund aufgefallen, wie er in der Tür stand, einen Ausdruck in den Augen, den selbst Wiliam Shakespeare nur als ungeschmückt böse hätte bezeichnen können.

Methos war eigentlich nicht überrascht, als sich der Riese plötzlich auf ihn stürzte, aber besonders gut vorbereitet war er trotzdem nicht, und so endete seine Erinnerung mit einem plötzlichen Schmerz an seiner Kehle und tiefer Schwärze. Sie setzte erst wieder ein, als er in den Lauf einer Knarre blickte.

Und wo war er jetzt? In einem schwarzen GTO auf der Straße ins Niemandsland mit den schrägsten Typen der Stadt. Er warf einen kurzen Blick über seine Schulter, halb erwartend, Radieux' Freund auszumachen, wie er mit schwingender Axt den Wagen verfolgte...

"Wohin fahren wir eigentlich?" fragte er schließlich.

"Zum Konzert."

"Konsulat, Ray."

"Ja, sag' ich doch."

Fraser schwieg einen Moment, dann fiel ihm plötzlich etwas ein. Er warf Ray einen raschen Blick zu.

"Was?"

"Hm?" machte der Mountie unschuldig.

"Was ist?! Du guckst als wäre dir gerade eingefallen, daß du den Herd angelassen hast."

"Oh. Ha, ha. Nein. Ähm...ins Konsulat können wir nicht, Ray."

"Wieso nicht? Laß mich raten," er grinste amüsiert, "Dief."

"Richtig", lächelte Fraser nervös zurück.

"Was hat er getan?"

"Ähm....er hat möglicherweise etwas....gefressen, was Inspector Thatcher sehr am Herzen lag, aber das ist ein unbewiesener Verdacht. Wie auch immer, zur Zeit sind persönliche Wünsche nicht angebracht."

"Soll heißen, du darfst dich vor übernächster Woche da nicht mehr blicken lassen?"

"Sei nicht albern, Ray." Pause. "Ich habe ab 22 Uhr freien Zutritt."

"Sie ist die Großzügigkeit in Person."

"Ja."

Sie fuhren eine Weile schweigend weiter, der Mountie wurde immer nervöser. Schließlich runzelte Ray die Stirn. "Moment, wo ist der Wolf überhaupt? Ich hab' ihn heute noch nicht gesehen."

"Ähm....ihm ist von der....Sache, die dem Inspector so viel bedeutet ein wenig übel geworden, deshalb habe ich ihn....weißt du, das ist eigentlich...."

Rays Augen weiteten sich ahnungsvoll. "Frase...du hast ihn nicht zu mir gebracht, oder?"

Fraser sah an ihm vorbei nach unten. "Ich hatte natürlich vor, dich zu fragen, aber da du nicht da warst..."

"Das fass' ich ja nicht!! Du hast den Wolf...dem übel ist, bei mir gelassen?!"

"Ray, Diefenbaker wird sich bestimmt benehmen, ich habe ihm ausdrücklich gesagt, daß..."

"Und was ist mit der Schildkröte?!" regte Ray sich auf.

Fraser seufzte. "Ray, wie oft muß ich dir noch sagen, daß die Schildkröte nicht in Gefahr ist, wenn...."

Sein Vortrag über die Gegebenheiten der Natur wurde durch Kowalskis plötzlichen Geschwindigkeitsschub unterbrochen. Pierson und er wurden hart in ihre Sitze gepreßt, während Ray auf die Straße starrte, als ginge es um einen akuten Notfall. Er mußte seine Schildkröte retten!

 

"Dief! Dief!" Noch während er die Tür aufschloß, machte Ray Anstalten, einzutreten, so daß er praktisch in sein Apartment fiel, als die Tür aufschwang. Der völlig überrumpelte, taube Wolf spürte die plötzliche Bewegung hinter sich und wirbelte erschrocken herum.

"Einen Schritt weiter und du bist Pelz, Flohsack!" rief Ray, drohend den Zeigefinger nach dem Tier schüttelnd. An Fraser gewandt wiederholte er spöttisch: "Nicht in Gefahr, ja?"

Fraser räusperte sich verlegen. Dief stand auf einem Stuhl vor dem Regalbord mit dem Terretarium drauf. Schuldig aufwinselnd blickte er zu Boden. Fraser funkelte ihn zurechtweisend an, der Wolf sprang von dem Stuhl und trottete in Richtung Menschen. Winselnd legte er seine Schnauze auf Rays Schuhe. Dieser beachtete ihn gar nicht, sondern durchquerte das Zimmer mit großen Schritten, um die vor Angst zitternde Schildkröte behutsam aus ihrem Glaskasten zu heben. "Shhh," machte er beruhigend und streichelte den Panzer des Tieres, "ist ja alles gut jetzt. Der böse Wolf ist weg. Keine Pizza für dich," schnauzte er Dief an, der sich noch kleiner zu machen schien.

Methos, der die ganze Szene mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Verzweiflung beobachtete hatte, bemerkte plötzlich Frasers Blick auf sich und klappte seine Kinnlade wieder hoch.

"Die Schildkröte bedeutet ihm viel", erklärte der Mountie.

Methos nickte verständnisvoll. "Klar. So 'ne Schildkröte ist ein...Freund fürs Leben."

Ray hatte seine gepanzerte Gefährtin inzwischen wieder in ihre sichere Umgebung gesetzt und sich auf den Weg in die Küche gemacht. Mit einer raschen Fußbewegung schob er den umgeschlagenen Teppich über seine aufgeklebten Fußabdrücke. Fraser grinste in sich hinein und bat Pierson, Platz zu nehmen. Dieser nickte dankend, schob drei Pizzakartons von der Couch und setzte sich vorsichtig.

Fraser schüttelte angesichts der Kartonsammlung leicht den Kopf und setzte sich ebenfalls. Wenig später erschien Ray mit drei dampfenden Tassen in den Händen. "Tee ist alle", wandte er sich entschuldigend an Fraser.

Fraser zuckte verständnisvoll die Schultern und wandte sich schließlich an ihren Gast, der fasziniert Rays Smarties-Ritual beobachtete.

"Mr. Pierson?"

Keine Antwort.

"Ähm...Mr. Pierson?"

"Ja?" reagierte Pierson schließlich während er Ray seine Tasse hinhielt. Mit einem anerkennenden Lächeln ließ der Detective drei Smarties hinein gleiten.

Fraser seufzte leise.

"Ja?" fragte Pierson nocheinmal, diesmal aufmerksamer. "Was?"

"Können Sie beschreiben, was Sie im Hotel gehört haben."

Ach du Scheiße, in was hatte er sich da rein geritten. "Öhm....eigentlich nicht."

"Sie werden doch wohl wissen, ob jemand geschrien hat. Gab es vorher einen Streit?"

"Öh...ja." Einer plötzlichen Eingebung folgend richtete Methos sich kaum merklich auf. Möglicherweise war dies doch noch ein Strohhalm zum Festhalten. "Ja, jetzt, wo ich so darüber nachdenke...es gab einen Streit. Es ging um...Geld, glaube ich." Sehr einfallsreich, Junge. "Und der...Mörder wurde ziemlich laut dabei. Er hatte einen eigenartigen Akzent. Irgendwie..." Germanisch. "Deutsch, glaube ich."

"Wie klingt ein deutscher Akzent?" fragte Ray verwirrt.

"Na ... öhm ... militärisch", erklärte Methos hilfreich.

Fraser warf ihm einen Blick zu. "Würden Sie die Stimme wiedererkennen?"

"Japp. Sofort."

"Wie können Sie da so sicher sein?" fragte Ray. "Sie haben ihn nur einmal gehört. Und Sie sind kein Mountie, also..."

"Die Stimme erkenne ich wieder, glauben Sie mir."

Von Pierson unbeachtete wechselten Ray und Fraser einen vielsagenden Blick.

"Er klang ziemlich...groß. Und breit. Gefährlich. Mehr ... dunkel", fuhr Methos enthusiastisch fort, bevor er sich selbst unterbrach. Er räusperte sich kurz und warf dann einen unschuldigen Blick in die Runde. "Und? Hilft das?"

"Ich denke schon", erwiderte Fraser gedehnt. "Ja, Mr. Pierson. Ihre Beschreibung hilft sehr. Ähm, Ray ..." Er hob kurz die Brauen. Kowalski nickte und sprang sofort Richtung Küche auf.

"Entschuldigen Sie uns kurz", wandte Fraser sich lächelnd an Pierson.

"Klar. Äh...der Wolf..." Ein nervöses Lächeln huschte über Piersons Lippen. "Könnten Sie den vielleicht mitnehmen?"

"Diefenbaker ist nicht...."

"Ich mag keine Wölfe", unterbrach Methos ihn bestimmt. "Ich habe schlechte Erfahrungen mit Wölfen."

"Oh. Verstehe. Dief." Der Wolf hob, noch immer schuldig dreinblickend, den Kopf von den Pfoten und trottete hinter seinem Meister her.

"Dief", erklang es sofort aus der Küche. "Raus hier! Du bist ein böser Wolf! Du..."

Leises Gemurmel unterbrach Rays Tirade. "Na gut", stimmte er schließlich widerwillig zu. "Aber dann stell' dich in die Ecke!"

Methos schüttelte den Kopf und lehnte sich zurück. Der Mountie hatte also was gemerkt. Na gut, das war nicht beabsichtigt gewesen, konnte aber auch nützlich sein. Jetzt würde er hinter Methos' detaillierter Beschreibung Angst vermuten. Und dann brauchte der Unsterbliche nur noch den verängstigten Zeugen raus zu kehren, und sie konnten ihn bei der Gegenüberstellung mit Radieux' Freund, der einfach zu finden sein sollte - "Er trägt eine Streitaxt!" - als Zeugen verwenden. Wenn Methos Glück hatte, buddelten sie ihn nach dem Stuhl ein, und er brauchte sich keine Gedanken mehr um ihn zu machen. Ein diabolisches Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus und er seufzte zufrieden. Das Leben konnte so einfach sein. Jetzt mußte er nur noch Joe finden und... Amanda! Er schoß aus seinem Sessel hoch. Mist! Das hatte er vollkommen vergessen. Ein gehetzter Blick auf die pinkfarbene Wanduhr zeigte ihm, daß es schon halb zwei war. Noch drei Stunden. Wie sollte er seine überaktiven Beschützer dazu bringen, ihn...

"Mr. Pierson?"

Erschrocken wirbelte er zu Fraser und Ray herum, die wieder ins Wohnzimmer getreten waren.

"Ja?"

"Sie werden vorläufig hier bleiben. Detective Vecchio wird für Ihre Sicherheit sorgen."

Großartig! "Und Sie?" Es klang sehr viel flehender als er beabsichtigt hatte.

"Ich werde den Tatort aufsuchen. - Ich denke, daß sich der Fall sehr bald aufklären wird."

Methos runzelte die Stirn. Geheimnisvoll lächelte der Mountie und machte sich dann auf in Richtung Tür. "Dief."

Der Wolf winselte kurz und sah zu Ray auf, der ihn strafend ignorierte. Schließlich rollte er seinen Schwanz ein und tappste hinter Fraser hinaus zur Tür. "Guck' mich nicht so an, ich halte mich da raus."

"Fraser", hielt Ray ihn zurück und warf ihm sein Handy zu.

Fraser nickte und schloß die Tür hinter sich.

Ray sah der Tür beim Zufallen zu. Sobald das Schloß eingerastet war, drehte er sich auf dem Absatz um.

Oh-oh. "Hey, hören Sie mal, d-das heute morgen...i-ich meine, das war nicht persönlich, das war mehr...öhm...." Stammelnd wich Methos ein paar Schritte zurück, bis er mit den Kniekehlen an die Couch stieß und zrückfiel. Dort blieb er sitzen und beäugte den Detective mißtrauisch, der mürrisch nähertrat und sich in den Sessel fallen ließ. "Baseball?" fragte er ohne Methos weiter zu beachten und machte den Fernseher an.

Methos richtete sich vorsichtig auf, ein verwirrtes Stirnrunzeln im Gesicht. "Äh...ja, klar. Baseball. Cool."

Ray schwieg und starrte den Fernseher an.

"Ray", hatte Fraser eindringlich gesagt, " versprich' mir, daß du ihm keins "auf die Nuss gibst" während ich weg bin."

"Aber Frase, ich..."

"Ray!"

"Ooo-kay."

"Detective?" riß ihn Pierson plötzlich aus seinen Gedanken.

Ray sah ihn nicht an. "Was ist?!"

"Wie lange glauben Sie, wird das alles hier dauern?"

Ray blinzelte ungläubig und wandte den Kopf zu ihm. "Ich glaube, ich spinne. Wir versuchen hier, Sie zu beschützen, klar?! Vor dem kopflosen Mörder. Haben Sie Ihren Zimmernachbarn gesehen? Ich schon. Das war nichts für schwache Nerven. Sie sollten froh sein, daß Sie noch Ihren Kopf haben, anstatt..."

"Es ist wirklich wichtig."

"Was kann denn wichtiger sein als..."

Pierson seufzte tief. "Meine beste Freundin heiratet heute."

"Jetzt erzählen Sie bitte nicht, daß Sie sie lieben und..."

"Ich bin nicht Julia Roberts! Nein, es geht darum, daß...." Methos mußte sich einen Moment sammeln, bevor er das Unfaßbare überhaupt aussprechen konnte. "Sie will einen FBI-Agenten heiraten."

Bingo! Rays Kopf schoß hoch und eine Welle von Mitgefühl überschwappte sein Gesicht. "Auuu", murmelte er verständnisvoll.

"Ja", nickte Methos frustriert. "Einen Agent Black oder so."

Rays Gesicht verlor jegliche Farbe. "White?" fragte er ahnungsvoll.

Methos nickte verwundert. "Ja, woher..."

Ray sprang auf die Füße. "Kommen Sie", wies er Methos an und warf ihm seinen Mantel zu. "Los, kommen Sie schon. Wo ist Ihre Freundin jetzt?" fragte er, während er die Tür hinter ihnen zuschmiß.

Methos grinste verwirrt. "Äh...Blackstone...was..."

"Fragen Sie nicht, das hält nur auf. Wir müssen Ihre Freundin retten."

 

"Sie sind sich also sicher, daß dieser Mann Mr. Radieux' Zimmer aufgesucht hat?" fragte Fraser zum dritten Mal. Und zum dritten Mal nickte der schüchterne Portier schüchtern. Er war fast zwei Köpfe kleiner als der Mountie und von undefinierbar jungem Alter. "Ja", flüsterte er, "s-so sah er aus."

Fraser sah auf seine nach den Angaben des Jungen angefertigte Zeichung herunter und seufzte innerlich. Was er vor sich hatte, war ein mittelalterlicher Krieger im Armani-Anzug. Die Stirn lag fast so niedrig wie bei einem Urmenschen, und schwarze Augen funkelten selbst als Bleistiftskizze gefährlich.

"Und er trug was bei sich?" versicherte Fraser sich ebenfalls zum dritten Mal in ihrem Gespräch.

"Eine...Axt. Mit so Zacken dran. Wie aus... "Gladiator"."

"Eine Streitaxt?"

"Ja. Ja, genau. So heißen die, glaub' ich. Ich seh' nicht so gern solche Filme, ich..."

"Und Sie haben diesen Mann mit der Streitaxt Mr. Radieux' Zimmer verlassen sehen, kurz bevor Sie die Leiche entdeckt haben."

Der junge Mann verlor ein wenig seiner spärlich verteilten Farbe und nickte zögernd. "J-ja."

"Und Sie hielten es nicht für nötig, die Polizei darüber zu informieren, weil...." begann Fraser ungläubig.

"I-ich hielt es nicht für...wichtig", stammelte der Junge angsterfüllt. "Verhaften Sie mich jetzt?"

"Nein. Ich habe nicht die Befugnis, Sie zu verhaften. Aber wäre ich ein amerikanischer Kollege, müßte ich das vermutlich tun."

"Aber Sie können es nicht."

"Nein. Ich könnte es, wenn wir in Kanada wären."

"Aber das sind wir nicht?"

"Nein."

"Oh gut", sagte der Junge erleichtert und ging davon.

Fraser sah ihm einen Moment lang kopfschüttelnd nach, bevor er Rays Handy herauszog.

Niemand meldete sich.

 

"Ähm....Adam?" brach Ray nach einer ganzen Weile das Schweigen.

Methos wandte den Kopf und sah den Detective fragend an.

Ray blickte weiterhin auf die Straße vor ihm.

"Ja?"

"Heute...heute morgen, in der Leichen...Waren Sie wirklich...tot?"

"Was glauben Sie denn?"

"Ja."

Methos verdrehte die Augen. Spinner waren die gefährlichsten aller Sterblichen. "Sie halten es für möglich, daß jemand von den Toten aufersteht?"

"Alles, was ich sehe, halte ich für möglich."

"Und Sie wissen genau, daß ich tot war?"

"Ja."

"Sie sind verrückt."

"Hey, ich war nicht der, der aus dem Schrank gezogen wurde!"

Methos schwieg. Aber nach einer Weile konnte er Rays Seitenblick nicht mehr ertragen. "Was starren Sie mich so an?!"

"Sie waren tot!"

"Ja, okay, ich geb's zu, ich war tot, und dann hab' ich mir gedacht: Drauf geschissen, sterben kann ich später auch noch. Okay? Sehen Sie jetzt bitte wieder auf die Straße?!"

"Warum?" fragte Ray diabolisch. "Was, wenn wir einen Unfall bauen? Können Sie nochmal...auferstehen?"

Es reichte. Mit seinem besten Reiter-der-Apokalypse-Blick sah Methos Kowalski genau in die Augen. "Ich schon. Wie sieht es mit Ihnen aus?"

Ray erwiderte den Blick einige Sekunden lang, bevor langsam wieder nach vorn blickte.

Zufrieden lehnte der älteste Unsterbliche sich wieder zurück. Schweigend erreichten sie das Hotel.

 

"Was ist, Constable? Wo sind Sie?"

"Am Tatort", beantwortete Fraser Welshs Frage. "Es scheint, als hätten wir eine genaue Beschreibung des flüchtigen Täters. Und Mr. Pierson ist mit großer Sicherheit in der Lage ihn zu identifizieren, wenn wir ihn haben."

"Wo ist Pierson?"

"Bei Detective Kowalski."

"Und wo ist Detective Kowalski?"

Fraser rieb verlegen seine Augenbraue mit dem rechten Daumen. "Das...ähm..."

"Fraser?" fragte Welsh ahnungsvoll.

"Sir...Es sieht so aus, als wäre Detective Kowalski...gewissermaßen..."

"Nicht da, wo er sein sollte?"

"Ja, Sir."

Welsh seufzte tief. "Was glauben Sie, wo er hingefahren ist?"

"Ich habe keine Ahnung, Sir, aber ich mache mir große Sorgen."

"Kowalski ist ein großer Junge, Fraser, er kann allein auf sich aufpassen."

"Ich mache mir keine Sorgen um Detectve Kowalski, Sir."

"Oh."

"Ja."

"Fraser - finden Sie ihn! Finden Sie beide!"

"Verstanden."

 

Das Hotel war überfüllt mit Agenten, die alle wie "MiB"-Abziehbilder aussahen. Ray rümpfte die Nase, Methos tat es ihm gleich.

"Gott, ich hasse das FBI", murmelten beide synchron.

"Okay", wandte Ray sich schließlich an ihn, "wo ist sie? Wie heißt sie?"

"Amanda", antwortete Methos, während er weiterhin die Masse überblickte.

"Amanda.....?" fragte Ray.

"Ähm....." Methos überlegte. "Keine Ahnung", winkte er schließlich ab.

"Ihre....beste Freundin, ja?"

"Herrgott, ich will sie doch nicht heiraten!"

Ray hob abwehrend die Hände. "Schon klar, scheiß auf Nachnamen. Wie sieht sie denn aus?"

"Umwerfend", erwiderte Methos und bemerkte, wie Ray sich plötzlich neben ihm versteifte.

"Umwerfend im Sinne von....WOW!-umwerfend?"

"Ja."

"Dann hab' ich sie gefunden", antwortete der Detective und wies quer durch den Raum auf eine Frau mit kurzen, schwarzen Haaren in einem roten Kleid, das ihre Beine durch einen langen Schlitz gänzlich entblößte.

"Japp", freute Methos sich. "Das ist sie. Kommen Sie", wies er Ray an und schob sich durch die Menge der Agenten. Amanda war die einzige weiblich gekleidete Frau im ganzen Saal.

"Das ist Ihre beste Freundin?" fragte Ray. "Irgendwas machen Sie nicht richtig, mein Freund."

Noch bevor sie Amanda erreicht hatten, wandte sie ihnen ihren Blick zu, ihr mißtrauisches Stirnrunzeln wich einem erfreuten Grinsen. "Met...Adam!" rief sie aus, nachdem sie erkannt hatte, daß ihr Freund nicht allein war. "Du hast es doch noch geschafft."

"Denkst du, ich laß mir das entgehen?" fragte Methos ironisch lächelnd und umarmte die zierliche Frau kurz. Auf Rays Räuspern hin wandte er sich dem Detective zu. "Das ist Detective Ray Vecchio. Er beschützt mich."

Amanda lachte kurz auf. "Hi, ich bin Amanda. Wovor beschützen sie ihn? Sich selbst?"

Ray lächelte dümmlich. "Äh..ja. Ha, ha."

Methos wechselte einen amüsierten Blick mit ihr und griff sie dann beim Arm, um sie aus der Menge heraus zu schieben. "Können wir uns irgendwo in Ruhe unterhalten? Ich..."

"Wer ist der Glückliche?" fragte Ray und sah sich um. "Lassen Sie mich raten: Der im schwarzen Anzug?"

"Dein Freund ist irrsinnig komisch, Adam."

"Ich weiß. Komm jetzt."

Zu dritt kämpften sie sich durch die Menge, als plötzlich ein Mann mit zerzausten grauen Haaren fluchend zu ihnen stieß. "Verda...Amanda!"

"Joe!" freute Amanda sich.

"Endlich hab' ich...wo kommst du denn her?!" rief Joe ärgerlich, als er Methos erkannte. "Ich hab' den ganzen Tag nach dir...ach du Scheiße." Er richtete einen anklagenden Finger auf Ray, der überrascht zurückwich. "Was macht der hier?!"

"Joe, das ist Detective Ray Vecchio. Er...beschützt Adam."

"Dann würde ich an deiner Stelle eine Waffe bei mir tragen", riet Joe seinem Freund. "Der Typ ist komplett irre. Hat mich heute fast umgebracht."

"Hä?" machte Ray verwirrt.

"Und er weiß es nichtmal mehr! Das Taxi in der Einbahnstraße, Sie..."

Ray runzelte nur die Stirn.

"Vergessen Sie's", winkte Joe frustriert ab und wandte sich dann wieder an Amanda. "Wir müssen uns unterhalten."

"Das hab' ich ihr auch schon gesagt."

"Auf jeden Fall müssen wir aus der Menge raus", erklärte Ray mit einem Blick auf Methos, der zustimmend nickte.

Zu viert schoben sie sich dem Ausgang auf der anderen Seite des Raumes entgegen, bis sie durch einen Hinterausgang auf die Straße vor dem Hotel gelangten. Amanda fröstelte, Ray legte ihr seinen Mantel um die Schultern. Joe und Methos wechselten einen Blick.

"Danke", lächelte Amanda zuckersüß.

Ray erwiderte das Lächeln dümmlich.

"Also, was soll das alles? Wieso platzt ihr hier rein, mit der Polizei im Schlepptau und..."

"Wieso rufst du mitten in der Nacht an und erzählst, daß du heiraten willst?!" unterbrach Joe grob.

"Und außerdem ist die Polizei wegen mir hier."

"Und Agent White!" fügte Ray hinzu. Drei Augenpaare richteten sich auf ihn. Er brauchte jedoch ein paar Sekunden, bevor er die Bedeutung der Blicke verstanden hatte. "Oh, klar. Ich ... ich bin dann da hinten und ... sichere die Straße."

Kopfschüttelnd sahen Joe und Methos ihm nach, bevor sie sich wieder Amanda zuwandten. "Wie kommst du dazu, das FBI zu heiraten?!"

"Methos, ich heirate einen..." Plötzlich stockte sie. "Oh Gott, habt ihr es Duncan erzählt?"

"Nein."

"Puh. Gut."

"Aber er wird es irgendwann ... merken, weißt du."

"Klugscheißer. Hört mal, Jungs, es ist wirklich rührend, daß ihr euch solche Sorgen um mich macht, aber das Ganze ist nicht so wie es aussieht. Ich..."

"Ich wußte es!" rief Joe erleichtert aus. "Es ist ein typisches Amanda-Ding, nicht? Du betrügst ihn um sein Geld oder sowas."

"Joe!"

"Nein, ich glaube eher, daß er sie nur unter der Bedingung nicht einsperrt, daß sie ihn heiratet."

"Methos!"

"Wahrscheinlich hat sie 'ne Wette verloren."

"HEY!"

Überrascht sahen beide Männer wieder Amanda an, die wutschnaubend zu ihnen aufsah. "Ich finde eure Spekulationen ja sehr aufschlußreich, aber ich muß euch enttäuschen. Es ist nichts von alledem. Es ist..."

"Hey!!!" erklang plötzlich Rays Stimme vom Ende der Straße her. Die drei wandten ihre Köpfe und sahen den Detective auf sich zu rennen. "Wieder rein! Alle wieder rein! Sof..."

Erst da fühlten Methos und Amanda das drohende Unheil und konnten gerade noch ihre Köpfe heben, bevor die Hölle ausbrach.

 

Ray warf einen verstohlenen Blick über seine Schulter, während er die Arme um sich schlang und bemüht ein Zittern unterdrückte. Er liebte diese Stadt mit ganzem Herzen, aber das Klima war verbesserungswürdig. Wow, die Frau war wirklich der Hammer! Wenn das seine beste Freundin wäre...

"Hey!" riß ihn plötzlich eine dunkle Stimme aus seinen Gedanken. Alarmiert blickte er nach vorn auf die Straße und sah einen aufgeregten Mann in Lederjacke auf sich zu rennen. Instinktiv griff er nach seiner Waffe, zögerte jedoch, als der Mann keuchend stehenblieb. "Detective..." er unterbrach sich kurz, um auf eine Zeitung, die er in der Hand hielt, zu schauen, "Vecchio?" fragte er dann. "Sind Sie Detective Raymond Vecchio?"

Ray runzelte die Stirn. "Ja? Woher..." Ein plötzliches Geräusch über ihm ließ ihn stocken und er hob den Kopf, gerade rechtzeitig um einen riesigen Mann über den Balkonzaun in der Etage über den drei anderen klettern zu sehen. "Scheiße!" fluchte er und zog seine Waffe, bereit los zu rennen.

"Halt!" rief der Mann hinter ihm. "Warten Sie! Nicht! Sie werden....Verdammt, warum hört nie jemand auf mich!" Verzweifelt lief er hinter Ray her, der seine drei Gefährten lautstark warnte.

Pierson und Amanda rissen ihre Köpfe hoch und sprangen zurück, Joe wurde von Ray mit zu Boden geschleudert, als dieser genau unter dem jetzt heruntersausenden Riesen absprang.

Der Mann mit der Zeitung warf einen raschen Blick darauf und hob erschrocken den Kopf. Der Riese hatte sich wieder aufgerichtet und sich ihm zugewandt. "Oh-oh. Hey, i-ich gehör' gar nicht dazu. I-ich bin nur ..." stammelte er, während er zurück stolperte, bis er auf seinem Hintern landete. Der Riese näherte sich weiterhin mit gefährlicher Intensität.

"Chicago PD!" erklang plötzlich eine keuchende Stimme hinter ihm, gefolgt von einem Klick. "Lassen Sie die ... Axt fallen und legen Sie sich auf den Boden. Sofort! Oder ich..."

Der Riese schwang herum und starrte nun auf Ray, der nervös seine Waffe auf ihn richtete. Ein urböses Grinsen huschte über seine Lippen, das dem Detective durchaus nicht entging. "I-ich...mein' das Ernst. Hinlegen, s-sonst ... ach, scheiß drauf!" Er drückte ab, die Wucht der einschlagenden Kugel hielt den Riesen zwar kurz auf, unterbrach jedoch nicht seinen fortlaufenden Gang zu Ray, dessen Augen drohten, aus ihren Höhlen zu fallen. "Scheiße, was zum..." Weiter kam er nicht, als ein plötzlicher Handschlag des Riesen ihn quer durch die Straße fegte. Er schlug in ein Meter Höhe gegen die gegenüberliegende Wand und blieb liegen. Der Riese machte Anstalten, ihm nachzusetzen.

"Methos!" zischte Joe am Eingang des Hotels.

Der älteste Unsterbliche warf ihm einen fragenden Blick zu.

Joe knurrte vernichtend.

"Er hätte sich ja nicht einzumischen brauchen!" versetzte Methos.

"Du bist ein solcher..."

"Ich hab' gar kein Schwert. Soll ich ihn in den Arsch treten oder was?!"

"Hier." Amanda tippte ihren Freund auf die Schulter und reichte ihm ihr Schwert. "Los jetzt, du Held."

"Warum gehst du nicht?"

"Ich bin 'ne Frau."

"Und ich hab' Schiß!"

"Raus jetzt!" Energisch schubste sie ihn aus der Tür. "Verdammt, warum immer ich, warum immer..." Er seufzte tief, als sich der Riese ruckartig umdrehte und ihn fixierte. Er hatte den Detective fast erreicht, der benommen den Kopf schüttelte. Methos konnte aus der Entfernung erkennen, das Rays blondes Haar sich kurz über der Stirn rot färbte. Aus den Augenwinkeln erkannte er außerdem, wie der geheimnisvolle Typ mit der Zeitung die nächste Telefonzelle ansprintete. Vielleicht beeilten die Bullen sich ja, dann brauchte er sich keine Sorgen zu machen. Andrerseits war er hier in Chicago...

Sein Gedankengang wurde durch einen plötzlichen Axthieb unterbrochen. Er taumelte überrascht zurück, gewann dann aber wieder die Kontrolle und parierte mit Amandas Schwert so gut er konnte. Es lag nicht so sicher in der Hand wie sein eigenes, aber man konnte ja nicht alles haben.

"Hör mal, Junge, das mit deinem Freund war eigentlich was zwischen ihm und mir", keuchte er nach einer Weile. "Ich meine, weswegen machen wir das hier eigentlich? Warum vertragen wir uns nicht? Ich verzeih' dir auch, daß du versucht hast mich umzubringen, ja?"

Mit einem undefinierbaren Laut hieb der Riese erneut zu.

"Weißt du", erwiderte Methos freundlich, "das hat man dir vielleicht noch nicht gesagt, aber sprechen lernen zahlt sich im 21. Jahrhundert aus."

Der Riese grunzte und holte wieder aus.

 

Warum rannte der Vollidiot mit der Zeitung zu 'ner Telefonzelle, wenn der ganze Saal mit FBI gefüllt war? Ray schüttelte den Kopf, um die Wolken vor seinen Augen zu vertreiben, aber sein Kopf pochte nur noch stärker dadurch. Sein ganzer Körper fühlte sich taub an, und er wollte schlafen, aber der Anblick von Adam Pierson, wie er mit einem altmodischen Schwert den Neandertaler bekämpfte, hielt ihn wach. Was, zum Teufel, ging dort vor sich? Was für Spinner waren das? Seine Augen fielen zu, und er zwang sie wieder auf, gerade als ein Axthieb des Riesen Piersons Rücken traf und ihn mit einem Aufschrei zu Boden schickte. Blut spritzte in einer Fontäne auf.

Ray wurde schlecht.

Nur aus weiter Ferne hörte er die Sirenen. Der Riese hob den Kopf....und alles um Ray herum wurde schwarz.

 

Amanda krallte ihre Hand tief in Joes Arm, als Methos zu Boden sank. Doch dann hörte auch sie die Sirenen. Dutzende. Nah. Sie warf einen hoffnungsvollen Blick zurück in den Raum, aus dem plötzlich haufenweise Agenten strömten. Der Fremde mit der Zeitung hatte offensichtlich endlich herausgefunden, wer sich in dem Hotel befand und die Meute aufgeschreckt. Bevor der mittelalterliche Riese wußte, was ihm geschah, war er von zwanzig Männern umringt, die ihre Waffen auf ihn angelegt hatten.

Ohne sich zu wehren, ließ er seine Axt sinken. In weniger als fünf Sekunden war er überwältigt.

Die Polizeiwagen hielten mit quietschenden Reifen, noch bevor das erste gehalten hatte, sprangen Welsh und Fraser heraus, letztere sprintete zu seinem Partner, den er bereits vom Wagen aus entdeckt hatte. "Ray!" rief er und kniete neben seinem bewußtlosen Partner. Seine rechte Gesichtshälfte war inzwischen blutbedeckt, und sein linker Arm lag eigenartig verdreht unter ihm.

Fraser deckte ihn mit seinem Mantel zu und blickte sich Hilfe suchend zu den ausströmenden Sanitätern um, die auf sein Winken hin herbeieilten und ihn sacht von Ray fortzogen. Unschlüssig stand er abseits und beobachtete jeden ihrer Handgriffe, als er plötzlich ein leises Räuspern neben sich hörte. Er wandte sich um und sah in die großen braunen Augen eines jungen Mannes, der versichernd lächelte. "Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen", sagte er völlig überzeugt.

Fraser runzelte die Stirn, doch bevor er etwas sagen konnte, wandte der Mann sich ab und ging langsam davon, wobei er eine gefaltete Zeitung in seiner Gesäßtasche plazierte.

 

Joe und Amanda sahen seufzend zu, wie die Sanitäter den Reißverschluß über Methos' leblosem Körper zuzogen und ihn in einen schwarzen Wagen verfrachteten. Dem mitfühlend dreinblickenden Sanitäter lächelten sie fröhlich zu und wandten sich dann ab. "Also", begann Joe schließlich, "was..."

"Miss Raven", unterbrachen ihn plötzlich zwei Stimmen. Er wandte sich um, Amanda folgte zögernd. Ihnen gegenüber standen zwei absolut identisch gekleidete junge Männer, die stoisch auf die zierliche Frau herabblickten. "Ihre Mitarbeit an diesem Fall ist nicht länger erforderlich."

"Och, Jungs, gerade jetzt, wo es anfing, Spaß...."

"Hier sind Ihre Papiere", unterbrach der Linke sie unbeeindruckt und reichte ihr ihren Personalausweis. Amanda riss ihm die Papiere genervt aus der Hand. "Danke."

"Wer sind denn Sie?!" begehrte Joe plötzlich auf.

"Agent White."

"Agent Exley."

"White? Aber...."

Zwei Pieper ertönten. Synchron griffen beide Agenten in ihre Taschen und zogen ihre Pieper heraus. Synchron sahen sie sich an, dann Amanda. "Entschuldigen Sie uns." Synchron wandten sie sich ab und gingen im Gleichschritt davon.

Joe starrte ihnen ungläubig nach. "Das war...."

Amanda seufzte tief. "Ja, du...einer von euch hatte wohl doch recht mit dem Nicht-Einsperren-Wenn..." Sie lächelte zuckersüß.

"Dann...dann war das alles nur ein..."

"Bluff. Ja. Scheint als hätten sich die Duelle hier in letzter Zeit etwas gehäuft, und die Vollidioten gehen natürlich von einem Täter aus. Und da kam ich ihnen gelegen, weil..."

"Was hast du denn damit zu tun?!"

"Augenzeugin."

"Und wieso gleich Heirat? Ich kapier' überhaupt..."

"Ich hab' erzählt, mein Ex-Freund war's."

"Und das glauben die einfach so?"

Amanda blinzelte verständnislos. "Das ist das FBI, Joe."

"Ja, klar." Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. "Hey, warte!" rief Joe plötzlich wütend. "Warum rufst du dann uns an und machst Panik?!"

Amanda lächelte unschuldig. "Ja denkst du denn, ich heirate ohne meine Freunde?" Sie knuffte ihn in den Arm.

"Gott, ich hasse euch Freaks. Du findest das auch noch witzig, oder?"

"Du nicht? - Hey, Joe, du schlägst doch keine Frau, oder? Komm schon, ich dachte, wir könnten ein bißchen Zeit zusammen verbringen. Ist langweilig hier mit 'nem Haufen Agenten abzuhängen."

"Und es gibt da bestimmt nicht noch ein wahnsinnig interessantes Museum, das du des nachts besuchen mußt?" fragte Joe skeptisch.

"Darüber reden wir, wenn Methos genesen ist, hm?"

Joe seufzte tief.

"Und kein Wort zu MacLeod."

 

"Tja", sagte Amanda und lächelte breit, "schätze, Sie haben mir das Leben gerettet, Ray Vecchio. Dankeschön."

"Danken Sie nicht mir", winkte Ray mit seiner gesunden Hand ab. "Danken Sie dem Kerl mit der Zeitung. Hat man rausgefunden, wer das war?"

Fraser schüttelte den Kopf.

"Hm", machte Ray skeptisch. Mit einem mitfühlenden Blick wandte er sich wieder an Amanda. "Tut mir leid um Ihren Freund. Wirklich. War 'n netter Kerl."

"Obwohl er Ihnen eine verpaßt hat?" grinste Amanda.

Fraser und Ray wechselten einen zweifelnden Blick. Kam das nur ihnen so vor oder trauerten diese Leute etwas...ungewöhnlich?

Mit einem Blick auf ihre Uhr seufzte Amanda abschließend. "Ich muß los. Ich treffe einen alten Freund", fügte sie mit einem Augenzwinkern an Ray hinzu, bevor sie sich zu seinem Bett herabbeugte, um ihn sanft auf die Wange zu küssen. "Danke, Detective", sagte sie und strich durch sein verstrubbeltes Haar.

Ray zuckte kurz zusammen. "Autsch", grinste er.

Amanda lächelte mehr als freundlich und richtete sich auf, um sich von Fraser zu verabschieden, den sie zu seinem Erstaunen ebenfalls auf die Wange küßte.

"Auf Wiedersehen, Constable", flötete sie zuckersüß.

"Auf...Wiedersehen", stammelte Fraser. Beide Männer sahen zu, wie die junge Frau gen Tür schritt, ihnen nocheinmal zuwinkte und verschwand.

"Frase, wie machst du das immer?!"

"Was, Ray?"

"Du weißt genau, was ich meine!"

"Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst."

Ray machte Anstalten, sich aufzuregen, hob jedoch zuvor die Hand, um sacht über seine pochende Stirn zu streichen.

"Du solltest dich nicht aufregen, Ray. Mit einer Gehirnerschütterung ist nicht zu spaßen."

"Halt die Klappe!"

"Verstanden."

"Na, Vecchio, wie sieht's aus?" erklang plötzlich Lt. Welshs Stimme von der Tür her. Der Lieutenant durchquerte den Raum mit großen Schritten und warf einen prüfenden Blick auf Ray. "Sieht aus als wär' Ihr Schädel einfach nicht einzureißen."

"Ha, ha", erwiderte Ray genervt und setzte sich umständlich auf, wobei er das Gesicht verzog. Frasers helfende Hand werte er trotzdem energisch ab. "Was ist mit Pierson?"

"Tot", sagte Welsh und senkte kurz den Kopf. "Da war nichts mehr zu retten."

"Ha! Wer's glaubt!"

"Ray?"

"Ich sage euch, der ist nicht tot. Niemals. Der..."

"Fraser, auf welchen Drogen haben sie den denn hier?"

Frasers öffnete den Mund gleichzeitig mit Ray, doch beiden kam Welshs Telefon zuvor. "Ja? Welsh?" Ein ungläubiger Ausdruck machte sich in den Augen des Lieutenant breit, und er beendete das Gespräch ohne ein weiteres Wort.

"Leftenant?" fragte Fraser schließlich.

"Hey! Sie sehen aus als hätten Sie 'n Geist gesehn."

Welsh hob langsam den Kopf und begegnete Rays fragenden Blick. "Adam Piersons Leiche ist aus dem Leichenschauhaus...verschwunden."

Eine kurze Weile herrschte Schweigen im Raum, dann öffnete Ray erneut den Mund.

"Halten Sie die Klappe, Detective! Ich will NICHTS hören, klar?!" Damit drehte Welsh sich auf dem Absatz um und stapfte hinaus. "Mounties, UFOs, Unsterbliche....noch fünf Jahre, Harding, noch fünf Jahre...."

Fraser und Ray sahen ihm nach. Schließlich wandte Ray sich an seinen Partner und grinste triumphierend. "Ich hatte recht!"

"Nein, hattest du nicht."

"Klar hatte ich recht. Er IST von den Toten auferstanden. Er KANN gar nicht sterben. Ha!"

"Ray, das ist unmöglich!"

"Ach ja? Und was ist mit deinem Dad?"

"Was?!"

"Tu' nicht so, Frase. Glaubst du wirklich, ich wüßte nicht, daß du nicht Selbstgespräche führst?!"

"Oh je."

"Ha! Ich wußte es!"

"Ray, das ist etwas vollkommen anderes."

"Ist es nicht."

"Oh doch. Unsterbliche gibt es nicht."

"Und wie ist er dann aus der Leichenbude verschwunden?"

"Leichenschauhaus."

"Ist doch egal."

"Das weiß ich auch nicht. Aber er ist nicht..."

"Das kannst du nicht sicher wissen."

"Doch, Ray. Niemand ist unsterblich."

"Und was ist mit Elvis?! Fraser? Hey, Fraser?! Du kannst doch nicht einfach gehen! Hey! Und ich hab' doch recht! Ich hab' recht! Wow! Go figure!"

 
Ende

 
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