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'Auf Wiedersehen in Sunnydale' Jeder, der Sunnydale verließ, musste dieses Schild passieren. Egal ob er wiederkommen wollte oder nicht. Und wahrlich nicht jeder wollte zu diesem Ort zurückkommen. Vielleicht die, die mit sehnsüchtigen und traurigen Blicken verabschiedet wurden. Oder die, die dort wohnten und eine Familie hinterließen. Vielleicht waren sie nur auf Geschäftsreise und ärgerten sich mit unzufriedenen Kunden oder miesen Hotels rum. Die Heimfahrt wäre in dem Falle natürlich ein Segen. Da konnte auch die hohe Sterberate nichts daran ändern. Doch es gab auch andere Fälle. Würdest du gerne zurückkommen, wenn die letzten Worte deiner Mutter waren: Wenn du dieses Haus verlässt, denk ja nicht daran wiederzukommen!? Oder wenn du den Ort verlässt, an dem du deinen Ex- Freund hinterlässt, den du selbst getötet hast? Das ist das schlimme an Erinnerungen: Du wirst sie nie wieder los. Egal ob du in die nächste Stadt oder ins nächste Land oder aber gleich auf die andere Seite der Erdkugel gehst. Doch es ist einen Versuch wert. Wenn man noch keinen Führerschein hat, ist dieses Problem am besten mit einer Busfahrtkarte geklärt. Wie in Trance war Buffy in den Bus gestiegen und sagte dem Fahrer, was sie den ganzen Weg von der Schule bis zur Haltestelle geübt hatte: Einmal LA ohne Rückfahrkarte. Der Fahrer drückte ihr den Schein in die Hand ohne sie auch nur anzusehen. Er nahm das Geld und betätigte einen Hebel. Die Türen schlossen sich. Buffy ließ sich auf einen Sitz am Fenster fallen und starrte auf das kleine Stück Papier, das der Busfahrer ihr gegeben hatte. Wie konnte so ein wenig Tinte auf einem Fetzen Papier nur so bedeutungsschwer sein? Am liebsten hätte Buffy es genommen und zerknüllt. Doch es stand für all das, was Buffy in dem Moment noch besaß. Mit Angel war alles andere mit untergegangen. Wie sollte sie ihren Freunden je wieder unter die Augen treten? Schon bei dem Gedanken daran stiegen frische Tränen in ihre Augen. Giles hatte Angel gehasst, Xander hatte Angel gehasst. Aber wer hatte Angel nicht gehasst? Zumindest den anderen Angel. Den mit dem Namen Angelus. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Sie schüttelte sich, als ob sie damit die Gedanken aus ihrem Kopf verbannen könnte. "Geht es Ihnen nicht gut, Fräulein? ... Hallo, brauchen Sie ein Taschentuch?" Buffy brauchte einige Sekunden um zu kapieren, dass die alte Dame mit ihr sprach. "Ähm nein Danke. Es geht mir gut", versprach sie durch einen Schleier voller Tränen. Die alte Dame reichte ihr eine Packung Taschentücher und lächelte sie aufmunternd an. "Ich habe meine Enkelin hier besucht. Sie ist erst dreieinhalb. Möchtest du mal ein Photo von ihr sehen?" Eigentlich war Buffy nicht nach Small Talk zumute. Aber sie wusste, die Frau versuchte nur sie aufzumuntern. Also nickte sie höflich. "Meine Tochter und ihr Ehegatte sind vor einigen Monaten nach Sunnydale gezogen. Ich wohne nicht weit von hier. Und da komme ich sie immer besuchen. Wohnen Sie auch hier?" "Nein!" antwortete Buffy ohne darüber nachzudenken. "Ich hatte hier ..." sie zögerte. "... einen guten Freund. Er starb." "Oh ein Unfall. Wie furchtbar!" "Ja, ein Unfall. Genau." Ein freudloses Lachen kam über ihre Lippen. "Ein furchtbarer Unfall." "Oh Schätzchen, das tut mir so leid. Ich weiß wie es ist jemanden zu verlieren. Ich habe vor 10 Jahren meinen geliebten Mann - möge Gott ihn beschützen - bei einem schrecklichen Autounfall verloren." Sehnsüchtig blickte Buffy aus dem Fenster. Sie passierten gerade Hires Rock. Dort hatten sie letztes Jahr immer Picknicks veranstaltet. Es war ein wunderschöner grüner Hügel mit einer alten Eiche darauf, die kühlen Schatten gespendet hatte. Mit diesem Ort verband Buffy viele schöne Erinnerungen. Sie hatten da mal eine Tortenschlacht gemacht. Doch war nur eine Torte da gewesen. Und Xander hatte sie ins Gesicht bekommen. Als Buffy so im Bus Richtung LA saß, hatte sie das Gefühl, dass die Buffy von damals jemand anders gewesen war. Ein ganz anderer Mensch, der die Erinnerungen der alten Buffy nur übernommen hatte und sie wie einen schlechten Traum mit sich herumtrug. Buffy war gestorben. Anne war geboren.
Die nette alte Dame stieg an der nächsten Haltestelle aus. In einem kleinen Ort, der kaum 30 Kilometer von Sunnydale entfernt lag. Sobald sie den Bus verlassen hatte, fühlte sich die neue Anne so einsam wie noch nie. Auch wenn sie es nicht zugegeben hätte, so war ihr die alte Lady sympathisch gewesen. Auf eine so naive Weise hatte sie Anne von ihrer gesamten Familie, von ihren Ehemännern, von ihren Kinder und Enkelkindern erzählt, dass Anne klar wurde dass es einen Grund gegeben haben musste für die Tat die sie begangen hatte. Als sie Angel, ihrem geliebten Angel das Schwert in die Brust gerammt hatte, war es kaum mehr als ein Reflex gewesen. Sie hatte einfach gewusst, dass sie es hatte tun müssen. Um die Welt zu retten. "Die Welt retten". Das hörte sich immer so an wie in diesen Science Fiction Serien. Batman rettete ständig die Welt. Actionman auch. Und Superman jeden Sonntag auf Kanal7 in "Die Abenteuer von Lois und Clark". Doch musste Superman jemals Lois töten um die Welt zu retten? Um Himmels Willen Nein. Das hätte den Zuschauern nicht gefallen. Und man hätte die Serie absetzen müssen. Das ginge doch nicht!!! Doch niemand konnte Annes Leben absetzen. Es musste weitergehen. Auch wenn sie das größte Opfer hatte bringen müssen, was sie sich überhaupt hatte vorstellen können. Und was nützte ihr das? Nichts! Außer, dass sie weiterhin am Leben war. Toller Trost. Sie war sich ja noch nicht einmal sicher, dass sie überhaupt weiterleben wollte. Warum war sie nicht einfach bei Angel geblieben und war mit ihm zusammen untergegangen? Immer wieder stellte sie sich diese Frage, während sie in dem dröhnenden Bus zwischen all diesen fremden Menschen saß. Wer dankte es ihr? Sie hatten doch alle keine Ahnung. Sie gingen jeden Tag zur Arbeit und scherten sich einen Dreck um den Weltuntergang. Ihre größten Sorgen waren, ob sie es noch rechtzeitig zur Bahn schaffen würden. Oder ob sie die goldene oder die silberne Krawattennadel zu ihrem Outfit anziehen sollten. Wenn Anne in einen Laden ging, musste sie noch immer 75 Cent für einen Liter Milch ausgeben. Soviel war der Menschheit also die Rettung der Welt wert. Oder besser gesagt noch nicht einmal 75 Cent. Es war doch banal. Durch die schmierige Scheibe des Busses konnte Anne bereits die Skyline LA's erkennen. LA war eine sehr große Stadt. Eine Millionenstadt mit über 3 Millionen Einwohnern. Hier konnte Anne eine von vielen sein. In Sunnydale war sie immer zu viel in einem gewesen. Hier sah sie eine neue Chance. Ein neues Leben. Um ihr altes Leben zu vergessen und sich ihm nie wieder stellen zu müssen. Zumindest glaubte das Anne...
Das Leben in LA war wie das hektische Treiben in einem Ameisenhaufen. Jeden Tag sah man Hunderte von unbekannten Gesichtern, die an einem vorbeistürmten und so taten, als hätten sie keine Augen im Kopf. Die Augen starr geradeaus und bloß niemanden ansehen. Das war LA. Die Menschen, die hier wohnten, wussten noch nicht einmal, wie Individualität geschrieben wurde. >Aber wer konnte es ihnen verübeln?< dachte sich Buffy. >Die Welt ist eben schlecht. Genauso die Menschen, die darauf lebten. Wer wollte da schon jemanden näher kennen lernen, wenn man doch genau wusste, dass sein Gegenüber von Grund auf falsch war.< "Entschuldigen Sie bitte. Hätten Sie ein wenig Kleingeld für den Automaten?" Aus ihren Gedanken gerissen schreckte Anne auf und sah sich einem jungen Mann gegenüber, der sie freundlich anlächelte. >Wie war das doch gleich? ... Stimmt, alle Menschen sind falsch<, versicherte sich Anne und wollte dem Mann gerade eine schroffe Antwort geben. Doch etwas hielt sie davon ab. So als hätte es eine Bedeutung, es sich mit dem Typen nicht zu verscherzen. Sie riss sich zusammen und blickte dem Mann in die klaren Augen. In die klarsten und seltsamsten Augen, die Anne jemals in ihrem Leben gesehen hatte. Ein plötzlicher Schauer durchfuhr sie, so als hätte jemand irgendwo die Tür aufgemacht und kalte Luft strömte hindurch. Diese Augen hatten eine Tiefe, die Anne noch nicht einmal bei Angel hatte erkennen können. Sie starrte ihn an, ohne es zu bemerken. Er starrte zurück. Sie setzte an, wollte etwas sagen. Aber sie blieb stumm. Irgendetwas war anders. Sie sah nach draußen. Es war noch heller Tag und Anne stand noch immer mitten auf dem Busbahnhof. Ohne Ziel und ohne Hoffnung. Er war also kein Vampir. "Ich ... ähm, tut mir leid... ich kann nichts für sie tun", erwiderte sie. Der junge Mann vor ihr war inzwischen etwas nervös geworden. Unentschlossen starrte er sie an. Anne hatte das Gefühl, als würde auch er etwas in ihr sehen, was sonst keiner sehen konnte. Es war nicht kalt, doch trotzdem schlang sie ihre Jacke enger um ihre Schulter, so als könnte der Stoff sie vor den bohrenden Augen des Mannes beschützen. "Kennen wir uns?" fragte er. "N...Nein. Ich bin gerade erst angekommen." "Ich bin Richie Ryan. Darf ich deinen Namen erfahren. Ich möchte wissen, Mit wem ich es zu tun habe." Sein Tonfall klang viel zu ernst für Annes Geschmack. Sie wollte sich umdrehen und einfach weggehen. Doch seine Worte hielten sie ab. "Halt, warte! Entschuldige, bitte. War nicht so gemeint. Ich habe dich für jemand anderes gehalten. Das ist mir echt peinlich." "Für wen denn bitte? Ihren Steuerpfänder?" Er lächelte. "Bitte, lass uns noch mal anfangen. Mein Name ist Richie Ryan. Und ich wüsste gern, welches nette Mädchen hier vor mir steht." Er streckte seine Hand aus. Anne zögerte noch immer. Doch schließlich ergriff sie seine Hand und sagte: "Meine Name ist Anne." "Kein Nachnamen? Mmmh, extravagant. Wie Cher oder Madonna." Er grinste. "Ich warte hier auf einen Freund. Hättest du Lust, mir bei einer Tasse Kaffe Gesellschaft zu leisten? Auf meine Kosten versteht sich von selbst. Wenigstens brauch' ich dann kein Kleingeld für den Automaten." Seit fast 24 Stunden hatte Anne weder gegessen noch etwas getrunken. Und sich selber etwas leisten brachte sie nicht übers Herz. Aber warum eine Einladung absagen, wenn man frischgebrühten Kaffe bekäme? Also nickte sie und gemeinsam gingen sie auf das kleine Bistro zu, das sie mit Werbeplakaten für Baguettes und Pizzen begrüßte. Sie setzten sich an einen kleinen Tisch direkt am Fenster und bestellten sich jeder einen Cappuccino. "Erzähl mal. Was macht so ein junges Mädchen wie du in LA? So ganz allein?" "Ich kann schon auf mich aufpassen. Danke." "Hey, ich wollte nur höflich sein", rief er mit geschauspielter Entrüstung. "Ja schon gut, ich weiß. Ich bin einfach noch nicht in der Stimmung für Small Talk. Hab 'ne harte Woche hinter mir." "Wer hat das denn nicht?" "Ich versuche hier neu anzufangen." "Was ist mit einem zu Hause? Willst du dort nicht erst mal aufhören, bevor du ins wahre Leben einsteigst?" "Ich bin fertig, glaub mir." Sie nippte an ihrem heißen Cappuccino. "War ja nur ne Frage." Er zuckte mit den Schultern und nahm ebenfalls einen Schluck von seinem Getränk. "Hast du was, wo du hin kannst? Wenigstens für heute Nacht?" "Ja!!!" antwortete sie etwas zu schnell. "Ach ja, und wo?" er sah sie neugierig an. "Weiß ich noch nicht. Aber ich werde schon was finden." Sie wollte sich erheben und bedanken, doch kaum hatte sie sich umgedreht um zum Ausgang zu gehen, da versperrte ihr ein äußerst gut gebauter Mann den Weg. Naja, nicht direkt versperren. Er kam nur plötzlich um die Ecke gelaufen, genau wie Anne. Und auf der Mitte der Strecke trafen sie sich. Rums machte es, als der Inhalt aus Annes Tasche quer über den Boden des Eingangsbereiches des Bistros segelte. "Oh Scheiße!!!" fluchte sie leise und fing an die durcheinandergewürfelten Klamotten und andere Sachen aufzusammeln. Hektisch stopfte sie sie in ihre Tasche. Der Mann neben ihr war ebenfalls in die Knie gegangen, um ihr zu helfen. "Entschuldigen Sie bitte, ich habe Sie nicht gesehen", entschuldigte er sich. "Schon gut. Mein Fehler. Ich sollte nicht so um die Ecke stürmen", erwiderte Anne. Sie konnte Richies Schritte hören, als dieser angelaufen kam. "Wie ich sehe, kennt ihr euch schon", rief er ihnen lachend zu. Fragend blickte Anne Richie an. "Darf ich euch vorstellen? Anne, Duncan McLeod! Mc, Anne!" Er zeigte mit dem Finger auf den stattlichen Mann und dann auf Anne. Duncan streckte seine Hand aus, die Anne zögernd ergriff. Er war größer als Richie und hatte dunkles langes Haar, das er hinten zusammengebunden hatte. Und zum zweiten Mal an diesem Tag hatte Anne das Gefühl mit den Blicken eines Mannes durchbohrt zu werden. Der Gesichtsausdruck des Mannes war schwer zu deuten. Irgendwie forschend. Und er hatte die selben, tiefen Augen wie Richie. "Mc" wandte sich Richie an Duncan "Ich habe sie gerade kennen gelernt. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie für heute noch keine Unterkunft hat. Ich dachte..." "Du dachtest...?" unterbrach Duncan. "Glaubst du, mein Dojo ist ein Obdachlosen-Treffpunkt?" Kritisch beäugte er Anne. Sie wollte sich gerade umdrehen und einfach wegrennen. Sie fühlte sich gar nicht wohl in ihrer Lage. Sie hatte sich vorgenommen gehabt, nie wieder Freundschaften zu schließen, nachdem sie die alten so verlassen musste. Und gleich am ersten Tag mit zwei fremden Männern mit zu gehen, passte ihr überhaupt nicht in den Plan. Des weiteren war ihr der ältere der Beiden nicht geheuer. Nervös zog sie den Reißverschluss ihres Rucksacks zu und blickte demütig in Richtung Fußboden. "Ich... ich wollte mich nicht aufdrängen. Ich werde schon was finden!" Bevor sie gehen konnte, schloss sich Richies Hand um ihren Arm. Sie blickte ihn wütend an. "Das war echt 'ne tolle Idee. Ich sagte doch, ich werde schon was finden." "Schon in Ordnung", warf Duncan ein. Geschlagen nickte er zu Richie und sagte. "Für heute. Und nur heute." Glücklich lächelte Richie Anne zu, die ihn am liebsten erschlagen wollte.
Das Dojo war kaum mehr als ein etwas kleinerer Lagerraum. Der Parkettboden knirschte leicht bei jedem Schritt. Matten lagen auf dem Boden und einige Trainingsgeräte standen herum. Doch etwas anderes lenkte Annes Blicke auf sich. Zwei Schwerter, die über Kreuz an der Wand hingen. Anne hatte sie schon einmal gesehen. Zumindest in einem Buch. Während einer der Lehrstunden, in denen Giles sie alles Mögliche gelehrt hatte. Darunter auch die verschiedenen Arten von Waffen. Diese beiden Waffen wurden schon vor vielen Hundert Jahren hergestellt, erkannte Anne. Dieses Paar wurde Daisho genannt. Um genauer zu sein, war es ein Kriegs-Daisho. Schwerter, die während eines Kampfes von den frühen Samurai in Japan getragen wurden. Neugierig betrachtete sie die beiden Schwerter, während sie hinter Duncan und Richie den Raum durchquerte. Mit einem ähnlichen Schwert hatte sie Angel vor kaum mehr als 24 Stunden getötet. Duncan, der ihre verwunderten Blicke sah, sagte: "Ich bin Antiquitätenhändler. Wundere dich deshalb nicht." "Genau!" pflichtete ihm Richie zu und grinste. "Wir werden dir schon nicht den Kopf damit abschlagen." "Wie beruhigend!" antwortete Anne. Sie stiegen in einen Aufzug, der sie direkt in das Wohnzimmer brachte. "Du kannst auf der Couch schlafen. Ich hole dir eine Decke", bemerkte Duncan und verschwand hinter einer Ecke. "Mach dir nichts draus, Anne. Duncan ist nicht immer so. Er ist ein toller Kerl... normalerweise." "Hey, ich bin immer ein toller Kerl", verteidigte sich Duncan und schenkte Anne ein kleines Lächeln. "Es tut mir leid, wenn ich als unfreundlich erscheine, aber ich hatte eine ziemlich harte Woche." Er zeigte auf die Couch. "Du kannst gerne hier übernachten", versicherte er Anne. "Wo kommst du eigentlich her?" fragte er sie. "San Diego", log sie. "Ich suche einen Job." Sie setzten sich auf die Couch. "Hast du Hunger?" fragte Richie sie. "Ich... ich will nicht zur Last fallen", Zögerte sie. "Das ist schon in Ordnung. Ich will sowieso nur eine Pizza bestellen." "Ja ich glaube, ich könnte auch einen Happen vertragen." "Von wo aus San Diego?" fragte Duncan weiter. Er wusste genau, dass sie ihm nicht die Wahrheit sagte. "Francis Boulevard 34A..." Dort befand sich ein Restaurant, in dem Buffy und ihre Mutter mal gegessen hatten, als sie dort ein Wochenende verbracht hatten. "Was für einen Job suchst du denn? Vielleicht kann ich was besorgen." "Ich weiß es nicht. Irgendwas. Vielleicht kellnern." "Das ist nicht unbedingt ein Traumjob. Was ist mit Schule? Hast du einen Abschluss?" "Naja, nicht so richtig. Um ehrlich zu sein, wurde ich im letzten Schuljahr rausgeschmissen." "Was hast du denn so schlimmes verbrochen." Nervös spielte Anne mit ihren Fingern. "Ich habe... geschwänzt.... Ziemlich oft geschwänzt." Sie hoffte innerlich so sehr, dass Duncan ihr die Geschichte abkaufen würde, obwohl sie an seinen Augen erkennen konnte, dass das nicht der Fall war. "M...m... meine Mutter hat mich deswegen rausgeschmissen." Zumindest teilweise war das die Wahrheit. "Hören Sie, ich bin für ihre Gastfreundschaft sehr dankbar. Und ich verspreche Ihnen, dass ich morgen früh weg bin und nie wieder kommen werde, aber ich möchte nicht über mich reden. Bitte." Ihre flehenden Augen trafen Duncan bis ins Innerste. Dieser Schmerz und die Angst in den Augen des Mädchens waren stärker als bei irgendeinem anderen Menschen, den Duncan bis jetzt getroffen hatte. Und in den 400 Jahren seines Lebens hatte er wahrlich schon viele Menschen getroffen. In den folgenden 20 Minuten hielten sie Small Talk, redeten über belanglose Dinge und aßen die Pizza, die der Pizzabote gebracht hatte.
Es war bereits nach Mitternacht als Anne endlich alleine auf der Couch lag und ihre Gedanken für sich alleine hatte. Sie brauchte lange, um einzuschlafen. All die Ereignisse der letzten 24 Stunden waren zu viel gewesen. Als sie endlich in einen unruhigen Schlaf gefallen war, begannen sich ihre Gedanken nur noch um das eine Thema zu drehen. Gedankenfetzen huschten durch ihr Bewusstsein und ließen die Ereignisse immer und immer wieder von neuem beginnen. Wie eine Zeitschleife. Es war wohl kurz nach Sonnenaufgang, als Anne aus ihren Alpträumen erwachte. Mit einem Namen auf den Lippen schreckte sie hoch. "Angel!" Verwirrt sah sie sich um. Wo war sie? Dunkel erinnerte sie sich an die beiden Männer, die sie gestern kennen gelernt hatte. Sie sah sich kurz um und die Erinnerungen waren wieder da. Gequält stand sie auf und ordnete die Decke und die Kissen, die sie während ihres unruhigen Schlafes von der Couch geschmissen hatte. Auf leisen Sohlen packte sie ihre wenige Habe und schlich die Hintertreppe hinunter. Sie hatte gehofft, auf dem Weg nach draußen keinem zu begegnen. Doch als sie noch leicht verschlafen den Trainingsraum erreichte, musste sie feststellen, dass sie nicht die einzige Frühaufsteherin war. Dort, auf dem kalten Parkettboden erkannte sie Duncan. Das funzelige Licht schien auf seinen nackten Oberkörper. Mit gleitenden Bewegungen bewegte er sich durch den Raum. Anne kannte diese Bewegungen. Sie hatte sie selber gemacht, wenn sie ihre Nerven beruhigen wollte. Doch sie hatte noch nie jemandem dabei zugesehen. Duncan schien sie nicht zu bemerken und führte seine Übungen fort. Lautlos und geschmeidig wie eine Katze. Fasziniert beobachtete Anne das Geschehen. Einige Minuten vergingen, bis Duncan mit dem Rücken zu Anne zum Stehen kam. Für einige Sekunden blieb er so stehen und holte hörbar tief Luft. Noch bevor er sich umdrehte begann er: "Guten Morgen, Anne." >Erwischt<, dachte Anne. "Ich... äääähm... ich wollte nicht stören. Es tut mir leid." Sie strebte in Richtung des Ausganges. "Du musst noch nicht gehen. Wirklich. Bleib doch wenigstens noch zum Frühstück. Ich wollte gestern nicht so unfreundlich sein." "Das waren Sie nicht. Und darum geht es auch nicht. Ich will einfach nur alleine sein. Aber ich bin sehr dankbar für Ihre Freundlichkeit... und für die Pizza." Sie stand schon in der Tür, als Duncan etwas sagte, dass sie zum Stehen bleiben brachte. "Wer ist Angel?" Geschockt drehte sich Anne um und starrte Duncan an. "Woher kennen sie den Namen?" "Du hast im Schlaf geredet." "Ich möchte nicht darüber reden. Ich habe Ihnen das schon gestern gesagt. Ich will einfach nur weg." Es bedurfte ihrer viel Selbstbeherrschung, ihre Tränen zurückzuhalten. Sie war im Begriff sich erneut umzudrehen und wegzurennen, wie sie es ständig versuchte, als ihr Blick wieder auf die beiden Schwerter an der Wand fiel. Duncan kam auf sie zu und nahm ihr ihre Tasche ab. "Ich will, dass du bleibst. Ich kann dich nicht einfach so gehen lassen." Er lächelte sie an. "Lust auf Rührei zum Frühstück?"
Einige Tage nach Annes Ankunft in LA saß sie mit Richie und Duncan zusammen am Frühstückstisch. "Ich glaube, ich kenne jemanden, der einen Job für dich hat", begann Duncan und sah dabei Anne an. "Es ist ein guter Freund von mir. Du lernst ihn nach dem Frühstück kennen." Dankbar lächelte Anne ihn an. Überhaupt hatte Anne in den letzten Tagen wenig geredet. Sie war die meiste Zeit spazieren gewesen oder hatte bei irgendwelchen Arbeiten ausgeholfen. Der Fußboden des Dojos glänzte inzwischen wie frisch ausgelegt. Richie hatte mit ihr Ausflüge mit dem Motorrad gemacht, und jedes Mal bebte Anne aus Angst, er könne in Richtung Sunnydale fahren. Immer wieder hatte sie sich gefragt, was ihre Freunde gerade machten. Und jedes Mal, wenn sie daran dachte, wurden ihre Schuldgefühle stärker und stärker. Die Schuld, ihre Freunde im Stich gelassen zu haben. Wann immer sie an einem Telefon vorbeikam, blieb sie kurz stehen und dachte darüber nach, einfach anzurufen. Zu sagen: Es geht mir gut. Doch je länger sie wartete, desto mehr wuchsen ihre Ängste vor dem, was ihre Mutter oder Giles oder alle anderen sagen würden, wenn sie sie anrufen würde. Die Gewissheit war nur zehn Ziffern und etwas Kleingeld entfernt. Sie bräuchte nur den Hörer abzuheben und zu wählen. Doch die Verwirklichung war unglaublich schwer.
Joe's war eine etwas abgelegene Kneipe in einer Seitengasse. Dass sich in dem Gebäude eine Kneipe befand, war nur durch die große Leuchtreklame erkennbar, die über der Eingangstür angebracht war. Anne ging mit Duncan durch die Tür und folgte ihm zur Theke. "Joe!?!" rief er in die hinteren Räume. Anne sah sich um. Es war kein 4 Sterne Restaurant. Aber es war sauber und gemütlich. Aus einem der hinteren Räume hörte sie Schritte. Anne drehte sich um und erkannte einen älteren Mann. Gestützt auf einen Gehstock humpelte er langsam zu ihnen und gab Duncan freundschaftlich die Hand. "Joe, das ist Anne. Sie sucht einen Job. Kannst du nicht noch jemanden gebrauchen. Joe sah zu Anne und gab ihr dann ebenfalls die Hand. "Für so ein reizendes Wesen? Da werden wir schon was finden. Hast du schon mal gekellnert?" "Naja, eigentlich nicht. Aber ich lerne schnell." "Das ist kein Problem. Es ist nicht so, dass man dazu eine besondere Ausbildung braucht. Nur ein Lächeln auf den Lippen und ein paar freundliche Worte für die Gäste." "Hört sich toll an. Ich glaube, das kriege ich hin." "Sieh dich doch noch ein bisschen um. Ich muss mit Duncan was besprechen." Anne lief eine Runde im unteren Raum herum und ging dann in die Küche. Sie konnte die beiden Männer hören, konnte aber nicht verstehen, was sie sagten. Nicht dass es sie sonderlich interessiert hätte.
"Nett, die Kleine!" bemerkte Joe. "Ja das ist sie. Aber es geht um etwas anderes. Ich weiß nicht genau, was es ist, aber sie ist irgendwie anders." Er sah Joe an und sprach mit leiserer Stimme: "Ich kann sie spüren." "Aber sie ist doch gar nicht..." "Ich weiß, ich weiß. Ich kann es mir ja selber nicht erklären. Es ist auch anders als bei den anderen Unsterblichen. Es ist kein direktes Gefühl. Es ist mehr... mehr wie, als wenn man den großen Zeh in Eiswasser steckt oder so. Ich kann es nicht beschreiben. Und ich glaube, dass sie es auch spürt." "Wie kommst du darauf? Was soll denn an ihr so besonderes sein. Soweit ich es sagen kann, ist sie ein ganz normales Mädchen. Sterblich!" "Ja, ja. Ich werd' schon noch rausbekommen was faul ist." Er verstummte als Anne den Raum wieder betrat und die beiden Männer schüchtern anlächelte. "Wann kann ich anfangen?" "Gleich heute, wenn du willst."
Gegen 2 Uhr morgens begann sich die Kneipe zu leeren. Anne hatte viele neue Leute kennen gelernt. Hauptsächlich Männer, die vor ihren Frauen flohen. Oder alleinstehende Männer, die hofften hier die Frau ihrer Träume zu treffen. Die meisten von ihnen waren ganz in Ordnung. Sie gaben reichlich Trinkgeld und verhielten sich zum größten Teil freundlich Anne gegenüber. Gab es Probleme, dann war Duncan sofort zur Stelle gewesen. Er verbrachte hier des Öfteren seine Abende mit Richie und unterhielt sich mit Joe. Heute wie fast jeden Abend, beobachteten sie Anne, wie sie hin und her rannte, Biergläser auffüllte und Tische abwischte. "Ich habe das Gefühl, die Kleine wird überhaupt nicht müde. Jeden Nachmittag rennt sie rum und hat nie eine Verschnaufpause gemacht. Wo nimmt sie nur diese Ausdauer her?" wunderte sich Joe. "Ich habe keine Ahnung. Aber ich habe mich das auch schon gefragt", bestätigte Duncan. Anne war zufrieden. Nicht im Sinne von glücklich. Aber sie war zufrieden mit ihrer augenblicklichen Lage. Sie hatte einen Job, der sie zwar nicht unbedingt zum Millionär machte, aber sie war beschäftigt. Immer wenn sie über die Vergangenheit nachdachte, steigerte sie ihre Leistungsfähigkeit, um sich abzulenken. Wo sie am Anfang drei Bier verteilt hatte, verteilte sie nun 6 und mehr. Dass sie irgendwann wieder aufhören musste, vergaß sie mit der Zeit. Gegen halb drei waren die Gäste gegangen und Joe, Mc und Richie erhoben sich. Anne wischte gerade die Theke aus, als Joe ihr behutsam den Lappen aus der Hand nahm. "Du hast jetzt genug gemacht. Geh mit Duncan und Richie nach Hause. Wir sehen uns morgen Nachmittag wieder, OK?" Etwas widerwillig verabschiedete sich Anne von Joe und verließ mit Duncan und Richie die Kneipe.
Draußen war es angenehm kühl und der Himmel war klar. Die Sterne funkelten wie Hunderte von Diamanten. Schützend hatten Richie und Duncan Anne in die Mitte genommen. Der Weg bis zum Dojo war nicht weit. Vielleicht 1,5 Kilometer. Kaum mehr als ein Katzensprung. Gemütlich schlenderten sie die verlassenen Gassen entlang. Die Wohnung von Duncan war schon sichtbar, als sich Richie und Duncan plötzlich ansahen und besorgte Blicke tauschten. "Richie! Geh mit Anne schon rein, ich komme gleich nach." "Duncan? Was ist los?" fragte Anne besorgt. Ihr waren die Blicke der beiden Männer nicht verborgen geblieben. "Nichts ist los, Anne. Geh mit Richie rein. Sofort! Ich glaube, ich habe jemanden gesehen. In letzter Zeit gab es hier häufig Einbrüche. Ich will nur nachsehen." Zögernd folgte Anne dem jüngeren der Beiden ins Haus. Sie sah sich ein letztes Mal um und sah Duncan um eine Ecke huschen. Hinter Richie betrat sie das Dojo. Einige Meter vor ihr schnappte Richie plötzlich erschrocken nach Luft und drehte sich zu ihr um. Fragend blickte sie ihn an. Seine entsetzten Augen verrieten ihr die Person, die ganz plötzlich hinter der Tür neben ihr hervorgesprungen kam und ein Schwert an Annes Kehle hielt. Geschockt hielt Anne die Luft an. Sie konnte das kalte Metall an ihrer nackten Kehle spüren. Langsam strich es entlang der empfindlichen Haut. "Bitte nicht!!!!" flüsterte sie, sodass nur sie es hören konnte. Reflexartig schlossen sich ihre Hände um die Hand des Angreifers. Doch die Angst, plötzlich mit durchgeschnittener Kehle auf dem Fußboden zu landen war zu groß. Mit entsetzt geweiteten Augen starrte sie Richie an. "Richie!?!" Und ihr Entsetzen wuchs, als sie in Richies Hand plötzlich ebenfalls ein Schwert entdeckte. "Anne, bleib ganz ruhig!" versuchte er sie zu beruhigen. Langsam kam er auf Anne zu. Er zeigte mit dem Schwert in ihre Richtung und sprach zu dem Mann. "Lassen Sie sie da raus! Sie ist keine von uns." "Glaub mir Kleiner. Damit habe ich kein Problem." Er erhöhte den Druck des Schwertes auf Annes Hals, die leise wimmerte. Eine einsame Träne kullerte über ihr Gesicht. Sie schloss die Augen und umfasste mit ihren Händen die des Mannes fester. Mit einem einzigen, unerwarteten Schwung warf sie ihn über ihre Schulter und vor sich auf den Boden. Der Überraschungseffekt hatte einmal mehr seine Wirkung getan. Blitzschnell machte sie einen Schritt zur Seite und blieb dort stehen als wäre nichts passiert. Wie der Fremde war auch Richie mehr als überrascht von der plötzlichen Wendung der Situation und brauchte einige Sekunden um zu kapieren, was sich vor seinen Augen gerade abgespielt hatte. Doch diese vertanen Sekunden nutzte der Fremde und sprintete zu Tür hinaus. Sprachlos starrte Richie Anne an. "Ich ...ich..." stammelte sie. "Sportunterricht -Selbstverteidigung", versuchte sie sich aus der prekären Lage zu befreien. Sie rauschte an dem noch immer sprachlosen Richie vorbei, stieg in den Lift und fuhr nach oben. Vollkommen durcheinander ließ sie sich auf die Couch fallen und barg ihr Gesicht in ihren Armbeugen. Sie sah auch nicht auf, als sie Richie und Duncan hörte, die ebenfalls die Wohnung betraten. Sie tat als ob sie schliefe, obwohl sie genau wusste, dass Richie und Duncan ihr das nicht abkaufen würden. "Lass sie erst einmal in Ruhe", hörte sie Duncan sagen. "Wir werden morgen mit ihr sprechen." "Mc, aber das hättest du sehen müssen. Ich fasse es einfach nicht. Ich meine, sie ist doch gerade 17. Und Kehlaar ist ..." er hielt inne und lugte zu Anne. "Du weißt was ich meine." "Lass es Richie! Morgen!"
Geräusche eines laufenden Wasserhahnes und das Rascheln von Kleidung ließen Anne aufhorchen. Als auch diese Geräusche verstummt waren und Anne sicher war, dass Richie und Duncan schlafen würden, setzte sie sich auf und blickte in die gähnende Dunkelheit des Zimmers. Sie konnte mit einiger Mühe die Umrisse des Küchentisches sehen. Lange blieb sie so sitzen und versuchte herauszufinden ob die dunklen Schatten in den Ecken des Zimmers vielleicht zurückstarrten. Monster, Trolle, Dämonen und alle möglichen Arten von Kinderschrecken huschten durch ihr Bewusstsein. Überall konnten sie sein. Vielleicht unter der Couch. Oder im Kühlschrank. Von allen Seiten fühlte sich Anne beobachtet. Und ihre Beobachter lachten sie aus. Lachten über Anne, die nie wieder etwas mit Buffy zu tun haben wollte, und es doch nicht verhindern konnte. Und wieder fiel ihr Blick auf das Telefon, das auf dem kleinen Tischchen neben dem Sofa stand. Nur zehn Ziffern. >Es tut mir leid, Giles. Kann ich nach Hause kommen?< Nur zehn Ziffern. Sie hatte sie alle im Kopf. Immer wieder hatte sie die Nummern innerlich wiederholt. Sie konnte sie im Schlaf. Die von Giles, von Willow, von Xander und natürlich die ihrer Mutter. Sogar die von Cordelia, obwohl sie eingestehen musste, dass Cordelia die letzte gewesen wäre, die sie anrufen würde. Beinahe physisch spürte sie, wie ihre Finger über die Tastatur huschten und sie mit Giles verbanden. Giles! Ja, sie würde Giles anrufen. Vorausgesetzt, sie würde irgendwann die Kraft dazu finden. Schon jetzt hörte sie seine Worte in ihren Ohren. Eine Stimme voller Angst, Verlust und Verzweiflung. Oder wäre er vielleicht wütend? >Bitte, Giles, es tut mir so leid.< Nein! Giles würde nicht wütend werden. Doch der Schmerz, dem sie ihn aussetzte, wäre unglaublich. Was wenn sie ihn tatsächlich anrufen würde und sie mittendrin den Mut verlieren würde. Sie würde kein einziges Wort herausbringen können. Sie könnte ihm wahrscheinlich noch nicht einmal sagen, dass sie es war. Seine Buffy. Und dass es ihr gut ginge. Er würde auflegen und glauben, dass ihm irgendjemand einen bösen Streich spielte. Lauter Möglichkeiten schwirrten in ihrem Kopf herum. Oder vielleicht war er gar nicht da. Gedankenverloren erhob sie sich und wanderte ziellos durch den Raum, bis sie vor dem Aufzug zum Stehen kam. Sie stieg ein und fuhr nach unten. Erst als sie mit ihren nackten Füßen auf dem kalten Parkett stand, bemerkte sie, wohin sie gegangen war. Sie setzte einen Fuß vor den anderen. Sie erinnerte sich an Duncan. Wie sie ihn des morgens bei seinen Tai-Chi Übungen überrascht hatte. Woher hatte er von ihrer Präsenz gewusst? Sie war sich sicher gewesen, dass er die Augen zu hatte. Und sie hatte keinen einzigen Mucks von sich gegeben. Er musste sie gespürt haben. So wie sie ihn gespürt hatte. Und wie sie Richie gespürt hatte. Diese eigenartigen Gefühle, die sie hatte, wenn sie in der Nähe der Beiden war. Erst jetzt wurde ihr dieser Zusammenhang klar. Was war los mit den Beiden? Und wer war der Mann gewesen, der ihr das Schwert an die Kehle gehalten hatte. >Lassen Sie sie da raus. Sie ist keine von uns.< Was um Himmels Willen sollte das bedeuten? Zielstrebig ging sie in die Richtung der Schwerter, die ihr immer wieder auffielen, wenn sie das Dojo passierte. Es war hier unten nicht so dunkel wie oben. Das Licht der Laternen malte Vierecke aus mattem Licht auf die Wände und den Fußboden. Das bleiche Licht ließ das Holz aschgrau erscheinen. Sie nahm vorsichtig das größere der beiden Schwerter von der Wandhalterung und wog es ehrfürchtig in den Händen. Sie wusste, wie man mit so was umzugehen hatte. Oft genug hatte sie es trainiert. Und angewendet. Wie bei Angel. Sie fuhr mit der Klinge durch die Luft. Doch wie ein Blitzschlag durchzuckte sie erneut die Erkenntnis, dass das jetzt nicht mehr Annes Angelegenheit war. Anne konnte nicht mit einem Schwert umgehen. Genauso wenig wie sie eigentlich einen 200 Pfund schweren Mann über die Schultern werfen konnte. Doch Anne war niemand anders als Buffy, die Vampirjägerin. Man konnte nicht seine Bestimmung ändern, indem man sich einen anderen Namen gab. Oder in eine andere Stadt zog. Buffy war nicht tot, dämmerte es Anne. Sie hatte sich nur verkrochen unter einem Schild, auf dem der Name Anne stand. Anne schluchzte. Kraftlos sank sie auf die Knie. Das Schwert fiel neben ihr auf die weichen Matten. Tiefe Schluchzer schüttelten ihren Körper, als sie die Hände vor das Gesicht schlug und den Tränen freien Lauf ließ. Und sie weinte. Sie weinte bis zum Morgengrauen, als die Müdigkeit sie übermannte und sie auf den Matten liegend einschlief.
"Mc, was ist denn?" rief Richie quer durch das Dojo. "Pssst!!!" antwortete Duncan und beugte sich über Annes zusammengekauerte Gestalt die noch immer auf den Matten lag. Vorsichtig nahm er sie in seine Arme und trug sie in die Wohnung. Mit einem Blick auf die Schwerter bedeutete er Richie, sie aufzuheben und mitzubringen. Oben angekommen ließ er sie vorsichtig auf die Couch gleiten und ging anschließend in die Küche, um Tee zu machen. Richie legte die Schwerter vorsichtig auf den alten Sekretär, der an der Wand stand. Leise setzte er sich in einen Sessel neben Anne und beobachtete das schlafende Mädchen. Sie murmelte unverständliche Satzfetzen und warf sich unruhig hin und her. Nachdem das Wasser durchgelaufen war kehrte Duncan mit drei gefüllten Tassen zurück. "Anne?" er strich ihr über die Schulter. "Anne, wach auf. Wir müssen reden." Müde zwinkerte Anne die beiden Männer an. "Anne? Wer... Ja, Anne. Das bin ich", murmelte sie verschlafen. Innerhalb weniger Sekunden war sie munter. Argwöhnisch betrachtete sie die ernsten Gesichter ihrer Freunde, die sie in den letzten Wochen lieb gewonnen hatte. "Was ist? Sitzt mein Haar nicht?" versuchte sie das allgemeine Schweigen zu unterbrechen. Duncan erhob sich und nahm die beiden Schwerter vom Tisch. Gebannt starrte Anne auf die tödlichen Klingen. "Weißt du, dass diese Schwerter vor mehr als 1000 Jahren geschmiedet wurden?" Er ließ seine Hand entlang der glatten Seite der Schneide gleiten ohne sich zu schneiden. Liebevoll wendete er sie und betrachtete sie von allen Seiten. "Man nennt dieses Paar Daisho. Das lange ist ein Tachi, das kurze ein Tanto. Sie wurden von dem erfahrenen Meister Tan Chi in wochenlanger geduldiger Arbeit kunstvoll geschmiedet. Er verwendete Eisensorten verschiedener Härtegrade. Das Ergebnis ist ein Stahl von höchster Qualität. Diese Klingen brechen nicht, verbiegen nicht und bleiben scharf wie eine Rasierklinge für viele Tausend Jahre. Mit nur einem Schlag kann man mit ihnen einen Menschen enthaupten. So schnell, dass der Unglücksselige gar nicht bemerkt, dass er gerade im Begriff ist zu sterben. Der fremde Mann von gestern benutzte ein ähnliches Schwert, nicht wahr?" Forschend sah er Anne an. "Sein Name ist Kehlaar. Und er hätte dich gestern ohne weiteres töten können. Ich glaube, das ist dir klar, oder nicht?" Anne wusste genau, dass dieses Gespräch einen tieferen Sinn hatte. Nervös rutschte sie auf der Couch hin und her und wartete darauf, dass sie irgendwann einen Sinn hinter all dem entdeckte. "Töten? Warum sollte er mich denn töten wollen?" Duncan zuckte mit den Schultern, stand auf und machte eine Runde um das Wohnzimmer. "Anne, wie alt bist du?" Verdutzt sah sie erst Duncan, dann Richie an. "17. Das... das habe ich doch schon gesagt." "Wo kommst du her?" "Was wird das hier? Das habe ich schon alles erzählt." "Ich will die Wahrheit wissen. Wer bist du?" "Duncan, du machst mir Angst", entgegnete Anne und erhob sich. Sie wollte einfach weglaufen. So weit weglaufen wie es nur ging. Warum hatte sie nicht auf ihre Intuition gehört und sich erst gar nicht auf die beiden eingelassen. "ANNE!!!" Sie fuhr herum und wollte Duncan eine laute Antwort geben. Stattdessen fing sie das Schwert, das Tachi wie sie erkannte, mühelos auf und hielt es fest. Das Tanto fuhr durch die Luft. Sie hörte, wie es die Luft durchschnitt. Mit Leichtigkeit wehrte sie Duncans Schlag ab. Innerhalb einer Millisekunde hatte sie Duncans Brust direkt vor der Schwertspitze. Bösen Blickes sah sie ihn an. Und Duncan lächelte zurück. Am liebsten wäre Anne aus der Haut gefahren. Aus den Augenspitzen sah sie Richie auf sich und Duncan zukommen. Sein Gesichtsausdruck war mindesten eine halbe Million Dollar wert. "Whoaaaa... whoaaa! Wartet! Habe ich irgendwas verpasst?" Duncan und Anne sahen sich nur an. "Buffy!" brachte Buffy zwischen zusammengebissenen Zähnen heraus. "Hallo, Buffy. Es freut mich dich kennen zu lernen." Mit seiner freien Hand schob Duncan das Schwert, das auf ihn gerichtet war, beiseite. Die knisternde Spannung löste sich etwas. "Jetzt habe ich deinen Namen. Das ist doch schon etwas." "Buffy? Was ist denn das für ein Name? Also Anne hat mir besser gefallen." Wenn Blicke töten könnten, dann wäre Richie in dem Moment zweimal tot umgefallen. "Woher wusstest du es?" wollte Buffy von Duncan wissen. "Ich wusste es einfach. Um ehrlich zu sein, wusste ich vom ersten Moment an, dass du jemand anderes bist, als du vorgibst. Es ist nur ein Gefühl." "Ach ja? Ein Gefühl, als ob du auf einem schaukelndem Fischerkahn stehst, immer wenn du in meiner Nähe bist." Duncan sah sie verwundert an. "Ja so in etwa." "Ich finde dieses Gefühl sehr beunruhigend." Du...d-d-d-d-du meinst ähm.... Du meinst du fühlst uns auch?" stotterte Richie. Buffy tat, als hätte sie die Frage überhört. "Ich bin von zu Hause weggelaufen. Und wisst ihr auch, warum?" Ihre Stimme wurde lauter. "Ich habe es satt. Bis obenhin. Ich wollte nie wieder etwas damit zu tun haben, und da kommt ihr mir in die Quere. Ihr mit euren Schwertern und eurem geheimnisvollen Gehabe. Steht mir irgendwas auf der Stirn geschrieben, das komische Typen magisch anzieht oder so?" Zielsicher warf sie das Schwert in ihrer Hand Duncan zu, der es auffing. Vollkommen sprachlos hatte Richie das Geschehen mit angesehen, ohne auch nur einen geringsten Sinn hinter all dem zu sehen. "Auszeit!!!" ging er zwischen die beiden und blickte sie mit großen Augen an. "Kann mir mal jemand verraten, wovon ihr redet... Nur mal rein hypothetisch. Ja!?!" Flehend sah er Duncan und Buffy an. Duncan setzte sich wieder auf die Couch und es sah nicht so aus, als würde er so bald wieder aufstehen. Also gesellten sich Richie und Buffy hinzu. Schweigsam saßen sie in der Runde, bis Duncan begann. "Vor einiger Zeit kannte ich ein Mädchen. Sie war 16. Fast noch ein Kind. Jede Nacht war sie unterwegs und niemand wusste, wohin sie immer ging. Gegen Morgengrauen kam sie wieder. Die Leute im Dorf hielten sie für eine Schlägerin, weil sie oft blutbefleckt nach Hause kehrte. Und weil sie unglaublich stur war. Was sie wollte, bekam sie. Doch eines Morgens kam sie nicht wieder. Nur wenige Wochen später war das gesamte Dorf ausgelöscht von Unbekannten. Unzählige Leichen. Blutleer, bis auf den letzten Tropfen." Er blickte nach draußen. "Ähm... Duncan. Ich weiß nicht ob das vielleicht Absicht war, aber das klingt verdammt nach etwas, wovon ich nicht will, dass du es weiter erklärst", Stritt Richie ab. "Richie glaub mir. Ich will das genauso wenig. Aber es ist die Wahrheit." Er sah Buffy vielsagend an. "Ich finde, sie war dir sehr ähnlich. Findest du nicht auch?" Buffy schüttelte ungläubig den Kopf. "Ich weiß nicht wovon du redest." Duncan redete weiter und sah dabei mehr Richie an. "Richie, die Erde ist sehr viel älter, als du es dir vorstellst. Und ein Paradies war es schon gar nicht. Bevor die Menschheit auf ihr wandelte, war die Erde bevölkert von Kreaturen. Kreaturen von unglaublicher Größe, Macht und Besessenheit. Mit dem Auftreten der ersten Menschen musste ein Weg gefunden werden, die Kreaturen zu bekämpfen. So wird seit dem Anfang der Menschheit in jeder Generation ein Mädchen auserwählt, gegen die Mächte der Finsternis anzukämpfen. Nur sie allein hat die Kraft und die Fähigkeit gegen sie anzukämpfen." "Duncan, du weißt doch hoffentlich, dass sich das anhört wie ein mieser Gruselschocker, oder?" unterbrach Richie. "Glaubst du an Unsterblichkeit, Richie?" Vielsagend sah Duncan seinen Freund an. "Äääähm, ja! Irgendwie schon." "Warum dann nicht an Vampire?" "Weil...weil...weil es sie nicht gibt. Das ist doch einfach nicht möglich. Lächerlich! Tote die rumrennen und Leute beißen. So was dummes habe ich ja noch nie gehört... Höchstens vielleicht in Mary Shelleys Frankenstein. Aber das war ein Film." Unschlüssig hatte sich Buffy bis jetzt aus den Erklärungen herausgehalten. Sie hatte auch nicht die geringste Absicht, es noch zu tun. "Ich muß zur Arbeit." Lenkte sie ab und erhob sich. "Ähm Anne?... Oder Buffy. Wer immer du auch bist. Es ist halb neun früh." "Oh....Egal. Ich muß hier raus."
Sie schnappte sich ihren Mantel und nahm die Treppen zur unteren Etage. Fluchtartig durchquerte sie das Dojo und verließ das Haus. Einige Zeit lang rannte sie nur durch die Straßen. Ohne Ziel. Einfach nur weg, wie sie es schon lange hätte tun sollen. Diesmal dachte sie nicht über die anderen Passanten nach, die ihr verwundert hinterblickten. Sollten sie doch denken, was sie wollten. Sie rannte und rannte. Vorbei an den Boutiquen, Supermärkten und Souvenirläden. Vorbei an den Geschäftshäusern und Kneipen. Vorbei an "Joe's". Die Sonne hatte ihren höchsten Stand schon lange hinter sich, als Buffy endlich genug Selbstbeherrschung fand, um anzuhalten. Sie sah sich um. Hier war sie noch nie gewesen. Sie befand sich in einer kleinen Wohnsiedlung. Wohl einer der vielen Vororte von LA. Weiß gestrichene Häuser mit gelben Briefkästen und grün-gepflegten Rasenflächen. Und in der Mitte der Siedlung ein kleiner Friedhof. Ein wirklich sehr kleiner Friedhof. >Wahrscheinlich Familienbetrieb< dachte Buffy sarkastisch. Er war umzäunt von einem kleinen weißen Zäunchen. Keines der Gräber war frisch. Trotzdem sahen alle sehr gepflegt aus. Der Unterschied zum Sunnydale-Friedhof war offensichtlich. Niemand mit genug Grips war in Sunnydale mutig genug mehr als ein oder zweimal im Jahr auf den Friedhof zu gehen und das Grab der Verwandtschaft zu säubern. Ein Besuch am Tag der Beerdigung war ausreichend für den Rest des Lebens. Unbewusst griff Buffy in ihren Ärmel wo sie normalerweise immer einen Pflock mit sich herumtrug. Aber nicht heute. Es war nur noch für vielleicht eine halbe Stunde Tageslicht. Also ging Buffy an dem Friedhof vorbei und ging die Straße weiter runter. Nach einiger Zeit kam sie an eine Tankstelle. Sie hatte geöffnet. Ein alter Mann saß auf einem Stuhl im Schatten und war offensichtlich über einer Zeitung eingeschlafen. Langsam begann die Sonne sich hinter den weit entfernten Wolken zu verkriechen. Rot und Orangetöne tauchten den Himmel in ein wunderschönes Licht. Im Osten war der Himmel schon dunkel. Es war die Zeit, zu der man mit bloßem Auge das Untergehen der Sonne beobachten konnte. Fasziniert bestaunte Buffy die letzten Sonnenstrahlen bevor das graue Dämmern des Abends vollends einsetzte. Die Sonne war verschwunden. Unschlüssig sah sich Buffy um. Was sollte sie jetzt tun. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit machten sich Duncan und Richie Sorgen. Irgendwann musste sie aber zurück. Ihre ganze Habe lag dort. Den Weg zurück würde sie schaffen... mit einiger Mühe. Aber es würde einige Zeit dauern. Und sie wollte Joe nicht enttäuschen. Er brauchte sie in der Bar. Sie ließ ihren Blick über die Umgebung schweifen. Die Tankstelle, der alte Mann mit der Zeitung... und eine Telefonzelle. Aus der Hosentasche kramte sie etwas Kleingeld heraus und zählte. Drei Dollar und fünfzig Cent. Wer hatte behauptet, Kellnern bringe kein Geld ein? Das freundliche Licht der Telefonzelle schien ihr leuchtend entgegen. Sie ging näher. "Es könnte eines Tages ihr Leben retten!" stand auf einem Button auf der Glasscheibe. Duncan konnte sie nicht anrufen... oder wollte sie nicht anrufen. Sie wusste es nicht genau. Sie hatte aber Joe's Telefonnummer. Sie öffnete die Tür. Ein muffiger Geruch kam ihr entgegen. Auf dem Boden lagen eine zerknautschte Coladose und ein einzelner Penny. Ein Gedanke huschte durch ihr Bewusstsein, den sie so schnell er gekommen war, sofort wieder beiseite schob. >Nur zehn Ziffern< Eine Weile starrte sie auf die Tastatur bevor sie etwas Kleingeld in den Schlitz steckte. >Nur zehn Ziffern und sie würde Giles' Stimme hören. War das denn zu viel verlangt< Doch war sie schon so weit seine Stimme zu hören? Sie glaubte nicht daran. Wie viel Leid hatte er für sie aufnehmen müssen. Sie erinnerte sich an das letzte Mal, als sie ihn gesehen hatte. Aus den Augenwinkeln. Xander hatte ihn aus dem Haus geführt, als sie mit Angelus beschäftigt war. Und dann noch einmal vor der Schule am nächsten Morgen. Zwei Finger in Gips. Es hatte bestimmt weh getan. Er hatte so fertig ausgesehen. Und müde. Aber auch Xander und Willow hatten nicht sonderlich gesund ausgesehen. Die Sorgen standen ihnen ins Gesicht geschrieben. Und alles wegen ihr... Buffy Summers. Alles war ihre Schuld gewesen. Sie hätten sterben können. Buffy wusste nicht, ob sie es je hätte verkraften können, wenn einem von ihnen etwas schwerwiegenderes passiert wäre. Wenn sie doch nie in Sunnydale aufgetaucht wäre. Es war gut, dass sie gegangen war, glaubte Buffy. Doch trotzdem blieb die Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit. Natürlich waren Duncan, Richie und Joe sehr gute Freunde. Aber niemand konnte mit Xanders verrückten Sprüchen mithalten... //'Irgendetwas seltsames geht hier vor'... Ist das nicht unser Schulmotto?// // Hast du ein Psychotrauma? - Hab ich nicht! - Du hast Probleme mit den Eltern. Du hast Probleme mit den Eltern. - Xander!!! - Was denn? Freud würde genau dasselbe sagen. Er würde dabei vielleicht nur nicht tanzen.// //Cordelia Chase. Immer zur Stelle wenn die Schönen und Reichen mal Hilfe brauchen. - Was dich zu meinem Glück ja ausschließt...zweifach. - Ist Mord immer ein Verbrechen?// Oder mit Willows liebenswürdiger Naivität. Oder aber mit Giles' rührender Fürsorge. Ja sie vermisste sogar die kleinen Sticheleien, die das Leben in Cordelias Nähe immer so aufregend machten. Alles in Buffy sehnte sich nach der Vergangenheit. Nach Nächten in der Bibliothek mit Willow, Xander und Giles um sich herum. Nach Nächten auf dem Friedhof in Begleitung von dem alten Angel. Nach einer Berührung oder einem zärtlichen Wort. Nur etwas. Unbemerkt kullerte eine Träne Buffys Wange hinunter. Sie landete irgendwo in der Telefonzelle vor ihren Füßen. Das Geld im Automaten wartete auf die Eingabe einer Nummer. Buffy hob die Hand und tippte die Ziffern ein. Einige hundert Meilen entfernt klingelte ein Telefon in der Wohnung eines gewissen Bibliothekars...
Authors Notes: Dieser Part ist mehr oder weniger abgeguckt. Näheres siehe Nachwort.
"Sind Sie sicher?... Hundertprozentig?... Jaja schon gut. Ich danke Ihnen." Giles ließ den Hörer auf die Gabel gleiten. Eine weitere zerstörte Hoffnung und wieder musste er von vorne anfangen. Er starrte einige Sekunden lang in die Luft und ließ dann plötzlich mit einem lauten Krachen die geschlossen Faust auf den Schreibtisch herabsausen. Die Tasse mit dem erkalteten Tee klirrte, als sie auf den Boden fiel. "Verdammt!" stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Zitternd hob er die Hand. Der Schmerz verebbte langsam. Er hatte nicht kräftig genug zu geschlagen. "Wo bist du?" Die letzten Monate waren ein Labyrinth aus Hoffnung und Verzweiflung. Doch jedes Mal wenn er eine Spur verfolgte und sie sich als falsch herausstellte, schien ein Stück seiner verbliebenen Hoffnung zu verblassen und wurde von einer kalten Verzweiflung ersetzt, die sich immer enger um sein Herz schnürte. Immer enger bis er das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen. Kraftlos erhob sich Giles von seinem Stuhl und ging in Richtung Couch. Er ließ sich in den Sessel fallen und starrte auf das halbvolle Glas Gin Tonic auf dem Couchtisch. Er nahm es und trank einen Schluck. Er hasste Alkohol. Kurzerhand zerbrach das zweite Glas an diesem Abend durch den Zusammenprall mit einer Wand. Die Flüssigkeit rann die tapezierte Wand hinunter. >Wenn ich so weiter mache, habe ich bald kein Geschirr mehr in den Schränken<, dachte Giles grimmig. Seit Wochen, sogar Monaten hatte er nicht mehr richtig geschlafen, was sich auch in seinem Erscheinungsbild bemerkbar machte. Dunkle Ringe umrundeten seine müden Augen. Und es schien eine Ewigkeit her zu sein, dass er eine warme Mahlzeit gehabt hatte. Geisterhaft schlich er in seiner Wohnung herum auf der Suche nach Ablenkung. Die Bibliothek lag meist verlassen. Selbst jetzt. Während der Schulzeit. "Wo bist du, verdammt noch mal?" Doch keine Antwort. Es hätte ihn auch sehr gewundert wenn jemand eine gegeben hätte. Es blieb still. Er sah aus dem Fenster. Die letzten Reste Tageslicht verblassten und es begann einen neue Nacht in Sunnydale.
Es klingelte... >Vielleicht ist er ja gar nicht zu Hause< schoss es Buffy durch den Kopf. >Vielleicht ist er noch in der Bibliothek? Oder schon auf Patrouille?< Es klingelte zum zweiten Mal und Buffys Hoffnungen sanken. Die Chance stand Fifty-Fifty, obwohl Buffy nicht sicher war, was ihr lieber war. Erst jetzt kam ihr in den Sinn, dass sie überhaupt nicht wusste, was sie sagen wollte, wenn er da wäre. >>Hallo Giles! Na wie geht's denn so? Mir geht's beschissen, aber ansonsten...<< Unsinn!! Es klingelte zum sechsten Mal und sie war bereits im Begriff den Hörer wieder aufzulegen, als der Hörer auf der anderen Seite abgehoben wurde und eine lang ersehnte Stimme ihr Ohr erreichte...
Er stand noch immer am Fenster und sah auf die Strasse. Verlassen lag der Gehweg. Keiner in Sunnydale ging um diese Zeit noch auf die Straße wenn es sich vermeiden ließ. Erschrocken machte er einen kleinen Luftsprung, als das schrille Klingeln seine Aufmerksamkeit auf das Telefon lenkte. Enttäuscht starrte er auf das Telefon, das ihm in den letzten Monaten nur schlechte Nachrichten gebracht hatte.. Als wäre es ein Feind. Er fuhr sich mit den Händen durch die wirren Haare, um sie etwas zu ordnen. Tief holte er Luft. Es klingelte weiter. Es kam ihm nervtötend vor. Noch eine schlechte Nachricht konnte er heute nicht ertragen. Er spielte mit dem Gedanken, den Hörer kurz abzuheben und gleich wieder auf die Gabel knallen zu lassen. Er wollte seine Ruhe haben. Mal wieder durchschlafen, ohne von Alpträumen geplagt zu werden. Er überlegte. Doch seine Neugier gewann. Vielleicht ja doch eine Spur. Die gesamte Wächter-Vereinigung war auf der Suche nach dem verlorenen Mädchen. Vielleicht gab es dieses Mal mehr Erfolg. Nach dem sechsten Klingelton hob er endlich ab. Er hielt den Hörer an sein Ohr und holte tief Luft: "Hallo?"
Er hatte tatsächlich abgehoben und nun hörte Buffy nach langer Zeit seine Stimme wieder. "Hallo?" Seine Stimme schien von weit herzukommen. Er hörte sich müde an. Das "Hallo?" schien mehr ein Seufzen zu sein als eine Begrüßung. Alle Worte, die sich Buffy sich in den letzten Sekunden zusammengereimt hatte, waren verschwunden. Totale Leere herrschte in ihrem Kopf. So was passierte ihr normalerweise nur in Mathe-Tests. Doch diesmal ging es um Wichtiges. Sie kämpfte um ein Wort. Doch nichts kam heraus. Nicht ein einziges "Hallo" oder "Ich bin's!". Panik füllte sie. >Er wird auflegen!! Verdammt du musst was sagen!! Sonst wird er auflegen und alles ist vorbei.< Sie wusste, dass sie wahrscheinlich nie wieder die Kraft haben würde, diesen Schritt zu gehen. Das war hier ihre einzige Chance. >Vermassle sie nicht<, schrie es in ihr. "Hallo?" fragte Giles mit mehr Nachdruck Alles drehte sich und langsam gaben ihre Beine nach. Kraftlos ließ sie sich an der Scheibe des Telefonhäuschens nach unten gleiten. In der einen Hand den Hörer an das Ohr gepresst und der andere Arm umschlang ihre Beine. Ihr Gesicht war durchnässt von den Tränen. Ein Schluchzer kam über ihre Lippen und erschrocken hielt sie sich den Mund zu und riss die Augen auf. Das musste er gehört haben...
Nichts. Auf der anderen Seite der Leitung war es still. Genervt wollte er das Gespräch beenden. >Diese verdammten Kids mit ihren Telefonstreichen< Verärgert fragte er noch einmal : "Hallo?" Nichts. Still. Doch plötzlich ließ ihn etwas aufhorchen. Ein Rascheln. Ein ungleichmäßiges Rauschen. Vielleicht Wind? Angestrengt lauschte er in den Hörer. Beinahe hätte er ihn fallen gelassen als ein lautes Schluchzen seinen Herzschlag beschleunigte. Es war menschlich. Eindeutig. Das Schluchzen eines Mädchens. "Wer ist da?" Er hatte eine Vermutung, aber die letzten Monate hatten ihn misstrauisch gemacht. War sie es wirklich. Konnte das möglich sein? Aber warum antwortete sie dann nicht? "Buffy?" Es war keine richtige Frage. Mehr eine Feststellung. Er hielt die Luft an. Nur ein kleines Wörtchen. Nur eine Bestätigung, dass es ihr gut ginge. Nur ein kleines bisschen Hoffnung. Doch auf der anderen Seite war wieder Stille eingekehrt...
"Wer ist da?" fragte er. Was sollte sie nur tun? Irgendwas musste sie doch sagen. Oder? Er hatte ihr Schluchzen gehört. Er wusste, dass dort jemand war. Sie kannte Giles. So einfach würde er jetzt nicht aufgeben. Geschockt hörte sie weiter in den Hörer. "Buffy?" Eine Welle der Verzweiflung schwappte über sie hinweg. Woher hatte er das gewusst? Sie wollte auflegen. Aber sie fand nicht die Kraft. Stattdessen merkte sie, wie sich in ihr etwas schüttelte. Emotionen, Gefühle, die rausgelassen werden wollten. Sie wollte ihm alles erzählen. Sich entschuldigen und ihn um Hilfe bitten. Ihr Kopf stimmte diesem Vorschlag zu. Er war vernünftig. Und wahrscheinlich wäre jedem geholfen, wenn Buffy jetzt sagen würde. >>Es geht mir gut. Aber ich will nach Hause. Ich will mein Leben wieder haben. Nichts weiter. Es tut mir so leid, was ich getan habe. Alles war meine Schuld. Bitte! Ich will nach Hause!!<< Alles wäre so leicht gewesen, wenn sie diese Worte herausgebracht hätte. Giles hätte seine Jägerin zurück. Xander und Willow ihre Freundin. Joyce ihre einzige Tochter und Buffy ihr Leben. Aber ihr Herz sagte ihr etwas anderes: >>Alles war deine Schuld. Du bringst sie alle in Gefahr. Wenn du zurück gehst, bringst du sie vielleicht eines Tages damit um. Sie werden dich hassen.<< Sie schluchzte erneut. Und diesmal konnte sie es nicht zurückhalten. Krämpfe schüttelten sie als sie ihren Tränen freien Lauf ließ.
"Buffy, wenn du da bist, dann antworte! Bitte!!" flehte er sie an. Er war sicher, dass es Buffy war. Er konnte es spüren. Wieder Schluchzen. Sein Herz wollte ihm aus der Brust springen vor lauter Spannung. "Ich... wir ...WIR wollen doch nur wissen, ob es dir gut geht. Bitte. Ich werde dich nicht bitten, nach Hause zu kommen, ---(Beide wussten sehr wohl, dass das eine Lüge war)--- aber...Nur ein Wort! Geht es dir gut? Bitte sag doch was." In seinem Kopf schwirrte es nur so von ungestellten Fragen. Das Schlimmste in den letzten Monaten war die Unwissenheit gewesen. Nicht zu wissen, wo sie war, ob es ihr gut ging... oder ob sie überhaupt noch am Leben war. Giles hätte alles getan für Antworten. Sie war am Leben. Zumindest dessen konnte er jetzt sicher sein. Doch wenn sie tatsächlich weggelaufen war... was war der Grund? Was war passiert, das Buffy dazu veranlasst hatte, einfach wegzurennen. Sie war stark. Doch irgendetwas war stärker. Warum erzählte sie es nicht? Sie hatte ihm doch sonst immer alles anvertraut? Wieder ein Schluchzer. Und noch einer. Er konnte Buffy weinen hören. Sie atmete laut und Krämpfe schienen sie zu schütteln. Warum antwortete sie nicht? Grausame Vorstellungen huschten durch Giles Vorstellung. Vielleicht war sie verletzt. Was war wenn er ihr gerade beim Sterben zuhörte? Was sonst konnte der Grund sein, dass sie nicht antwortete? Es war zum Verzweifeln. Giles wünschte sich in dem Moment nichts sehnlicher, als sie in den Arm zu nehmen, sie festzuhalten und zu trösten, bis sie sich beruhigt hatte. Doch sie war so weit weg. Er wusste nicht wo, aber weit weg. "Buffy! Bitte!" Seine Stimme zitterte. Eine unbeachtete Träne fiel auf den Schreibtisch, als Giles die nächsten Worte formulierte. "Ich brauche dich! Hörst du? Wir brauchen dich! Sag doch was!" Doch es war zu spät. Er hatte verloren. Sie würde auflegen. Er wusste es einfach. Er hatte sie schon wieder verloren.
Alles tat weh von den Krämpfen. Sie hielt den Hörer, als würde sie ihn jeden Moment zerbrechen wollen. Es war soweit. Auflegen war die einzige Möglichkeit, beide von den Qualen zu erlösen. Sie schniefte und holte tief Luft. Was sie jetzt sagen wollte, sollten nicht einfach nur ein paar Worte sein. "Es tut mir leid", hauchte sie kaum hörbar in den Hörer. Jede einzelne vergossene Träne war darin zu hören. Angst, Verzweiflung, Scham, Reue, Wut und Hoffnung. Und Buffy war sich noch nicht einmal sicher, wofür sie sich entschuldigte. War es dafür, dass sie weggelaufen war? Oder für die Angst, die sie allen verursacht hatte? Oder für den Anruf? Sie wusste es beim besten Willen nicht. Vermutlich war es für alles. Sie legte auf...
"Es tut mir leid." Die Worte waren kaum mehr als ein Flüstern für Giles, doch er hörte sie. Soviel hörte er aus diesen vier Wörtchen heraus. Nicht einmal alle Wörter die Shakespeare je geschrieben hatte, konnten aussagen, was die vier Wörtchen bedeuteten. Er wollte sie anschreien. Sie schütteln, bis sie wieder bei Sinnen war. Er wollte sie halten. Alles auf einmal. Doch das Schicksal wollte es anders. Das nächste, was er hörte, war der piepende Freiton der Leitung. Ungläubig starrte er auf den Hörer. Sie hatte tatsächlich aufgelegt. Es war vorbei. Wut übermannte ihn. Er riss das Telefon an sich und warf es quer durch das Zimmer und riss dabei das Kabel aus der Steckdose. "NEEEEEEEEEIIIIN!!!" schrie das Telefon an. Er machte ein paar Schritte rückwärts und stieß an die Couch. Entkräftet ließ er sich fallen und starrte auf das tote Telefon. Er schüttelte den Kopf, so als könnte er noch gar nicht richtig fassen, was er gerade erlebt hatte. Es war still in seiner Wohnung. Er barg sein Gesicht in den Händen und weinte.
Ihre Beine waren eingeschlafen. Buffy brauchte ein paar Schritte, bis sie nicht mehr wankte. Joe, Duncan, Richie und der Nachtclub waren vergessen. Sie brauchte jetzt Zeit. Während sie den Gehweg entlang schlich, blieb ihr Blick auf den Beton gerichtet, sodass sie nicht den Mann bemerkte, der hinter einer Ecke hervortrat und ihr hinterher sah. Er folgte ihr nicht. Nachdem sie außer Sichtweite war, setzte er sich in Bewegung Richtung Telefonzelle. Er tippte auf eine Taste und lauschte in den Hörer. "Die Nummer die sie gewählt haben ist zur Zeit leider nicht erreichbar... Die Nummer die sie gewählt haben ist zur Zeit leider nicht erreichbar..." tönte es. Er kramte in einer Tasche und kritzelte etwas auf ein Stück Papier. Anschließend ging er zurück zu seinem Wagen und ließ den Motor an. Er fuhr in die Richtung, in die Buffy verschwunden war.
"Giles!!... Giles sind Sie da?" tönte Willows Stimme von der Eingangstür. Keine Antwort. Langsam drehte sie den Knauf und öffnete die Tür. "Hey G- Man!!!" rief Xander. Sie sahen sich in dem Wohnzimmer um. "Er ist tatsächlich nicht da. Sonst wäre er mir schon längst an die Gurgel gegangen", bemerkte Xander. "Xander sieh dir das an!!!" Erschrocken schnappte Willow nach Luft, als sie mit dem Finger auf das zerbrochene Glas zeigte, das noch immer auf dem Fußboden lag. "Und da!!! Das Telefon!!!" Sie begann zu hyperventilieren. "Beruhige dich. Vielleicht musste er nur mal Dampf ablassen, Willow." "Und zerschellt zwei Gläser und sein Telefon? Xander hier muß was passiert sein. Giles würde niemals ohne Grund so etwas tun. Vielleicht wurde er..." "Was würde ich niemals tun?" hörte sie eine Stimme hinter sich. Giles stand im Türrahmen zur Küche und sah die beiden groß an. "Giles!" rief sie. "Sie sind ja doch da!!! Ich... ich meine... Gottseidank!" Xander fasste ihr vorsichtig an die Schulter und wandte sich entschuldigend an Giles. "Sie hat gerade die zwanzigste Wiederholung von "Angriff der Marsmännchen" gesehen, müssen Sie wissen." Verständnislos sah Giles ihn an. "Oh Gott Giles! Wir wollten sie anrufen, aber das Telefon war tot. Wir haben uns Sorgen gemacht! Was ist denn passiert?" "I-I-I-Ich... habe einen Anruf bekommen." "Wen? Das Finanzamt?" Er warf Xander einen bösen Blick zu. "Nein, nicht im Geringsten das Finanzamt." Er drehte sich um und ging zurück in die Küche. Der Wasserkocher pfiff. "Möchtet ihr Tee?" Xander und Willow schüttelten den Kopf. Besorgt beobachtet Willow, wie Giles mit zitternden Händen das heiße Wasser in eine Tasse füllte. "Was denn für ein Anruf?" Ihre Augen wurden groß, als sie schnell hinzufügte: "Ging es um Buffy?" >Was nun? Was soll ich darauf antworten?< Er schwieg und überlegte, was er tun sollte. "Nein, nur ein alter Bekannter. Ein Freund von mir. Er arbeitet auch für die Wächter-Vereinigung. Sie haben ganz Boston abgesucht. Keine Spur von Buffy." Er traute sich nicht, den beiden in die Augen zu sehen. Hinterrücks belog er sie. Für ihr eigenes Wohl. Vermutlich würden sie ihm niemals verzeihen, wenn sie es jemals herausfinden sollten. Aber im Augenblick war Unwissenheit besser, als das hundertprozentige Wissen, dass Buffy alleine war. Und alleine nicht im Sinne von alleine. Sie war einsam und verlassen. Hatte sie einen Platz zum schlafen, da, wo sie sich gerade befand? Hatte sie jemanden, der sie festhielt, sie in die Arme nahm und ihr sagte: Alles wird wieder gut? Ohne dieses Wissen war es recht einfach, sich etwas vorzumachen, wie Xander und Willow es taten. Ebenso Oz und Cordelia. Er wechselte das Thema. "Warum wolltet ihr mich denn anrufen, wenn ich fragen darf?" Verständnislos sahen sie ihn an. "Ihr wisst schon. Der Anruf. Die Leitung war tot, ihr habt euch Sorgen gemacht und seid hergekommen. Alles ist in Ordnung. Also was wollt ihr?" "Äh... ja also. Wir also... na ja..."stotterte Xander. Willow stieß ihn mit dem Arm in die Rippen und sagte aufgeregt. "Wir haben uns nur Sorgen gemacht, weiter nichts. Ist das verboten?" Skeptisch sah Giles die beiden an. "Also gut, was ist passiert?" "Nichts!!!" "Gar nichts!" "Noch weniger als gar nichts." "Wir sind nur durch Zufall hier. Und wir wollten auch gleich wieder gehen. Nicht wahr Xander?" Sie sah Xander vielsagend an und nickte eifrig. "Genau! Sie haben's gehört. Bis dann!" Sie drehten sich um und wollten gehen. "Halt! Stehen bleiben!" ertönte Giles Stimme. Wie angewurzelt blieben die beiden stehen. "Was geht hier vor?" "Es wird Ihnen nicht gefallen, Giles." Bemerkte Xander und zog eine Grimasse. Sie drehten sich wieder um und sahen Giles an. "Ääähmm.... Willow sag du's ihm." Nervös starrte er auf den Boden. Sie warf ihm einen bösen Blick zu sah zurück zu Giles. "Spike ist wieder da", brachte Willow es endlich über die Lippen. "Wir konnten ihm gerade entkommen", warf Xander ein. "Naja eigentlich kein richtiges "Wir- konnten- ihm- entkommen- Treffen". Wohl eher ein "Er- hat- uns- nicht- gesehen- Treffen"." "Wo... wo habt ihr ihn denn gesehen." "Ja, das ist diese Sache, die Ihnen wohl am wenigsten gefallen wird." "Was denn? Noch weniger?" Willow holte Luft. "Ich wollte in den Laden - sie wissen schon - den Zauberladen. Ich brauchte einige Kräuter für eine Sauce Hollandaise..." "Eine Zaubersuppe?" fragte Xander neugierig. "Nein!" fauchte Willow. "Für unser Abendessen." Ungeduldig spielte Giles mit der Teetasse, die er noch immer in den Händen hielt. "Willow!" "Ja?" "Spike." "Ach ja. Auf jeden Fall wollte ich gerade eintreten, als ich sah, wie er mit dem Verkäufer sprach. Richtig sprach, ohne ihn zu beißen. Und da habe ich mich schnell hinter einer Mülltonne versteckt", sie rümpfte angewidert die Nase, "und habe ihn dann nur noch weggehen sehen. Ich habe den Verkäufer gefragt, was er wollte und er erzählte mir, Spike hätte einige Taubenfedern, Bumarsand und eine Flasche Weihwasser gekauft." "Sind das nicht die Zutaten für ...?" "Ja genau das sind sie !" unterbrach Willow. "Das ist gar nicht gut. Wer weiß, was er damit vorhat?" "Ja, das meine ich auch. Das klingt gar nicht gut." "Nun haltet mal die Luft an!" erwiderte Xander und machte eine Auszeit-Geste. "Darf man erfahren, wovon ihr redet? Ich will nämlich auch wissen, wovor ich wegrennen muß." "Die Zutaten, die sich Spike beschafft hat, sind zu vielem nützlich. Aber am meisten werden sie angewendet um alte Liebe wieder aufflammen zu lassen", erklärte Willow. "Hat er sich mit Drusilla verkracht? Oooohhhhh!" "Das ist gut möglich", erwiderte Giles. "Soweit wir wissen hat Buffy mit Spike gemeinsame Sache gemacht, um Angel aus dem Weg zu schaffen. Das hat Drusilla bestimmt nicht gefallen. Das wäre doch ein guter Grund, jemanden zu verlassen, oder nicht?" "Ja genau. Demzufolge ist Drusilla durchgedreht... noch mehr durchgedreht ... und hat ihren Lover sitzen lassen. Wow!" ergänzte Xander begeistert. Ganz und gar nicht begeistert starrten ihn Giles und Willow an. "Hey ich bin doch nur froh, dass ich nicht der Einzige mit Beziehungsstress bin." "Du kannst keinen Beziehungsstress haben. Du hattest doch noch nie eine Beziehung." "Natürlich! Mit Cordelia!" verteidigte sich Xander gegen Willows Behauptung. "Das zählte nicht. Das ist nur eine Laune der Natur." Böse sah er sie an. Willow ignorierte ihn und wandte sich stattdessen wieder zu Giles. "Was machen wir denn jetzt, Giles?" Nervös fuhr dieser sich erneut durch die wirren Haare. >Zuerst dieser Anruf und jetzt das. Das wird eine anstrengende Woche<, fürchtete Giles. "Ich schlage vor, dass ich heute patrouillieren gehe. Mit eine wenig Glück, treffe ich auf Spike." Auch ihm war noch im selben Moment klar, wie absurd diese Aussage war. "Ach und was wollen Sie ihm sagen? 'Entschuldigen Sie, ich möchte Sie darauf hinweisen, dass schwarze Magie eine gefährliche Sache ist. Wir können das ja bei einer Tasse Tee ausdiskutieren'", zog Xander ihn auf. "Giles, glauben Sie wirklich, dass das eine so gute Idee ist? Ich meine, obwohl ich es ungern zugebe, aber diesmal hat Xander den Nagel auf den Kopf getroffen." Xander warf ihr einen bösen Blick zu. "Alleine gegen Spike anzutreten ist reiner Selbstmord." "Verdammt!!!" platzte es aus Giles hervor. Erschrocken sahen Xander und Willow ihn an. Giles' Ausbruch war nur eine knappe Sekunde lang. "Es tut mir leid!" entschuldigte er sich bei seinen beiden Schützlingen. "Es war... es war eine harte Woche. Und ich weiß einfach nicht mehr, was ich tun soll. Irgendwie müssen wir an Spike herankommen. Erstens müssen wir verhindern, dass er irgendwelchen Unfug anrichtet, und zweitens weiß er vielleicht etwas über Buffy's Verbleib." "Wir kommen mit!" bestätigte Willow. "Was?" rief Xander. "Auf keinen Fall!" konterte Giles. "Ihr werdet euch da raushalten. Es ist zu gefährlich. Und außerdem..." hilflos sah er sich in der Hoffnung um, einen weiteren Grund zu finden. "Schluss. Punkt. Aus. Es ist zu gefährlich. Ihr kommt nicht mit. Und das ist mein letztes Wort!"
Eine halbe Stunde später standen die drei auf dem Friedhof komplett ausgerüstet mit Pflöcken und Weihwasser. "Tolle Idee, Willow. Wenn du das nächste Mal Entscheidungen für mich triffst, sag mir vorher Bescheid. Ich habe noch kein Testament verfasst." Böse sah Xander sie an. Sie wollten zuerst eine kleine Runde auf dem Friedhof machen, bevor sie Spike in den verlassen Warenhäusern und Villen suchten. Nachdem sie etwa eine halbe Stunde auf dem Friedhof verbracht hatten, ohne auch nur die leiseste Andeutung auf einen Vampir gefunden zu haben, machten sie sich auf den Weg zu der zerfallenen Villa, die Spike, Angelus und Drusilla als Unterschlupf gedient hatte, bevor sie verschwanden. Schon im Tageslicht hatte das Haus eine bedrohliche Ausstrahlung. Doch in der Dunkelheit sah es aus wie der Eingang zur Hölle. Die bröckelnden Fassaden waren grau wie das Gesicht einer Leiche. Die Fenster waren große, dunkle Augen, hinter denen man nichts weiter sah, als das ausladende Schwarz des Nichts. Wie ein wartender Dämon stand das Haus auf dem verlassenen Hügel. Der Garten war verfallen. Im Tageslicht konnte man wilden Efeu erkennen, der sich um das gesamte Haus geschlungen hatte. Doch jetzt in der Dunkelheit sahen die Ranken aus wie Schlangen, die wie giftige Wächter die Wände des Gemäuers entlang huschten. Das Rascheln der Blätter klang wie das Zischeln ihrer gespaltenen Zungen. Zweifelnd standen die drei "Eindringlinge" am gusseisernen Eingangstor, durch das ein gewundener Kieselweg zur Eingangstür führte. "Können wir nicht morgen wiederkommen... Mit der Nationalgarde zur Unterstützung?" fragte Xander mit zitternder Stimme. Neben ihm schluckte Willow einen dicken Kloß in ihrem Hals hinunter. "Ich bin ganz Xanders Meinung." Selbst Giles spielte mit dem Gedanken einfach umzudrehen und im schützenden Tageslicht wiederzukommen. Aber es gab kein zurück mehr. "Ich verstehe euch sehr gut. Aber wir haben keine andere Wahl. Ich würde es verstehen, wenn ihr jetzt geht. Es wäre mir sogar lieber euch außer Gefahr zu wissen. Jedoch werde ich auf jeden Fall hineingehen. Wir wissen nicht, ob und wie lange Spike noch in der Stadt bleibt. Vermutlich ist er schon längst wieder verschwunden." Xander und Willow sahen sich an. Sie wussten, dass sie Giles auf keinen Fall alleine gehen lassen konnten. Würde ihm etwas zustoßen, würden sie sich das nie verzeihen. Und Buffy würde sie wahrscheinlich eigenhändig erwürgen - vorausgesetzt sie würde irgendwann zurückkommen. Also folgten sie Giles, der ihnen bereits einige Meter voraus war. An der großen hölzernen Tür angekommen hielten sie kurz an und lauschten in die Stille. "Habe ich schon erwähnt, wie sehr ich diese Stadt verabscheue?" flüsterte Xander. "Heute noch nicht", antwortete Willow ebenso leise. Das knarrende Geräusch der sich öffnenden Tür erschien in der Stille laut wie das Knattern eines Maschinengewehres. Der Versuch, das Haus so leise wie möglich zu betreten, war gescheitert. Die drei hielten die Luft an. Willow glaubte, das Echo ihres wild pochenden Herzens in dem großen Saal zu hören. Jedoch war es nicht das Pochen ihres Herzens, das sie hörte, sondern Schritte. Schwere Boots auf Parkett. "Oh- oh!" war alles was Xander zwischen zusammengepressten Zähnen hervorbrachte. Es war zu dunkel, als dass man irgendwelche Details erkennen konnte. Nur ein schwacher Lichtstrahl vom am Himmel stehenden Mond bildete eine kleine Pfütze aus kaltem Licht in der Mitte des Saales. Lautstark schloß sich hinter ihnen die Tür. Sie wirbelten um ihre eigene Achse und erkannten Spike, der plötzlich wie aus dem Nicht erschienen war und sich zwischen sie und ihren Fluchtweg gestellt hatte. Ihre hoch erhobenen Kruzifixe lockten ein tiefes Grollen aus der Kehle des Vampirs. Das wenige indirekte Licht ließ seine Vampirfratze noch unheimlicher erscheinen, als sie in Wirklichkeit war. Langsam machte er einen Schritt auf sie zu, worauf die drei zwei Schritte zurückwichen. Hastig kramte Giles aus seiner Jackentasche einen Pflock hervor. Willow und Xander taten es ihm gleich. "Ich war auf Gäste nicht eingestellt, aber ich schätze, wir werden das Beste daraus machen. Nicht wahr Freunde?" begann Spike mit einem bedrohlichen Unterton. Er holte imaginäre Luft und begann Giles und die beiden Slayerettes zu umkreisen. "Ich hätte ja nicht gedacht, dass es so einfach sein würde. Ich meine, ich hatte mir schon die schönsten und brutalsten Pläne ausgedacht, dich zu kidnappen, kleine Hexe. Aber dass du freiwillig herkommst, hätte ich dir wirklich nicht zugetraut." "W- w- was?" stotterte Willow. Giles und Xander sahen sie groß an. "Es ist doch nur gerecht, oder? Ich meine, eurer kleinen ach-so-gar-nicht-mehr-mächtigen Jägerin ist es immerhin zu verdanken, dass der ganze Schlammassel passiert ist. Und wenn sie es nicht kann, müsst ihr es eben ausbaden." "Huh?" verdutzt sahen sich die drei an. Ihre Blicke sagten ganz eindeutig, dass sie keine Ahnung hatten, wovon Spike sprach. "Ach kommt schon. Ihr wisst doch, was ich meine. Wieso musste diese kleine Schlampe auch mit einem Vampir vögeln. Das konnte doch nicht gut gehen. Gerade sie als Jägerin sollte es eigentlich besser wissen. Naja, und plötzlich - potzblitz - taucht doch dieser verdammte Angelus wieder auf und drängt sich zwischen mich und meine Dru." Für eine Millisekunde nahm sein Gesichtsausdruck einen traurigen Touch an, was man selbst in dem wenigen Licht erkennen konnte "Was willst du?" brachte Willow ängstlich hervor. "Deine Hilfe." Und noch mal: "Huh???"
"Okay, der Deal ist geritzt", schloss Spike. Verwirrt hatten die Slayerettes und der Wächter die letzten Minuten damit verbracht, die Absurdität dieser Situation zu verstehen. Spike hatte doch tatsächlich darum gebeten, dass Willow ihm bei einem Ritual behilflich sein sollte, damit er seine Dru wieder in seine Fänge schließen konnte. Natürlich benutzte er nicht die gleiche gewählte Ausdrucksweise. Als Gegenleistung hatte er versprochen, ihnen etwas über Buffys Aufenthaltsort zu verraten. Zögernd folgten sie ihm in eines der hinteren Zimmer, in denen Spike bereits alles für das Ritual vorbereitet hatte. Auf dem Boden war ein Pentagramm aufgezeichnet. In jeder Ecke eine Kerze. Innerhalb des Pentagramms stand eine Schüssel, gefüllt mit dem Burmarsand, vermutete Willow. Ebenfalls daneben lag eine von Drus alten Porzellanpuppen. Sie hatte keine Augen mehr und auch die Haare waren nicht mehr das, was sie mal gewesen waren. "Fang an!" forderte Spike. "Das geht aber nicht so schnell. Ich weiß auch nicht, ob ich es überhaupt kann." "Das wäre sehr ungesund für euch." Ungesu... ? Oh! Ich verstehe." Willow fühlte, wie ihre Hände klamm wurden. Langsam bewegte sie sich auf das Pentagramm zu und ließ sich in der Mitte nieder. Dunkel erinnerte sie sich an die Beschwörungen, die für einen Liebeszauber nötig waren. Noch nie hatte sie einen Liebeszauber ausgesprochen, geschweige denn von seinem Gelingen. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie nie einen gebraucht hatte. Sie war glücklich mit Oz... der zur Zeit in der Bibliothek in einem Käfig eingeschlossen war und den Mond anheulte. In der Ecke des Raumes standen Giles und Xander. Die beiden beteten wahrscheinlich zu Gott, dass Willow bei weißer Magie ein genauso gutes Gedächtnis hatte wie im Geschichtsunterricht. Sie holte tief Luft und schloss die Augen. Eine Weile saß sie einfach nur so da und schien alles um sich herum vergessen zu haben. Wie in Trance schaukelte ihr Oberkörper vor und zurück. Ein dünner Schweißfilm bedeckte ihre Stirn. Plötzlich begann sie leise Wörter vor sich hin zu murmeln. Giles und Xander konnten nicht verstehen, was sie sagte, also blieben sie ruhig und lauschten angestrengt auf Willows Worte. Spike hingegen lief schon die ganze Zeit umher wie ein Tiger in einem Käfig. Er lief ein paar Meter, blieb stehen und lief wieder zurück. Dabei rieb er sich in freudiger Erregung die Hände. Willows Stimme wurde lauter. Erst jetzt konnte man die Worte als Lateinisch identifizieren. Aufregung schwang in ihrer Stimme mit, als sie zum x-ten Male dieselbe Beschwörungsformel wiederholte. Und jedes Mal war die Anspannung und der drängende Tonfall besser heraus zu hören. Nach einiger Zeit - es war am Anfang schwer, es zu erkennen - begann ein seltsames Licht Willows Körper zu umhüllen. Es schien aus dem Fußboden zu strömen und sah aus wie Millionen süßer Blüten eines Apfelbaumes. Leuchtend erhellte es den Raum und breitete sich aus. Mit fassungslosem Staunen sahen sich Giles und Xander das Schauspiel an. Es war unglaublich schön. Darüber hinaus schienen sie die starke Strömung, welche von dem Strudel ausging, gar nicht zu bemerken. Es durchfuhr den gesamten Raum und hinterließ außer einem überwältigenden Duft nach Rosenblüten nur die durcheinander geratenen Haare der Anwesenden. Mit einem letzten Aufleuchten erlosch das Licht und die "Blüten" fielen zu Boden. Doch als alles vorbei war, war der Fußboden so sauber, als wäre gerade gefegt wurden. Zitternd hielt Willow noch immer Drus alte Porzellanpuppe in der Hand. Sie öffnete die Augen und sah sich um, als ob sie nicht wüsste wo sie sich befand. "Willow?! Bist du in Ordnung?" kam Giles auf sie zu. Xander kam ebenfalls näher und hielt ihr die Hand hin, um ihr beim Aufstehen behilflich zu sein. Willow sah die beiden mit ihren großen braunen Augen verwirrt an. "WOW! War ich das etwa?" fragte sie. "Und nun?" platzte es aus Spike heraus. "Nichts ist passiert. Du musst was falsch gemacht haben", fauchte Spike sie an. "Eingeschüchtert sah Willow ihn an. "Ich ich..." "Hör mal", rettete Xander sie aus der Situation, "Sie ist eine Hexe und kein Transporter. Du musst Dru schon etwas Zeit lassen, um her zu kommen." Spike sah sie böse an und grollte zwischen verschlossenen Zähnen. Jetzt da sie ihren Sold bezahlt hatten, trat Giles vor und sah Spike ernst an. "Wir haben ... das heißt, Willow hat getan, was du wolltest. Jetzt bist du dran, uns zu erzählen, wo Buffy ist." "Also ich weiß nicht so recht. Woher soll ich wissen, ob ihr mir nicht vielleicht mit dem lateinischen Gesülze einen Chaosdämon auf den Hals gehetzt habt. Uuuuuhhh!!!" Er schüttelte sich. "Die sind echt unangenehm." "Wir können dir versichern, dass das nicht der Fall ist. Außerdem bezweifle ich stark, ob Willow die Beschwörungsformeln für die Auferstehung eines solch ... unerfreulichen ... Dämonen kennt." Willow zuckte zusammen und quälte sich ein Lächeln durch die zusammengebissenen Zähne hervor. "Ähm also eigentlich..." begann sie. Doch der erschreckte Gesichtsausdruck von Giles ließ sie stutzen. "Genau. Sie haben vollkommen recht. So ein Chaosdämon ist furchtbar nervig und unerfreulich. Er macht soviel Unordnung und lässt in ganzen Wohnblöcken die Elektrizität zusammenbrechen. Das ist doch sehr unerfreulich. Genau!" Unschuldig sah sie ihn an und richtete ihren Blick dann auf den Boden. Verwirrt wandte sich Giles wieder an Spike. "Nun? Was ist mit der Abmachung?" "Ich muss euch warnen, es wird euch nicht gefallen." Er rollte mit den Augen. "Ach was interessiert es mich. Ihr wolltet es ja wissen." Er rieb sich die Hände und setzte ein ekelhaft freundliches Grinsen auf. Ehrlich gesagt wusste er gar nicht , wo die Jägerin war. Aber er glaubte etwas anderes. Das letzte Mal als er die Jägerin gesehen hatte, stand Angelus mit einem hoch erhobenen Schwert über ihr. Sie war tot, so glaubte er. Durchbohrt von Angelus' Schwert "Eure Buffy, eure ach so tolle Jägerin ist..." er kicherte und ließ dann mit einem befreiendem Seufzer das nächste Wort über seine Zunge rollen. "...toooot. T-O-T um es euch verständlich zu machen." Er drehte sich um und war kurz darauf verschwunden.
Es war dunkel. Die Laternen malten gelbe Ringe aus Licht auf den grauen Asphalt. Lustlos kickte Buffy einen kleinen Kieselstein von sich, der vor ihr auf dem Weg lag. Der Anruf war ein Fehler gewesen. Ganz tief im Inneren wusste und befürchtete sie es. In Gedanken versunken hörte sie nicht das dunkle Auto, welches schon seit einigen Minuten auf der Straße hinter ihr herfuhr. Die Reifen machten knirschende Geräusche auf dem rauen Boden. Eine Coladose lag im Rinnstein, die laut knisternd zusammengepresst wurde, als das Auto hinüberfuhr. Erschrocken sprang Buffy herum und erkannte überraschenderweise Joe, der hinter dem Lenkrad saß. Er sah sie an. "Wir haben uns Sorgen gemacht. Es ist nicht gut, wenn du alleine in dieser Stadt herumirrst. Erst recht in der Dunkelheit." Er zwinkerte freundlich. Wenn er lächelte, so hatte Buffy immer das Gefühl, sah Joe noch trauriger aus, als wenn er keine Miene verzog. Es lag in seinen Augen. Oder vielleicht in der Art wie er seine Stirn verzog. Buffy wusste es nicht. Sie sah zurück. "Ich..." Sie wollte sagen, dass sie Zeit brauchte. "Ich habe mich verlaufen." Sie quetschte ein kleines Lächeln hervor und stieg *dankbar* in den schwarzen Wagen ein. "Duncan und Richie sind ganz krank vor Sorge." Er wandte den Blick von der Straße und sah zu Buffy. "Ich weiß, dass du höchst wahrscheinlich nicht mit mir darüber reden willst, aber... mit wem wolltest du telefonieren?" Wütend starrte Buffy ihn an. "Sie haben mir nachspioniert???" "Nein, nein. Ganz und gar nicht. Ich dachte nur, dass du vielleicht noch etwas Zeit brauchst um nachzudenken. Deswegen in ich hinter dir her gefahren. So als eine Art Bodyguard. Du verstehst?" "Ja sicher." Sie lehnte sich zurück in den Sitz. "Es war ein alter Freund. Ich wollte nur wissen, ob es ihm gut geht." "Ach so." Er verstummte und blieb auch stumm, bis sie die Bar erreichten. Der Oldtimer von Duncan stand auf dem Parkplatz. Buffy hatte Angst davor, ihm noch einmal über den Weg zu laufen. Es kostete sie eine enorme Überwindung, die Tür zu öffnen und die Kneipe zu betreten. Eine kurze Welle der Übelkeit schwappte ihr entgegen, als sie Duncans und Richies Präsenz spürte. Beide kamen angelaufen und hätten sie beinahe umarmt, wenn Buffy sie nicht furchtbar böse angesehen hätte. "Oh Mann, Buffy. Da hast du uns ja einen riesigen Schrecken versetzt. Wir dachten schon, du wärst von Vampiren gefressen oder so." Ein harter Schlag traf ihn auf der Schulter. "Auuu!! Verdammt, Duncan. Womit habe ich das schon wieder verdient?" "Der war für deine dumme Bemerkung." Eine weiterer Schlag, nur nicht so kräftig, traf seinen Arm. "Und der war für die dumme Frage." Mit viel Standhaftigkeit war es Buffy gelungen, still zu stehen und sich nicht zu äußern. Sie fühlte, wie sich eine Hand auf ihre Schulter legte und sie leicht drückte. "Wir wissen, wer du bist... Buffy Summers, Vampirjägerin." Wie unter einem leichten elektrischen Schlag zuckte Buffy zusammen. Sie wollte es nicht hören. Egal von wem es kam. "Ich will nicht darüber reden. Und es tut mir leid dass ich Schwierigkeiten gemacht habe. Es ist nur..." Sie schluckte hart und versuchte krampfhaft, keinem in die Augen zu sehen. "Es ist schon in Ordnung, Buffy. Du musst nicht darüber reden wenn du nicht willst. Aber auch wir haben dir etwas zu sagen." Er machte eine Geste in Richtung der Tische und folgte Buffy anschließend um sich zu setzen. Es würde eine lange Nacht werden. Joe stand hinter der Theke und goss ihnen allen einen Kaffee ein. "Es ist nicht leicht das zu erzählen. Aber durch den Umstand, dass du ganz offensichtlich schon eine ganze Menge erlebt hast, ist es womöglich leichter für dich es zu verstehen", begann Duncan. Unsicher sah Buffy von Joe, über Richie zu Duncan. Sie hatten ernste Mienen aufgesetzt - außer Richie, der sich wahrscheinlich noch über die Vorstellung lustig machte, dass Vampire tatsächlich existierten. Aber ihm würde das Lachen schon noch vergehen.
Es ist nicht leicht eine Geschichte von 400 Jahren in 2 Stunden zu erzählen. Aber Duncan gelang es mit Bravour. Er begann mit: Es war einmal... und endete mit: und nun sitze ich hier mit der Jägerin. Fasziniert hörte sich Buffy seine Geschichte an, ohne ihn zu unterbrechen. Stille herrschte, als Duncan sein letztes Wort gesprochen hatte. Die Worte verklangen in Buffys Ohren und sie versuchte das Gehörte einzuordnen. Sie hatte tatsächlich schon eine Menge gesehen und erlebt. Ihr Freund war ein Vampir gewesen, Willow eine Hexe, Oz ein Werwolf und Xander... na ja eben Xander. Aber Unsterblichkeit. Reine Unsterblichkeit, ohne ein Vampir zu sein, war etwas, was überhaupt nicht in Buffys Weltbild passte. Es war jenseits von Gut und Böse. Jenseits von Recht und Unrecht. Es war wie eine kleine Kategorie für sich. Ohne einen speziellen Rahmen. Konnte man diese Menschen bestrafen für ihre Taten? Immerhin schlugen sie sich gegenseitig die Köpfe ab. Und sie nannten es ein Spiel. "Und Kehlaar ist..." "Genau! ...Einer von uns." "Und die Schwerter? Ihr habt sie wirklich immer bei euch? Ist das nicht ziemlich umständlich?" "Wenn man mit der Angst lebt, man könne jederzeit geköpft werden, ist es leicht, selbst im heißesten Sommer ein Mantel zu tragen."
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