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Rawiya - die Geheimnisvolle
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Rawiya - Die Geheimnisvolle

Teil 1
© by Kathrin (Little Shakespeare) ()

 

Disclaimer: Alle Rechte wie immer und ohne Frage Joss Whedon, Mutant Enemy, Sandollar Productions, Kuzui Enterprises, 20th Century Fox Television und dem WB Television Network.
Danksagung:.. an mein fleißiges Beta-Lesebienchen Tatjana und ihre Standhaftigkeit, das Ende der Story aus Neugier nicht schon vorab gelesen zu haben ;o)))
Feedback: Immer sehr gerne gelesen :o) schmorkopf@web.de
Kommentar: Bei der Story handelt es sich um die >Jahre später< - Anschlussstory meiner Giles-Story "One Night Stand". Um die Hinweise auf die Geschehnisse in Giles' Vergangenheit zu verstehen, ist es ratsam diese Geschichte vorab zu lesen. Und falls sich jemand fragt, wer Lina ist: Es handelt sich um eine Halbdämonin aus der Angel-Folge 1.20 "War Zone - Der Bandenkrieg". Wer die Folge kennt, wird nach dem Lesen der Story schon wissen, welche "Dame" damit gemeint ist ;o)))
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der Buffy/Angel -Sektion

 
Los Angeles

 

Obwohl es ein Arbeitstag wie jeder andere war, verließ Lina an diesem Tag Madam Dorions Villa früher als sonst. Sie fühlte sich nicht gut, ein unangenehmes Übel, dem selbst weibliche Halbdämonen wie sie alle vier Wochen nicht entfliehen konnten. Normalerweise zwar kein wirklicher Grund, um überhaupt nicht zu arbeiten, aber letztendlich besser für die Kundschaft, wie das nervöse Kribbeln in ihrem Schwanz deutlich bewies. An diesen Tagen war sie einfach zu unruhig, um richtig auf Männer einzugehen. Mit ihrer noch leidenschaftlicheren Art als sonst verschreckte sie die Kunden meist eher, als dass die Herren der Schöpfung wirkliche Lust und Freude verspüren konnten. Madam Dorion - oder auch 'Mom', wie sie alle Mädchen liebvoll nannten - kannte die einzelnen Probleme ihrer Schützlinge sehr genau und akzeptierte daher auch meist jede Bitte. Ebenso wie die von Lina, an diesem Abend nach Hause gehen zu dürfen. Außerdem war es neben den kleinen, körperlichen Unannehmlichkeiten für die junge Halbdämonien ohnehin ein ausgesprochen eigenartiger Tag gewesen. Normalerweise war sie gewohnt, dass Männer, die zu ihr kamen, eindeutige Wünsche und Vorstellungen hatten. Dass sie alle das Eine wollten und bekamen, aber dieses Mal war es anders gewesen. Sie hatte gewusst, dass ihr David Nabbit, einer ihrer glühendsten Verehrer, jemanden vorbeischicken wollte. Einen jungen Mann mit einem Geschenk, den sie für seine Dienste belohnen sollte. Ungeduldig hatte sie den ganzen Nachmittag auf diesen Mann gewartet, bis er dann kam und zu ihrem Erstaunen gar nichts von der kleinen Abmachung zwischen David und ihr zu wissen schien. Oh, und er war so ganz anders, als die Männer, denen sie bisher begegnet war. Schüchtern, verlegen und höflich. Eine Mischung, die neu und einzigartig für sie war.

Wie den meisten ihrer Kunden hatte sie ihm höflich einen Drink angeboten und sich zu ihm gesetzt. Doch selbst das schien ihm schon leicht peinlich zu sein, denn kaum dass sie ihm auch nur Hallo sagte, beteuerte er in einem fort, nur das Geschenk von David bringen zu wollen. Daraufhin hatte sie herzlich gelacht und ihm spontan einen Kuss gegeben. Solche Männer waren wirklich selten und es gefiel ihr, ihn in Verlegenheit zu bringen. Sie brauchte zwar eine ganze Weile, ehe er endlich auftaute und ein wenig von sich erzählte, aber immerhin erfuhr sie, dass er Engländer und früher ein sogenannter Wächter gewesen war. Neugierig hatte sie versucht, ihn weiter auszuhorchen, aber zu ihrem Bedauern war er nach einem erschrockenen Blick auf die Uhr mit einem verlegenen Verabschiedungslächeln aufgesprungen und einfach verschwunden. Einfach so, ohne überhaupt zu wissen, was ihm entging.

Seit dieser für sie ungewöhnlichen Begegnung waren ein paar Stunden vergangen. Jetzt saß die Halbdämonin allein in ihrem kleinen Apartment inmitten von Bel Air und lauschte dem Ticken der großen Wanduhr. Vor sich auf dem Tisch ein Stapel Briefe, mehrfach gelesen und abgegriffen. Lächelnd nahm sie erneut einen von ihnen zur Hand und las die Zeilen.

Mein lieber Schatz,

Du weißt, wie sehr ich Dich vermisse und wünschte, wie so oft in all den Jahren, bei Dir sein zu können, aber es geht leider einfach nicht. Mein Verschwinden würde man nicht dulden oder besser gesagt: einige Männer würden es nicht zulassen, jetzt noch weniger als damals. Aber ich bin froh, dass Du wenigstens nicht hier unter all dem aufgewachsen bist. Ach, wenn wir nicht zusammen sein können, weiß ich wenigstens, dass Du frei von all dem bist.

In Deinem letzten Brief fragtest Du, wie es denn meinem Kurator geht. Ich musste lachen, als ich diese Frage las. Wie oft habe ich Dir gesagt, dass er nicht >mein< ist, sondern einfach ein guter Freund. Aber ja, ja, ich weiß, Du hast Dir immer mehr für mich gewünscht und ich gestehe, ich mir auch, aber Du weißt ja...

Leider stehen wir seit einer ganzen Weile kaum noch in Kontakt. Er ist nicht mehr hier in England, man hat ihn zu dem berufen, was er im Grunde schon immer gewesen ist, auch wenn er es die ersten Jahre nicht wahrhaben wollte. Ja, entschuldige, ich weiß, ich gerate wieder ins Grübeln an die alten Zeiten, aber Du willst sicherlich viel lieber wissen wie es der alten Rawiya im Augenblick so geht. Nicht wahr?....

Schmunzelnd legte Lina den Brief vor sich auf den Tisch. Er war einer der letzten ihrer Mutter und sie wünschte, endlich das Geld und den Mut aufzubringen, sie nach all den Jahren in London besuchen zu können. Auch wenn das Geld selbst weniger das Problem war, so doch eher die Angst als Halbdämon eine solch weite Reise anzutreten. Außerdem wußte sie genau, dass ihre Mutter es nicht gutheißen würde, aus welchem Grund auch immer. Sie würde es nie erlauben. Aber vielleicht gab es doch eine Möglichkeit. Eine spontane Idee, die ihr an diesem Nachmittag nach dem Besuch dieses jungen Engländers kam. Er war ebenfalls einmal einer von denen gewesen, die ihre Mutter abgrundtief verabscheute, aber auch gleichzeitig einen von ihnen so sehr liebte. Lina wußte, wohin der Mann, den ihre Mutter einfach nicht vergessen konnte, gegangen war. In einem der späteren Briefe stand es geschrieben, zwar nicht ganz genau, aber doch für Leute aus ihren Kreisen eindeutig genug. Während Lina sich im Gedanken schon eine plausible Erklärung für ein paar Tage Urlaub gegenüber Madam Dorion überlegte, wurde plötzlich die Tür ihrer kleinen Appartementwohnung mit kräftigen Tritten gewaltsam aufgebrochen. Erschrocken blickte die junge Halbdämonin in die Gesichter von drei schwarzgekleideten, maskierten Männern.

 

Ein angenehmer Luftzug huschte durch die bewegten Vorhänge und brachte etwas Kühle in den Raum. Ärgerlich schüttelte Cordelia ihren am Schreibtisch festgeklebten Arm und fluchte vor sich hin: "Verdammt, warum muss es heute nur so heiß sein!? Ausgerechnet jetzt, wo diese dämliche Aircondition den Geist aufgibt und wir kein Geld für eine neue haben." Gleichzeitig bearbeitete sie aufgebracht die Tastatur ihrer Computers und warf Wesley einen missmutigen Blick zu. "Sag mal, warum ist der Scheck von David eigentlich noch nicht eingegangen? Unser Computerfreak Nabbit ist doch sonst immer flüssig und man kann sich sicher sein, dass Geld bei ihm nicht wie Seifenblasen zerplatzt. Warst du nicht sogar bei der Bank damit?"

Dem Redeschwall von Cordelia nicht allzu aufmerksam gelauscht habend, blickte Wesley mehr höflichkeitshalber mit einem "Hm?" von seiner Zeitung hoch. Die Worte >heiß< und >Aircondition< hatte er aufgrund seines eigenen unangenehm verschwitzt am Körper klebenden Hemdes noch richtig registriert, aber bei den Worten >Scheck< und >David< hatte er wohlweislich nicht mehr zugehört. Das war ein Thema, auf das er im Augenblick nicht zu sprechen kommen wollte und daher lieber schwieg.

"Hallo, Cordelia an Wesley... Hat der Herr Schweiß im Ohr oder warum bekomme ich keine Antwort? SCHECK lautete das Zauberwort meiner Frage! Einreichen... Bank... Piepen auf dem Konto... Kriegst du das trotz drohendem Hitzekoller noch irgendwie in deinen grauen Zellen zusammen?"

Genervt schlug Wesley die Zeitung zusammen und ließ sich stöhnend an die Lehne seines Stuhles fallen. "Ja, in Herr Gottes Namen, Cordelia, ich weiß, wovon du redest, aber tut mir leid... Ich habe keine Ahnung."

"Hm, wie jetzt?", formulierte Cordelia den Anfang ihrer Frage doch etwas unglücklich. "Was weißt du, beziehungsweise was weißt du nicht?"

"Ich meine damit... Also, was ich damit meine, ist...", verlegen suchte Wesley nach den richtigen Worten und zerpflückte dabei sichtlich durcheinander den Rand seiner Zeitung.

"Was?", fauchte ihn Cordelia eindringlich an.

"Nun ja... i-ich hab's vergessen... I-ich hab' ihn vergessen....", gestand Wes etwas kleinlaut.

Cordelias "WAS?" wurde schriller und bedrohlich für Wesley. "Was heißt vergessen? Vergessen abzugeben oder vergessen abzuholen?"

"V-vergessen a-abzugeben...", bekam Wesley nur mit einem verlegenen Blick zu Boden hervor. Das Ganze war ihm mehr als peinlich und im Stillen hatte er gehofft, es noch regeln zu können, ehe Cordelia dahinter kam, aber seit diesem verflixten Onlinebanking war sie ständig auf dem Laufenden was die finanzielle Seite von Angel Investigation betraf.

Die Fragen "Wieso? Und was nun?" trafen ihn natürlich gleich als nächste Breitseite hart ausgerichtet von Cordelia. "Was hast du dann bitte schön vorgestern den ganzen Tag gemacht, außer David ein bisschen die Zeit vertrieben und gleichzeitig einen Scheck von ihm in Empfang zu nehmen?"

Nun, das war es, was Wesley Cordelia nicht unbedingt auf die Nase binden wollte. Er ahnte genau, wie sie darauf reagieren würde, unabhängig davon, dass es ihn selbst etwas durcheinander gebracht hatte. Wahrscheinlich war es keine gute Idee gewesen, David diesen Gefallen zu tun, und nur weil er so lange darum gebeten hatte und es mehr oder weniger direkt auf Wesleys Rückweg lag. Jetzt hatte er die Bescherung und alles nur, weil er so fasziniert gewesen war und sich einen Moment gehen ließ.

"Hör zu, Cordy i-ich... Nun, David bat mich, für ihn unterwegs etwas abzugeben und... Na ja, und das habe ich getan, dabei ist mir dummerweise der Scheck abhanden gekommen, a-aber ich kümmere mich darum."

Ärgerlich sprang Cordelia auf und baute sich neben Wesleys Stuhl auf. "Ach, nichts ist mit Cordy... Spar dir deinen Dackelblick! Wir stehen finanziell auf dem Schlauch. Du machst für unsere kleine Melkkuh kostenlose Botengänge und verschluderst auch noch unseren Scheck. Verdammt noch mal, wo warst du?"

Das war nun aber selbst für Wesley zu viel des Guten und er stellte sich ebenfalls ärgerlich neben Cordelia. "Ich habe gesagt, ich kümmere mich darum. Du und Angel, ihr bekommt den Scheck, keine Sorge. A-aber wo ich w-war, d-das geht dich verflucht noch mal gar nichts an!"

Gerade als Cordelia Luft zu einem erneuten Seitenhieb ausholen wollte, erklang Angels ruhige Stimme durch das Büro: "Was ist denn hier los?"

Schmollend lehnte Cordelia sich an ihren Schreibtisch und wies mit dem Finger auf Wesley. "Der sonst so korrekte Brite da hat unseren tollen, lebenswichtigen Scheck von Nabbit platzen lassen."

Fragend hob Angel eine Augenbraue in Wesleys Richtung und bekam ein entschuldigendes, reumütiges Schulterzucken von ihm zurück.

"Unverantwortlich!", fauchte Cordelia weiter. "Und er will noch nicht mal sagen, wieso. Beziehungsweise wo er sich mit UNSEREM Scheck herumgetrieben hat."

"I-Ich habe mich nicht herumgetrieben. Ich habe David nur einen Gefallen getan und dabei...", weiter kam Wesley mit seinem mühevollen Erklärungsversuch nicht, denn hinter ihm wurde die Tür aufgestoßen und eine ältere, gutaussehende brünette Frau trat herein.

"Guten Tag ich suche... Ja, ich suche Sie, Angel", wandte sie sich sogleich an den Vampir, der sie mit einem knappen "Hallo" begrüßte.

Dienstbeflissen setzte Cordelia wie auf Kommando sofort ihr strahlendes >AH- ein- Potentieller -Kunde< Willkommen-Lächeln auf und setzte sich mit einem "Kaffee?"-Frageblick in Bewegung.

Dann drehte sich auch Wesley um und erstarrte beinahe, als er die Frau vor sich erkannte. Im Gegensatz zu den anderen bekam er weder ein Hallo noch ein Begrüßungsnicken zustande. Er schluckte nur und senkte den Blick. Erst als die Frau ihn mit einem "Ach, Hallo...Sie arbeiten hier?" begrüßte, reichte er ihr höflich die Hand.

Verwundert registrierte Angel den Blickkontakt der beiden. "Ihr kennt euch?"

Bevor Wesley antworten konnte, nahm ihm die Frau dies mehr oder weniger zu seiner Erleichterung ab, wobei ihm im Nachhinein eine zuvorkommende Antwort weitaus lieber gewesen wäre.

"Nun sagen wir, kennen ist übertrieben, wir sind uns schon einmal begegnet", meinte sie lächelnd.

Bevor an dieser Stelle noch irgendetwas missverstanden wurde oder generell schief lief, versuchte Wesley schnell mit einem verständigen Blick zu Angel zu erklären. So wie es immerhin aussah, wußte Angel sehr genau, wen er hier vor sich hatte und stellte sich insgeheim sicherlich schon Fragen, was er mit dieser Frau zu schaffen hatte. Aber zu seinem Glück nickte der Vampir ihm, ohne weiter darauf einzugehen, kaum wahrnehmbar zu und wandte sich gleich darauf an die Frau: "Was führt Sie denn zu uns?"

Aufmerksam ließ Madam Dorion ihren Blick durch das Büro schweifen, von Angel zu Wesley und weiter zur Kaffee kochenden Cordelia. Anerkennend nickte sie Angel zu. "Beeindruckend...wirklich. Mir sind schon jede Menge Dämonen begegnet, aber doch noch keiner mit soviel menschlichem Sinn für das Geschäftliche." Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie Stolz in Angels sonst eher verschlossen wirkendem Gesicht entdeckte. "Nun gut, aber deswegen bin ich nicht hier. Es geht darum... Lina ist verschwunden", brachte sie dann schneller und mit einem leicht aufgeregten Ton in der Stimme das Thema zurück auf den Punkt. Tief durchatmend schaute die Frau kurz zu Angel und dann weiter zu Wesley. "Sie waren gestern einer der letzten, der sie gesehen hat. Haben Sie zufälligerweise eine Ahnung? Hat sie irgendetwas gesagt?"

Erschrocken so direkt angesprochen und danach gefragt zu werden, zuckte Wesley zusammen. Lina... Lina? Sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Das war doch die Kleine, der er das Geschenk von Nabbit bringen sollte, die ihn dann einfach nicht hatte gehen lassen und mit der er sich so herrlich über die Gott und Welt unterhielt. Die ihn mehr durcheinander brachte, als er sich seitdem selber eingestand. Langsam und vorsichtig sortierte Wes die Worte für eine nicht allzu verfängliche Antwort auf der Zunge, als Cordelia aufgebracht neben ihm auftauchte. "Sag bloß, du hast dich in diesem Etablissement herum getrieben, anstatt den Scheck auf die Bank zu bringen? Bist du denn von allen guten Geistern verlassen oder hast du es dermaßen nötig, dass du dich auf Nabbits Kosten amüsieren gehst?"

Erstaunt über Cordelias Heftigkeit, versuchte Angel mit einem "Hey... hey, immer mit der Ruhe" schnell einzugreifen, bevor es womöglich zum Streit kam, aber dafür war es in dem Moment schon zu spät.

"Hört zu, ich habe gesagt, dass mit dem Scheck tut mir leid und ich werde es wieder in Ordnung bringen, aber verdammt noch mal..." Wesley funkelte Cordelia böse an und in seiner Stimme lag ein bedrohlicher Ton. "....das gibt dir noch lange nicht das Recht, mich für was zu verurteilen, wovon du überhaupt keine Ahnung hast! Verstanden?"

Getroffen von Wesleys eisigen Blicken und seinem nicht zu übersehenden Unmut, versuchte Cordelia die Situation mit einem verzeihenden Grinsen zu überspielen. "Uhm ja... wissen Sie...", wandte sie sich rasch an Madam Dorion. "Unserer junger Mitarbeiter ist durch die Wärme heute leicht reizbar. Sie verzeih..." Weiter kam sie nicht, da die Frau ihr einfach ins Wort fiel und Wesley dabei ein beruhigendes Lächeln schenkte.

"Sie müssen sich vor niemanden rechtfertigen, junger Mann. Sie und ich, wir beide wissen das. Nicht wahr? Mir ist auch völlig egal, wieso und warum sie zu Lina kamen. Ich mache mir nur große Sorgen um das Mädchen und möchte Sie...", dabei schaute sie wieder zu Angel. "...bitten, sie zu finden."

Dankbar erwiderte Wesley das Lächeln der Frau und sah stumm zu, wie Angel Cordelia ein Zeichen gab. Dienstbeflissen erschien sie auch sogleich an seiner Seite und hielt Notizblock und Stift in der Hand.

"Wir werden sie ganz bestimmt finden, Madam", nickte Angel der Frau beruhigend zu.

 

Seit diesem Gespräch waren mittlerweile einige Stunden vergangen und Wesley hatte sich mit Cordelia auf den Weg zu Linas Wohnung gemacht. Obwohl Wes am liebsten alleine oder wenigstens mit Angel dorthin gefahren wäre, kam er nicht umhin die quengelnde Cordelia mitzunehmen. Die Aussicht eine Wohnung in Bel Air, dem besagten Nobelviertel von L.A., besichtigen zu können, hatte sie jegliche angefallene Arbeit vergessen lassen. Plötzlich war auch die Sache mit dem Scheck nebensächlich und sie war so freundlich wie immer zu Wes. Ein paar kleine Seitenhiebe konnte sie sich zwar nach wie vor nicht verkneifen, aber wenigstens akzeptierte sie Wesleys Versprechen den Scheck wieder zu besorgen. Laut Aussage von Madame Dorion war Lina nicht wie gewohnt zur Arbeit erschienen und der Hausvermieter in Bel Air hatte ihr mitgeteilt, dass man gewaltsam in ihre Wohnung eingedrungen war und alles verwüstet hatte. Genauso war es auch: als Wesley und Cordelia in der kleinen Zwei-Raumwohnung ankamen, fanden sie ein heilloses Chaos vor. Geschirr lag zerbrochen am Boden, Kissen waren bis auf die Federn aufgerissen, Schubladen mit Wäsche ausgekippt und diverses Papier und Zeitungen überall im Raum verteilt. Wer auch immer hier eingedrungen war, musste auf der Suche nach etwas Bestimmten gewesen sein.

Vorsichtig stieg Cordelia über einen Berg Scherben, während ihr Blick als erstes auf einige kleine, interessante und alles andere als billige Dessous-Teile fiel. "Wow... das Mädel hat Geschmack, da kann man nicht meckern."

Verlegen räusperte sich Wesley, als er zwischen Cordelias Fingern einen roten Hauch von Tanga baumeln sah. Schnell wandte er sich um und entdeckte ein zerbrochenes Fenster, welches über einen kleinen Balkon weiter zu einer Feuerleiter führte. Neugierig blickte er hinaus. "Hm, also wenn Wer-auch-immer hier eingedrungen ist, dann offensichtlich durch die Tür, denn das Fenster sieht eher nach einem Fluchtweg aus."

"Du meinst...", und damit erschien auch Cordelias Kopf neugierig neben Wesley. "Sie könnte über die Feuerleiter entkommen sein?"

"Vielleicht...", dabei sah sich Wesley erneut im Raum um und entdeckte neben sich den zerbrochenen, blutbeschmierten Schirm einer Stehlampe. Daneben lagen zerknüllte Briefe. Die meisten von ihnen kaum noch lesbar, zerrissen und als achtlose Fetzen hingeworfen. Neugierig griff er nach ein paar Schnipseln und begann zu lesen.

....Du fragst mich immer wieder, warum ich nicht will, dass Du zu mir nach London kommst. Bitte glaub mir doch, es ist nur zu Deiner eigenen Sicherheit. Es gibt Leute, denen ich Deine Existenz verschwiegen habe und die alles andere als begeistert wären, davon zu erfahren. Bei Deiner Geburt schon habe ich geschworen, dass es niemand erfahren darf, niemand außer einem einzigen Menschen, dem Menschen, dem ich mehr vertraue als meinem eigenen Leben...

London - Dämonen - Huren - Sicherheit - Vertrauen, alles schwergewichtige Worte, die sich unweigerlich in Wesleys Kopf festsetzten, aber trotz allem keinen rechten Sinn ergeben wollten.

Wer aus London sollte Interesse an einer jungen Halbdämonin haben, die in den Staaten aufgewachsen war und seither nie wieder das Land verlassen hatte?

 

 
Sunnydale

 

Skeptisch ließ Giles den Blick durch die besetzten Tischreihen des Espresso Pump wandern. So gut besucht wie an diesem Abend war es lange nicht mehr gewesen und insgeheim fragte er sich, ob es eine gute Idee war, Willow und Tara von seinem erneuten Auftritt hier zu erzählen. Vor allem nach Xanders Auftauchen mitsamt Anya und ganz besonders nach Buffys und Rileys Erscheinen verfluchte er seine eigene Redseligkeit. Die Gang hatte zwar mittlerweile mitbekommen, dass er hier ab und zu sang, ebenso wie sie es auch schon einmal miterlebt hatten, aber bisher waren sie noch nie alle geschlossen zu einem seiner sogenannten Gigs gekommen. Giles kam es fast so vor, als sei es für die Scoobys an diesem Abend ausgerechnet in diesem Cafe weitaus gemütlicher und aufregender als im Bronze oder auf sonst einer Studentenparty. Aber wie auch immer, zu seinem Erstaunen fand sogar Buffy zwischen dem Jagen, Riley, dem College und ihrer Mom Zeit, hier zu erscheinen. Nicht dass Giles sich nicht darüber freute, aber das Erscheinen der sechs löste in ihm mehr Lampenfieber aus als das restliche Publikum an sich. Insgeheim kam es ihm fast so vor, als wollten sie sich mit ihrem Hiersein indirekt für die wenige miteinander verbrachte Zeit in den letzten Monaten entschuldigen. Giles konnte nicht sagen, dass er sich nicht geschmeichelt fühlte, von den jungen Leuten dahingehend beachtet zu werden, aber trotzdem konnte er sich einer leichten Beklemmung nicht erwehren. Immerhin war das Singen, auch wenn er es hier und jetzt vor Publikum tat, etwas sehr persönliches für ihn, etwas, was er aus tiefster Seele heraus gerne tat und das eine Seite seines Ichs darstellte, welche er den jungen Leuten bisher noch nie sonderlich gezeigt oder erklärt hatte. Eine Seite, die sie ihm gegenüber wahrscheinlich eher mit einem amüsierten Lächeln auf seine angebliche Midlife-Crisis abtun würden, als einem wirklich verständigen Lächeln, was zeigte, dass sie ihn verstanden. Aber egal, da musste er nun durch und nach einem kurzen Räuspern und tiefen Luftholen, stimmte er einen seiner Lieblingssong von "The Who" an und ließ sich von dem begeisterten Mitgehen des Publikums anstecken. Mit einem Leuchten in den Augen registrierte er, dass sich sogar Buffy leicht im Takt bewegte und während des Refrains die Lippen bewegte. Mehr amüsant als interessant fand Giles dagegen Riley, der seine Arme um Buffys Taille geschlungen hatte und wie ein taktloser Tanzbär völlig aus dem Rhythmus mit den Hüften wackelte. Beinahe schon ein wenig abgelenkt von der Anwesenheit der Scoobys konzentrierte Giles sich wieder auf die Saiten der Gitarre sowie die Tonlage seiner Stimme und ließ den Blick ziellos durch das Publikum wandern. Einige Leute kannte er schon vom sehen, eine seitlich von ihm allein sitzende attraktive Frau nickte ihm höflich zu, eine andere, ziemlich in seiner Nähe, schenkte ihm ein übertrieben breites, verführerisches Lächeln und andere Gäste summten einfach begeistert mit.

Dem doch schon beinahe aufdringlichen Blick der Frau in der ersten Reihe ausweichend, verfing sich Giles' Aufmerksamkeit an einem kleinen, abseits gelegenen Tisch. Ganz weit an die Wand gerückt, im Schatten einer Nische saß eine Person, die ihn aufmerksam beobachtete, fast schon fixierte, wie es Giles schien. Obwohl er versuchte, mehr zu erkennen, war es doch auf die Entfernung unmöglich. Das Einzige, was ihm besonders auffiel, war eine bis in den Nacken hochgeschlagene dunkle Lederjacke und ein fast bis in die Stirn gezogenes Basecap. Obwohl Giles das darunter verborgene Gesicht nicht sehen konnte, glaubte er, die Person zu kennen, zumindest erinnerte sie ihn an jemanden. Nur an wen, war die Frage. Kaum dass Giles die letzten Töne des Liedes ausklingen ließ und die Gitarre neben sich stellen wollte, um an den Tisch in der Ecke zu gehen, stellte sich ihm die korpulente Frau aus der ersten Tischreihe in den Weg. "Das ist einer meiner Lieblingssongs... hach... Sie waren wieder einfach fabelhaft!"

Ihre Worte und den Beifall des Publikums bekam er nur am Rande mit. Mit einem entschuldigenden Lächeln ließ er die Frau einfach stehen, nickte kurz den Leuten zu und lief zu dem Tisch, den er jedoch nur noch verlassen, mit einem halbvollen Wasserglas vorfand. Irritiert schaute Giles in die Runde, aber nirgends war die gesuchte Person mit der Lederjacke und dem Basecap zu entdecken. Erst Buffys Stimme neben sich riss ihn aus den Gedanken. "Hey Giles... alles in Ordnung? Sie sehen aus wie ein Rockstar auf der Flucht vor seinen Fans."

"Ja... vor allem vor seinen weiblichen Fans", und mit einer vielsagenden Geste wies der ebenfalls aufgetauchte Xander auf eine sich gewaltsam durch die Tischreihen drängende Dame.

"W-wie... w-was?" Giles verstand nicht. Kopfschüttelnd zog er die Augenbrauen in die Höhe und sah zu Buffy. "Ach... i-ich... n-nun ich dachte, g-glaubte, jemand bekanntes... uhm... gesehen zu haben, a-ber war wohl doch nicht so." Dann erst begriff er, was Xander meinte, und reagierte heftig mit einem nicht sonderlich begeisterten "OH", als er besagte Dame auf sich zusteuern sah. Die beleibte Frau hatte mehr als offensichtlich schon seit seinem ersten Auftritt im Espresso Pump ein Auge auf ihn geworfen und wurde nun immer aufdringlicher. Warum konnte sich an ihrer Stelle nicht viel lieber die hübsche alleinsitzende Brünette für ihn interessieren? Der kurze, aber intensive Blickkontakt hatte ihm in Erinnerung gerufen, wieviel Spaß Flirten bereiten konnte, zumindest bis die Gang auftauchte und ihn ziemlich jäh aus diesem Genuss riss. Doch der Abend war noch jung und man konnte nicht wissen, was die Nacht noch bringen würde. Die geheimnisvolle Fremde mit dem Basecap war wahrscheinlich nur ein Hirngespinst des vor dem Auftritt genossenen Whiskeys und die jungen Leute würden mit Sicherheit nicht die ganze Zeit hier herum hängen wollen, was somit und sofern sich eine Gelegenheit für ihn und die hübsche Brünette ergab ...., weiter schaffte es Giles' Gedanke nicht, da ihm plötzlich der muffige Atem der mittlerweile zu ihm vorgedrungenen Dame entgegen schlug. Selbst Buffy und Xander machten automatisch einen Schritt zurück, als die Frau den Mund öffnete und Giles ein dahinschmelzendes "Hach... ich liebe ihre Stimme einfach. Sie müssen mir unbedingt etwas von sich erzählen" entgegenhauchte. Sichtlich wenig begeistert zogen sich Giles' Augenbrauen zu einem Ach-muss-ich-das-Gesicht zusammen, als Xander ihm plötzlich breit grinsend auf die Schulter klopfte. "Ja G-Man das sollten Sie wirklich tun. Man darf doch seine Fans nicht enttäuschen...", und sich gleichzeitig mit einem "Nicht wahr?" Unterstützung suchend an Buffy wandte. Buffy traute sich gar nicht Giles anzuschauen, denn sie erahnte auch ohne dem seinen bösen Blick, aber trotzdem konnte sie sich ein feixen nicht verkneifen. "Na ja...also...", begann sie zu kichern und sah dann zu Giles auf. "Ich würde sagen, wir wünschen Ihnen dann jetzt einfach noch einen schönen Abend", und mit diesen Worten zog sie Xander am Arm mit sich fort. Gerne hätte Buffy Giles zwar noch gesagt, dass sie ihn wirklich gut fand und selbst sie erstaunt über seine Stimme war, aber in Anbetracht der eingetretenen Situation hob sie sich das lieber für später auf. Eine passende Gelegenheit würde sich dafür schon noch ergeben.

Danke... wirklich nett und sehr hilfreich! Ärgerlich blicke Giles den beiden nach und wäre ihnen am liebsten gefolgt, um ihnen das auch zu sagen, aber ein plötzlicher Schrei der Frau hinter sich zwang Giles, sich ihr wieder zuzuwenden. Erstaunt blickte er in das entrüstete Gesicht der beleibten Frau und entdeckte dann erst die hübsche Brünette daneben. Sie hielt ein leeres Rotweinglas in ihrer Hand und lächelte die Frau entschuldigend an. Giles wollte gerade höflich fragen, was denn passiert sei, als die korpulente Frau wütend an ihrer nassen Bluse herunter blickte und sich mit einem "Blöde Kuh... konnten Sie nicht aufpassen!?" aufgebracht durch die Tischreihen davon schob. Irgendwie verstand Giles nun gar nichts mehr.

Amüsiert über Giles' sichtlich verwirrten Gesichtsaudruck hob die Brünette ihr leeres Glas in die Höhe. "Nun, ich dachte mir, dass Sie eventuell Hilfe gebrauchen könnten, daher ist mir rein zufällig das Glas...." Sie zuckte gespielt verlegen mit den Schultern und schmunzelte geheimnisvoll. "Nun, Sie wissen schon.... Tja, und jetzt habe ich aber leider nichts mehr zu trinken."

Oh... Zunächst etwas irritiert, grinste Giles jedoch sogleich zurück und auch wenn er manchmal ein bisschen schwer von Begriff war, so schnallte er in diesem Moment doch relativ schnell, dass die Frau ihm in diesem Moment nicht gerade nur das Leben rettete, sondern wohl eher den ganzen Abend. Na wenn das nicht mal eine willkommene Abwechslung zu den sonstigen Ereignissen am Höllenschlund war?

Höflich wies Giles ihr mit einer Geste den Weg zur Bar. "Uhm...n-nun....dann w-wollen wir das aber s-schnell wieder gutmachen, Miss...?"

Während die Frau Giles' Einladung mit einem geheimnisvollen Lächeln annahm und er ihr mit gemischten Gefühlen folgte, entdeckte Willow das zur Bar steuernde Pärchen. Aufgeregt zupfte sie an Taras Ärmel und wies mit dem Kopf in Giles' Richtung.

Bevor Tara reagieren konnte, platzte Anya schon gerade heraus. "Hey, unser arbeitsloser Wächter scheint auf den Singsang-Abschlepptrip gekommen zu sein. Jetzt wird mir auch einiges klar, warum er neuerdings hier herumlungert."

Empört über Anyas Mutmaßung schüttelte Willow sogleich energisch den Kopf. "N-nein... so was traue ich... also... s-so was macht Giles nicht. D-dafür ist er viel zu anständig und britisch korrekt erzogen. Er ist nur hier, weil ihm das Singen Spaß macht...hmhm...", dabei nickte Willow streng mit dem Kopf. "Davon bin ich fest überzeugt."

"Wovon bist du überzeugt, Will?", wollte Buffy wissen, als sie mit Xander im Schlepptau bei den restlichen Scoobys auftauchte.

Wieder mischte sich Anya einfach ein. Das Thema machte ihr ungeheueren Spaß, denn erstens ging es um Sex und zweitens konnte sie über Giles lästern. "Unsere kleine Hexe kann sich nicht vorstellen, dass unser Saubermann Giles zu einem One Night Stand fähig wäre und die bei ihm sitzende Tante nie und nimmer abschleppt."

Anyas Ausdrucksweise war zwar manchmal schwierig nachzuvollziehen, aber Xander begriff gleich, was seine Freundin meinte und bestätigte ihre Aussage mit einem breiten, wissenden Grinsen. Gleichzeitig ruderte Xander etwas unkoordiniert mit den Armen, blickte zu der Frau neben Giles an der Bar und murmelte nachdenklich mehr zu sich als zu anderen. "Hm... hm... mir ist aber so, als hätte ich die Lady schon mal irgendwo gesehen. Hm... nur wo? Mist, Mist...das will mir einfach nicht einfallen?" Gleich darauf traf ihn jedoch ein derber Schlag von Anya in die Seite und mit grimmigem Blick fuhr sie ihn an: "Das ist doch auch völlig Wurst, wo du sie gesehen hast. Außerdem sollst du nicht nach anderen Frauen gucken, nach älteren, attraktiven gleich gar nicht. Verstanden!" Erschrocken nickte Xander ihr schnell zu und behielt jeglichen weiteren Kommentar für sich.

Nun, Buffy fand Anyas Vermutung, dass Giles nur hier sang, um anschließend auf ein Abenteuer aus zu sein, weniger witzig. Nein, Willow hatte recht, auch sie konnte sich nicht vorstellen, dass Giles so etwas tun würde. Dafür war er eindeutig zu korrekt, auch wenn es in den letzten Monaten zwar weniger den Anschein hatte, so war er trotzdem nicht der Mann der einfach so nur zum Spaß, ohne wirkliche Gefühle mit einer fremden Frau.... Nie und nimmer, das konnte Buffy sich beim besten Willen nicht vorstellen und daher schüttelte sie auch widersprechend den Kopf. "Anya, ich glaube, da liegst du völlig falsch. Giles mag sich momentan zwar auf seine Art austoben, aber... Nein, nicht so... nicht mit einer Wildfremden..." Insgeheim kam Buffy zwar nicht umhin gleichzeitig an den Ausrutscher mit ihrer Mutter und an diese Olivia zu denken, aber immerhin kannte er die zwei und daher war es eine ganze andere Situation.

"Was würde Giles niemals tun?" Fragend schaute Riley mit etwas zu Trinken in der Hand in die kleine Runde. Ihm fehlte ein Stück des Gespräches und er begriff den Zusammenhang nicht ganz. Hilfsbereit, seinem irritierten Dackelblick erlegen, half ihm Willow auf die Sprünge. "A-ach wir rätseln gerade, ob Giles zu einem sogenannten O-one Night s-stand fähig wäre oder nicht. Ich bin fest überzeugt: nein, außer man gaukelt ihm so etwas wie Verständnis und Zuneigung vor, wie dieser miese Parker Buf..." Erschrocken über die eigenen ausgesprochen Gedanken schluckte Willow den Rest des Satzes schnell hinunter. >Oh Willow, Willow, dein loses Mundwerk bringt dich mal noch um Kopf und Kragen<, schoss es ihr durch den Kopf und verlegen sah sie zu Boden. Auch ohne hochzublicken, konnte sie Buffys vernichtenden Blick auf sich spüren. Sie hörte Riley neben sich heftig schlucken und Anyas sinnlosen, aber doch irgendwie rettenden Kommentar. "Himmel, was glaubt ihr denn? Der Ex-Wächter ist schließlich auch nur ein Mann..." bevor sie doch einen heimlichen Blick wagte.

Buffys Mine war ausdruckslos und doch trafen sie Willows unbedachten Worte ungewollt hart. Liebe und Geborgenheit ließ sich nicht einfach in einer Nacht finden, auch wenn man es sich noch so sehr wünschte. Dazu gehörte weitaus mehr, das hatte sie selbst am eigenen Leib erfahren müssen.

 

Als Giles am Morgen aufwachte, brauchte er eine Weile, um sich zu sortieren. Die Nacht war für die letzte Zeit außergewöhnlich lang und vor allem ungewöhnlich intensiv gewesen. Trotz des pelzigen Geschmackes von dem eindeutig falschen und zu ausgiebigen Gemisch aus Whiskey und Rotwein auf der Zunge, schlich sich ein zufriedenes Lächeln auf sein Gesicht. Morgendliche Nachwehen konnte man nach solch einer Nacht schon einmal in Kauf nehmen, schließlich passierten einem in seinem Alter nette Bekanntschaften hier am Höllenschlund nicht alle Tage.

Noch etwas müde und mit leichten Gliederschmerzen lief Giles, nur mit einem übergeworfenem Hemd und einer Hose bekleidet, barfuss durch das Wohnzimmer, als es laut an die Tür wummerte. Das Pochen hallte unsanft in seinem Kopf und missmutig öffnete er mit einem Brummen die Tür. Das helle Tageslicht stach ihm unangenehm in den Augen, förderte die Kopfschmerzen und erinnerte Giles schmerzlich daran, dass sein Körper soviel Alkohol einfach nicht mehr vertrug. Automatisch zog er den Kopf in den Schatten zurück und fragte erstaunt. "Xander? Uhm, du... um diese Zeit? Was ist?"

Aufmerksam musterte Xander den unrasierten, müde wirkenden Ex-Wächter. "Wow... scheint ja eine lange Nacht gewesen zu sein?", dabei schob er einfach die Tür auf und trat ein. "Hey...was? Schon vergessen? Schwere Kiste... Möbelpacker... Xander, großer, kräftiger Kerl... der erst einmal ein anständiges Frühstück braucht...", und schon wollte er in der Küche verschwinden, woran Giles ihn jedoch hinderte.

"Halt! Stop...s-sagten wir w-wirklich heute morgen?" Nachdenklich kratzte Giles sich an der Stirn und rieb sich gleichzeitig den dröhnenden Schädel. Lustlos stieß er mit dem Bein die Tür zu und steuerte auf die Treppe zu seinem Schlafzimmer zu. "Ach was soll's...n-nun bist du einmal da...." Mittlerweile war ihm wieder eingefallen, dass er Xander gebeten hatte, ihm beim tragen zu helfen, nur dass es ihm jetzt alles andere als passte. Daher wollte Giles den Jungen auch so schnell wie möglich wieder los werden. Frühstück samt Smalltalk mussten ausfallen.

Enttäuscht bei Giles noch nicht einmal etwas zum Frühstück zu bekommen, folgte Xander ihm die Etage höher. "Giles, Sie sind aber schuld, wenn ich vor Hunger unter der Last des Tragens zusammenbreche. Wenigstens einen kleinen, einen winzigen Blick in ihren Kühlschrank hätten Sie mir erlauben können."

Genervt warf Giles ihm einen missmutigen Blick zu und wies auf eine in der Ecke stehende, mit Beschlägen verzierte Truhe.

"Was... das Ding?" stieß Xander hervor und schüttelte den Kopf. "Puh... ich hoffe die ist leer, sonst schleppen wir uns ja einen Ast. Sagen Sie mal, warum haben Sie eigentlich nicht Buffys Army-Heuboy dafür engagiert? Der Junge ist doch zehnmal stärker als meine Wenigkeit."

Stöhnend fuhr sich Giles durch die Haare. Konnte Xander nicht einmal, nur ein einziges Mal die Klappe halten und einfach das tun was man ihm sagte? "W-weil, deine reizende Freundin Anya darauf bestanden hat, falls du dich schwach erinnerst", betonte Giles mit Nachdruck in der Stimme.

"Oh", entfuhr es Xander und er drehte sich rasch tatkräftig einmal um die eigene Achse. Richtig, Anya hatte dabei gleichzeitig zwanzig Dollar ausgehandelt, aber dummerweise leider kein Frühstück inklusive. Darauf sollte sie bei den nächsten Verhandlungen besonders achten, dachte Xander noch so bei sich, als sein Blick plötzlich auf Giles' zerwühltes Bett und einen auf dem Giebel hängenden schwarzen BH fiel. Breit grinsend schaute sich Xander weiter im Schlafzimmer um. Also doch? Anya hatte recht. Giles sang im Espresso Pump, um Bräute abzuschleppen. Und da, wo weibliche Kleidungsstück waren, musste doch auch die passende Person sein, schlussfolgerte Xander ganz einfach und logisch für sich, bis zu dem Punkt wo Giles ihn barsch aus den Gedanken riss. "Xander! Was ist, willst du hier Wurzeln schlagen?"

Erneut wirbelte Xander herum und griff nach der Truhe. "Nein... aber nicht doch. Ich wollte nur... also ich dachte nur.... Na ja, nicht, dass wir jemanden munter machen...."

Ebenfalls zufassend hob Giles die Truhe ruckartig an. "W-wie...w-was meinst du?"

Mit einem vielsagenden, amüsierten Grinsen schielte Xander wohlweislich zu dem BH und weiter zu Giles, verschluckte jedoch jeglichen weiteren Kommentar, als er Giles' frostigen Blick einfing und half schweigend, das schwere Ding nach unten zu transportieren.

Obwohl Giles ihm keine wirkliche Antwort gab, so sah Xander das doch plötzlich erhaltene Frühstück einfach als eine Art Schweigegeld für entdeckte Unterwäsche an. Uha... demzufolge war es Saubermann Giles wohl doch ein wenig peinlich und Xander konnte es kaum erwarteten, Anya davon zu berichten.

Während Xander in der Küche den restlichen Inhalt eines Pflaumenmusglases mit den Fingern bearbeitete, klopfte es erneut. Stöhnend erhob sich Giles von seiner Couch. Sein Kopf dröhnte noch immer, sein Rücken schmerzte vom Tragen und Xanders nervende Blicke waren einfach zuviel an diesem Morgen. Erstaunt nahm Giles einen großen Briefumschlag an der Tür entgegen, quittierte den Empfang und entdeckte dann erst den Poststempel London, aber ohne Absender. Bevor er jedoch fragen konnte, von wem der Brief denn sei, war der Bote schon wieder verschwunden.

Neugierig, aber trotz allem vorsichtig, öffnete Giles den Brief an seinem Schreibtisch. Neben einem kleinen Zettel mit den Worten "Obsequium amicos, veritas odium parit" in einer ihm unbekannten Handschrift kamen mehrere große Fotos zum Vorschein. Schwarzweiße und auch farbige Bilder deren Anblick Giles den Atem stockte. Die Aufnahmen zeigten die Leiche einer gutaussehende Frau mittleren Alters mit hell-roten Haaren und kleinen, antennenförmigen Hörnern, unübersehbar eine Halbdämonin. Giles verstand überhaupt nichts. Warum schickte man ihm diese furchtbaren Bilder und was in aller Welt sollten die Worte "Nachgiebigkeit macht Freunde, Wahrheit erzeugt Hass" bedeuten?

"Rawiya... oh Gott, nein...", kam es leise über seine Lippen, als er erkannte, wer die mit dem eigenen Schwanz erdrosselte Halbdämonin war. Entsetzt ließ Giles die Bilder auf den Tisch fallen. Warum sie? Wer hatte ihr das angetan? Und warum schickte man ausgerechnet ihm diese Fotos? Jede Menge Fragen und Erinnerungen schossen Giles durch den Kopf, dass er gar nicht bemerkte, wie Xander neben ihm die Bilder betrachtete.

Kauend murmelte er. "Wow... eine bildschöne Frau...nur schade, dass sie ziemlich tot aussieht..." Interessiert betrachtete Xander eines der Bilder näher. "Die hat ja einen Schwanz und damit hat man..." Weiter kam er nicht, da Giles ihm plötzlich das Foto aus der Hand riss.

"Lass es liegen! D-das geht dich nichts an..., w-wenn du jetzt b-bitte gehen könntest..." Aufgebracht rieb Giles sich die Augen und versucht gleichzeitig, das Gesehene irgendwie geistig zu verarbeiten, was jedoch nicht funktionierte. Erst als Xander endlich verschwunden war und sich der brennende Whiskey anstelle eines Frühstücks im Magen verteilt hatte, schaffte Giles es, den Inhalt des Briefes richtig zu erfassen.

Rawiya, die Frau, die ihn vor über fünfundzwanzig Jahren in einer regnerischen Nacht in London verführt hatte. Die ihm gezeigt hatte, was es hieß zu begehren und begehrt zu werden. Die der Schlüssel für eine bis dahin unentdeckte Welt für ihn war, aber auch gleichzeitig der sichere Hafen, wenn er sich verloren fühlte. Die Frau, die ihm all ihr Vertrauen schenkte. Seine einzig wahre Freundin, die er in England zurückließ, war nicht mehr am Leben. Verschwommen kamen die Erinnerungen zurück. Formten sich immer deutlicher zu Bildern, die seine zweite Begegnung und die damit verbundene, wachsende Freundschaft mit dieser beeindruckenden, geheimnisvollen Frau in Gedanken aufleben ließen.

 

 
Damals in England

 

Giles' Jahre der Sturm und Drangzeit lagen hinter ihm. Seit geraumer Zeit hielt er, besonders zum Stolz seines Vaters und seiner Großmutter, den familienträchtigen Wächtertitel in der Hand und durfte sich zu einem von ihnen zählen. Zu seinem eigenen Erstaunen machte ihm die Arbeit mittlerweile sogar Spaß und er ertappte sich immer öfter dabei, während des Recherchierens für den Rat, Zeit und Raum zu vergessen. Dazu kam seit kurzem sein neuer Job als Kurator am Britischen Museum und er konnte sich bei weitem nicht über Langeweile beklagen, ganz im Gegenteil. Ein Privatleben gab es kaum noch und auch niemanden, mit dem er es hätte teilen können, jetzt noch weniger als früher, weil die Berufung ihm den dafür nötigen Freiraum nahm. Doch Giles glaubte, damit leben zu können, schließlich hatte er sich letztendlich dafür entschieden. Selbst die Zeit für die vierteljährigen Ratsseminare, wie jenes an diesem Abend, musste er sich mittlerweile zwischen terminlichen Museumsabsprachen und auferlegten Recherchearbeiten stehlen. Wie meist zu diesen abendlichen Seminaren hatte er es noch nicht einmal mehr geschafft, irgendwo zu essen und er hoffte, dass es aus Anlass der Eingliederung neuer Wächter wenigstens eine verspätete Teezeit oder sonst irgendwas zwischen die Zähne geben würde. Sein Magen knurrte schon während der einzelnen Vorträge verdächtig laut und er hielt sich lieber etwas abseits der Menge, um die andächtige Stille nicht auffällig zu durchbrechen. Außerdem interessierte ihn das durchschnittliche Abschneiden der jungen Wächter an diesem Abend ohnehin mindestens genauso sehr wie die Wasserstandsmeldung der Themse und er hoffte inständig, möglichst bald, ohne unerwartet aufgedrängte Gespräche, heimgehen zu können.

An den Türrahmen zum hinter ihm gelegenen, gemütlicheren Aufenthaltsraum gelehnt, beobachtete Giles in Gedanken abwesend und desinteressiert das Geschehen im Konferenzsaal. Verwundert schaute er daher neben sich, als ihm warmer Teeduft in die Nase stieg und ihn eine rauchige, bekannte, wohlklingende Stimme leise von der Seite ansprach. "Wie wär's? Ein kleiner Drink zur Verdauung dieses trockenen Geschwafels gefällig?"

Zunächst sprachlos, mit offenem Mund und verwirrtem Blick, starrte er die gutaussehende Frau mit einem Tablett in der Hand vor sich an, bis er ein halb, verschlucktes "Sie-e... ähm... du-u?" hervorbrachte.

Geheimnisvoll lächelte die Frau ihn an und zuckte leicht mit den Schultern. "Tja, mein junger Wächter - die Welt ist klein und trotzdem voller Überraschungen."

Giles hob die Augenbrauen und stieß sichtlich überrascht eine Ladung Luft aus. Mit den unwahrscheinlichsten, unmöglichsten Dingen hatte er gelernt zu rechnen, aber trotz allem nicht damit, diese bildhübsche Dämonenhure jemals wiederzusehen. Das dann auch noch auf einem Seminarabend des Wächterrates, wo sie ihm damals doch mehr als deutlich gemacht hatte, was sie von diesem Verein hielt - nämlich absolut gar nichts. "W-wie... uhm... w-was machst du hier?"

Ihre hell-roten Haare glitzerten in der gedämpften Saalbeleuchtung und ihre dünnen antennenförmigen Hörner wippten leicht, als sie amüsiert fragend den Kopf zur Seite neigte. "Nun was denkst du denn, nach was sieht es aus? Nach dem Servieren von Tee? Einer heimlichen Anmache von der Seite oder einem 'rein zufälligen' Wiedersehen?"

"K-keine Ahnung...", gab Giles ehrlich zu, sah verstohlen in den Raum zu den anderen Wächtern und brachte dann verwirrt das zusammenhanglose Wort "Tee..." hervor. Eigentlich hätte es in diesem Augenblick wohl eher heißen müssen - Bring mir mal einer einen Scotch -, denn den hätte er, auf den Schreck dieses unverhofften Wiedersehens, gern und sofort getrunken, aber so blieb ihm nur das, was sie vor sich auf dem Tablett hielt. Mehr instinktiv griff er nach einem der Gläser und wollte es in die Hand nehmen, als sie ihm schmunzelnd bewusst ein Glas reichte. "Hier, trink' das, das klärt die Sinne und hilft zu verdauen..."

Nicht nachfragend ergriff Giles das gereichte, warme Glas und nahm einen kräftigen Zug. Der anfänglich angenehmen Teegeruch und -geschmack wich plötzlich einem durchströmenden, wohligen Schauer, der sich durch die Kehle in seinen Magen biss. Überrascht durch das unerwartete, angenehme Gefühl schloss er für einen Moment die Augen und stieß ein "Uh... wow... den hab' ich jetzt gebraucht... w-woher wußtest du...?" hervor, bevor er wieder aufsah und den nächsten Schock bekam.

Die Frau war weg und eine gezielte Frage traf ihn unerwartet auf dem völlig falschen Fuß. "Was wußte ich? Alles in Ordnung mit dir, Rupert? Du siehst irgendwie... nun ich weiß nicht - blass? - aus."

"Uhm... ja... nein... also mit mir ist alles in Ordnung... n-nur mein Magen... Er hat seit dem Morgen nichts mehr zu Essen gesehen und daher...", stammelte Giles zurecht und wich dem fragenden Blick von Quentin Travers aus. Himmel Herr Gott, hatte der Kerl nichts besseres zu tun, als ausgerechnet jetzt hier vor ihm aufzutauchen? Gab es nicht genügend nach Anerkennung hechelnde, junge Wächter, die er mit seiner Anwesenheit beglücken konnte? Quentin war nicht unbedingt der Gesprächspartner, den Giles sich für diesen Abend wünschte. Die zwei Männer kannten sich schon seit längerem und während Giles bis vor einiger Zeit noch auf der Suche nach seiner wahren Bestimmung war, hatte Quentin schon alle Vorteile für eine steile Wächterkarriere genutzt. Mittlerweile hatte er es zu einem angesehenen Ratsmitglied geschafft und kam tatsächlich in den Genuss, anderen Untergebenen hin und wieder Anweisungen geben zu dürfen. Giles selbst war bisher davon verschont geblieben, aber er wußte, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis auch er unter ihm stand. Aussichten, die Giles nicht unbedingt behagten, aber kaum zu ändern waren.

"Ach so, nun ja, das kenne ich", erwiderte Quentin zu Giles' Erleichterung nur knapp. Demzufolge hatte der Ältere nichts von dem vorangegangenem Gespräch zwischen ihm und der Halbdämonin mitbekommen und auch nicht, dass er gerade unbewusst eine kräftige Tee - Scotchmischung zu sich nahm. Insgeheim wünschte Giles, dass die Unterhaltung damit beendet sei und Travers verschwand, aber weit gefehlt. Stattdessen traf ihn eine erneute Frage unverhofft. "Du kennst Rawiya?"

Da Giles mit diesem geheimnisvollen Namen absolut nichts anfangen konnte und im ersten Moment nicht begriff, was Quentin meinte, sah er ihn verwundert an, bemerkte dann aber Travers' kurzen suchenden Blick, folgte diesem und entdeckte die Halbdämonin bei einem Gespräch mit einigen alten, hohen Ratsmitgliedern. Noch zwei, drei weitere Frauen anderer halbdämonischer Herkunft gesellten sich dazu, während sie mit einem gefüllten Tablett auf einmal wieder in der Runde verschwand.

"Ra-Ra... Wie war der Name?" Giles schüttelte den Kopf. Den Namen hatte er wirklich bisher noch nie gehört. Die Frau hatte damals seinen, aber er nie ihren Namen erfahren. Obwohl Giles nun genau wußte, wer gemeint war, lag es ihm fern Travers das auf die Nase zu binden. "Nein, wie kommst du darauf?"

Den Blick wieder auf Giles gerichtet, musterte Quentin ihn für einen Moment eigenartig aufmerksam und hob dann abwehrend die Hand. "Nicht wichtig, Rupert, war nur so eine Frage. Es ist einfach nur, weil wir die Damen das erste Mal als Personal ausprobieren und ich etwas Acht gebe, dass es keinen Ärger mit ihnen gibt." Damit war zu Giles' Erleichterung das Gespräch für Travers beendet und er verschwand aus seinem Sichtfeld. Obwohl Giles an diesem Abend zu gerne noch herausgefunden hätte, wieso und warum ihm diese Rawiya nach so langer Zeit ausgerechnet auf einem Ratsseminar begegnete und ansprach, ergab sich doch zu seinem Bedauern keine Gelegenheit. Entweder waren zu viele Leute um sie herum oder sie war verschwunden. Leider hatte er auch absolut keine Ahnung, wo er sie finden konnte und beschloss, das Ganze einfach zu vergessen. Schließlich lagen Abenteuer dieser Art hinter ihm. Er hatte mit der Aufnahme der Wächterberufung innerlich für sich mit seiner lebhaften Vergangenheit abgeschlossen. Das glaubte er zumindest bis zu dem einen Tag, einige Zeit später.

 

Es war später Nachmittag. Es regnete in Strömen und schon der ganze Tag war grau in grau, wie die meisten Herbsttage in London. Giles hatte seine Sekretärin früher nach Hause geschickt, weil er noch in aller Ruhe eine angekommene Sammlung alter ägyptischer Gegenstände archivieren wollte. Da manche der Sachen nicht unbedingt für das Museum und die Öffentlichkeit bestimmt waren, blieb er zum sortieren am liebsten ungestört. Fasziniert widmete Giles sich gerade einer mit alten Schriftzeichen bemeißelten Steintafel, als hinter ihm die Tür zu seinem Arbeitszimmer aufging. Etwas genervt über die unverhoffte Störung drehte Giles sich um. "H-hatte ich nicht gesagt, Sie k-kön..." Mitten im Satz brach er jedoch ab und starrte auf die gutaussehende, nasse Erscheinung vor sich. Wie schon bei der letzten Begegnung bekam er wieder nur ein "D-du?" hervor.

"Ich sagte doch - die Welt ist klein und voller Überraschungen. Und wie du siehst, bin ich eine davon." Schmunzelnd strich sich die Halbdämonien die nasse Kapuze ihres Mantels vom Kopf und schüttelte die hell-roten Haare im Nacken frei. Wassertropfen glitzerten auf ihren Wangen, und Giles fiel es schwer, den Blick von ihr zu nehmen, zu sehr faszinierte ihn wieder aufs neue ihr Anblick. Langsam richtete er sich von der Truhe, vor der er kniete, auf und ging ein paar Schritte auf sie zu. Jedoch nicht allzu nah. Es reichte schon ihre Anwesenheit, um ihn kribbelig zu machen. Eine Berührung wollte er aus diesem Grund lieber nicht provozieren.

"O-oh jaaa - du bist eine Überraschung, eine ziemlich große sogar. Das muss ich ehrlich zugeben."

Amüsiert über seine Zurückhaltung trat Rawiya weiter in den Raum, zog ihren Mantel aus und warf ihn neben Giles über einen Stuhl. "Da steht er. Der junge Wächter, der sich die Hörner abstieß, um herauszufinden, was er wirklich will. Und wie ich weiß, hast du das getan, nicht wahr? Doch ich kann ihn noch sehen, den feurigen Glanz der Leidenschaft. Er ist noch nicht erloschen, nur verborgen tief im Inneren."

Giles schluckte unweigerlich bei ihren Worten und er begriff nicht so recht, auf was sie hinauswollte. War sie hier, um sich ihm anzubieten? Um ihn herauszulocken und zu sehen, ob er jetzt als Wächter noch genauso auf ihre Reize flog wie als junger, unerfahrener Mann? Oder steckte womöglich mehr dahinter? So wie damals, als sich herausstellte, dass sie eine bezahlte Dämonenhure war? Daher erwiderte er etwas missmutig und als Schutz gegen seine eigenen, sich meldenden Hormone: "W-was willst du? Hat man dich wieder bezahlt, um mich zu verführen?"

Enttäuscht über seinen Tonfall und den misstrauischen Ausdruck in seinen Augen schüttelte Rawiya den Kopf. "Mich hat niemand bezahlt, außer der Rat für zwei Stunden Gläser tragen. Ehrlich verdientes Geld, wenn du das meinst."

"Ach ja, wirklich? Ohne Extradienstleistungen also?", rutschte es Giles unbedacht sarkastisch heraus.

Traurig senkte sie die Augen und fuhr mit dem buschigen Ende ihres unter einem leger sitzenden Kleid verborgenen Schwanzes über die Fußbodendielen. "Das war nicht nötig, wirklich nicht. Was weißt du schon von mir, um das zu sagen? Ich habe mich wirklich gefreut, als ich dich zufällig an diesem Ratsabend sah. Endlich nicht einer von diesen Spießern, habe ich mir gedacht. Endlich ein netter Kerl, der dich versteht, der dich akzeptiert als das, was du bist, aber leider..." Aufmerksam richtete sie den Blick wieder auf und sah Giles durchdringend an. "...habe ich mich wohl getäuscht. Du bist doch genauso wie die. Wir sind für euch keine Menschen, sondern nur Dämonen, die es zu studieren, ausnutzen und zu bekämpfen gilt, aber nicht sie wirklich zu verstehen und zu akzeptieren."

Getroffen von ihren Worten wich Giles Rawiyas schönen, klugen Augen aus. So hatte er das nicht sagen wollen und schon gar nicht gemeint. Er wollte ihr nicht weh tun, dafür gab es keinen Grund. Schließlich konnte sie doch nichts für seine eigene innere Unruhe, die ihre Anwesenheit in ihm auslöste. Er hatte ihr damals schon gesagt, dass es ihn nicht interessierte, ob sie zur Hälfte Mensch und zur Hälfte Dämon war, sondern dass sie ihn wie auch immer einfach faszinierte. Das war ehrlich gemeint und daran hatte sich auch nichts geändert.

Verlegen räusperte er sich und bat sie mit einer Handbewegung Platz zu nehmen. "Uhm... also e-es tut mir leid, s-so habe ich das nicht gemeint. E-es war nur, w-weil... Nun du weißt schon, unsere erste Begegnung endete gemeinsam im B-bett und meine Überraschung, als ich am nächsten Morgen allein aufwachte und erfuhr - wie, wo, was los war - kannst du dir sicherlich vorstellen."

Rawiyas Mine hellte sich ein wenig auf, während sie auf dem angewiesenen Stuhl Platz nahm. "Ja, gut, da hast du wohl recht und diesbezüglich kann ich dein Misstrauen verstehen, aber glaub' mir..." Sanft lächelte sie Giles an und legte ihren Schwanz, wie eine Art Friedenszeichen und dass sie wirklich harmlos war, in den Schoß. Unter anderen Umständen war dieses Körperteil von ihr weitaus aufreizender und frecher im Umgang mit Männern, was Giles damals schon am eigenen Leibe spüren konnte, aber dieses Mal hegte sie wirklich keinerlei Absichten in diese Richtung, zumindest nicht bewusst. "...ich bin wirklich nur hier, weil ich dich wiedersehen wollte, mehr nicht. Damals habe ich es mir verboten, weil es nicht gut - weder für dich noch für mich - gewesen wäre, aber jetzt denke ich, ist es anders. Du bist anders - reifer."

Reifer - das Wort hätte aus dem Mund von jemand anderen in Giles' Ohren wahrscheinlich albern und lästern geklungen, aber aus ihrem klang es nach der Wahrheit. Er wußte damals, als er sich mit ihr einließ, dass sie älter und erfahrener als er war. Aus diesem Grund faszinierte ihn auch das kleine, nächtliche Abenteuer mit ihr. Damals war sie der Anstoß und Beginn einer mystisch-dämonischen Berg- und Talfahrt der Gefühle gewesen. Der Schrei nach mehr und die Gewißheit, dass man nichts hatte, auch wenn man glaubte es zu haben. Ebenso wie die Erkenntnis, dass man tief fallen konnte, wenn man dachte den Gipfel erreicht zu haben. Im nachhinein war Giles ihr sogar dankbar für diese Erfahrung, auch wenn die schmerzliche Enttäuschung, sie in dieser berauschenden Nacht nicht wirklich besessen zu haben, noch in ihm steckte. Wahrscheinlich hatte sie sogar recht, als sie sagte 'Es wäre nicht gut für sie beide gewesen'. Für sie womöglich noch weniger als für ihn, denn Giles hatte in dieser Zeit danach Seiten an sich kennengelernt, die nicht rücksichtsloser, gefühlskälter und brutaler hätten sein können. Was wäre da eine Dämonenhure, ob nun eine, die er mochte oder nicht, im Rausch des Bösen schon wert gewesen?

"Nun gut...", mit diesen Worten goss Giles für sie beide je eine Tasse Tee ein und reichte sie ihr höflich. "...dann sollten wir ganz einfach noch einmal von vorn beginnen. Ich freu' mich auch, dich wiederzusehen, - Rawiya. Ein schöner Name, den du mir bisher leider vorenthalten hast und der unserem Wiedersehen nun irgendwie ein andere Bedeutung zu geben scheint."

 

Und so war es auch. Bei diesem einen Besuch von Rawiya blieb es nicht. Es folgten noch viele mehr. Daraus wurden ausgiebige Spaziergänge, intensive Schachnachmittage, endlose Nächte des Redens und Lesens, gemeinsam erlebte lustige und traurige Abenteuer und eine Freundschaft, die Giles um nichts in der Welt mehr missen wollte.

Egal wie, aber Giles konnte Rawiyas Tod einfach nicht glauben. Die Erinnerungen waren trotz der verstrichenen Jahre noch so lebendig und frisch in ihm. Doch die Fotos waren zu eindeutig, um nicht wahr zu sein. Trotzdem verstand er noch immer nicht, warum man sie ausgerechnet ihm schickte? Warum nicht ihrer Tochter? Dem winzigen Etwas, was in manchen gemeinsamen Nächten zu gern und zu oft zusammengerollt an seiner Seite schlief. Dem kleinen, frechen Mädchen, das ihn damals fast um den Verstand gebracht hatte und deren Schicksal er bis zu einem bestimmten Zeitpunkt mitbestimmte.

 

 
Sunnydale

 

Angeekelt saß Lina auf der Kante eines schäbigen Bettes. Erdrückend schlug ihr die vergilbte Tapete von den Wänden entgegen. Durch den Fußboden drang der Lärm der unter dem Zimmer liegenden Bar. Warum hatte sie überhaupt das Angebot dieses Schleimers Willy angenommen und sich nicht doch lieber ein besseres Zimmer gesucht? So richtig wußte sie es selber nicht. Vielleicht aus Angst, in einem normalen Motel erkannt, enttarnt und gefunden zu werden oder aufgrund ihres schlechten Gewissens noch mehr von dem Geld, was ihr nicht gehörte, auszugeben? Nachdenklich strich sie über die neben ihr liegende schwarze Lederjacke und hoffte im Stillen, dass der junge Mann, dem sie gehörte, keine Schwierigkeiten wegen ihr bekam. Wie hätte sie an dem Tag in L.A. auch ahnen können, dass sich plötzlich ihr ganzes Leben ändern würde. An dem Nachmittag, als der junge Wächter vor Scham fast fluchtartig das Bordell verlassen hatte, hatte sie es sogar noch als witzig empfunden, dass er vor lauter Schreck seine Jacke vergaß. Sie fand ihn in seiner Verlegenheit einfach zu süß, als dass sie sich die Gelegenheit entgehen lassen konnte, ihn aufgrund der vergessenen Jacke noch einmal wiederzusehen. Aber erst viel später wurde ihr bewusst, wie froh sie sein konnte, ausgerechnet seine Jacke an sich genommen zu haben. Doch bei dem Gedanken an das Wieso und Warum, begann Lina unweigerlich zu zittern. Ihre Finger gruben sich ängstlich in die dreckige Matratze des Bettes und ihre geplatzte Lippe begann zu brennen, als das Zittern den ganzen Körper ergriff. Obwohl sie weit weg war, kamen die Angstattacken doch immer wieder. Sie brauchte noch nicht einmal die Augen zu schließen, um die maskierten Gesichter der Männer, die gewaltsam in ihre Wohnung eindrangen, vor sich zu sehen. Noch immer spürte sie die schlagende Hand des einen in ihrem Gesicht und den Schmerz, als man sie derb wegzerren wollte. Beim besten Willen, Lina hatte keine Ahnung, wer die Männer waren und was sie von ihr wollten, ebensowenig wie sie sich jetzt im nachhinein kaum richtig bewusst war, wie sie ihnen überhaupt entkam. Das einzige, an was sie sich noch erinnerte, war das Fenster, aus dem sie sprang, die Feuerleiter, die sie hinunter kletterte und an ihr Auto, aus dem sie schnell ein paar Sachen rettete, bevor sie um ihr Leben rannte. Es war nicht viel, was ihr blieb, nur diese schwarze Lederjacke, denn Geld, Schlüssel, Papiere...alles lag in ihrer Wohnung, da wo sie nicht wieder hin zurück konnte. Genauso wenig, wie sie zurück zu Madam Dorion konnte, denn wenn die Männer sie daheim fanden, dann auch dort. Im Grunde gab es nur einen Ort, wo sie hinkonnte und den Menschen fand, der ihr vor langer Zeit schon einmal geholfen hatte. Zu dem Mann, dem ihre Mutter blind vertraut hatte und der jetzt ihre einzige Hoffnung war. Gedankenverloren starrte Lina auf ein paar lose Geldscheine auf dem zerkratzten Tisch vor sich. Die Busfahrt bis nach Sunnydale hatte sie mit Davids geschenktem Ring bezahlt, ebenso wie die ersten zwei Nächte in dieser schäbigen Absteige, aber davon blieb nichts übrig. Ihre Kreditkarten lagen daheim und andere Möglichkeiten gab es nicht, bis auf diesen Scheck, den sie in der Jacke des jungen Wächters fand. Auch wenn sie dafür widerstrebend die Hilfe dieses schleimigen Gauners Willy brauchte, was blieb ihr anderes übrig? Um überleben zu können, musste sie diesen Scheck einlösen. Dabei hoffte sie inständig, es irgendwann wieder gutmachen zu können.

Nur im Augenblick sah es alles andere als gut für sie aus, denn auch dieses Geld würde irgendwann aufgebraucht sein. Leise seufzend strich Lina sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht. Bis zu ihrer Ankunft hier am Höllenschlund hatte sie wenigstens noch einen Funken Hoffnung auf Hilfe gehabt, aber nun plötzlich verließ sie der Mut. Der Mut, zu dem Mann zu gehen, der ihr schon einmal half. Obwohl Lina mittlerweile wußte, wo er lebte und ihn sogar schon gesehen hatte, hinderten doch eine gewisse Furcht und Scham sie daran, sich zu erkennen zu geben. Letztendlich war sie nichts Besseres als ihre Mutter. Eine bezahlte Dämonenhure, die versuchte, sich mit dem Verkaufen ihres Körpers einen Platz in dieser dämonenverleugnenden, menschlichen Welt zu erkaufen. Wie traurig und irrwitzig zu gleich, wenn sie bedachte, dass ihre Mutter sie gerade vor solch einem Leben bewahren wollte.

Langsam erhob Lina sich von dem quietschenden Bett und blickte durch die dreckigen Scheiben auf die spärlich beleuchtete Straße. Dunkle, nicht menschliche Gestalten schlichen um die Ecke und huschten in Willys Bar. Für einen Augenblick verdrängte sie alle Bedenken und Ängste und dachte zurück an eine Zeit, wo sie fast unbeschwert glücklich sein konnte.

 

 
Damals in England

 

"Lina...b-bitte leg' den Glaswürfel z-zurück auf den Tisch... E-er ist ein a-altes Relikt und w-wertvoll...", weiter kam die erschrockene Stimme nicht, als es auch schon auf dem Fußboden klirrte und der Würfel in lauter Einzelteile zersprang. Erschrocken sprang das kleine Mädchen ängstlich hoch und schrie auf, als sie barfuss in einige der Splitter trat. Weinend sah sie den Mann vor sich an. "I-ch...ich wollte nicht...e-es tut mir leid....b-bitte nicht böse sein, Onkel Rupert....." Schluchzend ließ die Kleine die Schultern hängen und wischte nervös mit ihrem langen, buschigen Schwanz über die Glasscherben, die sich sogleich spitz in das weiche Fleisch bohrten und dünne Blutspuren am Boden hinterließen.

Schnell war der Mann zur Stelle und hob sie auf seinen Arm, hielt sie fest und wischte ihr die Tränen aus dem Gesicht. "Hey...schon gut. S-so schlimm ist es nun auch wieder nicht...", kam es in versucht beruhigendem Ton über die Lippen des Kurators Rupert Giles. Obwohl er alles andere als glücklich über die Einzelteile des wertvollen Würfels war, so konnte er dem kleinen Mädchen doch nicht wirklich böse sein. Mit ihren großen, unschuldigen Kinderaugen schaffte sie es immer wieder ihn einzuwickeln, auch wenn es seit der unverhofften Bitte ihrer Mutter, sich ein paar Tage um das Mädchen zu kümmern, kaum etwas gab, was in seiner Wohnung nicht schon beinahe zu Bruch gegangen war.

Ein Schmunzeln huschte über sein Gesicht, als die Kleine sich gegen seine Schulter lehnte und er ihren Schwanz entschuldigend, sanft über seinen Rücken streichen spürte. Seine Wohnung war nun einmal alles andere als kinderfreundlich und bot außer alten, verstaubten Büchern und diversem mystischen Krimskrams keine Spielgelegenheiten für ein kleines, neugieriges Halbdämonenmädchen. Vorsichtig setzte er sie auf eine Couch und zog die einzelnen Splitter aus ihrem Fuß und Schwanz. Ihr Jammern quittierte er mit einem 'Das-kommt-davon' - Lächeln, bevor er sie in den Arm zog und sie anschließend in den Schlaf singend in ein großes, weiches Bett steckte.

 

Verträumt wischte Lina sich eine Träne aus dem Gesicht, als sie an diesen Abend vor über zwanzig Jahren dachte. Sie wünschte sich zurück in diesen Augenblick, wo sie sich geborgen gefühlt hatte Zurück in die starken Arme, die ihr damals soviel Sicherheit gaben und in denen sie sich verstanden glaubte.

Sie war damals gerade sechs Jahre alt gewesen, ein Kind wie jedes andere auch, aber doch auch wieder nicht. Ein heimlich geborenes Kind, für das es keinen Platz in dieser Welt gab. Von dem niemand etwas erfahren durfte und was eine Gefahr für die eigene Mutter war. Noch heute klangen Lina die belauschten Worte ihrer Mutter im Ohr und bis heute wußte sie nicht, was sie zu bedeuten hatten.

"Rupert...versteh' doch, ich kann nicht anders. Wenn man es erfährt, werden sie mir Lina wegnehmen... Das kann und darf ich nicht zu lassen. Dann lieber schicke ich sie fort... Weit fort, dahin, wo niemand weiß, wer sie ist... Bitte, hilf uns und verurteile mich nicht... Du bist doch der einzige, den wir haben..."

Erst viel später wurde Lina bewusst, was das damals alles zu bedeuten hatte, dass ihre Mutter sie zu ihm schaffte, um sie mit seiner Hilfe außer Landes zu bringen. Stattdessen hatte sie als Kind bis zu diesem Zeitpunkt geträumt und gewünscht, dass er mehr als nur der Freund ihrer Mutter war. Dass er vielmehr der Vater war, den sie nie hatte und von dem sie bis heute nichts wußte. Vielleicht fand sie aber nun hier nach all den Jahren endlich eine Antwort auf ihrer Fragen und vielleicht war es sogar Schicksal, dass sie aus L.A. flüchten musste, um hier an diesem Ort zu landen?

 

Nachdenklich saß Giles allein an der Bar im Espresso Pump und spielte mit einem Whiskeyglas in der Hand. Es war später Nachmittag inmitten der Woche, ein Tag, an dem sich kaum ein Gast hierher verirrte. Warum auch, wenn die bekannten Showeinlagen ohnehin meist Freitagabend oder am Wochenende stattfanden. Nur ein paar Collagestudenten brüteten bei einem Cappuccino über Klausuren und ein paar Geschäftsbummler gönnten sich draußen vor dem Cafe eine Pause.

Giles war noch nicht lange hier und im Grunde fragte er sich, was er überhaupt hier tat, aber nach Buffys Besuch vor ein paar Stunden hatte er nur raus gewollt. Wie zu erwarten war, hatte Xander seine Klappe nicht halten können und den anderen der Gang aufgeregt von dem Brief mit den Bildern erzählt. Nicht das Giles es dem Jungen direkt übel nahm, ebensowenig wie Buffys besorgtes Erscheinen, ob alles in Ordnung sei, aber eigentlich wäre es Giles viel lieber gewesen, wenn man ihm diesbezüglich seine Ruhe ließ. Fragen zogen bekanntlicherweise Antworten nach sich und die wollte und konnte Giles Buffy und den anderen nicht geben. Was damals in England geschehen war, ging niemanden außer ihm etwas an, und von dem was jetzt geschah, hatte er selbst keine Ahnung. Nur leider wußte er, dass Buffy sich mit dieser Aussage nicht zufrieden gab, auch wenn er es ihr mehr als unmissverständlich klar zu machen versuchte. Das ganze Gespräch endete letztendlich in unausgesprochenen Vorwürfen, die alleine in Blicken und Gesten darstellten, wie unverstanden sich jeder fühlte. Er beharrte augenscheinlich darauf, endlich sein eigenes, privates Leben zu führen, ebenso wie sie und Riley es taten. Eine schmerzliche, aber nicht zu ändernde Tatsache, wie er sich immer mehr eingestehen musste. Also warum daher die jungen Leute mit Dinge aus seiner Vergangenheit belasten, die ohnehin für sie bedeutungslos waren? Was würde es sie schon interessieren, ob er um eine ermordete Dämonenhure trauerte, um eine Frau die eine Freundin und Vertraute zugleich war?!

Obwohl er in der Zwischenzeit mehrfach versuchte, irgendwelche brauchbaren Informationen über die Geschehnisse in England zu erfahren, tappte er nach wie vor im Dunkeln, was mit Rawiya wirklich geschehen war. Alle hielten sich zu seinem großen Erstaunen und Bedauern mehr als bedeckt, fast so, als hätten sie Angst, überhaupt mit Huren und Dämonenbordell in Verbindung gebracht zu werden. Ein schwachsinniger Versuch, wo doch im Grunde alle hinter vorgehaltener Hand wußten, dass auch einige hohe Herren des Rates nur Menschen mit gewissen Bedürfnissen und Neigungen waren. Man zeigte sich vielmehr erstaunt, woher er, Rupert Giles, indirekt ausgewanderter Brite und Ex-Wächter, davon wußte. Eine berechtigte Frage, die sich Giles seither immer wieder selber stellte, aber wohl nur von dem Absender des Briefes erfahren konnte.

Langsam nahm er einen Schluck von dem mittlerweile warm gewordenen Whiskey und versuchte sich gleichzeitig, von dem die Kehle hinunter brennenden Geschmack, auf andere Gedanken zu bringen. Ein noch einfacherer Weg dafür wäre vielleicht das Auftauchen seiner neuen Bekanntschaft, der gutaussehenden Brünetten, die - wie er - ohne Frage einfach der Einsamkeit entfliehen wollte. Aber da er weder ihren richtigen Namen, noch ihre Adresse oder sonst etwas von ihr wußte, konnte er nur auf ein unverhofftes Auftauchen von ihr hier im Espresso Pump hoffen. Ein plötzlich gefundener Grund, um einfach weiter an der Bar sitzen bleiben zu können und nicht in die Einsamkeit der Wohnung und den furchtbaren Fotos zurück zu müssen.

Erneut begann er mit dem Glas in der Hand zu spielen, beobachtete wie die braune Flüssigkeit hin und her schwappte und einen angenehmen, aromatischen Geruch in der Nase verursachte.

"Sie wird nicht auftauchen... nicht um diese Zeit, der Typ Frau ist sie nicht..."

Erstaunt drehte Giles den Kopf, als er eine weibliche, wohlklingende, leicht rauchige Stimme neben sich vernahm. Verwundert rutschte er beinahe vom Barhocker, als er in der Frau neben sich das Phantombild seines letzten Auftrittes entdeckte. Schwarze Lederjacke, in die Stirn gezogene Baseballmütze, klug dreinblickende Augen und ein verschmitztes Lächeln um die wohlgeformten Lippen. "Entschuldigung... ich wollte Sie nicht erschrecken, aber ich sah Sie hier sitzen und..." Für einen Moment stoppte die Frau, senkte die Augen und holte kurz Luft. "Sie wissen wahrscheinlich nicht, wer ich bin, oder?"

Ziemlich konfus schüttelte Giles mit dem Kopf. Nein, woher sollte er das auch wissen? Zumal sie gerade erst aufgetaucht war und er außer ein paar Umrissen von ihrem Gesicht so gut wie nichts sehen konnte. Auf eine Art kam ihm die Situation schon eigenartig bekannt vor, nur dass er damals vor über zwanzig Jahren klitschnass in einem Londoner Pub saß und die ungewöhnliche Bekanntschaft mit Rawyia machte.

"Uhm... n-nein.. t-tut mir leid. S-sollte ich Sie denn kennen?", fragte Giles nach einer Weile.

Zögernd blickte die Frau wieder auf, schob die Mütze mit dem Finger ein Stück zurück und sah Giles aufmerksam an. "Nun, eigentlich schon, auch wenn es sehr lange her ist, immerhin habe ich Sie damals fast um den Verstand gebracht. Das mit dem Glaswürfel tut mir heute noch leid."

Damals? Glaswürfel? Giles verstand nur Bahnhof. Er kannte die junge Frau nicht und er hatte absolut keine Ahnung, von was sie sprach. Erst als er sie aufmerksamer musterte und versuchte ihre klugen Augen irgendwo in seinen Erinnerungen einzuordnen, fiel sein Blick auf etwas Buschiges am Rand der Lederjacke. Erschrocken sprang Giles vom Barhocker, als er erkannte, was sich unter der Jacke bewegte. Geistesgegenwärtig griff die junge Frau nach dem dabei umkippenden Hocker und verhinderte damit einen aufsehenerregenden Knall zu Boden. Beruhigend griff sie gleichzeitig nach Giles' Hand und sah ihn bittend an. "Nicht... ich will Ihnen doch nichts tun... Ich..."

Natürlich wollte sie das nicht und Giles war seine eigene Reaktion im nächsten Moment auch schon mehr als peinlich. Verlegen blickte er sich um und zu seinem wie ihrem Glück waren die Gäste alle mit sich beschäftigt. Obwohl Giles mehr als nur eine Ahnung hatte, wer die junge Frau war, brachte er jedoch nur ein erneutes. "W-wer sind S-sie?" hervor.

Schmunzelnd ließ sie seine Hand los und setzte sich selbst auf einen der Barhocker. "Sie wissen es ganz genau, nicht wahr? Mein Name ist Lina... Lina, Rawiyas Tochter..."

Ja, auch wenn er es gerade ahnte, war das Ganze doch etwas unerwartet viel für Giles. Während Giles noch nach den richtigen Worte suchte, um Lina zu fragen was sie hier tat, fuhr die junge Frau schon fort. "Hören Sie, Mister Giles..." Bei dem Aussprechen seines Namens huschte ein erneutes Lächeln über ihr Gesicht, denn schließlich war er früher 'Onkel Rupert' für sie gewesen, aber jetzt konnte sie ihn wohl schlecht immer noch so nennen. "Ich bin nicht durch Zufall hier... Ich..." Lina wußte nicht so recht, wo sie anfangen sollte. Es fiel ihr schwerer als erwartet. "Meine Mutter weiß nicht, dass ich hier... hier bei Ihnen bin. Es... Nun, es geht auch nicht um sie...." Für einen Moment schwieg die junge Frau, wich Giles' aufmerksamen, fragenden Blick aus und winkte dem Barkeeper zu, ehe sie fortfuhr. "Es geht um mich, wenn Sie verstehen, was ich meine?"

Wohl kaum, nein, Giles verstand beim besten Willen nicht. Nicht nur das unverhoffte Auftauchen von Lina und ihr nicht nachvollziehbares Gerede brachte ihn durcheinander, sondern vielmehr die Erkenntnis, dass die junge Frau offensichtlich noch gar nichts vom Tod ihrer Mutter wußte.

Nach Halt suchend stützte Giles sich an die Kante der Bar und leerte den Rest seines Glases mit einem Zug. Vorsichtig hakte er noch einmal nach. "Uhm... Rawiya... Sie hat... a-also, ich meine..." Giles holte kurz Luft. Was sollte er jetzt nur sagen? "Uhm... wir standen in letzter Zeit kaum noch in Kontakt."

Falls Lina es wirklich nicht wußte, würde er es ihr sagen müssen, aber dann nicht hier. Nicht an diesem Ort, der unpersönlicher nicht sein konnte. Das war er Rawiya und ihrer Tochter schuldig.

Ein Lächeln huschte über Linas Gesicht, während sie Giles aufmerksam beobachtete und ihm ein neues, volles Glas zu schob. Da war sie: diese schüchterne, unbeholfene Art des Mannes, von dem ihr ihre Mutter so oft in Briefen vorgeschwärmt hatte. Eine von den Seiten, die ihre Mutter an dem Wächter kennen und lieben gelernt hatte. Nur im Moment wußte Lina Giles nicht einzuschätzen. War es ihre Anwesenheit, die ihn sichtlich zu verwirren schien oder die Tatsache, dass sie ihre Mutter erwähnte? Kurz zweifelte die Halbdämonin, ob es richtig gewesen war, einfach so in Sunnydale bei ihm aufzutauchen? Vor allem jetzt und hier. Womöglich wartete er auch auf jemanden und sie platzte ungelegen dazwischen. Entschuldigend hob Lina ihr Glas und prostete Giles zu. "Ich weiß, mein Auftauchen ist sehr überraschend und unverhofft. Es tut mir wirklich leid. Ich wollte Sie nicht stören, und wenn Ihre Verabredung kommt, dann kann ich..." Mit einer den Satz beendenden Kopfbewegung wies Lina zur Tür, die Giles jedoch mit einer Nicht-Nötig-Handbewegung abwies. Schließlich wartete er nicht wirklich auf jemanden. Im Grunde war es nur ein Alibi, um am Nachmittag schon hier sitzen zu können.

Giles' Blick wanderte für einen Moment gedankenverloren an das andere Ende der Bar. Dorthin, wo er am Abend zuvor noch mit seiner gutaussehenden Bekanntschaft nett, belanglos geplaudert hatte. Dorthin, wo der Abend nach dem Genuss einiger berauschender, stimmungshebender Cocktails einen für ihn ungeplanten Verlauf mit dem gemeinsamen Ziel seiner einsamen Wohnung nahm. Linas anfänglichen Worte "Sie wird nicht kommen - nicht um diese Zeit, dieser Typ Frau ist sie nicht..." kamen ihm kurz in den Sinn und er fragte sich, wie die Halbdämonin darauf kam. Wieso und was war der Grund für solch eine Schlussfolgerung? Beobachtete sie ihn etwa schon länger? Und was ahnte sie unter Umständen, im Gegensatz zu ihm? Fragen über Fragen, die im Augenblick jedoch auf eine Antwort warten mussten.

Das zweite Glas ebenfalls mit einem Zug geleert, erhob Giles sich von dem Barhocker und beglich für sie beide die Rechnung. Linas verwundertem, fragenden Blick beantwortete er mit einem knappen, zum Ausgang weisenden "Wir sollten reden! Uhm..., aber bitte nicht hier."

 

 
Los Angeles

 

Todesmutig hatte Cordelia sich durch das offene Bürofenster zur Aircondition gehangelt. Nachdem die Box selbst nach mehrfachen Streicheleinheiten und wütenden Schlägen nur ein ächzendes Ich-bin-kaputt-Geräusch von sich gab, knallte Cordy ärgerlich das Fenster zu und ließ die Jalousie raschelnd nach unten fallen. Ein leiser, aber unüberhörbar schmerzlicher Zischlaut hinter sich schreckte sie auf. Peinlich berührt sah sie auf die qualmende Hand ihres Chefs. "Ups... Entschuldigung, Angel...ich konnte ja nicht ahnen, dass du noch... uhm, schon wieder da bist." Rasch zog sie noch einen Vorhang vor die Scheibe, bevor sie ihrem restlichen Ärger Luft machte. "Verdammt noch mal! An allem ist nur Wesley Schuld. Hätte er diesen dämlichen Scheck eingelöst, wäre das alles erst gar nicht passiert. Dann würde ich vor lauter Schwitzen nicht pausenlos am Schreibtisch festkleben und hätte nicht diese häßlichen Schweißränder unter den Achseln - die kriege ich womöglich nie wieder raus...", hängte sie betonend empört an den Schluss ihres Satzes, bevor sie Angels verständnislosen Blick bewusst registrierte.

Schweigend kramte der Vampir ein paar Dollarscheine aus der Tasche und drückte sie Cordelia in die Hand. "Kauf' morgen einen Ventilator und mach' heute einfach Feierabend."

Zunächst etwas verwundert und gleichzeitig peinlich berührt, weil Cordy genau wußte, dass das Geld eigentlich Angels Abendmahl beim Metzger abdeckte, steckte sie es doch ein. Ein leises "Danke" kam über ihre Lippen, gefolgt von der Frage: "Hast du schon was rausgekriegt, denn Wesley hat sich heute auch noch nicht gemeldet?"

Nachdenklich rieb Angel sich die verbrannte Hand. "Ich habe noch einmal mit Madam Dorion gesprochen und war anschließend bei Nabbit. Unser Scheck ist in Sunnydale eingelöst worden."

Cordelia bekam große Augen. "Sunnydale? Wieso ausgerechnet Sunnydale? Mir fielen auf Anhieb zig bessere Orte ein, anstatt Urlaub am Höllenschlund."

Ratlos hob Angel die Schultern und steuerte die Tür zu seinem Büro an. "Keine Ahnung, vielleicht, weil Lina eine Halbdämonin ist und dort einen Zufluchtsort für sich sieht?"

"Dann sollten wir am besten gleich mal Buffy und Giles anrufen. Vielleicht können die ja..." Schon auf halben Weg zum Telefon bemerkte Cordy jedoch Angels verneinenden Blick und sah ihn fragend an. "Was? Wieso denn nicht? Ich meine..., ich kann doch auch nur Giles Bescheid geben, - der hat momentan ohnehin nix zu tun, wenn du nicht willst, dass Buffy damit belästigt wird."

Erneut schüttelte Angel den Kopf. "Nein, ich finde, wir sollten keinen von beiden damit belästigen. Das ist unsere Angelegenheit und nicht ihre. Die zwei haben genug mit den Kreaturen bei sich zu schaffen. Außerdem ist Wesley gerade auf dem Weg dorthin. Ich vertraue ihm. Er wird das schon machen und sich melden, wenn er Hilfe braucht."

Obwohl Cordelia das Ganze nicht so richtig verstand und es sie wunderte, dass Angel Wesley allein nach Sunnydale fahren ließ, verkniff sie sich jeglichen weiteren Kommentar. Wenn der Boss unbedingt wollte, dass sie Feierabend machte, dann ließ sie sich das nicht zweimal sagen. Im Gegensatz zu diesem unerträglich heißen Tag im Büro hatte ihr Hausgeist Dennis bestimmt schon für eine gut gekühlte Wohnung gesorgt und genau das hatte sie sich reichlich verdient.

 

 
Sunnydale

 

Sorgfältig schloss Willow Amys Gittertür am Käfig, nachdem sie die kleine Ratte gefüttert hatte, und schielte zu Buffy, die auf ihrem Bett hockte. "Hey, was ist denn los? Magst du heute nicht aufstehen? Keine Lust zur Vorlesung?"

"Hm, was?" Gedankenverloren blickte Buffy auf und zupfte an einer Haarsträhne, die ihr ins Gesicht hing.

"Ich fragte, ob du keine Lust zur Vorlesung hast, w-weil du dir heute soviel Zeit lässt."

Langsam schob Buffy sich auf dem Bett nach vorn, ließ die Beine über den Rand baumeln und sah an Willow vorbei zu Amys Käfig. "Manchmal frage ich mich, ob Amy mit ihrem jetzigen Leben zufriedener ist als früher? Ich meine, im Grunde geht es ihr doch viel besser als vorher. Sie braucht sich keine Gedanken um das Morgen machen und keine Sorgen um andere. Sie hat immer reichlich zu fressen und lebt ruhig in ihrem Käfig. Es kümmert sie nicht, was außerhalb der Stäbe passiert."

Willow verstand den Zusammenhang von ihrer Frage zu Buffys Antwort nicht so ganz. Was hatte Amys Leben als Ratte mit dem gewöhnlichen Morgen eines Studenten zu tun? Gut, Buffy war alles andere als eine normale Studentin, aber eigentlich hatte Willow gedacht, nach dem Sieg über Adam hätte Buffy endlich etwas Abstand und Ruhe gefunden, zumal sich dämonische Aktivitäten in Grenzen hielten.

"Buffy, was ist denn los mit dir? Stimmt was nicht mit dir und Riley?" Bei letzter Frage biss Willow sich schnell auf die Lippe, denn sie hatte noch nicht Buffys missbilligenden Blick nach ihrem letzten Ausrutscher hinsichtlich der Erwähnung Parkers vergessen. Doch das schien offensichtlich nicht das Problem zu sein, wie Willow an Buffys Miene erkennen konnte. Es ging um etwas anderes. "Oder geht da draußen schon wieder was Unheimliches vor? Du warst doch gestern bei Giles? Hat er irgendwas gesagt? Alles o.k. bei ihm?"

Wie öfters plapperte Willow ohne Luft zu holen und wartete gleichzeitig gespannt auf eine Antwort der Freundin, insofern sie eine Gelegenheit finden würde. Und da war es auch schon, Buffys grimmiges Zusammenziehen der Augenbrauen und Kräuseln der Mundwinkel bei der Erwähnung von Giles' Namen. Das allein war Willow Antwort genug. Sie war dabei gewesen, als Xander von Giles' komischen Verhalten erzählte und einen mysteriösen Brief mit unschönen Fotos erwähnte. Sie hatte beobachtet, wie Buffy schweigend, aber sehr aufmerksam die Nachricht von Giles' offensichtlicher Geheimniskrämerei aufnahm. Obwohl sie alle die letzten Wochen und Monate wenig Zeit für einander hatten und ganz besonders Buffy mit Riley das Leben zweier Eigenbrötler vorzog, so wußte Willow doch, dass Buffy unter der entstandenen Kluft zu ihrem ehemaligen Wächter litt. Durch die letzten schlimmen Ereignisse waren sie sich zwar wieder ein Stück näher gekommen, aber die vielen unausgesprochenen Worte schienen verloren. Die Zeit für das Eingeständnis von Empfundenem verstrichen.

Nach einer Weile des Schweigens hakte Willow mit einem wissenden "Ah... hm, also es geht um Giles, richtig?" nach.

Verächtlich stieß Buffy Luft durch die Nase und schwang sich vom Bett. "Pfff... Giles und seine Vergangenheit. Wenn es eines auf der Welt gibt, was ein Mister Rupert Giles mehr hütet als sämtliche mystische Sakramente zusammen, dann seine Vergangenheit." Langsam in die Sachen steigend sah Buffy hilflos zu Willow. "Der Mann kann so verdammt stur sein. Das Ganze erinnert mich unweigerlich an diese dämliche Sache mit Eyghon beziehungsweise an seinen letzten Ausrutscher mit Ethan Rayne. Oh Mann, ich habe im Moment absolut keine Lust auf böse Überraschungen, nur weil der Herr so verflucht eigensinnig ist."

Mindestens genauso ratlos hob Willow die Schultern. "Vielleicht solltet ihr zwei mal richtig und in aller Ruhe miteinander reden. Wieder das Gefühl finden, für einander da zu sein."

Sicherlich, Willow hatte recht, das wußte Buffy nur zu gut. Sie musste mit Giles reden. Bald und vor allem ganz dringend, aber so oft wie Buffy sich genau das vornahm, schien nie der richtige Augenblick zu sein, schienen sie beide nie den richtigen Weg für eine gemeinsame, vertraute Richtung zu finden. Resigniert antwortete Buffy. "Ich hab's versucht, Willow... ich hab's versucht..."

 

Leise schlich Giles barfuss durch sein Wohnzimmer, warf einen kurzen Blick auf die schlafende junge Frau auf seiner Couch und huschte weiter in die Küche. Eigentlich fühlte er sich viel zu gerädert, um schon auf den Beinen zu sein. Der Alkoholgenuss der letzten Tage hing wie schweres Blei in seinen Gliedern und nach einer erneut mehr oder weniger schlaflosen Nacht, war er zu überdreht, um ruhig liegen zu bleiben. Dazu kam das aufwühlende Gespräch am Vorabend mit Lina und die Erkenntnis lauter neu aufgeworfener, unbeantworteter Fragen. Er fühlte sich schon lange nicht mehr so mies wie an diesem Morgen. Bis zum letzten Nachmittag glaubte er, mit der unschönen Nachricht von Rawiyas Tod umgehen zu können, aber seit der Begegnung mit ihrer Tochter und der traurigen Aufgabe, es ihr mitzuteilen, war das nicht mehr der Fall. Vielmehr begann es ihn immer mehr zu beschäftigen und nicht mehr in Ruhe zu lassen.

Zunächst war die Fortsetzung ihres Gespräches aus der Bar anschließend bei ihm daheim nur schleppend vorangegangen. Keiner wollte zu erst mit Reden beginnen und keiner schien so recht zu wissen, wir er sich dem anderen gegenüber verhalten sollte. Letztendlich fand Giles als erster den Mut und obwohl es nicht das erste Mal war, dass Giles eine Todesnachricht überbringen musste, fiel es ihm doch schwerer als erwartet. Denn damit begriff er selbst erst richtig, dass die alte Freundin nicht mehr am Leben war.

Lina hingegen nahm die Nacht vom Tod ihrer Mutter zunächst äußerlich recht gefasst auf. Giles' Worte drangen an ihr Ohr. Sie verstand auch deren Sinn, registrierte jedoch nicht deren Bedeutung, bis zu dem Augenblick, als sie die Bilder sah. Erst da wurde ihr bewusst, was wirklich geschehen war und sie sah einen plötzlichen Zusammenhang zu ihrem eigenen Überfall, auch wenn sie das Wieso und Warum nicht deuten konnte. Aufgelöst berichtete sie Giles stockend von den fremden Männern, die gewaltsam in ihre Wohnung eingedrungen waren, alles verwüstet hatten und sie mitnehmen wollten. Sie erzählte ihm davon, dass ihre Mutter ihn selbst nach all den Jahren immer noch liebevoll in ihren Briefen erwähnte. Dass sie ihm vertraute und er ihr doch schon einmal geholfen hatte. Dass er der einzige war, den sie um Hilfe bitten konnte.

Mit geschlossenen Augen an die Küchenwand zur Durchreiche gelehnt, ließ Giles den vergangenen Abend noch einmal Revue passieren. So viele Erinnerungen, alte und neue Gefühle, die er irgendwo verborgen hatte, waren in den wenigen Stunden auf ihn eingeströmt, dass er das eigentlich Problem, die Flucht der jungen Frau, völlig überhörte. Erst jetzt am Morgen, als er wach in seinem Bett lag, fügten sich ihre Worte mit dem Tod ihrer Mutter wie winzige Puzzlestücke in einem großen, noch völlig unfertigen Bild zusammen. Doch wer sollte den Tod der beiden Frauen wollen? Was hatte das Ganze zu bedeuten? Welche Rolle spielte Lina, dass man sie nach all den Jahren plötzlich hier ausfindig machte? Fragen über Fragen, auf die er jedoch beim besten Willen keine Antwort fand.

Giles hatte keine Ahnung, wie lange er regungslos an der Wand gelehnt hatte, als ihn das dumpfe Pochen an der Eingangstür aus den Gedanken riss. Die Idee des Wasserkochens verwarf er kurzerhand und blickte auf die Uhr. Morgens, um diese Zeit, wer sollte das sein? Er hatte nichts bestellt und erwartete auch niemanden. Mit einem "Moment - ich komm ja schon" trat er aus der Küche, als das Hämmern ungeduldig wurde. Verwundert registrierte er seine zerwühlte, leere Couch bevor er langsam zur Tür ging.

 
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