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Ruhe vor dem Sturm© by Birgitt (), Juni 2003
"Mr. Kennedy! Mr. Kennedy! Mr. Kennedy!", klang es durch die Tür, begleitet von dem Geräusch von Schritten auf dem Niedergang. Dann ein kurzer Moment der Stille, bevor es klopfte. Ich grinste. Henry Wellard hatte eine eigenartige Auffassung von Manieren. Dies bestätigte sich, als Wellard im nächsten Moment in die Offiziersmesse stürzte. "Mr. Wellard, irgendwann müssen Sie mich in das Geheimnis einweihen, welchen Sinn es hat, an eine Tür zu klopfen, die sie Sekunden vorher fast niedergebrüllt haben. Vor allem interessiert mich der Teil, warum Sie sich und vor allem mich der Gelegenheit auf eine entsprechende Entgegnung berauben und ohne Aufforderung eintreten." Er sah mich entsetzt an, als wüchse mir ein zweiter Kopf, faßte sich aber bewundernswert rasch. Und ignorierte meine Neckerei erfolgreich, indem er sich auf seine Befehle konzentrierte. "Mr. Kennedy, Mr. Hornblower schickt mich, Sie darüber zu informieren, daß es einen Sturm geben wird. Voraussichtlich innerhalb der nächsten zwei Stunden." Die Frage, die ich auf meinen Lippen hatte, schluckte ich herunter. Sie war nichts, was ich Wellard antun würde; sie wäre lediglich dazu geeignet, Horatio zu ärgern. Also richtete ich mich auf und legte mein Tagebuch beiseite, in dem ich bis zu dieser Unterbrechung die Einträge der letzten Tage gelesen hatte. "Mr. Wellard, richten Sie Mr. Hornblower meinen Dank für seine Umsicht und Besorgnis um meine Person aus. Ich werde die notwendigen... Schritte unternehmen." Wellard mochte ein Frischling sein, doch er war intelligent genug, den kleinen Scherz herauszuhören. Bei allem gebührenden Respekt und der gebotenen Zurückhaltung gegenüber vorgesetzten Offizieren war er niemand, der dafür das Denken ausschaltete. Eine Eigenschaft, die ich als erstaunlich erachtete. Gerade weil ich genügend Zeit damit verbracht hatte, meinen eigenen Mangel daran zu bedauern. Mit einem Lächeln verbeugte sich Wellard knapp. "Sir!" Er war noch schneller aus der Messe verschwunden, als er darin aufgetaucht war. "Horatio, Horatio! Du bist wahrhaft eine Glucke. Ich danke den Göttern, daß dich die Pflicht an Deck hält. Du brächtest es fertig, mich eigenhändig zuzudecken." Vorsichtig stand ich auf, hielt mich mit einer Hand an der Holzvertäfelung fest, um so die Belastung für meinen rechten Fuß auf ein Minimum zu reduzieren. Ich zog eine Grimasse, nicht so sehr vor Schmerz, sondern wegen der Erinnerung an meinen gestrigen Unfall, der mir diesen verlängerten Aufenthalt in der Messe eingebracht hatte. Ich haßte jeden Augenblick, den ich hier unten allein verbringen mußte, aber auch die Gesellschaft der Offiziere der Freiwache trug nicht viel zu einer Verbesserung meiner Laune bei. Ich wollte raus und an die frische Luft. Auch wenn es heute um diese frische Luft nicht gut bestellt war. Es ging kaum eine Brise, die Renown lag ruhig. Viel zu ruhig. Ich machte mir nicht die Mühe, das Taschentuch aus meinem Rock zu ziehen, der am Fußende meiner Koje lag, und wischte mir mit dem Hemdsärmel über die schweißnasse Stirn. Meine Kleidung war ohnehin in einem mehr als desolaten Zustand, ein wahres Abbild meiner Stimmung. Gerade in dieser Situation von allem Geschehen abgeschnitten und auf Hören-Sagen angewiesen zu sein, trieb mich an den Rand des Wahnsinns. Vor den Männern könnte ich es kontrollieren, verbergen - so wie gerade bei Wellard -, aber die vom Arzt verordnete Einsamkeit entband mich ungewollt von dieser Anstrengung. Für einen Moment spielte ich mit dem Gedanken, die Anweisungen von Dr. Clive zu ignorieren und an Deck, nun ja, zu hüpfen. Die Ruhe auf dem Schiff machte mich nervös, und es war mehr als die gewöhnliche Ruhe vor dem Sturm. Wohl hatte ich zur Zeit kaum Kontakt zur Mannschaft, aber ich ahnte oder spürte, das etwas in der Luft lag. Seit dem Zwischenfall, bei dem ich mir den Fuß verknackst hatte, schien die Besatzung eine eigentümliche Lähmung befallen zu haben. Die Details hatte ich natürlich von Horatio erfahren, der sie mir gestern abend in einem geflüsterten Gespräch mitgeteilt hatte. Ich war etwas benommen gewesen von dem Schmerzmittel, aber Horatio hatte es geschafft, zum noch aufnahmefähigen Teil meines Hirns durchzudringen.
"Archie, du bist dir im Klaren darüber, daß dies kein simpler Unfall war." Sein Gesicht war dicht vor dem meinigen; in dem schwachen Licht waren seine Pupillen geweitet. Ich hatte Mühe, mich auf seine Worte zu konzentrieren. Vor allem fiel es mir schwer zu verstehen, warum er so aufgeregt war. "Horatio, du... du solltest mich besser kennen. Natürlich war es keine Absicht. Ich werde den Teufel tun und Styles wegen dieses Vorfalls bei Buckland anschwärzen. Falls überhaupt jemanden so etwas wie Schuld trifft, ist es dieser Tolpatsch Randall. Ich frage mich, wie der auf der Renown--" "Das ist exakt der Punkt, Archie. Randall ist alles andere als ein Tolpatsch." Horatio gab mir Zeit, seine Worte zu verdauen. Sehr erfolgreich war ich nicht. Es war zu warm in der Messe, ich war zu müde und ich wollte nichts als schlafen. Geh weg, Horatio. "Was?" "Archie, bitte, du bist der einzige, mit dem ich darüber sprechen kann. Ich habe keine Beweise, daß Randall irgend etwas im Schilde führt, außer sich mit Styles anzulegen." Endlich begriff ich, worauf er hinauswollte. Aber es half nicht sonderlich, daß ich mir selbst auch schon Gedanken über die Stimmung in der Crew gemacht hatte. Aber ohne Beweise-- "Solange wir diese Beweise nicht haben, bleibt uns wohl nichts anderes übrig als abzuwarten. Und die Augen offen zu halten. Matthews kümmert sich um Styles, nicht wahr?" Horatio schnaubte. "Soweit das bei Styles etwas nutzt. Er ist kein Dummkopf, aber seine Fäuste sind bei weitem schneller als--" Er brach ab und tippte sich an die Stirn. "Dieser Vorfall war ziemlich eng. Es hätte ihn an den Galgen bringen können. Du hättest dir deinen Hals brechen können bei dem Sturz." "Habe ich aber nicht. Und der Fuß kommt wieder in Ordnung, das ist keine Sache. Eher vergiftet mich Clive." Ich gähnte, wie um mein Argument zu unterstützen. "Versprich mir, die Augen offenzuhalten." Ich verdrehte die Augen. Witzig, Horatio. Er lächelte. "Auch wenn du im Moment nicht viel tun kannst--" "Horatio, du kannst dich darauf verlassen, daß ich dich bei diesem Haufen nicht im Stich lasse. Gott, ich vermisse die Indy. Und Pellew. Sawyer kann ihm nicht das Wasser reichen." "Archie, sei vorsichtig, solche Reden können dich in Schwierigkeiten bringen." "Ja, Mama. Läßt du mich jetzt schlafen?" Er grinste zu mir runter und für eine Sekunde rechnete ich damit, daß er mich zudeckte und mir die Stirn küßte. "Wie wäre es mit Frühstück ans Bett?" Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte ich mich um und zog mir die Decke bis ans Kinn.
Ich hatte den ganzen Tag Zeit gehabt, mir Horatios Andeutungen durch den Kopf gehen zu lassen. Es braute sich etwas zusammen, und ich konnte keinen Grund, ganz zu schweigen von einem Motiv, dafür erkennen. Abgesehen von der Windstille, die allen an den Nerven zerrte. Ich mußte aus dieser Kammer raus. Vielleicht war das der eigentliche Grund für Horatios Sturmwarnung gewesen. Ich ließ mich auf die Bettkante nieder und angelte nach meinen Stiefeln. Wenn ich da hinein kam, sollten sie mir genug Halt geben, daß ich nach oben konnte. Schließlich gab es an Deck nicht gerade einen Mangel an Möglichkeiten sich festzuhalten. Hoffentlich kam Sawyer nicht auf die verrückte Idee, mich den Mast hochzuscheuchen. Es stellte sich heraus, daß mein Fuß bei weitem nicht so geschwollen war, wie ich angenommen hatte. Es dauerte ein paar Minuten, doch meine Taktik ging auf. Nach ein paar Minuten Humpelns in der Messe machte ich mich an die Aufgabe, den Niedergang hoch zu kraxeln. Die Aussicht auf relativ frische Luft war Ansporn genug, die Zähne zusammenzubeißen. Der erste, der mir begegnete, war Matthews. Sein Gesichtsausdruck ließ mich grinsen. "Nun, Matthews, sind wir bereit für ein bißchen Wind?" Er schloß den Mund und grinste. Er deutete aufs Achterdeck. "Zu viele Gebete von zu vielen wichtigen Männern, Sir. Wir werden mehr Wind bekommen als uns lieb ist." "Wir werden damit leben müssen." "Aye, Sir. Und wir werden damit segeln müssen." Lachend humpelte ich an ihm vorbei. "Sir, brauchen Sie Hilfe?" "Danke, Matthews, aber ich will nicht riskieren, wieder unter Deck zu müssen." Ich wollte weiter, als mir ein Gedanke kam. "Matthews, alles in Ordnung mit Styles?" "Aye, Sir. Es ist zwar anstrengend, ihn von Randall wegzuhalten, aber es lohnt sich." "Möchte ich meinen." Vor Buckland angekommen meldete ich mich offiziell zurück. "Fourth Lieutenant Kennedy meldet sich dienstfähig." "Willkommen zurück, Mr. Kennedy. Sollten Sie nicht das Einverständnis von Dr. Clive einholen?" Verdammter Dienstweg. Gott sei Dank wußte ich, wo Clive sich um diese Tageszeit aufhielt. Und Buckland wußte es auch. "Aye, Sir. Sobald Dr. Clive verfügbar ist, werde ich dies nachholen." "Sehr gut, Mr. Kennedy. Genießen Sie den Rest Ihrer Freiwache." Ich salutierte, nickte Bush zu und stellte mich neben Horatio. "Wie geht es dem Fuß, Archie?", fragte er ruhig, ohne mich anzusehen. "Wenn du mich nicht an den Fuß erinnerst, vergesse ich vielleicht, daß es meiner ist und schmerzt." "Keiner hat dich gezwungen, an Deck zu kommen." Ich riskierte einen Blick aus dem Augenwinkel. Ohne Zweifel, Horatio lächelte. Zeit, ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen. "Natürlich nicht, Horatio. Aber ich möchte doch den Sturm erleben, den du mir versprochen hast." Horatio neigte leicht den Kopf, sein Ausdruck grimmig. "Galgenhumor, Archie?" In der Tat, Mr. Hornblower, in der Tat.
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