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Auch ein Macho ist manchmal einsam© by Aisling (), August 2003
Chris Schwenk fragte sich, was ihn ausgerechnet am Christopher-Street-Day zum Frankfurter Römer getrieben hatte. Es war doch viel zu laut und viel zu bunt und dazu noch die ganzen Schwulen, die ihn anmachten. Nicht, dass er damit Probleme gehabt hätte. Seitdem er vor einigen Jahren mal für kurze Zeit bei Eddie eingezogen war, konnte ihn in der Hinsicht nichts mehr schocken. Aber er war nun mal hundert Prozent Hetero und es war einfach nur lästig, die ganzen Angebote abzulehnen. Und jetzt hatte er sich an die Laterne gelehnt, betrachtete das bunte Treiben, das sich vor seinen Augen abspielte. Er hoffte, dass er von den Jungs in Ruhe gelassen würde, und sinnierte über sein Leben. Fragte sich, seit wann er sich wie ein Oktopus fühlte. Damals, als er mit Helen zusammen war und Mike mit Edgar, da war seine Welt noch in Ordnung gewesen. Der Verfall begann schleichend. Erst ging er mit Helen zum Drogendezernat, damit er sie wenigstens während der Arbeit sah. Aber durch diesen aufreibenden Job hatten sie kaum noch Zeit, sich mit Mike und Eddie zu treffen. Dann trennten sich die beiden im Streit. Mike hatte nie erzählt, was vorgefallen war. Chris und Helen mussten sich damals entscheiden, ob sie ihre spärliche Freizeit mit Mike oder mit Eddie verbringen wollten, und da hatte Eddie den Kürzeren gezogen. Es lag nicht daran, dass sie Eddie weniger mochten, aber dadurch, dass Mike auch bei der Polizei arbeitete, konnten sie über Sachen reden, die Eddie einfach nicht verstand, weil er diesen Scheißjob nicht hatte. Als einige Monate später Helen die Karriereleite ein Stück empor fiel und nach Berlin versetzt wurde, da entschied sich Chris, nicht mitzugehen. Es war nicht so, dass er Helen nicht mehr liebte, eher dass Helen ihn nicht mehr liebte. In den zwei Jahren gemeinsamen Dienstes war bei Helen aus Liebe Freundschaft geworden und weil sie keine Zeit für die Suche nach einem anderen Partner hatte, gingen sie auch noch gemeinsam ins Bett. Es war okay, aber Chris reichte es nicht, um in Frankfurt alles aufzugeben und nach Berlin zu ziehen. Er hatte keine Lust, eher früher als später durch einen anderen ersetzt zu werden. Seine Gefühle für Helen waren damals noch zu tief. Er nahm die Möglichkeit wahr, sich in aller Freundschaft von ihr zu trennen. Er übernahm ihre Wohnung, die sie zwei Jahre geteilt hatten. Chris hatte überlegt, ob er nicht wieder in seine alte Fahndungsgruppe gehen sollte, aber seit seinem 'Coming Out' gab es zwischen Chris und seinen damaligen Kollegen eine gewisse Spannung, die einer guten Zusammenarbeit im Wege stand. Und das würde ihm seinen Job vermiesen. So blieb er bei der Drogenfahndung, hatte aber unter seinen Kollegen keine wirklichen Freunde. Das Schlimmste war, dass Chris nach Helens Weggang einen neuen Partner zugewiesen bekam, der sich mit der Zeit als absolutes Arschloch erwies, und sie sich gegenseitig das Leben schwer machten. Aber er war ihn in den letzten Jahren nicht los geworden und hasste ihn inzwischen wie die Pest. Dadurch wurde ihm auch die Arbeit verleidet. Durch seine einfach unmöglichen Arbeitszeiten und wegen der Tatsache, dass Mike zwei Jahre nach seiner Trennung von Eddie einen festen Freund hatte, mit dem er seine gesamte Freizeit verbrachte, gab es immer weniger Kontakt mit seinem alten Partner. Sein alter Partner hatte keine Zeit mehr, weil dessen Freund, ein erzkonservativer Banker, Besseres vorhatte, als mit Mikes Freunden am Samstag gemütlich ein Bierchen zu trinken und über Gott und die Welt zu reden. Da waren Opernbesuche und edle Partys angesagt. Seitdem dachte Chris darüber nach, ob er sich nicht wieder mit Eddie zu einem Bummel durch die Bars verabreden sollte. Aber ein Kumpel, der gerne 'roten Libanesen' rauchte, machte sich schlecht in der Personalakte eines Polizisten. Chris wusste, dass dieses Argument nicht stimmte. Nicht bei ihm und Eddie. Ehrlich gesagt wusste er nicht, wie er sich Eddie gegenüber verhalten sollte. Chris hatte ein schlechtes Gewissen, weil er ihre Freundschaft einfach so auf Eis gelegt hatte, ohne Eddie zu fragen. Soweit er sich erinnern konnte, war der letzte Kontakt ein Spruch von Eddie auf Helens und seinem Anrufbeantworter gewesen, den sie aus Zeitmangel, wie so viele vorher, nicht beantwortet hatten. Dann hatte Eddie wohl aufgegeben. Er fragte sich, wie oft er in den letzten Monaten schon den Hörer in der Hand gehalten hatte und sich doch nicht getraut hatte Eddies Nummer zu wählen. Wie sollte er es denn erklären, dass er sich jahrelang nicht gemeldet hatte?
"Hallo Süßer, hast du Lust mich heute zu begleiten? Ich kenne da eine kleine Bar, wo wir tanzen können." Nicht schon wieder. Chris verdrehte genervt die Augen und sah sein Gegenüber einfach nur an. Dieser Blick schien zu reichen, denn zwei Sekunden später war Chris wieder allein und versuchte, seinen Gedankenfaden wieder aufzunehmen.
Im Gegensatz zu seinem Berufsleben durfte er sich über sein Privatleben gar nicht beschweren. Ein Jahr nachdem er sich von Helen getrennt hatte, war Gabi in sein Leben getreten. Die Beziehung hatte drei Jahre gedauert. Es hatte zwar manchmal Krach gegeben, weil er seine spärliche Freizeit nicht nur mit ihr, sondern auch mit seinem ehemaligen Partner verbringen wollte. Chris gestand sich ein, dass dies ein Grund für ihre Trennung vor zwei Monaten gewesen war. Was wollte eine Frau mit einem Mann, der nie zu Hause war? Ihre Beziehung war doch zu einer WG mit gelegentlichem Sex geworden. Sie wohnte immer noch bei ihm, da der Wohnungsmarkt in Frankfurt immer noch katastrophal war und er es nicht übers Herz gebracht hatte, sie raus zu schmeißen. Mit Grauen dachte er an seine Odyssee, als Uschi ihn vor die Tür gesetzt hatte. Gabi war auch der Grund für seine heutige Flucht aus der eigenen Wohnung gewesen. Ihre beste Freundin kam zu Besuch. Zwei Frauen, die kichernd im Wohnzimmer saßen, ihm die Bude voll qualmten und auch noch für Chaos in den Räumen sorgten. Da hatte er lieber das Feld geräumt. Er bekam einen Horroranfall, wenn er an das Schlachtfeld in der Küche dachte. Ganz besonders, weil Gabi den Dreck und die Unordnung nicht interessierten, was auch ein Grund für das Ende der Beziehung war. Und nun sah er sich schon wieder in der Küche stehen und die Spuren des Frauenabends beseitigen. Schöne Sonntagsbeschäftigung. Von Beziehungen hatte er jetzt erstmal genug. Er freute sich schon auf den Tag, an dem Gabi endgültig aus seinem Leben verschwinden würde und er seine Ruhe hatte. Einen wirklichen Freund, zu dem er sich hätte flüchten können, gab es nicht mehr. Nur lauter gute Bekannte, mit denen man aber nicht über die wirklich wichtigen Sachen des Lebens reden konnte. Und damit war er wieder beim Oktopus angekommen. Frustriert seufzte er auf. Der Lärm und die farbenfrohen Klamotten bereiteten ihm Kopfschmerzen. Chris beschloss, den Römer zu verlassen und eine Runde durch die Kneipen zu ziehen. Besoffen würde er sein Schicksal leichter ertragen können. Und vielleicht würde er irgendwann im Laufe des Abends in netter weiblicher Gesellschaft sein. Aber dazu kam er nicht, denn eine Hand schloss sich um sein Handgelenk und er wurde mitgerissen. Mitgerissen von einem Paar grün-brauner Augen, die ihn anstrahlten, mitgerissen von einem Lächeln, dass diesen Mund so geheimnisvoll umspielte, mitgerissen von einer starken Schulter, an die er sich anlehnen konnte, mitgerissen von einem Kuss, der einfach nur gigantisch war. Am nächsten Morgen fragte sich Chris, warum er so viele Jahre gebraucht hatte, um herauszufinden, dass nicht mehr nur hetero, sondern hundertprozentig in Eddie verliebt war. Der Oktopus war nicht länger einsam.
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