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Black Shampoo

© by Birgitt (), August 2003

 

Disclaimer: Ich besitze keinerlei Rechte an den Charakteren und den Ereignissen aus der Buchserie Harry Potter (J.K. Rowling). Gleiches gilt für den Film Robin Hood, Prince of Thieves (Morgan Creek; Warner Bros.) und die Serie Highlander (Panzer/Rysher). Ich beabsichtige in keinerlei Weise, diese Rechte zu verletzen. Zwar besitze ich die Rechte an dieser Geschichte, habe aber keine Intentionen, durch sie materielle Vorteile zu erlangen.
Anmerkung: Die Entstehungsgeschichte dieser Story in Stichpunkten... Slash/Ship-Diskussion auf der FFP, CSD-Challenge auf der FFP, Beta-Arbeit an einer Snape-Story, Telefonat mit Aisling, Shampoo/Lyrics-googlen. All dies fiel auf den furchtbaren - ähem - fruchtbaren Boden der exzellenten Darstellung von Alan Rickman als Sheriff of Nottingham in Robin Hood, Prince of Thieves. Etwas gewürzt mit dem Wu Tang Clan (Black Shampoo) für den Titel und Falco (Jeanny) für ihr-werdet's-hoffentlich-beim-Lesen-merken. Ein Hauch MASH und Hornblower, aber nur ein Hauch! Noch Fragen? Das ist die letzte Chance, die Zeit der Warnungen ist vorbei.
Widmung: Black Shampoo ist Aisling gewidmet, der ich dieses Plotbunny verdanke, auch wenn es letztendlich mal wieder ein Eigenleben entwickelt hat. Ich hoffe, meine Variationen des Potterversums schmerzen nicht zu sehr!
Archiv: Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de)

 
Prolog
Freudianischer Auftakt

 

Es gibt Gefahren des Lehrberufes, die einem niemand bei der Einstellung oder während des Studiums mit Nachdruck vor Augen hält. So diszipliniert und brav die Schüler sein mochten, so fähig und kompetent der Lehrer sein mochte, eines änderte sich nie: Jeder Klassenraum war von Natur aus mit einem Brennglas für das äußere Erscheinungsbild der Lehrkraft ausgestattet. Auch der dümmste Schüler, auch das höflichste Kind wurde zum gnadenlosen Kritiker für Kleidung, Gewicht und Frisur des Lehrers.

So nahmen allmorgendlich Pickel die Ausmasse von Tennisbällen an, eine Gewichtszunahme von ein paar Gramm ließ auch besenstieldürre Pädagogen schaudern, Kleidungsstücke führten Krieg mit allen möglichen und unmöglichen Körperteilen, ein winziger Haarwirbel ließ den Eindruck entstehen, die Frisur käme direkt aus der Steckdose oder sei ein Ergebnis des nächtlichen Gewittersturms, Tränensäcke hingen mindestens bis auf Höhe - bzw. Tiefe - der Kinnlade herab. Eine durchzechte Nacht war ein Garant für einen grauenhaften Schultag und war aus diesem Grunde auf das Wochenende zu verlegen. Haarschnitte bitte nur zum Beginn der Sommerferien und modische Experimente lediglich im stillen Kämmerlein, ohne Zeugen.

Natürlich gab es genügend Ignoranten und dickfellige Zeitgenossen in den diversen Lehrkörpern, die diese Betrachtungsweise nicht akzeptierten und die Nöte ihrer Kollegen nicht verstanden, sie sogar als Mimosen ansahen, die sich von dem Psychoterror ihrer Schüler schlaflose Nächte bereiten ließen. Aber diese sogenannten Mimosen konnte man an den überraschendsten Plätzen antreffen. Viele von ihnen lebten unerkannt mit ihren Ängsten, verarbeiteten ihre Begegnungen der schrecklichen Art in wilden Alpträumen. Die nun folgende Erzählung berichtet von den Erlebnissen eines der unwahrscheinlichsten Opfer des SAS (Schüler-Aufmerksamkeits-Syndrom).

 

 
Kapitel 1
Träume durch Schäume

 

Schweißgebadet schreckte Severus Snape in seinem Bett hoch. Keuchend sah er sich im Dämmerlicht um, lauschte seinen eigenen hektischen Atemzügen; er hatte das Gefühl, die letzten Zeilen des Spottgesangs, der ihn in seinem Traum heimgesucht hatte, noch zu hören. Aber das war unmöglich, es war ein Traum, definitiv ein Traum. So etwas Unerhörtes würde in der Realität niemals stattfinden. Sich vorzustellen, Harry Potter würde ihn angrinsen und dieses schreckliche Lied singen. Mitten im giftmischerdüsteren Unterricht.

 

Fetthaar, du kannst noch so schäumen

Fetthaar, hör doch auf zu träumen

Das ist der Severus-Blues

Schmierige Locken

Haare nie trocken

Nie duftig oder gar fein

Du bleibst immer allein

 

Und Potters bester Freund, Ron Weasly, unterstützte den Refrain mit einem Sprechgesang. "Dein Shampoo ist ein Dreck. Du hast es gekauft und ich habe es gesehen. Zuviel Schaum in deinen Haaren." Ein Alptraum, nicht mehr. Aber es reichte völlig aus, daß seine Phantasie ihm Streiche spielte und ihn um seinen erholsamen Schlaf brachte. Es verging kaum eine Nacht, in der er nicht von seinen bebilderten Ängsten heimgesucht wurde.

Kraftlos schleppte er sich ins Badezimmer, ignorierte die unübersehbare und unüberschaubare Batterie an Phiolen, Fläschchen und Töpfchen, die er in einem Regal, das eine komplette Wand bedeckte, aufgereiht hatte. Zeugnis seiner vielen Experimente, die eine nachhaltige Säuberung seines Haupthaares zum Ziel hatten. Doch über einen zufriedenstellenden Wirkungsgrad, der mehr als eine halbe Stunde anhielt, war er nie hinausgekommen. Zauber hatte gar nicht genutzt, und die nach simpler Muggelart hergestellten Mischungen brachten ihn auch nicht weit. Alle handelsüblichen Produkte hatte er längst durch. Er war am Ende seiner Fähigkeiten, am Ende seiner Geduld, am Ende mit den Nerven. So konnte es nicht weitergehen, aber eine Lösung sah er nicht. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich auf einfaches Waschen mit Wasser und CD zu beschränken, damit erzielte er noch den größten Effekt.

Das schlimmste war seine eigene Wahrnehmung. Er hatte bereits alle Spiegel und reflektierenden Oberflächen in seiner Umgebung mit dem Dorianus Graius-Spruch belegt, um seinem Anblick zu entkommen. Wäre der Anlaß nicht ein so verzweifelter gewesen, so wäre er auf den DG, den er entworfen hatte, wirklich stolz. Es handelte sich um eine diffizile Variante des Standard-DGs. Letzterer hielt die Reflektion in einem konstanten Zustand von Schönheit und hatte immer eine Inkarnation der Person, die sich spiegelte, zur Grundlage. Snapes DG hingegen variierte und er hatte zudem eine Zufallskomponente eingebaut. Jedes Spiegelbild war eine Überraschung und hielt das Ganze abwechslungsreich.

Doch leider hatte Dumbledore ihm den DG außerhalb Snapes eigener Räumlichkeiten verboten. Snape war sich sicher, daß Dumbledore das Verbot gerne grundsätzlich ausgesprochen hätte, doch das hätte einen zu schwerer Eingriff in die Privatsphäre eines angesehenen Zauberers bedeutet. So mußte Snape in der Schule mit dem Anblick seiner Haare leben, ebenso mit den nächtlichen Heimsuchungen. Und natürlich mit der ständigen Angst im Nacken, daß seine Nachtmahre irgendwann eine Premiere in der Realität feiern würden.

 

 
Kapitel 2
Magische Mission

 

Es war schwierig, sich von dem Anblick des langen Bartes loszureißen. Haare über Haare. Nicht fettig. Zwar nicht ganz meine Farbe, aber sonst...

"Severus, würdest du mir bitte etwas deiner Aufmerksamkeit schenken? Schließlich habe ich dich aus gutem Grund zu diesem Gespräch gebeten."

"Natürlich, Albus. Ich gestehe, ich bin neugierig. Schließlich kommt es nicht oft vor, daß du mich unter diesen... Umständen sprechen möchtest." Genau genommen ist es Jahre her, daß wir ein Gespräch unter vier Augen geführt haben, ohne daß dem eine Katastrophe vorausgegangen war.

"Du mußt zugeben, daß die Zeiten sich geändert haben. Und noch gravierendere Veränderungen stehen uns bevor. Deshalb müssen wir jede Gelegenheit ergreifen, die sich uns bietet, unsere Reihen zu stärken. Außergewöhnliche Situationen verlangen nach außergewöhnlichen Maßnahmen, Severus."

Unwillkürlich mußte Severus lächeln. "Wenn du diese Worte gebrauchst, Albus, bin ich ziemlich sicher, daß es etwas mit den Muggeln zu tun hat."

"Genau diese Art von Aufmerksamkeit wirst du am Wochenende brauchen, Severus. Ich weiß nicht, ob du schon von einer Veranstaltung gehört hast, die Christopher Street Day genannt wird?" Es war eine rhetorische Frage, aber Snape nickte kurz und Dumbledore fuhr fort. "Ich habe dir von den Bibliowürmern einiges an Material zusammenstellen lassen. Die aktuellen Fakten wirst du auf deiner Reise nach London recherchieren."

Snape war sich nicht sicher, ob er entrüstet sein sollte, wie selbstverständlich Dumbledore ihn in die Muggelwelt schickte, oder ob er sich geschmeichelt fühlen sollte, daß er so vorbehaltlos über die Nutzung von Muggelresourcen mit ihm sprach. Viele Hardcore-Zauberer hätten dafür seinen Kopf gefordert. "London?"

"Ich möchte, daß du dem CSD in London an diesem Wochenende beiwohnst. Wie alle Muggelaktivitäten hat die Parade im Laufe der Zeit viel von ihrer Ursprünglichkeit verloren, doch noch steckt genug Magische Energie in ihr, die wir uns zunutze machen können und auch sollten. Müssen - in Anbetracht unserer Lage."

"Magische Energie? Bei den Muggeln?"

"Severus, gerade du müßtest doch wissen, daß Äußerlichkeiten in die Irre führen können. Und wenn du nur einen Schüler findest oder einen für Magie empfänglichen Geist--"

"-- bin ich der Letzte, der geeignet ist, ihn für uns zu gewinnen."

"Aber du bist der Beste, ihn zu finden. Du durchschaust die Fassaden der Eitelkeit und der Affektiertheit, nimmst keine Rücksichten auf Namen und Herkunft. Ich brauche einen kritischen Geist dort draußen, einen Kämpfer, der andere Kämpfer erkennt."

"Kann ich ablehnen?" Dumbledore sah ihn wortlos an. Er wußte, was auch Snape wußte. Er würde nach London fahren. Seufzend fragte er, "Soll ich dir etwas mitbringen?"

"Alles, was du-weißt-schon-wem schaden kann."

 

 
Kapitel 3
Am Anfang des Regenbogens

 

Ereignisse wie heute brachten Snape zum Grübeln und ließen ihn Vermutungen anstellen, wie die Muggelverbindungen Dumbledores wirklich aussahen. Flug Erster Klasse von Edinburgh nach London, komplette Ausstattung und Garderobe für seine Mission, ausreichend finanzielle Mittel in Form von Plastikgeld, Aufenthalt im Thistle Marble Arch, eine Suite mit erstklassigem Equipment in jeder Hinsicht.

Die Nacht in Edinburgh hatte er dazu genutzt, Severus Snape in BJ Kennedy zu verwandeln. Ganz ohne Zauberkraft. Simple Muggelmagie. Zahlen Sie mit Ihrem guten Namen. BJ Kennedy hat einen guten Namen. Big Business. Wichtige Termine in London. Als Snape ins Flugzeug stieg, sah er auch so aus. Dunkler Anzug und Kravatte (kurz nach Mitternacht-blau), hellblaues Seidenhemd, passende Schuhe aus einem Leder, das ihn wie auf Wolken laufen ließ. Und zum ersten Mal störte ihn auch der Zustand seiner Haare wenig. Streng zurück gekämmt und zu einem Zopf zusammengebunden wirkte es, als wäre es gegelt.

Die wenigen Stunden vor Beginn der Parade nutzte Snape, um sich auszuruhen. Er genoß die seidenweichen Laken, die kühl auf seiner Haut lagen, ließ seine Gedanken treiben. Dumbledore kannte ihn gut. Er hatte diesen... Ausflug gebraucht. Die Tage und Wochen in Hogwarts zogen sich oft in die Länge, ein Monat kam ihm manchmal wie ein Jahr vor. Doch immer, wenn sie auf ein weiteres Schuljahr zurückblickten, wunderte er sich, wie schnell die Zeit verronnen war. Er würde dieses Wochenende auskosten, so gut er konnte.

Ein plötzlicher Gedanke ließ ihn unruhig werden. Wie wahrscheinlich ist es, daß Albus dich auf eine solche unsichere Reise schickt? Sie konnten sich keine Verschwendung leisten. So ein Trip ins Ungewisse... Die Alternative wäre ein genauer Plan, der seiner Anwesenheit in London zugrunde lag. Dumbledore nicht nur zuzutrauen, sondern dies wäre genau das, was er von dem alten Fuchs eigentlich erwarten sollte.

Diese Vermutung - die mit jeder weiteren Überlegung mehr zur Gewißheit wurde - änderte aber nichts daran, daß er vorhatte, seine Mission zu einem persönlichen Erfolg zu machen. In ein paar Stunden begann die Parade, er hatte sich schon ein Outfit überlegt, in dem Leder und nackte Haut eine große Rolle spielten. Seine neu entdeckte Frisur konnte er problemlos beibehalten. Eine Dusche inklusive Haarwäsche sollte den gewünschten Effekt haben. Laut Wettervorhersage würde es nicht so heiß und sonnig werden, daß ihm seine Blässe zur Gefahr werden würde. Schutz- und natürlich auch andere Zauber sollte er auf das Notwendigste reduzieren.

Leise seufzend griff er zum Telefon, das in Reichweite lag. Da er Tempus non fugit nicht benutzen wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als die Muggeleinrichtungen zu bemühen. "Wecken Sie mich in vier Stunden." Er wartete die Bestätigung nicht ab und war zwei Minuten später eingeschlafen.

 

***
 

Snape ließ das heiße Wasser an sich herunter laufen. Wie wohltuend Schlaf ohne Alpträume war. Wahrscheinlich ist meine ganze Haarsterie nur ein Ergebnis der Anspannung, unter der ich in der Schule stehe. Haarsterie... Sein Lachen stieg langsam an die Oberfläche, perlte schließlich aus ihm heraus. In perfekter Harmonie mit dem Wasser, das seinen Körper liebkoste, rann es seine Seele entlang. Albus, du Fuchs, diese Mission ist so sehr für mich wie auch für deine Pläne.

Mit leisem Bedauern drehte er den Hahn zu, schüttelte den Kopf, daß die Tropfen flogen. Er öffnete die Tür der Dusche und kühlere Luft mischte sich mit der von Dampf erfüllten. Er griff nach einem der großen Laken, die an der Wand bereit hingen, trocknete sich damit gründlich ab. Mit einem weiteren der weißen Frotteetücher wickelte er seine Haare ein. Barfuß tapste er ins Schlafzimmer, genoß das Gefühl des tiefen weichen Teppichs unter den Sohlen. Ihm war, als fielen mit jedem Schritt die Jahre von ihm ab.

Mit ein paar Handgriffen breitete er die verschiedenen Ausstattungen, die ihm für die Parade zur Verfügung standen, auf dem breiten Bett aus. Ein Anzug in hellem Weinrot, dazu ein weißes ärmelloses T-Shirt und WEISSE Slipper, ließen ihn seine Augen verdrehen. Da fehlen mir sowohl Bierbauch als auch die schweren Goldklunker an den Fingern. Er grinste bei dem nächsten Equipment. Er erinnerte sich dunkel an die Erzählungen über die sogenannten Happenings rund um das Muggelereignis Woodstock. Das weite Baumwollhemd, über und über mit Sonnenblumen bedruckt, und die weiße Jeans hätten famos in diese sogenannte Hippie-Bewegung gepaßt. Outfit Nummer drei kam seiner eigenen Phantasie schon sehr nahe, die Entscheidung fiel ihm nicht schwer. Lederhose und -schuhe, ein schmaler silberfarbener Gürtel, knapp diesseits der Kitschgrenze, ein weiterer Gürtel aus schwarzem Leder, eindeutig als Kravattenersatz gedacht. Dazu ein tiefrotes Hemd aus reiner Seide, eng geschnitten. Sehr eng, sehr durchsichtig.

In wenigen Minuten hatte er sich angekleidet, betrachtete sich vor dem unvoreingenommenen Spiegel, der seine ganze Gestalt reflektierte. Groß und schlank wirkte er, seine helle Haut hob sich von den Farben der Kleidung ab, nicht, wie er es sonst empfand, fahl und kränklich, sondern eher in Richtung vornehme Blässe. Er spielte in Gedanken versunken mit dem Gürtel um seinen Hals. ... daß Äußerlichkeiten in die Irre führen können... einen Kämpfer, der andere Kämpfer erkennt... Das Lächeln, das sich auf seinem Gesicht abzeichnete, hatte nichts mit seinem abfälligen Grinsen zu tun, daß er für all die parat hatte, die er in seinem tiefsten Innern verabscheute. Dies war ein anderer Snape, oder zumindest war dies eine andere Variante eines facettenreichen--

"Du hast zu tun, Träumer. Was immer hier mit dir geschehen mag, Albus lehnt sich nicht so weit aus dem Fenster, um dir ein schönes Wochenende zu bescheren."

Er zog das Handtuch vom Kopf, rubbelte die Haar so trocken wie möglich, faßte die sich - noch - lockenden Strähnen mit einem schwarzen Lederstreifen zusammen und knotete es. Er würde seinen Zauberstab im Hotel zurücklassen, mit einem absolut harmlosen Zauber getarnt. Erstmals seit langer Zeit fühlte Snape, daß die Magie wie ein Energiestrom durch seine Adern und Nerven rann. Hilfsmittel würde er nicht nötig haben.

 

 
Kapitel 4
Gestatten? George... unsterblich!

 

Albus hat Recht. Wir machen einen Fehler, wenn wir alles, was Muggel ist, wie mit einem Makel behaftet behandeln. Dies ist... unglaublich. Snape erlebte die Parade wie im Rausch, ließ seine unterdrückte Leidenschaft für rhythmische Musik an die Oberfläche steigen, nutzte sie als befreiendes Element gegen seine anfängliche Scheu mit anderen... Lebewesen - die Bezeichnung 'Muggel' schien für den heutigen Tag nicht mehr zu passen - und bewegte sich in und mit der Menge, berührte und wurde berührt.

Eitelkeit... Selbstdarstellung... Snape lachte leise vor sich hin. Es ist ein Teil davon, doch nicht alles. Es geht tiefer, umfassender. Es ist Mittel zum Zweck, zur Befreiung. In der Sicherheit der Masse, in der Gewißheit der Einzigartigkeit. Wie sie sich bewegten, tanzten, umarmten, küßten, liebten, geliebt wurden... wie sie lebten. Es war schwer, sich nicht in diesem Fluß aufzugeben, der sich als bunte Schlange durch die Straßen der Metropole schlängelte, sich verzweigte und verästelte in die engsten Gassen hinein, in die entferntesten Winkel eindrang. Snape nutzte nun seine Fähigkeiten, um ein Gesamtbild in seinem Kopf zu erzeugen. Leicht bedauernd gab er einen Teil seiner Empfindungen auf, um diese Distanz aufzubauen, aber er wußte, daß er sich nicht völlig verlieren durfte. Er mußte etwas finden... jemanden finden... Zweimal hatte er mehr als eindeutige Angebote abgelehnt, überraschender Weise mit einem leichten Bedauern, gemischt mit dem prickelnden Gefühl, dazu zu gehören, keine Ausgrenzung zu erfahren.

Aber das war nicht das Ziel... Albus, es ist gut, daß du keinen dieser jungen Hüpfer hierher geschickt hast. Sie hätten sich verloren, trunken von dieser so besonderen Energie. Oder was hätten diese Anti-Muggel-Idioten angerichtet, vielleicht in einem Anfall rechthaberischen Zorns? Wie kurzsichtig sie sind. Wie kurzsichtig bin ich selbst geworden. Es war leicht, die Muggel mit ihrem Schutzwall aus Ignoranz als dumm und minderwertig abzutun. Hier gab es pure Energie, mit einer Kraft, die selbst den mächtigsten Zauberern Angst eingeflößt hätte... Wieviel ungenutztes Potential... Nicht minderwertig, sondern anders... exotisch... sinnlich...

Mit einem Kopfschütteln unterstützte er die geistige Anstrengung, sich von diesen betörenden Gedanken zu befreien, schloß die Augen, versuchte, sich neu zu konzentrieren, einen Fokus in diesem Fluß zu finden.

"Das darf doch wohl nicht wahr sein! Nicht mal hier ist man vor der buckligen Verwandtschaft sicher."

Ton und Wortwahl hatten auf ihn den Effekt einer eiskalten Dusche. Er sah sich um, drehte sich um... und stand seinem eigenen Spiegelbild gegenüber. Nur, daß es kein Bild war. Und sich auch deutlich in seiner Erscheinung von ihm selbst unterschied. Weite Hosen, aus schwarzem Samt, dazu hohe Stiefel. Ein weites weißes Hemd, in den Hosenbund gestopft, darüber eine Jacke, die mit Perlenstickerei verziert war. Kurze Haare, die sich lockten. Nicht fettig.

Das Gesicht seines Gegenübers jedoch war nicht von seinem eigenen zu unterscheiden. Sogar die Stellung von Augenbrauen und Mundwinkeln war identisch mit seinem Ausdruck, wenn er entrüstet war. Nein, nicht entrüstet: entgeistert und wütend darüber.

"Bucklig?", war alles, was Snape zu entgegnen hatte, mehr ein Echo als eine Frage.

"Nun ja, nicht gerade bucklig. Aber Verwandtschaft müßte stimmen. Ein entfernter Cousin, emigriert... ein schwarzes Schaf, das bisher erfolgreich in irgendwelchen Kellern von der Familie versteckt gehalten wurde..."

Wie auf einer Insel standen sie sich inmitten der sich weiterbewegenden Karawane gegenüber. Die Worte seines... Doppelgängers klangen in Snapes Ohren wie eine Anklage, eine Anklage, die der Wahrheit recht nahe kam. Wie oft hatte er sich wie eingesperrt gefühlt, wie isoliert in seiner Besonderheit... Aber das ging den anderen nichts an.

"Ich denke, dies ist lediglich einer jener unglaublichen Zufälle. Ich bin mir sicher, daß Sie nicht zu meiner Verwandtschaft zählen. Ich hätte von Ihnen gehört. Ganz sicher." Er trat näher an seinen Doppelgänger heran. "Mein Name ist BJ Kennedy. Aus Schottland." Als ob diese Vorstellung irgendeinen Sinn machte... Eine getürkte Identität bewies rein gar nichts...

"Schottland... Dahin hat es mich auch mal verschlagen. Ist schon ziemlich lang her, aber ich erinnere mich genau an die zugigen--" Der Doppelgänger brach ab, sah ihn so verwirrt an, wie er sich selbst vorkam. Aber er fühlte keine Bedrohung, keine Gefahr, lediglich das dringende Bedürfnis, mehr über diesen Mann zu erfahren. In seine Überlegungen hinein sagte der Doppelgänger, "Wir sollten uns vielleicht ein ruhigeres Plätzchen suchen. Übrigens, mein Name ist George."

"Eine ausgezeichnete Idee. Mein Hotel liegt ganz in der Nähe, da haben wir alle Ruhe, die wir brauchen." Seltsamer Weise meldete sich keiner seiner Instinkte, nichts in ihm schrie, wie unvernünftig und dumm er sich verhielt. All dies war mehr als außergewöhnlich, dennoch empfand er es als unbedingt richtig, daß er George mit sich nahm.

 

***
 

George sah sich in seinen Hotelzimmern um, strich bewundernd über die eine oder andere glänzende Oberfläche, nippte an seinem Champagner. Zwei Flaschen hatte Snape aufs Zimmer kommen lassen; eine davon stand geöffnet auf dem Sideboard, die zweite lag noch auf Eis im Kühler auf dem Couchtisch.

"Beeindruckend. Ihre Geschäfte scheinen gut zu laufen, Mr. Kennedy. Oder darf ich Sie BJ nennen?"

Snape schüttelte kurz den Kopf, nicht als Reaktion auf Georges Frage, sondern über seinen eigenen Ärger, der mehr und mehr die Oberhand gewann. Auf dem Weg ins Hotel, den sie schweigend zurückgelegt hatten, war er zu der Überzeugung gekommen, daß diese Begegnung kein Zufall war, sondern Teil eines Plans. Hinter dem ein gewisser Albus Dumbledore steckte. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Doch was sollte dieses Spielchen? Er unterdrücke seine Wut; zunächst mußte er herausbekommen, wieviel George wußte. "Ich denke, Sie sollten mich mit meinem richtigen Namen ansprechen, George." Er nahm ebenfalls einen Schluck Champagner, ließ George keine Sekunde aus den Augen.

George hob eine Augenbraue. Snape wartete geduldig; ihm war jedes Mittel recht, um wieder die Oberhand in dieser Situation zu bekommen. Oder zumindest ein Gefühl der Sicherheit. Schließlich fragte George, "Der da lautet?"

Wieder schüttelte Snape den Kopf. "Lassen Sie uns diese Farce beenden, bevor sie zu langweilen beginnt. Sie wissen doch, wer ich bin. Diese Begegnung ist kein Zufall."

"Zufall... ein Streich des Schicksals... was immer Ihnen lieber ist... BJ Ich habe keine Ahnung, wer oder was Sie sind."

"Oder was?" Snape konnte Georges zur Schau gestellte Unwissenheit nicht glauben.

"Nun, wenn Ihr Name schon falsch ist, gehört das hier..." Er deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf ihre Umgebung. "... wohl auch zu den Dingen, die bei Ihnen nicht stimmen."

"Wer hat Sie geschickt? Was wollen Sie von mir?" Snape war klar, daß er noch mehr die Kontrolle verlor, anstatt sie wiederzuerlangen. Er verfluchte seinen Ausbruch, aber er mußte wissen, ob George wirklich ahnungslos war.

"Nun regen Sie sich mal nicht so auf! Schließlich ist dies IHR Hotelzimmer, nicht wahr? Ich könnte Ihnen die gleichen Fragen stellen." George nahm einen weiteren Schluck, der das Glas leerte. "Was für ein Temperament! Erinnert mich an..." Wieder unterbrach er sich, grinste Snape an. "... an jemanden, den ich vor langer Zeit gut kannte."

So ging es nicht weiter. Snape war sicher, daß George nichts Magisches an sich hatte, zumindest keine reine Zauberenergie. Doch da war etwas anderes... nicht das, was er während der Muggelparade gespürt hatte. Wieder eine Variante der Energie. Ich habe viel zu lange in diesem Elfenbeinturm namens Hogwarts verbracht... Er zog das Lederband von seinem Zopf, fuhr sich mit der anderen Hand durch die nun wieder zotteligen Strähnen.

"Oh Gott, lange Haare!", kam es von George.

"Was?", fragte Snape.

"Sie haben lange Haare!"

"Ja, habe ich", knurrte Snape. "Lange FETTIGE Haare, ich weiß."

"Nein, Sie verstehen nicht. Immer wenn ich lange Haare bei einem Mann sehe, besonders in Ihrer... meiner... ach, was soll's, UNSERER Farbe, werde ich an das hier erinnert." George deutete auf seinen Kopf. "Egal, was ich anstelle, sie wachsen nicht."

"Das ist doch nicht möglich. Haare, die nicht wachsen!", schnaubte Snape. Haare, die immer fettig sind, erinnerte ihn eine leise Stimme in seinem Kopf. "Ich hätte nichts gegen kurze Haare, wenn sie dann sauber sind."

George lachte leise. "Wir werden uns immer ähnlicher. War das mit dem Haar bei Ihnen schon immer so?"

Snape schüttelte den Kopf. Wie sicher war es, sich George anzuvertrauen?

"BJ?"

"Ach, was soll der Blödsinn... Severus. Mein Name ist Severus. Und dies ist das Ergebnis eines Zaubers. Oder eher eine Nebenwirkung eines Zaubers."

George starrte ihn an. "Ein Zauber? Bei mir ist es ein Fluch. Ich hatte vor etlichen Jahren eine ziemlich unangenehme Begegnung."

"Erzählen Sie mir, was passiert ist?"

"Ich bin nicht sicher, ob-- Sagen Sie, Severus, Sie sind nicht einer von uns, oder?"

"Von... uns?" George hatte also auch ein unbestimmtes Gefühl, was ihn anging. Konnte es sein, daß-- Oh nein, er war so blind und verbohrt! "Du bist einer dieser Unsterblichen!"

"Und du bist keiner?" Snape schüttelte den Kopf und George schlug sich vor die Stirn. "Ich Idiot! Du mußt ein Zauberer sein!"

"Ihr wißt von uns?"

"Anscheinend wißt ihr ja auch von uns. Aber ich kann dich beruhigen, ihr seid ein ziemlich exklusiver Club. Du bist mein erster. Zauberer, meine ich."

"Dito! Unsterblicher, natürlich."

"Das löst allerdings nicht das Problem: Was machen wir hier?" George nickte in Richtung Champagner. "Außer dem Offensichtlichen, natürlich."

Snape rang sich dazu durch, seine Informationen zu teilen. Auch wenn George nichts wußte, Snape war sich immer noch sicher, daß Dumbledore seine langen Finger im Spiel hatte. "Im besten Fall sollte ich einen Kämpfer für den bevorstehenden Krieg finden. Wieviel weißt du über die magische Welt?"

"Nicht sehr viel. Krieg? Euch steht auch ein Krieg bevor?"

"Wieso auch?"

"Weil unser sogenanntes Spiel auf der Kippe steht. Die Unsterblichen folgen gewissen Verhaltensvorgaben, aber die Zahl derer, die diese ignorieren, nimmt rapide zu. Irgendjemand will da seine eigenen Regeln aufstellen. Ein paar von uns haben sich zusammengetan, um etwas dagegen zu unternehmen. Die Zusammenkunft ist in Gefahr."

"Und bei uns die Balance der Kräfte."

"Einige Sterbliche, die von unserer Existenz wissen, haben uns Informationen zukommen lassen, daß wir hier Hilfe für unseren Kampf finden können."

Snape fragte sich, was - oder besser: wer - Dumbledore dazu veranlaßt hatte, ihn hierher zu schicken. War dies ein Muggelkomplott? "Diese Sterblichen... sind sie vertrauenswürdig?"

George zuckte mit den Schultern. "Wer kann das in diesen Tagen schon sagen? Deshalb bin ich allein. Genau wie du."

"Nun, allein sind wir nicht mehr."

"Stimmt auffallend. Was sollen wir jetzt tun?"

Das Ganze sah nach einem Muggelkomplott aus. Oder vielleicht steckte der Unaussprechliche selbst dahinter. Doch was konnte ein Unsterblicher schon anrichten? "Ich weiß, es ist viel verlangt, aber würdest du mit mir kommen? Ich möchte, daß du einen Freund von mir kennenlernst."

George rieb sich die Stirn, fuhr sich durchs Haar. Er grinste plötzlich. "Nun, es war schon ein Risiko, hierhin zu kommen. Da kann ich noch einen Schritt weitergehen."

"Du kannst mir vertrauen."

"Was bleibt mir übrig?" George ging zum Sideboard und füllte sein Glas. "Ich weiß, es klingt banal in Anbetracht der Schwierigkeiten, die unsere Welten bedrohen... aber ich denke, ich kenne ein Mittel für dein Haarproblem."

"Wirklich? Nun, ich denke, es macht nichts aus, den Kampf mit sauberen Haaren anzutreten. Übrigens gibt es ein paar Zaubersprüche, die bei Flüchen helfen."

"Severus, ich denke, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft."

 
Ende

 
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