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Trügerische Erinnerung

© by Birgitt (), Juni 2003

 

Disclaimer: Ich besitze keinerlei Rechte an den Charakteren und den Ereignissen aus der Serie Horatio Hornblower; diese Rechte gehören Arts & Entertainment Network (A&E), Celtic Films, Picture Palace und United Film & Television Production. Ich beabsichtige in keiner Weise, diese Rechte zu beschneiden. Zwar besitze ich die Rechte an dieser Geschichte, habe aber keine Intentionen, durch sie materielle Vorteile zu erlangen.
Archiv: Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de)

 

Die längste Nacht meines Lebens. Aber nein, es war die längste Nacht meines Sterbens. Dennoch... Ich blickte zurück auf die vergangenen Stunden, und das, was ich als die Ewigkeit auf Erden empfunden hatte, war nun nicht mehr als ein einziger Augenblick. Verloren in dem Moment, als Dr. Clive die Barracke betrat, um nach seinen berüchtigten und - in meinem Fall - hoffnungslosesten Patienten zu sehen.

Nach all den Wochen Dienst auf der Renown ist mir Clive ein Rätsel geblieben. Eine Tatsache, die die vor mir liegende Entscheidung nicht gerade leicht machte. Konnte ich ihm genug vertrauen oder würde er diese letzte Chance nutzen, Rache an den verhaßten Lieutenants zu nehmen? Doch blieb mir keine Wahl. Der Tod war mir sicher; Horatio konnte zwar mit Pellews Wohlwollen, nicht aber mit dessen rückhaltloser Unterstützung bei der Urteilsfindung rechnen. In der Flotte Seiner Majestät gab es nicht viele, die keine Marionetten waren; ob sie durch das Gesetz gezwungen wurden oder von den Entscheidungen ihrer Vorgesetzten überzeugt waren, war unerheblich für die an letzter Stelle der Befehlskette Stehenden.

Dieser Prozeß hatte nichts mit Fairneß zu tun - wäre Horatio nicht nur seinem Handeln nach, sondern auch vom Rang her Captain gewesen, würden die Glocken im gesamten Empire seinen Ruhm verkünden. Jetzt stand er vor dem Kriegsgericht, angeklagt wegen Meuterei gegen einen von Nelsons Streitern. Eine nahezu ausweglose Situation per se und Buckland war eine weitere Belastung. Horatio wäre besser auf sich allein gestellt. Falls Buckland nur ein Zehntel seiner Inkompetenz während der bisherigen Verhandlung offenbart hatte, war es ein reines Wunder, daß wir vier nicht schon mit unseren Hälsen in den Stricken Seiner Majestät steckten.

Clive grüßte uns mit ruhiger Stimme. Die Tatsache, daß er sich zuerst um Bush kümmerte, bewies mir mehr als jede umständliche medizinische Erklärung, wie es um mich stand. Die wenigen Minuten, die es ihn kostete, Bushs Verbände zu wechseln und zufrieden beim Anblick der Wunde zu nicken, gaben ihm etwas Zeit, sich innerlich auf meinen Anblick vorzubereiten. An jedem anderen Morgen hätte mir diese Taktik nichts ausgemacht, aber heute morgen hatte ich ein letztes Rendezvous, das ich einhalten mußte.

Ein schwerer Gang. Ich hätte ihn bevorzugt im Vollbesitz meiner physischen Kräfte angetreten. Wie wären mir diese wenigen hundert Yards wohl vorgekommen, hätte ich sie mit Horatio an meiner Seite zurücklegen können? Zumindest blieb mir das Wissen, daß ich zwar nicht mit ihm gehen würde, aber für ihn. Für ihn und Bush und Styles und Matthews. Und ein bißchen auch für mich selbst, Archie Kennedy. Nicht für meinen Namen - die Hoffnung, daß er die Geschichtsbücher zieren würde, hatte ich schon zu Beginn meiner nicht stattfindenden Karriere als unerreichbare Phantasie aufgegeben - aber für den Mann, den Menschen, der ich war. Sein wollte.

Ich war den Schmerzen dankbar, daß sie mich von der Aufregung ablenkten, von dem Aufruhr, der bei meinem Eintritt in den Gerichtssaal in meinen Ohren klang, von dem Entsetzen der Renowns, die der Verhandlung im Zuschauerraum folgten, von dem Anblick Pellews, der mich anstarrte. Mich, den nächsten und - so Gott wollte - letzten Zeugen in dieser Farce um Recht und Gerechtigkeit. Ich war entschlossen, mein Leben mit einer Lüge zu enden, und es war nur angemessen, dies ohne Unterstützung und Wissen meiner Freunde zu tun. Sie verdienten diese Last nicht. Sie gehörte allein mir.

Laut der Erzählungen der erfahrenen Seeleute war Kingston ein aufregender Ort, voller Wunder und Erlebnisse, die nur darauf warteten, von den schneidigen Offizieren der Britischen Marine entdeckt zu werden. Ich wußte nicht, wo dieser Gedanke plötzlich herkam. Wir befanden uns im Krieg. Jeder Tag, den wir überlebten, war ein Sieg, und ich schlug meine letzte Schlacht in diesem Raum, in dem mir die Feinseligkeit die Kehle zuschnürte. Nichtsdestotrotz wünschte ich mir, einen letzten Sonnenaufgang mit Horatio zu erleben, übermüdet nach einer durchzechten Nacht, dennoch in der Gewißheit, daß die Welt uns gehörte. Auch wenn mir nicht klar war, woher diese Vorstellung kam, so half sie mir doch über die Lüge in meiner Aussage hinweg. Archie Kennedy eroberte die Welt und Pellew stellte mir die offizielle Bestätigung darüber aus, indem er mein Todesurteil verkündete.

 

Ich hoffe, es macht es dir leichter, Horatio, dieses Wissen, daß ich nicht am Galgen enden werde. Meine Angst läßt sich von diesem Detail nicht beeinflussen. Dir darf und kann ich es sagen, daß ich mich fürchte. Dir habe ich es sagen können, als ich an der Brücke die Kontrolle verloren und die mir anvertrauten Leben in Gefahr gebracht hatte. Du mußt es wissen, und es kostet mich nichts an Stolz, es dir zu sagen.

Meine größte Angst hast du heute vernichtet, einfach, indem du zu mir gekommen bist. Soll die Welt von Archie Kennedy denken, was sie will. Soll sie ihn begraben und vergessen, verfluchen und seine Geschichte als warnendes Beispiel in den Militärschulen ausschlachten. Dies ist mein letztes Geschenk an dich, und es ist nicht zuviel verlangt, daß du es auch annimmst. Gib mir diese letzte Befriedigung und ich habe nicht alles verloren.

Das Atmen fällt mir jede Sekunde schwerer; ob es sich so anfühlt, wenn man erstickt? Sehr passend, was mein Schicksal für mich noch bereit hält. Du bist hier und ich bin erleichtert, daß die Kugel mein Inneres nicht auf der Stelle zerfetzt hat. Wann bietet einem der Tod die Gelegenheit, einen Fehler wiedergutzumachen? Sawyer nicht gestoßen zu haben ist meine größte Feigheit. Ich wußte, daß Clive sich nie dazu durchringen würde, ihn für dienstunfähig zu erklären. Und Buckland wartete auf einen Blitzschlag, der ihn vom Captain befreien und zum kommandierenden Offizier machen würde. Aber wer bin ich, daß ich ein Urteil über sie fälle? Hätte ich ihn nur gestoßen... Uns wäre vielleicht eine Menge erspart geblieben, falls Sawyer den gewaltsamen Sturz nicht überlebt hätte. Der Preis, den ich gezahlt hätte, wäre kein anderer.

Der Preis. Wie wahnsinnig muß eine Welt sein, in der ein Mord Probleme löst, während ein simpler Unfall zum Fallstrick für vier Menschenleben werden kann? Gott sei Dank, daß ich die Spielregeln begriffen habe, bevor es zu spät war.

Höre ich mich nicht grauenhaft ernst an, Horatio? Ich würde dich gern zum Lachen bringen, damit dies das letzte Bild ist, das mir vergönnt ist. Nichts ist perfekt. Irgendein Anblick von dir ist mehr als ich mir erhofft habe. Wenn ich doch nur mehr sein könnte als du dir von mir erwartet hast!

 
Ende

 
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