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Auf die bittersüße neue Weise

© by Clio (), Sommer 2003

 

Disclaimer: Methos, Duncan MacLeod, (Joe, Amanda und Darius) sind Eigentum von Rysher Entertainment, Panzer/Davis Productions Inc. etc. Und auch die zitierten Lyrics gehören ausschließlich ihren Autoren.
Ich habe definitiv nicht die Absicht, pekuniären Gewinn aus dieser Story zu schlagen! Die Zielgruppe sind Highlanderfans. (Slash-Fans kommen hier allerdings nicht auf ihre Kosten! Sorry.)
Mathilde und Hildebrandt sind meine Schöpfungen und gehören allein mir. Die Frage, die sich quasi von selbst stellt (Ist Mathilde eine Mary Sue?), möchte ich gleich beantworten: Jein. Ihr Charakter weist bei weitem mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten mit dem meinigen auf. Sie hat sich schnell sehr eigenständig entwickelt.
Vorbemerkung: Kurze Anmerkung zum Titel: Vgl. dolce stil novo. ["süßer neuer Stil"; Italienische Gruppenlyrik aus dem 13./14. Jahrhundert; Mitglieder: der junge Dante, Cavalcanti, Frescobaldi, etc., werden Stilnovisti genannt; Name wurde im 19. Jh. aus Dantes "Divina Commedia" entlehnt; stilisieren die Frauen in ihren Gedichten zu engelsgleichen, unerreichbaren Wesen, durch deren quasi-religiöse Anbetung erhoffen sie sich Seelenläuterung; eigentlich unsinnliche, unkörperliche Verehrung]
Spoiler: Die Story spielt mindestens ein gutes Jahr nach "To be / Not to be". (Wobei es auch keine große Einigkeit gibt, wann das passiert sein soll...) Ob MacLeod die Haare nun wieder länger trägt ist mir schnuppe - seht ihn so wie Ihr wollt.
Vielen, vielen, vielen Dank meiner lieben Freundin Mel' und meinem Freund fürs Beta-Lesen!!!
P.S. Ich würde mich über Feedback sehr freuen, da dies meine erste längere öffentliche FanFic ist.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der Highlander-Sektion.

 
"Come as you are, as you were / As I want you to be / As a friend, as a friend / As an old enemy / Take your time / Hurry up / The choice is yours / Don't be late / Take a rest / As a friend / As an old... // Memoria / Memoria / [...]" 1

 

 
Erster Teil

 

Ein schöner Oktobertag in Paris. Weißer Himmel. Die Vögel formierten sich schon, und die Blätter der Bäume begannen sich bereits zu färben.

Der uralte Unsterbliche saß an seinem Schreibtisch und übte sich gerade an einer Stegreif-Übersetzung von Laozis "Daodejing" ins Provenzalische als es klingelte. Neugierig reckte er sich zur Eingangstür hin, als er den "Buzz" spürte. Es klingelte wieder. Methos zögerte noch, aber schließlich siegte die Neugier. Vielleicht war es ja MacLeod, der ihn wieder mit seinen Problemen oder denen seiner Bekannten bzw. Ex-Flammen behelligen wollte.

Er warf noch einen Blick auf die Kolumnen der chinesischen Schriftzeichen, stand dann auf und ging zur Tür, um sie zu öffnen. Da stand eine junge Frau, groß, scheinbar Anfang zwanzig. Kurzes honigfarbenes, fast rotblondes Haar stand ihr zerzaust vom Kopf ab. Die blauen Augen strahlten ihn an und ihr Mund war zu einem breiten Lächeln geöffnet. Sie hob eine Augenbraue: "As-tu peur d'ouvrir la porte, Adam?"

"Tilda! Quelle surprise!" entfuhr es ihm. Sie fielen sich in die Arme. Nach einem festen Drücken ließen sie sich wieder los.

"Wo ist dein Gepäck?" fragte er auf Deutsch.

"Hier." Sie wies auf einen Rucksack und einen Rollenkoffer neben sich. Er griff sofort nach ihnen. "Komm 'rein." Sie folgte ihm und dem Gepäck in das Appartement. "Tee?" - "Gern."

Als er mit zwei Tassen schwarzem Tee mit Milch zurückkam, stand sie grinsend vor dem Bücherregal. Während er ihre Tasse auf den Beistelltisch und seine auf den Schreibtisch stellte, musterte er sie. Sie trug ihren langen, eng geschnittenen braunen Wildledermantel, darunter wohl ein schwarzes Top und verwaschene helle Bluejeans. Die schwarzen Schuhe waren wie meist flach. "Is' was?" Sie schaute an sich herunter.

"Nein. Ich hab' dich nur schon fast ein Jahr nicht mehr gesehen."

"Dafür habe ich dir auch etwas mitgebracht." Sie gab den Blick frei auf eine im Regal aufgereihte Auswahl an deutschem Bier in all seinen Varianten. Methos traten Tränen der Rührung in die Augen. Deutsches Flaschenbier!: "Danke!" Er strahlte sie an.

"De rien. Zwar macht mir dein Alkoholkonsum manchmal Sorgen, aber ohne Gastgeschenk würde ich mich nie bei dir einnisten wollen." Sie lächelte und begann sich aus dem Mantel zu schälen. Als sie den Mantel über den Sessel im Wohn- und Arbeitszimmer warf, in den sie sich anschließend fallen ließ, blitzte der fein geschnitzte beinerne Griff ihres Katana aus dem Stoff hervor. Der Griff und die Tsuba - das eiserne Stichblatt - waren kunstvoll mit stilisierten Kranichen und Schildkröten, den Symbolen des langen Lebens, geschmückt.

Methos hatte auf dem Bürostuhl Platz genommen und sich zu ihr gedreht: "Du möchtest also wieder hier wohnen... Warum hast du nicht angerufen? Ich hätte aufgeräumt." Sie sah sich um. Bücher neben Büchern, Abgüsse, dann noch stapelweise Bücher auf dem Boden und dort eine fein gearbeitete Schachfigur aus Elfenbein, ein weißer Springer, im Regal über dem Schreibtisch - ein Geschenk von Darius. Sie lächelte sanft und ihr Herz wurde schwer. Sie schaute sich weiter um. Auch diesmal sah es in Methos' Wohnung eigentlich recht ordentlich aus. Er war gut organisiert, immer auf dem Sprung.

Da unterbrach er sie in ihrer Musterung: "Du kannst deine Sachen wieder in den Kleiderschrank legen, wenn du willst. Ich habe das obere Fach frei gelassen."

"Danke." Sie erhob sich und zog den Koffer ins Schlafzimmer. Während sie ihre Sachen in das Fach stopfte, meinte sie: "So lange will ich gar nicht bleiben... Vielleicht ein paar Tage. Ich habe den Graphiker-Job gekündigt. Vielleicht werde ich die Berliner Wohnung untervermieten... Vielleicht zieh' ich erst einmal wieder nach London..."

Nach kurzer Zeit war sie fertig. "Was machen wir heute Abend?", fragte sie, während sie durch die alte chinesische Abschrift blätterte. Sie stand so dicht bei ihm, dass sie sein Knie mit ihrem Bein streifte. Methos roch ihr dezentes Parfüm und sah zu ihr hoch: "Wir könnten ins Kino gehen oder ins Theater. Im Odéon spielen sie gerade Goldoni - den magst du doch so gern..."

Vorsichtig klappte sie das Buch zu. "Lass uns doch Duncan anrufen und zusammen in Joes Bar 'was trinken gehen. Ich habe mir diesmal keine besondere Mühe gegeben, meinen Beobachter abzuschütteln. Insofern können wir auch gleich in die Höhle des Löwen gehen. Vielleicht gibt es ja Live-Musik."

Mürrisch stimmte Methos zu. "Gut. Ich rufe MacLeod an. Aber, um auf London zurück zu kommen..."

"Mach schon!"

Er bot ihr einen komplett ahnungslosen Blick: "Was?"

"Ruf ihn an! Sonst tu' ich es."

Langsam griff er zum Telefonhörer und wählte ebenso gemächlich die Nummer des Hausbootes.

 

Der Schotte wechselte gerade die Bettwäsche, als das Telefon klingelte.

"MacLeod", meldete er sich.

"Hier ist Methos. Treffen wir uns heute Abend in Joes Bar? Matilda ist da."

Der Highlander schmunzelte. "Gern. Wann?" Aber Methos hatte schon aufgelegt. Typisch.

Mit dem frisch bezogenen Kopfkissen in seiner Hand ging er zurück in die Schlafkajüte. Er hatte Matilda im Spätsommer des Vorjahres kennen gelernt. Sie war nur für wenige Wochen geblieben, aber sie hatte bei ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen - vor allem durch ihre Wirkung auf Methos...

 

 
[Im August des Vorjahres - Duncans Hausboot]

 

Duncan suchte gerade nach einer Arie, die zu dem Rotwein passte, den er gleich zu öffnen gedachte. Da spürte er den "Buzz". Im Nu griff er nach seinem Katana und ging an Deck, wobei er es in der rechten Hand eng an den Rücken gepresst hielt. Auf dem Kai vor dem Steg stand eine attraktive, scheinbar junge Frau mit kurzem Haar, in dem eine Sonnebrille steckte. Sofort fiel ihm ihre Größe auf. Sie war nur wenige Zentimeter, wohl ein oder anderthalb Inch, kleiner als er. Sie trug einen langen schwarzen taillierten Mantel, der ihn an einen Armeemantel erinnerte und ihr dominantes Auftreten unterstrich.

"Duncan MacLeod vom Klan der MacLeods?" Sie lächelte.

"Ja, der bin ich."

"Mein Name ist Mathilde", sie sprach den Namen französisch aus, "und ich bin nicht hier, um zu kämpfen. Ich suche Adam Pierson, und ich hoffe, dass Sie mir sagen können, wo er ist." Sie sprach ein lupenreines Oxfordenglisch, aber dennoch entging ihm der Hauch eines Akzents nicht, der darin mitschwang. Französisch war es aber sicher nicht. Trotz ihrer scheinbaren Offenheit lockerte er den Griff um das Schwert nicht. "Verzeihen Sie mir, aber ich werde Ihnen nicht weiterhelfen können."

"Gut. Ich verstehe Sie. Aber ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn ich mein Gepäck hier lassen könnte...", sie wies auf zwei Koffer neben dem Steg. "Ich bin mit dem Flugzeug gekommen und habe kein eigenes Auto in Paris. Und...", sie wühlte im Rucksack, der leger über ihre linke Schulter hing, nach Stift und Papier. Schließlich zog sie einen ledergebundenen Terminplaner heraus. Sie schrieb kurz, riss das Blatt heraus und legte es auf den größeren Koffer. "Geben Sie Adam bitte diesen Zettel, wenn Sie ihn sehen. Ich habe ein Mobiltelefon. So kann er mich jederzeit erreichen."

Der Highlander nickte. Sie nickte ebenfalls, setzte den Rucksack ganz auf und wandte sich zum Gehen.

Duncan sah ihr nach, wie sie den Kai hochstieg und in Richtung St. Julien le Pauvre schlenderte.

Eine halbe Stunde später saß Duncan auf seiner Couch und trank den Rotwein, aber anstatt die Musik zu genießen, grübelte er über diese geheimnisvolle Unsterbliche. Eine Frau aus Methos' Vergangenheit? Extrem spannend!

Da spürte er wieder den "Buzz".

"Mac?"

Methos!

"Komm nur 'rein... Ich habe gerade eine wunderbare Flasche Rotwein dekantiert..."

"Danke." Methos wirkte angespannt. Zögernd begann er: "Das mag jetzt merkwürdig klingen, aber... war heute jemand hier und hat nach mir gefragt?"

" 'Wo ist Methos? Sag mir, wo der älteste Unsterbliche sich aufhält!' - Etwa so?" Duncan unterdrückte ein Grinsen. Selten hatte er Methos derart nervös erlebt, dennoch konnte er sich nicht vorstellen, dass die Fremde seinen Kopf wollte.

"Nein...", gedankenverloren strich er über die Ushnisha des burmesischen Buddhas auf Duncans Louis-XVI-Anrichte. Er dachte angestrengt nach: "... wohl eher Adam...", murmelte er.

Duncan erbarmte sich seiner. Sein Sadismus traf früh auf seine Grenzen. Sie schien eine gute Freundin seines stets auf Wahrung seiner Privatsphäre bedachten Freundes zu sein. Duncan war sich sicher. Früher oder später würde er erfahren, was es mit ihr auf sich hatte... und wenn der dafür eine Flasche seines besten Scotchs opfern müsste... Er musste Geduld beweisen. Ein weiteres Puzzlestück aus Methos' Vergangenheit...

Ohne von der Couch aufzustehen, wies er auf die beiden Koffer neben dem Eingang: "Sie hat ihre Koffer hier gelassen", er beugte sich nach vorn, fischte mit zwei Fingern den Zettel vom Couchtisch und hielt ihn über die rechte Schulter Methos hin: "Hier ist die Nummer ihres mobiles."

Methos wollte danach greifen, aber Duncan zog es weg. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen. "Eine Freundin?"

"Eine Freundin." Methos riss ihm den Zettel aus der Hand.

Die Bemerkung: "Du kannst gern von hier aus telefonieren." erntete nur ein verächtliches Schnauben. "Bring sie 'mal mit!" rief er noch, aber Methos versuchte bereits, die Koffer durch die Tür zu bugsieren. "Bye, Mac."

Damit war er durch die Tür verschwunden.

Duncan nahm einen Schluck aus dem Rotweinglas und lächelte. Schien etwas Ernstes zu sein. Sehr interessant. "On va voir", murmelte er, griff nach der Fernbedienung und stellte die Musik lauter.

 

Erst eine Woche später hörte er wieder von Methos. Er rief ihn an und mit deutlichem Unwillen in der Stimme fragte er, ob man sich am heutigen Abend im "La Lunette", einem noblen Restaurant an der Seine, treffen könnte.

"Werden wir zu zweit oder zu dritt sein?" fragte Duncan.

"Zu dritt. Bis heute Abend um acht." Dann legte Methos auf.

Kurz nach acht betrat Duncan das Restaurant. Sofort spürte er die Anwesenheit der anderen Unsterblichen. Bald entdeckte er an einem Fenstertisch Methos und ihm gegenüber seine Begleitung - die junge Frau vom Kai.

Methos hatte ihn auch gesehen, stand auf und nickte ihm zu. Die junge Frau sah ebenfalls auf und lächelte. Sie wirkte verändert - anders, als er sie von jenem Nachmittag in Erinnerung behalten hatte. Sie war nun dezent, aber wirkungsvoll geschminkt. Der bordeauxfarbene Lippenstift betonte ihre vollen Lippen und passte stimmig zum gleichfarbigen Kleid. Ihr kurzes Haar war mit Gel gestylt und eng an den Kopf frisiert wie es auch Amanda manchmal tat.

Aber die eigentliche Attraktion war Methos. Er trug ein dunkelblaues Jackett und eine Hose in der gleichen Farbe, und aus demselben edlen Stoff, dazu ein nachtblaues Hemd. Allerdings hatte er auf die Krawatte verzichtet und auch der oberste Hemdknopf war geöffnet. So hatte er Methos noch NIE gesehen. Geschickt seine Überraschung überspielend steuerte Duncan auf Mathilde zu, nickte ihr zu und sie streckte ihm die Hand entgegen, einen Kuss erwartend. Diese Geste nahm er gern an und hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken.

Methos meinte nur lakonisch: "Matilda - Duncan. Ihr kennt euch ja schon." Und setzte sich wieder. Obwohl er dabei auf den Stuhl neben sich deutete, nahm Duncan neben Mathilde Platz.

Der Abend verlief reibungslos und er erfuhr, dass Matilda - ihr ursprünglicher Name war wohl "Mathilde", aber der erschien ihr derzeit etwas angestaubt - eine wirklich alte Freundin von Methos war. Schon seit nahezu neunhundert Jahren.

Er lernte viel an diesem Abend... So erfuhr er auch, dass sie See- bzw. Bootsfahrten genauso sehr verabscheute wie Methos: "Ich habe mit Adam einige Kanalüberfahrten über die Reling kotzend verbracht - das verbindet." Dennoch unternahm sie viele weite Reisen, vor allem durch Europa und Asien, aber dafür nutzte sie meist die Landwege, wie beispielsweise die alte Seidenstraße durch Zentralasien. Er bemerkte die Vertrautheit und subtile Harmonie zwischen den beiden. Aber auch, dass Matilda durchaus gelernt hatte, Methos zu nehmen. Und dieser auch sie zu necken verstand - alles aber im Rahmen von gegenseitigem Respekt. Keinerlei Indiskretion kam über ihre Lippen.

Schnell entdeckte Duncan aber auch Gemeinsamkeiten zwischen Matilda und sich, wie das Tanzen (auch wenn beide einen unterschiedlichen Stil bevorzugten) und die Affinität zu Japan - Mathilde hatte dort bereits vor der Schließung aller Häfen 1639 längere Zeit verbracht. Zudem kämpften beide bevorzugt mit dem eleganten Samuraischwert.

Ein Gespräch in diesen Wochen war ihm besonders im Gedächtnis geblieben. Sie hatte ihn kurz vor ihrer Abreise auf seinem Boot besucht und eine Flasche italienischen Rotwein mitgebracht. Sie plauderten über verschiedene Dinge und kamen schließlich auch auf Methos zu sprechen. Mathilde erzählte nur von ein paar Episoden ihrer gemeinsamen Vergangenheit, aber auch dieses Mal sparte sie die Dinge aus, die nicht für die Ohren des Schotten bestimmt waren. Sie hielt es für Methos' Angelegenheit dies zur Sprache zu bringen oder es eben zu lassen.

An diesem Abend erzählte Duncan von seiner ersten Begegnung mit dem ältesten aller Unsterblichen und Mathilde lachte spöttisch, als er Methos' selbstlose Tat rühmte.

"...Aber warum hätte er mir sonst seinen Kopf angeboten?"

"Ich würde dir auch meinen Kopf anbieten, Duncan - jederzeit... Weil ich weiß, dass du ihn NIE nehmen würdest. Und Adam ist noch ein bisschen älter und weiser als ich. Ich gebe dir einen wertvollen Rat: Unterschätz' ihn nicht! Understatement hat niemand so perfekt kultiviert wie er!"

 

* * * * *
 

Mit diesen Erinnerungen noch im Kopf, traf MacLeod abends in Joes Bar ein.

Methos hatte gerade die erste Runde Bier geordert, als sie den "Buzz" spürten. Sein Blick und der des Schotten richteten sich sofort auf die Tür. Dort stand ein großer blonder Mann, anscheinend Anfang dreißig - höchstens fünfunddreißig. Glattes, halblanges Haar. Gut aussehend mit strahlend blauen Augen und einem Grübchen im Kinn. Unter seinem langen anthrazitfarbenen Kaschmirmantel trug er ein einfaches weißes Hemd und Jeans zu den teuren italienischen Schuhen. Er steuerte sofort auf ihren Tisch zu. Auf Mathildes Gesicht hatte sich ein leuchtendes Lächeln ausgebreitet.

"Hildchen, schön dich zu sehen." Sie reichte ihm die Hand und er küsste sie. Dabei trafen sich seine blauen Augen mit den ihren und für einen kurzen Moment stand zwischen ihnen die Zeit still.

 

 
[Die sächsischen Besitztümer Ottos des Großen (Hzgt. Sachsen), südlich der Elbe, um 950.]  

Alles war noch dunkelblau, der dichte Morgennebel hing klamm in der Kleidung.

Wie ein nasser Sack lag sie in seinen Armen, das Blut hatte ihr Kleid rot gefärbt. Er trug sie zu seinem Pferd, das er am Waldesrand neben der Siedlung gelassen hatte. Er hatte gehofft, dass es nicht so früh passieren würde. Aber sie war schon stark, dachte er bei sich. Vielleicht bereits stark genug, um fortan mit dem Schwert ihr Leben zu verteidigen. Nun war es aber Zeit, diesen Ort zu verlassen, bevor sie erwachte. Nur so könnte sie lernen, ihr neues Leben zu beginnen. Er würde ihr noch vieles beibringen müssen. Zuerst den Schwertkampf, das Lesen und Schreiben gleich als nächstes.

Er wuchtete sie auf den Rücken des Pferdes, schwang sich hinter sie auf, nahm die Zügel und ritt so schnell es das Unterholz und der leblose Körper erlaubten in Richtung Süden.

Eine Stunde später erreichte er eine abgebrannte Hütte. Die Überreste waren bereits so zugewachsen, dass die Blätter ein brauchbares Dach gebildet hatten. Er trug sie hinein und bettete sie auf seinen Mantel.

Nur wenige Minuten später erwachte sie, röchelnd, zitternd.

"Was... wo?... Schmied... was ist...?"

"Ruhig. Bleib liegen Mathilde..." Mit angsterfüllten Augen sah sie ihn an, als sie sich aufrichtete. "Es gibt viel, dass du... Warte...!" Schwer atmend kämpfte sie sich auf die Beine und wankte nach draußen.

Als sie vor der Hütte stand, ging am Horizont die Sonne auf. Orangerot färbte sie ihr Gesicht, ihre Kleidung und das Blut verschwand.

 

 
[Paris, 1999. Dieselbe Bar. Die Zeit läuft weiter.]  

"Hildebrandt! Wie schön, dass du es einrichten konntest", sie wies auf den freien Platz ihr gegenüber. "Setz dich doch."

Der Highlander hatte die Szene mit leichter Verwirrung beobachtet, dabei war ihm nicht Methos' Stimmungswandel entgangen. Zunehmend verfinsterte sich dessen Miene und Duncan war schon auf die Hintergrundgeschichte, die ihm Mathilde sicher nicht vorenthalten würde, gespannt. Diese entdeckte nun seinen fragenden Blick: "Oh, entschuldige, Duncan. Darf ich dir Hildebrandt vorstellen - meinen ersten Lehrer. - Hildebrandt, das ist Duncan MacLeod - ein guter Freund." Sie reichten sich die Hände: "Angenehm, Duncan MacLeod. Ein Freund von Mathilde", er sprach ihren Namen deutsch aus, "ist auch mir willkommen. Nicht wahr, Adam?" Zum ersten Mal sah er nun Methos an.

"Sicher, Hildebrandt." Methos setzte ein freundliches Lächeln auf, aber seine Augen blieben kalt.

Mathilde legte ihre Hand auf die von Methos: "Was möchtest du trinken, Hildebrandt?"

"Das gleiche wie ihr..."

Mathilde stand auf: "Ich werde Joe Beschied geben", und ging zur Theke.

"Was führt dich nach Paris?" Wandte sich Methos nun mit der unverbindlichsten aller Mienen an Hildebrandt.

"Ich suche gerade ein paar Objekte für einen Kunden."

"Hildebrandt ist Immobilienmakler in München", ergänzte die zurückgekehrte Mathilde erklärend.

"Ich hatte Mathilde eine Nachricht auf ihrer Mailbox hinterlassen und sie war so liebenswürdig mich zurückzurufen." Er lächelte sie an. Grübchen bildeten sich in seinen Wangen. Sie lächelte zurück und meinte: "Wir haben uns bestimmt vier Jahre nicht gesehen. Ich habe mich sehr gefreut, von dir zu hören... Wie lange bist du noch in der Stadt?"

"Nur noch bis übermorgen... Lass uns doch morgen Abend zusammen Essen gehen... Wäre dir acht recht?" - "Gern!" Die beiden rückten immer näher über den Tisch zusammen. Die beiden anderen Unsterblichen begannen sich langsam überflüssig zu fühlen.

 

Gegen drei Uhr kamen sie zurück in Methos Wohnung. Wie meist stürzte Mathilde zuerst ins Badezimmer. Kurz darauf kam sie abgeschminkt zurück und legte sich ins Bett. Als Methos wenig später neben ihr unter die Decke schlüpfte, wandte sie sich zu ihm und musterte seine honigfarbenen Augen: "Seit Hildebrandts Auftauchen bist du so merkwürdig..." Methos Gesicht ahmte den Ausdruck eines riesigen Fragezeichens nach. "Du brauchst nicht eifersüchtig zu sein", fuhr sie leicht lallend fort. "Ich liebe nuuuur dich." Dabei umarmte sie ihn und küsste seine Stirn. Als sie von ihm abließ, hob er eine Augenbraue und mit einem genuschelten "Verarschen kann ich mich alleine", drehte er sich zum Schlafen um. Sie löschte das Licht und schlief wenig später leise schnarchend ein.

 

* * * * *
 

Am nächsten morgen wurde Mathilde durch den Straßenverkehr geweckt. Lächelnd bemerkte sie, dass Methos einen Arm um sie gelegt hatte. Sie befreite sich vorsichtig, um aufstehen zu können.

Als sie geduscht und in ein großes Handtuch gewickelt aus dem Bad kam, war auch Methos bereits aufgestanden. Sie hörte ihn in der Küche herumwerken und folgte dem Geruch von frischem Toast.

"Guten Morgen."

"Guten Morgen", er stand vor der Küchenzeile und wandte sich kurz zu ihr um: "Tee oder Orangensaft?"

"Beides... Ich zieh' mich nur noch rasch an."

"Also meinetwegen..."

"Schon klar. Aber ich habe noch etwas zu erledigen. Und Paris ist NICHT London", mit einem Blick auf sein T-Shirt ergänzte sie noch: "Das Bad ist frei, du kannst also duschen", und verschwand aus der Tür.

 

Als Methos ihr die Milch reichte, fragte er: "Was hast du denn für heute geplant?"

Sie füllte ihre Teetasse mit Milch auf und stellte das Kännchen auf den Tisch: "Ich wollte die neuen Pässe machen, die ich dir und Duncan versprochen habe. Dafür brauche ich Papier und das beste gibt es am Montmartre - Künstlerbedarf." Sie zuckte mit den Augenbrauen. "Kommst du mit, alter Mann?"

Methos schmunzelte: "Gern." Mathilde war eine begnadete Dokumentfälscherin. Ihre jahrhundertlange Erfahrung als Kalligraphin ermöglichte es ihr, jeden Schriftzug zu kopieren. Dies war wohl der praktischste Aspekt ihrer Freundschaft.

"Gut", sagte sie, stand auf und stellte die Tasse in die Spüle. "Dann lass uns gleich losgehen Ich möchte vor elf dort weg sein."

 

* * * * *
 

Sie stiegen bereits bei der Station "Place Clichy" aus der Metro aus. Mathilde genoss es, wieder in Paris zu sein und wollte etwas von der Stadt sehen. Nach etwa zwanzig Minuten standen sie vor einem kleinen Geschäft, das den Schriftzug "Fournitures pour artiste peintre.°Toiles, chevalets, encadrement,°pinceaux et plus" trug.

"Warte hier, Adam. Es ist eine diskrete Angelegenheit." Dann ging sie hinein.

"Bonjour."

"Bonjour, Mademoiselle", begrüßte sie eine ältere Dame.

"Je cherche le papier spéciale. Avec le dessin anglais, s'il vous plaît", trug Mathilde ihr Anliegen freundlich vor.

Das Lächeln der Dame gefror etwas: "Puis-je demander vôtre nom?"

"Je m'appelle Hélène", nannte sie ihren Kodenamen.

Die Dame nickte: "Attendez." Dann ging sie in ein Hinterzimmer seitlich der Theke. Nach kurzer Zeit kam sie mit einem großen Bogen Packpapier zurück. Sie legte das Papier vor Mathilde auf die Theke und schlug es auf. Vor ihr lag nun ein etwa DIN A3 großes Blatt von britischem Passpapier. Mathilde zog eine Lupe aus ihrer Manteltasche und untersuchte den Druck genau. "Ça fait combien?" - "Trente mille francs."

Mathilde war mit der Qualität zufrieden: "D'accord." Sie griff in die Innenseite ihres Mantels und zog einen dicken Umschlag heraus, den sie neben das Papier legte. Die Dame legte das Blatt wieder zusammen und zählte das Geld. Dann nickte sie und schob Mathilde das Papier zu. Schnell rollte sie es und steckte es in die andere tiefe Innentasche ihres Mantels.

Da stürzte plötzlich Methos herein: "Vite! La police!"

Sofort ließ die Dame den Geldumschlag hinter einer versteckten Klappe der Theke verschwinden: "Vite, vite! La-bas il ya une porte de derrière!" Sie wies auf einen schmalen Gang zwischen den Regalen. Methos ergriff Mathildes Hand und sie rannten hinaus. Sie liefen über den Hinterhof und durch schmale Gassen.

Nach einigen Minuten wurden sie langsamer. Mathilde lehnte sich schwer atmend mit dem Rücken an eine Hauswand. "Ich hasse Frühsport... Sind sie noch hinter uns?" Methos stand - ebenfalls etwas außer Atem - vor ihr und blickte sich um. Nach einem weiteren Blick nach rechts beugte er sich plötzlich vor und küsste sie. Erst presste er nur seine Lippen auf die ihren und sie hörte, wie mehrere Personen vorbei liefen, dann fasste er mit der linken Hand ihren Hinterkopf und mit dem rechten Arm umfing er ihre Hüfte. Sein Kuss wurde intensiver, fordernder. Sie öffnete ihren Mund und schmeckte seine Zunge. Sie versank in seinem technisch perfekten, atemraubenden Kuss, reihte sich in seinen Rhythmus ein und fuhr mit der Hand durch sein kurzes Haar, die andere krallte sie in seinen Po. Sein Unterleib war gefährlich nahe an den ihrigen gerückt.

Am Rande nahm sie wahr, wie weitere Personen an ihnen vorbei liefen, dies bot ihr Gelegenheit in die Gegenwart zurückzukehren. Sie drehte den Kopf zu Seite. "An deren Stelle würde ich mir immer zuerst die knutschenden Pärchen genauer anschauen...", flüsterte sie in sein Ohr. Methos trat einen Schritt zurück und lachte laut. Dann führ er sich unwillkürlich mit den Handrücken über den Mund, sein Lächeln schien verlegen: "Komm, ich habe Hunger. Wir kaufen noch etwas ein und dann koche ich etwas Schönes für uns..."

"Ja, gern." Er hatte doch tatsächlich ihre Knie erweicht.

Er griff in seine Manteltasche und holte Zigaretten und Streichhölzer heraus. Wortlos steckte er sich eine Zigarette an.

Sie staunte: "Du rauchst wieder?"

"Manchmal."

Sie biss sich auf die Lippen, um einen Kommentar herunterzuschlucken, dann meinte sie: "Duncan weiß es sicher nicht."

"Ich BITTE dich. Auf einen Vortrag bezüglich Passivrauchen hätte ich wenig Lust."

Sie neigte ihm den Kopf zu und hob eine Augenbraue.

Er sah sie an, blieb stehen und hob ebenfalls eine Augenbraue: "Ich bin ARZT! Natürlich nehme ich Rücksicht!" Dann ging er weiter: "Auch wenn es wohl nur noch sehr wenige Nichtraucher in diesem Land gibt."

Ihre unbefangenen Plaudereien auf dem Weg zur nächsten Metrostation überspielten nur die Befangenheit, die sie beide anscheinend spürten.

 

* * * * *
 

Am Abend, etwa Viertel vor acht, Methos saß in seinem Sessel und las schmunzelnd in Gordons "The Physician". Ab und zu blickte er auf, nämlich dann, wenn Mathilde aus dem Schlafzimmer kam und sich vor dem großen Spiegel neben der Tür drehte. Schließlich entschied sie sich für ein kurzes schwarzes Kleid. Nachdem sie die Netzstrümpfe angezogen hatte, verschwand sie im Bad. Methos hörte sie summen. Irgendetwas von U2. Er erkannte es nicht.

Als sie zurückkam, sah sie atemberaubend aus. Sie trug dunkles Make-up, die Haare waren schlicht geglättet. Während sie sich Brillantohrringe ansteckte, fragte sie: "Und?"

Methos blickte betont lässig von seiner Lektüre hoch: "Remarkable. Aber warum stylst du dich so auf? Ich dachte, du wärmst prinzipiell keine alten Liebschaften auf und diese Liebschaft hat doch schon eine sehr dicke Staubschicht angesetzt..."

Sie schenkte ihm nur ein spöttisches Lachen: "Ha!"

Er betrachtete ihre langen schlanken Beine während sie in ihre Schuhe stieg - dieses Mal welche mit Absatz. Hildebrandt... Er mochte ihn nicht, er misstraute ihm. Dieser schleimige Kerl... Er war Mathildes erster Lehrer gewesen. Nachdem er sie das "Spiel", den Schwertkampf und - mindestens genauso dankenswert - das Schreiben gelehrt hatte, waren sie noch wenige Jahre ein Paar gewesen. Mathilde sagte immer, die Trennung sei ihre freie Entscheidung gewesen, sie musste lernen allein zu (über-)leben. - Der Drang nach Unabhängigkeit war eine ihrer markantesten Charaktereigenschaften. - Ihre Wege kreuzten sich von da an nur selten und unregelmäßig - vielleicht fünf Mal pro Jahrhundert. Diese Beziehung war nicht annähernd so eng wie die ihre, dennoch fühlte er jedes Mal den Stachel der Eifersucht, wenn er wusste, dass sie ihn traf. Sie gehörte zu IHM... Zumindest was den Kreis der Unsterblichen betraf, pochte er auf den Exklusivanspruch auf ihre Gesellschaft.

Sie hatte ihren Mantel übergeworfen und stand nun in der Tür: "Ich gehe jetzt. Mach dir auch einen schönen Abend... es ist noch Bier da."

Er überhörte den Spott: "Soll ich dir ein Taxi rufen?"

"No, thanks", sie klopfte mit der linken Hand auf ihren Mantel: "Ich kann auf mich aufpassen." Sie kam auf ihn zu und hauchte einen Kuss auf seine Wange.

Er schloss die Tür hinter ihr und ging zurück ins Arbeitszimmer. Dort warf er einen Blick ins Regal. Vielleicht sollte er sich 'mal wieder Tacitus' "Annalen" zu Gemüte führen.

 

* * * * *
 

Hildebrandt lachte laut. "Oh, Hildchen!" Er griff über den Tisch des teuren Restaurants, nahm Mathildes rechte Hand und küsste sie. Dann hielt er sie kurz und drückte sie. "Mir war gar nicht bewusst, wie sehr ich dich vermisse." Er ließ die Hand los und lehnte sich, dabei tief einatmend, zurück. "Und was läuft da zwischen Adam und dir?"

Sie zuckte mit den Augenbrauen und malte mit der Gabel Muster in die restliche Soße auf ihrem Teller. Zögernd meinte sie dann: "Ich fürchte, er hat sein Beuteschema um mich erweitert..."

"Große Augen, unschuldig, bevorzugt lange Haare?"

Jetzt war es an Mathilde zu lachen. "Ja. - Aber das soll er mit sich selbst ausfechten und mich bitte außen vor lassen."

"Wir wissen beide, wie manipulierend dein Freund sein kann, besonders, wenn er etwas will."

"Ich weiß... Aber ich weiß auch, wie viel ihm unsere Freundschaft wert ist... uns beiden. Ich werde aufmerksam sein." Sie lächelte und sah Hildebrandt in die leuchtend blauen Augen. Dann nahm sie seine Hand. "Aber erzähl mir weiter von München..."

Gute drei Stunden später Mathilde saß an die Rückenlehne des Hotelbettes gelehnt und war so sehr ins Nachdenken vertieft, dass sie gar nicht bemerkte, wie Hildebrandt aus dem Badezimmer kam. Er blieb stehen und lehnte sich an den Türrahmen: "Geh zu ihm."

Sie nahm nur wahr, dass da etwas gewesen war. "Hm?"

"Ich sagte, geh zu ihm." Er setzte sich neben sie aufs Bett und küsste ihre Schulter. "Ich wette, er wälzt sich unruhig in seinem Bett und stellt sich vor, wie wir das tun, was wir gerade getan haben."

Er strich sanft über ihren Arm und begann Küsse auf ihr Dekolleté zu verteilen.

Mathilde rutschte in eine waagerechte Position, so dass sie seinen nächsten Kuss mit den Lippen auffing. Sie lächelte. "Er will unbedingt leiden, also kann er ruhig noch eine Stunde warten."

 

* * * * *
 

Als Mathilde gegen halb sieben in Methos' Wohnung zurückkam, schloss sie leise die Tür. In ihrer Hand hatte sie eine Tüte mit frischen Croissants, die sie auf dem Abstelltisch ablegte, bevor sie das Kleid gegen ein lavendelfarbenes Nachthemd tauschte.

Danach legte sie sich zu Methos ins Bett, der zu schlafen schien. Ob er es tatsächlich tat, war ihr nun aber gleich. Sie strich sanft über seine Wange und beugte sich über sein Ohr: "Adam, Liebster... Ich habe dir Croissants mitgebracht... wach auf und frühstücke mit mir."

Mit einem Grummeln drehte sich Methos auf den Rücken. "Was?" Er öffnete ein Auge.

"Croissants?" Sie strahlte ihn an.

"Tilda..." Er setzte sich auf und warf einen Blick auf die Uhr. "Halb sieben?... Okay. Wie gut, dass ich gestern bereits früh schlafen gegangen bin."

"Laozi?"

"Tacitus - genauso langweilig, besonders, wenn man es schon fast auswendig kann..."

Sie setzte sich nun ebenfalls auf: "Bien. Bleib hier. Ich hol' alles her."

 

Nur wenig später frühstückten sie im Bett mit Croissants, Butter, Marmelade und Tee.

Methos konnte der Versuchung nicht widerstehen: "Und? Wie war der Abend?"

"Es gibt auch Desserts, die man kalt genießen kann."

Er starrte sie kurz mit offenem Mund an, bevor er die Fassung wieder fand und sein Croissant in den Mund schob.

Sie sah ihn nur unbeteiligt an: "Das war es doch, was du wissen wolltest, oder?"

Er zuckte mit den Schultern.

"Adam... Ich glaube, ich bin doch noch müde. Lass' uns zu Ende essen und dann lege ich mich noch etwas hin."

"Gut", meinte er und begann Geschirr und Essensreste auf das Tablett auf dem Boden zu stellen.

 

* * * * *
 

"MacLeod?"

"Methos!" Im Morgenmantel erschien der Schotte an Deck. Hatte er den Highlander etwa geweckt? "Es ist... halb acht!"

"Und da trainierst du noch nicht? Noch nicht einmal Tai Qi? Wie bist du nur so alt geworden... Ts, ts." Er schwang sich unter Deck. Der Schotte folgte ihm: "Probleme mit Matilda?" Für diese Fälle war er besonders sensibel.

"Nein, nein!" wehrte Methos ab. "Ich wollte dich einfach nur besuchen..." Duncan sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an.

"Okay. Ehrlich gesagt... Sie kam heute Morgen erst spät wieder und ich will sie noch schlafen lassen..."

"... und außerdem fragst du dich die ganze Zeit, was da mit diesem Hildebrandt so alles gelaufen ist", ergänzte Duncan MacLeod während er dem Ältesten eine kleine Tasse mit Espresso reichte.

"Nein", Methos nahm die warme Tasse entgegen. "Sie hat mir gesagt, dass sie mit ihm geschlafen hat. Weißt du, das stört mich nicht. Wenn ich jedes Mal, wenn sie mit einem Typen im Bett war...", er nahm einen Schluck. "Sie ist... sie war... wir waren nie SO zusammen. Sie ist mein bester Freund, meine Vertraute. Das würden wir nie aufs Spiel setzten für ein bisschen Sex. Wir wissen, wie wertlos Sex im Grunde ist."

"Bedeutungslos. Meinst du nicht, dass du dem eine viel zu große Bedeutung beimisst? Nimm als Beispiel Amanda und mich..." Duncan atmete ein um auszuholen, aber Methos fiel ihm ins Wort.

"Verzeih', Mac, aber ihr beide seid euch nicht annähernd so vertraut wie Til... Matilda und ich." Er trank in einem Zug aus und stellte die Tasse auf den Couchtisch. "Ich geh' wieder. Danke für den Espresso. Gute Marke."

Duncan wunderte sich als Methos das Boot verließ noch still über den Dank - jedes Mal spürte er etwas von Matildas guten Einfluss auf den uralten Egoisten, wenn sie ihn besuchte.

 

* * * * *
 

Sie war weg.

Das Fach im Schrank leer, ihr Koffer fort. Keine Nachricht auf dem Schreibtisch oder am Kühlschrank.

Methos griff nach dem Telefon und wählte Duncans Nummer.

"MacLeod", meldete sich der Schotte.

"Sie ist weg!"

"Und ICH weiß, von wem sie DAS gelernt hat", antwortete dieser, betont bemüht, ein Lachen zu unterdrücken.

 

* * * * *
 

 
Zweiter Teil

 

Gegen elf Uhr stand Duncan MacLeod drei Tage später vor Methos' Wohnungstür. Er wollte nachsehen, wie es seinem Freund nach Mathildes plötzlichem Verschwinden ging.

Er klingelte. Wenig später spürte er den "Buzz" und eine zerzauste Mathilde öffnete ihm die Tür. Die Haare standen ihr vom Kopf ab - wie meist - und sie trug ein fliederfarbenes Spagettiträgerkleid, das dem Schnitt und Stoff nach wohl als Nachthemd zu deuten war.

Erstaunt fragte er: "Du bist zurück?"

"Ja. Ich habe nur eine Freundin in St. Denis besucht. Wir waren gestern tanzen", sie gähnte: "Adam... hm... Methos ist in der Küche... Schließ' bitte zweimal ab." Dann ging sie voran. "Möchtest du mit uns frühstücken? Wir haben allerdings nur Kontinentalfrühstück", sie gähnte erneut.

"Gern. Vielen Dank."

Methos stand barfuss in Jeans und mit freiem Oberkörper an der Spüle.

Duncan lächelte. Vielleicht war ja jetzt alles gut.

"Adam, guck, was vor der Tür stand. Ich habe ihn zum Frühstück eingeladen", verkündete Mathilde freudestrahlend.

"Kaffee oder Tee?" fragte Methos mürrisch.

"Tee bitte, Ceylon-Darjeeling, wenn du hast...", Duncan spürte, dass hier noch einiges ungeklärt geblieben war. Dem wollte er auf den Zahn fühlen und als Mathilde ein drittes Service im Küchenschrank suchte, beugte er sich zu Methos herüber und raunte ihm leise zu: "Wenn ich mir ihr Nachthemd so ansehe, kann ich verstehen, dass sie dir den Kopf verdreht."

Methos sah ihn süffisant an: "Ehrlich gesagt, trägt sie nicht ganz so viel, wenn sie zu mir ins Bett kommt." Dann stellte er den Wasserkocher an.

Das war gelogen, das erkannte sogar er. Duncan spürte deutlich die Rivalitätssignale, die Methos aussandte. Er schien sich seine Gefühle für Mathilde endlich eingestanden zu haben, aber warum betrachtete er nun gerade IHN als Konkurrenten?

Als der Tee bereits kalt war, stand Mathilde auf. "Jetzt muss ich aber endlich duschen - Ich gehe nachher noch zum Kendo-Training... Möchte jemand mit?"

"Wenn du so fragst...", Duncan lächelte breit und anzüglich.

In der Tür stehend erwiderte sie sein Lächeln: "Vielleicht ein anderes Mal, Duncan. - Aber zum Training nehme ich dich gerne mit." Damit verschwand sie in Richtung Bad.

Wenn Blicke töten könnten, hätte Methos jetzt seinen Kopf. Duncan zog es vor, in die Offensive zu gehen: "Methos, was ist los?! Sie ist wieder da, aber du scheinst in schlechterer Stimmung zu sein als vor ihrem Verschwinden!"

Methos stand abrupt auf: "Willst du noch Tee?"

"Okay, du willst nicht darüber reden. Gut. Aber zieh' mich da nicht mit 'rein!"

"Das wird sich nicht vermeiden lassen, mein FREUND." Methos hatte wieder Platz genommen und schenke ihnen frischen Tee ein.

 

* * * * *
 

Duncan beobachtete Mathilde. Sie tanzte... ekstatisch, aufreizend, ausgelassen. Allmählich verstand er ihr Verhalten in den zwei Tagen seit ihrer Rückkehr. Jedes Mal, wenn sie ausgingen, Tanzen, Theater, zu Joe, kleidete sie sich besonders offensiv und reizvoll. Sie zwang Methos zuzusehen, aber es stand für ihn außerhalb jeder Option, dieses Angebot anzunehmen. Vielleicht war das ihre weibliche Rache an den Reitern, überlegte Duncan, aber sie war doch schon so lange mit Methos befreundet, dass sie ihm dies sicher verziehen haben musste.

"Was starrst du so in dein Bier, Mac?" Methos war zurück.

"Sie quält dich."

Methos starrte ihn offenen Mundes an.

"Stimmt doch, oder?" Duncan sah ihn geraden Blickes an. "Sie weiß, was du fühlst und sie reizt dich - aber hält dich gleichzeitig auf Abstand. Lässt dich nur zusehen. - Was soll das?"

"Ich glaube, sie will mich bestrafen...", antwortete Methos ruhig "...schließlich geht es um unsere Freundschaft", er nahm einen Schluck Bier: "Sie kann extrem große Aggressivität entwickeln. Deshalb lebt sie schon so lange. Ich habe mich in sie verliebt - da bin ich mir sicher. Sie muss ihren Kampf noch ausfechten."

"Was machst du, wenn sie sich... gegen dich entscheidet?"

"Dann sollten wir uns die nächsten zweihundert Jahre wohl besser nicht sehen. - Ich war schon lange nicht mehr in Reykjavik... Soll eine interessante Musikszene haben..." Er nahm einen langen Schluck aus der Flasche.

Da kam Mathilde an ihren Tisch: "Entschuldigt, aber ich gehe jetzt - Antoine...", sie nickte dem hübschen Franzosen zu, der mit Helm in der Hand bereits am Ausgang wartete "... will mir noch die Sterne zeigen... Habt noch einen schönen Abend, Duncan", sie küsste ihn auf die linke Wange und er ihr auf die gleiche. "Warte nicht auf mich, Adam." Sie strich im durch das kurze Haar.

"Pass auf dich auf", erwiderte er mit warmer Stimme.

"Dito", sie winkte ihnen zu und ging.

Duncan konnte von seinem Fensterplatz aus sehen, wie sie auf dem Motorrad hinter Antoine Platz nahm und den Helm aufsetzte. Das Kleid rutschte ihr weit über die Oberschenkel. Methos blickte nur kurz nach draußen, dann trank er sein Bier in einem Zug aus und stand auf: "Für dich auch noch eines?"

"Du lässt sie einfach gehen?"

"Was soll ich denn deiner Vorstellung nach tun? Sie muss das mit sich selbst ausmachen, da kann ich ihr nicht helfen."

"Vielleicht will sie ja, dass du um sie kämpfst."

"Mac...", er dehnte den Vokal und setzte ein Gesicht auf, das zum Ausdruck bringen sollte, für wie jung er seinen Gegenüber hielt und dass jener noch sehr viel lernen müsste: "Dafür ist sie... sind wir beide zu alt. Das Spiel haben wir schon so oft gespielt, um darin keinen Sinn mehr zu finden."

"Sei kein Idiot! Versteck' dich nicht hinter deinen halbwahren Lebensweisheiten. Tu' etwas!"

"Das ist es ja, was ich jahrhundertelang gemacht habe. Ich habe mir genommen, was ich wollte. Das will ich nicht mehr", er seufzte. "Ich glaube, ich habe genug für heute. Kann ich bei dir schlafen? Ich habe keine Lust, die ganze Nacht auf sie zu warten und dann seinen Geruch an ihr zu riechen."

"Sicher. Du kennst die Couch ja schon."

Sie standen auf, um zu zahlen.

 

* * * * *
 

Es war gegen zwei Uhr morgens, alles dunkel, alles ruhig, als Methos plötzlich aufschreckte. Der "Buzz". Ein Unsterblicher näherte sich... und das war nicht Duncan, der wohl vernehmbar in seinem Bett schlief und schnarchte.

Na wunderbar. Der Highlander sollte endlich lernen, seine Türen abzuschließen.

Tatsächlich, die Tür wurde geöffnet: "Duncan?" rief Mathilde zögernd.

"Nein, ich bin es nur." Methos hatte sich aufgerichtet und die Lampe neben der Couch angeknipst: "Sparen wir uns das 'Was machst DU denn hier?'", er wies auf den Platz neben sich: "Setz' dich... Wie war's mit Antoine? Neue Sterne entdeckt?"

Sie ließ sich in die Polsterung fallen: "Ich mag es nicht, wenn du so sarkastisch bist."

"Und ich mag es nicht, wenn du dich mit anderen Männern triffst, aber das wird dir schon aufgefallen sein." So. Nun hatte er vorgelegt und sie musste nachziehen.

Ruhig sagte sie: "Du wirst niemals Macht über mich haben, METHOS. Das lasse ich nicht zu. Das erlaube ich nicht." Sie stand wieder auf. "Ich gehe jetzt. Ich brauche Zeit."

"Wenn es nur Zeit ist, davon habe ich genug."

"Gute Nacht." - "Schlaf gut, Mathilde."

Leise schloss sie die Tür.

 

* * * * *
 

Als Duncan am nächsten Morgen in die Wohnkabine kam, war Methos bereits dabei, den obligatorischen Espresso zu kochen.

"Guten Morgen..."

"Matilda war gestern hier." Methos reichte ihm eine Tasse.

"Aha?" Duncan nahm sie entgegen und setzte sich.

"Sie wollte wohl mit dir reden, oder hier schlafen - oder mit dir schlafen... Ich weiß es nicht." Methos ließ sich ihm gegenüber in den Sessel fallen.

"Methos..."

"Ich glaube, ich brauch' eine Pause. Ich war lange nicht mehr in Neuseeland - soll übrigens..."

"... sehr schön sein zu dieser Jahreszeit. Bla, bla, bla. - Fang nicht wieder DAMIT an! Ihr müsst das endlich klären... Ich werde mich heute Abend mit ihr in Joes Bar treffen und du stößt einfach dazu!"

Methos lehnte sich zurück und atmete tief durch: "Ooo-kay", antwortete er gedehnt, "aber ich werde trotzdem schon einmal packen..."

"Dafür müsstest du allerdings in dein Appartement."

Kurz herrschte Stille, dann sprang Methos auf: "Das muss ich dann wohl." Er nahm seinen Mantel und ging zur Tür. "Bis heute Abend, Mac... Um acht?"

"Lieber um sieben - dann ist es noch nicht so voll." Duncan sah ihm nach. Er war tatsächlich völlig durcheinander. Diese Sache mit Mathilde ging dem alten Mann sichtbar nah. Er sah auf die Uhr. Es war gerade einmal acht. Er würde wohl noch eine Stunde warten, bis er sie anrufen würde.

Er lehnte sich zurück und leere seine Tasse. Die Liebe war also ein Rätsel, dass man auch nach fünftausend Jahren nicht lösen konnten.

Er erhob sich: "Dazu ein bisschen Monteverdi..."

 

* * * * *
 

Methos trat ein und zog den Schlüssel aus dem Schloss. Diesmal hatte ER Croissants mitgebracht.

"Tilda?" Aus dem Wohnzimmer dröhnte ihm "Come As You Are" von Nirvanas Unplugged-Album entgegen.

Als er die Anlage leiser gestellt hatte, nahm er das Plätschern der Dusche wahr.

Eine plötzliche Eingebung sagte ihm: Zieh' dich aus und geh zu ihr! Aber seine Vernunft hielt ihn zurück. Er handelte selten unüberlegt oder nur aus einem Impuls heraus. Also stellte er die Musik wieder lauter. Mathildes wütende Musikwahl war jetzt eigentlich genau das richtige.

Gerade zu den letzten Tönen von "Where Did You Sleep Last Night" und damit dem Ende der CD kam sie in die Küche, mit zotteligen Haaren, in Jeans und einem seiner T-Shirts. Normalerweise sah sie morgens, kurz nach dem Aufstehen, wenn alle Gesichtszüge noch runder sind, gerade einmal aus wie zwanzig. Aber jetzt war sie verändert: Augenringe, fahle Haut und ihr sonst meist golden schimmerndes Haar wirkte völlig glanzlos. Gleichmütig warf sie einen Blick auf den Tisch und schaute ihn dann an: "Hast du an die Erdbeermarmelade gedacht? Sie war leer."

Er blickte von der Tageszeitung hoch und sah sie an. Die Wärme seines Blickes raubte ihr den Atem: "Nein", mit dem Fuß schob er ihr den anderen Stuhl zu: "Setz dich. Der Tee zieht noch."

Schweigend und ruhig frühstückten sie.

 

Gelassen wusch Methos das Geschirr ab. "Ich finde, wir müssen reden..."

"Ach, findest du?" Sie räumte die Reste in den Kühlschrank und setzte sich wieder.

"Ich habe mich in dich verliebt... Du bist so...", wollte er beginnen, aber sie fuhr ihm ins Wort.

"... 'unschuldig' vielleicht? Du hast mich schon immer unschuldiger gesehen, als ich bin. Ich bin nicht Laura, Beatrice oder wie sie alle heißen! Diese Liebe wird dich nicht von deinen Sünden befreien!" Sie stand auf, nahm einen Teller aus der Spüle und warf ihn gegen die Wand: "E basta!"

Er hatte sich an den Tisch gesetzt und verzog keine Miene: "Das ist es also... Die Sache mit den Reitern oder die anderen Dinge, die ich bedaure... Es tut mir leid, ich..."

"Liebster. Sicher könnte ich auch meine Feministinnen-Seite aufziehen und zetern 'Du hast fünftausend Jahre Dinge getan, die ich dir als Freund verzeihen kann, aber als Liebhaber niiiiemals...", sie stemmte die Fäuste in die Hüfte und er erinnerte sich daran, wie sie als Suffragette in London für das Frauenwahlrecht demonstriert hatte: "...Mit wie vielen Frauen hast du geschlafen? Und wie viele davon wollten es AUCH?' Nein...", ihr Ton wurde wieder sanfter: "das ist längst vom Tisch - außerdem. Werfe der den ersten Stein...", sie grinste: "Wie viele Männer habe ICH schon besoffen gemacht, um sie ins Bett zu zerren..."

Er lachte kurz auf - laut und trocken - und hob die Hand: "Geschenkt!"

"Okay, zurück zum Thema," meinte sie. "Du fährst hier die schwersten Geschütze auf. Ziehst auch den armen Duncan mit hinein, der noch an das Gute in der Welt - und anscheinend in dir glaubt. Ich weiß gar nicht, worüber ich wütender sein soll! Darüber dass du mich zu manipulieren versuchst, um mich ins Bett zu kriegen, oder darüber, dass du so leichthin unsere Freundschaft aufs Spiel setzt?... Dazu noch alles aus reiner Langeweile heraus!... Nein, ich schlafe nicht mit meinem besten Freund. NEVER EVER! Da kannst du mich noch so oft mit diesem Blick anschauen, der sicher schon Hunderte Frauen hat geifern lassen", sie stütze die Hände ihm gegenüber auf den Tisch auf und beugte sich vor, mit ihren Augen seine fixierend. Ohne ein Lächeln sagte sie: "Deine Art zu lieben ist... sicher auch... meist... aufrichtig, aber dennoch eine sehr spezielle. DU suchst dir ein hübsches, junges, unschuldiges Mädchen und heiratest sie... Damit du dich an ihrer Unschuld aufgeilen kannst, dich dabei durch die Liebe zu ihr läuterst und vielleicht für kurze Zeit Seelenfrieden findest. Stilnovista!" Sie stand auf und ging zur Tür. "Selbstläuterung durch Sex. Darauf muss man erst 'mal kommen! Respekt, Methos". Sie schmiegte ihren Kopf an den Türrahmen: "Du willst doch gar nicht, dass wir zusammen kommen. Du möchtest nur mit mir spielen, aber darauf habe ich keine Lust. - Hättest du dir nicht jemand anderes aussuchen können?" Damit verschwand sie aus der Tür.

Eine halbe Stunde später klingelte das Telefon. Sie ging dran und wenig später schloss sie die Wohnungstür hinter sich.

 

* * * * *
 

Am Abend kam sie wieder. Duncan hatte erst angerufen, als sie bereits weg gewesen war.

Methos saß wieder an seinem Schreibtisch. Zu seinem Amüsement hatte er Ovids "Metamorphosen" aus dem Regal gezogen - die Comicversion.

"Ich habe einen Entschluss getroffen, Adam."

Er hob langsam den Kopf und sah ihr mit angespannter Miene in die Augen.

"Ich fühle mich wie zerrissen. Ich liebe dich - gewiss - als Freund, als Vertrauten", sie wies auf das Buch in seiner Hand: " aber ganz bestimmt nicht wie Thisbe ihren Pyramus. Ich werde morgen früh zurück nach Berlin fliegen... Auf meinem Schreibtisch liegt noch ein Angebot aus Ôsaka. Ich war mir nicht sicher, ob ich es annehmen sollte. Aber das werde ich jetzt tun."

Methos Gesichtszüge entspannten sich. Er erhob sich von seinem Stuhl: "Gut."

Sie warf ihren Rucksack auf den Sessel: "Aber jetzt lass' uns Tanzen gehen!"

Und sie gingen Tanzen. Tanzten lange und intensiv. Sie tanzten zu Noir Désir, Fat Boy Slim, Prodigy etc. bis sie erschöpft waren.

 

Gegen zwei verließen sie den Club. Sie gingen zu Fuß bis zu Methos' Wohnung.

Nachdem er die Tür aufgeschlossen hatte, lief sie wieder zuerst ins Bad. Als sie wenig später abgeschminkt und mit glänzendem Gesicht in der Tür des Schlafzimmers stand, saß Methos noch in seiner verrauchten Kleidung auf dem Bett. Er hatte nur die Nachttischlampe eingeschaltet, sich eine Zigarette angezündet und zog genussvoll daran, während er sie intensiv betrachtete wie sie so vor ihm stand. Das schwarze Spaghettiträgertop klebte noch schweißnass auf ihrer nackten Haut, die graue Jeans saß eng und schmeichelte ihren Kurven.

Auch sie stand still da, nur einen Schritt von der Tür entfernt, und betrachtete ihn. Wie er dort saß, breitbeinig. Der Mantel, darunter das dunkle Shirt und die Bluejeans. Methos' honigfarbenen Augen glänzten, den Mund umspielte ein Lächeln. Dann stand er auf, ging an ihr vorbei in den Wohnraum, drückte seine Zigarette auf einer Untertasse auf dem Beistelltisch aus und ließ den Mantel über den Sessel fallen, auf dem bereits Mathildes Mantel lag.

Dann ging er wieder nah an ihr vorbei zurück zum Bett, um dort erneut in gleicher Pose Platz zu nehmen. Sie sog seinen Geruch ein: Zigarettenrauch, Aftershave, Schweiß, Lust... Sie spürte es auch.

Er saß dort und wartete. Sie stand noch an derselben Stelle und konnte in seinem intensiven Blick das Begehren lesen. Er wusste genau, dass er sexy war und - noch schlimmer - er wusste es einzusetzen.

Es war nun ihr Zug. "Ich will heute Nacht mit dir schlafen", sie ging einen Schritt auf ihn zu. "Nur Sex, MON AMI. Ich werde morgen fahren." Sie ging einen weiteren Schritt auf ihn zu. Er stand auf und strich mit der Hand durch ihr Haar, fasste ihren Hinterkopf, beugte sich langsam vor und küsste sie. Erst fedrig, vorsichtig, dann fest und fordernd eroberte seine Zunge ihren Mund. Sie nahm den Kampf auf.

Sie küssten sich, fielen aufs Bett, liebten sich die ganze Nacht.

 

* * * * *
 

Methos bemerkte den Kuss, den sie ihm zum Abschied auf die Wange gab, als sie wenige Stunden später aufstand - die Sonne war schon lange zuvor aufgegangen. Aber er stellte sich schlafend. Das machte es ihnen beiden leichter. Und so schlief er sogar wieder ein.

Als er endlich erwachte, war sie fort. Er stand auf und schlurfte in die Küche. Dort prangte ein Zettel am Kühlschrank.

"Another stilnovista wrote: '(...) Oltr' a natura umana / vostra fina piagenza / fece Dio, per essenza / che voi foste sovrana: / per che vostra parvenza / vêr me non sia lontana / or non mi sia villana / la dolce provedenza. / E se vi pare oltraggio / ch' ad amarvi sia dato, / non sia da voi blasmato: / chè solo Amor mi sforza, / conta cui non val forza - né misura.' "2 Er verstand und natürlich hatte sie recht. Er hatte sich derselben wohlklingenden Vorwände wie dieser Dichter des Duecento bedient, um sein Ziel zu erreichen. Sie kannte ihn zu gut.

Unter den italienischen Zeilen stand auch etwas in japanischer Schrift. Mit Hilfe seiner guten Chinesisch- und rudimentären Japanischkenntnisse verstand er die Zeichen für "Ôsaka" und "sehen". Dann hatte sie noch zum Abschluss "Love, Tilda" hinzugefügt - alles in makelloser Feinschrift, sehr unpersönlich.

Methos strich mit dem Finger über die Schrift. Dann holte er eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und ging zurück ins Bett. Er konnte sie zwischen den Laken riechen, hatte noch ihren Geschmack auf seiner Zunge. Er trank etwas Wasser, stellte die Flasche neben das Bett und ließ sich wieder in diese Laken fallen. "Mathilde, Mathilde", flüsterte er. Ihm war bewusst, dass sie sich nicht in Ôsaka wieder sehen würden. Diesmal würden sie mehr als diese drei Jahre benötigen, um ihre Freundschaft zu restaurieren. Aber das hatte er einkalkuliert und das war es ihm auch wert gewesen. Die Natur ihrer Beziehung war von der Art, dass sie es gut verkraften konnte. Er nahm den Zettel wieder auf. Durch das Licht sah er, dass sie auch auf die andere Seite etwas geschrieben hatte. Er wendete das Blatt. Dort stand in ihrer privaten Krakelschrift gekritzelt: "Du hast mich manipuliert. Ich werde mich revanchieren."

Er grinste und ließ das Blatt neben das Bett fallen. Dann beschloss er aufzustehen. Vielleicht sollte er MacLeod anrufen und ihn ein bisschen mit seinem "Herzschmerz" nerven. Er schwang sich aus dem Bett und ging ins Wohnzimmer.

Gerade nahm er den Telefonhörer ab, als sich der Timer seiner Hi-Fi-Anlage anschaltete. Er legte den Hörer auf, stützte sich auf den Schreibtisch und presste die Lippen aufeinander.

Er hatte sie schlussendlich durch ihre Neugier gekriegt und sie ihre Prinzipien brechen lassen und nun verhöhnte sie ihn - lautstark und durch die Stones:

"I'll never be your beast of burden / My back is broad but it's a hurting / All I want is for you to make love to me / I'll never be your beast of burden / I've walked for miles my feet are hurting / All I want is for you to make love to me // Am I hard enough / Am I rough enough / Am I rich enough / I'm not too blind to see // I'll never be your beast of burden / So let's go home and draw the curtains / Music on the radio / Come on baby make sweet love to me ..."3

 

* * * * *
 

"[...] She lit a burner on the stove and offered me a pipe / 'I thought you'd never say hello,' she said / 'You look like the silent type.' / Then she opened up a book of poems / And handed it to me / Written by an Italian poet / From the thirteenth century. / And every one of them words rang true / And glowed like a burnin' coal / Pouring off of every page / Like it was written in my soul from me to you, / Tangled up in blue. […]” - Bob Dylan "Tangled Up In Blue”, 1974/75

 
 
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1 Anfangszeilen von Nirvana “Come As You Are”.
2 Auszug aus „Fresca rosa novella“ von Guido Cavalcanti (ca. 1250-1300). Übersetzung von Wilhelm Theodor Elwert (1997; 26-29): „Über die Grenzen der menschlichen Natur hinausgehend / schuf Gott Eure edle Schönheit, / damit Ihr Eurem Wesen nach / die erlauchteste wäret: / Deshalb möge Euer Erscheinen / mir gegenüber nicht fern sein; / möge nun die gütige Vorsehung / nicht hart zu mir sein. / Und wenn es Euch als eine Beleidigung erscheint, / daß ich mich der Liebe zu Euch hingegeben habe, / so möge ich deshalb nicht von Euch getadelt werden: / denn nur Amor zwingt mich dazu, / gegen den weder Gewalt noch Maß etwas vermögen.“
3 Anfangszeilen von The Rolling Stones “Beast Of Burden“.

 
Ende

 
Du bist der 1942. Leser dieser Geschichte.