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Angst essen Seele auf

© by Christina ()

 

Paradiesapfel, Beste Story, 1.PlatzParadiesapfel, Beste Stargate-Story Disclaimer: Der große Naquada-Ring und die Leute, die ihn benutzen, sind geistiges Eigentum von Stargate (II) Productions, Showtime/Viacom, MGM/UA, Double Secret Productions und Gekko Productions. Diese Geschichte wurde nur zur Unterhaltung geschrieben; ich verdiene kein Geld damit. Zusammen mit den deutschen Universitäten und allen Linguisten mit einem Funken Ehre im Leib verweigere ich aus Gewissensgründen die Schreibweise nach der neuen deutschen Rechtschreibung.
Archiv: Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der Stargate-Sektion.
Warnung: Andeutung sexueller Gewalt

 

(1)

 

"Was macht sie so lange?" Colonel Jack O'Neill sah ungeduldig auf seine Uhr. Sie waren spät dran und sein Major ließ sich Zeit. Was immer sie noch zu erledigen hatte, war bestimmt furchtbar wichtig, aber die Situation war ernst. Sie konnten sich keine Verspätung leisten.

"Carter!"

"Gleich!"

"Nein, jetzt! Wenn wir zu spät kommen, haben wir ein ernstes Problem!"

Man hörte einen Seufzer aus dem Umkleideraum. Dann öffnete Sam die Tür und warf dem Colonel einen genervten Blick zu. "Sir, wir müssen nicht pünktlich auf die Minute dort sein. Es ist kein Weltuntergang, wenn wir..."

"Sam, du weißt wie das mit Tischreservierungen bei O'Malley's ist", unterbrach Daniel Jackson sie, "fünf Minuten über der Zeit und weg ist sie."

"Abmarsch", rief der Colonel ihnen über die Schulter zu und ging mit schnellen Schritten zum Fahrstuhl. Carter, Daniel und Teal'c, der die ganze Szene stumm beobachtet hatte, folgten ihm. Ein freier Abend - das mußte gefeiert werden. O'Malley's hatte die besten Steaks in ganz Colorado Springs und war dementsprechend begehrt.

 

Sie hatten es noch rechzeitig geschafft und ihren Tisch bekommen. Er war ein wenig abseits, aber immer noch nahe genug an der Tanzfläche, um in Colonel O'Neill ein ungutes Gefühl aufkommen zu lassen. Er würde nicht tanzen, und wenn Carter ihn mit der Waffe bedrohte. Für den Moment war er allerdings aus dem Schneider, denn sie alle waren mit den riesigen Steaks beschäftigt, für die O'Malley's berüchtigt war. Eigentlich hatten sie beschlossen, an diesem Abend nicht über die Arbeit zu reden. Allerdings hatten sie bald festgestellt, daß sie nicht viel hatten, über das sie sonst reden konnten. Und so kamen sie doch wieder auf das Stargate, seltsame Planeten mit seltsamen Bewohnern und noch seltsameren Sitten zu sprechen. Sie vermieden es sorgfältig, Cheyenne Mountain oder die Air Force zu erwähnen, aber bei den Worten "Planet" und "Goa'uld" warfen ihnen die Gäste am Nachbartisch erstaunte Blicke zu. Daniel hob sein Bierglas in ihre Richtung und prostete ihnen zu. Schnell wandten sie sich wieder ihrerem eigenen Gespräch zu.

 

"Also ich fand diesen Mongolenstamm eigentlich ganz sympatisch", grinste der Colonel.

"Natürlich Sir, Sie durften ja auch die ganze Nacht ums Lagerfeuer tanzen und es sich gutgehen lassen", entgegnete Carter und nippte an ihrem Bier.

"Und Sie hätten so gerne für diesen Typen getanzt, nicht wahr?"

"Nein, der war nur daran interessiert ob ich kochen, spinnen, weben oder Stoffe färben kann."

"Und?"

"Was und?"

"Können Sie?"

"Ich bin eine lausige Köchin. Und ich könnte nicht spinnen, weben oder Stoffe färben, selbst wenn mein Leben davon abhinge."

"Na da hab ich ja noch mal Glück gehabt. Beinahe hätte ich eine Kamelherde gegen Sie eingetauscht. Das wäre ein schlechtes Geschäft gewesen..."

Carter bedachte ihn mit einem Blick, den sie speziell für ihn reserviert hatte. Es war eine Mischung aus Ärger und Belustigung. Manchmal wußte sie wirklich nicht ob sie ihn ans Bein treten oder ihn umarmen sollte. Daniel beobachtete den Schlagabtausch zwischen seinen beiden Freunden. Dann legte er die Hand auf Sam's Arm. "Was Jack damit sagen will, Sam... du bist unbezahlbar."

"Genau!" nickte O'Neill und warf Daniel einen dankbaren Blick zu. Gerettet. "Und Kochen kann ich Ihnen beibringen, Major. Wozu haben Sie schließlich eine Küche?"

"Die war schon da, als ich die Wohnung gemietet habe. Ich kann nichts dafür."

 

Teal'c, der gerade von den Feuerstellen auf Chulak erzählen wollte, wurde von einem lauten Piepen unterbrochen. Colonel O'Neill zog seinen Pieper aus der Tasche und blickte auf das Display. Dann verzog er das Gesicht.

"Oh nein", stöhnte Carter.

"Bitte nicht", jammerte Daniel und vergrub das Gesicht in den Händen.

"Das ist unerfreulich", brummte Teal'c.

O'Neill hob den Pieper hoch. "Soviel zu unserem freien Abend. Wir sollen zum SGC zurück. Anscheinend werden wir gebraucht."

Murrend und mit einem wehmütigen Blick auf die halb aufgegessenen Steaks standen sie auf und zogen ihre Jacken an. Die Kellnerin sah ihnen kopfschüttelnd nach. Sie wollte einmal erleben, daß diese vier ihren Besuch nicht vorzeitig abbrachen.

 

 
(2)

 

"Wieviele SG-Teams haben wir? Zehn? Zwölf? Was machen die eigentlich den ganzen Tag? Haben die nichts zu tun? Warum immer wir?" Daniel war schlecht gelaunt und ließ das jeden wissen, ob derjenige es hören wollte oder nicht.

"Ich vermute, wir haben uns in der Vergangenheit bewährt und werden aus diesem Grund angefordert", sagte Teal'c, während sie den Gang zum Kontrollzentrum entlangingen.

"Wir sind Hammond's Lieblinge", übersetzte O'Neill.

 

Im Besprechungsraum angekommen sahen sie zu ihrer Überraschung Lya von den Nox. Die zierliche Frau verschwand fast in dem großen ledernen Sessel und die Tischkante war ein wenig zu hoch für sie. Dennoch strahte sie eine Erhabenheit und Ruhe aus, die ihre kleine Gestalt größer erscheinen ließ.

"Lya", sagte Daniel überrascht, "Was machst du denn hier... ich meine, schön dich wiederzusehen!"

Die Nox lächelte und neigte den Kopf zur Begrüßung. Daniel und die anderen nahmen am Konferenztisch Platz, gespannt auf das, was General Hammond ihnen zu sagen hatte. Der begann: "SG-1, zuerst einmal entschuldige ich mich dafür, Sie aus dem wohlverdienten Feierabend geholt zu haben. Aber diese Angelegenheit ist von größter Wichtigkeit. Lya hat uns kontaktiert, nachdem Apophis ihre Heimatwelt überfallen hat." Die entsetzten Blicke des Teams hatte er erwartet.

"Was?!"

"Apophis? Ich dachte, wir hätten ihn endgültig...?"

"Das darf doch wohl nicht wahr sein!"

"Er kam mit drei Schiffen und bombardierte den Wald", erklärte Lya. Sogar als sie den Überfall schilderte, klang ihre Stimme sanft. "Schließlich nahm er einige von uns gefangen und drohte sie zu töten, wenn wir ihm nicht die Informationen geben würden, die er verlangte. Er hatte eine alte Schriftrolle gefunden, die angeblich vom Geheimnis des ewigen Lebens erzählte. Allerdings in einer alten Sprache der Erde und in Metaphern, so daß er sie nicht deuten konnte. Er hoffte wohl, daß wir damit eher etwas anfangen konnten. Leider konnten wir ihm auch nicht helfen."

"Leider?" unterbrach O'Neill sie.

"Sie helfen jedem", erinnerte Daniel ihn.

"Ist bei euch alles in Ordnung?" erkundigte sich Sam bei Lya. Die antwortete, "Nein. Einige sind verletzt und unser Dorf ist zerstört. Aber Wunden heilen und Häuser kann man wieder aufbauen. Es wird wieder in Ordnung sein."

"Sag mal, laßt ihr euch eigentlich alles gefallen?"

"Colonel!"

"Entschuldigung, Sir. Lya, ich finde wirklich, ihr braucht eine anständige Verteidigung."

"Wir verteidigen uns nicht, Jack. Das weißt du. Aber ich bin nicht gekommen, um euch um Hilfe zu bitten. Ich möchte euch warnen. Das Schriftstück, das Apophis gefunden hat, stammt von der Erde. Er wird bestimmt versuchen, jemanden aus dem Volk der Tau're zu entführen, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen."

 

Betroffenes Schweigen erfüllte den Raum. Sie alle wußten, daß Apophis so seine Methoden hatte, Leute zum Sprechen zu bringen. Und wenn man unter Zwang Schriftrollen interpretieren würde, dann war der Schritt zum Verrat des Iriscodes nicht weit. In der Stille klang O'Neills Stimme ungewöhnlich laut, als er schließlich sagte, "Bitte um Erlaubnis, die Tok'ra kontaktieren zu dürfen, Sir."

Der General nickte. "Erlaubnis erteilt. Ab mit Ihnen."

 

 
(3)

 

Nachdem Lya wieder nach Hause zurückgekehrt war, wählten sie einen Planeten an, den sie mit den Tok'ra als Treffpunkt vereinbart hatten. Das Stargate erwachte zum Leben und spie Antimaterie fünf Meter weit in den Raum. Daniel machte wie immer den Fehler und atmete instinktiv ein, als er durch den Ereignishorizont ging. Das Problem dabei war, daß man auf der anderen Seite auch instinktiv einatmete. Und so bekam er einen Hustenanfall, als seine Lunge die doppelte Menge an Luft aufzunehmen versuchte.

 

"Vorher ausatmen, Danny", rief der Colonel ihm zu und war schon die Steinstufen hinuntergestiegen.

Keuchend nickte Daniel und sammelte seine Sachen ein, bevor er den anderen folgte. Nach wahrscheinlich hundert Reisen durch das Stargate sollte er es eigentlich besser wissen. Manche Dinge wurden einem zur Gewohnheit, andere anscheinend nie. Er traf die anderen am Fuß der Steintreppe, die zum Stargate hinführte. Rings um sie erstreckte sich eine weite Grasebene.

 

"Wow", sagte der Colonel, "Das ist wirklich eine Premiere."

Teal'c hob eine Augenbraue. "Ich verstehe nicht, O'Neill."

"Keine Bäume. Kein Wald. Und auch keine Wüste, was sonst immer der Fall ist, wenn kein Wald da ist. Carter, sind Sie sicher, daß das noch unsere Realität ist?"

"Ganz sicher, Sir", entgegnete Carter lächelnd und fing an, den kleinen Transmitter aufzubauen, den sie mitgebracht hatten.

 

"Wie macht sie das?" flüsterte O'Neill Teal'c zu.

Teal'c blinzelte. Der Colonel nickte mit dem Kopf zu Carter. "Wie kriegt sie dieses Lächeln hin? Das könnte einen Kühlschrank abtauen."

"Ich glaube nicht, daß Gesichtsmuskeln genug Wärme produzieren um Eis zu schmelzen, O'Neill."

Der Colonel verdrehte die Augen. "Teal'c. Sei ein wenig romantischer, okay?"

Der Jaffa sah ihn an und entgegnete ernst, "Ich werde es versuchen, O'Neill."

"Danke."

"Keine Ursache."

 

 
(4)

 

General Hammond wollte gerade die Missionsberichte der letzten Wochen noch einmal durchgehen, als der Alarm losging. Seufzend legte er die Akte wieder auf seinen Schreibtisch und stand auf. Es war immer das gleiche. Er würde in den Kontrollraum gehen und anordnen,die Iris zu schließen. Dann würde Lieutenant Simmons sagen, daß es SG-1 sei. Er würde antworten, daß sie nicht vor morgen zurückerwartet werden. Und dann würde er befehlen, die Iris zu öffnen. SG-1 würde aus dem Ereignishorizont getaumelt kommen, pitschnaß, mit ein paar Schrammen oder völlig außer Atem. Und er würde sie auf die Krankenstation schicken. Eigentlich könnte er hierbleiben und ihnen einen Zettel hinhängen, sie mögen doch bitte selbst zu Doctor Fraiser gehen. Aber er tat, was er immer tat.

 

"Schließen Sie die Iris!"

"Es ist der Zugangscode von SG-1, Sir", sagte Simmons.

"Aber die werden nicht vor morgen zurückerwartet. Iris öffnen!"

 

Entweder kommen sie viel zu früh oder viel zu spät, überlegte Hammond, als er die Treppe hinunter in den Stargate-Raum eilte. Sie waren noch nie zum vereinbarten Zeitpunkt wieder hier. Gerade bog er um die Ecke, als SG-1 auf die Rampe stolperte. Hammond hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, die Teammitglieder zu zählen, wenn sie wieder auf der Erde eintrafen. Aber er war es ebenso gewohnt, immer auf vier zu kommen. Jetzt lief es ihm kalt über den Rücken, als er bei drei nicht weiter kam.

"Colonel, O'Neill, wo ist Major Carter!"

 

Der Colonel wollte gerade die Rampe hinuntergehen, als der General ihm diese Frage stellte. Erschrocken drehte er sich um und sah gerade noch, wie das Stargate abschaltete. "Sie... sie war direkt hinter uns, Sir."

Wie oft hatte er auch diesen Satz schon gehört. Trotzdem bekam er es jedes Mal mit der Angst zu tun. SG-1 war seine Familie, er war für sie verantwortlich, und Major Carter war wie eine Tochter für ihn.

 

Teal'c kam als erster wieder zu Atem. "Wir wurden angegriffen. Goa'uld-Todesgleiter. Sie müssen gewußt haben, daß wir uns auf diesem Planeten mit den Tok'ra treffen wollten. Wir liefen zurück zum Stargate. Major Carter war bei uns."

"Verdammt!" O'Neill trat wütend gegen eine M.A.L.P.-Sonde, die neben der Rampe stand.

"Hey!" protestierte der Techniker, der gerade dabei war, die Sonde zu reparieren.

"In den Besprechungsraum, sofort", befahl General Hammond.

 

 
(5)

 

Erde flog um sie hoch, Grasfetzen wurden in alle Richtungen geschleudert. Die Todesgleiter waren aus dem Nichts gekommen, sie hatten sie nicht einmal gehört, bevor sie das Feuer eröffneten. Daniel, der am nächsten am Stargate stand, wählte sofort wieder die Koordinaten der Erde. Carter war am weitesten entfernt, weil sie noch den Transmitter für die Tok'ra aufbaute. Als der Angriff begann, ließ sie alles fallen und begann zu rennen.

Sie schaffte es nicht, sie hatte nicht einmal den Hauch einer Chance. Direkt vor ihr schlug eine Salve in den Boden ein und riß einen Krater auf. Sie schlug einen Haken und sah aus den Augenwinkeln, wie Teal'c, Daniel und der Colonel auf das Stargate zurannten. Ihre Lungen brannten und Sand war ihr in die Augen geraten, aber sie erhöhte ihr Tempo noch. In ihrem Kopf war eine kleine pessimistische Stimme, die ihr Angst machte. Wenn einer der Todesgleiter durch das Stargate fliegt... Dann knallt er gegen die Wand unterhalb des Kontrollraumes, beendete der rationale Teil ihres Verstandes den Satz.

Die Druckwelle der nächsten Salve schleuderte sie zu Boden. Für einen kurzen Augenblick war sie benommen, als der Aufprall ihr die Luft aus den Lungen preßte. Bevor sie sich wieder aufrappeln konnte, wurde es plötzlich dunkel. Als sie nach oben sah, entdeckte sie einen der Todesgleiter, der nun genau über ihr schwebte und die Sonne verdunkelte. Wie gelähmt starrte sie auf die Unterseite des Fluggerätes und beobachtete, wie sich eine Klappe öffnete. Dann schoß ein blauer Energiestrahl daraus hervor, und es wurde noch dunkler. Carter verlor das Bewußtsein.

 

 
(6)

 

"Ich war sicher, daß sie hinter mir war", rief O'Neill erneut und schlug mit der Hand auf den Tisch.

Daniel saß neben ihm und hatte das Gesicht in den Händen vergraben. Ich hätte auf sie warten sollen, schoß es ihm durch den Kopf. Es gab nicht viel, was schlimmer war als jemanden zurückzulassen. Es war eine ungeschriebene Regel beim Militär: Du läßt keine Kameraden in feindlichem Gebiet zurück. Du tust es einfach nicht, egal was passiert. Und sie hatten es getan. Sie waren so mit dem Stargate beschäftigt gewesen, daß sie vergessen hatten, wie weit Sam sich schon entfernt hatte.

"Oh Gott, Jack, wir haben sie zurückgelassen", murmelte er.

O'Neill sah auf den in sich zusammengesunkenen jungen Mann neben sich. "Daniel, hör auf mit diesem Quatsch. Wir holen sie wieder. Wir gehen zurück." Dann sah er Hammond an. "Tun wir doch, General?"

"Natürlich", antwortete Hammond, "und zwar gleich. Mit SG-3 und SG-5 als Verstärkung."

 

 
(7)

 

Alles drehte sich. Sam stöhnte auf und schloß die Augen schnell wieder. Die Welt schien wild herumzutanzen, ihr Gleichgewichtssinn war völlig durcheinander und außerdem taten ihr alle Knochen weh. Sie wünschte sich so sehr, jetzt Janets vorwurfsvolle Stimme zu hören, die ihr befahl, ruhig liegenzubleiben. Aber alles, was sie hörte, war ein fernes Wummern wie von einer Maschine.

Okay, sie war also nicht auf der Krankenstation. Schlecht.

"Colonel? Teal'c? Daniel?"

Keine Antwort. Sehr schlecht.

 

Nach ein paar Minuten schaffte sie es, sich wenigstens aufzusetzen. Als der Schmerz durch ihren Kopf raste, lehnte sie sich mit den Rücken gegen die Wand und keuchte. Langsam ließ der Schmerz nach und sie konnte auch wieder klar sehen. Kahler Boden und reich verzierte Wände. Goa'uld-Schrift. Und nach dem Geräusch zu urteilen befand sie sich auf einem Schiff. Verdammt verdammt verdammt.

"Das darf nicht wahr sein", murmelte sie und suchte nach ihrer Waffe. Weg. Natürlich.

Gerade als ihre Augen sich halbwegs an das Zwielicht gewöhnt hatten, öffnete sich die Tür des Raumes. Grelles Licht flutete herein und blendete sie. Schützend hielt Carter eine Hand vor die Augen und versuchte, die Schlangenwache zu erkennen, die sich mit schweren Schritten näherte.

"Steh auf!"

"Würde ich ja gerne, aber im Moment dreht sich noch alles", entgegnete Carter und versuchte, ihre Augen schneller an das Licht zu gewöhnen. Der Schlangenwächter packte sie am Arm und zog sie auf die Füße. "Das hilft", bemerkte Carter sarkastisch, als er sie den Gang entlangzerrte. Ich klinge schon wie der Colonel, dachte sie.

 

Der Gang verbreiterte sich und mündete schließlich in einen großen Thronsaal. Eine Gestalt saß auf dem Thron, und als Carter näher kam, erkannte sie auch wer dort saß.

"Apophis. Es tut überhaupt nicht gut, dich wiederzusehen."

"Schweig!" donnerte der Goa'uld, und im Umkreis von fünf Metern duckten sich alle ängstlich.

 

Fast ein wenig genervt sah sie ihn an. Apophis stand auf und winkte einen Diener zu sich heran. Der trug eine Schriftrolle auf einem Tablett zu ihm und kniete vor ihm nieder. Der arme Mann zitterte so sehr, daß die Schriftrolle wild wackelte und jeden Moment herunterzufallen drohte. Mit überraschender Behutsamkeit nahm Apophis die Schriftrolle an sich und ging auf Carter zu. Der Diener war sichtlich erleichtert und entfernte sich so schnell, wie es das Protokoll zuließ. Als Apophis schließlich dicht vor Carter stand und ihr die Schriftrolle wortlos hinhielt, blickte sie ihn spöttisch an.

"Was, kein 'Knie nieder vor deinem Gott'? Hast du's bei mir schon aufgegeben?"

Der Goa'uld antwortete nicht, sondern hielt ihr nur weiter die Schriftrolle hin. Die Neugier siegte, und schließlich nahm sie sie in die Hand. Sie war in der Tat sehr alt und sehr brüchig. Mit äußerster Vorsicht rollte Carter sie auseinander.

"Mein Gott", entfuhr es ihr.

Das Aufblitzen in Apophis' Augen entging ihr nicht und so fügte sie schnell hinzu, "Ich hab nicht von dir gesprochen!" Dann vertiefte sie sich wieder in die Schriftrolle. Im Raum herrschte absolutes Schweigen. Sie spürte Apophis' Blicke auf sich. Von Zeit zu Zeit runzelte sie die Stirn, als sie ein paar bekannte Wörter las. Schließlich rollte sie das Papyrusstück wieder zusammen und gab es ihm zurück.

"Es tut mir leid, aber ich glaube du hast die Falsche für diese Sache erwischt. Die Rolle ist zwar unglaublich wertvoll und von hoher spiritueller Bedeutung für viele Leute auf meinem Planeten, aber das ist Altgriechisch. Da wäre Daniel eine bessere Partie gewesen."

"Diese Schriftrolle enthält das Geheimnis ewigen Lebens," sagte Apophis.

Carter mußte fast lachen. "Das ist ein Scherz, oder?"

Apophis schwieg.

Carter seufzte. "Offensichtlich nicht. Hör zu, ich kann zwar nicht viel Griechisch, aber so wie es aussieht, ist das eine alte handschriftliche Aufzeichnung eines der vier Evangelien. Du hast die Bibel entdeckt, keine Quelle ewi..." Dann dämmerte es ihr. Jetzt mußte sie wirklich lachen.

"Findest du das amüsant?" zischte Apophis wütend.

Nachdem Carter sich wieder beruhigt hatte, nickte sie. "In deinem Fall ja. Um einen berühmten Spruch etwas abzuwandeln, eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Goa'uld in den Himmel kommt."

Das Letzte, was sie sah, war die glühende Kugel in Apophis' Handfläche. Das Letzte, was sie hörte, war, "Du wirst das Geheimnis für mich entschlüsseln." Dann wurde alles schwarz.

 

 
(8)

 

"Parker! Können Sie sich nicht ein wenig beeilen! Meyers, was ist, wollen Sie eine schriftliche Einladung? Könnt ihr vielleicht ein wenig schneller machen? Das hier ist kein Betriebsausflug, verdammt noch mal!"

Colonel Makepeace wurde es zu viel. Wütend stapfte er zu O'Neill hinüber, der sein Team und so ziemlich jeden anderen im Stargateraum halb verrückt machte. "O'Neill, wenn du jetzt nicht endlich die Klappe hälst, dann stecke ich dich mit dem Kopf durch den Ereignishorizont und schalte das Gate ab! Wir machen, so schnell wir können. Jetzt reg dich ab und laß uns unsere Arbeit tun, okay?"

Einen Moment lang starrten sich die beiden Männer an, dann drehte O'Neill sich abrupt um ging zu Daniel, der den Technikern half, die M.A.L.P.-Sonde klarzumachen. Makepeace seufzte. Es war zum Verzweifeln mit diesem Mann. Jedesmal wenn jemand aus seinem Team vermißt wurde, spielte er verrückt. Vor allem, wenn es Major Carter war. Dabei hatte die Frau in der Vergangenheit oft genug bewiesen, daß sie auf sich selbst aufpassen konnte.

Als er einen Blick nach oben zum Fenster des Kontrollraumes warf, konnte er General Hammond erkennen, der hinter den Technikern nervös auf und ab tigerte. So wie es aussah, hatten die Goa'uld Major Carter erwischt. Makepeace malte sich aus, was er mit Apophis alles anstellen würde, wenn er Carter auch nur die Uniform zerknitterte.

 

 
(9)

 

Gott, ich hasse das, war das erste, was Carter dachte, als sie wieder zu sich kam. Zu ihrer Überraschung hatte sie so gut wie keine Schmerzen, allerdings war sie so wackelig auf den Beinen, daß jeder Versuch aufzustehen scheiterte. So setzte sie sich wieder mit dem Rücken zur Wand auf und sah sich erst einmal um.

Sie war nicht mehr in der kleinen Kammer, soviel stand fest. Sie befand sich nun in einem prächtig ausgestatteten Raum mit einem riesigen Fenster, vor dem allerdings im Moment nur leuchtende Schlieren zu sehen waren. Sie hatte also richtig vermutet: ein Goa'uld-Schiff, das mit Überlichtgeschwindigkeit flog.

 

"Einstein, du hattest Unrecht", murmelte sie und fuhr sich mit den Händen über ihr Gesicht. Wenn ein Objekt Lichtgeschwindigkeit erlangt, so erlangt es unendliche Masse oder verwandelt sich in reine Energie, hatte er vermutet. In der Schule hatten sie dann überlegt wie es wäre, eine Tafel Schokolade auf Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen. Wenn sie Glück hatten, bekamen sie eine riesige Tafel Schokolade. Wenn sie Pech hatten, einen Energieblitz. Und was wäre, wenn man Energie auf Unterlichtgeschwindigkeit abbremsen könnte? Würde sie sich dann in eine Tafel Schokolade verwandeln?

Carter lächelte bei der Erinnerung an den Physikunterricht, der in ihr die Liebe zur Wissenschaft geweckt hatte. Natürlich war die Sache mit der Schokolade totaler Blödsinn gewesen, aber auf diese Weise hatte ihr Lehrer sie zum Nachdenken angeregt. So war sie auf die Idee gekommen, Astrophysik zu studieren. Und weil sie die Beste in der Universität gewesen war, hatten die Verantwortlichen des Stargate-Programmes sie angesprochen. Wenn man es also so betrachtete, war ihr Physiklehrer schuld daran, daß sie jetzt auf Apophis' Schiff festsaß.

Über diese Dinge nachzudenken hinderte sie daran, vor Angst verrückt zu werden. Sie hatte gesehen, was Apophis mit Leuten machte, die ihm nicht mehr nützlich waren oder die ihm einfach nicht in den Kram paßten. Da hatte man allen Grund, Angst zu bekommen.

 

Du bist Major der United States Air Force. Denk dir was aus!

Aber ihr wollte nichts einfallen. Sie wußte nicht einmal, ob dieses Schiff ein Stargate hatte, geschweige denn wo sie sich im Moment befanden. Ihre Uhr war stehengeblieben, so konnte sie nicht ausrechnen, wie weit sie von dem Planeten entfernt waren, auf dem SG-1 die Tok'ra hatte treffen wollen. Murphy's Gesetz stimmte also: Was schiefgehen kann, wird schiefgehen. Wenn es mehrere Dinge gibt, die schiefgehen können, wird das schlimmstmögliche Ereignis eintreten, und zwar zum schlimmstmöglichen Zeitpunkt. Und wenn etwas unmöglich schiefgehen kann, wird es das trotzdem tun...

 

Ein Geräusch an der Wand riß sie aus ihren Gedanken. Eine bis dahin unsichtbare Tür schob sich zur Seite, und einer der Schlangenwächter trat ein. "Du sollst das übersetzen", sagte er und hielt Carter wieder die Schriftrolle hin, die sie eben schon von Apophis gezeigt bekommen hatte.

"Ich habe doch gesagt, ich kann kein Altgrie..." Weiter kam sie nicht, denn der Schlangenwächter rammte ihr seine Stabwaffe in den Bauch. Carter fiel vorneüber und blieb zusammengekrümmt liegen. Der Schlangenwächter trat noch einmal mit seinem Fuß zu und lächelte zufrieden, als Carter vor Schmerzen aufschrie. Dann drehte er seine Stabwaffe um und ließ das tödliche Ende aufschnappen.

"Warte!" keuchte Carter und hob ihre Hand, während sie die andere gegen ihre Seite gepreßt hielt, "Warte, ich... Wenn es wirklich nur um die Übersetzung geht, das hat schon mal jemand gemacht. Besorgt mir eine Bibel, und ich werde das Mißverständnis aufklären, okay?"

Erleichtert schloß sie die Augen, als der Wächter die Stabwaffe deaktivierte und durch die Tür wieder aus dem Raum verschwand. Dann bekam sie einen Hustenanfall. Als sie die Hand wieder von ihrem Mund wegnahm, hatte sie Blut auf der Handfläche. Vorsichtig drehte sie sich auf den Rücken und versuchte, langsamer zu atmen.

 

 
(10)

 

"Leader SG-1 ruft Leader SG-3, bitte melden."

"Leader SG-3 hört."

"Schon was gefunden?"

"Jack, wir sind gerade mal fünf Minuten unterwegs!"

O'Neill blickte frustriert auf das Funkgerät in seiner Hand, das die unerbittliche Wahrheit verkündete. Sie waren ausgeschwärmt nachdem sie auf dem Planeten eingetroffen waren, um nach Spuren von Major Carter zu suchen.

"Ich schalte jetzt ab", kam Makepeace's genervte Stimme aus dem Lautsprecher, gefolgt von einem lauten Knacken.

Am liebsten hätte O'Neill das Gerät in den nächstbesten Busch geschleudert, aber hier gab es keine Büsche. Nur Gras so weit das Auge reichte, manchmal mannshoch, aber immer nur Gras. In der Nähe des Stargates war die Erde aufgewühlt von den Salven der Todesgleiter, die sie angegriffen hatten, aber weit und breit keine Spur von Carter. Auf der einen Seite war er erleichtert, nicht ihre Leiche gefunden zu haben, auf der anderen Seite konnte das nur eines bedeuten: Apophis hatte sich in der Umlaufbahn befunden, tat es vielleicht immer noch, und hatte sie mitgenommen. Sie hätten auf Lya hören sollen. Aber wie hatten die Nox so schön gesagt? "Die Jungen tun nicht immer das, was die Alten ihnen sagen."

 

Nach einer halben Stunde unerbittlichen, schweigenden Marschierens stoppte Jack so plötzlich, daß Daniel fast in ihn hineingerannt wäre.

"Schluß, das bringt nichts", murmelte O'Neill. Seine Stimme klang verzweifelt. Er war immer ein Mann der Tat gewesen. Diese unglaubliche Ohnmacht, die er jetzt verspürte, machte ihn wahnsinnig. Als er sich nicht bewegte, nahm Teal'c ihm das Funkgerät aus der Hand und schaltete alle Kanäle frei.

"An alle. Wir gehen zurück zum Stargate. Teal'c Ende."

"Alles klar. Makepeace Ende."

"Verstanden. Parker Ende."

Von alledem hörte Jack immer nur "Ende". Das Wort rang in seinen Ohren, dehnte sich aus, wurde riesig und drohte alles zu veschlingen. Mit leerem Blick folgte er den anderen zurück zum Stargate.

 

 
(11)

 

Es war schwierig, ein Zeitgefühl zu bekommen. Keine Sonnenauf- oder untergänge, die man hätte als Hilfe nehmen können. Nur die immer gleichen Schlieren wabernder Energiefelder vor dem Fenster. Carter schätzte, daß sie etwas mehr als vierundzwanzig Stunden auf dem Schiff war. Das Licht legte wieviele Kilometer in der Stunde zurück? Mal zwei, mal vierundzwanzig, plus mögliche Abkürzungen durch Wurmlöcher...

"Ach du Schande", stöhnte sie und wurde gleich darauf mit einem weiteren Hustenanfall bestraft.

 

Als die Geheimtür in der Wand sich wieder öffnete, hielt sie die Augen geschlossen. Erst als lange nichts passierte, öffnete sie sie wieder. Apophis und der Schlangenwächter standen vor ihr. Apophis hielt ein Buch in der Hand. "Mir wurde gesagt, du benötigst das hier", sagte er und hielt ihr das Buch hin. Carter setzte sich trotz der Schmerzen in ihrer Seite auf und nahm es. Verwundert sah sie zu Apophis auf.

"Ich werde dich jetzt nicht fragen, wo du Lichtjahre von der Erde entfernt eine Bibel aufgetrieben hast."

"Fang an", sagte der Goa'uld nur.

Carter hustete und fuhr ihn dann gereizt an, "Womit, verdammt noch mal!"

"Das Geheimnis ewigen Lebens. Dieses Buch ist die Aufzeichnung der Aussagen eures Gottes, oder etwa nicht?"

"Oh Mann." Carter biß die Zähne zusammen, rappelte sich langsam auf und lehnte sich an die Wand. Als sie endlich stand, holte sie tief Luft. "Apophis. Wirklich. Es tut mir leid, aber das... es ist ein wenig komplizierter, als du denkst. Du wirst hier drin keine Formel für einen Drink finden, der dir ewiges Leben verleiht. Ja, es ist ein Buch über unseren Gott, aber es ist sein Liebesbrief an uns, kein Rezeptbuch. Und ich bin mir nicht mal sicher, ob ich selbst alles verstehe, was..." Weiter kam sie nicht, denn ihre Lunge schmerzte so sehr, daß sie innehalten mußte. Stöhnend rutschte sie an der Wand hinunter, die Hände auf die schmerzende Stelle gepreßt.

Apophis runzelte die Stirn und sagte etwas auf Goa'uld zu dem Schlangenwächter. Dessen Tonfall änderte sich plötzlich. Er klang jetzt verängstigt und hektisch. Mit ein paar scharfen Worten schüchterte Apophis ihn noch mehr ein, dann drehte der Schlangenwächter sich um und lief so schnell es ging aus dem Raum. Carter sah ihm nach. "Was..."

"Er hat dich ohne meinen ausdrücklichen Befehl geschlagen. Du bist uns nicht von Nutzen, wenn du verletzt bist."

"Ich bin euch auch nicht von Nutzen, wenn ich nicht verletzt bin. Weil ich nämlich nicht vorhabe, euch zu helfen", zischte sie, teils vor Wut, teils weil ihr die Schmerzen den Atem nahmen. Apophis sah sie einen Augenblick lang an, dann ging er langsam zu dem großen Panoramafenster. Als er mit dem Rücken zu ihr stand, sagte er ganz beiläufig, "Eins B neunzehn C vierunddreißig F vier acht sieben null fünf."

Der Iriscode.

 

Carter gefror das Blut in den Adern. Apophis drehte sich lächelnd zu ihr um und lehnte sich an das Fenster. Carter hatte plötzlich das Gefühl, einen Klumpen Eis verschluckt zu haben. Ihr wurde unglaublich kalt. Apophis lächelte immer noch und schlenderte gemächlich auf sie zu. Carter wünschte sich nichts sehnlicher, als in der Wand verschwinden zu können. Das mußte ein Alptraum sein.

"Woher zum... wie hast du..." sie suchte nach Worten, fand sie nicht und verstummte schließlich.

Apophis ging vor ihr in die Hocke, so daß er mit ihr auf einer Höhe war. "Es gibt nicht nur Goa'uld, die zu den Tok'ra überlaufen. Das Gegenteil ist häufiger der Fall, als du denkst. Und es kann sogar vorkommen, daß eben diese Tok'ra mit den Menschen von Tau're befreundet war und den Code für eure Iris kennt. Ist das nicht überaus nützlich?"

Carter versuchte mit aller Kraft, nicht zu zittern. Es gelang ihr nicht. "Was willst du?"

"Du hilfst mir, dieses Geheimnis zu entschlüsseln. Bist du erfolgreich, lasse ich dich und dein Volk möglicherweise am Leben. Versagst du oder verweigerst deine Kooperation, lege ich deinen Planeten in Schutt und Asche. Und du wirst zusehen, bevor du selbst stirbst."

Sie schwieg.

"Also?"

"Hab ich eine Wahl?" gab sie zurück. Dann hustete sie wieder. "Einverstanden."

Apophis nickte zufrieden. Dann hob er seine Hand und legte sie auf Carter's schmerzende Rippen. Zuerst zuckte sie erschrocken zurück, aber dann erkannte sie das Heilgerät. Sie schloß die Augen, als die Energie wie ein warmer Strom durch sie flutete. Wenig später fühlte sie sich besser.

 

 
(12)

 

"Jack..."

Er reagierte nicht.

"Jack!"

Er tigerte jetzt schon seit einer halben Stunde auf und ab und machte alle Anwesenden wahnsinnig.

"Colonel O'Neill, dein beständiges Auf- und Abgehen ist sehr irritierend."

"Jack, wirklich, du machst mich noch ganz nervös..."

"O'Neill, jetzt setz dich endlich auf deinen verdammten Hintern!"

Das Letztere stammte von Colonel Makepeace, und aus irgendeinem Grund reagierte O'Neill. Er stoppte, sah die versammelten Teams und seine Freunde an und setzte sich dann schließlich an einen der Tische. Ein Seufzer der Erleichterung ging durch die Cafeteria. Sie hatten die Besprechung hierher verlegt, weil der Konferenzraum zu klein für alle gewesen wäre. Makepeace ordnete seine Papiere und beschloß, ohne General Hammond anzufangen, der immer noch mit den Tok'ra verhandelte.

"Okay, Survival-Training: Was haben wir? Was brauchen wir? Wie kriegen wir's?"

"Wir haben den Tip von den Nox, daß es wahrscheinlich Apophis war. Wir brauchen ein Schiff, das Apophis' Schiff einholen kann. Wir kriegen es, indem wir es aus den Tok'ra rausprügeln", sagte O'Neill, ohne auch nur aufzusehen.

Makepeace seufzte. Das würde eine lange Besprechung werden.

 

 
(12)

 

ZWEI WOCHEN SPÄTER.

 

Es war zum Verrücktwerden. Sam hatte verschiedene Bibelpassagen für Apophis interpretiert und jedes Mal den Hinweis hineingeschmuggelt, daß die Sache mit dem ewigen Leben nicht so einfach war, wie er es sich vorstellte. Trotzdem verlangte er immer noch weitere Informationen.

Sie befanden sich mittlerweile in der Umlaufbahn eines Planeten, der unter Goa'uld-Herrschaft stand. Es schienen dort Menschen zu leben, versklavt von den Goa'uld. Sam wünschte sich, einmal mit einem der Leute sprechen zu können. Das ständige Alleinsein, nur unterbrochen von dem Wächter, der ihr neues Papier brachte, machte sie fertig. Sie gab die Hoffnung nicht auf, daß SG-1 einen Weg finden würde, sie hier rauszuholen. Aber woher sollten sie wissen, wo sie suchen sollten? Sie wußte ja selbst nicht einmal, wo sie war. Der Gedanke daran, einfach aufzugeben und sich seinem Schicksal zu fügen, wurde immer aufdringlicher. Als er zum ersten Mal in ihrem Hinterkopf aufgetaucht war, war sie über sich selbst erschrocken und hatte ihn bekämpft, so gut es ging. Aber er war wie ein listiges Tier und fand immer neue Wege, sich in ihre Gedanken einzuschleichen, sie anzufallen, wenn sie es am wenigsten erwartete und wenn sie am wehrlosesten war. Aber es waren jetzt schon zwei Wochen, verdammt, zwei lange Wochen!

Ihre Uniform, die beim Angriff der Todesgleiter schwer gelitten hatte, war durch ein prachtvolles Gewand ausgetauscht worden. Sam haßte es aus tiefstem Herzen. Die Uniform war eines der wenigen Dinge gewesen, die sie an die Erde erinnerten, etwas, an das sie sich hatte klammern können. Jetzt sah sie aus wie eine von Apophis' Dienerinnen, die überall mit verschreckten Gesichtern herumhuschten.

 

Sie trat an das riesige Fenster und sah auf den Planeten herab. Ihre Unfähigkeit, irgendetwas zu unternehmen, setzte ihr zu. Wütend trat sie gegen die Wand, drehte sich abrupt um und ging wieder zu dem kunstvoll geschnitzten Tisch, der ihr Arbeitsplatz war. Als die Tür sich öffnete, sah sie nicht auf. Gelangweilt hielt sie dem Wächter den nächsten Stapel Papiere hin und sagte so neutral wie möglich (laß sie deine Verzweiflung nicht spüren), "Ich könnte einen neuen Stift gebrauchen."

"Ich werde einen bringen lassen."

Überrascht blickte Sam auf und sah Apophis. Es war selten, daß er persönlich vorbeikam. Meist tat er das nur, wenn er noch Fragen hatte oder wenn Sam nicht schnell genug arbeitete und er wieder mit der Vernichtung der Erde drohte. Schweigend zuckte sie mit den Schultern und wandte sich wieder ihrem Text zu.

"Ist euer Gott ein Goa'uld?" fragte Apophis plötzlich.

Carter sah auf. "Nicht, daß ich wüßte. Wieso?"

Apophis deutete auf den letzten Abschnitt, den Carter ihm gegeben hatte. "Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten, aus der Sklaverei geführt hat. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott." Das erste Gebot.

Carter nickte. "Nenn mich voreingenommen, aber ich glaube, in diesem Fall ist dieser Anspruch berechtigt."

 

Vor einer Woche noch hätte ihr das eine Salve mit der Handwaffe oder zumindest eine Ohrfeige eingebracht, aber Apophis schien sich an ihre Respektlosigkeit gewöhnt zu haben Er nahm es hin, wie man eine lästige Fliege hinnimmt. Es war sinnlos, sich darüber aufzuregen und eine Verschwendung von Energie, ihr diese Angewohnheit mit Gewalt auszutreiben. Wenn er die Informationen hatte, die er wollte, konnte er sich immer noch etwas ausdenken, um ihr diese Frechheit heimzuzahlen.

"Wie heißt euer Gott?"

"Äh... Im Hebräischen hat er viele Namen. Adonnai, Elohim, El Shaddai... was alles so ziemlich das Gleiche bedeutet, 'Gott der Herr'. Aber als er mal gefragt wurde, nannte er sich selbst Jahwe."

"Was bedeutet das?"

"Es bedeutet, 'Ich bin, der ich bin.'"

Apophis runzelte die Stirn. "Ein seltsamer Name für einen Gott."

Carter zuckte mit den Achseln. "Es kann nicht jeder 'Schrecken des Universums' oder 'Vernichter der Welten' heißen." Sie war sich nicht sicher, ob Apophis den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden hatte, aber er drehte sich um und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum. Als die Tür sich mit einem Zischen schloß, beugte sie sich über den Tisch und legte für einen Moment den Kopf auf die Arme. Dann rieb sie sich müde die Augen und beschloß, zu schlafen. Wenn sie Fehler machte, würde sie nur bestraft werden. Es war besser, ausgeruht und sorgfältig zu arbeiten.

 

Sie sah sich nicht im Spiegel an, während sie sich für die Nacht fertigmachte. Sie hatte aufgehört, sich in die Augen zu schauen. Sam fühlte sich wie eine Verräterin, weil sie für Apophis diese ganzen Interpretationen schrieb.

 

Bete sie nicht an und diene ihnen nicht...

Es war nicht freiwillig. Nein, das nicht. Aber hatte sie denn überhaupt genug versucht? Hatte sie sich genügend gewehrt? War es nicht ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, zumindest unkooperativ zu sein? Aber Apophis hatte den Iriscode. Sie zweifelte keinen Moment daran, daß er nicht zögern würde, seine Drohung wahrzumachen. Dennoch, hatte sie zu schnell nachgegeben?

Wo ist Ihre Loyalität, Major?

Frustriert ließ sie sich auf ihr Bett fallen. Wie sie diesen Raum haßte. Sie haßte alles, die reichen Verzierungen, den wunderbaren Ausblick auf den Planeten, das riesige Bett mit den kunstvoll bestickten Decken, einfach alles. Aber am meisten haßte sie sich selbst, weil sie nicht den Mut hatte, sich zu wehren.

 

 
(14)

 

DREI TAGE SPÄTER.

 

"Selig sind die, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie... Ach, zum Teufel noch mal!"

Carter schleuderte den Stift an die Wand und stand auf. Apophis' neueste Taktik war es, ihr Essen und Trinken vorzuenthalten, wenn Sam nicht zu seiner Zufriedenheit arbeitete. Einmal war sie deswegen schon zusammengebrochen, hatte aber trotzdem noch genug Kraft gehabt, um Apophis den schlimmsten alttestamentlichen Fluch ins Gesicht zu schleudern, den sie bei ihren Streifzügen durch die Bibel bis jetzt hatte finden können. Für den Bruchteil einer Sekunde schien er ehrlich geschockt zu sein. Es war ihr gelungen, die wütende Fassade solange aufrechtzuerhalten, bis die Tür hinter ihr ins Schloß fiel und sie allein war. Dann hatte sie zum ersten Mal geweint.

 

Bisher hatte sie sich immer noch beherrschen können. Sie wußte, wenn sie sich gehenließ und Apophis das herausfand, konnte er sie nach Belieben manipulieren.

Mach dir doch nichts vor, Samantha. Er hat dich doch jetzt schon vollkommen in der Hand. Er verspricht dir einen Krug Wasser, und du fällst vor ihm auf die Knie. Wieviel tiefer kann ein Mensch noch sinken?

Sie wollte es nicht herausfinden müssen. Aber etwas sagte ihr, daß sie es vielleicht mußte, wenn sie jemals wieder nach Hause kommen wollte.

 

Durch das Fenster konnte sie die weite Ebene sehen, auf der das Schiff gestern gelandet war. Einige der Bewohner des Planeten waren als zusätzliche Diener auf Apophis' Schiff gekommen, unter anderem auch ein kleiner schwarzhaariger Junge. Er schien für die Sauberkeit der Korridore zuständig zu sein, denn manchmal konnte Sam ihn beobachten, wie er wienerte und putzte, bis ihm der Schweiß auf der Stirn stand. Einmal hatte er sie bemerkt, wie sie ihm durch den Türspalt zusah. Ihre Blicke hatten sich für einen Moment getroffen, und sie hatte ihm zugewunken. Der Kleine hatte so getan, als hätte er sie nicht gesehen, aber am nächsten Morgen lag ein Apfel vor ihrer Tür. So waren sie zu heimlichen Verbündeten geworden, und Sam war für jede zufällige Begegnung mit dem Jungen dankbar, weil es sie für ein paar Augenblicke aus dieser furchtbaren Einsamkeit herausriß.

 

 
(15)

 

Fast drei Wochen. Daniel starrte auf den blinkenden Cursor seines Laptops und versuchte, seine Gedanken beisammen zu halten. Aber diese unglaublichen Schuldgefühle machten jeden Versuch zu arbeiten zunichte. Natürlich hatten sie nicht aufgegeben, so konnte man das nicht nennen. Aber die Tatsache, daß sie nicht Tag und Nacht da draußen waren und nach Sam suchten konnte einen Außenstehenden schon stutzig machen.

 

"Es bringt nichts." Makepeace hatte in Worte gefaßt, was sie alle insgeheim dachten. Aus Rücksicht auf Jack wollte es nur niemand aussprechen. Vielleicht auch deshalb, weil Dinge, die man aussprach, realer und endgültiger wurden. Jack war aufgestanden und hatte die Tür hinter sich zugeknallt. Teal'c hatte ihn später oben auf Cheyenne Mountain gefunden. Eine stillschweigende Übereinkunft war zwischen den beiden getroffen worden. Teal'c würde nicht sagen, daß Jack geweint hatte.

 

Warum Sam? Warum nicht er? Wenn es um das Übersetzen und Interpretieren alter Texte ging, war er doch ein viel logischerer Kandidat. Wieso ausgerechnet Sam? Wußte Apophis, wieviel sie ihnen allen bedeutete? Oder war sie einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen?

Daniel fuhr sich mit der Hand durch die Haare und nahm einen Schluck aus seiner Kaffeetasse. Er verzog das Gesicht, als er die mittlerweile kalte und bittere Flüssigkeit schmeckte. Schwerfällig stand er auf, um sich Nachschub zu besorgen.

 

Die nächste Kaffeemaschine stand in dem kleinen Raum, in dem auch der einzige Kopierer des Stockwerks untergebracht war. Als er sich dem Raum näherte, schien Licht unter der Tür durch. Langsam öffnete er sie, die Kaffeetasse wie eine Waffe vor sich haltend.

Zuerst sah er niemanden, doch dann bewegte sich etwas im Schatten. Daniel erkannte Jack, der auf einem Stuhl neben dem Kopierer saß und Papierflugzeuge bastelte. Er mußte schon lange so dagesessen haben, denn der Boden war übersäht mit mehr oder weniger gelungenen Versuchen seiner Faltkunst.

"Hi", sagte Daniel. Jack sah auf und nickte ihm zu. "Du siehst furchtbar aus", fügte Daniel nach kurzem Zögern hinzu. Jack lachte leise.

"Herzlichen Dank auch."

Daniel stellte die Kaffeetasse ab und ließ sich neben Jack nieder. "Wir alle machen uns Sorgen, Jack."

Der Colonel nickte wieder, dann vergrub er das Gesicht in den Händen. Daniel legte einen Arm und seine Schultern und so saßen sie eine ganze Weile, bis ein Sergeant hereinkam um zu kopieren.

 

"Wir finden sie", versicherte Daniel, bevor sie beide in verschiedene Richtungen davongingen.

Jack sah ihn nicht an, als er antwortete, "Bestimmt."

 

 
(16)

 

Der Junge hieß Isak, soviel hatte Sam mittlerweile herausgefunden. Er brachte ihr nun regelmäßig etwas zu essen. Isak bewahrte sie vor dem Verhungern, nicht nur körperlich. Er sprach ihre Sprache nur gebrochen, was die Verständigung nicht gerade einfach machte, aber Sam war so ausgehungert nach menschlichem Kontakt, daß sie für jede kleine mühsame Unterhaltung dankbar war. Apophis hatte sich seit Tagen nicht mehr blicken lassen, und die einzige Kommunikation, die sie von dem Wächter erwarten konnte, waren gelegentliche Schläge.

 

Heute morgen war sie aufgewacht und hatte festgestellt, daß sie Schwierigkeiten hatte, sich an die Gesichter von Daniel, Teal'c und den anderen zu erinnern. Das Erschrecken darüber war so gewaltig, daß sie eine lange Zeit wie gelähmt auf der Bettkante saß. Als sich ihre Erstarrung schließlich in einem Weinkrampf Luft verschaffte, rutschte sie langsam zu Boden und blieb dort sitzen, bis sie Isak's kleine Hand auf ihrer Schulter spürte.

"Traurig?" sagte er leise. Sam wischte sich die Tränen ab und nickte müde. "Isak auch traurig", sagte der Junge und blickte sie verständnisvoll an. Als Sam ihn mit einem Blick aufforderte fortzufahren, erklärte er, "Isak auch vermissen. Vermissen Hannah."

"Hannah? Ist... ist das deine Mom? Äh... Mutter?"

Er schüttelte den Kopf und suchte mühsam nach den richtigen Worten in dieser ihm so fremden Sprache. "Hannah... Von Mutter. Wie Isak."

"Schwester. Hannah ist deine Schwester?"

Freudig nickte Isak. Dann griff er unter das grobe Hemd, das er trug und zog eine kleine Plakette heraus, die mit einem Lederband um seinen Hals befestigt war. Die Plakette zeigte ein Bild, eine Zeichnung von einem Jungen und einem Mädchen. Isak deutete auf das Mädchen. "Hannah." Sein Blick wurde plötzlich traurig, als er fortfuhr, "Angst, weil Hannah weit weg."

Sam zog ihn an sich und vergrub ihr Gesicht in seinen schwarzen Locken. "Ich habe auch Angst, Isak. Große Angst." Isak löste sich aus ihrer Umarmung und sah sie ernst an. Dann sagte er mit einer Stimme, die viel zu erwachsen klang,

"Angst essen Seele auf."

Sam sah ihn lange an. Er schien es nicht im übertragenen Sinne zu meinen.

 

Als sich die Schritte des Wächters näherten, sprang Isak auf und rannte nach draußen. Als er auf dem Gang stand und hörte, wie der Wächter die Frau wieder schlug, flüsterte er leise ein altes Gebet seines Volkes. "Eli, eli, lama asabtani?"

Mein Gott, mein Gott, warum hast du uns verlassen.

 

 
(12)

 

Drei Wochen, vier Tage, acht Stunden und zweiunddreißig Minuten.

So lange fehlte Sam schon. Fehlte ihm, fehlte dem SGC, riß durch ihre Abwesenheit ein Loch in ihr aller Leben. Jack O'Neill, gefeierter Colonel der U.S. Air Force, war am Ende. Er ging nicht mehr nach draußen, er schlief nur noch, wenn es nicht mehr anders ging und seine Freunde mußten ihn zum Essen regelrecht zwingen. Daniel hielt sich so oft wie möglich in seiner Nähe auf, um sicherzugehen, daß er nicht noch mehr absackte.

Als Colonel Makepeace vorsichtig vorgeschlagen hatte, Major Carter als "im Einsatz verschollen" zu erklären, schlug ihm eine Welle der Empörung entgegen. Niemand wollte akzeptieren, daß sie tot war. Niemand wollte die Hoffnung aufgeben, sie zu finden. Einerseits war das bewundernswert, andererseits war es nicht gut, sich an Dinge zu klammern, die aussichtslos waren. Aber das sprach Makepeace nicht laut aus, sonst hätte Jack ihn vermutlich verprügelt.

Und so schleppten sie sich von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Kontaktierten die Tok'ra, die Asgard, suchten sämtliche Planeten ab, hatten Schwierigkeiten mit der Technik und wünschten sich, Sam dabei zu haben - nur um sich dann zu erinnern, daß es ja genau darum ging. Sie blieben immer in Bewegung, denn Stillstand bedeutete, daß sie dem Aufgeben wieder einen Schritt näher kamen. Es gab nur zwei Optionen: Entweder sie fanden sie, lebend und unversehrt, oder sie begruben ihre Leiche. Wobei das Letztere nicht wirklich als Option galt.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

 

 
(18)

 

Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man. Bei Sam war es fast soweit. Sie hatte die halbe Bibel interpretiert und endlose Stunden damit verbracht, Apophis beizubringen, daß er auf der falschen Fährte war.

Nach dem Nahrungsentzug war Apophis auf neue Varianten seiner grausamen Spielchen umgestiegen. Jeglicher Kontakt mit Isak war ihr verboten worden. Niemand sprach mit ihr - außer Apophis selbst. Derjenige, den sie am meisten haßte, war auch der einzige Kontakt den sie hatte. Ihre Selbstkontrolle war gebrochen. Sie wehrte sich nicht mehr, gab keine sarkastischen Antworten mehr, tat nur noch ihre Arbeit. Es war nur eine Frage der Zeit, bevor sie endgültig zusammenbrechen würde.

Dazu kam die Angst. Angst davor, ihre Freunde nie wieder zusehen. Sie hatte die Namen von Jack, Daniel und Teal'c an die Wand geschrieben, ganz klein in eine Ecke, damit sie sich wenigstens daran erinnern konnte. Ihre Gesichter waren schon fast aus ihrem Gedächtnis getilgt. Die Verzweiflung nahm zu großen Raum in ihrem Kopf ein. Da war kein Platz mehr für Erinnerungen. Sie hatte Angst, daß Isak etwas passieren könnte. Angst davor, daß die Goa'uld vielleicht doch die Erde angreifen würden. Angst vor dem, was Apophis sich noch alles ausdenken würde damit sie endlich das sagte, was er hören wollte.

Angst essen Seele auf, hatte Isak gesagt. Er hatte Recht gehabt.

 

Manchmal ertappte sie sich dabei, wie sie sich mit Apophis unterhielt, als sei er ein normaler Mensch. Wenn sie zusammen an ihrem Arbeitstisch saßen, die Köpfe über ihre Aufzeichnungen gebeugt, dann vergaß sie ab und zu, wer sie waren. Feinde. Daß sie das hier nicht schon ihr ganzes Leben machte. Und das Schlimmste war, diese Augenblicke kamen immer häufiger. Sam hatte das Gefühl, daß ihr Leben sich langsam auflöste.

Ihre Hand zitterte, als sie sich wieder ihrer Arbeit zuwandte und eine Seite umblätterte.

1. Mose 3, Vers 1. Die Schlange war listiger als alle anderen Tiere im Garten Eden...

 

 
(19)

 

Ich kann nicht glauben, daß ich hier bin, dachte Daniel Jackson, als er die kleine Kapelle betrat. Der Raum befand sich im zweiten Stockwerk des SGC, ein Überbleibsel aus der Zeit als N.O.R.A.D. noch sämtliche Räumlichkeiten in Cheyenne Mountain nutzte. Dann mußte für das SGC Platz geschaffen werden und irgendwie hatten sie auch die Kapelle "geerbt".

Hier saß Daniel nun und konnte die Stille nicht ertragen. Also begann er, zu beten.

"Äh... Gott. Hier ist Daniel Jackson. Du erinnerst dich sicher noch an mich. Ich hab dir als Achtjähriger gesagt, daß ich nie wieder mit dir sprechen werde. Das... okay, das war wohl ein Irrtum. Ich bin nicht so gut in dieser Gebetssache, aber... Sam fehlt uns. Ich meine, sie fehlt uns wirklich. Es ist einfach nicht richtig, wenn sie nicht da ist. Nichts ist richtig. Hilf uns sie zu finden. Hol sie da raus, Gott, bitte. Wir... wir schaffen es nicht alleine."

Der Raum blieb still. Daniel blieb sitzen, bis der Kloß in seinem Hals unerträglich wurde. Dann stürmte er hinaus. Vor der Tür prallte er mit Teal'c zusammen, aber der Jaffa besaß genug Anstand um ihn nicht auf die Tränen in seinen Augen anzusprechen.

 

 
(20)

 

"Ich kann nicht mehr."

Gedacht hatte sie es schon so oft, aber jetzt war es endlich ausgesprochen. Nach vier Wochen. Ein Teil von ihr fühlte sich unendlich erleichtert, es endlich zugegeben zu haben. Aber tief im Inneren spürte sie, daß genau dieser Satz ein weiterer, großer Schritt auf den Abgrund zu war.

Sie stand vor Apophis und kam sich unendlich verloren vor. Der Goa'uld lächelte ein wenig, als hätte er darauf gewartet. "Ich kann nicht mehr", wiederholte Sam mit tränenerstickter Stimme.

"Gib mir die Informationen, die ich will und du bekommst Essen, saubere Kleidung und du darfst den Jungen wiedersehen. Es ist so einfach, Samantha."

"Ich kann dir nicht geben, was ich nicht habe. Ich... was willst du? Soll ich mir was ausdenken? Es steht da nicht drin, Apophis!"

"Du lügst."

"Fahr zur Hölle."

 

Mit einer blitzschnellen Bewegung war Apophis an Sam's Seite und riß ihren Kopf an den Haaren nach oben, so daß sie ihn ansehen mußte. Mit Entsetzen erkannte Sam, daß er mit dem Handgerät auf ihre Stirn zielte.

"Ich verliere langsam die Geduld", knurrte Apophis und seine Augen glühten auf. Dann aktivierte er das Handgerät. Der Schmerz steigerte sich langsam, schnitt durch Sam's Verstand und versetzte jeden Nerv in ihrem Körper in Agonie. Sie wollte schreien, aber nur ein leiser Laut war zu hören. Gerade als sie glaubte, es nicht mehr aushalten zu können, ließ Apophis sie los. Sam fiel zu Boden und krümmte sich zusammen. Sie wollte sich klein machen, verschwinden, nur weg hier.

Apophis gab zweien seiner Wächter ein Zeichen. Sie packten Sam und stellten sie wieder auf die Füße. Mit tränenüberströmtem Gesicht und keuchendem Atem versuchte sie, wieder einen klaren Blick zu bekommen. Aber für den Moment sah sie nur verschwommen.

"Ich warte."

Apophis verschränkte die Arme und sah die Frau an, die kaum noch gerade stehen konnte. Sie sagte nichts. Er seufzte und ging zurück zu seinem Thron. Es sah fast aus, als würde er es sich gemütlich machen. Sam konnte immer noch nicht klar sehen, aber sie hörte deutlich, wie Apophis etwas auf Goa'uld zu den beiden Jaffa sagte, die sie hielten. Mittlerweile hatte sie ein wenig von dieser alten Sprache gelernt. Zwar nicht viel, aber immer noch genug um den ungefähren Sinn des Befehls zu verstehen.

 

"Sie gehört euch."

Sam schloß die Augen, als die Wächter anfingen, sie zu verprügeln. Nur wenn die Schmerzen zu schlimm wurden, schrie sie hin und wieder auf. Zu mehr hatte sie keine Kraft mehr. Apophis lehnte sich zurück und sah gelangweilt zu.

Irgendwann, nach einer Ewigkeit, zerrten die Wächter sie wieder auf die Füße. Zu allerersten Mal in ihrem Leben wünschte Sam sich wirklich und ehrlich, tot zu sein.

Apophis lächelte. "Knie nieder vor deinem Gott."

Mit leerem Blick gehorchte Sam.

 

 
(21)

 

Einen Tag später hustete sie kein Blut mehr. Ihr zerissenes Gewand war gegen ein neues, noch prachtvolleres ausgetauscht worden. Noch eine von Apophis' Taktiken. Schöne Kleider, gutes Essen, ein komfortables Zimmer, reichlich Arbeitsutensilien. Und auf der anderen Seite, inmitten all dieser Pracht, die Schläge, die kurzen aber heftigen Einsätze des Handgerätes, die kleinen seelischen Grausamkeiten, die Apophis wie nebenbei einflocht. Zuckerbrot und Peitsche. Er erwähnte beispielsweise, daß Isak tot sei - nur um ihn dann ein paar Stunden später an ihrer Tür vorbeilaufen zu lassen. Er sprach sie auf Daniel, Jack und Teal'c an, wenn sie gerade geglaubt hatte, nicht mehr so oft an ihre Freunde denken zu müssen.

Sie interpretierte weiterhin Bibelpassagen für ihn, aber sie bemühte sich nicht mehr, ihm die Sinnlosigkeit der ganzen Sache deutlich zu machen. Sie hatte aufgegeben. Wenn sie das ganze verdammte Buch durcharbeiten mußte, so sollte es sein. Ihr war alles egal. Nur Isak riß sie hin und wieder aus diesem düsteren Kreislauf. Der Junge winkte ihr zu, wenn er über die weite Ebene lief, auf die ihr Fenster hinausblickte. Er schmuggelte Essen zu ihr. Er hielt ihre Hand durch den Türspalt hindurch, wenn ihr alles zuviel wurde.

Sam hatte panische Angst, daß Apophis herausfinden könnte, wieviel Isak ihr mittlerweile bedeutete. Der Junge war das Einzige, was sie am Leben erhielt.

 

Und so kam es, wie es kommen mußte. Eines Tages hörte Isak auf, zu kommen. Sam fragte nicht nach, wo er blieb. Es war klar, daß Apophis ihn hatte töten lassen. Sie trauerte zwei Tage um ihn, dann war auch dieser Teil in ihr abgestorben. Mit leerem Blick stand sie von ihrer Arbeit auf, strich ihr Gewand glatt und ging nach draußen, und sich die Füße zu vertreten.

Sie gelagte in einen Teil des Schiffes, den sie vorher noch nie betreten hatte. Kunstgegenstände waren hier aufgestellt und Gemälde zierten die Wände. Eines zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Es war das Bild einer jungen Frau mit langen, seidig glänzenden schwarzen Haaren, die ägyptischen Schmuck trug und auf einem Schemel saß. Es standen weder ein Titel noch der Name des Künstlers auf dem Bild. Das Gemälde war so lebensecht gezeichnet, daß Sam jeden Moment erwartete, daß sich die Frau bewegte. Der Gesichtsausdruck der Frau war nachdenklich, als würde sie gerade etwas Wichtiges überlegen.

So stand sie eine lange Zeit vor dem Bild und drehte sich erst um, als sie Apophis' Stimme hinter sich hörte.

"Das war Amunet's erste Wirtin. Salome."

Wieso erzählt er mir das, fragte sich Sam. Ist das ein neuer Trick? Erzähl was von dir, gewinne ihr Vertrauen, und dann mach sie fertig?

 

Sie schwiegen beide eine lange Zeit, dann drehte Sam sich um und wollte gehen. Apophis hielt sie am Arm fest und blickte sie fragend an. Sam seufzte. "Der nächste Abschnitt ist fertig. Er liegt schon drüben bei den anderen."

Apophis betrachtete sie nachdenklich.

"Was ist", sagte sie. Es klang müde.

"Samantha Carter war einmal eine sehr temperamentvolle Frau mit einem eisernen Willen. Wo ist sie jetzt?" Es war keine Frage, auf die er eine Antwort wollte. Er wollte sich nur lustig über sich machen.

"Sie ist zusammen mit Isak gestorben, du elender Dreckskerl", gab sie in genau dem gleichen Tonfall zurück.

 

Die Energiewelle des Handgerätes schleuderte sie gegen die Wand, bevor sie reagieren konnte. Etwas in ihrem Rücken tat einen Moment lang furchtbar weh, dann wurde ihr schwindlig. Keuchend versuchte sie, wieder auf die Beine zu kommen. Apophis packte ihre Handgelenke und zog sie zu sich heran, so daß sie ihn ansehen mußte. Es lief ihr kalt über den Rücken, als sie den Ausdruck in seinen Augen sah.

 

 
(22)

 

Eine Spur. Gott sei's gelobt, getrommelt und gepfiffen, sie hatten endlich eine Spur! Zum ersten Mal seit über einem Monat lächelte Jack wieder. Die Leute wagten es wieder, in seiner Nähe Witze zu machen. Niemand schlich mehr bedrückt über die Gänge. Die Küchenchefin der Cafeteria freute sich, daß sie ihre Schützlinge wieder bekochen konnte. Das Leben kehrte nach Cheyenne Mountain zurück. Es würde wieder vollkommen komplett sein, wenn Sam auch wieder da war.

 

O'Neill lief unruhig am Fuß der Rampe hin und her, während die SG-Teams sich bereitmachten. Dann öffnete sich das Stargate. General Hammond trat zu den Männern und Frauen, die sich gegenseitig ihre Ausrüstung auf den Rücken schnallten.

"Ladies und Gentlemen, wir alle zählen auf Sie. Sollten Sie etwas brauchen, so kontaktieren sie das Asgard-Schiff, das Thor zu den vereinbarten Koordinaten schicken wird." Dann fügte er noch hinzu, "Bringt sie nach Hause, Jungs."

Die Teams salutierten und verließen den Raum durch das Stargate.

Auf der anderen Seite angekommen, schwärmten sie aus und stellten Transmitter auf, die verhinderten, daß Apophis' Schiff sie orten konnte, bevor sie nahe genug waren.

 

 
(23)

 

Die Sonne schien durch das riesige Fenster in den Raum. Ein kleiner Falter, der sich in das Schiff verirrt hatte, tanzte durch die Strahlen und landete schließlich auf dem kleinen Tisch neben dem luxuriös ausgestatteten Bett. Sam betrachtete das Tier wie es die Flügel hin und her bewegte, als würde es sich Luft zufächeln. Zart und zerbrechlich. Dichter hatten Schmetterlinge mit der Seele des Menschen verglichen. Ihre hatte vor ein paar Stunden aufgehört, mit den Flügeln zu schlagen.

Eine Hand strich ihr von hinten durch das Haar. Es war schon ein paar Zentimeter gewachsen, seit sie hier war. Müde schloß sie die Augen und versuchte, noch ein wenig zu schlafen. Totale Erschöpfung, die fast schon eine Ohnmacht war, hatte sie über zwölf Stunden schlafen lassen. Ihr Herz raste nicht mehr, aber in ihrem Kopf herrschte ein heilloses Durcheinander wie schon lange nicht mehr. Es war, als würde sich der letzte Rest von Samantha Carter wild um sich schlagend dagegen wehren, in die Vergessenheit abzustürzen.

Das ist nicht normal, schrie es in ihr.

So ist es nicht immer gewesen.

Erinnere dich!

Erinnere dich...

Aber es tat so weh, sich zu erinnern. Es war so viel einfacher, sich einfach fallenzulassen.

 

Mit einer fast wissenschaftlichen Distanz hatte sie zugesehen, wie Apophis sein neuestes Spielzeug ausprobiert hatte. Das Objekt war dem Handgerät sehr ähnlich, allerdings war es in der Lage, den Willen eines Menschen zu beeinflussen oder auszulöschen. Zuerst hatte sie sich noch gewehrt, aber je länger das grüne Licht in ihre Augen eindrang, desto weniger wußte sie, warum sie sich eigentlich wehrte. Ein warmes Gefühl begann sich in ihr auszubreiten, und als Apophis sie geküßt hatte, war sie nicht zurückgewichen.

Der Schmetterling flog wieder von dem Tisch weg und setzte sich nun auf die Bettdecke. Sam konnte die wunderschönen Muster auf seinen Flügeln erkennen. Dann langte Apophis über sie hinweg und schlug ihn tot.

 

 
(24)

 

Etwas später am Tag ging Sam langsam durch die Gänge des Schiffes, während ihre Hand mit der wertvollen Edelsteinkette spielte, die um ihren Hals hing. Bald würden sie weiterfliegen. Das Naquadah, das die Generatoren des Schiffes benötigten, war fast vollständig.

Irgend etwas in ihr warnte sie, sich nicht zu sehr mit ihrer Lage anzufreunden. Da war doch noch etwas... etwas hatte sie vergessen... jemanden... Gab es jemanden, der auf sie wartete? Aber wer sollte das sein? Suchte jemand nach ihr? Aber sie war doch hier, für alle sichtbar. Wieso sollte sie jemand suchen? Sie war doch dort, wo sie hingehörte. Wo sollte sie denn hin? Etwa raus in die Wüste? Was sollte sie dort? Dumme Gedanken waren das. Unsinnige Gedanken. Sie dachte überhaupt zu viel nach.

Als sie um eine Ecke bog, stieß sie mit jemandem zusammen. "Jaffa kel tak!" sagte sie ärgerlich. Paß doch auf, wo du hingehst. Der Satz war ihr so automatisch in den Sinn gekommen, daß sie gar nicht nachdenken mußte. Auf einer bestimmten Ebene registrierte sie das ganz genau, aber im Grunde genommen war es ihr egal. So vieles war ihr mittlerweile egal.

Der Mann vor ihr stand mit offenem Mund da und rührte sich nicht. Sam runzelte die Stirn. Überhaupt hatte er eine seltsame Uniform an. Ganz anders als die Jaffa und die Schlangenwächter... Ihr Blick blieb an dem Symbol auf der Jacke des Mannes hängen. Es kam ihr bekannt vor. Woher kannte sie es nur? Angestrengt versuchte sie, sich zu erinnern. Dann sprach der Mann.

"Major Carter..."

Woher kannte er ihren Namen? Wer war das? Ein Eindringling? Wie hatte er es geschafft, an den Wachen vorbei in das Schiffsinnere zu gelangen? Der Mann drückte einen Knopf auf einem Gerät, das an seiner Weste hing.

"Makepeace an SG-1. Ich hab sie gefunden, Jack! Sie lebt! Sie..."

Blaue Energie hüllte ihn ein. Makepeace verkrampfte sich und fiel zu Boden. Sam sah, daß ein Schlangenwächter hinter ihm stand, der mit einem Zat'nic'itel auf ihn geschossen hatte. Sie warf einen letzten Blick auf den Mann am Boden, drehte sich um und ging.

 

 
(25)

 

"Ich hab sie gefunden, Jack! Sie lebt! Sie..."

Dann hörte man ein Rauschen und die Verbindung war tot. Aber das konnte einfach daran liegen, daß die Systeme des Schiffes die Leistung des Funkgerätes beeinträchtigten. Die Hauptsache war, daß Sam am Leben war. Und Makepeace hatte sie gefunden.

 

Jack, Teal'c und die SG-Teams 2 und 3 lagen draußen in einer Senke etwa zweihundert Meter von Apophis' Schiff entfernt in Deckung. Makepeace und Daniel waren vorausgegangen, um sich ins Schiff zu schleichen und herauszufinden, ob Sam überhaupt an Bord war. Dieser erlösende Funkspruch war das, worauf Jack gewartet hatte. Seine Welt hatte seit einem Monat in Scherben gelegen. Jetzt fing sie langsam wieder an, ganz zu werden. Die Nachricht, daß Sam am Leben war, fügte dem Ganzen ein weiteres, gutes Teil hinzu.

 

"Makepeace, bitte wiederholen! Wir haben den letzten Satz nicht mitgekriegt."

Nichts.

"O'Neill an Makepeace, bitte kommen!"

Es rauschte, aber Makepeace meldete sich nicht.

"Verdammt", fluchte Jack. Dann gab er den anderen ein Zeichen. Langsam bewegten sie sich auf Apophis' Schiff zu. Die Transmitter schienen zu funktionieren, bis jetzt hatten die Goa'uld noch keine Anstalten gemacht, sie in irgend einer Form aufzuhalten. Als sie an der Rampe des Schiffes angelangt waren, schlichen sie einer nach dem anderen hinein und sicherten den Gang.

Es war still in dem großen Schiff, zu still für Jack's Geschmack. Vorsichtig gingen sie weiter, tasteten sich von Ecke zu Ecke, von Biegung zu Biegung. Immer noch keine Schlangenwächter. Nach wenigen Metern verbreiterte sich der Gang, und ehe sie sich versahen, standen sie in Apophis' Thronsaal. Makepeace stand mitten im Saal. Er wirbelte herum, als die anderen hereinkamen und wollte ihnen eine Warnung zurufen, aber es war zu spät.

Schlangenwächter umzingelten sie und Makepeace. Jack sah seine Teammitglieder an und seufzte.

"Das darf doch alles nicht wahr sein..."

 

 
(26)

 

Daniel hatte schon seit einer halben Stunde nichts mehr von Colonel Makepeace gehört, aber er war so nah dran, daß ihm das ziemlich egal war. Er schlich sich gerade näher an Apophis' Privatgemächer heran, als er plötzlich ein Geräusch hörte. Er hob seine Waffe und zielte auf die Gestalt, die am Ende des Korridors aufgetaucht war. Die Gestalt hielt kurz inne, und Daniel dachte schon, er sei entdeckt worden. Doch dann verschwand sie um eine Biegung des Ganges. Langsam schlich Daniel hinterher, die Waffe immer noch im Anschlag. Als er die Biegung erreicht hatte, zog er einen kleinen Spiegel aus der Tasche und versuchte, den Raum zu erkennen. Ihm stockte der Atem, als er die Gestalt erkannte. Seine Waffe fiel scheppernd zu Boden, und er trat aus der Nische hervor, in der er gekauert hatte.

"Sam...", flüsterte er mit erstickter Stimme.

Sie drehte sich um. Daniel schluckte als er sah, wie blaß sie war. Sie trug ein prachtvolles Gewand und eine Menge Juwelen, was an einer gesunden Frau unter anderen Umständen sicher phantastisch ausgesehen hätte. Aber Sam's Augen waren blutunterlaufen, ihre Haare hingen ihr wirr ins Gesicht, und Daniel konnte viele Schrammen und Abschürfungen erkennen, vor allem an den Handgelenken.

"Sam", sagte er noch einmal, und diesmal gelang es ihm halbwegs, das Zittern in seiner Stimme zu unterdrücken.

Zuerst sah sie durch ihn hindurch, aber dann schien sie ihn zu erkennen. Sam ging einen Schritt auf ihn zu und legte eine Hand auf seinen Arm. Ihre Stimme war heiser und sehr leise.

"Bist du echt?"

Daniel nickte stumm. Als Sam sich nicht bewegte, zog er sie zu sich heran und nahm sie in die Arme. Erschrocken bemerkte er, wie sehr sie abgenommen hatte. Sie war noch nie besonders füllig gewesen, aber jetzt konnte er spüren, wie sich ihre Rippen gegen die Haut abzeichneten. Vorsichtig hielt er sie etwas fester.

"Sag was", bat er sie nach einer Weile.

Sie gab einen leisen Laut von sich und flüsterte: "Ich hab fast alles vergessen." Dann brach sie zusammen, und Daniel konnte sie gerade noch auffangen. Der Bann war gebrochen und sein Verstand übernahm wieder. Hektisch suchte er nach dem Walkie-Talkie, das an seiner Weste hing.

"Jack, hier ist Daniel! Ich hab sie gefunden! Sie lebt!"

 

Nach einem kurzen Moment knackte es im Lautsprecher des Funkgeräts, dann kam Jack's Stimme, "Wissen wir, Danny. Hör zu, mach daß du hier verschwindest. Wir haben ein kleines Problem..." Dann knackte es wieder, und Daniel konnte etwas hören, das sich verdächtig nach "Jaffa kree!" anhörte. Hastig zerrte er Sam hinter einen Wandvorsprung.

Sie wachte auf und sah ihn aus großen Augen an. Dann erkannte sie erschrocken, wer er war.

"Daniel, du mußt hier verschwinden..."

"Klar Sam, aber nicht ohne dich", unterbrach er sie.

Sam setzte sich auf und sah ihn verwundert an. "Ich kann hier nicht weg", sagte sie, als sei das das Normalste von der Welt. Daniel sah ihr in die Augen und suchte das Feuer, das dort immer gewesen war. Er fand es nicht.

Dann stand Sam auf und sagte noch einmal: "Ich kann hier nicht weg." Sie drehte sich um und ging, während Daniel geschockt auf dem Boden sitzenblieb.

 

 
(27)

 

Versuch es mit Humor. Vielleicht hat er ja doch Humor.

"Äh, Apophis, wir wollten eigentlich nur jemanden abholen, der nicht hierher gehört. Wir kommen nur kurz rein, holen Sam, und schon sind wir wieder weg. Du wirst gar nicht merken, daß wir da waren."

"Schweig!"

Kein Humor. Also gut.

Jack O'Neill versuchte fieberhaft, einen Ausweg aus dieser Situation zu finden. Aber es schien, daß ihn diesmal das Glück wirklich im Stich ließ. Makepeace war genau wie sie gefangen, und Danny hatte er gerade weggeschickt. Aber so wie er ihn kannte, würde er sowieso nicht auf ihn hören und bei Sam bleiben. Was bedeutete, daß er früher oder später auch erwischt werden würde.

Verdammt, Jackson, warum kannst du nicht einmal auf mich hören? Dieses eine Mal?

Einer der Schlangenwächter baute sich vor dem Team auf. "Menschen von Tau're. Ihr seid Gefangene des großen Gottes Apophis. Ihr..."

"Wissen wir, wissen wir", unterbrach ihn Jack genervt. Dann wandte er sich direkt an Apophis. "Hör zu, wenn wir uns in einer Stunde nicht melden, schickt General Hammond Verstärkung, und zwar nicht zu knapp. Ach ja, und hab ich schon die Asgard erwähnt? Die haben auch noch ein Hühnchen mit euch zu rupfen. Also, besser du rückst Major Carter raus, und zwar pronto."

"Ich bin beeindruckt", sagte Apophis verächtlich. "Allerdings glaube ich nicht, daß Samantha den Wunsch hat, uns schon zu verlassen."

"Samantha?!" Jack war nun wirklich sauer. "Seid ihr jetzt per Du oder was? Außerdem würde ich das gerne von ihr selbst hören, wenn du nichts dagegen hast!"

Zu seiner Überraschung nickte Apophis. Dann sah er zur Seite, wo sich eine Tür öffnete. Jack folgte seinem Blick. Fast wäre er aufgesprungen, wenn nur der Schlangenwächter hinter ihm nicht so nervös mit der Stabwaffe gefuchtelt hätte. Sam. Das war eindeutig Sam. Naja, sie trug ein Kleid, was man nicht oft an ihr sah, sie war blaß und sah krank aus, aber sie war da und sie war am Leben. Das war die Hauptsache. Aber irgend etwas stimmte nicht. Sam würdigte ihn nur eines flüchtigen Blickes und ging ohne zu Zögern zu Apophis hinüber. Jack wurde schlecht, als er sah, wie er ihre Hand nahm.

"Diese Männer möchten, daß du mit ihnen kommst", sagte Apophis zu Sam gewandt. Die blickte Jack verwundert an als sähe sie ihn zum ersten Mal. Fragend sah sie zu Apophis zurück.

"Aber warum?"

"Ich habe wirklich nicht die geringste Ahnung", lächelte der Goa'uld zynisch. Sam zuckte mit den Schultern und ging wieder, bevor O'Neill etwas sagen konnte. Jack drehte sich der Magen um. Ein furchtbares Gefühl breitete sich in ihm aus.

Gott, was hat er nur mit ihr gemacht

 

Plötzlich kullerte etwas quer über den Boden und blieb genau vor Apophis liegen. Makepeace sah zu Jack hinüber. Sie dachten das Gleiche.

"Bombe?"

"Bombe."

Dann duckten sie sich, als der Energieblitz alle im Raum erfaßte, die sich nicht schnell genug am Boden waren. Die Getroffenen sanken gelähmt zu Boden, während Jack und die anderen aufsprangen. Daniel trat hinter einer Säule hervor und rückte seine Brille zurecht. Makepeace klopfte ihm anerkennend auf den Rücken.

"Jackson, das nenne ich Timing!"

"Äh... danke..."

"Holen wir Sam und dann raus hier", rief Jack, als er an ihnen vorbeirannte.

 

 
(28)

 

Es war fast nicht zu schaffen. Sie holten Sam ein, die sich wehrte und um sich trat. Sie hatte panische Angst und wollte nicht mit ihnen mitkommen. Schließlich sah Makepeace keinen anderen Ausweg, als sie k.o. zu schlagen. Als sie am Boden lag, kniete Jack nieder und nahm sie in die Arme.

"Alle raus", sagte er tonlos. Als niemand reagierte, fügte er hinzu: "Sofort."

"O'Neill, es mußte sein", verteidigte Makepeace sich. Als Jack nicht antwortete, ging er nach draußen, Daniel und Teal'c mit sich ziehend.

Jack rang nach Worten, aber es fiel ihm nichts ein, was er hätte sagen können. Die Stille legte sich wie ein schweres Tuch über den Raum, nur unterbrochen von Sam's leisen Atemzügen. Schließlich hob er sie hoch und folgte den anderen. Im Gehen vergrub Jack sein Gesicht in Sam's Haaren.

Bitte werde wieder wie früher, Sam. Bitte komm zu uns zurück.

 

Sie rannten zum Gate. Daniel wählte die Koordinaten so schnell, daß er sich beinahe vertippt hätte. Kurz bevor sie durch den Ereignishorizont gehen wollten, wachte Sam wieder auf. Jack ließ sich auf die Knie nieder und legte die Hände an ihre Wangen, bevor sie wieder in Panik ausbrechen konnte.

"Sam! Ich bin's! Colonel O'Neill!"

Zuerst wehrte sie sich, dann plötzlich starrte sie ihn an. Es war, als ob sie endlich aufwachen würde.

"Colonel..."

"Ja", nickte der und drückte sie impulsiv an sich.

Sam klammerte sich an ihn, als ob ihr Leben davon abhinge. Ein leises "oh Gott" kam über ihre Lippen, dann begann sie zu schluchzen. Jack wiegte sie noch einen Moment, dann half er ihr auf.

"Wie wäre es, wenn wir jetzt nach Hause gehen, Major?"

 

Der erste Atemzug, den O'Neill nach dem Austritt aus dem Ereignishorizont schöpfen konnte, gehörte einem Wort.

"JANET!"

Doctor Fraiser kam mit zwei Krankenpflegern die Rampe hinaufgerannt und nahm Sam behutsam in Empfang. Jack ließ ihre Hand nicht los, bis sie in der Krankenstation angekommen waren. Als Janet ihn mehr oder weniger hinauswarf, damit sie arbeiten konnte, spürte er plötzlich, wie Sam seine Hand packte.

"Code ändern", flüsterte sie heiser. Dann holte sie Luft und sagte noch einmal, "Ihr müßt den Iriscode ändern. Apophis hat ihn..."

"Geht klar", versicherte ihr Jack, bevor er zum Kontrollraum rannte.

"Janet..."

"Ich bin hier, Sam. Alles wird wieder gut", beruhigte Dr. Fraiser sie.

"Es tut so weh."

"Ich weiß, ich weiß. Ich geb dir was gegen die Schmerzen, okay? Ganz ruhig."

Sam nickte schwach und schloß dann die Augen. Janet gab ihr eine Extradosis Morphium, als sie plötzlich Getuschel hörte. Als sie herumfuhr, sah sie mehrere Airmen und Lieutenants hinter der Glasscheibe stehen, die den Warteraum vom Behandlungsraum trennte. Sie blickten voller Abscheu auf das kunstvoll gewebte Kleid, das Sam noch immer trug. Janet zog den Vorhang vor der Scheibe so heftig zu, daß sie ihn fast aus der Verankerung riß.

 

 
(29)

 

Es dauerte fast eine Woche, bis Sam wieder aufstehen konnte. Knochenbrüche hatte sie keine, aber viele Abschürfungen und blaue Flecken. Außerdem war sie unterernährt und litt an Alpträumen.

Jack, Daniel und Teal'c waren sofort an ihrer Seite, bugsierten sie in die Cafeteria und organisierten ihren Lieblingskuchen für sie. Sie mußte über die Fürsorglichkeit der Männer lächeln. Sie besaßen genug Taktgefühl, um sie nicht mit Fragen zu löchern. Sie würde von selbst erzählen, wenn die Zeit dafür reif war. Jetzt wollten sie nichts weiter tun, als für sie dazusein, sich um sie zu kümmern und ihr immer wieder mit kleinen Dingen eine Freude zu machen. Mal waren es Blumen, die auf ihrem Schreibtisch standen, mal "entführten" sie sie für einen Abend ins Kino (obwohl sie sich danach von Janet eine Standpauke anhören mußten), mal fand sie eine Karte mit einem Gruß "von deinem Chaotenteam" an ihrem Spind.

"Love bombing" nannte Dr. MacKenzie das. Jack war es egal, wie dieser blöde Freud-Verschnitt es nannte, sie würden jedenfalls nicht damit aufhören. Und so saßen sie zusammen in der Cafeteria und genossen den besten Heidelbeerkuchen diesseits des Colorado River.

Das Getuschel am Nebentisch ignorierten sie. In letzter Zeit hatten Gerüchte im SGC die Runde gemacht über das, was Carter auf diesem Planeten passiert war. Das Problem mit Gerüchten war, sie machten sich irgendwann selbständig und waren dann nicht mehr zu kontrollieren. Einer der Männer am Nebentisch war Major Peterson, ein zynischer und unfreundlicher Mann, der Carter noch nie hatte leiden können.

Plötzlich erhob sich Peterson's Stimme über das Geflüster und Gemurmel, und er rief laut und für alle deutlich hörbar, "Na Carter, wie ist es so mit einem Goa'uld? Hast du's auch mit Sokar probiert, oder war nur Apophis der Glückliche?"

Lautes Gelächter erfüllte den Raum. Niemand hörte, wie Sam ihre Gabel fallen ließ. Nur Daniel sah, wie ihre Hände zu zittern begannen und sie sie unter dem Tisch versteckte. Kalte Wut kroch in Daniel hoch, und er stand langsam auf.

"Was hast du gerade gesagt?" fragte er Peterson. Seine Stimme klang leise und gefährlich. Jack stand ebenfalls auf und stellte sich an Daniel's Seite. Wenn Danny sich schon mit einem Marine prügeln wollte, dann wollte Jack wenigstens helfen. Peterson bedachte sie mit einem selbstgefälligen Grinsen. "Ich hab nur gesagt, was hier jeder denkt. Sie wollte es sich so angenehm wie möglich machen. Jeder weiß doch, daß sie und Apophis -"

Weiter kam er nicht. Jack hatte ihm einen rechten Haken verpaßt, der ihn quer über den Tisch schleuderte. Teller fielen scheppernd zu Boden, als Peterson mit dem Rücken auf dem Mittagessen landete.

"Peterson, du elender Mistkerl", zischte Jack ihn an, "Du hälst jetzt sofort deine dumme Klappe!"

 

Als er eine Hand auf seinem Arm spürte, ließ er Peterson los.

"Ist okay, Colonel. Wirklich. Ich... ich wollte sowieso gehen", sagte Sam mit leiser Stimme. Dann drehte sie sich um und ging schnell aus dem Raum. Fast rannte sie.

Jack stieß Peterson noch einmal zurück auf die Tischplatte. "Wenn ich noch einmal so etwas von dir höre, dann gnade dir Gott, Peterson." Daniel konnte gerade noch ausweichen, als Jack sich umdrehte und Sam hinterherrannte.

 

Er holte sie schon am Fahrstuhl ein. Sie war nicht besonders schnell. Wie denn auch, nach einem Monat in der Hölle. Als er sie am Arm festhalten wollte, machte sie sich los und ging rückwärts, bis die Wand sie aufhielt. Sie sah in dabei nicht an, sondern starrte auf einen imaginären Punkt kurz vor seinen Schuhen.

"Sam..."

"Hören Sie auf, mich zu Sam-en", fuhr sie ihn an. Dann rutschte sie langsam an der Wand herunter, bis sie auf dem Boden saß. Jack setzte sich neben sie und legte den Arm um ihre Schultern. Sie wand sich aus seinem Griff.

"Und fassen Sie mich nicht an!"

Jack rückte wieder ein Stück von ihr weg. "Tut mir leid", sagte er leise. Sam lehnte den Kopf zurück und schloß die Augen. Jack bemerkte, daß ihre Hände noch immer zitterten. "Was ist passiert, Major", versuchte er es noch einmal. Sein Major lachte kurz und verächtlich auf.

"Fragen Sie Peterson. Der weiß es ja anscheinend ganz genau."

"Peterson ist ein Arschloch, Carter."

Da war es. Ein winziges Lächeln, eigentlich nur ein Zucken der Mundwinkel. Ein kleiner Abglanz nur von dem strahlenden Lächeln, daß ihm immer das Herz aufgehen ließ. Aber es war ein Anfang.

"Kommen Sie."

Er zog sie auf die Füße und brachte sie nach oben. Frische Luft, das brauchten sie jetzt beide. Unterwegs ging er noch schnell in den Umkleideraum, um ihre Jacken aus dem Spind zu holen. Carter wartete draußen, zusammen mit Daniel und Teal'c, die sie mittlerweile eingeholt hatten.

 

Als O'Neill vor Carter's Spind stand, erstarrte er. Jemand hatte eine Kunstpostkarte daran gehängt. Ein Gemälde von Sir Arthur Blake mit dem Titel "Lilith". Sie zeigte die Zeichnung einer Frau, um die sich eine Schlange wand. Die Frau legte liebevoll ihre Wange an den Kopf der Schlange, während das riesige Tier sich fast zärtlich um ihren Körper schlang. Auf die Rückseite der Postkarte war etwas geschrieben.

 

GOA'ULD-SCHLAMPE.

 

Voller Wut riß der Colonel die Postkarte herunter und warf sie in den Mülleimer. Dann holte er sie noch einmal heraus und riß sie in viele kleine Fetzen, so daß man das Bild nicht mehr erkennen konnte.

 

 
(30)

 

Oben auf Cheyenne Mountain war es friedlich. Der Abendwind bewegte das Laub, das schon auf den Boden gefallen war, leise raschelnd hin und her. Die vier Freunde hatten sich auf den Boden gesetzt und blickten zu den Sternen auf. Instinktiv hatten die Männer Sam in die Mitte genommen. Jeder merkte es, doch niemand sprach darüber. Schweigend sahen sie zu dem Sternenmeer auf, das sich über ihnen über den Himmel ergoß.

 

Irgendwann stand Sam auf und ging zurück zum Fahrstuhl. Daniel bot ihr an, sie nach unten zu begleiten, aber sie lehnte ab. Er zuckte mit den Schultern, wünschte ihr eine gute Nacht und ging zurück zu O'Neill und Teal'c.

"Danny, kann ich dich was fragen?" sprach der Colonel ihn an, als Daniel sich ins Gras setzte.

"Klar."

"Wer ist Lilith?"

Erstaunt sah Daniel ihn von der Seite an. "Wieso?"

"Nur so."

"Äh... Es gibt eine jüdische Legende, wonach nicht Eva, sondern Lilith Adam's erste Frau war. Aber die beiden... äh... naja, sie kamen nicht so gut miteinander aus, weil Lilith ziemlich eigensinnig war. Sie verliebte sich schließlich in den Teufel und verließ Adam. Naja, und der ging zu Gott, beschwerte sich, und bekam Eva. Lilith wurde die Mutter der Dämonen und wird häufig dargestellt..."

"...in Umarmung mit einer Schlange. Ich weiß."

Daniel lächelte über so viel geballtes mythologisches Wissen von dieser ungewohnten Quelle.

"Ach ja? Woher?"

Jack zupfte an einem Grashalm herum. "Ich bin zwar nicht der Hellste unter der Sonne, aber ein wenig Ahnung hab ich auch, Jackson."

"O-kay... Aber warum..."

"Themawechsel."

Daniel machten den Mund auf, um etwas zu sagen, aber Jack hob die Hand und sah ihn ernst an. Der jüngere Mann machte den Mund wieder zu und sah zu den Sternen auf.

 

 
(31)

 

Major Peterson erschien am nächsten Morgen mit einem riesigen blauen Auge und einer geschwollenen Nase zum Dienst. Niemand fragte ihn, wie das passiert war. Er selbst funkelte jeden an, der es wagte, zu lange auf seine Beulen zu starren.

Colonel O'Neill hatte für sie alle ein paar Tage Urlaub beantragt. Sie waren in die Stadt gefahren, hatten Sam's Apartment auf Vordermann gebracht und die verdorbenen Lebensmittel aus dem Kühlschrank entfernt. Nach einem Monat fand sich so einiges, was nicht mehr genießbar war.

Jack war noch nie in Carter's Wohnung gewesen. Ihm gefielen die hellen, freundlichen Farben und die Holzmöbel. Kunstgegenstände aus allen Kulturen zierten die Regale - Geschenke von Daniel. An einer Wand hingen unzählige gerahmte Photos. Ihre Familie. Ihre Abschlußklasse auf der Air Force-Akademie. Sam, voller Stolz, in ihrer Uniform. Ein Bild von ihr, Daniel, Teal'c und Jack, aufgenommen auf der Party zum vierjährigen Bestehen des SGC.

Jack fühlte sich plötzlich unbehaglich in dem großen, stillen Raum. Hier war nichts, woran er seine Wut auslassen konnte. Sie drohte einfach zu verpuffen, und das frustrierte ihn. Er wollte sie rausschreien, wollte alles kurz und klein schlagen - aber er wagte es nicht. Sam war wehgetan worden, seiner Sam - und niemand sollte es wagen, es anders zu nennen.

 

Auf dem Couchtisch lag eine abgegriffene Bibel. Sam hatte sie nicht aus der Hand gegeben, seit sie sie von Apophis' Schiff runtergeholt hatten. Jack nahm das Buch und schlug es auf. Er hatte das Alte Testament erwischt.

Die Rache ist mein, spricht der Herr, stand da.

"Blöder Spruch", knurrte er. Er wollte Rache. Rache an Apophis, Rache an Peterson. Rache für die Hölle, durch die Sam gegangen war. Rache für jeden schiefen Blick, für jedes getuschelte Wort, Rache für jede Träne, ob geweint oder ungeweint.

"Ich habe nachgesehen", hörte er da Sams Stimme hinter sich, "Es heißt, 'Die Rache ist mein', nicht 'Die Rache ist mein und die von Colonel Jack O'Neill'."

O'Neill fuhr herum und sah, daß Carter im Türrahmen stand. Sie hatte in den letzten Wochen stark abgenommen, der Pullover, den sie trug schien ein wenig zu weit für sie. Überhaupt glaubte er, sie irgendwie größer in Erinnerung zu haben. Stärker.

"Wie lange stehen Sie schon da?" fragte er. Er wollte so gerne zu ihr gehen, aber er konnte nicht. So blieb er stehen und vergrub die Hände in den Hosentaschen.

"Zu lange", sagte Sam und streckte sich. Sie ging an ihm vorbei und setzte sich auf die Couch. Erst als sie mit der Hand neben sich auf das Polster klopfte, setzte Jack sich langsam in Bewegung. Er ließ sich neben ihr nieder und lehnte sich mit einem Seufzer in den weichen Kissen zurück.

"Es tut mir leid."

Sie sah ihn an. "Was tut Ihnen leid, Sir?"

"Alles." Er machte eine Handbewegung, die das Leid der ganzen letzten Wochen umfaßte. "Einfach... alles." Dann fügte er hinzu: "Und nenn mich nicht 'Sir'. Wir sind nicht im Dienst."

 

Sam sagte eine Weile lang nichts. Dann lehnte sie ihrem Kopf an seine Schulter. Er legte seinen Arm um sie, und diesmal schreckte sie nicht zurück. Seine Hand fuhr vorsichtig durch ihr Haar, als hätte er Angst, sie selbst mit dieser sanften Bewegung verletzen zu können.

Jack ahnte, daß es eine ganze Weile dauern würde, bis die Normalität wieder in ihrem Leben einen Platz fand. Aber das war verständlich, man konnte so etwas nicht einfach unter den Teppich kehren. Dinge, die man unter den Teppich kehrte, türmten sich dort auf, bis sie irgendwann so groß waren, daß man über sie stolperte. Für den Moment reichte es, wenn sie alle für Sam da waren. Und wenn Peterson ab und zu eine kräftige Abreibung von ihm bekam.

 

"So, Sie haben... du hast also die Bibel interpretiert?" fragte er vorsichtig. Nicht Apophis ansprechen.

Sam nickte.

"Und? Was für's Leben gelernt?"

"Ich denke schon. Ich weiß nur noch nicht, was."

"Hey, weißt du, wie das Neue Testament entstanden ist?" erkundigte sich Jack plötzlich. Was mache ich hier? Ich sitze mit meinem Major auf der Couch und erzähle Witze?

"Schieß los."

"Also, es war ein mal ein Jude, der kam zu seinem Rabbi. 'Rabbi,' sagt er, 'Wos soll ich tun? Hab ich gehabt einen Sohn, einen scheenen Sohn, einen guten Sohn. Hab ich gemacht scheenes Testament fier ihn. Ist er Christ geworden und hat sich taufen lassen!'

'Woi,' sagt der Rabbi da, 'Ist mir Gleiches passiert. Hab ich gehabt einen Sohn, einen scheenen Sohn, einen guten Sohn. Hab ich gemacht scheenes Testament fier ihn. Was hat der Schmock gemacht? Hat sich taufen lassen!'

'Nu Rabbi, was haste gemacht in der Not?'

'Hab ich gefragt Gott den Herrn um Rat.'

'Nu sacht der Herr, ist mir Gleiches passiert! Hab ich gehabt einen Sohn, einen scheenen Sohn, einen guten Sohn. Hab ich gemacht scheenes, ganz Altes Testament fier ihn. Hat sich auch taufen lassen!'

'Und Herr, was haste gemacht in der Not?'

'Nu hab ich gemacht Neues Testament...' "

Carter sah ihn einen Moment lang an, dann fing sie an zu lachen.

Danke, dachte Jack, danke danke danke. Sie lacht wieder. Sogar über diesen grottenschlechten Witz... Oh Gott, danke.

 

Immer noch lachend stand Sam auf und zog ihn mit sich. Draußen auf den Stufen saßen Daniel und Teal'c. Daniel hielt ihnen zwei Flaschen Bier hin, während Teal'c sich mit einer Cola begnügte.

"Major Carter, ich habe eine Frage."

"Ja, Teal'c?"

"Was ist die Bedeutung des Wortes 'Eisbombe'? Daniel Jackson erwähnte dieses Wort eben. Ist es eine Waffe?"

"Jetzt ist die Überraschung futsch", maulte Daniel.

 

Inmitten ihres Gelächters dachte Jack dankbar, das Leben hat wieder angefangen.

 
Ende

 
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