Zurück
 

Lyle und Jarod

© by Engelchen ()

 

Disclaimer: Die bekannten Charaktere der Fernsehserie "The Pretender" gehören MTM, NBC, TNT und 20th Century Fox. Die folgende Geschichte dient keinerlei kommerziellen Zwecken, sondern wurde nur zum Vergnügen für Fans geschrieben. Eine Verletzung des Copyrights ist nicht beabsichtigt.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der Pretender-Sektion.

 
14. Dezember, 16:10 Uhr
Pennsylvania
Landstraße

 

Jarod blinzelte und öffnete seine Augen. Es blieb dunkel. Er fühlte sich matt und desorientiert, außerdem hatte er starke Kopfschmerzen. Alles was er noch wusste war, dass er an seinem Laptop gesessen hatte. Danach war alles verschwommen. Er rollte zur Seite und stieß dabei mit seinem schmerzenden Kopf an etwas hartes. Er lag also in einem Kofferraum. Aber wie war er da rein gekommen? Der Wagen bog um eine Kurve und Jarod versuchte sanft abzurollen. Dann stoppte das Fahrzeug und der Motor wurde abgeschaltet. Es war sehr kalt und Jarod hätte sich gerne die klammen Hände warm gerieben, aber sie waren mit Handschellen auf den Rücken gebunden. Das sah alles andere als gut aus. Er versuchte zu rekapitulieren, wer ihn in diese mißliche Lage hatte bringen können. Er war noch nicht lange in Pittsburgh gewesen und konnte sich dort also keine Feinde gemacht haben. Vielleicht jemand aus seiner Vergangenheit? Das Centre selbst hätte ihn bestimmt nicht in einen Kofferraum gesteckt. Es sei denn...

Der Kofferraum wurde geöffnet und Jarod blinzelte in die Helligkeit. Leider bewahrheitete sich seine letzte Vermutung - es war Lyle, der ihn überlegen angrinste.

"Hallo Jarod, nett daß wir uns wieder begegnet sind."

Er packte ihn an den Schultern und zerrte ihn unsanft aus dem Auto. Jarod sah, daß der Himmel nicht so hell war, wie es im ersten Moment für ihn den Anschein gehabt hatte. Im Gegenteil. Dunkle Wolken überzogen den ganzen Horizont und ein eiskalter Wind wehte ihm dicke Schneeflocken ins Gesicht.

Lyle trieb ihn vorwärts zu einer Lodge. Jarod konnte erkennen, daß die nächste Lodge gerade noch in Sichtweite war und demnach einige Kilometer entfernt lag. Lyle schloß auf und stieß Jarod in die Hütte. Der verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Obwohl ein stechender Schmerz durch sein Knie jagte, gab er keinen Ton von sich. Diese Genugtuung wollte er Lyle nicht gönnen.

"Dann machen wir es uns doch mal gemütlich", sagte Lyle und schleifte Jarod an den Handschellen über den Boden zur Wand. Unter seiner Jacke zog er eine Pistole heraus uns mit einer schnellen Bewegung landete der Kolben des Revolvers an Jarods Schläfe, der daraufhin sofort in sich zusammen sackte.

 

 
14. Dezember, 18:12 Uhr
Pennsylvania
Lodge 102

 

Lyle saß am Tisch und hatte den DSA Koffer aufgeklappt, den er aus Jarods Versteck mitgenommen hatte. Um sich die Zeit zu vertreiben, hatte er sich das Abspielgerät, zusammen mit Jarods Reisetasche, aus dem Auto geholt, nachdem er in dem kleinen Kramerladen Vorräte besorgt hatte.

Er war in Pittsburgh gewesen, um ein Geschäft abzuwickeln. Das Centre sollte davon nichts erfahren und deshalb war er mit dem Auto gefahren und hatte auf den Jet verzichtet. An Jarod hatte er dabei gar nicht gedacht. Amerika war so groß, aber Jarod hatte sich ausgerechnet Pittsburgh für seinen nächsten Pretender Job ausgesucht. Lyle lächelte zufrieden. Glück war ein seltenes Gut und er war froh, dass er mal wieder etwas davon abbekommen hatte. Er war gerade bei einem Geschäftsessen in einem noblen Restaurant gewesen, als ihm plötzlich ein Mann aufgefallen war, der ein paar Tische weiter mit dem Rücken zu ihm gesessen hatte. Er hatte seinen Augen kaum geglaubt, als er in ihm Jarod erkannt hatte. Es hatte ihn in den Fingern gekribbelt sofort aufzuspringen den Wunderknaben auf der Stelle gefangen zu nehmen. Aber zum Glück hatte er sich zurück gehalten und Jarod erst zwei Tage in Ruhe beobachtet. Als er wußte, wo er wohnte, hatte er sich in der Wohnung versteckt, als Jarod unterwegs war, und ihn in einem günstigen Augenblick von hinten überwältigt.

Das Centre hatte er noch nicht informiert. Er stellte sich die ganze Fahrt über das überraschte und stolze Gesicht seines Vaters vor, wenn er Jarod bei ihm abliefern würde. Einen Schneesturm hatte er dabei nicht eingeplant. Jetzt saßen sie hier fest, abgeschnitten von der restlichen Zivilisation. Aber für Lyle war es nur eine kleine Verzögerung. Er würde sich auf nichts einlassen und Jarod nachts ruhig stellen, denn eine Übernachtung hatte er ohnehin eingeplant. Die Spritzen und das Schlafmittel hatte er sich noch in Pittsburgh besorgt. Mr. Schlaumeier würde sich nachts nicht mit einem seiner billigen Tricks die Handschellen öffnen und verschwinden. Diesmal nicht!

Auf dem Tisch lagen Dutzende Disks wahllos verstreut herum. Lyle schob eine neue Scheibe ein.(1)

 

Jarod 4/13/70

For Center Use Only

Man sah Jarod als Kind, den jungen Sydney und einen weiteren Mitarbeiter. Es gab Geräusche.

"Was ist das Syd?" fragte Jarod.

"Ich weiß nicht." Sydney zeigte dem Mitarbeiter an, dass er nachsehen sollte. Der Mann rannte los.

Man hörte Schreie: "Nein! Nein!"

 

Lyle wusste anhand des Datums, um was es in der Aufzeichnung ging - dem Selbstmord seiner Mutter. Demnach mussten die Schreie von ihr sein. Er bekam eine Gänsehaut.

 

"Die versuchen ihr weh zu tun", schrie Jarod und wollte weglaufen, aber Sydney hielt ihn fest.

"Bleib hier Jarod!" forderten er ihn auf.

Doch das Kind wehrte sich mit aller Kraft. "Nein, nein, lass mich los"

Im Hintergrund konnte man weitere Stimmen hören. "Hol' sie aus dem Fahrstuhl."

Dann hörte man einen lauten Knall.

 

Lyle zuckte zusammen. Das war die Kugel, die seiner Mutter das Leben genommen hatte. Er drückte auf Pause und schluckte. Hatten die Kameras auch seine tote Mutter aufgezeichnet? Er ließ die Disk weiter laufen.

 

"Schafft das Kind hier raus." Hörte man wieder aus dem Hintergrund.

"Lass mich los." Jarod versuchte noch immer sich von Sydneys Griff zu befreien. "Du sollst mich loslassen!"

Dann sah man die junge Miss Parker. Zwei Sweeper zerrten sie weg. Sie schrie:" Mama, Mama!"

Jemand, den man nicht sehen konnte forderte:" Schafft das Kind hier raus."

 

Ein leises Stöhnen ließ Lyle aus seiner Filmvorführung aufschrecken. Er stoppte die Disk und blickte zu Jarod, der vorsichtig den Kopf hin und her rollte.

"Kopfschmerzen?" fragte Lyle gehässig.

Jarod schnaufte hörbar auf und versuchte sich etwas bequemer hinzusetzen. Lyle hatte während seiner Ohnmacht die Handschellen um die Wasserleitung geschlungen, die an der Wand nahe des Bodens an der Hütte entlang lief, und wieder an seinen Handgelenken fest gemacht. Ein Déjà-vu Erlebnis. Nur würde diesmal kein Kyle auftauchen, um ihn zu retten. Kyle - dachte Jarod wehmütig. Sein Mörder(2) saß da am Tisch und schaute sich gerade sein Leben im Centre an. Machte sich wahrscheinlich noch lustig darüber. Wie hatte ihm das nur passieren können? Er hatte dem Centre keine Hinweise geliefert und trotzdem waren sie ihm auf die Schliche gekommen.

"Überrascht mich zu sehen?" Lyle klappte den Koffer zu und wandte sich zu seinem Gefangenen.

"Sitzen wir hier fest?" stellte Jarod eine Gegenfrage.

Lyle hatte nicht vor, ihm irgendwelche Informationen zu geben. Er stand auf, schlenderte zu Jarod und ging vor ihm in die Hocke.

"Ich habe ganz alleine herausgefunden, wo Sie sind. Ich bin es gewesen, der Sie geschnappt hat und ich werde Sie ins Centre zurück bringen." Er tätschelte Jarod leicht die linke Wange. "Und Sie können gar nichts dagegen machen." Lyle holte aus und verpasste Jarod eine schallende Ohrfeige. "Das war der Vorgeschmack auf das, was Ihnen blühen wird, wenn Sie einen Fluchtversuch wagen sollten."

Jarod biß die Zähne zusammen. "Das scheint Ihnen großen Spaß zu machen", sagte er erbittert. Lyles Handabdruck stach deutlich auf der geröteten Wange hervor.

"Fordern Sie es nicht heraus", drohte der ihm.

Jarod blickte zum Fenster. Draußen tobte ein starker Schneesturm. Es war kalt auf dem Fußboden. Unbewußt fing Jarod an mit den Zähnen zu klappern. Sein Kopf pochte dazu eine grausame kleine Melodie. Lyle hatte ziemlich fest zugeschlagen und eine Gehirnerschütterung war nicht auszuschließen. Zumal er heute schon zwei mal am Kopf getroffen worden war.

Auf der anderen Seite des Zimmers war ein offener Kamin. Jarod stellte sich vor wie angenehm es wäre, sich vor dem gemütlich vor sich hinprasselnden Feuer hinzulegen. Seine Arme waren kalt und steif und da sie hinter seinem Rücken festgemacht waren, konnte er sich nicht mal die Arme um den Leib legen, um etwas Wärme zu bekommen. Es gab ein Doppelbett im Zimmer, auf dem etlichen Decken lagen. Wäre Lyle etwas menschlicher gewesen, hätte er Jarod zumindest den Luxus einer Decke gestattet. Aber so konnte er sich die Wärme leider nur vorstellen.

 

Lyle stöberte in den Disks herum. Sie alle enthielten nur Nummern und daher konnte man nicht erkennen, was der Inhalt war.

"Es gibt eine Liste", erklärte Jarod, der sich versuchte, von der Kälte abzulenken.

"Hm?" Lyle blickte ihn gelangweilt an.

"Eine Liste mit allen Nummern und dem Inhalt der Disks."

"Habe ich danach gefragt?" Lyle war inzwischen äußerst gereizt. Er wollte weiter fahren und hatte keine Lust hier ein oder zwei Nächte mit dem Wunderknaben zu verbringen. Er nervte ihn schon, wenn der Name im Centre erwähnt wurde und das war sehr häufig der Fall. Jarod ist die Zukunft des Centres, sagte sein Vater immer. Lyle fand eher, er war die Pest für das Centre. Er schob wahllos eine weitere Disk in den Schacht. Er hoffte, Aufnahmen von seiner Mutter zu finden. Aber es war eine weitere Szene aus Jarods Kindheit.(3) Er war etwa 5 Jahre alt und rannte einen Gang entlang. Hinter ihm ein paar Sweeper.

"Ich weiß gar nicht warum du dich immer beschwerst", grinste Lyle. "Hast doch eine lustige Kindheit gehabt."

Auf der Disk hatten die Sweeper den kleinen Jarod eingefangen und der junge Sydney kam ins Bild.

"Und wie war Ihre Kindheit als Bobby Bowmann?"

Lyle zuckte zusammen, als wenn er von einer Peitsche getroffen worden wäre. Mit versteinertem Gesicht stand er auf und ging zum Bett auf dem ein Aktenkoffer lag. Jarod befürchtete das schlimmste. Vielleicht hätte er diesen Namen nicht erwähnen sollen. Lyle öffnete den Koffer und nahm ein Etui heraus, das eine Spritze enthielt.

"Ich hätte das nicht sagen sollen", versuchte Jarod die Situation zu retten, denn er erinnerte sich mit Schrecken daran, was Lyle beim letzten Mal vorgehabt hatte(4), als er ihm eine Spritze gegeben hatte. "Es tut mir leid."

Lyle hatte das Serum inzwischen aufgezogen und ging mit raschen Schritten auf Jarod zu.

"Was haben Sie vor?"

Lyle fand es spannender Jarod im Ungewissen zu lassen. Ungerührt hielt er den sich windenden Mann fest und jagte ihm absichtlich schmerzhaft die Spritze in den Oberarm. Jarod konnte einen Aufschrei nicht verhindern.

"Und jetzt will ich kein einziges Wort mehr von dir hören!" fuhr er den langsam weg dämmernden Jarod wütend an.

 

 
14. Dezember, 20:33 Uhr
Pennsylvania
Lodge 102

 

<Dieser Mistkerl!> dachte Lyle wütend und starrte mit eisigem Blick auf den schlafenden Jarod. Wenn er ihm lebend nicht so viele Gewinnpunkte bringen würde, hätte er ihn schon längst draußen im Schnee an einen Baum gekettet und genüsslich zugesehen, wie er langsam erfroren wäre. Jarod war es gewesen, der Miss Parker auf die "Bowmann-Spur" gebracht(5) hatte. Er war sogar selbst bei seinen Adoptiveltern gewesen. An seine Kindheit erinnert zu werden, war das letzte, was Lyle gebrauchen konnte. Er hatte diesen Teil seines Lebens ganz tief vergraben und hatte nicht das geringste Bedürfnis, ihn wieder auszugraben. Schon gar nicht unter der Anleitung vom Wunderknaben. Vielleicht war es nicht die beste Idee gewesen, ihm das Serum jetzt schon zu spritzen, denn eigentlich war es ja als Betthupferl für Jarod gedacht gewesen, damit Lyle in Ruhe schlafen konnte ohne die Sorge, dass Jarod abhauen könnte. Aber wenn Jarod nicht gleich den Mund gehalten hätte, hätte Lyle andere Mittel anwenden müssen. Warum hielten sie auch nie den Mund? Er konnte es nicht dulden, wenn sie unaufhörlich auf ihn einredeten. Um ihr Leben bettelten, weinten. Er musste sie zum Schweigen bringen, denn das Stillsein war Pflicht. Lyle hielt es für vernünftig jetzt auch etwas zu schlafen. Später würde er vielleicht noch lange genug wach bleiben müssen.

 

 
15. Dezember, 04:48 Uhr
Pennsylvania
Lodge 102

Als Jarod die Augen aufschlug, spürte er die Kälte in allen Gliedern. Das Feuer war schon länger aus und es war nur noch ein kleiner Rest Glut zu erkennen. Lyle war nur schemenhaft auf dem Bett zu erahnen. Er schien nichts von der Kälte zu spüren, da er wohl dick in die Decken eingehüllt war. Jarod konnte das nicht von sich behaupten. War wohl keine gute Idee gewesen Lyle auf seine Kindheit anzusprechen. Obwohl Jarod liebend gerne mehr darüber gewusst hätte. Schon als er bei Mrs. Bowmann gewesen war(6), hatte er versucht, Lyles Kindheit zu simulieren. Dass war ihm auch mit Leichtigkeit gelungen. Bobby Bowmann hatte liebevolle Adoptiveltern gehabt. Und was wohl niemand im Centre erwarten würde, Bobby war auch ein liebevoller Sohn gewesen. Er hatte seiner Mutter in der Küche geholfen und seinen Vater bei der Farmarbeit unterstützt. Aber dann war etwas passiert. Mrs. Bowmann hatte es so ausgedrückt: Mit 15 ist er durchgedreht. Die Farm der Bowmanns wurde regelmäßig von einem Mann besucht. Jarod hatte herausbekommen, dass es Raines gewesen war. Und dann, kurz vor seinem fünfzehnten Geburtstag, hatte Raines ihn für sechs Wochen mitgenommen. Was war in diesen sechs Wochen passiert? Was hatte Raines ihm angetan, dass aus einem liebevollen Sohn, eine brutale Bestie werden konnte? Jarod hatte versucht auch diese sechs Wochen zu simulieren, aber alles was er sehen konnte, war eine schwarze Wand. Dieser Zeitraum war einfach nicht aufzufinden. An Schlaf war nicht mehr zu denken, obwohl er sich noch ziemlich groggy fühlte. Neben der Kälte gab es noch etwas, was ihn wach hielt und dieses Bedürfnis wurde immer fordernder.

 

 
15. Dezember, 05:33 Uhr
Pennsylvania
Lodge 102

 

"Nein! Nein!" schrie Lyle,

Jarod hatte schon bemerkt, dass der Schlaf von seinem Wächter unruhiger geworden war. Lyle hatte also auch Alpträume. Das war etwas, was Jarod nur zu gut aus eigener Erfahrung kannte.

"Nein!" mit einem letzten lauten Schrei fuhr Lyle aus dem Bett hoch.

Jarod konnte ihn schwer atmen hören. Schnell schloss er die Augen. Bestimmt war es besser, wenn Lyle nicht wusste, dass er die kleine Szene von eben mitbekommen hatte.

"Verdammt ist es hier kalt!"

Jarod konnte hören, dass Lyle aufstand und im Kamin herumstocherte.

"So ein verdammtes Wetter!" fluchte Lyle weiter, der scheinbar einen Blick aus dem Fenster geworfen hatte.

Jarod gab vor zu Husten, damit er "offiziell" erwachen konnte.

"Ich will hoffen, dass dein kleines Mundwerk sich nicht mehr im Ton vergreift. So viel Schlafmittel habe ich auch nicht dabei und nächstes Mal muss mir dann etwas anderes ausdenken."

Jarod nickte. Er wusste, dass Lyle im Moment ziemlich sauer war, aber seine Blase drückte inzwischen so stark, dass er es kaum noch aushielt. Die Sache war ihm ziemlich unangenehm. "Mr. Lyle. Ich... müsste mal zur Toilette."

Trotz des auflodernden Feuers war es noch immer duster im Zimmer. Aber Jarod konnte das Grinsen in Lyles Gesicht förmlich spüren. Im Moment hatte Lyle ihn ganz genau da, wo er ihn schon immer haben wollte - in der Form des Unterworfenen, des Bittstellers. Er hatte die Macht, konnte entscheiden, ob er Jarod von seiner Qual befreite, oder eben nicht. Einen Moment lang geschah gar nichts und Jarod stellte sich schon darauf ein, den Rest der Zeit mit nassen Hosen hier sitzen zu müssen. Aber schließlich schien Lyle ein Einsehen zu haben.

Lyle knipste das Licht an und schaute spöttisch auf das Häufchen Elend auf dem Boden. Das Genie, der Wunderknabe, die Zukunft des Centres musste ihn, Lyle, darum bitten, auf die Toilette gehen zu dürfen. Was nützten ihm all seine wunderbaren Gehirnzellen und sein außergewöhnliches Blut jetzt in diesem Moment - nichts.

"Na schön. Ich will ja nicht, dass die Bude hier nach Pisse stinkt." Lyle schien jeden einzelnen Moment auskosten zu wollen. "Ich denke, du erinnerst dich noch an den Schlag auf den Kopf?"

Jarods Kopfschmerzen ließen ihn diesen Teil des gestrigen Abends nicht so schnell vergessen.

"Wenn du irgendeine Dummheit planst, wirst du mit dem anderen Ende meiner Pistole Bekanntschaft machen." Lyle ging in die Hocke und schloss die Handschelle an der linken Hand auf. Jarod versuchte den Arm nach vorne zu ziehen und stöhnte vor Schmerz auf. Die unbequeme Haltung und die klirrende Kälte, hatte seine Muskeln steif werden lassen.

"Stell dich nicht so an", sagte Lyle ruppig und zerrte den Arm nach vorne, während Jarod dies mit einem Aufschrei quittierte. Erst jetzt bemerkte Lyle, wie kalt sein Gefangener war. Dass er sich nicht über die Kälte beschwert hatte, war ein weiteres Indiz für ihn, dass Jarod sich ihm unterworfen hatte. Er musste ihm auch noch beim Aufstehen helfen und an Jarods unsicherem, leicht wankenden Schritt konnte er erkennen, dass das Serum noch immer nicht ganz seine Wirkung verloren hatte.

"Gutes Zeug", lobte er sich selbst und schob Jarod vor sich her, bis ins Badezimmer.

Während Jarod sich die Hose öffnete, dabei eine Waffe auf seinen Hinterkopf gerichtet war, dachte Lyle über die Disks nach, die er gesehen hatte.

"Du hast also den Selbstmord meiner Mutter mitbekommen." Es war weniger eine Frage, als eine Feststellung.

"Ich habe den Schuss gehört und Miss Parker gesehen." Jarod stöhnte erleichtert auf, als er endlich den Druck los wurde.

"Gibt es denn keine DSA über die Simulation dieser Sache?"

"Dieser Sache?" Unter Lyles argwöhnischer Beobachtung wusch Jarod sich die Hände und befeuchtete auch sein Gesicht und die schmerzende Stirn.

"Das Centre hat dich doch bestimmt diesen Selbstmord simulieren lassen."

Was bezweckte Lyle mit diesen Fragen? Jarod trocknete sich ab und blickte ihn fragend an.

"Ich meine, wollte Mr. Parker nicht wissen, warum sie sich umgebracht hat?"

"Vielleicht kannte er ja den Grund", gab Jarod zurück.

Lyle geleitete ihn zurück in den Hauptraum. "Was soll das denn heißen?" Seine Stimme klang scharf.

"Es wurde nie von mir verlangt, dass ich diesen Vorfall simuliere."

Sie standen wieder an der Stelle, wo Lyle ihn festgemacht hatte.

"Könnten sie mich nicht an einem Stuhl festbinden?" fragte Jarod vorsichtig.

Als Antwort drückte Lyle ihn unsanft zu Boden. "Wir wollen es mal nicht übertreiben." Schnell schlang er das eine Ende um das Rohr und drückte die Handschellen wieder fest um das Handgelenk. Dann ging er zum Bett wühlte in den Decken herum und warf Jarod eine davon zu.

"Will ja keinen Eisklotz im Centre abliefern", erklärte er seine plötzliche Menschlichkeit.

Die Decke war neben Jarod gelandet. Mit dem Fuß zog er sie zu sich her und versuchte es so gut es eben ging unter seinen Körper zu bekommen.

 

Auf einer kleinen Kommode am Fenster, stand ein altes Radiogerät. Lyle schaltete es ein. Die Sender schienen hier alle keinen guten Empfang zu haben, vielleicht lag es auch am Wetter. Schließlich entschied sich der Mann bei dem Sender zu bleiben, der am wenigsten Störungen abgab und lauschte konzentriert. Nach einigen kurzen Werbeclips kamen endlich Nachrichten.

"Pennsylvania. Das Sturmtief William hat sich in der Tiefebene von Bloomsburg festgesetzt. Die Räumfahrzeuge werden einen weiteren Tag festsitzen und wir bitten die Bevölkerung in ihren Häusern zu bleiben."

"Verdammt!" Lyle stellte das Gerät ab. Noch ein Tag mit diesem Freak im Tal der Langeweile.

"Wir könnten Karten spielen", schlug Jarod vor und fing sich dafür einen bösen Blick ein.

Wortlos ging Lyle zur kleinen Küchenzeile und öffnete den Kühlschrank. Viel hatte er nicht gekauft, da er gehofft hatte, heute weiterfahren zu können. Für gestern Abend hatte er vorgehabt sich den Kopf mit einem Six-Pack zuzudröhnen, aber er war von seinem kurzen Nickerchen nicht mehr aufgewacht. Für Bier war es jetzt noch zu früh. In Gegenwart des wachen Jarods musste er unbedingt einen klaren Kopf behalten. Es gab noch einen Sechserpack Wasser, vier abgepackte Sandwichs und eine Tüte geröstete Erdnüsse. Lyle nahm eine Flasche Wasser und ein Sandwich heraus und setzte sich damit an den Tisch, mit dem Rücken zu Jarod. Während er das belegte Brot auspackte spürte er dessen bohrenden Blicke. Mit wenigen Bissen hatte er das Essen verschlungen und spülte mit viel Wasser nach, das er direkt aus der Flasche trank.

Jarod blickte sehnsüchtig auf das Wasser. Sein Hals war rau und sein Mund völlig ausgetrocknet. Er konnte das kühle Nass förmlich auf seiner Zunge schmecken. Auch gegen etwas zum Essen hätte er keinen Einwand gehabt. Aber Lyle machte nicht den Eindruck als würde ihn das interessieren.

Der wühlte in Jarods Reisetasche herum und warf ein Kleidungsstück nach dem anderen auf den Boden. Dann hielt er inne und nahm ein Jarods rotes Notizbuch heraus.

"Aha", sagte Lyle und klappte das Buch auf. Es enthielt Zeitungsausschnitte von einem Mann, der eine Frau ermordet haben sollte. <Was bringen ihm nur immer wieder diese Dinge?> dachte Lyle. Hatte er ein Helfersyndrom? Was ihm besonders an Jarods kleinen Hilfsdiensten gefiel, war die Kreativität, wie er danach die "Täter" quälte.

"Wir sind gar nicht so verschieden", sagte Lyle und wandte sich Jarod zu. "Wir sind beide Rächer. Na ja, vielleicht sind unsere Beweggründe nicht die gleichen, aber die Art wie du deine Opfer quälst, zeugt von einem großen Potential."

"Der Unterschied ist, meine Opfer werden nicht wirklich verletzt", konterte Jarod.

"Eins zu Null", sagte Lyle. "Aber vergiss nicht, am Ende werde ich siegen."

"Es geht nicht immer ums gewinnen oder verlieren."

"Hm, lass mal sehen. Ich sitze hier am Tisch, habe Essen und Trinken und du kauerst da auf dem kalten Boden mit knurrendem Magen. Wer ist denn dabei wohl der Verlierer?"

"Ein Verlierer ist nur, wer sich als Verlierer fühlt."

"Lass uns noch mal darüber sprechen, wenn du wieder zu Hause bist." Lyle legte sein teuflisches Grinsen auf und wühlte weiter in der Tasche. Er beförderte Jarods Mobiltelefon heraus. Interessiert sah er sich die einprogrammierten Nummern an.

"Sydney, Miss Parker, Broots", las er vor. "Einmal Centre-Boy, immer Centre-Boy, wie? Ich bin beleidigt, meine Nummer ist nicht eingespeichert."

Jarod hätte gerne gesagt, <doch, unter Monster>, doch er verkniff sich diese Bemerkung. Immerhin ging es ihm bisher noch ganz gut, und das sollte er nicht leichtsinnig aufs Spiel setzen.

"Wie nett, ein Foto von Mommy." (7)

Lyle zog das eingeschweißte(8) Bild heraus und Jarod wäre am liebsten aufgesprungen. Er wollte nicht, dass Lyle das Foto seiner Mutter in seinen schmierigen Fingern hielt. Er wollte nicht mal, dass er sich das Bild ansah.

Lyle merkte, wie unangenehm Jarod sich dabei fühlte und sah konzentriert in die Augen der Frau vor ihm und dann zu Jarod. "Kein bisschen Ähnlichkeit. Bist du dir überhaupt sicher, das es deine Mutter ist?"

"Kennen Sie ihre Eltern?" gab Jarod spitzfindig zurück.

Lyle stand langsam auf und schlenderte zum Kamin. In der Hand hielt er immer noch das Bild.

Jarod biss sich auf die Lippen. Das würde er doch nicht machen.

Wie in Zeitlupe ging der Mann in die Hocke und legte ein neues Stück Holz auf das Feuer. "Ist das dein einziges Foto von ihr?"

"Machen Sie das bitte nicht", flehte Jarod ihn an.

"Ist schon ziemlich alt, hm?" Mit einer lässigen Bewegung warf Lyle das Foto ins Feuer.

"Nein!" rief Jarod gequält.

"Ich schätze, jetzt steht es eins - eins."

 

 
15. Dezember, 07:50 Uhr
Pennsylvania
Lodge 102

 

Das Foto war ein Ausdruck vom elektronischen Bild auf Jarods Laptop gewesen. Argyle hatte es ihm in Folie eingeschweißt und deshalb war es etwas besonderes gewesen. Lyle hatte natürlich gedacht, es wäre Jarods einziges Bild und das er es dann verbrannt hatte, zeigte ein weiteres Mal wie rücksichtslos er mit den Gefühlen anderer Menschen umging.

"Ich dachte, sie wüssten wie es ist, wenn man seine Mutter vermisst", sagte Jarod.

"Das geht dich gar nichts an!" fauchte Lyle wütend. Jetzt mischte der sich ja schon wieder in sein Leben ein. Er ging zügig zum Tisch zurück und leerte den restlichen Inhalt der Reisetasche auf den Tisch. Es gab einen dumpfen Aufschlag als der Laptop auf die restlichen Kleider plumpste.

"Na sieh mal an, was haben wir denn da?" Lyle fegte die Kleidung achtlos vom Tisch und klappte den Laptop auf.

Auf dem Laptop war alles gespeichert, was Jarod in den letzten Jahren über seine Familie, die Parkers und das Centre gesammelt hatte. Es enthielt Fotos, Zeitungsausschnitte, Nachrichten von Sydney und Angelo, Videoclips von Centre Kameras und ein Zugangstool, das ihn direkt in den Centre Rechner einwählte. Nichts von all dem war für Lyles Augen bestimmt. Aber Jarod blieb ganz ruhig.

"Wie heißt das Passwort?" fragte Lyle, als der Rechner hochgefahren war und den Zugangscode verlangte.

Jarod schwieg.

"Du willst mich doch nicht wütend machen? Los, sag's schon. Spätestens Broots wird es heraus bekommen."

Das bezweifelte Jarod allerdings. Broots war vielleicht in computertechnischer Hinsicht ein Genie, aber an dieser Verschlüsselung würde selbst er sich die Zähne ausbeißen. Er sagte weiterhin kein Wort.

Lyle schob seinen Stuhl nach hinten und stand langsam auf.

"Ja, schweig noch ein bisschen mein Lieber. Du tust mir damit einen großen Gefallen." Man konnte das Gift aus seiner Stimme heraus hören.

Ein Schauer lief Jarod den Rücken herunter. In seinem Körper spannte sich alles an. Sein Schmerzgedächtnis erinnerte ihn panisch daran, zu was Lyle fähig war.

Der ging zu seiner Jacke und holte schwarze Lederhandschuhe heraus, die er sich fast genüsslich anzog. "Wo willst du den ersten Schlag hin haben? In den Magen, oder ins Gesicht?"

"Mir wäre lieber, Sie würden es ganz lassen", antwortete Jarod. Er versuchte seine Stimme unter Kontrolle zu halten, da er nicht wollte, dass Lyle sein Zittern bemerkte. Schnell versuchte er einen Offizier zu simulieren, der in Kriegsgefangenschaft geraten war und trotz Folter seine Kompanie nicht verriet.

Lyle ging etwas in die Knie und zog Jarod an seiner Jacke nach oben. "Na, wie lautet das Passwort?"

Jarods Sitzposition erlaubte es ihm nicht Abwehrmaßnahmen einzuleiten. Er konnte sich kaum bewegen und Lyle war so dicht an ihm, dass er auch keine Chance hatte den kleinen Spielraum, den seine Beine hatten, auszunutzen. Ansonsten hätte er sich Lyle mit aller Kraft widersetzt. So bestand sein Widerstand nur aus Schweigen.

Die Faust von Lyle landete hart und unerbittlich in Jarods Magen. Der schrie auf und schnappte nach Luft. Lyle fügte eine weitere Folge von Schlägen hinzu. Auf seinem Gesicht hatte sich ein breites Grinsen festgesetzt und jeden Aufschrei von Jarod quittierte er mit einem weiteren Schlag.

Nach etwa einer Minute machte Lyle eine Pause. Auch er schnappte nach Luft, wegen der körperlichen Anstrengung. Jarod hustet. Blut lief ihm das Kinn herunter, da einige der Schläge auch in seinem Gesicht gelandet waren. Angewidert schaute Lyle auf seinen Handschuh und wischte dann das Blut an Jarods Hemd ab.

"Wow, das ist besser als jedes Fitnessstudio." Lyle schien äußerst zufrieden mit sich zu sein. "Hat sich die Zunge jetzt etwas gelockert? Ich hoffe nicht." Er grinste und streckte sich ausgiebig. "Bereit für Runde zwei?"

Jarod jappste noch immer nach Luft. Sein Magen fühlte sich an, als wäre ein Mähdrescher drüber weg gefahren.

"Na schön!" Lyle schien seinen nächsten Schlag zu planen.

"Nein ! Hören sie auf!" forderte Jarod. "Es... ist... Schoko.... Schoko-ladeneiscremeistgut. Alles... alles in einem Wort"

"Och, schade." Lyle zog die Handschuhe aus, nicht ohne Bedauern in seinem Blick. "Darauf hätte ich aber auch selbst kommen können." Er setzte sich an den Tisch und tippte in einem Wort: Schockoladeneiscremeistgut.

Der Laptop piepste und gab folgende Meldung laut aus: "Danke für die Eingabe zur Sperrung aller Dateien. Ein Öffnen ist nur mit dem Universalschlüssel möglich."

Lyle blickte dümmlich auf den Bildschirm, der schwarz wurde. Dann sprang er so heftig auf, das der Stuhl nach hinten knallte und rannte zu Jarod, der noch immer zusammengekauert vor Schmerzen auf dem Boden lag.

"Bastard!" schrie er ihn an und Jarod zuckte schon zusammen, in Erwartung der kommenden Schläge. Doch Lyle schloss hastig die Handschellen auf und zerrte ihn an den Armen über den Boden zur Tür. Die riss er auf und zog Jarod weiter über die Veranda bis an den ersten Balken der Treppe. Dort wickelte er die Kette um den Balken und befestigte die Handschelle wieder an Jarods Handgelenk. Die ganze Aktion hatte kaum eine Minute gedauert und schon konnte Jarod die Tür hören, die ins Schloss knallte.

Aufgebracht rannte Lyle im Haus hin und her. "Dieser verdammte Bastard!" Er war stinksauer. Hatte dieses kleine Aas ihn doch schon wieder reingelegt. Ihn! Er blickte aus dem Fenster und sah mit Befriedigung, dass Jarods Haare schon weiß vom Schnee waren. Sollte er doch mal sehen, was es bedeutete, wenn man einen Lyle anlog. "Verdammter Bastard!" wiederholte er dann noch einmal und riss die Kühlschranktür auf. Nach kurzer Überlegung nahm er sich eine Dose aus dem Sixpack Bier und kippte mit gierigen Schlucken das kühle Getränk die Kehle herunter. Er lief mit der Dose wieder ans Fenster, um Jarod zu beobachten. Nicht, dass er jetzt da draußen auf dumme Gedanken kam.

Jarod hatte gewusst, dass es Folgen für ihn haben würde, Lyle das Codewort für die Sperrung seines Laptops zu sagen. Er zitterte am ganzen Körper. Er war müde und hungrig und sein Körper war übersät mit Prellungen. Nach der ruppigen Bewegung über den Fußboden, hatte sich auch sein Knöchel wieder zu Wort gemeldet und pochte ohne Unterlass. Wahrscheinlich eine Verstauchung. Von seinem schmerzenden Kopf mal ganz abgesehen. Der Schmerz war zu einem Dauerzustand geworden und verhinderte, dass Jarod auch nur einen klaren Gedanken fassen konnte. <Es hätte schlimmer kommen können> sprach Jarod sich Mut zu, während ihm der eisige Wind ins Gesicht peitschte. Er hätte ihn auch erschießen können, aber scheinbar war Lyle klar, dass er ihm lebend mehr Punkte im Centre einbrachte.

Lyle hatte sich noch immer nicht beruhigt. Er trank inzwischen sein zweites Bier und streifte in der Hütte umher. In einem Küchenschrank fand er eine angebrochene Flasche Whiskey. "Hey, wenigstens etwas erfreuliches." Er stellte die Flasche in den Kühlschrank. Wütend starrte er den nutzlos gewordenen Laptop an. In seinem Kopf sah er sich den Laptop raus auf die Terrasse werfen. Am besten gleich an Jarods Kopf. Aber das wäre nicht klug gewesen. Immerhin gab es ja noch diesen Universalschlüssel.

 

Wieder kontrollierte er seinen Gefangenen. Jarod hatte sich nicht gerührt und war inzwischen überall von Schnee bedeckt. Wie lange konnte er ihn da draußen lassen? <Verreck doch du Bastard!> schrie es in seinem Kopf. <Ich werde dem Centre einen verdammten Eisblock mitbringen! Dann habe ich endlich meine Ruhe vor dem Dreckskerl!> Dann drängte sich aber eine weitere Stimme nach vorne. <Sei nicht blöd. Er bringt dir den Ruhm ein, den du brauchst um eines Tages Leiter des Centres zu werden. Du kannst deiner zickigen Schwester eins auswischen. Und Jarod leidet mehr und länger, wenn er ihm Centre gefangen ist.> Die zweite Stimme war für diesen Moment lauter und überzeugte Lyle. Er schaute auf die Uhr über dem Kamin. Zwanzig Minuten waren bereits vergangen. Wie zäh war der Wunderknabe denn wirklich? Jetzt konnte er es beweisen. Lyle leerte auch die zweite Dose und sein Blick ruhte auf dem immer weißer werdenden Jarod.

Es gab keinen Hunger mehr, keine Schmerzen, keine Angst. Es war nur noch kalt. Kein anderer Gedanke hatte daneben Platz. Kalt, kalt, kalt. Eiskalt. Er spürte die Zehen nicht mehr. Das kalte Eisen der Handschellen schnitt sich wie ein Messer in seine Haut. Er versuchte sich nach Florida zu denken. Am Miami Beach entlang laufen, die heiße Sonne im Gesicht spüren, ein Eis schlecken. Den Kindern zusehen, wie sie im Wasser einen Ball hin und her werfen. Selbst ins Wasser gehen. Das warme Nass umschließt den Körper. Träumen. Schlafen.

"Jarod! Verdammt!"

Eine Ohrfeige riss ihn aus seiner Simulation und im gleichen Moment lag er auf dem Rücken in der Hütte.

"Scheiße!" fluchte Lyle. Er hatte wirklich befürchtet, er hätte ihn zu spät wieder herein geholt. Lyle zog Jarod über den Boden zum Kamin und machte ihn dort am Bettgestell fest.

Jarod zitterte so stark, dass das ganze Bett wackelte. Der tauende Schnee tropfte auf den Boden und eine Pfütze bildete sich unter Jarods Körper.

"Scheiße", wiederholte Lyle noch einmal, setzte sich wieder an den Tisch und beobachtete Jarod.

Der ließ den Kopf hängen und nickte wieder ein. Die Erschöpfung hatte ihn übermannt.

"So eine verdammte Scheiße." Lyle stand auf und schüttelte Jarod erneut. Als er sich nicht rührte, ging er in die Hocke und blickte auf den nassen und eiskalten Mann vor ihm.

 

 
15. Dezember, 16:29 Uhr
Pennsylvania
Lodge 102

 

Jarod merkte, dass eine wohlige Wärme ihn umgab. War er noch in seiner Simulation in Florida? Aber er erinnerte sich, dass er wieder in der Hütte gewesen war. Die Wärme war ihm schon fast wieder zu stark. Oder hatte er Fieber? Er schlug die Augen auf und sah die Zimmerdecke der Hütte. Die Arme lagen über seinem Kopf und eine warme Decke verhüllte ihn bis fast zu seiner Nase. Vorsichtig hob er seinen noch immer schmerzenden Kopf an. Lyle saß am Tisch und vertrieb sich die Zeit mit dem Anschauen von DSAs. Die Uhr verriet Jarod, dass er bereits etliche Stunden geschlafen haben musste. Er tastet sich mit den Beinen unter dem Bett ab und stutzte. Seine Beine waren nackt. Er drehte sich zum Kamin und sah seine nasse Kleidung über einem Stuhl davor hängen. <Er hat mich ausgezogen?> Jarod war mehr als verblüfft.

"Sie hat bis zu ihrem Tod nichts von mir gewusst", hörte er plötzlich Lyle.

Jarod rappelte sich auf und lehnte sich, so gut es mit den festgebundenen Händen ging, ans Bettgestellt.

Jetzt erst bemerkte er, das Lyle ziemlich rührselig aussah. Neben ihm lagen sechs zusammengedrückte Bierdosen und auf einem ziemlichen Stapel lagen jede Menge Disks übereinander. So wie es aussah waren es die, die er schon gesehen hatte.

"Sie hat nicht gewusst, dass sie einen Sohn hatte." Lyle drehte sich zu Jarod um. "Das ist nicht fair. Dich wollte sie aus dem Centre retten. Dich!"

"Wenn sie gewusst hätte, dass Sie leben, hätte sie Sie auch gerettet", sagte Jarod und merkte erst jetzt, dass sein Hals ganz rau war. Er hatte seit gestern mittag nichts mehr getrunken.

"Retten!" wiederholte Lyle spöttisch. "Vor was retten?"

"Vor einem Leben im Centre. Sie wollte für alle Kinder nur das Beste. Sie sollten einfach Kinder sein dürfen und das konnten wir alle nicht. Auch Sie nicht."

Lyle warf den Stapel um und nahm dann eine der heruntergefallenen Disks zwischen die Finger. "Alles was mir von ihr geblieben ist sind diese dummen kleinen Aufnahmen!" Er feuerte die DSA ins Zimmer.

"Was hat Raines Ihnen angetan?" fragte Jarod sanft.

Lyle blickte ihn grimmig an und lief dann mit leicht wankendem Schritt zum Kühlschrank. Er trank recht selten mal ein oder zwei Biere und merkte den Alkohol schon beträchtlich in Kopf und Beinen. Er nahm die nun gut gekühlte Flasche Whiskey heraus, schraubte den Deckel ab und trank einen großen Schluck. Er hustete und Whiskey lief ihm aus dem Mund.

"Raines", er spuckte den Namen abfällig aus. "Den Vater aller Kinder, hat er sich mal genannt." Lyle lachte spöttisch. "Wohl eher der Kinderschänder." Lyle setzte sich auf den Tisch und stellte die Beine auf den Stuhl. "Wissen Sie, wie meine Schwester und ich gezeugt wurden? Er hat sie vergewaltigt. Durch Vergewaltigung! Er hätte sie auch künstlich befruchten können, aber nein, es musste eine Vergewaltigung sein. In Blut und Tränen entstanden, nennt er das. Nur so entsteht ein echtes Centre Kind."

Raines? Jarod machte große Augen. Raines war der Vater von Lyle und Miss Parker? Das konnte doch nicht sein. Und was meinte er mit Vater aller Kinder? Wen meinte er noch damit? Jarod erinnerte sich an eine unheimliche Episode in seinem Leben.(9) Er war zwölf Jahre alt und sollte eine komplizierte Aufgabe im Schach lösen. Raines hatte ihn dabei überwacht. Und als er sie gelöst hatte, hatte Raines ihm mit seinen knochigen Fingern über die Wange gestreichelt und gesagt "Wir sind jetzt deine Familie. Du hast uns heute alle ganz stolz gemacht. Ich fühle mich fast so wie dein Vater". Seinen heißen Körper überlief ein eiskalter Schauer.

"Da schaust du dumm aus der Wäsche, was? Es gibt vieles, was du nicht weißt."

"Ich würde gerne mehr über Mr. Lyle erfahren", traute sich Jarod zu sagen. Es sah nicht so aus, als würde sein Gefängniswärter im Moment gefährlich sein.

"Ja, ja, der gute alte Mr. Lyle." Er sprang vom Tisch und ging auf das Bett zu. Dann setzte er sich ans Fußende und nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche. "Ich wette, den hast du auch schon simuliert, oder?"

Jarod fand, dass er im Moment mit der Wahrheit am weitesten kam. "Ich habe es versucht."

"So, so, versucht. Und? Wir könnten beide nette Kindheitserinnerungen austauschen. Mr. Raines war sehr enttäuscht, dass ich keine Pretender Fähigkeiten hatte, aber dass weißt du natürlich bereits."

Jarod schwieg. Im Moment war es bestimmt besser, den leicht angetrunkenen Lyle reden zu lassen.

"Er wollte einen zweiten Jarod ganz für sich alleine haben. Immer wieder ist dieser Name gefallen. Wäääh." Lyle schien langsam die Kontrolle über sich zu verlieren.

"Sie waren sechs Wochen lang weg. Sechs Wochen, die ihr Leben verändert haben."

"Na, das kannst du aber laut sagen. Ich habe ja viele nette kleine Aufnahmen von dem armen kleinen Jarod gesehen. Aber meine kannst du nicht toppen!"

Jarod wurde hellhörig. Es gab DSAs von Lyle?

"Ich habe zwar nicht so viele wie du, aber... warte mal, bin gleich zurück." Er wankte mit der Flasche zur Tür hinaus.

War das Bobby, der im Moment mit ihm sprach? Eindeutig war, dass er diesen Mann da nicht kannte. Oder wurde Lyle immer so, wenn er getrunken hatte? Kam dabei Bobby nach oben? Er hatte es Lyle zu verdanken, dass er fast erfroren wäre und er hatte es dem selben Lyle zu verdanken, dass er es nicht war. Das passte alles nicht zusammen.

Er hatte allen Grund Lyle zu hassen, aber auch Lyle war mal ein unschuldiges Kind gewesen, dass unter den Händen des Centres geformt worden war. Und was machte er jetzt? Seine DSAs holen? Lyle war als Kind nicht im Centre gewesen, so viel war klar. Aber das bedeutete nicht, dass er in einem Centre irgendwo anders gewesen war. Und bestimmt waren die Methoden überall ähnlich.

 

Jarod wartete nervös auf die Rückkehr von Lyle. Er war schon ziemlich lange weg. Der Zeiger der Uhr drehte unerbittlich seine Runden. Langsam wurde Jarod ungeduldig, nein, er sorgte sich sogar ein wenig. Irgendetwas musste passiert sein.

Eigentlich hatte er sich das für später aufheben wollen, aber er musste jetzt unbedingt nach Lyle sehen. Schon vor einem Jahr hatte er gelernt, wie er sein Handgelenk umbiegen musste, um aus Handschellen heraus zu kommen. Es war schmerzhaft, aber es funktionierte immer. Mit einiger Mühe bekam er eine seiner Hände frei und renkte sich dann das ausgekugelte Gelenk mit einem Schmerzensschrei wieder ein. Spätestens jetzt, hätte Lyle aufgeregt zurück kommen müssen. Aber er blieb weiterhin verschwunden. Hastig zog Jarod sich die Kleidung an, die noch überall verstreut auf dem Boden herum lag und ging dann hastig zur Tür.

Lyle lag vor dem offenen Kofferraum. In der einen Hand hielt er immer noch den Whiskey, in der anderen eine kleine Ledertasche. Schnell lief Jarod zu ihm hin. Lyle war wohl ausgerutscht. Ein glatter Boden und ein berauschter Kopf waren keine gute Mischung. Ein kleines Rinnsal Blut lief ihm den Kopf herunter. Jarod zog ihn hoch und seine eigenen Prellungen gaben lautstark Kontra. Er schleifte ihn mit schmerzverzerrtem Gesicht ins Haus und legte nun ihn ins Bett, zog ihm die nassen Sachen aus und deckte ihn zu. Aus seiner Hosentasche nahm er die Handschellenschlüssel und machte Lyle damit ans Bett fest.

Jarod ging zum Kühlschrank, wo er sich eine Flasche Wasser und zwei Sandwiches heraus nahm und sich damit an den Tisch setzte.

Während er hungrig in das erste Brot biss öffnete er die Ledertasche. Es waren drei Disks darin. Neugierig schob Jarod die erste Disk herein.

 

Lyle 2/4/75

For Center Use Only

Man sah den fünfzehnjährigen Lyle, der festgebunden auf einem Stuhl saß.

 

Jarod erinnerte sich mit Grauen an diesen Stuhl. Er selbst hatte seinen Bruder Kyle in so einen Stuhl vorgefunden, als er ihn aus dem Centre befreit hatte.(10)

 

Der Raum glich einer dunklen Zelle und der schmale Junge sah hilflos und verloren aus.

 

Aus seinen Augen konnte Jarod die Panik ablesen. Er musste sich zusammenreißen, um nicht gleich in eine Simulation zu verfallen und Lyles Situation nachzuempfinden.

Die Tür ging auf und eine hochgeschossene Asiatin mit langen schwarzen Haaren kam herein. "Hallo Lyle", sagte sie ziemlich bissig klingend.

"Mein... mein Name ist B... Bobby. Äh... Robert Bowmann."

Im gleichen Moment zuckte der ganze Körper des Jungens zusammen. Er schrie seinen Schmerz laut heraus, den die Stromstöße in seinem Körper verursachten.

 

"Mein Gott!" Jarod drückte auf Pause und schluckte die aufkommende Übelkeit herunter. Fünfzehn Jahre alt war er da gewesen. Einem fünfzehnjährigen Jungen hatten sie so was angetan. Jarod schluckte noch einmal und ließ die Disk weiter laufen.

 

"Nein. Dein Name ist Mr. Lyle." Die Asiatin kam auf ihn zu. "Wie ist dein Name?"

"L... Lyle heißt mein Vater, Miss."

Wieder wurde er mit einem weiteren Stromstoß bestraft.

"Lyle... Lyle..." er weinte. "Ich heiße Lyle."

"Weinen ist nicht erlaubt. Ich möchte, dass du ganz still bist."

Aber der Junge konnte nicht aufhören zu weinen und wurde erneut bestraft. Die Stromstärke erhöhte sich sichtbar an den Zuckungen des Körpers und die Schreie wurden lauter.

"Je mehr du schreist, um so schlimmer wird es werden, Mr. Lyle."

 

Die Disk hörte hier auf. Es war wohl nur eine kurze Kopie von einer anderen Centre Disk.

Jarod schaute, auf den inzwischen seinen Rausch ausschlafenden Lyle. Wenn das damals erst der Anfang gewesen war, dann war es kein Wunder, was aus dem ehemaligen Bobby geworden war.

Mit zittrigen Händen schob er die zweite Disk in den Schacht. Welches Grauen würde ihm hier begegnen.

 

Lyle 10/4/75

For Centre Use Only

 

Das Grauen kam in Gestalt von Raines.

 

Der junge Mr. Raines, damals noch Dr. Raines, stand im Flur vor einer Tür und unterhielt sich mit Lyle Bowmann.

"Ich gebe Ihnen jede Menge Geld dafür und verlange, dass Sie sich genau an meine Anweisungen halten!" zischte Raines dem Mann zu.

"Ja, aber ich verstehe nicht, warum ich ihn dauernd einsperren soll. Was soll denn aus dem Jungen werden, wenn ich das mache?" Lyle war offensichtlich nicht mit Raines' Vorschlägen einverstanden.

"Was aus ihm wird, ist nicht Ihre Sache. Denken Sie an unseren Deal."

Hinter der Tür hörte man markerschütternde Schreie.

"Oh mein Gott, was machen Sie nur mit ihm?" Lyle Bowmann schien entsetzt zu sein.

"Das was nötig ist, um einen Auserwählten zu schaffen", erklärte Raines mit kalter Stimme.

Lyle sah nicht so aus, als ob er dies verstanden hätte, aber er zog es wohl vor, trotz seines inneren Widerstandenes, den Mund zu halten.

 

Wieder war es nur ein kleiner Teil des Ganzen, was auf dieser Disk vorhanden war.

<Kein Wunder, dass Lyle Bowmann sich nicht dagegen wehrte>, dachte Jarod. <Wer weiß, was Raines ihm alles angedroht hatte.>

Jarod war sich nicht so sicher, ob er die dritte Disk sehen wollte. Aber da er immer auf der Suche nach den endgültigen Centre Geheimnissen war, legte er auch diese CD ein. Er erwartete eine weitere grausame Situation mit dem jungen Bobby, aber was er sah, ließ ihn das Blut in den Adern gefrieren.

 

Jarod 2/2/63

For Centre Use Only

Der kleine Jarod saß alleine in einem Raum und hatte den Kopf auf den Tisch gelegt.

 

Jarod war es gewohnt sich selbst in allen möglichen Situationen auf dem Bildschirm zu sehen, aber diese Aufnahme schnürte ihm immer wieder den Hals zu. An diesem Tag war er entführt und ins Centre gebracht worden. Doch diese Kameraeinstellung kannte er nicht. Die Szene war nicht in dem Raum selbst aufgenommen worden, sondern von außen. Die Kamera schwenkte etwas und er sah zwei Männer, die mit dem Rücken zur Kamera vor einer Scheibe standen, die, wie Jarod wusste, innen wie ein Spiegel aussah.

"Hat scheinbar alles gut geklappt. Groß ist er geworden."

 

Jarod drückte die Pause-Taste. Er kannte die Stimme nur zu gut. Es war Raines. Er ließ weiter laufen.

 

"Wie hat Charles reagiert?"

 

Eindeutig Mr. Parker.

 

"Der war gar nicht da. Hat sich aus dem Staub gemacht, wie immer. Margaret hat geschlafen. Eigentlich hätte Simmens sie gleich erledigen sollen, aber als er ihren Babybauch gesehen hat, hat er gekniffen." Raines lachte kehlig.

"Er muss bestraft werden!" sagte Parker streng.

"Schon geschehen. Aber jetzt ist sie weg."

"Verdammt! Wir müssen sie beseitigen."

"Ich denke, wir sollten erst warten, bis das Kind geboren ist. Vielleicht hat es die gleichen Fähigkeiten wie Jarod."

"Aber das Triumvirat hat angeordnet..."

"Was kümmert mich das Triumvirat. Ich brauche drei, nicht nur eins."

"Und was ist mit Timmy?"

"Freeport will ihn nicht hergeben. Er ist genau so stur wie Charles. Er meint, er wäre noch zu klein."

"Das sagen sie alle!" winkte Parker ab.

Beide Männer blickten wieder auf den kleinen weinenden Jungen.

"Könnte er es sein?" fragte Parker und deutete mit dem Kopf auf Jarod.

"Das werden wir erst herausfinden, wenn es so weit ist."

 

Die Disk endete. Jarod saß stocksteif vor dem Anspielgerät und starrte auf den schwarzen Bildschirm. Plötzlich war ihm wieder kalt. Groß ist er geworden - das bedeutete Raines hatte ihn schon vorher gekannt. Hat sich aus dem Staub gemacht, wie immer - das konnte doch nicht wahr sein. Sein Vater hätte ihn doch nicht im Stich gelassen, oder? Aber, was wusste er schon über ihm. Bis das Kind geboren ist - sprachen sie da von Emily? Aber das konnte nicht sein, passte zeitlich nicht ins Bild. Und Kyle war eineinhalb Jahre nach ihm geboren worden. Wo war der eigentlich zum Zeitpunkt der Entführung gewesen? Ich brauche drei, nicht nur eins - was hatte Raines damit gemeint? Und die Existenz von Timmy / Angelo war auch schon vorher bekannt gewesen. Woher hatte Lyle nur diese Aufnahme?

"Ähhh...." kam es stöhnend vom Bett. Lyle versuchte sich zu bewegen, wurde aber von den Handschellen aufgehalten. "Verdammt!" schrie er, immer noch deutlich lallend.

"Sorry, aber immerhin liegen Sie nicht mehr im Schnee", sagte Jarod entschuldigend.

Lyle erkannte seine schwarze Tasche auf dem Tisch und sah auch, dass sie offen war.

"Hm, dann scheinst du gesehen zu haben, dass dein Vater ein Feigling ist. Falls er dein Vater ist."

"Was meinen sie damit?"

"Das war nur eine Disk, von vielen, die du nicht kennst. Mach mich los und ich führ dich hin." Lyle grinste dümmlich. Er hatte wohl noch nicht so ganz begriffen, dass sich der Spieß umgedreht hatte.

Jarod glaubte ihm sogar. Das war sicher kein Bluff. Aber wenn Lyle an die DSAs gekommen war, konnte er sie auch besorgen.

"Warum hat Raines das mit Ihnen gemacht?" Wenn Jarod eine Chance hatte noch ein bisschen was zu erfahren, dann jetzt.

"Raines hat in all den Jahren bei jedem Besuch wieder versucht irgendwie in meinen Kopf einzubrechen. Er wollte einen anderen Bobby haben. Nicht den braven und lieben Jungen." Lyle kicherte, als hätte er einen besonders guten Witz gemacht. "Als es nicht klappte, griff er zu anderen Mitteln. Punkt, mehr gibt es nicht darüber zu sagen."

Und dann hatte er ihm seinen Willen gebrochen und zwar gründlich. Jarod kannte solche Methoden. Erst brach man den Willen einer Person und dann baute man sie wieder auf und fütterte sie mit seinem eigenen Mist. Nur klappte dies in den meisten Fällen nicht ohne Nebenwirkungen. Lyles Nebenwirkung war die Hass-Liebe gegenüber Asiatinnen. Jarod wusste, dass man solch ein Trauma fast kaum wieder heilen konnte. Lyle müsste eine jahrelange Therapie machen, aber Jarod bezweifelte, dass er dem je zustimmen würde.

Es war erschreckend wie emotionslos Lyle darüber geredet hatte. Und warum konnte er so "normal" mit Raines umgehen? Jarod war nie aufgefallen, dass Lyle einen Hass gegen Raines entwickelt hatte. Er wusste sogar von der Vergewaltigung seiner Mutter. Hatte er das auch auf einer Disk gesehen? Nicht auszudenken, wenn Miss Parker das erführe. Das durfte niemals geschehen! Jarod beschloss, die Disks von Lyle mitzunehmen. In seinen Händen boten sie sonst zu viel Zündstoff.

Lyle war schon wieder eingenickt. Vor einer Stunde hatte es schon aufgehört zu schneien und im Radio hatte Jarod gehört, dass die Räumfahrzeuge wieder unterwegs waren.

Langsam suchte Jarod seine Sachen zusammen und packte alles wieder in die Reisetasche. Ihm war klar, dass Lyle, wenn er wieder vollkommen nüchtern war, ziemlich sauer auf ihn sein würde. Aber er wusste jetzt etwas mehr über ihn und den Rest konnte er jetzt vielleicht auch simulieren. Lyle war immer noch ein sehr gefährlicher Gegner, aber jetzt konnte Jarod endlich nach einem Weg suchen, den harten Panzer zu knacken und Bobby wieder zu befreien. Denn Lyle war auch nur ein Kind, das vom Centre gerettet werden musste und keine Bestie, wie so viele dachten.

Jarod blickte auf den schlafenden Lyle. So wie er da lag konnte er den hilflosen und verängstigten Bobby erkennen, der befreit werden wollte, auch wenn Lyle davon noch nichts wusste.

Dann legte Jarod einige Holzscheite auf und deckte Lyle noch mal sorgfältig zu.

Bei der Rezeption gab er einen Umschlag mit dem Handschellenschlüssel ab mit der Anweisung, dass jemand in drei Stunden Lyle den Umschlag bringen sollte. Die Zwanzig Dollar Note, die der Mann dafür bekam, waren ein lukrativer Ansporn dafür, Jarods Wunsch zu entsprechen.

Vorsichtig lenkte Jarod Lyles Wagen durch die frisch geräumte Schneelandschaft und hing seinen Gedanken nach.

<Manchmal haben Dinge etwas Gutes, die auf den ersten Blick nur schlecht gewirkt haben> dachte Jarod und war wieder auf der Flucht.

 

 
Ende

 
__________________________________________
1 - Stille Wasser - Dort sieht sich Miss Parker am Ende diese DSA-Aufnahme an.
2 - Showdown in der Wüste - Lyle will Jarod erschießen, aber Kyle wirft sich in die Schusslinie und stirbt.
3 - Tödlicher Virus - Dort kann man diese DSA Aufnahme sehen
4 - Showdown in der Wüste - Lyle hat Jarod an einen Pfahl mit Handschellen festgemacht und spritzt ihm ein Betäubungsmittel. Er will Jarod den Daumen abschneiden und dem Centre als Beweis schicken. Zum Glück kommt Kyle im richtigen Moment, um das zu verhindern.
5 - Todesflug - Jarod hat die Centre-Gang zu einem Klassentreffen geschickt. Dort entdecken sie auf einem Foto für Tote Klassenkameraden ein Bild von Lyle - der eigentlich Bobby Bowmann hieß.
6 - Showdown in der Wüste - Jarod erzählt Lyle, dass er bei dessen Adoptivmutter gewesen sei.
7 - Späte Gerechtigkeit - Sydney schickt Jarod ein Bild seiner Mutter.
8 - Haie unter sich - Argyle schweißt das Foto in Folie ein.
9 - Im Namen des Vaters - Dort ist diese DSA-Aufnahme zu sehen
10 - Blutsbande - Raines hat Kyle in dem Stuhl festschnallen lassen, um eine Lobotomie an ihm durchführen zu lassen. Jarod konnte das rechtzeitig verhindern.

 
Ende

 
Du bist der 2800. Leser dieser Geschichte.