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Weiße Ritter und Goldene Reiter© by Birgitt (), August 2003
"Ich werde versuchen, Montag frei zu machen. Wäre doch eine Schande, dein erstes dienstfreies Wochenende seit Monaten nicht auszunutzen." Mike starrte weiter in seine Kaffeetasse, versuchte, einen Weg zu finden, Klaus klarzumachen, daß er im Moment nicht in der Lage war, irgendeine Entscheidung zu treffen. Und ging es auch nur um ein langes Wochenende. "Wenn du natürlich andere Pläne--" "Nein!" Der plötzliche Ausbruch machte genug Kräfte frei, daß er endlich aufsehen konnte. Klaus ansehen konnte. "Tut mir leid. Ein paar Tage nur mit dir wären sehr schön. Vielleicht sogar das, was ich brauche." "Aber?" "Es war deutlich genug zu hören, was?" Mike schob die Kaffeetasse von sich weg; der Kaffee war ohnehin kalt geworden, ohne daß er etwas davon getrunken hatte. Er hatte die Tasse nur benutzt, um sich auf etwas konzentrieren zu können. Um sich an etwas festhalten zu können. Etwas anderem als Klaus. Das wäre nicht sehr fair gewesen. Und seine Fairneß war etwas, auf das Mike stolz war. Fairneß und Ehrlichkeit. Den richtigen Leuten gegenüber, jedenfalls. "Martin hat mich gestern angerufen. Als guter... Kumpel. Um mir zu sagen, daß Eddie einen neuen Freund hat. Einen neuen 'alten' Freund." Jetzt, wo die Tasse weg war, fiel es ihm leichter, Augenkontakt zu halten. "Offensichtlich ist er mit Chris Schwenk zusammen." Klaus starrte ihn mit offenem Mund an, seine Hände umfaßten sein Filofax, so fest, daß sich seine Knöchel weiß unter der sonnengebräunten Haut abzeichneten. Mike konnte ein Lächeln kaum unterdrücken; das waren die Momente, für die er Klaus so mochte. So echt, so ohne Fassade. Viele in der Community hielten Klaus für ein arrogantes Arschloch, und es hatte viele Wetten gegeben, die ihre Beziehung auf eine Lebensdauer von ein paar Stunden geschätzt hatten. Eine Menge Leute hatten eine Menge Geld verloren. Glücklicher Weise hielt der Schock nicht lang, denn Mike hatte das Gefühl, der Ball wäre in Klaus' Hälfte. Jedenfalls wußte er nicht, was er noch hätte sagen können. "Dein Chris Schwenk mit deinem Ex-Eddie?" Wieder so ein Klaus-Moment. Wäre jetzt so etwas wie 'Und wie empfindest du dabei?' gekommen, hätte der kalte Kaffee doch noch eine Verwendung gefunden. "Yep. Mein Chris mit meinem Ex." "Wow. Fisch findet Fahrrad." "Oder Fahrrad Fisch. Martin wußte keine Einzelheiten, aber er mußte es mir unbedingt erzählen. 'Es ist besser, du erfährst es von einem Freund.'" "Ich freue mich schon jetzt darauf, wenn Martin mal 'nen Kredit braucht. Die Bankerszene nimmt es allemal mit der Schwulenszene auf." "Klaus, jetzt sei doch mal ernst! Es geht hier nicht um Martin oder die Szene--" "Sondern um was, Mike?" Mike war außerstande, Klaus noch länger anzusehen. Vielleicht hätte er lieber schweigen und die Dinge auf sich - und sie - zukommen lassen sollen. Klaus mochte zwar dumme Bemerkungen auffahren, aber er war ernst. Zu ernst. Zu tiefe Wasser. "Um was, Mike? Gott, das ist doch schon alles so lange her. Wie oft siehst du Chris denn noch? Wie seht ihr euch?" "Das hat nichts mit irgendwas zu tun, Klaus. Es ist nur... oh, Mann, es ist halb. Du mußt los." Mike konnte selbst kaum glauben, was er hier aufführte. Er kam sich vor, wie eine alternde Diva in einer billigen Bühnenshow. Und die fette Lady war nicht in Sicht. "Muß ich nicht. Gleitzeit. Einer der Vorteile, kein Schalterhündchen mehr zu sein." Klaus grinste, täuschte einen Angriff mit der Linken auf Mikes Kinn an. "So, Gleitzeit. So viel wert ist dir mein Seelenleben, daß ich in dein Gleitzeitschema passe?" "Na ja, wenn's länger dauert, bis du wieder klar siehst, muß ich halt plötzlich krank werden." "Du bist unmöglich", seufzte Mike, froh darüber, daß er mit Klaus nicht streiten konnte. "Wäre ich sonst mit dir zusammen? Und jetzt raus damit. Ich dachte, Eddie wäre Geschichte und Chris ohnehin unbegreiflich für den Rest des Universums." Mit einem Knurren schob Mike den Stuhl zurück, begann, durch die Küche zu tigern. "Hatte ich gedacht. Volle Punktzahl auf der Selbstbetrugskala." Er schob das Brotbrett zur Seite und hockte sich auf die Arbeitsplatte. Eine Sekunde später saß Klaus neben ihm, legte einen Arm um seine Schultern. "Hey, dein Anzug--" "--ist jetzt egal. Außerdem bin ich der Korinthenkacker, der feine Pinkel, das arrogante Bankerschwein, das es gewagt hat, den süßesten Hasen von der Piste zu holen." Klaus ließ seine Hand zu Mikes Hals gleiten, massierte seine Nackenmuskeln mit Daumen und Zeigefinger. So weich, so stark. Mike hatte Mühe, Luft zu holen. "Wer ist es denn? Eddie? Oder Chris?" Mike nickte schweigend. Ja, das war es wohl. Eddie oder Chris? Eine Frage, die ihn die ganze Nacht wachgehalten hatte, trotz der großen Müdigkeit, die er gefühlt hatte... nach diesem verdammten Anruf. Er war froh darüber gewesen, daß Klaus erst spät nach Hause kam. Nicht, daß er in diesen Stunden zu irgendeiner Antwort gefunden hatte. Oder während der restlichen Nacht, nachdem er bei Klaus' Kuss auf die Wange so getan hatte, als schliefe er schon. Eddie oder Chris? Chris oder Eddie? Chris und Eddie!
Als Eddie Chris kennengelernt hatte, war offensichtlich, daß er ihn lieber gestern als morgen flach gelegt hätte. Und diese Art, wie er ihn angesehen hatte, hatte sich auch dann nicht geändert, als klar war, daß Chris sich für Helen entschieden hatte. Mike hatte es Eddie nie übelgenommen, daß es Chris war, den er wirklich wollte. Auch nicht, als er begriffen hatte, daß es nicht nur Verlangen oder Verliebtheit war, sondern die ganz große Liebe, das einzig Wahre. Ihm selbst war es viel eher klar geworden, wie es um Eddie stand, als Eddie selbst. Es war auch nicht der Grund für ihre Trennung gewesen, egal was Eddie denken mochte. Sie hatten sich das erste Mal gestritten, und es war der große Krach. Leider hatte Eddie nichts von dem begriffen, was Mike ihm vorwarf. 'Vorwerfen' war ohnehin das falsche Wort. Mike hatte Eddie nichts vorzuwerfen, abgesehen von seiner Begriffsstutzigkeit. Mike hatte endlich eingesehen, daß Eddie nicht damit klarkam, mit ihm zusammen zu sein, während er einen anderen - Unerreichbaren - liebte. Mit Chris als Phantasie in Eddies Hirn konnte Mike leben, mit Chris als Grund für Eddies schlechtes Gewissen wäre er auf Dauer wahnsinnig geworden. Seltsamer Weise hatte Klaus es sofort verstanden, als Mike versucht hatte, Gefühle zu erklären, die ihm selbst nicht ganz klar waren. Wahrscheinlich war das der Auslöser für ihre Beziehung gewesen. Und soviel mehr war dazu gekommen.
"Also ist es Chris?" Wieder nickte Mike, aber er konnte nicht länger schweigen. "Ich habe das Gefühl, ich bin der Dumme in diesem Spiel. Bescheuert, was? Es gibt noch nicht mal ein Spiel." "Doch, gibt es. Und ich weiß nicht, was uns treibt, bei diesen Spielen mitzumachen, auch wenn wir es nicht wirklich wollen." "Die Alternative ist wohl noch erschreckender." Mike atmete tief durch, lehnte sich gegen Klaus; etwas, was ihm vor ein paar Sekunden noch völlig unmöglich gewesen war, so starr hatte er sich gefühlt. Als müßte er bei der nächsten Bewegung brechen. "Es sieht alles so nach dem perfekten Happy End aus. Eddie hat jetzt seinen Traumprinzen, und ich komme mir vor, als wäre ich nur ein Stück dreckigen Weges auf seinem Pfad zur Glückseligkeit. Ich hatte mich so daran geklammert, daß dieser Scheißmacho nie begreift, was ihm da entgangen ist." "Diesem Scheißmacho ist noch eine Menge mehr entgangen." "Du meinst während all der Jahre, in denen er mir die langen Nächte mit Schwulenwitzen versüßt hat?" "Zum Beispiel." "Ehrlich gesagt hat mir das eher genutzt als etwas ausgemacht. Chris war mein Schutzschild. Keiner wäre darauf gekommen, daß Schwenks Partner vom anderen Ufer ist. Es war so leicht, ruhig zu sein, weil Chris so laut war."" "Bereust du, daß Eddie und Chris sich getroffen haben?" "Nein. Vorher war es einfacher, aber jetzt--" Mike brach ab, lächelte. Letzte Nacht wäre es schwer gewesen, unmöglich sogar, jetzt fiel es ihm so leicht. "Jetzt habe ich den einzig wahren Schutz." Klaus beugte sich vor, preßte seine Lippen auf Mikes. Als Mike seinen Mund öffnete, zog Klaus abrupt zurück. "Mir geht es wirklich nicht so gut", keuchte er, "ich rufe in der Bank an." Er sprang von der Arbeitsplatte und griff zum Telefon. Sein Zeigefinger verharrte über der Tastatur. "Vielleicht sollten wir uns mal mit dem neuen Traumpaar treffen. Nach unserem Wochenende natürlich." "Ja, vielleicht. So um Weihnachten..." Im Moment konnte es ihm nicht gleichgültiger sein. "Herr Niemcek, Ihnen ist klar, daß wir Ende Juli haben?" "Völlig klar, Herr Täuber." "Na, dann ist es ja gut." Lächelnd sah er Mike an. "Was denn?" Mike wurde noch kribbeliger bei diesem Blick. "Es heißt Happy Ending." "Klugscheißer!" "Ich weiß. Wäre ich sonst mit dir zusammen?"
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