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Ein Schritt zu weit

© by Aisling (), September/Oktober 2003

 

Disclaimer: Nix ist mein, alles ist Cobra Film
Dank: An Birgitt fürs perfekte Beta und ihren Ideen. Wenn dabei nicht soviele Bunnys rausspringen würden, dann wärs noch besser :-)
Bemerkung: Dies ist mein dritter Teil aus dem CSD-Universum, die Gegenstory 'Sea of Love' hat Birgitt geschrieben und ezählt, wie Eddie den Morgen danach und die nächsten Tage erlebt.
Archiv: Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de)

 
Sonntag morgen 8.30 Chris' Schlafzimmer

 

Chris wachte endgültig auf, weil sein Telefon einfach nicht aufhören wollte zu klingeln. Als sich endlich der Anrufbeantworter erbarmte und ansprang, war er hellwach.

Genervt zog er sich die Decke über den Kopf und schmiegte sich näher an den warmen Körper, der neben ihm lag.

Im Gegensatz zu seinem ersten Erwachen an Eddies Seite vor etlichen Jahren konnte er sich ganz genau an die vergangene Nacht erinnern. Und er bereute keine einzige Sekunde. Er schwor sich, diesen Mann nie wieder los zu lassen.

"Hallo Herr Schwenk! Krause am Apparat. Ich weiß, dass Sie eigentlich dieses Wochenende frei haben. Aber es ist ein Notfall. Bitte gehen Sie ans Telefon, damit ich Ihnen alles Weitere erklären kann."

Ruhe. Chris wünschte sich, dass er nur einen Albtraum hatte.

"Gut, da Sie nicht zu Hause sind, werde ich es auf Ihrem Handy versuchen."

Klack. Krause hatte aufgelegt.

Es war doch kein Albtraum und wenn Krause soviel Energie einsetzte, um ihn zu erreichen, dann musste es wirklich wichtig sein.

Aber warum ausgerechnet heute? Er hatte gestern außer einer halben Flasche Sekt keinen Alkohol getrunken, aber diese Nacht hatte er nicht viel Schlaf bekommen. Und eigentlich freute er sich darauf, irgendwann zusammen mit Eddie aufzuwachen, zusammen mit ihm zu duschen und ganz gemütlich zu frühstücken.

Ein Blick auf Eddie zeigte, dass sich dieser vom Telefon nicht wirklich stören ließ. Nach einem entrüsteten Brummen war er wieder ins Reich der Träume geglitten. Chris rückte ab, stieg aus dem Bett, suchte seine Hose und angelte sich sein Handy.

Kaum hatte er es in der Hand, klingelte es auch schon. Um Eddie nicht endgültig zu wecken, nahm er das Gespräch an und ging vom Schlafzimmer in den Flur.

"Schwenk hier! Wissen Sie, wie früh es für einen freien Sonntag ist? Ich habe heute zum ersten Mal seit x Monaten keinen Dienst und jetzt rufen Sie an. Geht die Welt unter?"

"Ganz so schlimm ist es nicht", hörte er die Stimme seines Vorgesetzten am anderen Ende der Leitung. "Aber es geht um den Fall Jakubinski."

"Die Drogenschieber, die angeblich in den nächsten Tagen ein großes Ding drehen?"

"Ja, Schröder und der Neue, Engin Korpak, sollten heute morgen ab acht Uhr die Überwachung übernehmen, nur ruft mich eben der Junge an, dass Schröder, der ihn um halb acht abholen wollte, bis jetzt nicht aufgetaucht sei."

"Und was geht das mich an?"

"Sie kennen doch den Fall und das Haus, das observiert wird, und da ich bis jetzt Schröder nicht erreichen konnte, wollte ich Sie bitten einzuspringen."

Chris fuhr sich mit seiner Hand durch seine Haare. Warum ausgerechnet heute? Was würde Eddie denken, wenn er so mir nichts dir nichts zur Arbeit verschwinden würde?

"Was ist mit den anderen Kollegen? Können Sie die nicht fragen? Schließlich hatten einige von ihnen, im Gegensatz zu mir, auch schon letzten Sonntag frei."

"Jemand hat schon mit Esser gesprochen, der ist noch blau und wird wohl nicht aus dem Bett kommen. Strunz und Hempel habe ich auch schon versucht zu erreichen, habe sie aber noch nicht ans Telefon bekommen. Es ist ja nur für einige Stunden. Bitte, ich kann doch Korpak die Überwachung nicht alleine machen lassen. Er hat nicht genügend Erfahrung. Und die Jungs von der Nachtschicht haben mich auch schon angerufen, weil sie Feierabend machen wollen."

Die Erwähnung von Essers Zustand gab den Ausschlag. Chris kannte seinen Partner leider Gottes zu gut. Es bestand die Gefahr, dass er trotz allem zum Dienst erscheinen würde. Er würde dann Engin den Tag zur Hölle zu machen, um seinen eigenen Frust loszuwerden. Und der Neue war einfach noch zu unsicher, um sich erfolgreich gegen Esser zu wehren.

"Ok, ich mach's, aber sorgen Sie dafür, dass ich nächstes Wochenende frei habe."

"Danke, das werde ich regeln. Soll Korpak Sie abholen oder fahren Sie hin?"

"Sagen Sie ihm, dass er mich in einer halben Stunde abholen soll, ich muss noch duschen."

"Gut, wo soll er Sie abholen?"

"Ich bin zu Hause, aber er soll nicht klingeln, sonst weckt er noch alle auf."

Chris glaubte, das Lächeln seines Vorgesetzten durchs Telefon zu sehen. 'Wenn der wüsste, dass es dieses Mal keine Frau ist...'

"Ich werde es ausrichten. Wir sehen uns dann morgen beim Meeting?"

"Ja, bis morgen."

Nachdenklich legte Chris auf. Da hatte er sich ja was Schönes eingebrockt.

Er ging wieder zum Schlafzimmer und öffnete leise die Tür. Noch nachdenklicher betrachtete er Eddie, der friedlich schlief.

Wie sollte er es nur erklären, dass er jetzt weg musste, ohne Eddie zu verärgern? Ihre Beziehung war doch noch so frisch. War es eigentlich schon eine Beziehung? Chris wusste, dass es für ihn kein One-Night-Stand war. Aber was war mit Eddie? Er musste unbedingt mit ihm darüber reden. Später, wenn sie beide wach waren und er den verdammten Dienst hinter sich hatte, mussten sie in Ruhe alles durchsprechen.

Chris setzte sich auf die Bettkante und beugte sich über Eddie. Er versuchte, ihn zu wecken, um ihm alles in Kurzform zu erklären. Aber egal was er anstellte, die einzige Reaktion, die er ihm entlocken konnte, war ein gemurmeltes "Nicht schon wieder, ich bin vollkommen fertig."

Danach drehte Eddie sich um, wickelte sich fest in seine Decke und entschwand wieder ins Reich der Träume.

Da Chris sich ähnlich fühlte wie Eddie, verzichtete er auf eine brutale Methode, um ihn zu wecken.

So schön die Nacht auch gewesen war, geschlafen hatten sie wirklich nicht viel. Er hatte das Gefühl, dass sie versucht hatten, die verlorenen Jahre in dieser Nacht aufzuholen.

Er drückte Eddie noch einen Kuss auf die Stirn, ging zu seinem Schreibtisch und schrieb einen großen Zettel mit der Message, dass er zur Arbeit musste, und seine Telefonnummer, unter der er zu erreichen war. Chris legte die Notiz so auf sein Kopfkissen, dass sie unübersehbar war. Dann suchte er seine Sachen zusammen und verließ mit einem letzten wehmütigen Blick auf Eddie das Schlafzimmer.

 

Nachdem er ganz vorsichtig ein Auge auf das Schlachtfeld geworfen hatte, das einmal seine Küche gewesen war, beschloss er, dass Engin mit ihm bei McDoof vorbeifahren musste. Hier würde er nicht mehr freiwillig reingehen. Jedenfalls nicht, bis Gabi aufgeräumt und geputzt hatte. Falls sie sich dazu durchringen konnte. Andernfalls würde sie rausfliegen. Endgültig, egal ob sie eine neue Bleibe hatte oder nicht. Er hatte die Schnauze voll. Da die Tür zum Gästezimmer zu war und sie wohl noch schlief, schrieb er ihr auch eine Message. Diese beinhaltete kurz und knapp, dass sie sich ganz schnell etwas Neues suchen müsste, wenn die Küche am Abend nicht aufgeräumt wäre. Den Zettel klebte er wie gewöhnlich an ihre Tür.

 

Frisch geduscht stand er wenige Minuten später vor der Haustür und wartete auf seinen Kollegen. Auch wenn Engin pünktlich war, die Wartezeit reichte, um seine Müdigkeit wieder hochkommen zu lassen. Aber falls es ein ruhiger Tag würde, dann hatte er bestimmt die Chance, auf der Couch ein oder zwei Stunden zu schlafen.

Dementsprechend wortkarg war er, als er in Engins Ford auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Er kannte den neuen Kollegen kaum. Sie hatten sich schon mal bei einer Besprechung getroffen und das war's. Deswegen schaute er ihn sich kurz an, seine Haut war recht dunkel und er hatte die üblichen orientalischen Gesichtszüge. Zudem wirkte er, als ob er etwas Übergewicht hätte.

Gott sei dank war Engin auch nicht gesprächig. Nachdem Chris die Bitte geäußert hatte, die Fastfoodkette heimzusuchen, war es still im Auto.

 

Mit seinem Frühstück und zwei Tassen Kaffee kamen sie kurz darauf am Einsatzort an, wo sie schon ungeduldig und nicht gerade freundlich von der Nachtschicht empfangen wurden. Die Jungs hatten ihren Dienst um mehr als zwei Stunden überziehen müssen.

Die Kommentare, die sich Engin über sein spätes Auftauchen und über seinen verschollenen Partner anhören musste, waren wirklich nicht nett. Aber Engin entgegnete nichts.

Da die Jungs es eilig hatten, nach Hause zu kommen, war dieser Moment auch schnell vorbei.

Schweigend überprüften Engin und Chris die Überwachungseinrichtung. Draußen war alles ruhig. In dem Observationsobjekt waren noch alle Rollläden runter und auch die Garage war noch zu.

Engin positionierte sich hinter die Überwachungskameras, während Chris sich auf den Stuhl setzte und das Protokoll der letzten Nacht durchsah. Es war nichts Auffälliges passiert.

Es versprach, ein friedlicher Morgen zu werden.

Chris entschied, dass es der richtige Moment war, um Engin auf sein Verhalten anzusprechen.

"Ich weiß, dass es mich eigentlich nichts angeht, aber du hast dir heute keine Freunde gemacht."

Engin sah vom Stativ auf und schaute Chris an.

"Warum?"

"Es wird allgemein als unkollegial empfunden, wenn man seinen Partner so in die Scheiße reitet und die anderen so lange warten lässt. Man ruft nicht einfach den Chef an und sagt, dass der Kollege nicht erschienen ist, sondern prüft erst mal nach, was los ist. Und notfalls geht man erst mal alleine zum Dienst und regelt es von unterwegs. Wozu hat denn jeder ein Diensthandy?" Chris war unbehaglich zumute, er kannte Engin ja kaum, war aber der Meinung, dass er wissen sollte, dass er einen Fehler gemacht hatte.

"Ich weiß. Wie heißt es so schön? Bullenehre, keiner verpfeift den anderen. Nichts darf an die Öffentlichkeit geraten. Ich kann diesen Scheiß nicht mehr hören." Der junge Polizist sah richtig wütend aus.

"Ich habe diese Woche schon zwei Mal nichts gesagt und das reicht. Ich mag zwar neu sein und auch die türkische Staatsbürgerschaft haben, das heißt aber nicht, dass ich mich ausnutzen lasse. Besonders, wo Schröder auch eine Vorliebe für Türkenwitze zu haben scheint."

Chris sah Engin entgeistert an. Bisher war er eigentlich der Meinung gewesen, dass sein Partner Esser das einzige Arschloch in der Abteilung war. Das durfte doch nicht wahr sein.

"Erkläre es meinem müden Gehirn noch einmal, ich glaube, dass ich da etwas nicht kapiert habe."

Engin wandte sich jetzt endgültig vom Fenster ab und ging unruhig im Zimmer auf und ab. Er nutzte die Gelegenheit, seinen Frust abzulassen.

"Da gibt es nicht viel zu kapieren. Vielleicht bin ich ja auch überempfindlich, aber Montag morgen rief mich Schröder an, dass er etwas später kommen würde, und statt um acht tauchte er erst um zwölf Uhr auf. Donnerstag rief er mich wieder vorm Dienst an, dass es später würde, und da kam er erst um zwei. Und als ich ihn anschließend darauf ansprach, ließ er einige Kommentare los, wie ich sie mir früher auf dem Schulhof anhören musste, wie Ausländerschwein und Ähnliches."

Engin blieb vor Chris stehen und blickte auf ihn hinab und suchte den Augenkontakt.

"Verdammt, ich habe jedes Mal, wenn ich alleine hier war, eine Heidenangst gehabt, dass in genau dem Augenblick, wo ich mal nicht aus dem Fenster schaute, etwas passierte, und dass man mir die Schuld für den vermasselten Einsatz geben würde. Als Schröder es heute morgen noch nicht einmal für nötig hielt, mich anzurufen, da war ich es leid. Ich mag zwar Türke sein, aber ich habe es nicht nötig, mich von einem Kollegen so behandeln zu lassen. Eher quittiere ich den Dienst. Und deswegen habe ich den Chef angerufen. Eigentlich wollte ich ihm auch noch sagen, dass ich nicht mehr mit Schröder zusammenarbeiten will. Aber vielleicht reicht dieser Schuss vor den Bug und wir kriegen doch noch ein vernünftiges Arbeitsverhältnis, wenn er merkt, dass er mit mir nicht alles machen kann. Denn auf meiner Stirn steht noch lange nicht 'blöd' geschrieben."

"Sorry, das wusste ich nicht. Ich habe manchmal das Talent, in den einzigen Fettnapf weit und breit zu treten. Du hast natürlich recht. Ich glaube, ich hätte Schröder schon beim ersten Mal zur Schnecke gemacht."

Das Lachen, das Engin nach diesem Kommentar von sich gab, war sehr verbittert.

"Stimmt, aber im Gegensatz zu mir musst du auch nicht mit den ganzen Vorurteilen kämpfen, mit denen ein gebürtiger Türke fertig werden muss. Ich muss schon mein ganzes Leben wesentlich einfühlsamer und geduldiger sein, damit ich von 'den Deutschen' anerkannt werde. Ich weiß auch nicht, wie es weiter gehen soll, denn meine Geduld ist ziemlich am Ende. Ich kann und will nicht mehr so arbeiten."

Chris konnte ihn nur zu gut verstehen. Als seine alte Einsatzgruppe gedacht hatte, dass er schwul sei, hatte er Ähnliches erlebt. Im Gegensatz zu Engin war er aber schon lange genug bei der Truppe gewesen, um sich erfolgreich zu wehren. Der Spitzname 'Krawalltunte' war ihm sogar ins Drogendezernat gefolgt. Nur wussten die Jungs nicht, wie er dazu gekommen war.

Und ihm graute davor, was passieren würde, wenn seine Kollegen von seiner Beziehung zu Eddie erfahren würden. Er hatte keine Lust auf ein erneutes Spießrutenlaufen.

Aber darüber würde er sich Gedanken machen, wenn er wieder wach war. In seinem Zustand konnte er kaum noch richtig denken.

"Ich kann es zu gut verstehen. Und ich werde dich unterstützen, wenn du irgendwelche Probleme hast." Chris sah Engin mit einem schiefen Lächeln an. "Aber ich habe diese Nacht so gut wie nicht geschlafen, weil ich eigentlich heute dienstfrei hatte. Kann ich mich für eine Stunde auf die Couch legen? Danach bin ich wahrscheinlich wesentlich aufnahmefähiger und du kannst dann auch eine Auszeit haben."

"Kein Problem, ich bin ja heilfroh, dass ich nicht alleine hier rumsitzen muss."

"Wenn irgendetwas ist, dann ruf kurz, ich bin sofort da."

Erleichtert zog sich Chris in den Nebenraum zurück. Die Couch war zwar recht unbequem, aber er schlief sofort ein.

 

 
Drei Stunden später

 

Chris wachte durch Stimmengemurmel auf. Es dauerte einen Moment, bis er sich zurechtfand. Er lauschte und hörte seinen Partner im anderen Raum. Sehr aggressiv, sehr dominant und verdammt verkatert.

Es war genau das passiert, was er seit heute morgen befürchtet hatte. Und er hatte es verschlafen.

Chris stand auf und huschte zum Nachbarzimmer. Den Anblick, der sich ihm bot, ließ ihn wie an einer Mauer abprallen.

Mit dem Rücken zu ihm stand sein hochgeschätzter Partner Esser in voller Größe, also fast zwei Meter, mit einem Kreuz, das einem Kleiderschrank Ehre machen würde; seitlich von ihm, mit dem Gesicht zur anderen Wand, stand Engin. Fast einen Kopf kleiner als Esser. An sich war an dieser Situation nichts Ungewöhnliches, wäre da nicht die Dienstwaffe in Essers Hand gewesen. Das Schlimme war, dass die Mündung an Engins Schläfe gedrückt wurde.

"Na los, sag es endlich, du Türkenschwein!"

"Eher verreck ich!"

Engin stand in angespannter Haltung vor Esser und blickte starr an die Wand.

"Ah, erst den Kollegen verraten und dann auch noch den Helden spielen wollen. So seid ihr dreckigen Ausländer nun mal. Glaubst du wirklich, dass auch nur ein Einziger zu dir halten wird? Wir haben einen Ehrenkodex und du hältst dich nicht daran! Und du nimmst auch noch einem guten Deutschen den Arbeitsplatz weg. Los, sag's endlich!"

"Nein, dazu kann mich keiner zwingen."

"Weißt du, was ich mit dir anstellen werde, wenn du es nicht sagst? Der Tag ist noch lang und die Ablösung kommt erst in einigen Stunden. Ich werde dich so lange quälen, bis du laut herausschreist 'Ich bin ein dreckiger Ausländer und habe meinen Kollegen verraten!' Und dann will ich, dass du meine Schuhe leckst. Ansonsten wirst du dir wünschen, dass ich abdrücke. Ich mache dich fertig, du Schwein!"

Chris stoppte die Aufnahme von Essers Drohungen auf seinem Handy und zog seine Waffe.

Er richtete sie auf seinen Partner.

"Das reicht, Martin. Lass die Waffe fallen und nimm deine Hände hoch. Du hast genug Scheiße gebaut."

Esser drehte sich mit seiner Waffe zu Chris um. In Chris Bauch schienen auf einmal Flugzeuge zu rotieren. Wie sollte er die Situation unter Kontrolle bringen?

"Hallo Partner! Was willst du denn hier?"

"Glaubst du, du wärst der Einzige, der heute morgen geweckt worden ist? Mich hat Krause informiert. Im Gegensatz zu dir weiß ich aber, was Verantwortung und Ehre bedeuten. Und deswegen werde ich dafür sorgen, dass du aus dem Polizeidienst fliegst. Ich habe gerade eine Aufnahme von deinem 'Gespräch' mit Engin gemacht und gemeinsam mit unserer Zeugenaussage wird es wohl reichen, um dir ein Diszi zu verschaffen. Eins, das mit deinem Rausschmiss endet."

Feine Schweißtropfen hatten sich auf Chris' Stirn gebildet. Eine falsche Bewegung würde reichen, um Esser über die Schwelle zwischen verbaler Gewalt und einem brutalen Angriff zu treiben. Und sie bedrohten sich gegenseitig mit ihren Dienstwaffen.

Esser schien noch immer so betrunken zu sein, dass ihm nicht klar wurde, dass Chris es todernst meinte.

"Du stellst dich auf die Seite dieses Kollegenschweins, der Schröder an Krause verpfiffen und uns das Wochenende ruiniert hat? Er ist neu und ein Türke, lass uns etwas Spaß mit ihm haben. Glauben wird es ihm eh keiner. Die Kollegen werden zusammen halten. Der wird in unserer Abteilung keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen. Ich bin schließlich dein Partner und wir haben soviel zusammen durchgestanden. Das schmeißt man doch nicht so einfach weg."

Mit einem breiten Grinsen im Gesicht und seine Waffe immer noch auf seinen Partner gerichtet kam Esser Chris näher.

Angewidert von der Alkoholfahne und den Sprüchen Essers wich Chirs zurück, bis er mit dem Rücken zur Wand stand.

Was sollte er tun? Er konnte doch nicht auf seinen Partner schießen! Selbst wenn er ihn nur verletzen würde, käme dann ein Dienstausschluss-Verfahren auf ihn zu. Und dieser Stress war Esser nicht wert.

Aber da war immer noch die Waffe, mit der Esser vor ihm rumfuchtelte. Es konnte das doch nicht einfach so durchgehen lassen. Chris konzentrierte sich nur noch auf Esser. Er musste schneller sein. Er durfte ihm keine Chance geben.

Dabei bekam er fast zu spät mit, dass Engin beschloss einzugreifen.

Dieser hatte sich, als Esser sich auf Chris konzentriert hatte, erst mal in Sicherheit gebracht. Nun näherte er sich von der Seite und schlug dem Betrunkenen mit einer einzigen kraftvollen Bewegung den Arm nach oben. Dabei ging von der entsicherten Waffe ein Schuss los, der jedoch harmlos in der Wand kurz über Chris einschlug. Anschließend beförderte Engin Esser mit einem gezielten Kinnhaken in das Land der Träume. Die Waffe schob er mit dem Fuß Richtung Fenster. Es gab ein schabendes Geräusch, das durch den Raum hallte.

Aufatmend lehnte sich Chris an die Wand hinter ihm, seine Arme und Beine fingen an, unkontrolliert zu zittern. Er rutschte an der Mauer entlang zu Boden. Da saß er nun und starrte auf seinen ehemaligen Partner.

Wenn Engin nicht eingegriffen hätte, dann wäre es verdammt eng geworden.

"Danke, dass du ihn außer Gefecht gesetzt hast. Ich glaube nicht, dass ich es geschafft hätte abzudrücken."

Er blickte hoch und sah direkt in Engins Gesicht. Dieser sah mindestens genau so fertig aus, wie Chris sich fühlte, schaffte es aber, sich auf den Beinen zu halten.

"Und was machen wir jetzt? Schließlich habe ich einen Kollegen niedergeschlagen."

"Nach dem, was er sich gerade geleistet hatte, sollte das dein geringstes Problem sein. Denn die Dienstaufsicht wird ihn wohl suspendieren. Da kommen einige Anklagepunkte auf ihn zu. Trunkenheit im Dienst, tätliche Bedrohung zweier Kollegen, Benutzung der Dienstwaffe ohne Grund, Nötigung und Beleidigung. Und wenn ich mich wieder etwas beruhigt habe, dann fallen mir bestimmt noch einige andere Sachen ein, die er sich heute geleistet hat. Nicht zu vergessen, dass es schon den einen oder anderen Aktenvermerk gibt. Du warst nicht der einzige, den er quälen wollte."

"Aber wieso hat ihn noch keiner gestoppt?"

"Hat man doch. Als er mir als Partner zugeteilt wurde, hat Krause mir nahe gelegt, dass ich Alkohol von ihm fernhalten sollte und ihn bremsen müsste. Er war mein Partner. Solange er nüchtern war, war er eigentlich ein brauchbarer Kerl, mit dem man gut arbeiten konnte, auch wenn seine ganzen Schwulen-, Türken- und sonstige Minderheitenwitze allesamt unter der Gürtellinie waren. Gott, habe ich das gehasst. Aber es ging ja um die Bullenehre. Das schwarze Schaf musste von den eigenen Leuten im Zaum gehalten werden. Alles schön unter der Decke halten. Und das Ergebnis haben wir jetzt vor uns liegen."

Engin hatte sich inzwischen neben Chris gesetzt. Er antwortete nicht, sondern starrte nur auf den bewusstlosen Esser.

Chris war es recht so. Er brauchte einen Moment Ruhe, um sich wieder zu sammeln, damit seine Stimme fest klang, wenn er Krause über den Vorgang informierte. Er lehnte den Hinterkopf gegen die Wand und schloss seine Augen. Einen Augenblick alles ausblenden. Dann würde es weitergehen.

Engin war da unruhiger. Schon nach wenigen Sekunden stand er wieder auf und tigerte durch den Raum. Chris hörte, wie er stehen blieb und sich an den Überwachungsgeräten zu schaffen machte.

"Scheiße! Da unten geht es rund! Und wir haben nicht aufgepasst!"

Mit einem Satz war Chris aufgesprungen und stand neben Engin. Er konnte aber genauso wie sein Kollege nur noch hinten an der Ecke die Bremslichter eines dunkelroten Mercedes sehen. Beim Observationsobjekt waren alle Rollläden oben und die Garage war offen! Da lief wahrscheinlich vor ihrer Nase der große Deal ab und sie bekamen nichts mit!

"Konntest du noch das Nummernschild erkennen?"

"Nein, aber ich habe ein Foto von dem Wagen gemacht, vielleicht kriegen wir es in der Vergrößerung raus!" Engin hatte sich über die Kamera gebeugt und spielte mit der Einstellung "Ich befürchte allerdings, dass das Bild nicht scharf ist."

"Wer von den Kollegen ist heute noch mit dran?"

Chris verfluchte sich, dass er nur das Protokoll und nicht auch Dienstpläne durchgelesen hatte, denn dann hätte er gewußt, wie die Dienste eingeteilt waren.

"Keiner. Die Jungs, die normalerweise in Hausnummer zehn positioniert sind, kommen erst um vier, da sich Sonntags sonst nie was tut. Den Mercedes habe ich noch nie hier gesehen"

"Oh Mann, da sitzen wir ja schön in der Scheiße. Wenigstens registriert mein Handy bei Aufnahmen auch die Uhrzeit, so haben wir einen Beweis, dass Esser an dem ganzen Schlamassel schuld ist. Jetzt ist er endgültig seine Marke quitt. Aber ich hasse Dienstaufsichtsverfahren!"

Engin sah Chris prüfend an.

"Du scheinst ja richtig froh darüber zu sein, dass du ihn los bist?"

"Ja, denn die letzten Jahre waren nicht gerade prickelnd. Ich musste neben meinem normalen Job auch noch darauf achten, dass Esser nichts anstellte. Und er war sehr einfallsreich. Anfangs schien Krauses Auftrag ganz einfach zu sein, da Esser nur ab und zu etwas zuviel trank. Ich konnte es zwar nie verhindern, aber da reichte es, wenn ich am nächsten Morgen darauf achtete, dass er keine Verantwortung hatte und in Ruhe gelassen wurde. Also nichts Besonderes, ich habe manchmal ähnliche Probleme. Aber inzwischen ist Esser zum Alkoholiker geworden, der sich, wenn er mal wieder besoffen war, austoben wollte. Und er war da nicht gerade zimperlich, wen er sich vornahm. Aber ich konnte doch nicht sein Kindermädchen spielen und ihn vierundzwanzig Stunden überwachen. Und weg von ihm konnte ich nicht. Ich hatte es zwar mehrfach beantragt, aber Krause hatte meine Gesuche jedes Mal abgelehnt. Schließlich passierte ja nichts. Esser war ja harmlos. Ich hatte keine Beweise, denn Esser war in der Hinsicht, so besoffen er auch war, sehr vorsichtig. Wenn ich nicht hier gewesen wäre, dann gäbe es auch für das, was er mit dir angestellt hatte, keine Beweise. Und ohne Beweise.... Wie war das noch mit der Bullenehre? Ich scheiß' drauf!"

Engin blickte betroffen zur Seite. Was sollte man darauf auch erwidern.

Chris lachte bitter. Als er sich beruhigt hatte, griff er zum Handy und rief seinen Chef an.

Währenddessen beugte sich Engin zu Esser hinab, der sich zu regen begann, zog ihn zum Fenster und fesselte ihn mit seinen eigenen Handschellen an ein Heizungsrohr. Essers Dienstwaffe musste er erneut außer Reichweite kicken.

Die Ballistiker würden schnell herausfinden, wer die Waffe abgefeuert hatte.

 

 
17.30 h, Drogendezernat

 

Engin und Chris waren fertig. Endlich. Einige Mitarbeiter der Dienstaufsicht hatten sie durch die Mangel gedreht und zu den Vorfällen des hinter ihnen liegenden Tages befragt.

Es war zwar sehr unangenehm gewesen, aber da sich ihre Versionen deckten und auch die Indizien für sie sprachen, durften sie gehen.

Im Gegensatz zu ihnen saß Martin Esser in einer Ausnüchterungszelle. Der festgestellte vorläufige Blutalkoholwert betrug über zwei Promille. Alleine das hätte gereicht, um ihn vom Dienst zu suspendieren.

Krause hatte Engin und Chris gebeten, noch kurz in seinem Büro vorbeizuschauen, bevor sie nach Hause gingen, und der Bitte des Vorgesetzten widersprach man nicht.

Als Chris an der Bürotür seines Chefs klopfte, ertönte auch direkt ein "Kommt rein!" von Krause.

Zögernd traten sie ein, da sie nicht wussten, was jetzt noch auf sie zukam.

Krause deutete auf die beiden Stühle, die vor seinem Schreibtisch standen, und Chris und Engin folgten der Aufforderung und setzten sich.

"So meine Herren, das wäre geschafft. Sie sitzen jetzt nicht hier, weil ich Sie in irgendeiner Weise kritisieren will, ganz im Gegenteil. Ich möchte Ihnen gratulieren, dass Sie es geschafft haben, in dieser schwierigen Situation einen klaren Kopf zu behalten und Esser aus dem Verkehr zu ziehen, ohne dass größere Schäden entstanden sind. Es ist zwar ärgerlich, dass Ihnen die Jakubinskis durch die Lappen gegangen sind, aber das schaffen Sie auch noch."

Chris spürte, wie es in ihm schon wieder anfing zu brodeln; Krause schien es zu spüren und wandte sich ihm zu.

"Herr Schwenk, ich weiß genau, was ich Ihnen in den letzten Jahren zugemutet habe. Aber was hätte ich unternehmen sollen? Außer einigen kleineren Verfehlungen hatte Esser immer noch eine saubere Akte. Und die meisten Beschwerden über ihn, die man mir zugetragen hatte, fanden keinen Weg in die Akten, weil Ihre Kollegen das unter sich ausmachen wollten und alles unter den Tisch gekehrt hatten. Das nennt sich, glaube ich, Bullenehre. Es gibt nichts Verwerflicheres, als das Fehlverhalten eines Polizisten zu decken. Aber darüber brauche ich Sie ja nicht aufzuklären, Sie waren ja lange genug Leidtragender."

Krause unterbrach sich und musterte die beiden Männer vor sich.

"Ich weiß nicht, wer Esser angerufen hat, um ihn zu fragen, ob er heute den Dienst schieben könnte. Ich befürchte, dass es Schröder war. Mit dem werde ich auch noch einige Takte reden."

Stille breitete sich in dem kleinen Büro aus. Chris wusste, dass Krause noch etwas auf dem Herzen hatte, aber er hatte keine Energie mehr, um ihn zu fragen.

"Ich wollte Ihnen noch einen Vorschlag machen", unterbrach Krause das Schweigen. "Schwenk, Sie haben keinen Partner mehr, und Sie, Korpak sind mit Ihrem Partner Schröder nicht wirklich glücklich. Ich inzwischen erfahren, dass er Sie diese Woche schon mehrfach im Stich gelassen hat, und ich kann verstehen, wenn Sie nicht mehr mit ihm arbeiten wollen. Wo Schröder abgeblieben ist, werden wir auch noch herausbekommen. Deswegen möchte ich vorschlagen, dass Sie beide ein neues Team bilden. Sie waren heute auch unter widrigen Umständen recht erfolgreich. Ich werde Sie aber nicht dazu zwingen. Wenn Sie es nicht wollen, muss ich mir eine andere Lösung ausdenken. Am besten denken Sie ein oder zwei Tage darüber nach und sagen mir Bescheid, wie Sie sich entschieden haben. Solange haben Sie dienstfrei."

Verblüfft sahen die beiden ihren Vorgesetzten an. Dieser Gedanke war ihnen noch gar nicht gekommen.

Krause erhob sich von seinem Sessel.

"So vermurkst der Tag auch war, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Feierabend."

Damit waren sie entlassen.

 

Endlich aus dem Polizeigebäude raus, warf Chris einen verstohlenen Blick auf Engin. Könnte er wirklich mit diesem jungen Spund zusammenarbeiten? Ja, ganz eindeutig ja. Nach der heutigen Aktion würde er Engin ohne eine Minute zu zögern sein Leben anvertrauen. Es fehlte ihm zwar an Erfahrung, aber dafür war er intelligent und schnell.

Und wenn er sich demnächst outen würde, dann war Engin bestimmt tolerant genug, um ihn zu akzeptieren. Sie würden ein tolles Team abgeben. Der Türke und der Schwule, eine unschlagbare Kombination.

 

Aber wieso hatte Eddie sich noch nicht bei ihm gemeldet? Es war doch inzwischen schon Abend. Ein Knoten machte sich im Magen breit. Was war jetzt zu Hause schief gegangen? Oder hatte er Eddie einfach falsch eingeschätzt und dieser war nur auf einen One-Night-Stand aus gewesen?

"Alles in Ordnung mit dir?" Engins besorgte Stimme holte Chris wieder in die Gegenwart zurück. Er spürte, wie er von seinem Partner gemustert wurde.

"Nicht wirklich. Mir ist gerade eingefallen, dass ich durch den ganzen Stress vergessen habe etwas Wichtiges zu regeln. Kannst du mich sofort nach Hause fahren? Vielleicht kann ich noch etwas retten."

Chris sah Engin mit einem unglücklichen Lächeln an. Er glaubte nicht wirklich daran, dass Eddie noch auf ihn wartete, aber ein Funke Hoffnung war vorhanden. Vielleicht hatte er eine Nachricht hinterlassen.

"Kein Problem, in zwanzig Minuten bist du zu Hause, und wenn du telefonieren willst, dann kannst du mein Handy nehmen."

"Stimmt, meins ist ja zum Beweismittel geworden. Ist aber nicht nötig, ich hatte die Telefonnummern im Handy gespeichert, da muss ich warten, bis ich zu Hause bin. Aber ich muss mir auch noch ein neues Handy und einen neuen Vertrag besorgen, denn bis ich meins bekomme, bin ich bestimmt alt und grau."

"Dann kann es ja nicht lange dauern."

Dieses Mal erreichte das Lächeln, trotz seiner Sorgen um Eddie, auch Chris' Augen. Es tat gut, wieder einen Kollegen zu haben, mit dem man sich necken konnte.

"Was die Sache mit dem neuen Team angeht...." Chris versuchte, seinen Ton so neutral wie möglich zu halten. Engin sprang auch sofort darauf an, wollte sich aber anscheinend keine Blöße geben, da er mit einer Gegenfrage reagierte.

"Ich frage mich, welche Hintergedanken Krause dabei hatte. Was hältst du davon?"

Sie waren bei Engins Auto angekommen und Chris zögerte die Antwort so lange wie möglich hinaus. Er stieg ein, gurtete sich umständlich an und wartete, dass Engin losfuhr.

"Ich kann Krauses Gedanken nicht lesen, aber die zwei Tage Sonderurlaub kann ich gut gebrauchen, ich bin fix und fertig." Chris konnte sehen, wie unzufrieden Engin mit diesem ausweichenden Kommentar war, aber das mit dem alt und grau musste gerächt werden.

"Und was hältst du davon, dass wir zwei als Team arbeiten sollen?" Engin hakte wieder nach.

"Ich könnte mir von allen Kollegen aus dem Drogendezernat keinen vorstellen, dem ich bedingungslos mein Leben anvertrauen würde. Bei dir habe ich aber ein verdammt gutes Gefühl, aber ich möchte noch eine Nacht darüber schlafen. Schließlich muss ich es dann ja einige Jahre mit dir auszuhalten." Chris knuffte Engin aufmunternd in die Seite.

"Danke, bisher hatte noch kein Kollege sein Leben für mich riskiert. Das ist ja schon mal eine Grundlage. Aber wenn du mit Türkenwitzen ankommst, dann gibt es Ärger." Das Grinsen auf Engins Gesicht zeigte aber, dass er mit Chris' Antwort zufrieden war.

Chris lehnte sich im Sitz zurück. Er hatte jetzt einen Partner, auf den er sich verlassen konnte, vorausgesetzt dieser kam mit seiner sexuellen Neigung zurecht. Das würde er morgen in Ruhe mit Engin klären, dazu hatte er jetzt keine Nerven mehr. Nicht, solange nicht geklärt war, warum Eddie sich nicht gemeldet hatte...

 

Nahm diese Fahrt denn nie ein Ende? Hier war zwar fünfzig, aber man konnte doch achtzig fahren, ohne geblitzt zu werden. So lange war er doch sonst nicht unterwegs. Unruhig rutschte Chris im Sitz hin und her. Wollte er eigentlich nach Hause kommen, wenn Eddie nicht mehr da war? Nein, nicht daran denken. Eddie war zu Hause und wartete. Etwas Anderes konnte er sich gar nicht vorstellen.

Endlich bog der Ford in die richtige Straße ab. Sekunden später, die Chris wie eine Ewigkeit vorkamen, hielt er vor seiner Wohnung. Jetzt musste er aussteigen. Jetzt zeigte sich, ob er nur Wunschträume hatte.

"Soll ich mit hochkommen? Brauchst du moralische Unterstützung?"

"Danke, Engin, nett, dass du fragst, aber da muss ich allein durch."

"So schlimm?"

Was sollte Chris dazu sagen?

"Ich glaube, nach dem heutigen Tag rechne ich im Moment nur mit dem Schlimmsten. Und wenn ich oben bin und alles klären will, dann hat sich bestimmt alles in Wohlgefallen aufgelöst und all meine Sorgen waren überflüssig. Treffen wir uns Dienstag? Ich mach' morgen einen Termin mit Krause aus und dann treffen wir uns eine Stunde vorher, um noch mal alles durchzusprechen.."

Engin nickte zustimmend.

"Alles klar. Und viel Glück!"

"Danke, das kann ich brauchen. Bis Dienstag!"

Chris stieg aus dem Auto und ging langsam, fast zögernd zum Haus. Vor seiner Haustür hielt er noch einmal an. Da war einfach diese Angst, dass die Wohnung leer und ohne Nachricht war.

Als er sich dann endlich überwand und die Tür öffnete, da wusste er, dass die Räume nicht verlassen waren.

Musik dröhnte aus dem Wohnzimmer und aus der Küche hörte er das Klappern von Geschirr. Er ging zuerst in das Wohnzimmer, aber dort war, genauso wie auch im Schlafzimmer, kein Eddie. Aus Erfahrung passten zwar Küchenarbeit und Eddie nicht wirklich zusammen, aber als er in die Küche ging, wurde er überrascht und gleichzeitig enttäuscht.

Gabi stand vor der Spülmaschine und räumte sie gerade aus. Die ganze Küche war sauber und ordentlich. So wie er sie immer haben wollte. Aber von Eddie war keine Spur zu sehen.

"Hi Chris! Wo warst du denn den ganzen Tag? Hattest du nicht dienstfrei?"

Sie kam zu ihm und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange, dann wandte sie sich wieder der Spülmaschine zu.

Am liebsten hätte Chris Gabi zur Seite gestoßen, als sie ihm auf die Wange küsste, weil er es nicht ertragen konnte, dass Eddie nicht da war, aber dann riss er sich zusammen. Sie konnte ja nichts dafür, dass er so enttäuscht war, nein, zum ersten Mal seit Monaten räumte sie sogar gründlich auf.

"N'abend Gabi! Der freie Tag wurde abgesagt, ich bekam heute morgen einen Anruf und musste zum Dienst. Wie kommt es, dass du heute die Küche aufräumst, du bist doch sonst nicht für Hausarbeit?"

"Daran ist dein Zettel von heute morgen und die Wohnungsanzeigen der Lokalblättchen schuld. Es ist einfach keine vernünftige Bleibe zu finden und dann muss ich mich halt mit dir arrangieren. Ich kann es mir nicht leisten, dass du mich rausschmeißt, wie du mir in der Message angedroht hattest. Ich habe heute fünf Zeitungen und das Internet durchforstet und bei mindestens fünfzig Annoncen angerufen. Aber noch nicht mal einen Besichtigungstermin habe ich ergattern können." Gabi hörte sich ziemlich frustriert an.

"Die wollen keine allein stehenden Frauen in den Wohnungen, sondern Pärchen als Mieter haben. Und ich kenne niemanden, den ich als Vorzeigeverlobten mitnehmen könnte. Aber bei den Mieten, die sich die Leute vorstellen, kann ich eh die meisten Wohnungen abhaken."

"Schade, ich hätte schon gern die Wohnung irgendwann wieder für mich alleine."

Chris ging in sein Schlafzimmer; da Eddie nicht mehr da war, hatte er hoffentlich eine Nachricht hinterlassen. Aber da war nichts. Chris durchwühlte sogar sein Bett, aber es war kein neuer Zettel zu finden. Nur seine eigene Notiz lag noch immer auf dem Kopfkissen.

Nachdem er die Suche aufgab, setzte er sich frustriert auf sein Bett. Er fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht. Dann blickte er hoch und starrte ins Nirgendwo.

Was sollte er davon halten? Wollte Eddie wirklich nur die eine Nacht und nicht mehr? Aber da war doch soviel Gefühl gewesen, das konnte doch einfach nicht vorbei sein. Jetzt, wo er sich durchgerungen hatte, einen Mann zu lieben, und all seine Vorurteile über Bord geschmissen hatte.

Aber vielleicht wusste Gabi ja etwas. Vielleicht hatte Gabi Eddie gesehen und wusste, was los war.

Chris raffte sich auf und ging wieder in die Küche. Gabi beugte sich schon wieder über die Spülmaschine.

"Ein alter Kumpel von mir hat letzte Nacht bei mir übernachtet. Als ich überraschend zum Dienst musste, habe ich ihn nicht wach bekommen. Habt ihr noch miteinander geredet?"

"Ich habe hier zwar einen Typen rum huschen sehen, aber ich war heute morgen nicht wirklich zurechnungsfähig und als ich richtig wach war, da war er weg."

Irgendetwas stimmte nicht. Chris kannte Gabi nun lange genug, um zu wissen, dass etwas faul war. Warum verdammt noch mal drehte sie sich nicht um, wie sonst, wenn sie mit ihm redete? Nein, sie beschäftigte sich immer noch mit der Spülmaschine.

Die Erkenntnis traf Chris wie ein Keulenschlag. Gabi log. Sie hatte mit Eddie geredet. Und da sie dies verleugnete, stieg Panik in ihm auf. Was hatte sie ihm erzählt? Hatte sie ihn etwa verletzt? Er würde sie umbringen, wenn das wahr wäre.

Chris reagierte wie ein Automat. Er ging auf Gabi zu, riss sie an ihrer Bluse hoch und pinnte sie mit seinem Körper an die Wand. Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt. Seine Augen drückten eine unbändige Wut aus.

"Und jetzt versuch es einmal mit der Wahrheit! Ich kenne dich lange genug, um zu wissen, wann du lügst. Was ist hier passiert?"

Sie versuchte es tatsächlich, sie versuchte wirklich, ihre Lüge aufrecht zu halten. Aber sie wich seinem Blick aus.

"Was soll das, Chris? Du tust mir weh und machst mir Angst. Ich weiß nicht, was du willst. Ich habe mit dem Typen nicht gesprochen, dazu war ich heute morgen viel zu fertig."

Der Knoten, der sich schon vor einiger Zeit in Chris' Magen gebildet hatte, zog sich schmerzhaft zusammen. Er verstärkte den Griff an ihrer Bluse, so dass sie Probleme mit dem Atmen bekam. Er konnte ihre Angst riechen.

"Fangen wir noch einmal von vorne an. WAS HAST DU MIT EDDIE GEMACHT??? Wenn du es mir nicht sofort sagst, dann wird ein kosmetischer Chirurg in der nächsten Zeit viel Geld mit dir verdienen können! Ich will die Wahrheit wissen!"

"Ich habe ihn rausgeschmissen", flüsterte Gabi.

Für Chris brach eine Welt zusammen.

"Du hast was gemacht?" Chris atmete einmal tief ein und schloss die Augen, um sich zu beruhigen. Er zählte langsam bis zehn. Den Griff an ihrer Bluse lockerte er allerdings. Dann richtete er seinen Blick wieder auf seine Ex. Nur dieser kurze Augenkontakt reichte jetzt, damit Gabi redete.

"Als ich heute morgen in dein Zimmer kam, weil ich an deinen Computer wollte, da lag da dieser Typ im Bett. Ich konnte doch da nicht ahnen, dass der so wichtig für dich ist. Du warst doch sonst immer so stolz darauf, hundert Prozent hetero zu sein. Ich dachte mir also nichts dabei, als er da so lag, und setzte mich an den Computer, um meine Mails abzurufen. Irgendwann ist er halt wach geworden. Er hat mich etwas seltsam angeschaut und gefragt, wer ich sei. Da habe ich ihm erzählt, dass ich deine Freundin sei und hier wohnen würde. Das ich es allerdings nicht gewohnt sei, dass du irgendwelche Männer mit nach Hause bringen würdest. Und mit dir deswegen noch ein paar Takte reden würde."

"Und was hat er dann gemacht?" Irgendwann war wohl die CD zu Ende gewesen, denn es war jetzt totenstill in der Wohnung.

"Er hat mich nur seltsam angeschaut und irgendetwas gemurmelt, ich habe aber nicht verstanden, was er gesagt hatte, da ich mich mehr mit meinen Mails als mit ihm beschäftigt habe."

Gabi stockte und blickte zu Boden. Es fiel ihr sichtlich schwer, den Rest zu erzählen, aber Chris hielt seine bedrohliche Haltung aufrecht. Leise und zögernd fuhr sie fort.

"Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hat, ihm zu sagen, dass ich von dir gewohnt sei, deine One-Night-Stands raus zu werfen, und es das erste Mal sei, dass ich einen Typen hinauskomplimentieren müsste. Danach war er still. Ich habe mich nicht weiter drum gekümmert, da ich im Netz auch noch nach einer Wohnung gesucht hatte. Als ich mich dann wieder umgedreht hatte, war er weg."

Während des letzten Teiles ihres Berichtes hatte Chris erst den Griff gelockert, dann Gabi losgelassen und sich von ihr gelöst. Er starrte sie aus kalten Augen an. Dann wandte er sich ab und stützte sich schwer auf der Anrichte ab.

Was dachte Eddie jetzt von ihm? Dass er zu feige war? Dass er noch nicht mal den Mut hatte, ihm ins Gesicht zu sagen, dass es nur ein One-Night-Stand gewesen war?

Wie sehr mussten diese dahingeredeten Worte Eddie verletzt haben. Konnte das repariert werden? Er musste zu Eddie. Er musste es erklären, hoffen, dass noch nicht alles zerstört war.

 

"Warum?" Es war nur ein Flüstern, aber es hallte durch die Küche.

"Woher konnte ich ahnen, dass du was mit 'nem Kerl hast? Ich dachte, das wäre ein Kumpel gewesen, der sich über die Geschichte kaputtlachen würde, doch nicht, dass er es ernst nehmen würde. Als mir das klar wurde, da war er aber schon weg und im Laufe des Tages habe ich immer mehr Angst bekommen vor dem Augenblick, in dem du zur Tür rein kommst. Verdammt, woher sollte ich es auch nur ahnen, dass du schon mal was mit Männern hast? Du hattest es ja drei Jahre vor mir geheim gehalten!"

Chris ignorierte ihren Vorwurf. Ihn bewegte vielmehr, was sie vorher gesagt hatte.

"Deswegen hast du also hier aufgeräumt. Du wolltest mich besänftigen. Aber ich muss dich enttäuschen, dieses Mal funktioniert es nicht."

Chris drehte sich wieder um und blickte Gabi in die Augen.

"Wenn ich wieder zurück bin, dann bist du hier verschwunden. Es ist mir scheißegal, wo du hingehst. Von mir aus kannst du unter einer Brücke pennen. Denn wenn ich Eddie nicht finden sollte, dann kann ich für nichts mehr garantieren, wenn ich dich wieder sehe."

Chris drehte sich um, verließ die Küche, nahm seine Autoschlüssel und machte sich auf seine Suche nach Eddie.

Dass Gabi hinter ihm in Tränen ausbrach, empfand er als gerecht.

 

Chris war sich nicht sicher, ob Eddie immer noch in derselben Wohnung wie damals wohnte. Aber es war ein Anhaltspunkt.

Als er endlich einen Parkplatz gefunden hatte, ging er nicht gleich zur Wohnung hoch, sondern warf zuerst einen prüfenden Blick in den Hinterhof, aber dort war keine Werkstatt mehr.

Chris war sich jetzt ziemlich sicher, dass Eddie wahrscheinlich umgezogen war - wieder eine Hoffnung die kaputt ging, stieg aber trotzdem noch die Treppe zur alten Wohnung hoch. Ein Versuch war's wert. Wenn nicht, dann konnte er den Nachmieter fragen, wohin Eddie umgezogen war.

Ansonsten musste er halt bei einem Kollegen auf der Spätschicht anrufen. Irgendwann musste es sich ja auszahlen, dass er Polizist war. Da war Chris jahrelang in diesem Laden und hatte doch Hemmungen, seine Beziehungen auszuspielen.

Und außerdem, wer konnte garantieren, dass Eddie nicht doch noch ein eine krumme Sache verwickelt war und er irgendjemanden auf seine Fährte lockte. Chris hielt es für besser, alle anderen Quellen auszuschöpfen, bevor er einen Kollegen anrief.

Als er die Treppe hochging, kam ihm ein seltsamer, ziemlich unangenehmer Gerüche-Cocktail entgegen. Chris' erfahrene Nase roch Hasch, wahrscheinlich 'Roter Libanese', und diverse andere Drogen heraus. Komplettiert wurde die Duftmischung mit abgestandenem Zigarettenqualm und unangenehmem Schweißgeruch.

Vor der Wohnung, wo Chris und Eddie einmal gelebt hatten, war der Gestank besonders penetrant. Und in Chris breitete sich die Gewissheit aus, dass er Eddie überall finden würde, aber nicht in dieser Wohnung..

Er überwand sich und klingelte, auch wenn er nicht wirklich wissen wollte, wer so einen Geruch verursachte.

Als die Tür geöffnet wurde, da wunderte er sich überhaupt nicht, was für eine seltsame Gestalt ihm da entgegentrat. Dieses Etwas war über zwei Meter groß, spindeldürr, hatte schwarze, fettige Haare, eine große Hakennase und einen weiß-grauen Teint. Bevor Chris allerdings seine Beobachtung vervollständigen konnte, wurde er auch schon angesprochen.

"Bonjour, meine Süße, komm rein. Ca va?"

Dann schien Chris' Gegenüber erst zu merken, wer da vor der Tür stand, und der Tonfall wurde wesentlich unfreundlicher.

"Was willst du Spießer hier? Hat man dich jetzt von unten geschickt, um uns zu sagen, dass wir die Musik leiser stellen sollen? Tu dir selbst einen Gefallen und mach 'ne Flatter, sonst helf' ich dir die Treppe runter."

Ok, er hatte zwar immer noch sein Jackett und ein Hemd an, aber ein Spießer war er garantiert nicht.

"Ich wurde nicht von denen da unten geschickt", stellte Chris mehr als nur leicht verärgert fest. Der heutige Tag reichte ihm endgültig. Und wenn dieser Junkie auch nur noch ein falsches Wort sagen würde...

"Es ist mir scheißegal, woher du kommst. Verpiss dich, du Hosenscheißer, sonst mach ich dich fertig!"

Der Junkie wagte es tatsächlich und zur Bekräftigung seiner Aussagen zauberte er auch noch ein Klappmesser in seine Hand. Drohend ging er auf Chris zu und bewegte die Klinge aufreizend vor dessen Gesicht.

Chris hatte genug. Er ging zum Angriff über, schnappte sich die bewaffnete Hand und drehte sie ihm fachmännisch auf den Rücken. Dass bei dieser Aktion die Nase seines Gegners klatschender Weise Bekanntschaft mit dem Türrahmen machte, war nur Musik in Chris' Ohren.

Durch eine Verstärkung des Druckes im Handgelenk trat die Nase nun absichtlich in Kontakt mit dem Türrahmen. Es gab ein knirschendes Geräusch und Blut spritzte hervor.

Gott, tat es gut, dem Arsch zu zeigen, dass er sich nicht alles erlauben konnte.

 

Bis Chris klar wurde, was er da tat. Er ließ seinen Frust an einem Unschuldigen aus. Es war zwar ein Arschloch, hatte aber mit seinem persönlichen Ärger nichts zu tun.

Jetzt war er einen Schritt zu weit gegangen, hatte sich über eine unsichtbare Grenze hinausbewegt.

Hatte es bei Esser auch so angefangen? War er auch einen Schritt zu weit gegangen und hatte dann immer weniger Hemmungen gehabt, die Schwelle erneut zu überschreiten?

Er hatte sich doch geschworen, dass er niemals so werden würde wie Esser. Und doch war er über die Grenze gegangen. Er musste sich besser unter Kontrolle bekommen.

 

Mit einem Mal ernüchtert, lockerte er den Griff. Als er glaubte, sich wieder unter Kontrolle zu haben, bot er dem Junkie einen Handel an.

"Wenn du mir die Adresse deines Vormieters gibst, dann lass ich dich in Ruhe. Wenn du allerdings meinst, mich wieder angreifen zu müssen, dann mach ich dich fertig und gebe den Bullen einen heißen Tipp, doch mal bei dir eine Razzia zu machen."

Der Junkie versuchte erst gar nicht, sich zu wehren.

"Meinst du den großen, dunkelhaarigen, muskulösen Typen, der an einem Ohr zwei Ohrringe hatte? Was willst du denn von dem? Ich weiß doch noch nicht mal, ob ich die Adresse noch finden kann!"

"Dann tu dir einen Gefallen und fang an zu suchen. Wie du schon gemerkt hast, bin ich heute nicht sehr geduldig!"

"Wenn du mich los lässt, dann kann ich auch suchen."

Der Junkie ging beinahe zu Boden, als Chris ihn los ließ, fing sich aber rechtzeitig wieder und stolperte in seine Wohnung. Chris blieb in der Tür stehen und wartete, bis der Mann mit der gewünschten Adresse wiederkam. So wie der Flur schon aussah, wollte er gar nicht erst rein gehen. Neben dem Dreck und Chaos sah er auch verschiedene Krabbeltiere, die sich über den Boden bewegten.

Erstaunlich schnell hatte Chris einen Zettel mit Edgars Adresse in der Hand.

"Falls es die falsche ist, komme ich zurück."

"Hey, der Kerl ist vor über 'nem Jahr ausgezogen! Was kann ich dafür, falls der da schon wieder weg ist?"

Chris ersparte sich jeden weiteren Kommentar und ging. Hoffentlich hatte diese Odyssee langsam ein Ende. Seine Nerven waren schon längst am Ende.

 

 
20.30 h, Villenviertel, Frankfurt

 

Dieses Mal fand Chris einen Parkplatz direkt vor dem Haus. Es war nicht so prunkvoll, wie die anderen Villen in der Nachbarschaft - ein eher unauffälliges Haus, das allerdings eine sehr große Garage hatte.

Einige Räume im ersten Stock waren beleuchtet und in Chris keimte Hoffnung auf. Vielleicht war Eddie zu Hause. Vielleicht war er noch nicht betrunken und vielleicht war er gnädig genug, ihn anzuhören. Aber dafür musste er sich überwinden, aussteigen, die Stufen zum Haus hochgehen und klingeln.

Chris tat es. Er warf noch einen prüfenden Blick auf das Namensschild und war erleichtert, Eddies Namen zu lesen.

Dann drückte er den Klingelknopf. Er musste einen Moment warten, bis er einen Schatten durch die Milchglastür sah, und dann öffnete sich die Tür.

Aber es war nicht Eddie, der öffnete, sondern seine Mutter, Iris.

Sie musterte ihn einen Moment und dann erreichte ein Lächeln des Erkennens ihr Gesicht.

"Chris! Wie schön, Sie einmal wieder zu sehen! Sie waren doch Eddies einziger Freund, der sich nicht erinnern konnte, wie mein Junge im Bett war, und der dazu auch noch behauptet hatte, dass er nicht schwul war. Wie lange ist es her?"

Das konnte er überhaupt nicht brauchen. Aber wenn er Eddie sehen wollte, dann musst er wohl da durch.

"Hallo Iris. Schön Sie zu sehen. Wir haben uns bestimmt schon fünf Jahre nicht gesehen. Kann ich reinkommen?"

"Nein, aber wenn Sie einen Moment warten, dann komme ich raus."

Sie machte dem verdutzten Chris die Tür vor der Nase zu, öffnete sie allerdings einen Augenblick später wieder und kam mit einer Handtasche heraus.

"Seien Sie mir nicht böse, aber ich kann Sie heute nicht zu Eddie lassen!"

Während sie redete, hatte Iris das Haus verlassen und die Tür abgeschlossen.

Was war passiert? Hatte Gabi ihn so verletzt? Chris schwor sich, Gabi dafür umzubringen. Ganz langsam und qualvoll.

"Wieso? Ist er krank geworden?"

"Wissen Sie was, das ist alles zu kompliziert und ich werde es nicht vor der Haustür erzählen. Kommen Sie, ich lade Sie zu einer Pizza ein. Zwei Straßen weiter ist ein sehr gemütliches Lokal."

Iris wartete nicht auf eine Antwort, sie stieg die Stufen hinab und ging mit einem sehr zügigen Schritt die Strasse entlang.

Chris hatte keine andere Wahl. Wenn er erfahren wollte, was mit Eddie war, dann musste er ihr folgen.

Das Lokal, das sie wenige Minuten später betraten, war wirklich sehr gemütlich. Es war im typischen italienischen Stil gestaltet, hatte hinter Rundbögen versteckte Nischen und es wurde fast ausschließlich mit Kerzenlicht beleuchtet.

Eine dieser Nischen mit einem Zweiertisch suchte sich Iris aus und nahm dort Platz. Chris setzte sich ebenfalls.

Als sie beim Kellner ihre Getränke bestellt und die Speisekarten vor sich liegen hatten, waren Chris' Nerven zum Zerreißen gespannt. Er musste wissen, was mit Eddie los war, sonst würde er explodieren.

"Iris, was ist mit Eddie los? Hat er irgendeine ansteckende Krankheit, hatte er einen Unfall, oder hatte er etwas Besseres vor und schiebt Sie nur vor?"

"Nichts von alldem. Ich habe meinem Sohn zwei Schlaftabletten eingeflößt und kurz bevor sie geklingelt haben, war er eingeschlafen. Ich wollte nicht riskieren, dass er wieder wach wird."

Gott, wie sollte er das nur wieder in die Reihe kriegen? Warum hatte er nicht daran gedacht, dass Gabi für Eddie eine Gefahr darstellen konnte? Aber er durfte sich jetzt nichts anmerken lassen. Irgendwie musste er Iris doch dazu bekommen, alles zu erzählen.

"Iris, bitte, lassen Sie sich doch nicht alles aus der Nase herausziehen. Was ist mit Eddie los?"

Iris legte die Speisekarte zur Seite, in der sie geblättert hatte, und blickte Chris an.

"Er hat schrecklichen Liebeskummer. Da scheint er sich zum ersten Mal seit Jahren wieder einmal für einen Mann zu interessieren und hat sich wohl in ihn verliebt. Und was macht dieser Kerl? Der ist zu feige, ihm am nächsten Morgen zu sagen, dass er nichts Ernstes wollte, sondern überläst es seiner Freundin, ihn rauszuwerfen. Dieses Schwein! Wenn ich ihn erwische, dann kann er was erleben!"

"Gott, der Arme!", brachte Chris fertig, unter ihrem wütenden Blick zu murmeln, und verschanzte sich erst einmal hinter seiner Karte. Er konnte ihr jetzt nicht in die Augen sehen. Wer weiß, was sie ihm antun würde, wenn sie wüsste, dass er der Schuldige war.

Iris hörte aber nicht auf, über Eddie zu reden.

"Als ich heute zu ihm kam, da öffnete er mir die Haustür mit so einem hoffnungsvollen Blick. Er hatte gehofft, dass alles doch nur ein Missverständnis war. Und als er mich sah, da war er mit seinen Nerven fix und fertig. Aber meine Hilfe wollte er nicht. Er hatte sich den ganzen Nachmittag in sein Schlafzimmer zurückgezogen und seine Wunden geleckt. Bis ich es nicht mehr ausgehalten habe und ihm in einem Glas Saft die Schlaftabletten aufgelöst habe. Davon ist er dann eingeschlafen. Sonst hätte er noch die ganze Nacht gegrübelt. Morgen wird es ihm hoffentlich wieder besser gehen und er wird vielleicht irgendwann darüber hinwegkommen."

Wie sollte er hier auch nur einen Bissen herunter bekommen, nach dem, was Iris ihm erzählte? Er musste zu Eddie, musste erklären, was los war.

Aber nein, er saß hier mit Eddies Mutter, die sich wie eine Löwin aufführte. Wenn er ihr jetzt erzählte, dass er der Schuldige war, dann würde sie ihn in der Luft zerreißen. Also musste er sich gedulden.

Chris war so in seine Gedanken versunken, dass er einen Teil ihrer Erzählung nicht mitbekam.

"Wissen Sie, seit Mike sich damals von Eddie getrennt hatte, gab es bei ihm keine Beziehung mehr. Er hatte sich in seine Arbeit vergraben und Beziehungen interessierten ihn nicht mehr. Manchmal möchte ich zu gerne wissen, was damals vorgefallen ist. Wissen Sie es?"

"Ehm, nein." Bevor Chris noch ein weiteres Wort sagen konnte, redete Iris auch schon weiter.

"Nicht, dass er erfolglos gewesen wäre. Er ist sogar sehr erfolgreich. Er besitzt eine eigene Werkstatt und hat mehrere Angestellte. Und das hat er auch euch zu verdanken, nachdem ihr ihm geholfen habt, ein ehrliches Leben zu führen. Was ist eigentlich aus Ihrer schönen und energischen Kollegin geworden? Sind Sie noch zusammen?"

Wie hatte er eigentlich vergessen können, dass Iris so anstrengend war?

"Nein, sie ist vor einigen Jahren nach Berlin gegangen, um Karriere zu machen. Ich bin nicht mitgegangen."

"Dabei war es doch die große Liebe."

Chris war sich nicht sicher, ob er in Iris Stimme einen Hauch von Ironie gehört hatte. Er wollte auch gar nicht darüber nachdenken, aber er hatte in dieser Ecke keine Chance, ihr auf anständige Art und Weise zu entkommen.

Endlich kam der Kellner und Chris hatte zumindest einige Sekunden, um über das nachzudenken, was Iris alles erzählt hatte. Besonders, dass sie Eddie Schlaftabletten gegeben hatte. Jetzt konnte er es für heute vergessen, mit Eddie zu sprechen und ihm alles zu erklären.

"Und was möchten Sie bestellen?"

Chris schrak auf. Er hatte doch gar nicht in die Karte geschaut, sondern nur gegrübelt.

"Ich nehme das gleiche Gericht, das sie auch bestellt hat. Und dazu noch ein Wasser, bitte."

Ihm fiel auf, dass er außer dem Frühstück noch nichts gegessen hatte, was in diesem Moment auch lautstark von seinem Magen bezeugt wurde. Obwohl er bezweifelte, dass er in seiner momentanen Verfassung etwas essen konnte.

"Sie sind sich sicher, dass Sie nichts anderes bestellen möchten?", wagte der Kellner einzuwerfen.

"Glauben Sie nicht, dass ich alt genug bin, um zu wissen, was ich bestellen möchte?"

Chris merkte, dass er nahe dran war, dem Kellner, der nun wirklich nichts für seine Verfassung konnte, an die Gurgel zu gehen. Er riss sich zusammen.

Es schien, als ob der Kellner vor Chris die Flucht ergriff, jedenfalls war er ziemlich schnell Weg

Nachdem Chris dem Kellner hinterhergeschaut hatte, blickte er zu Iris, die so aussah, als ob sie sich verzweifelt bemühte, nicht zu lachen.

Was war los? Waren ihm auf einmal Pickel gewachsen?

"Ist etwas?"

"Entschuldigen Sie, ich war nur ein wenig überrascht, dass sie das Gleiche bestellt haben. Mein lieber Chris, warum sind Sie nicht mit Helen nach Berlin gegangen?"

Gott, konnte Iris hartnäckig sein. Mütter waren etwas Schreckliches, besonders wenn es die der Freunde waren.

"Ich liebte Helen zwar noch, aber sie liebte mich nicht mehr. Und bevor ich alles aufgab, um mich einsam in Berlin wieder zu finden, bin ich dann doch lieber in Frankfurt geblieben."

"Und was haben Sie dann gemacht? Ich habe Sie schon lange nicht mehr bei Eddie getroffen."

"Ich habe gearbeitet. Ich habe damals bis zu sieben Tage die Woche über zwölf Stunden am Tag gearbeitet. Da war ich einfach viel zu kaputt, um noch irgendwelche Kontakte aufrecht zu erhalten. Nicht nur die Freundschaft mit Eddie hat darunter gelitten. Selbst meine letzte Beziehung krankte daran, dass ich so gut wie nie zu Hause war."

"Da Sie sich wieder mit Eddie treffen, haben Sie wohl wieder mehr Zeit. Sind Sie Ihren Job losgeworden oder sind Sie wieder solo?"

"Ich bin seit drei Monaten wieder solo und im Moment räumt sie die Wohnung."

'Und wenn Gabi klug war, dann würde sie sich nie wieder blicken lassen.'

"Dann haben Sie es aber noch lange miteinander ausgehalten."

Iris beugte sich interessiert nach vorne. Dabei erhielt Chris einen guten Einblick in ihr Dekollete. Er registrierte es aber nicht wirklich, da er mit seinen Gedanken woanders war.

"Es ist ja nicht so, dass wir uns nicht mehr verstanden hatten, wir waren einfach nur zu unterschiedlich und ich war nie zu Hause."

"Ich stelle es mir trotzdem schlimm vor, wenn man jemand anders kennen lernt und die Vorgängerin wohnt noch da!"

Chris rutschte ungemütlich auf dem Stuhl hin und her. Worauf wollte Iris hinaus? Und wie sie ihn betrachtete... Als ob er eine Beute war.

"Kann sein, aber da ich noch solo war, gab es für mich keine Probleme, ich empfand es auch als recht angenehm, dass ich abends nicht in eine leere Wohnung zurückkehren musste. Sie verstehen, was ich meine?"

"Ja, mir fällt auch hin und wieder zu Hause die Decke auf den Kopf. Dann packe ich immer meine Sachen und suche Freunde und Verwandten heim. Wenn ich dann wieder zu Hause bin, freue ich mich wieder über die Ruhe in meiner Wohnung."

Chris erstarrte. Das konnte doch nicht wahr sein! Aber er konnte eindeutig einen Fuß fühlen, der an seinem Bein entlang strich. Und jetzt suchte er auch noch einen Weg in seine Hose. Aber bei einer Jeans funktionierte es nicht. Jetzt war ihm klar, welche Art von Beute er sein sollte.

Er blickte Iris in die Augen, aber diese schaute ihn jetzt ganz harmlos an. So als ob sie nichts von der Tätigkeit ihres Fußes mitbekommen würde.

Vorsichtig rückte Chris ein Stück zurück und zog seine Beine ein. Er brachte sich vor Iris in Sicherheit.

Aber es half nichts, jetzt lag auch noch ihre Hand wie zufällig auf seiner.

Konnte er hier um Hilfe schreien? Er merkte, dass ihr Blick immer noch auf ihn gerichtet war, aber er blickte betreten zur Seite. Wie kam er aus dieser verdammten Situation raus?

Als erstes zog er seine Hand ganz vorsichtig unter ihren Fingern, die begonnen hatten, ihn zu streicheln, weg.

"Iris, es tut mir leid, ich ... ich möchte Sie nicht enttäuschen, ich mag Sie schrecklich gerne, aber..."

"Wollen Sie damit sagen, dass Sie kein Interesse an mir haben?"

"Ehm, wenn Sie so direkt fragen, ja."

Ihr amüsiertes Lachen war ihm peinlich.

Er wünschte sich nach Hause, in sein Bett, wo er nicht in so eine Situation geraten konnte.

"Mein lieber Chris, es macht mir nichts aus, ich habe fast damit gerechnet. Schließlich bin ich Eddies Mutter und Jungs gehen nun mal nicht gerne mit den Müttern ihrer Freunde aus. Aber ein Versuch war es wert."

"Iris, Sie sind unmöglich!"

"Ich weiß, was meinen Sie, woher Eddie das hat?"

Chris konnte nur noch den Kopf schütteln. Diese Frau war wirklich unmöglich.

Jetzt nahm sie ihr Weinglas und prostete ihm zu.

"Auf die Söhne!"

Dem konnte er nur zustimmen.

So schafften sie es, angeregt über harmlose Themen zu plaudern, bis der Kellner das Essen brachte.

Chris fühlte den lauernden Blick des Kellners: als dieser ankündigte, was er sich bestellt hatte, wusste er auch warum.

"Zwei Mal Pizza Hawaii mit extra Ananas und extra Käse!"

Mit einem angeekelten Ausdruck warf Chris einen Blick auf das Essen vor ihm. Wenn noch irgendetwas an Appetit vorhanden gewesen war, jetzt war er endgültig vergangen.

Aber da er es ja bestellt hatte, musste er da durch. Anstandshalber säbelte er sich einige Stücke ohne Ananas vom Rand ab.

Und dann fühlte er auch noch den Blick des Kellners auf sich. Er war voller Genugtuung.

Während der ganzen Prozedur aß Iris genüsslich ihre Pizza und warf Chris hin und wieder einen amüsierten Blick zu.

Er war wieder einmal in einen richtig tiefen Fettnapf getreten.

 

 
22.30 h, Chris' Wohnung

 

Als Chris endlich zu Hause war, wollte er nur noch duschen, ins Bett gehen und schlafen.

Bevor er unter die Dusche ging, warf er noch einen prüfenden Blick durch die Wohnung.

Gabi war wirklich fort. Auf einem Zettel an ihrer Tür hatte sie die Nachricht hinterlassen, dass sie in den nächsten Tagen vorbeikommen würde, um ihre restlichen Sachen zu holen. Solange er sie nie wieder sehen würde, war ihm egal, was auch immer mit ihr passieren würde. Mit dieser Frau war er fertig.

Chris war im Nachhinein froh, dass er den Abend mit Iris heil überstanden hatte und nicht von ihr vernascht worden war. Es war anstrengend gewesen, dies zu verhindern. Aber er hatte doch noch etwas erreichen können.

Sie hatte ihm die Adresse von Eddies Werkstatt gegeben, so konnte er ihn morgen früh besuchen und dann alles aufklären.

Irgendwie bezweifelte Chris, dass sein Plan problemlos klappen würde.

Im Schlafzimmer angekommen signalisierte sein Anrufbeantworter, dass jemand eine Nachricht hinterlassen hatte. Chris überlegte lange, ob er es wagen sollte, sie abzuhören. Aber egal es konnte etwas von der Arbeit sein.

Er überwand sich und drückte auf Play.

"Hallo Herr Schwenk! Krause am Apparat. Es tut mir leid, dass ich Sie schon wieder belästigen muss, aber es hat sich Einiges getan. Unter anderem wissen wir jetzt, was mit Schröder los ist. Kommen Sie morgen zum Meeting! Dreizehn Uhr! Bitte rufen Sie mich zurück, ob Sie die Nachricht erhalten haben. Ach ja, ein neues Handy werden Sie von uns auch bekommen."

Klack. Krause hatte aufgelegt.

Heute würde er bestimmt nichts mehr bestätigen. Er würde sich noch unter die Dusche stellen und dann ins Bett gehen.

 

Zwei Stunden später lag Chris immer noch wach im Bett. Er konnte einfach nicht schlafen. Der Tag war einfach zu aufregend gewesen: ständig zogen die verschiedensten Bilder an seinem inneren Auge vorbei. Eddie, wie er neben ihm lag, Esser, der ihn bedrohte, Gabi, die heulend in der Küche stand, oder Iris, die ihn anlächelte. Er bekam diese Bilder nicht aus seinem Kopf.

Seufzend stand er auf und ging ins Bad. Doch Gabi hatte die Hausapotheke geplündert und es waren keine Schlaftabletten mehr da. So musste die andere Methode herhalten. Chris ging ins Wohnzimmer, nahm aus dem Barfach die Whiskeyflasche, goß ein Bierglas voll und stürzte es in einem Zug hinunter. Es brannte in der Kehle und schmeckte einfach nur scheußlich. Er schaltete den Fernseher an und zappte sich durch das Programm. Aber um diese Uhrzeit lief einfach nichts Vernünftiges mehr. Als er merkte, dass der Alkohol zu wirken begann, ging Chris wieder ins Bett. Fünf Minuten später schlief er tief und fest.

 

 
Montag 11.00 h, Chris Schlafzimmer

 

Chris wusste nicht, was er getan hatte, aber er wurde wieder durch das Gebimmel seines Telefons geweckt. Er kam in Versuchung, das Teil einfach aus dem Fenster zu schmeißen, denn sein Kopf schmerzte fürchterlich.

Er öffnete vorsichtig die Augen, schloss sie aber ganz schnell wieder, da das Licht die Schmerzen nur verstärkte.

"Hi Chris! Engin hier! Hat dich Krause gestern angerufen? Mich hat er erreicht und gebeten dir noch auszurichten, dass wir uns doch bitte bis heute entscheiden sollten, ob wir als Team arbeiten wollen. Irgendwie scheint er ja einen Heidenrespekt vor dir zu haben. Du kannst mich unter der Telefonnummer..."

Chris war zusammengezuckt, als er Engins Stimme hörte. Er hatte eindeutig zuviel getrunken, rang sich aber durch und nahm den Hörer ans Ohr.

"Bitte schrei doch nicht so. Ich bin nicht taub. Gott, tut mir mein Kopf weh!"

"Hast du gestern noch einen Grund zum Feiern gehabt oder war's ein Frustbesäufnis?"

Chris fuhr sich vorsichtig mit seiner freien Hand über seine Stirn. Mann, tat das weh.

"Eher Letzteres, aber eigentlich hatte ich getrunken, weil ich nicht schlafen konnte und die Schlaftabletten alle waren."

"Dann hoffe ich mal, dass du noch Kopfschmerztabletten hast, denn so verkatert, wie du dich anhörst, glaube ich kaum, dass du in zwei Stunden fit bist fürs Meeting. Und bevor wir Krause gegenübertreten, sollten wir uns auch noch mal zusammensetzen."

Chris war froh, dass Engin nicht weiter nachfragte. Aber dann ahnte er Schreckliches. Ein prüfender Blick auf seinen Wecker bestätigte seine Befürchtung. Es war tatsächlich schon elf Uhr.

"Scheiße, ich wollte doch schon um acht aufstehen. So ein Mist. Engin, wir treffen uns um zwölf bei der Baguetterie in der Seitenstrasse vom Präsidium. Kennst du die?"

"Meinst du das 'La Baguette'? Die haben doch zehn verschiedene Kaffeesorten und man bestellt dort besser nicht das große Baguette, weil man es nicht aufbekommt?"

"Dann isst du aber wenig, ich bekomme meins immer auf, aber genau den Laden meine ich. Wir sehen uns nachher."

Nachdem Chris aufgelegt hatte, ging er ins Badezimmer, glücklicherweise gab es in der Hausapotheke noch Kopfschmerztabletten, so dass sein Kopf nicht mehr ganz so weh tat, als er zwanzig Minuten später aufbruchbereit war.

Chris entschloss sich aber, noch nicht zu fahren, vielmehr holte er den Zettel mit Eddies Adresse aus seinem Jackett und wählte die Telefonnummer, die ihm Iris aufgeschrieben hatte.

"Alfa Romeo, Autotuning nach Ihren Wünschen, Edgar Sänger. Kann ich Ihnen helfen?"

Nach zweimaligem Schlucken hatte Chris seine Nervosität halbwegs unter Kontrolle.

"Hallo Eddie! Chris hier, wir müssen..."

Weiter kam er nicht, denn Eddie unterbrach ihn.

"Was du musst, ist mir scheißegal. Dass du es wagst, dich nach dem gestrigen Tag noch mal bei mir zu melden. Du und deine Freundin habt mich ja schön abserviert. Lass dich nie wieder bei mir blicken. Verschwinde aus meinem Leben!"

Klack.

Erst fünf Minuten später merkte Chris, dass er den Hörer immer noch in der Hand hielt. Eddies Stimme hatte wirklich keinen Zweifel gelassen, wie er sich fühlte. Er hatte die Trauer, den Frust und die Wut heraushören können. Und ganz besonders hatte Chris heraus hören können, wie verletzt Eddie war.

Das hatte er doch nie gewollt. Ganz im Gegenteil, aber wer hätte das ahnen können? Hätte er doch Gabi schon früher vor die Tür gesetzt! Er machte sich Vorwürfe, dass Eddie so verletzt worden war. Wie konnte er das nur wieder in die Reihe kriegen?

Aber dazu hatte er jetzt keine Zeit mehr, denn er musste ja arbeiten. Am liebsten würde er alles stehen und liegen lassen und zu Eddie fahren. Aber er konnte Engin nicht hängen lassen. Da war doch dieses meistens sehr lästige Pflichtgefühl, das ihn davon abhielt.

Was hatte Mike damals gesagt? Man müsse Berufliches und Privates streng von einander trennen, damit es kein Chaos gäbe. Irgendwann würde es mal klappen, vielleicht heute, das könnte verhindern, dass das Meeting zu einer Katastrophe würde.

Aber heute abend würde ihn kein Job, keine Iris und schon gar nicht Eddie selber ihn daran hindern, das Chaos zu bereinigen.

 

Chris hatte es geschafft, mit nur fünf Minuten Verspätung in der Baguetterie einzutreffen. Sein Auto hatte er sicherheitshalber direkt auf seinem Parkplatz am Präsidium abgestellt.

Suchend blickte er sich nach Engin um und fand ihn an einem kleinen Tisch im hinteren Bereich. Er schien schon etwas länger da zu sein, denn seine Kaffeetasse, die vor ihm stand, war leer.

"Sorry, dass es etwas später geworden ist, aber ich hatte Probleme, in die Gänge zu kommen."

Chris musste einen prüfenden Blick von Engin über sich ergehen lassen.

"So wie du aussiehst, ist es ein Wunder, dass du überhaupt hier bist. Was auch immer du regeln wolltest, ist gestern wohl ziemlich schief gelaufen?"

"Stimmt, aber darüber möchte ich nicht reden. Da ist noch alles in der Schwebe. Hast du schon gefrühstückt?"

"Das habe ich schon einige Stunden hinter mir. Mutter war der Meinung, dass ich an meinem freien Vormittag doch für sie einkaufen könnte. Aber ich werde noch etwas essen, wer weiß, wie lange das Meeting dauern wird."

"Du wohnst noch zu Hause?" Chris war neugierig, schließlich wusste er fast nichts über seinen Partner.

"Ich bin vor zwei Monaten zurückgezogen, nachdem meine Beziehung zerbrochen war. Sie hatte sich das Zusammenleben mit einem Polizisten anders vorgestellt und mich dann einfach rausgeschmissen. Ich will zwar wieder eine eigene Wohnung, aber der Wohnungsmarkt ist in Frankfurt einfach nur beschissen. Und wie ist es mit dir? Oder willst du darüber nicht reden"

Ein Grinsen stahl sich auf Chris' Gesicht.

"Ja, der Wohnungsmarkt ist echt scheiße. Meine Beziehung ist vor drei Monaten kaputt gegangen und Gabi ist gestern endlich ausgezogen. Hast du schon entschieden, was du nimmst?"

Chris hatte nebenbei die Speisekarte schon durchgeblättert, hatte aber nicht wirklich Appetit, das Gespräch mit Eddie lag ihm noch wie Blei auf seinem Magen.

Aber er schaffte es, diesen Gedanken zur Seite zu schieben.

Als die Kellnerin nach ihren Wünschen fragte, überwand er sich und bestellte ein Rührei und einen extra starken Espresso. Engin entschied sich für einen Vanille-Kaffee und ein kleines Baguette.

Als die Bedienung ihre Bestellung aufgenommen hatte, sprach Chris die wichtigen Sachen an.

"Ich habe über Krauses Angebot nachgedacht und habe mich entschieden."

"Und jetzt willst du mich auf die Folter spannen und es erst nach dem Essen erzählen. Was ist, wenn ich zu einer anderen Entscheidung gekommen bin?"

"Glaube ich nicht", gab Chris trocken zurück. "Denn im Endeffekt haben wir keine andere Wahl. Glaubst du wirklich, dass die anderen Jungs im Moment mit einem von uns ein Team bilden wollen? So wie wir gestern Esser ans Messer geliefert haben? Bestimmt nicht freiwillig. Und auf so einen Stress habe ich im Moment keine Lust. Und außerdem haben wir uns gestern bewährt. Ich will mit dir zusammenarbeiten und die anderen blass aussehen lassen. Ich will, dass wir das beste Team der Abteilung werden. Und was willst du?"

Chris lehnte sich zurück. Jetzt war Engin am Zug. Der grinste vor sich hin und nickte zufrieden.

"Das will ich auch. Mir reicht es, dass mir niemand etwas zutraut, weil ich Ausländer bin. Die sollen sich ganz schön umschauen."

"Wo du gerade darauf rumreitest, seit wann wohnst du in Deutschland?"

Jetzt lachte Engin. "Ich wurde in Bochum geboren. Meine Eltern arbeiteten jahrelang bei Opel am Fließband. Als meinem Vater eine Beförderung angeboten wurde, sind wir nach Rüsselsheim gezogen und so bin ich hier gelandet. Vater wollte immer, dass ich etwas Besseres werde als Fließbandarbeiter, und so hat er darauf geachtet, dass ich ein vernünftiges Deutsch lerne."

Kopfschüttelnd betrachtete Chris seinen Kollegen.

"Und dann bist du bei der Polizei gelandet? Was für 'ne Karriere!"

"Ich habe ursprünglich BWL mit Nebenfach Informatik studiert. Das Ganze war mir aber zu dröge und langweilig und dann habe ich mich zwei Tage nachdem ich meinen deutschen Pass hatte, aus Spaß bei der Polizei beworben. Und als ich die ganzen Tests bestanden hatte, da hab ich weitergemacht."

Die Kellnerin brachte ihre Bestellung; während Engin sich über sein Baguette hermachte, stocherte Chris lustlos in seinem Rührei, zwang sich jedoch, etwas zu essen. Den Espresso trank er in einem Zug auf.

"Hast du es bereut?"

Engin hörte bei dieser Frage auf zu essen und lehnte sich nachdenklich zurück.

"Manchmal ja. Besonders in den Momenten, wo meine lieben Kollegen mal wieder besonders auf meiner Herkunft rumgeritten haben. Jetzt aber zu dir. Wie kommst du eigentlich zu dem Job?"

"Schicksal, Vorbestimmung, wie auch immer du es nennen willst. Mein Vater war bei einer Sondereinheit und mich hatte das Ganze als Kind fasziniert. Wenn ich damals gewusst hätte, dass ein Großteil des Jobs aus Büroarbeit und Observation besteht, dann hätte ich ihn wahrscheinlich nie gemacht."

"Wenn du BWL studiert hättest, dann wäre es noch langweiliger geworden. Die Arbeit an sich ist in Ordnung und das mit den netten Kollegen krieg' ich auch noch geregelt."

"Wenn ich das einmal mitbekommen sollte, dann wird es garantiert das letzte Mal gewesen sein. Man diskriminiert meinen Partner nicht."

Engin schaute ihn seltsam an.

"Du scheinst da ja ziemlich sicher zu sein. Glaubst du wirklich, dass die Jungs das machen, was du willst?"

Jetzt war es an Chris zu grinsen. Man hatte Engin also noch nichts erzählt. Also musste er den Jungen warnen. Hoffentlich schaffte es, ihn dadurch nicht so verschrecken, dass er direkt wieder die Partnerschaft aufkündigte.

"Man hat dich also nicht gewarnt?"

"Wovor gewarnt?"

"Keiner hat dir irgendetwas erzählt? Du weißt wirklich nicht, worauf du dich eingelassen hast?"

Engin wirkte sehr irritiert.

"Was willst du? Nein, man hat mir noch nichts erzählt, schließlich bin ich noch keine zwei Wochen in der Abteilung und Schröder war ziemlich schweigsam. Also rück raus, was muss ich wissen?"

Chris fand Engins Gesichtsausruck einfach nur drollig, diese gespannte Neugierde, mit der er ihn anschaute.

"Es hat schon seinen Grund gehabt, warum ich Esser so lange bändigen konnte. Man hatte mir mal den Spitznamen 'Krawalltunte' verpasst, weil ich ein ziemlich explosives Temperament habe und leicht auf die Palme gehe. Davor hatte selbst Esser ziemlichen Respekt. Und ich habe im Notfall auch keine Hemmungen, mich mit einer ganzen Abteilung anzulegen. Und wenn auch nur irgendeiner meint, meinen Partner diskriminieren zu müssen, dann mach ich ihn so fertig, dass er anschließend nicht mehr weiß, ob er Männlein oder Weiblein ist."

"Das ist ziemlich schwer zu glauben. Du warst gestern so beherrscht und ruhig, als Esser auf dich losgegangen ist. Ich habe es bewundert, dass du nicht gleich abgedrückt hast, als er auf dich zugegangen ist."

"Ziele du mal auf deinen Partner, es ist einfach nur ein scheußliches Gefühl. Da drückt man nicht so einfach ab. Aber Esser ist für mich auch DAS abschreckende Beispiel, so will ich nie werden und inzwischen kann ich mich fast immer beherrschen, aber wenn die Jungs es herausfordern, dann bekommen sie ihre Lektion. Du scheinst ziemlich ruhig und ausgeglichen zu sein und schaffst es bei solchen Gelegenheiten hoffentlich, mich wieder von meiner Palme runterzuholen. Ich habe keine Lust, mich ständig mit dir zu streiten"

Chris brach ab. Er fühlte sich unter Engins Blick unwohl. Diese Musterung war schon ziemlich unheimlich.

"Weißt du, woran mich dein Gesichtsausdruck im Moment erinnert?"

Worauf wollte Engin hinaus?

"Keine Ahnung, klär mich auf."

"An einen Habicht, der über ein Feld kreist und auf Beute lauert. Du scheinst ja darauf zu warten, dass die Kollegen sich auf mich stürzen. Wenn du so aussiehst, dann möchte ich keinen Ärger mit dir haben. Und da ist mir lieber, mit dir auf die Jagd zu gehen, als dein Opfer zu sein. Ich denke, dass wir viel Spaß haben werden. So leicht schreckt man mich nicht ab."

"Solange du nicht irgendwann behauptest, dass ich eine verhuschte Haselmaus wäre, ist es mir ziemlich egal, was du von mir denkst."

Der gereizte Tonfall in Chris' Stimme, war selbst am Nachbartisch unüberhörbar. Aber warum musste ihn einfach alles an Eddie erinnern? Jetzt hatte er Engin verärgert, der noch nicht mal wusste, was passiert war.

Chris atmete einmal tief durch, versuchte mal wieder vergeblich, Eddie aus seinen Gedanken zu verbannen, und entschuldigte sich bei Engin.

"Ich schätze, da ist eine Entschuldigung fällig. Und ich kann dir noch nicht mal genau erklären, warum ich jetzt so gereizt reagiert habe. Vielleicht liegt es daran, dass ich absolut urlaubsreif bin."

Engin schüttelte nur den Kopf.

"Ist schon in Ordnung. Ich glaube, das war wohl eine Demonstration deines Temperaments. Solange du eine gewisse Grenze nicht überschreitest, komme ich damit klar."

Auch wenn Engin scheinbar kein Problem mit seinen Launen hatte, Chris hatte es. Da schaffte er es, jahrelang ohne auszurasten an Essers Seite zu arbeiten und jetzt brachte ihn jede Kleinigkeit an den Rand eines Wutausbruchs. So ging es doch nicht weiter, sonst würde er innerhalb weniger Wochen in der Klapse landen.

Frustriert stocherte Chris in seinem Ei. Er hatte nur einige Bissen gegessen und der Rest war bereits kalt und sah nicht mehr besonders appetitlich aus. Das würde er bestimmt nicht mehr essen. Und seinen Kaffee hatte er ja auch schon längst ausgetrunken. Chris zerknüllte seine Serviette und warf sie auf das Rührei.

Dann wartete er, bis Engin fertig war. Wenn sie vor dem Meeting noch mit Krause sprechen wollten, dann mussten sie in den nächsten Minuten los.

 

Das Treffen mit Krause war schnell vorbei. Mit einem Kopfnicken bestätigte er ihre Erklärung, als Team zusammen zu arbeiten. Nur Chris bekam noch den Vorwurf zu hören, dass er sich nicht zurückgemeldet hatte.

Mit einem zerknirschten Gesichtsausdruck und der Erklärung, dass er sich nach dem Tag einfach nur betrunken hatte und am Morgen von Engin geweckt worden war, wurde das aber auch aus dem Weg geräumt.

Sie waren schon fast aus dem Büro, um zum Meeting zu gehen, da wurde Chris noch mal von Krause zurück gerufen.

"Ich habe hier noch Ihr Handy. Die Experten haben das Gespräch auf ein Audiotape überspielt und brauchen es nicht mehr. Gehen Sie schon mal vor zum Meeting, ich muss noch einige Sachen zusammensuchen."

Chris nahm es und verließ mit Engin das Büro. Kaum hatten sie die Tür geschlossen, als Engin ihm auch schon den gefürchteten Spruch reinwürgte.

"Tja, und somit wär's bewiesen. Du bist alt und grau."

 

Die Kollegen schauten Chris und Engin recht seltsam an, als sie gemeinsam den Besprechungsraum betraten, noch seltsamer schauten sie, als sich die zwei, nachdem sie kurz in die Runde gegrüßt hatten, auch noch auf nebeneinander liegende Plätze setzten.

Die plötzliche Stille, mit der sie bei ihrem Eintritt empfangen wurden, wurde nun durch ein hektisch einsetzendes Geflüster ersetzt.

Chris wusste, dass die Gerüchteküche jetzt brodelte. Er bezweifelte allerdings, dass außer Krause noch jemand aus der Einsatzgruppe wusste, warum Esser nicht mehr im Dienst war.

Aber bevor einer der Kollegen neugierige Fragen stellen konnte, kam auch schon Krause rein.

Schwungvoll schloss er die Tür und ging nach vorne.

"Schönen guten Tag, meine Herren! Wie Sie sicher schon gemerkt haben, fehlen Herr Esser und Herr Schröder. Dafür gibt es leider gute Gründe. Esser ist gestern vom Dienst suspendiert worden und wird in der nächsten Zeit ein Disziplinarverfahren zur Entfernung aus dem Dienst haben und Schröder hat gestern einen Selbstmordversuch begangen."

So, wie Krause ihnen diese Fakten servierte, schockte er alle vor ihm Sitzenden, einschließlich Chris und Engin. Dass Schröder versucht hatte sich umzubringen, konnte keiner wirklich glauben.

Als sich die Unruhe etwas gelegt hatte, fuhr Krause fort.

"Über Esser darf ich Ihnen eigentlich nicht viel sagen, da es sich um schwebendes Verfahren handelt. Nur kann ich Ihnen einige Anklagepunkte nennen. Trunkenheit im Dienst und Behinderung von Kollegen bei der Ausübung ihres Dienstes sind die schwerwiegensten."

Wieder ging ein Raunen durch den Raum. Es wurde aufgeregt getuschelt und man warf Chris und Engin bezeichnende Blicke zu.

Mit einem Räuspern lenkte Krause die Aufmerksamkeit wieder auf sich.

"Wie ich gestern abend erfahren habe, ist Schröder vor einer Woche von seiner Frau verlassen worden. Sie waren seit zehn Jahren verheiratet. Er konnte es nicht verwinden und hat gestern große Mengen Alkohol und Schlaftabletten zu sich genommen."

Krause stoppte und sah jeden einzelnen seiner Männer ins Gesicht.

"Wie Sie vielleicht wissen, ist diese Methode sich umzubringen eher ein Hilferuf als ein ernsthafter Selbstmordversuch. Geschluckt hatte er genug, dass er daran hätte sterben können, aber dadurch, dass uns Herr Korpak informiert hatte, dass Schröder nicht zum Dienst erschienen war, hatten wir die Chance, ihn zu retten. Wegen dieser beiden Vorfälle möchte ich noch mal die so genannte Bullenehre zu einem Thema dieses Meetings machen und ich hoffe, Sie alle werden sich dass, was ich Ihnen jetzt sage, ganz gewaltig hinter die Ohren schreiben...."

Chris schaltete ab. Krauses Vortrag rauschte an ihm vorbei. Ihn beschäftigte vielmehr die Tatsache, dass Schröder versucht hatte, sich umzubringen. Er kann ihn schon seit einigen Jahren, auch seine Frau hatte er schon mehrfach gesehen. Sie hatten, soviel er wusste ein Kind.

Er konnte es einfach nicht glauben, dass Schröder bereit war, deswegen sein Leben wegzuwerfen, das war doch kein Mann und keine Frau wert.

Und dann wanderten seine Gedanken wieder zu Eddie. Was wäre passiert, wenn Iris nicht da gewesen wäre? Wäre Eddie auch gefährdet gewesen? Oder bildete er sich das Ganze einfach ein? Wieso kam er nur auf die Idee, dass er für Eddie so wichtig sein könnte? Schließlich hatten sie doch jahrelang keinen Kontakt miteinander gehabt. Sollte eine Nacht soviel ändern?

Aber dann erinnerte sich Chris an Eddies Stimme am Telefon und an den Schmerz, den er herausgehört hatte. Wie konnte er das nur wieder einrenken?

Ein Stoss von Engin brachte ihn gerade rechtzeitig wieder in die Gegenwart zurück. Krause war mit seinem Vortrag wohl fertig und wandte sich jetzt an ihn.

"Herr Schwenk, können Sie Herrn Essers Schreibtisch ausräumen? Ich möchte nicht, dass Herr Esser das Büro noch einmal betritt."

"Kein Problem, ich räume alles in eine Kiste und bringe es nachher in Ihr Büro."

"Gut, dann möchte ich zu etwas Erfreulicherem kommen. Herr Schwenk und Herr Korpak werden ab sofort als Team arbeiten. Herr Schwenk, Herr Korpak, ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Zusammenarbeit."

Die Reaktion der Kollegen war eher verhalten, sie schienen noch das zu verdauen, was ihnen Krause vorher alles an den Kopf geknallt hatte.

"Jetzt aber wieder zum aktuellen Fall. Wie Sie jetzt alle wissen, hat Esser gestern die Observation der Jakubinski für circa eine halbe Stunde lahmgelegt. Es wurde zwar ein roter Geländewagen, ein Mercedes ML500, fotografiert, aber es konnte nicht festgestellt werden, wer der Fahrer des Wagens war, und ob er sich tatsächlich bei den Jakubinski aufgehalten hat. Halter des Wagens ist die Bechthold Im- und Export GmbH. Inhaber des Geschäftes ist Georg Bechthold, ein Russlanddeutscher, der vor fünfzehn Jahren in die Bundesrepublik gekommen ist und vor dreizehn Jahren das Im- und Exportgeschäft eröffnet hat. Schwerpunkt seines Unternehmens ist der Handel mit Russland und Asien. Sowohl in unseren Unterlagen als auch bei Interpol-Moskau ist er ein unbeschriebenes Blatt. Aber sicherheitshalber muss er überprüft werden. Schwenk, Korpak, das ist für die nächsten Tage Ihr Job. Überprüfen Sie ihn, vielleicht sind wir durch Zufall an die Hintermänner geraten. Sie sind bis zum Meeting nächste Woche von allen anderen Aufgaben freigestellt. Bleiben Sie aber bitte noch bis zum Ende des Meetings."

Der Name Georg Bechthold kam Chris bekannt vor, er konnte sich aber nicht erinnern, in welchem Zusammenhang er ihn gehört hatte.

Er riss sich aber zusammen und verfolgte aufmerksam das restliche Meeting. Einige Informationen, die hier weitergegeben wurden, konnten vielleicht bei den weiteren Ermittlungen nützlich sein.

 

Anderthalb Stunden später war die Besprechung endlich zu Ende. Chris war froh, vom Einsatz mit den anderen Jungs freigestellt worden zu sein, denn die verhielten sich, wie nicht anders erwartet, sehr distanziert.

Bevor er Engin seinen neuen Arbeitsplatz zeigte, organisierte er sich in der Kantine eine große Kiste. In ihrem Büro angekommen räumte Chris sofort Essers Schreibtisch aus.

Was man ausräumen nennen konnte. Vielmehr war es ein Aussortieren von Müll und 'eventuell kein Müll'. Letzteres landete in der Kiste.

Währenddessen kreisten seine Gedanken um den Namen Georg Bechthold. Chris kannte ihn. Er hatte ihn auch im Zusammenhang mit irgendeinem Delikt gehört, aber mehr fiel ihm einfach nicht ein.

"Wenn du noch lange auf das Spielzeugauto starrst, dann kommt die böse Russenmafia und klaut es dir."

Irritiert sah Chris auf, dann wurde ihm klar, was Engin meinte. Er hielt seit mehreren Minuten ein altes, zerbeultes Modellauto in seinen Händen und seine Gedanken liefen im Kreis.

Gedankenverloren packte er das Auto in die Kiste. Aber was hatte Engin gerade gesagt? Russenmafia, Autodiebstahl. Vielleicht war das der Ansatzpunkt.

"Chris, ich will ja nicht groß meckern, aber wäre es nicht besser, du machst gleich Feierabend und schaust, dass du deine persönlichen Probleme im Griff kriegst? Wenn du die ganze Zeit Löcher in die Wand starrst, dann hilft es uns nicht weiter. Und Krause hat uns eine Woche Zeit gelassen, um etwas herauszukriegen."

Chris schaute zu Engin hoch. Dieser hatte es sich auf seinem Stuhl bequem gemacht und sah besorgt zu, wie er über der halb ausgeräumte Schublade sinnierte.

"Danke für dein Mitgefühl, aber im Moment habe ich über etwas anderes nachgedacht, denn der Name Bechthold sagt mir was. Und du hast mich gerade auf eine Idee gebracht."

Er ignorierte Engins verständnislosen Blick, ging aus der Hocke hoch, stand auf und ging zu seinem Schreibtisch und setzte sich darauf. Aus dem Gedächtnis drückte er eine Nummer. Schon nach dem zweiten Klingeln wurde abgehoben.

"Hier Niemcek!"

Chris kannte diese Begrüßung nur zu gut. Sie kam immer dann, wenn Mike einen schlechten Tag hatte.

"Hallo Mike! Welche Laus ist dir denn gerade über die Leber gelaufen? Haben sich Deichsel und Kallenbach mal wieder besonders dämlich angestellt?"

"Hallo Chris! Du sagst es, die werden nicht klüger, sondern immer dümmer. Gott, ich soll mit denen arbeiten und werde nicht dafür bezahlt, ihr Kindermädchen zu sein. Aber was ist los mit dir, du hast dich ja ewig nicht mehr gemeldet."

Da hatte Mike recht, aber sie arbeiteten nicht mehr im Team und hatten deswegen meist unterschiedliche Schichtpläne. Es war halt schwierig, das Ganze zu koordinieren. Und wenn mal Zeit war, dann hatte Mikes Lebensgefährte, Klaus, bestimmt etwas geplant, worauf Chris garantiert keine Lust hatte. Deswegen hatte er in der letzten Zeit einfach kein Interesse mehr gehabt, Mike anzurufen.

"Stimmt, und ich habe auch ein richtig schlechtes Gewissen. Und jetzt rufe ich auch noch dienstlich an."

"Wirklich dienstlich oder willst du nur erzählen, was Esser anstellen wollte und wie du es wieder verhindert hast?"

Oh ja, Mike war einer der Leidtragenden und hatte schon so manche Story über Esser ertragen müssen. Aber bevor Chris richtig ins Plaudern kam, fiel sein Blick auf Engin, der nicht wusste, wen er da weswegen anrief. Also fasste Chris sich kurz.

"Esser ist Vergangenheit. Ich habe seit heute einen neuen Partner, Engin Korpak. Aber deswegen rufe ich dich nicht an. Als wir uns das letzte Mal getroffen hatten, hattest du mir doch von diesem Russlanddeutschen erzählt, dem ihr nichts nachweisen konntet."

"Meinst du Bechthold? Ich vermute, dass er eine ganz große Nummer in der Russenmafia ist, aber wir haben ihm nach fast dreimonatiger Ermittlung nichts nachweisen können und dann sind wir von dem Fall abgezogen worden. Gibt es etwas Neues?"

"Wir haben gestern bei einer Observation ein Foto von einem dunkelroten Mercedes ML500 gemacht, der rein zufällig Firmenwagen der Bechthold Im- und Export GmbH ist. Und dieser Laden gehört doch deinem Bechthold. Und da sollen wir jetzt nachhaken. Können wir uns heute noch treffen, damit ich einen Blick in deine Unterlagen werfen kann, damit wir nicht doppelt recherchieren?"

"Können wir machen. Ich schlage vor, du organisierst bei euch im Gebäude einen Besprechungsraum. Ich möchte nicht, dass das Ganze auffällt. Ich werde auch noch einen Blick in Kallenbachs Büro werfen. Vielleicht hat der auch noch Unterlagen. Der hatte damals mit mir in diesem Fall ermittelt, war aber im Gegensatz zu mir der Meinung, dass Bechthold nicht in die Autohehlerei verwickelt war."

"Seid ihr deswegen von dem Fall abgezogen worden?"

"Ich möchte darüber am Telefon nicht reden. Wir treffen uns in einer Stunde, ja? Ich muss auflegen, da kommt jemand!"

Klack. Chris starrte auf den Hörer in seiner Hand. Es wurde ja beinah zur Gewohnheit, dass man ihn nicht zu Ende telefonieren ließ. Kopfschüttelnd legte er auf.

Die Organisation des Besprechungsraums war eine Sache von zwei Minuten. Dann informierte er auch noch Mike, welchen Raum er ergattert hatte.

Als den Kram erledigt hatte und seinen Blick wieder hob, sah er direkt in Engins fragende Augen.

"Naja, so alt wie ich bin, hat es auch den Vorteil, dass ich inzwischen einige Beziehungen habe. Mike war mein Partner bei der Autofahndung und wir haben noch privaten Kontakt. Daher weiß ich auch von diesem Russlanddeutschen, dem einfach nichts nachzuweisen war. So konnte ich mir die Dateiabfrage sparen und hab mich direkt an Mike gewendet. Wenn seine Vermutungen zutreffen, dann haben wir wirklich einen großen Fisch an der Angel."

"Dann bleibt nur zu hoffen, dass er sich nicht losreißt."

"Stimmt, Mike ist er auch schon durch die Lappen gegangen und Mike ist gut."

Währenddessen hatte Chris sich wieder Essers Schreibtisch zugewandt und machte sich wieder ans Sortieren.

Er wunderte sich, was für Müll seinen Weg in die Schubladen gefunden hatte. Die oberste hatte er inzwischen durch. Die mittlere Schublade war auf dem ersten Blick mehr oder weniger mit Essensresten und zerknüllten Zetteln gefüllt. Chris überwandt seinen Ekelanfall und schaufelte den Inhalt, ohne ihn groß zu kontrollieren, in den Mülleimer.

Währenddessen ging Engin zum Fenster und öffnete es. Denn als Chris den Sachen in den Müll beförderte, kam auf einmal ein Gestank aus der Schublade, der ihn zurückweichen ließ.

Auch Chris gab erst mal auf und flüchtete ans Fenster.

"Wie kann jemand so einen Müll verursachen und dann auch noch darin arbeiten?", fragte Engin ziemlich entsetzt von dem ganzen Müllberg.

"Ich weiß es nicht. Ich bin nur froh, dass ich nicht mehr mit ihm arbeiten muss. Aber so ein Gestank ist noch nie davon ausgegangen. Holst du uns Kaffee und ich traue mich an die letzte Schublade?"

"Klar, ich bin ja froh, dass ich den Scheiß nicht ausräumen muss. Wie willst du ihn haben? Mit Milch und Zucker?

"Einfach nur schwarz und so stark, wie es der Automat hergibt. Drück mir die Daumen, dass der Rest nicht ganz so eine Sauerei ist."

Mit einem Nicken drehte sich Engin um und verließ den Raum. Chris atmete noch einmal tief ein und wagte sich wieder an den Schreibtisch.

Als Engin einige Minuten später mit dem Kaffee zurückkam, war er fast durch. Erstaunlicherweise gab es in der letzten Schublade keinen Müll, sondern nur einen großen Haufen Papier. Das meiste konnte er ins Altpapier packen. Nur den obersten Zettel konnte er nicht zuordnen.

Auf diesem stand das Datum vom Vortag und eine Telefonnummer, die Chris nicht kannte.

"Na, worüber brütest du schon wieder?"

Engins Stimme ließ Chris hochschrecken.

"Ich frage mich, was dieser Zettel bedeutet. Ich check' mal nach, zu wem die Telefonnummer gehört, und dann habe ich hoffentlich eine Sorge weniger."

"Welche Sorge?", wollte Engin natürlich direkt wissen. Den Kaffee hatte er schon längst vor Chris auf dem Schreibtisch gestellt und sich auf seinen Stuhl gesetzt.

"Dass Esser unsere undichte Stelle war? Ist es nicht im Nachhinein seltsam, dass bei den Jakubinskis genau in dem Augenblick High Life war, als Esser bei uns auftauchte und wir abgelenkt waren? Auch hat es in den letzten Monaten einige seltsame Vorfälle gegeben, bei denen ich die Vermutung hatte, dass es in der Abteilung jemanden geben kann, der Informationen verkauft. Und Esser war der einzige Verdächtige auf meiner Liste."

"Wie sicher bist du dir gewesen?"

Als Chris von dem Kaffee trank, verzog er angewidert das Gesicht. Welcher Idiot hatte sich aus dem Automaten eine Suppe gezogen? Er hasste Kaffe mit Fettringen.

"Esser ist im Gegensatz zu mir immer darauf bedacht gewesen, dass er hundertprozentige Sicherheit hatte. Ob bei einem Fall oder wenn er einen Kollegen drangsalierte, er stellte immer sicher, dass man ihm nichts anlasten konnte. Deswegen ist meine Idee, dass er Infos verkauft haben könnte, nie über eine Vermutung hinaus gekommen. Die Bezeichnung Verdacht wäre dafür eine Übertreibung. Und eigentlich ist es ein Fehler, dir von dieser fixen Idee etwas zu erzählen."

Den Kaffee nahm Chris mit, als er wieder zu seinem Schreibtisch ging. Er war heiß und enthielt Koffein, das war besser als nichts. Nachdem er etwas davon getrunken hatte, hörte sein Magen auch auf zu grummeln. Er setzte sich auf seinen Stuhl und schaltete den Computer ein.

"Ich mach dir einen Vorschlag, Engin. Ich überprüfe die Telefonnummer, die auf dem Zettel steht, und du arbeitest dich durch die Unterlagen, die wir nachher von Mike bekommen."

Auch Engin hatte sich jetzt an seinen Schreibtisch gesetzt.

"Meinst du nicht, dass die Arbeitsverteilung etwas unfair ist?"

Mit einem Grinsen auf dem Gesicht antwortete Chris.

"Sie ist unfair, aber du hast doch selbst eben vorgeschlagen, dass ich heute meine persönlichen Probleme in den Griff kriegen soll. Ich garantiere dir, dass ich das machen werde, egal wie spät es werden soll, dafür liest du dich dann schon mal in den Fall ein. Und morgen übernehme ich die Akten und lese mich ein. Dann besprechen wir, wie wir weiter vorgehen sollen."

Engin gab nur ein undefiniertes Grummeln von sich, was Chris als Zustimmung wertete.

Auch wenn das Bild von Eddie wieder vor seinen Augen stand, wollte er sich nicht von seinem Job abhalten lassen. Umso schneller konnte er Feierabend machen. Deswegen widmete sich Chris seinem Computer, der inzwischen hochgefahren war. Er schickte eine Mail an die Regulierungsbehörde.

"So, Mail ist raus. Aber bis die Antwort kommt vergehen ja noch mindestens zwei bis drei Stunden. Wir sollten so langsam los, sonst wartet Mike noch auf uns."

"Wie du willst, Partner."

"Wie auch immer du willst, Partner."

Grinsend verließen sie ihr Büro.

 

Als sie im Besprechungsraum ankamen, waren sie etwas zu früh, aber Mike wartete schon auf sie.

Nach einer kurzen Begrüßung kam Chris auch gleich zum Thema. Je schneller er das Treffen hinter sich brachte, um so eher konnte er zu Eddie fahren.

"Ok, du hast mich am Telefon so abgewürgt, was war los?"

"Alles was ich euch jetzt erzähle, bleibt unter uns. Denn ich habe nicht den geringsten verwertbaren Beweis, dass das auch wirklich wahr ist, und ich habe keine Lust, deswegen Ärger zu bekommen."

Engin nickte nur, aber Chris konnte es sich nicht verkneifen, einen Kommentar loszulassen.

"Du kennst mich doch gut genug, um zu wissen, dass ich meine Klappe halten kann. Und außerdem ersparst du uns eine Menge Arbeit. Was ist los?"

"Gut, solange dein Partner auch seinen Mund halten kann, ist alles in Ordnung. Ich vermute, dass Bechthold einer der ganz Großen in der Russenmafia ist. Ich habe unter der Hand einige Informationen erhalten, die das bestätigen, aber die würde kein Gericht als Beweise zulassen."

"Was für Quellen sind das?", wollte Chris wissen.

"Private Quellen", entgegnete Mike "Sein Im- und Export Geschäft hat zufällig ein Konto bei der Bank, bei der auch Klaus arbeitet, und er hat mal für mich die Daten überprüft. Da laufen Geldmengen über das Konto, die kann er gar nicht mit seinem Geschäft verdienen. Und einige seiner Geschäftspartner müssten dir bekannt sein, die stehen auf internationalen Fahndungslisten und haben sich in Russland verkrochen. Aber offiziell hat alles einen seriösen Anstrich und ist wasserfest und dann spendet er auch noch eine ganze Menge für wohltätige Zwecke. Angeblich weil er selbst aus armen Verhältnissen stammt und anderen helfen will. Der hat sich so abgesichert, dass die Finanzermittlungsgruppe mich ausgelacht hätte, wenn ich denen gesagt hätte, dass ich Einblick auf seine Konten haben will. Und die geben sonst wirklich schnell Alarm. Ohne Klaus' Auszüge wüsste ich noch gar nichts."

"Wie hast du es geschafft, dass Klaus das für dich nachgeprüft hat? Der hat auf mich immer einen ganz korrekten Eindruck gemacht."

Chris war von dieser Entwicklung wirklich überrascht. Er hatte Klaus als einen Menschen kennengelernt, der mehr als nur korrekt war, und jetzt loggte er sich illegaler Weise in Kundendaten ein.

Mike musste lachen.

"Damit hatte ich auch nicht gerechnet. Aber er war es wohl leid, dass ich fast zwei Monate lang keinen Abend vor zehn nach Hause kam und mir auch am dienstfreien Wochenende Arbeit mitgenommen hatte. Da hatte er bei einigen seiner Kollegen nachgehorcht und überraschte mich mit einem Kontoauszug. Hätte er geahnt, dass ich danach noch mehr nach einem verwertbaren Beweis gesucht hatte, der eine Offenlegung der Bankdaten rechtfertigte, dann hätte er es garantiert nicht gemacht."

Beziehungen bei Polizisten waren doch immer gleich. Der Partner musste leiden, wenn man sich in einen Fall verbissen hatte. Chris fragte sich, ob Schröders Beziehung auch daran gescheitert war.

Dagegen sah Engin ziemlich irritiert aus.

"Wer ist Klaus?"

Chris hielt sich zurück. Da musste Mike entscheiden, wie viel er ihm erzählen wollte. Aber er hoffte, dass Mike sich für die Wahrheit entschied, denn so konnte er herausfinden, was Engin über Schwule dachte.

Falls das überhaupt noch wichtig war, denn so wie Eddie sich heute morgen angehört hatte... Chris riss sich zusammen und schaute auf Mike. Dieser schien zu überlegen, was er Engin sagen sollte.

Aber ausgerechnet in diesem Augenblick kam ein Kollege in den Besprechungsraum. Als er sah, dass die drei dort zusammenhockten, grüßte er kurz und verschwand. Damit war aber auch der private Augenblick vergangen.

Engin sah das wohl auch so, denn er stand auf.

"Wenn wir schon unterbrochen wurden, dann kann ich ja auch einen Kaffee holen. Um die Ecke steht eine Maschine und ein Süßigkeitenautomat ist direkt daneben. Möchte noch jemand was haben?"

"Wenn du mir noch einen Kaffee mitbringen könntest, ich brauche ihn."

"Wenn du mir auch einen Kaffee und M&Ms mitbringen könntest, das wäre nett."

Während Engin die gewünschten Sachen holten, schwiegen sich Chris und Mike an. Chris wusste einfach nicht, wie er ein privates Thema anschneiden sollte, ohne gleich bei Eddie zu landen und da Mike Eddies Ex- war - besser nicht.

Auch Mike schien mit seinen Gedanken woanders zu sein.

Chris war erleichtert, als Engin mit Kaffee und Süßigkeiten bepackt zurückkam. Als dieser dann ein Snickers auspackte und herzhaft hineinbiss, wurde Chris schlecht und gleichzeitig fing sein Magen an zu knurren.

Frustriert rührte Chris in seinem Kaffee und als er etwas abgekühlt war, stürzte er ihn mit einem Zug hinab. Prompt hörte das Knurren auf.

Solange Mike und Engin aßen, herrschte an ihrem Tisch Ruhe. Bis auf die Tatsache, dass Chris gedankenverloren mit dem Löffel spielte und damit ständig gegen seine Tasse klackerte.

Er selber merkte gar nichts davon, denn seine Gedanken drehten sich mal wieder nur um Eddie. Er überlegte auch, wie er dieses Treffen schnell genug hinter sich bringen konnte, ohne Mike vor den Kopf zu stoßen, fand aber keine passende Ausrede.

Ein Räuspern von Mike brachte ihn wieder in die Gegenwart zurück. Das Grinsen auf Mikes und Engins Gesichtern zeigte ihm, dass es wohl nicht der erste Versuch war, mit ihm zu kommunizieren.

"Ich dachte, du wolltest vorerst keine Beziehung mehr, nachdem das mit Gabi in die Brüche gegangen ist", kam auch direkt ein Kommentar von Mike.

"Was ist eigentlich aus ihr geworden? Hat sie inzwischen eine Wohnung gefunden oder wohnt sie immer noch bei dir?"

"Gabi ist am Wochenende ausgezogen. Und was meinst du?"

Mike grinste ihn an.

"Ich kenne dich lange genug: du brütest vor dich hin, hast keinen Hunger, obwohl dein Magen knurrt und ich wette, dass Engin bestätigen kann, dass du bei jeder Gelegenheit zum HB-Männchen wirst. Du hast Liebeskummer."

"Ich arbeite seit gestern mit ihm zusammen und er war entweder in Gedanken versunken oder stand kurz vor einem Wutanfall, zudem entschuldigt er sich ständig. Heute morgen hat er sein Frühstück fast unangerührt zurückgehen lassen. Außerdem hat er mir gesagt, dass er unbedingt etwas Privates regeln muss", steuerte Engin noch bei.

Wenn sie ihn jetzt in die Mangel nahmen, dann würden sie erleben, wie er explodieren konnte. Wieso konnten sie ihn nicht in Ruhe lassen, sondern mussten auf ihm rumhacken?

Energisch legte Chris den Löffel zur Seite und wollte gerade loslegen, als sich Mikes Hand auf seinen Arm legte.

"Reg dich jetzt bitte nicht auf. Du weißt doch, dass ich dich gerne etwas aufziehe. Ich bin halt nur neugierig und möchte gerne wissen, was los ist, denn das letzte Mal, als du so fertig aussahst, war, als dir klar geworden ist, dass Helen dich nicht mehr liebte. Ich mach mir halt Sorgen um dich."

Mike setzte sich so hin, dass er tröstend den Arm um Chris legen konnte.

Am liebsten hätte Chris jetzt alles erzählt, aber dann zögerte er. Schließlich war Eddie Mikes Ex und außerdem saß Engin noch dabei. Aber der Trost tat gut.

"Danke, aber sei mir bitte nicht böse, dass ich nichts erzählen möchte, da ist einfach zu viel in der Schwebe und ich muss noch einiges regeln. Wenn ich weiß, wo ich stehe, dann bist du der erste, der es erfährt. Aber können wir jetzt wieder zu Bechthold zurückkommen? Desto eher kann ich Feierabend machen und alles klären."

Man konnte Mike ansehen, dass er gerne mehr gewusst hätte, aber er schien auch Chris' Argumente zu verstehen. Engin hatte sich etwas zurückgezogen und war zum stillen Beobachter geworden.

"Ok, ich muss das ja akzeptieren. Was willst du über Bechthold wissen?"

"Alles, was du nicht in irgendwelchen Akten stehen hast."

Wie auf Kommando holte Mike aus seinem Aktenkoffer, der bisher unter dem Tisch stand, eine große Mappe. Diese reichte er an Chris weiter.

"Das ist alles. Mehr gibt es in meiner Abteilung nicht über den Fall Bechthold. Der obere Stapel an Papieren stammt von Kallenbach. Deswegen könnte etwas doppelt sein, ich hoffe, dass ihr damit klar kommt und es für euch eine Grundlage ist."

Chris stützte sich auf seine Ellbogen

"Gibt es irgendetwas, was du Bechthold konkret vorwerfen kannst? Oder besser gesagt, gibt es einen Punkt, an dem wir weiter machen können?"

"Tja, was ich definitiv weiß, ist, dass er eigentlich nichts mit der Autoschieberei zu tun hat. Ich habe aber den Verdacht, dass er Menschenhandel im großen Stil betreibt und nebenbei auch noch Drogen schmuggelt. Ich hatte vor einiger Zeit ein Verhör mit einer russischen Prostituierten, die auch in Autoschiebereien verwickelt war, die entsprechende Andeutungen gemacht hat. Aber bevor ich etwas Greifbares hatte, ist sie abgeschoben worden, weil sie illegal in Deutschland war."

"Was hat sie dir denn erzählt?", hakte Chris jetzt nach.

"Sie hat Bechthold auf einem Foto identifiziert und gesagt, dass der Mann, der sie vor einem Jahr nach Deutschland geschleust hat, von ihm in Russland Anweisungen und ein Paket mit Drogen empfangen hätte, die zusammen mit einer Lieferung von drei Frauen in einem Frankfurter Bordell abgeliefert worden sind. Aber da das Mädchen gezwungen wurde, in Deutschland als Prostituierte zu arbeiten und jetzt abgeschoben wurde, kannst du damit nichts anfangen."

"Wenn du mir den Namen des Bordells gibst, dann ist es doch ein Anfangspunkt."

"Klar doch, es ist das 'Sweet Dreams'. Frankfurter Nobelviertel. Die Adresse liegt in den Akten. Aber seit einigen Monaten hat es mal wieder einen neuen Besitzer. Da wirst du nicht viel rausbekommen können. Das ist das Schlimme. Überall, wo ich damals nachgeforscht habe, waren Russen und die haben alle dicht gehalten. Ich weiß, dass da was ist, aber ich kann nichts beweisen."

Der Frust war nur zu gut aus Mikes Stimme herauszuhören.

"Sag mal, warum wolltest du unbedingt zu uns kommen. Ich habe irgendwie den Eindruck, dass du es geheim halten willst. Warum? Warum willst du nicht, dass jemand erfährt, dass wir von dir Unterlagen bekommen? Gibt es da etwas, das wir noch wissen müssen?"

Mike zuckte mit den Achseln.

"Nicht wirklich. Das Schlimmste ist, dass ich das Gefühl hatte, kurz vor dem Durchbruch zu stehen, dass ich bald Beweise gegen Bechthold in den Händen halten würde, als uns der Fall weggenommen wurde. Unser Chef hatte Kallenbach gefragt, ob Bechthold überhaupt etwas mit Autoschieberei zu tun hat, und der Idiot hat natürlich gesagt, dass wir denken, dass er wohl nichts damit zu tun hat, anstatt ihn hinzuhalten. Und da wir keine Beweise für den Drogenschmuggel und Menschenhandel hatten, ist die Angelegenheit noch nicht mal in eine der anderen Abteilungen weitergeleitet worden. Drei Monate Arbeit waren umsonst."

Chris blickte in seine leere Tasse und dachte nach. Es passierte selten, dass Mike sich so in einen Fall verbiss, und seit damals wusste er, dass Mike in solchen Sachen immer einen guten Riecher hatte.

"Kannst du uns die Kontoauszüge überlassen? Ich denke, dass wir neben dem Bordell anhand der Überweisungen am ehesten eine Chance haben, Beweise zu finden. Ich werde auch niemals erwähnen, dass ich überhaupt so etwas in den Fingern gehabt habe."

Bevor Mike noch eine Antwort geben konnte, mischte sich Engin, der sich bisher aufs Zuhören beschränkt hatte, in ihr Gespräch ein.

"Ich glaube nicht, dass Klaus die Daten rausrücken muss. Wenn du mir die Bankdaten gibst, dann hacke ich mich bei der Bank ein und suche alle wichtigen Daten raus. Dann haben wir aktuelle Daten und vielleicht noch einige Daten mehr, je nach dem, wie gut das System gesichert ist."

"Du machst was?"

Mike und Chris sahen Engin verblüfft an.

"Ich knacke die Firewall und sämtliche Schutzsysteme der Bank und suche mir anhand der Daten, die ich über Bechthold habe, alles Wichtige raus. Noch nie was von Hackern gehört, die so etwas machen?"

"Aber du bist Polizist!", warf Mike ein.

"Ja, und? Ich war auch mal ein Kind und hatte Langeweile, weil mein Freundeskreis ziemlich klein war. Als Hacker achtet niemand auf die Nationalität, da kommt es aufs Können an. Und außerdem habe ich nie die Computer beschädigt, sondern hatte einfach nur den Ehrgeiz, jeden Sicherheitscode zu knacken. Ich wollte bei der Polizei ursprünglich im Bereich Computerkriminalität arbeiten, aber denen hatte wohl meine Art, mich zu bewerben, nicht gefallen und da bin ich hier gelandet. Und jetzt will ich da auch gar nicht mehr arbeiten."

"Das meinte ich nicht! Das was du machen willst, ist illegal!"

"Genauso illegal, wie das, was dein Klaus gemacht hat. Nur dass wir, falls wir es tun, niemanden reinreiten werden. Ich habe nicht vor, die Daten als Beweismittel zu verwenden. Es soll ja nur eine kleine Fahndungshilfe sein."

Chris musste grinsen. Der Junge hatte die richtige Einstellung. Die Zusammenarbeit würde echt interessant werden.

 

Eine halbe Stunde später war Chris unterwegs.

Engin hatte ihm deutlich gemacht, dass er seinen Kram regeln und sich am nächsten Morgen bei ihm melden sollte.

Die Akte hatte er an Engin weitergereicht und dann doch gezögert, los zu fahren. Er hatte erst noch einen kleinen Abstecher in sein Büro gemacht und nachgeprüft, ob schon eine Mail von der Regulierungsbehörde da war, obwohl er nicht wirklich damit rechnete, aber tief im Innern traute er sich noch nicht, los zu fahren.

Er hatte schon eine Mail in seinem Posteingang liegen. Die Nummer gehörte zu Evelyn Esser. Und es war Tochter seines Ex-Partners. Enttäuscht löschte Chris die Mail und hatte nun keinen Grund mehr, nicht zu fahren, Aber da war diese Angst.

Sie war eigentlich irrational, denn je länger er es aufschob, umso schlimmer würde es werden. Aber sie war nun mal da und sein Magen schmerzte wie Hölle.

Aber das lag vielleicht daran, dass er zu wenig gegessen hatte. Also hatte er sich überwunden und war aufgebrochen.

Jetzt saß er im Auto und fuhr zu Eddies Werkstatt. Zum einem lag sie auf dem Weg zu Eddies Haus und zum anderen hatte er so die meisten Chancen, dass er Eddie nicht verpassen würde.

Falls Eddie nicht aus Frust in die nächste Bar gegangen war. Aber bevor er diesen Gedanken weiterspinnen konnte, war er auch schon bei der Werkstatt angelangt.

Chris wusste nicht, was er erwartet hatte, aber bestimmt nicht eine so großes, gepflegtes Gebäude. Nur schade, dass kein Licht zu sehen war.

Um ganz sicher zu gehen, stieg Chris aus und lugte durch die Fenster, aber es war niemand zu sehen.

Also fuhr er zu Eddies Wohnung. Wie er vor der Tür stand, da zögerte er. Dann überwand er seine Angst und klingelte.

Kurz darauf hörte er Schritte, die sich der Tür näherten. Nur öffnete nicht Eddie, sondern Iris. Als sie sah, wer da vor ihr stand, da bekam ihr Gesicht einen ziemlich wütenden Ausdruck und sie versuchte, Chris die Tür vor der Nase zuzuschlagen.

Aber Chris hatte schon mit dieser Reaktion gerechnet und hatte seinen Fuß in die Tür gestellt. Die Wucht, mit der die Tür auf seinen Schuh traf, überraschte ihn. Es tat höllisch weh. Aber er zog ihn nicht zurück.

"Was wollen Sie noch hier? Reicht es Ihnen nicht, was Sie Edgar angetan haben? Müssen Sie ihn noch weiter quälen?"

"Iris, das, was gestern passiert ist, tut mir leid. Ich wollte das Ganze doch gar nicht. Warum glauben Sie, dass ich gestern hier war? Ich wollte mich für Gabis Verhalten entschuldigen und alles mit ihm klären."

"Erstens bin ich für Sie Frau Sänger und zweitens ist es mir egal, was Sie hier wollen. Sie haben Edgar von Ihrer Freundin rausschmeißen lassen, da gibt es nichts zu erklären. Ganz zu schweigen davon, dass Sie mit Edgar geschlafen haben, obwohl Sie noch mit einer Frau zusammen waren. Was meinen Sie, wie er sich jetzt fühlt?"

Durch den Türschlitz musterte sie ihn mit einem bitterbösen Blick. Wenn Blicke töten könnten, dann wäre Chris in diesem Moment rückwärts die Treppe runter gefallen.

"Und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie jetzt den Fuß aus der Tür nehmen können, damit ich sie schließen kann, denn wir haben uns nichts mehr zu sagen."

"Richten Sie bitte Edgar aus, dass ich hier auf ihn warten werde, egal, wie lange es dauern wird."

Resigniert zog Chris seinen Fuß zurück und setzte sich demonstrativ auf die Stufen.

Chris war sich sicher, dass dieses Haus keinen Hinterausgang hatte, durch den Eddie entkommen konnte. Das hatte er bereits gestern auf den ersten Blick gesehen. Iris hatte ihm zwar den Zutritt zu der Wohnung verwehrt, würde aber nicht verhindern können, dass er auf Eddie wartete.

 

Nachdem etwa eine Stunde vergangen war, öffnete sich die Haustür.

"Warum sind Sie noch hier?", hörte Chris Iris' Stimme hinter sich.

"Ich warte auf Eddie. Und ich werde nicht eher gehen, als bis ich mit ihm gesprochen habe."

"Ich werde es nicht zulassen, dass Sie ihn noch mehr verletzen."

Chris drehte sich um und sah zu Iris auf. Wie sehr sie doch einer wütenden Löwin glich, die ihr Junges schützen wollte.

"Das ist das Allerletzte, was ich will. Denn meine Ex-Freundin hat ihm gestern lauter Lügen erzählt und ich will, dass er die Wahrheit erfährt."

Der Ausdruck in Iris' Augen blieb misstrauisch.

"Und was ist das für eine Wahrheit?"

"Ich hatte Ihnen gestern erzählt, dass Gabi und ich uns schon vor einigen Monaten getrennt hatten. Und nachdem ich erfahren habe, was sie mit Eddie gemacht hatte, habe ich sie rausgeschmissen."

"Und das soll ich Ihnen glauben?"

Chris schüttelte den Kopf.

"Nein, Eddie soll es mir glauben. Ich mag zwar eine ziemlich lange Leitung haben und manchmal Jahre brauchen, um zu erkennen, was ich will, aber glauben Sie wirklich, dass ich einem Freund so vor dem Kopf stoßen würde, nur um ihn ein Mal ins Bett zu zerren? Das könnte ich einfacher haben."

"Gut, ich werde Eddie sagen, dass Sie hier auf ihn warten, aber ob er zu Ihnen kommt.... Es hat ihn sehr verletzt."

"Ich weiß es", antwortete Chris leise. "Und das Schlimmste ist, dass ich es sogar verstehen kann, wenn er nichts mehr mit mir zu tun haben will. Aber ich möchte wenigstens eine Chance haben, ihm zu erzählen, warum ich gestern so ein Hornochse war, und ihn allein gelassen habe."

Chris drehte sich wieder um und starrte auf die Strasse vor ihm. Er konnte hören, wie sich die Tür wieder schloss und wie Schritte sich entfernten. Dann wurde es still.

Nach einiger Zeit verlor er das Zeitgefühl. Erst als die Dämmerung einsetzte, da wurde ihm klar, wie lange er schon vergeblich auf Eddie wartete.

Aber er gab nicht auf.

Als es dunkel war, stand er auf und bewegte sich einige Schritte, um nicht ganz steif zu werden. Dann setzte er sich wieder auf die Stufen.

Und wartete.

Hin und wieder stand er auf und bewegte sich etwas.

 

Chris musste eingenickt sein, denn als er die Augen öffnete, sah er einen fahlen Schein am Horizont. Die Morgendämmerung brach an und Eddie hatte sich immer noch nicht blicken lassen.

Aber Aufgeben kam für Chris nicht in Frage. Dafür war es ihm zu wichtig und er hatte durch seinen Beruf genug Erfahrung, um selbst tagelanges Warten zu überstehen.

Als die ersten Sonnenstrahlen ihren Weg auf Chris' Gesicht fanden, öffnete sich die Tür hinter ihm. Er drehte sich nicht um. Was, wenn es Iris war, die ihm sagte, dass Eddie ihn nicht sehen wollte? Wie sollte es dann weitergehen?

Schritte bewegten sich auf ihn zu und dann setzte sich Eddie neben ihn auf die Stufen.

Chris hielt den Atem an. Träumte er oder war es wirklich Eddie?

Er wagte es nicht, ihn anzusprechen.

Stillschweigend beobachteten sie gemeinsam den Sonnenaufgang, der sich von seiner schönsten Seite zeigte.

Dann wagte Chris einen kurzen Blick auf Eddie. Er sah schrecklich aus. Er hatte Ränder unter den Augen und sie waren verquollen. Ein bitterer Zug, den er bisher noch nicht gesehen hatte, umspielte seine Lippen, und rasiert hatte er sich auch nicht.

Aber trotzdem war er alles, was Chris wollte.

Obwohl sie hier einträchtig nebeneinander saßen, schien es, als ob sie Welten voneinander entfernt waren.

Wie sollte er anfangen, wie sollte er einen Weg in Eddies Herz finden? Gott, er könnte heulen.

"Ich habe einmal in einem Buch gelesen, dass es nicht ratsam wäre, sich etwas zu sehr zu wünschen, denn manchmal, wenn die Götter besonders grausam sind, dann erfüllen sie einem diesen Wunsch."

Was wollte Eddie? Und was sollte er dazu sagen? Aber Chris kam nicht dazu, etwas dazu zu sagen, denn Eddie redete weiter.

"Genauso komme ich mir vor. Da habe ich jahrelang von dir geträumt. Und dann fällst du mir beim Christopher Street Day in die Arme. Die Nacht mit dir war die Erfüllung all meiner Wünsche, und wenn du mich gestern morgen gefragt hättest, dann hätte ich dir gesagt, dass ich dich nie wieder los lassen will."

"Aber ich..."

Eddie drehte sich zu Chris.

"Nein, lass mich bitte ausreden. Jetzt habe ich die Kraft dazu, später vielleicht nicht mehr."

Unter diesem ernsten, traurigen Blick hatte Chris keine andere Wahl. Er nickte und hielt seinen Mund.

"Aber inzwischen ist etwas Zeit vergangen und ich habe nachgedacht. Du wirst vielleicht sagen, dass ich zuviel Zeit gehabt hatte. Vielleicht ist es auch so."

Eddie fuhr mit seinen Fingern durch seine Haare und hatte sich wieder abgewendet. Er schien mit sich selbst zu kämpfen.

"Mutter hat mir diese Nacht erzählt, dass du bereits am Sonntag versucht hast, mit mir zu sprechen. Und dass du schon seit einiger Monaten nicht mehr mit dieser Tussi zusammen bist. Und sie hat mir auch gesagt, dass sie dir glaubt. Ich vertraue ihrem Urteil, sie hat eine gute Menschenkenntnis. Und irgendwann werde ich auch erfahren, wo du am Sonntag warst."

Ein Stein fiel von Chris' Herz. Aber dann fuhr Eddie fort.

"Nur... Gott, wie soll ich es erklären?", Eddies Stimme wurde immer leiser.

"Ok, ich kann mit dir nicht zusammen sein. Es geht nicht."

Alles in Chris drängte danach, Eddie hochzureißen, ihn zu schütteln und ihn anzuschreien. Aber er beherrschte sich. Stattdessen fragte er leise und fast lautlos "Warum nicht?"

Wieso sollte es nicht möglich sein? So wie es aussah, liebten sie sich doch. Und Eddie schien auch nicht nachtragend zu sein. Warum wollte er keine Beziehung?

"Weil es dir gegenüber nicht fair wäre."

Jetzt verstand Chris nur noch Bahnhof. Er dachte, dass er derjenige wäre, der Eddie falsch behandelt hatte, und jetzt sagte dieser, dass er nicht fair sei.

"Was wäre mir gegenüber nicht fair? Verdammt, ich war derjenige, der Sonntag morgen gegangen ist, ich habe dich Gabi ausgeliefert. Und jetzt kommst du an und sagst, dass es mir gegenüber nicht fair wäre. Ich verstehe das nicht."

"Gut, ich versuche, es zu erklären."

Eddie stand auf und bewegte sich einige Schritte hin und her. Dann blieb er vor Chris stehen und blickte auf ihn hinab. Chris konnte in seinen Augen Liebe, Trauer und eine gewisse Resignation lesen, wusste es aber nicht einzuordnen. Dann setzte Eddie sich wieder hin.

"Weißt du, damals, als ich mit Mike zusammen war, war ich mit ihm zusammen, weil ich das als meine einzige Chance gesehen hatte, dir nahe zu sein. Mir war ja klar geworden, dass du mich zwar magst, aber Helen liebst und deswegen eine Beziehung nicht möglich war. Und als Mike das rausbekommen hatte, da hat er mit mir Schluss gemacht. Und du, du hast unsere Freundschaft einschlafen lassen, weil du einfach keine Zeit mehr hattest. Mann, hat das damals wehgetan. Ich hatte seitdem keine Beziehung mehr, sondern habe mich in meine Arbeit vergraben. Und ich habe oft davon geträumt, wie es denn wäre, mit dir zusammen zu sein. Denn ich habe dich seit damals geliebt und es einfach nicht geschafft, dich aus meinem Herzen zu verbannen. Und deswegen können wir nicht zusammen sein."

"Aber warum nicht? Was ist daran falsch?"

"Weil ich jahrelang von einer Beziehung und einem Freund Namens Chris Schwenk geträumt habe. Dieser Chris Schwenk ist aber eine Traumgestalt geworden. Mir ist gestern klar geworden, dass egal, was du machst, du von mir an dieser Traumgestalt gemessen wirst, und das ist dir gegenüber nicht gerecht, denn der Vergleich würde immer zu deinem Ungunsten ausfallen. Und innerhalb kürzester Zeit wäre von dieser Beziehung nur noch ein Scherbenhaufen übrig. Das ist nun mal die Rache der Götter. In der Phantasie ist alles perfekt, nur die Realität sieht anders aus."

Chris stand auf und lehnte sich an die Wand. Den Kopf lehnte er gegen die kühle Mauer.

Eddie hatte Recht.

Er war zu spät, er war Jahre zu spät.

Er rammte seine Faust mit voller Wucht gegen die Wand. Aber kein Ton kam über seine Lippen, dieser Schmerz konnte auch nicht die Pein in seinem Herz überdecken.

Dann fühlte er eine Hand auf seine Schulter und Eddie zog ihn zu sich. Er nahm Chris einfach nur in den Arm.

Chris ließ es zu.

Er war einfach zu ausgelaugt, um etwas anderen zu machen, als seinen Kopf an Eddies Schulter zu lehnen.

Eng umschlungen standen sie da. Worte waren unnötig, bis Eddie sich von Chris löste. Bevor dieser protestieren konnte, beugte sich Eddie zu ihm hinab und gab ihm einen Kuss.

Es war keine Leidenschaft in diesem Kuss. Aber Chris fühlte die Liebe, die Eddie für ihn empfand, und erwiderte den Kuss aus ganzem Herzen.

Viel zu schnell beendete Eddie den Kuss. Dann löste er sich endgültig aus Chris' Umarmung und setzte sich wieder auf die Treppenstufe.

Als er Eddies Nähe nicht mehr spürte, fühlte Chris sich einsam und leer. Ihm war klar, dass dies der Abschiedskuss gewesen war.

Er setzte sich zu Eddie. Nachdem sie einige Minuten schweigend verbracht hatten, unterbrach Chris' Magen die Stille, indem er anfing zu knurren.

Sowohl Eddie als auch Chris mussten unwillkürlich grinsen.

"Ich kenne direkt um die Ecke eine kleine Pizzeria. Sie haben immer ein italienisches Frühstücksbuffet. So wie dein Magen sich anhört, könnte er ein Frühstück vertragen. Kommst du mit?"

Eine Beziehung war zwar nicht möglich, aber eine Freundschaft war besser als nichts. Und vielleicht, eines Tages...

"Solange die keine Ananas zum Frühstück haben, einverstanden. Ich lade dich ein."

"Hey, ich bin nicht mehr der arme kleine Mechaniker, der ständig pleite ist, weil er kein krummes Ding mehr drehen darf."

Chris stand auf und reichte Eddie seine Hand. Dieser ließ sich hochziehen. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zur Pizzeria.

"Nicht? Ich lade dich trotzdem ein. Und am Samstag bezahlst du dann!"

"Seit wann sind wir am Samstag verabredet und was ist dann?"

"Ich habe dienstfrei und ich werde unsere Freundschaft nicht noch mal einschlafen lassen. Ich werde mir schon etwas einfallen lassen, was wir Samstag unternehmen können."

"Glaube aber nicht, dass du mich zum Fußball schleppen kannst. Wie du Mike und mich damals dahin gezerrt hast, hat mir gereicht."

Chris musste in Erinnerung daran grinsen.

Er kickte eine leere Bierdose, die auf dem Gehweg lag, zu Eddie.

"Dann mach du einen Vorschlag! Wir machen, was auch immer du willst."

Eddie kickte die Dose zurück, versuchte ihn aber gleichzeitig abzudrängen.

"Das wirst du bereuen."

Chris fiel in einen leichten Trab, um nicht von Eddie abgedrängt zu werden.

"Sicher, ich freue mich darauf."

Ihre Stimmen verklangen im aufkommenden morgendlichen Berufsverkehr.

 
Ende

 
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