Zurück
 

Dieses allzu strahlende Licht

© by Birgitt (), Dezember 2003

 

Disclaimer: Die Charaktere dieser Version der Legende gehören mir nicht, auch werde ich aus dieser Geschichte keinen materiellen Vorteil ziehen. Sie wurde zur Unterhaltung der Fans und meinem eigenen Vergnügen geschrieben. Alle Copyrights liegen bei United Artists und ich habe keine Absicht, diese zu verletzen...
Archiv: Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de)

 

Kalter Stein. Kaltes Herz. Kalt... Athos zitterte unkontrolliert. Obwohl das Feuer des Kampfes immer noch in ihm brannte, erreichte es seine Seele nicht mehr. Der Schock blockierte alles. D'Artagnan fallen zu sehen... Athos schloß die Augen, versuchte, die Gefühle und die Gedanken, die seinen Verstand attackierten, unter Kontrolle zu bringen.

Verstand. Er hatte die sicheren Gestade schon vor langer Zeit verlassen. Er hatte etwas Frieden gefunden, als Musketier im Ruhestand, als Vater eines Sohnes, der bereit war, den Pfad der Ehre und der Loyalität zu betreten, dem er selbst nicht hatte folgen können. Als Folge seiner eigenen Schwächen. Schuldig des Verrats an seinem eigenen Namen, an seiner Familie und vor allem an der eigenen Vorstellung von einem Ehrenmann. Es spielte keine Rolle, daß er seine Frau nicht getötet hatte, er hatte es gewollt. Absicht war alles, was Gott brauchte, um ihn zu verdammen. Alles was er, Athos, brauchte, um sich selbst zu verdammen.

Drei Dinge hatten ihn damals zu einer Art Leben zurückgebracht.

Die Musketiere. Er war ein guter Kämpfer und der Mord, den er in seinem Herzen begangen hatte, hatte es nicht vermocht, sein Können, seinen Stil und seine Entschlossenheit mit dem Degen zu beeinträchtigen. In kurzer Zeit war er zu einem der Besten in der Königsgarde geworden, vielleicht sogar der Beste. Tagsüber hatte er Trost in Ruhm und Blut, nachts in Blut und Wein gefunden. Und er hatte Porthos und Aramis gefunden. Beide seltsam angezogen von seiner mysteriösen Vergangenheit und von seinem sogenannten Mut, für eine verlorene Sache einzutreten, beide irgendwie dumm genug, ihm mit ihrer Freundschaft zu trauen. Sie waren ein ungewöhnliches Dreigestirn geworden, hatten alle ihre eigenen Kämpfe ausgetragen. Aramis mit seinen unzähligen Begabungen, zu vielen, um mit der einen oder anderen erfolgreich zu sein, Porthos mit zwei Freunden, die selbst für einen Bären von Mann zu viel waren, Athos mit dem Gewissen eines Heiligen, gefangen in der Seele eines geborenen Sünders. Gemeinsam waren sie mehr schlecht als recht durchs Leben und durch ihren Dienst gestolpert. Abrupt aufgehalten durch ihr Zusammentreffen mit D'Artagnan.

D'Artagnan. Zu jung für einen tödlichen Kampf, zu enthusiastisch, um einer einfachen weltlichen Truppe beizutreten, zu idealistisch für sein eigenes Wohl. Und das ihre. Er hatte sie in unvorstellbare Abenteuer hineingezogen, hatte sie eine neue Sicht von Loyalität und Freundschaft gelehrt. Hatte ihnen die Wahrheit der Liebe gezeigt, die Bedeutung der Selbstaufgabe, den Mut, einen weiteren Tag zu kämpfen. Und noch einen... und noch einen. D'Artagnan war sein bester Freund geworden; Athos wunderte sich immer noch darüber. Wie konnte ein solcher Mann ihn so sehr geliebt haben, ihm so sehr getraut haben, daß er ihm den Rücken in der Gewißheit zuwandte, daß Athos ihn vor allem Weh bewahren würde? Er mußte etwas in Athos' Augen gesehen haben, vielleicht die Reflexion seines eigenen Edelmutes... Was auch immer der Grund gewesen war, Athos war in dieser Wärme aufgeblüht, hatte etwas Stärke und Jugend und Vertrauen wiedergefunden.

Und Raoul. Athos hatte sich niemals an das Wunder, das er seinen Sohn nennen durfte, gewöhnen können. Hatte sich nie daran gewöhnen können, ein Vater zu sein. Hatte Raoul niemals als selbstverständlich betrachtet. Athos widmete sein eigenes Leben einem anderen Leben, sah Raoul aufwachsen, kümmerte sich um ihn in endlosen Nächten voller Sorge und an Tagen voller Stolz und Freude. Und D'Artagnan war da gewesen. Hauptmann der Königlichen Garde, D'Artagnan. Sein bester Freund hatte seinen Rang nie aufgegeben, trotz verschiedener Angebote, im Dienst des Königs befördert zu werden. Athos' eigener Grund, Beförderungen abzulehnen, war der beste gewesen, den er sich vorstellen konnte. Der Gedanke allein, auch nur einen Tag im Leben seines Sohnes zu verpassen, hatte ihn erschreckt. Aber D'Artagnan... Nachdem sie Liebhaber geworden waren, war Athos überzeugt gewesen, D'Artagnan hätte aus Loyalität zu ihm seine Karriere vernachlässigt, und als er ihn mit diesem Verdacht konfrontiert hatte, wäre es beinahe zum Kampf zwischen ihnen gekommen. Beinahe. Es hatte mit einem unbequemen Waffenstillstand geendet und das Thema war niemals mehr zur Sprache gekommen.

Nachdem Louis König geworden war und Athos Zeuge seiner Grausamkeit und Eitelkeit geworden war, hatte er seinen Abschied genommen und D'Artagnan gedrängt, seinem Beispiel zu folgen. Athos war nicht reich, aber er hatte genug Mittel, daß sie zurecht gekommen wären. Aber D'Artagnan hatte sich geweigert, hatte sogar versucht, Athos davon zu überzeugen, daß Louis sich würde ändern können. Hatte von ihrer - seiner, D'Artaganans - Pflicht gesprochen, an Louis' Seite zu bleiben. Diese zweite Auseinandersetzung hatte sie fast ganz auseinander gebracht. Sie waren immer noch Liebhaber gewesen, aber ihre Freundschaft war befleckt worden. Ihre Beziehung war gespannt gewesen, wenn nicht Schlimmeres, und sie hatten sich immer seltener gesehen. Der Funke zwischen ihnen hatte zwar unleugbar existiert und von Zeit zu Zeit hatten sie ihrem Verlangen nachgegeben, trotzdem hatte sich eine Kluft zwischen ihnen aufgetan. Eine Kluft, die Athos liebend gern überbrückt hätte.

Dann hatte er Raoul verloren. An die Lust eines mordenden Königs, eines gekrönten Mörders, eines bösartigen Tyrannen. D'Artagnan hatte ihn aufgehalten, als er Rache gesucht hatte. Keine Gerechtigkeit, denn es gab keine Gerechtigkeit, die man gegen einen König einfordern konnte. Nur Rache. Vielleicht war es auch ein verzweifelter Versuch gewesen, im Kampf zu fallen, er war zu feige, daß er sich selbst hätte töten können: Mit gezücktem Schwert in den Palasthof zu reiten, um den wertvollsten Menschen in ganz Frankreich zu ermorden, der den wertvollsten Menschen in Athos' Leben gemordet hatte. Raouls Tod hatte Athos einen weiteren Grund gegeben, sich selbst zu verachten. Eine weitere Schuld. Denn jetzt fragte er sich, ob er Raoul wahrhaftig geliebt hatte. Um seiner selbst Willen geliebt hatte und nicht als die Möglichkeit, alte Wunden zu heilen, alte Sünden wiedergutzumachen. Athos hatte Raoul das Kämpfen gelehrt, hatte ihn mit seinen eigenen Vorstellungen von Ehre und Loyalität aufgezogen. Was Raoul dazu gebracht hatte, sich den Truppen anzuschließen. Was Raoul dem Tyrannen ausgeliefert hatte. Louis. Galle stieg in Athos' Kehle hoch, wenn er nur an ihn dachte.

Louis hatte nicht nur Raoul getötet, sondern auch D'Artagnan. Athos' letzte Hoffnung, seinen Verstand wieder zu erlangen. Ungeachtet dessen, was er D'Artagnan in der Krypta gesagt hatte, es hatte eine winzige Hoffnung auf Versöhnung gegeben. Aber nein, Louis war nichts... Athos' Knie schmerzten, während er an D'Artagnans Grab kauerte und den Marmor mit der linken Hand berührte. Der physische Schmerz konnte leicht ignoriert werden. Louis war nichts. Athos selbst hatte die Musketiere verlassen, hatte den Zufluchtsort aufgegeben, wo er Freundschaft und Treue gefunden hatte. Athos selbst hatte seinen Sohn getötet, indem er ihn im Kampf unterwies und in ihm das Verlangen nährte, in den Dienst des Königs zu treten. Athos selbst hatte im Licht einer unehrlichen Freundschaft gelebt, hatte D'Artagnan mit jeder Faser seines Seins getraut, um im Gegenzug belogen zu werden. Wenn er es nur gewußt hätte... von Louis, von D'Artagnan und Anne... Er hätte sein Leben geopfert, um zu helfen. Er hätte D'Artagnans Seite niemals verlassen. Aber er hatte niemals diese Chance erhalt--

Seine Hand schnappte sich die einzelne rote Rose, die im frühen Sonnenlicht des Morgens glühte, und zerdrückte sie in einer einzigen zuckenden Bewegung, trieb sich die Dornen tief in die Handfläche. Blut. Er konnte es sehen, riechen... fühlen konnte er nicht. Nein, auch dieses letzte Versagen mußte das seine sein. Nach all den Jahren, in denen sie zusammen gewesen waren, hatte D'Artagnan ihm nicht genug getraut, um sein größtes Geheimnis preiszugeben. Um der alten Zeiten Willen hatte D'Artagnan Athos' Leben geschont, aus Mitleid hatte er ihn gehen lassen, statt ihn zu töten und so sicherzustellen, daß sein eigener Sohn, Louis, außer Gefahr war. Hatte sich selbst geopfert, um die zu retten, die er am meisten geliebt hatte. Und hatte Athos zurückgelassen, mit neuen Sünden, die er bedauern konnte.

Athos hätte Jahrzehnte zuvor sterben sollen, bevor seine Augen diese viel zu schöne Frau erblickt hatten, die Frau, die nur kurze Zeit später seine Ehefrau geworden war. Vielleicht wäre es sogar besser gewesen, wäre er nie geboren worden. Die Welt wäre ein besserer Ort ohne--

Ein leises Geräusch ließ ihn herumfahren, die Bewegung mehr der Reflex eines Kriegers als eine bewußte Handlung. Aramis. Athos ließ die zerstörte Blume fallen, rieb die Hand über die dunkle Hose, zog den Lederhandschuh wieder an. Elegantes Aufstehen war für ihn keine leichte Aufgabe dieser Tage und er wankte. Es war mehr Willenskraft denn körperliche Stärke, die ihn aufrecht hielt. Kleine farbige Lichtflecken tanzten hinter den Lidern, als er für einen kurzen Moment die Augen schloß. Bevor er es abwehren konnte, war Aramis an seiner Seite und griff seinen rechten Arm, seine Stimme voller Besorgnis. "Athos, langsam--"

Er drehte seinen Arm aus dem festen Griff seines einstigen Freundes. "Laß mich allein, Aramis. Mir kann man nicht mehr helfen", sagte er fast knurrend. Er wagte nicht, Aramis' Augen zu begegnen.

Es war auch nicht nötig. Aramis war noch niemals auf eine Ausdrucksweise beschränkt gewesen. "Wie ich es von dir hätte erwarten sollen, Athos. Wieder sind die Tage des Kampfes vorüber. Jetzt, wo die wirkliche Arbeit beginnt, wo es um Taten geht, die einen Unterschied machen, ziehst du den Schwanz ein. Immer noch der alte Feigling."

Athos' erster Impuls war es, blank zu ziehen, vielleicht in einem weiteren unbewußten Versuch, Selbstmord zu begehen. Aber Aramis konnte man nicht so einfach benutzen und manipulieren. Nein, Aramis manipulierte Menschen, Athos war einer von ihnen. Genauer gesagt hatte er dabei immer in der ersten Reihe gestanden. Also funkelte er Aramis nur an, hoffte, Aramis würde sich davon aufhalten lassen. Eine vergebliche Hoffnung natürlich. Aramis' dunkle Augen funkelten in Erwartung einer weiteren intellektuellen Herausforderung.

"Siehst du, was ich meine? Warum gehst du nicht in dein Gott verdammtes Mausoleum zurück, suchst dir eine Flasche, oder noch besser, ein ganzes Faß? Ich bezahle gern die Rechnung."

"Netter Versuch, Aramis. Aber du kannst mich nicht mehr manipulieren. Die Puppe hat ihre Fäden zerrissen."

"Und fiel dabei auf die Nase. Ich bin nicht um meinetwillen hier, Athos. Oder um deinetwillen."

"Befehl des Königs."

"Ich bin froh, daß dein Verstand nicht gelitten hat." Aramis lächelte, aber Athos konnte keinen Humor darin entdecken. "Noch nicht", fügte Aramis nach einer nicht ganz so dramatischen Pause hinzu. Nach mehr als dreissig Jahren wußte Athos, was er zu erwarten hatte. Zumindest ab und zu.

"Für mich gibt es keine königlichen Befehle mehr. Ich werde den Hof verlassen. Und Paris." Er war erstaunt, wie gleichmütig seine Stimme klang. Zumindest in seinen Ohren.

"Du?" Das humorlose Lächeln wurde von einem humorlosen Lachen abgelöst. Offenbar waren andere nicht so einfach zu täuschen. "Du könntest Paris niemals verlassen. Du hattest deine Chance, nachdem wir die Königin vor dreißig Jahren gerettet haben, Comte." Aramis benutzte Athos' alten Titel wie eine Waffe. Sie stach nicht mehr. Dieser Teil von Athos' Leben war vorüber. Aber er wußte, Aramis hatte mehr auf Lager, als in einer alten Wunde zu stochern, die längst zu einer Narbe geworden war. "Du bist zurückgekommen. Dich dürstete nach dem Kampf ebenso so sehr wie nach der Freundschaft. Und du kamst zurück ebenso sehr um D'Artagnans Willen. Du warst niemals glücklicher als in den Jahren, die du mit D'Artagnan und Raoul verbracht hast. Mit deiner Selbstverachtung spuckst du auf ihre Gräber. Tief in deinem Herzen weißt du, daß ich recht habe. Du hast ein Vermächtnis, das auf dich wartet, Athos. Deine Bestimmung liegt bei den Lebenden, nicht den Toten."

"Ich hätte es verhindern können. Indem ich ein besserer Mann gewesen wäre." Mit den Stiefelspitzen trat Athos in einem monotonen Rhythmus gegen den Grabstein und wieder mied er Aramis' Blick. Aber es gab keinen Weg, seiner Stimme zu entkommen, ohne daß er fortlief.

"Ich höre D'Artagnan sprechen. Aber jetzt braucht der König Athos genau so sehr, wie er D'Artagnan gebraucht hätte. Du hast Philippe dein Wort gegeben, du hast einen Eid geleistet. Fang nicht an, dein Wort zu brechen. Nicht in deinem Alter."

"Ich habe es schon öfter getan."

"Niemals. Versuch nicht, mich für dumm zu verkaufen... oder dich selbst."

Abrupt sah Athos hoch. Dies alles war zu viel. "Warum sollte ich weitermachen? Was habe ich Gutes für Raoul und D'Artagnan erreicht? Beide sind begraben, ihr Tod sinnlos. Was habe ich Gutes für Philippe erreicht? Ich habe ihn von einem Gefängnis ins nächste gebracht, mehr nicht. Nicht, daß ich es bedaure, ihn von dieser Maske befreit zu haben..."

"Überschätze dich nicht, Athos. Du warst nur eine Figur in diesem Spiel." Gestern hätte Athos Aramis für diese Beleidigung getötet. Vielleicht würde er es morgen. Aber jetzt...

"Laß, Aramis. Ich habe zu oft bei deinen Plänen mitgespielt und viel zu lang, und das Resultat ist viel zu billig, als daß ich diesen Preis noch länger zahlen werde. Laß mich einfach gehen. Ich werde es dich und Porthos wissen lassen, wenn ich mich eingerichtet habe."

"Lügner. Ein Feigling und ein Lügner. Wenn du jetzt gehst, wirst du niemals zurückkehren, uns nie wiedersehen. Du wirst in einem rattenverseuchten Loch in einem billigen Pariser Viertel enden, wo du verzweifelt auf Neuigkeiten vom Hof wartest. Über Philippe. Du wirst keinen Unterschied machen, wenn du jetzt gehst, Athos. Du wirst noch nicht einmal Eindruck machen. Keiner wird einen zweiten Gedanken daran verschwenden. Ich nicht. Nicht einmal Porthos, sobald er nach einem Besäufnis und einer wilden Liebesnacht über den ersten Schock hinweg ist; wäre ja nicht das erste Mal. Nein, niemanden wird es kümmern. Nicht mal dich."

"Ich kann Frankreich nicht mehr dienen. Oder irgendeinem König von Frankreich."

"Du könntest Philippe dienen, Athos. Er vertraut dir wie keinem anderen. Er liebt dich wie keinen anderen. Er bewundert dich wie keinen anderen. Er könnte dich nicht mehr schätzen, wenn du sein--"

"Nicht! Aramis, wenn du diesen Gedanken laut zu Ende bringst, schlage ich dich nieder." Bevor es Athos klar wurde, was er tat, hatte sich Aramis bereits von seinem Griff befreit, breit grinsend. Athos seufzte. "Du bist ein Teufel, Aramis. Eines schönen Tages wirst du dich in einem deiner eigenen Pläne verstricken."

"Falls der Herr ein solches Schicksal als passend erachtet..." Aramis bekreuzigte sich übertrieben und Athos konnte nicht anders, als bei dieser Geste grinsen. "Athos, hör zu. Du kannst einen Unterschied machen, wenn du bei Philippe bleibst. Er ist zu jung und unerfahren, um den Hof zu überleben. Seine Mutter - Gott segne sie - ist in diesem Spiel wertlos. Ohne dich überlebt Philippe nicht eine Woche."

Athos schüttelte den Kopf. "Ich kann nicht. Es geht mir zu nah. Philippe ist mir teuer. Zu teuer, als daß es gut für uns alle wäre. Wenn wir scheitern... Falls ich scheitere... Nein, Aramis, das Risiko ist zu groß. Da ist die Königin, und du, und André... Du wirst zurechtkommen. Viel besser, als wenn du dich auf meine trügerische Hilfe verläßt." Athos bat mit seiner Stimme, seinen Augen, hob die Hände, merkte, daß es nichts nutzte. Aramis würde sich nicht überzeugen lassen. Wollte sich nicht überzeugen lassen. Aber er mußte es weiter versuchen.

"Athos, du glaubst nicht an das, was du sagst. Tief drinnen weißt du, daß du Philippes beste Chance bist."

"Das bin ich nicht, Aramis, das bin ich nicht! Ich bin die größte Gefahr. Vor nicht mal zwei Wochen habe ich versucht, den König zu töten."

"Es gab keine offizielle Anklage gegen dich. Dank--"

Athos unterbrach ihn ungeduldig. "Das ist nicht der Punkt. Der Hof weiß es. Es wird Gerüchte geben. Nachforschungen gewisser Gruppen. Und sie werden Beweise finden. Eher früher als später. Falls ich Philippes Vertrauter werde, wird es Gerede geben."

"Wir könnten alles erklären. Die Trauer um deinen toten Sohn hat deinen gesunden Menschenverstand getrübt, es war ein Mißverständnis, der König hat dir vergeben, nachdem du sein Leben gerettet hast. D'Artagnan muß ersetzt werden. André wird der neue Hauptmann der Garde, aber die Position des Beraters wird frei sein. Du bist die beste Wahl."

"Warum? Weil ich weiß, wie man tanzt, wie man das Weinglas hält, wie man nichts sagt mit einem ganzen Schwall von Worten? Weil ich als Leibwache einspringen kann, wenn es nötig sein sollte? Diese Tage in unserer kleinen Zuflucht sind jetzt nichts weiter als eine Erinnerung, ein Traum, den wir besser vergessen. Wie jede Vision wurde sie blaß, als sie Realität wurde, wurde gefährlich statt wagemutig, und sie ist jetzt eine tödliche Falle, nicht mehr die Chance auf ein besseres Frankreich. Sag mir Aramis, warum sollte ich bleiben?"

"Weil der König es wünscht, Athos!"

 

***
 

Athos war zurück in seinem Pariser Quartier. Die Räume waren verlassen, niemand hatte sich in den letzten Wochen darum gekümmert. Er hatte seine Dienstboten großzügig entlohnt, bevor er gegangen war, in dem Wissen, daß er niemals zurückkommen würde, egal wie ihre Sache ausging. Jetzt war er zurück und er begrüßte die Stille, den abgestandenen Geruch und die Kälte. Wahllos nahm er zwei Bücher aus dem Regal, legte sich auf das Bett und begann zu lesen, aber er begriff nicht ein Wort seiner Lektüre. Mit einem leisen Fluch schloß er das Buch, legte es beiseite und rieb sich die Augen mit den Fingerknöcheln.

Er erinnerte sich an die Zeit, als er sich mühte, D'Artagnans Interesse für Bücher zu wecken. Athos liebte es zu lesen, eine Leidenschaft, die D'Artagnan niemals geteilt hatte. Doch D'Artagnan hatte zugehört - und das Zuhören genossen -, wenn Athos laut las. Gedichte, Geschichten, ganze Romane. Was immer sein - oder ihr - Interesse geweckt hatte.

Athos schüttelte den Kopf. Niemals mehr. Aber die Erinnerung ließ sich nicht einfach zerstören: Er selbst halb aufrecht sitzend, ein Kissen im Rücken, der Schein der Kerze die Seiten beleuchtend. Seine eigene ruhige Stimme vertreibt alle anderen Laute, besonders D'Artagnans stetigen Herzschlag. Ab und zu korrigiert er seine Haltung und legt seinen Kopf auf D'Artagnans Brustkorb, ersetzt das Geräusch des Herzschlags durch das Gefühl selbst, so tröstend, und er kann weiter und weiter und weiter lesen. Diese Nächte, seltene Ereignisse in den letzten Jahren, hatten ihn keineswegs ermüdet, nur erfrischt. Niemals mehr. Er fluchte nochmals, diesmal heftiger.

D'Artagnan hatte ihm in der Stunde seines Todes Verzeihung gewährt, dessen war sich Athos sicher. Es half nicht ein bißchen. Er vermißte D'Artagnan unbeschreiblich. Und er wußte, er war verantwortlich für seinen Tod. Er hätte es wissen müssen. Die Art, wie Philippe ihn angesehen hatte, als er ihn während dieser langen Nächten in den Armen gehalten hatte, nach den Unterweisungen, den Stunden, den endlosen Diskussionen, als Schlaf ihnen beiden entfloh. Er hatte ihm vorgelesen, wie er es für D'Artagnan getan hatte. Da hätte er begreifen müssen.

Athos versuchte, diese Bilder zu ignorieren, fühlte, wie sie seinen Verstand vernebelten. Wie sie ihm eine Entscheidung unmöglich machten. Und entscheiden mußte er. Er legte die Hände unter den Kopf, starrte an die graue Decke über ihm. Starrte ins Nichts. Versuchte, seinen Verstand frei zu machen. Er mußte eine Entscheidung treffen. Er mußte eine Entscheidung treffen, nicht Aramis, nicht Philippe. Er fühlte sich wie ein gefangenes Tier, hatte sich sein ganzes Leben so gefühlt. Zuerst eingeengt durch die Pflicht, die er seiner Familie und seiner Ehre schuldete. Dann durch den Dienst für den König, durch seine Verpflichtungen als Freund gegenüber Porthos und Aramis, später und vor allen Dingen gegenüber D'Artagnan. Dann war da Raoul, und D'Artagnan als sein Liebhaber. Und nun baute sein eigenes Schuldbewußtsein Gitter um ihn herum, die er niemals würde brechen können. Es half nicht zu wissen, daß er sich all dies selbst antat. Im Gegenteil...

Es hatte einen Zeitpunkt gegeben, als er sich wirklich frei gefühlt hatte. Der Augenblick, als er sich von allen Titeln und Besitztümern losgesagt und die Identität des Athos angenommen hatte. Oder besser, die Nicht-Identität des Athos. Traurig genug, daß er nicht lang gebraucht hatte, um dieses leere Gefäß zu füllen... Die Wahrheit kam immer durch. Im Moment erstrahlte sie in einem zu hellen Licht, als daß er damit würde fertig werden können. Er wollte vergessen, aufgeben, einem anderen Pfad folgen, einem gänzlich anderen Pfad. Konnte er das? Wollte er das wirklich?

Es gab nur eine Möglichkeit, es herauszufinden. Er mußte Philippe noch einmal gegenübertreten. D'Artagnans Sohn, vielleicht sein Vermächtnis für seinen besten Freund, wie Aramis Athos glauben machen wollte. Er mußte sich diesen gemischten Gefühlen stellen, nicht hier, in relativ sicherer Einsamkeit, wo Tränen keine Gefahr bedeuteten, sondern in der Gegenwart derer, die wissen würden, wenn er nicht ehrlich mit sich selbst war. Aramis hatte ihn einen Feigling genannt. Nicht um ihn zu beleidigen, sondern um ihn wachzurütteln, um ihn aus seinem selbstgemachten Irrgarten aus Empfindungen und Schuld herauszuholen. Athos wollte den Ausweg nicht finden, aber dies war die Grausamkeit der Freundschaft. Er konnte Aramis nicht mal hassen für das, was er getan hatte. Aramis' Absichten waren zweitbeste Lösungen für die schlechteste aller Realitäten; er war gezwungen, sich auf das Eintreiben alter Schulden zu verlassen, auf das Geschick von drei alten Kriegshunden, müde und ergraut, auf die Loyalität eines jungen Offiziers, der den vier Musketieren von damals viel zu ähnlich war - waren sie wirklich jemals so jung und unschuldig und idealistisch gewesen? - und zuletzt, aber bestimmt nicht im geringsten Maße, auf die dünne Chance, daß innerhalb von Tagen ein argloser Junge in Namen, Herz und Seele König werden konnte. Um genau zu sein, Aramis verließ sich auf das Wunder, daß Philippe in der Sekunde König geworden war, als er sich entschied - zustimmte -, den Platz seines Zwillingsbruders einzunehmen.

Athos' Gedanken drehten sich im Kreis. Falls er es gewußt hätte... "D'Artagnan, warum hast du es mir nicht gesagt? Wahrscheinlich um mich zu schützen, aber ich war es nie, der eines Schutzes bedurfte. Ich war es nie..."

Er erwachte im Dämmerlicht des nächsten Morgens, das sich seinen Weg durch verdreckte Fenster kämpfte, und zitterte in der Kälte des frühen Tages. Sein Schlaf war traumlos gewesen... Nein, das war nicht möglich, er wußte nur nicht mehr, was ihn während der Nacht beunruhigt hatte...

Die Herausforderungen, denen er sich im Tageslicht stellen mußte, waren monströs genug, er brauchte keine Bilder, die ihm aus Nachtmahren folgten. Besser, es hinter sich zu bringen. Waschen, ankleiden, Philippe gegenübertreten, seinen Abschied nehmen, aus dem Leben gehen, das er gern geliebt hätte und das er zu hassen gelernt hatte. Einfache Vorhaben, aber nicht so einfach, wenn es um die Umsetzung ging. Er trug immer noch die Kleidung von gestern. Nachdem er vor zwei Tagen Philippe die Treue geschworen hatte, hatte er die schwarze Uniform der Musketiere bei Aramis gelassen, aber der alte Fuchs hatte sie gestern mitgebracht, ein nichtssagendes Bündel hinter seinem Sattel. Athos hatte sie mitgenommen und in den Schrank gestopft. Nun sehnte er sich danach, sie anzuziehen, auch wenn er nur zu gut wußte, welchen Eindruck das auf Aramis, Porthos und Philippe machen würde. Es wäre die letzte Gelegenheit, die Uniform zu tragen, zu fühlen, in ihr zu leben, und vielleicht, für die Dauer eines Augenblicks, in ihr zu träumen. Längst vergessene Träume, die niemals dazu bestimmt gewesen waren, Wirklichkeit zu werden. Träume, die nicht in diese Welt paßten, schon gar nicht in diesen Zeiten.

Athos gab den Kampf auf, den er niemals hatte gewinnen wollen, und gab der kostbaren Versuchung nach. Es war wie eine Zeremonie und als sie vollzogen war, fühlte er sich weniger verletzlich, weniger verloren, weniger bedrückt. Wenn er die Augen schloß, würde er D'Artagnan riechen können, würde seine Stimme hören, wie sie Zärtlichkeiten in sein Ohr flüsterte, würde fühlen, wie er an seinem Ohrläppchen knabberte. Neckend, herausfordernd, auf daß er die Uniform wieder auszog, auf daß er Pflicht und königliche Order vergaß für einen weiteren Kuss, für eine weitere Sekunde der Liebe, die für sie beide zur Ewigkeit würde.

Athos machte sich frei von dieser quälenden Erinnerung - oder war es ein weiterer Traum, der unerfüllt geblieben war? -, indem er mit der Faust in den Spiegel vor sich schlug, das Glas zerschmetterte, seine Knöchel zerschnitt, den Schmerz begrüßte, der die kostbaren Bilder in einem wahren Spiegeleffekt zu feinen Splitter zerplatzen ließ. Er sank auf die Knie, unfähig zu weinen, unfähig dem Schmerz und dem Verlust Ausdruck zu verleihen. Bevor er in der Lage war, einen klaren Gedanken zu fassen, hörte er, daß sich eine Kutsche näherte. Sie hielt vor dem Haus und Athos begann zu lachen, und es klang wie wahnsinnig in seinen eigenen Ohren. Aramis' perfektes Timing. Wie er es versprochen hatte, bevor Athos den Friedhof verließ, sandte er ihm die Kutsche, die ihn zum Schloß bringen würde. Zum König. Zu Philippe.

 

***
 

Hier war er nun. Fast. Athos lief nervös durch den Vorraum. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Porthos Aramis angrinste und er sah auch das Stirnrunzeln von Aramis. Die ganze Situation war lächerlich. Aber dies alles war keineswegs zum Lachen. Er hatte zugestimmt, Philippe noch einmal zu treffen, bevor er seine endgültige Entscheidung traf. Und er war noch immer unsicher, ob er all dem hier den Rücken kehren könnte. Aramis Pläne und Intrigen, Porthos' offensichtliches Vergnügen an seinem Rang als militärischer Berater bedeuteten nichts. Aber Philippe... Das Erstaunen und die Gerüchte bei Hofe über das ungewöhnliche Verhalten des Königs verbreiteten sich bereits in den Straßen und Gassen von Paris. Sein Befehl, den Ausbruch einer Hungersnot durch sofortige Nahrungsverteilung zu bekämpfen sowie ein neuer Plan für die Vermarktung von Lebensmitteln in kommenden Jahren. Seine Bereitschaft zu Friedensverhandlungen. Der Respekt, den er seiner Mutter entgegenbrachte und auch jedem anderen Menschen in seiner Umgebung. All das gab Anlaß zu Fragen. Er war immer noch arrogant und seine Zunge war immer noch schnell, aber beide Eigenarten hatten an Gemeinheit und Grausamkeit verloren. Und vor allem an Tötlichkeit.

"Seine Majestät widmet sich noch einigen Geschäften, die seine Aufmerksamkeit erfordern, bevor er Euch empfangen wird. Bitte nehmt Platz." Das Gesicht des Höflings war ausdruckslos und er verschwand wieder im inneren Heiligtum. Die drei ehemaligen Musketiere starrten auf die geschlossen Türen. Athos erholte sich allerdings schnell; der Ärger ließ ihn jede andere Emotion vergessen. Er wandte sich zu Aramis um, aber bevor er ein Wort herausbrachte, sagte Aramis, "Der gute Schüler."

Darauf bellte Porthos ein kurzes Lachen und schlug Athos auf den Rücken, so daß er fast nach vorn stolperte. "Brillanter Lehrer, Athos!"

Athos weigerte sich, den Humor in dieser Situation die Oberhand gewinnen zu lassen, und ging zu den Tischen, auf denen Erfrischungen standen. Er füllte seinen Kelch, verdünnte den schweren Wein mit einer ziemlichen Menge Wasser. Aber trinken wollte er nicht. Nur etwas, um seine Hände zu beschäftigen. Und er zwang seinen Verstand, sich auf diese einfache Aufgabe zu konzentrieren. Er dachte zurück an die Zeiten, als er Glas um Glas mit purem Wein gefüllt hatte. Und geleert hatte. Ohne nachzudenken. Ohne das Bedürfnis, nachzudenken. Athos wünschte sich zurück in die Keller von Paris, wo es kein Licht gab, das ihn sein Versagen sehen ließ. Er hörte Aramis' tiefen Seufzer und wandte sich ihm zu.

"Du weißt immer noch nicht, was du tun wirst, oder, Athos? Denk daran, die Welt ist nicht das Fegefeuer."

"Mußt du gerade sagen", mischte sich Porthos ein und die beiden anderen funkelten ihn an, als hätten sie sich abgesprochen. Das ließ Porthos nur noch mehr lachen. "Das Leben kann so einfach sein, wenn ihr nur wollt."

"Darf ich Euch an eine gewisse Scheune erinnern, Herr Porthos?", sagte Aramis, sein Tonfall ätzend.

"Darf ich Euch daran erinnern, daß ich besoffen war, Herr Aramis?" Porthos griff nach seinem Schwert in einer unzweifelhaft unbewußten Bewegung.

"Darf ich euch daran erinnern, daß wir eine Audienz beim König erwarten?" Athos trat zwischen die beiden, tatsächlich lächelnd, zum ersten Mal seit Tagen. Als er sich dessen bewußt wurde, bemerkte er, daß es schmerzte. Dennoch war es ein echtes Lächeln.

"Später?", schlug Aramis vor, breit grinsend.

"Später!", stimmte Porthos zu, zog Aramis und Athos in eine Bärenumarmung. Wieder fühlte Athos den Schmerz. Dennoch war es eine echte Umarmung.

Sie hörten einen unterdrücktes Husten und Porthos ließ sie los. Athos richtete seine Uniform, machte sich von den unerwünschten Empfindungen frei. Der Höfling ließ ihnen Zeit. Als sie sich schließlich zu ihm umdrehten, Porthos immer noch wie ein Idiot grinsend, wie Athos aus den Augenwinkeln sehen konnte, verkündete er bedeutungsschwer, "Seine Majestät befiehlt Eure Gegenwart."

"Zeigt uns den Weg, guter Mann", murmelte Aramis, leise, aber laut genug, daß sie alle es hören konnten, sogar der Höfling, und Porthos entfuhr ein kurzes Lachen. Der Höfling, von schmaler Statur, gekleidet in der letzten Mode, sein Gesicht bemalt, wie es zur Zeit für seinen Rang modern war, neigte nur den Kopf und trat beiseite, machte ihnen den Weg zum Studierzimmer des Königs frei. Als sie an dem sich leicht verbeugenden Mann vorbei gingen, streckte Porthos seinen Arm aus, um ihn zu schubsen, aber Aramis verhinderte es im letzten Moment.

Noch ein Lächeln stahl sich auf Athos' Gesicht, weniger schmerzhaft, weniger angestrengt. Einiges änderte sich nie. Die Sekunde, als er die Schwelle überquerte, verbannte er das Lächeln allerdings von seinen Lippen. Es war nicht nötig, daß er Philippe - dem König - falsche Hoffnungen machte. Seine Augen sondierten aufmerksam den Raum, der sich nicht geändert hatte, seitdem sie das letzte Mal hier gewesen waren, so viele Jahre zuvor. Zumindest nicht auffallend. Vielleicht andere Gemälde, neue Tapeten. Nichts Wesentliches war neu. Nicht das eigentliche Innere. Oder doch?

Athos' Blick fand schließlich Philippe, hinter dem wuchtigen Tisch sitzend, der mit Pergamentrollen, Büchern und einigen Karten bedeckt war. Seine Hände - ein großes Juwel fing einen Lichtstrahl ein - beschäftigten sich mit einigen Papieren, ordneten sie. Oder formten sie zumindest zu einem Stapel, schoben sie eine Sekunde später entschieden zur Seite. Als Philippe schließlich seinen Kopf hob, trafen sich seine und Athos' Augen.

D'Artagnan war Athos' erster Gedanke und sein einziger für fast eine Minute. Schweigen füllte den Raum, wie es kein Laut oder Geräusch vermocht hätte. "Sire!" Aramis' Stimme war gleichmütig und dunkel und gleichzeitig durchdringend, brachte Athos wieder zu Sinnen wie ein Schlag ins Gesicht. "Zu Euren Diensten." Athos schloß sich seinen Freunden an, als sie sich tief verbeugten, und als er wieder aufsah, neigte Philippe seinen Kopf nicht mehr als wenige Zentimeter. Der gute Schüler, echote es in seinem Kopf, und er verfluchte Philippe, Aramis und sich selbst.

"Porthos", sagte Philippe in einer Stimme, die Athos gleichsam vertraut und fremd war. Die des Jungen, den er gelehrt hatte, die des Königs, den er haßte. Porthos trat vor, zerstörte den Schildwall, den Athos erst als solchen begriff, als es ihn nicht mehr gab.

"Mein Lehnsherr?", kam die zahme Antwort, ohne eine Spur des vorherigen Übermuts. Oder er war unter Kontrolle für den Augenblick. Bei Porthos war wohl letzteres der Fall.

"Ihr werdet unverzüglich Hauptmann André aufsuchen. Ich verlasse mich auf Eure Erfahrung bei der Bewertung der neuen Rekruten. Wir wollen bei der Verstärkung Unserer Garde keine Zeit verlieren. Die Verluste..." Philippe ließ seine Stimme verklingen, als ob der Zorn und die Trauer es ihm unmöglich machten, weiter zu sprechen, ohne daß er seine Beherrschung verlor. Beeindruckend. Was für eine Vorstellung. Athos schauderte. Wäre er nicht sicher gewesen, daß Louis in der Bastille war...

"Sire!" Porthos führte eine perfekte Verbeugung aus und ging, rückwärts laufend. Athos konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf Philippe, gab nicht dem Drang nach, sich nach seinem Freund umzusehen, als er den Raum verließ. Und der König blickte zu Aramis und befahl ihm mit einem Nicken vorzutreten.

"Aramis, hier ist meine Antwort für Euren Orden. Ich erwarte die Antwort bis morgen Abend."

"Sire, ich kann nicht garantieren--"

"Dies sind meine Bedingungen." Er hielt ein schmales Päckchen in Händen, auf der Außenseite war kein Siegel zu sehen. "Morgen Abend", wiederholte er. Kein Zögern in seiner Stimme, kein Blinzeln der Augen, die Hände ruhig in der Geste. Aramis gab nach, wortlos, verbeugte sich, wie Porthos es getan hatte, nahm das Paket, verließ den Raum, wie Porthos es getan hatte. Athos kam sich vor, als beobachtete er ein Theaterstück. Er fragte sich, ob er zu der Besetzung gehörte.

Nachdem Aramis verschwunden war, entspannte sich Philippe in seinem Sessel, das Möbel war etwas zu bequem und geschmückt, um ein vernünftiger Arbeitsplatz zu sein. Philippe sah Athos intensiv an, aber Athos war entschlossen, Philippe das Tempo vorgeben zu lassen. Wie es sich für einen Herrscher geziemte. Herrscher über das Leben. Über den Tod. Aber nicht über Athos' Willen. Niemals mehr. Also starrte er zurück, ein Vergehen an sich, aber Athos war es gleich. Die ganze Szene war bis zu diesem Zeitpunkt so falsch gewesen. Zu falsch, daß es sich um einen Plan von Aramis hätte handeln können. Vielleicht war dies nur die Realität, die Athos nicht wahrhaben wollte. Die Tage in der Zuflucht hatten nichts Derartiges erahnen lassen.

"Laßt uns allein, alle." Athos zuckte beinahe zusammen. So etwas hatte er befürchtet. Der größtmögliche Fehler. Er beobachtete, wie die Höflinge, die Schreiber und die Diener das Zimmer verließen, und war erstaunt ob ihrer Reaktion. Oder besser: ob des Fehlens einer Reaktion. Kein Zögern, keine Blicke, nur Gehorsam. "Weil der König es wünscht, Athos!" So einfach. So gefährlich...

Die leichte Unruhe endete mit einem geräuschlosen Schließen der Flügeltüren und immer noch weigerte sich Athos, irgendetwas preiszugeben. Er hatte keine Ahnung, was Philippe und Aramis besprochen hatten. Athos liebte Philippe mehr als er sich einzugestehen wagte, lediglich sein Herz wußte um die Wahrheit, wenn Philippe ihn auch nur ansah. So wie er es jetzt tat. So unähnlich Raoul, seinem verlorenen Sohn. Gleichzeitig ihm so ähnlich. Philippe hatte eine Lücke gefüllt, so viel war wahr. Ohne Philippe oder falls er ein anderer Mann gewesen wäre als er es war, Athos hätte wahrscheinlich-- Nein, er hätte seinen Part in diesem Spiel ohnehin gespielt. Das war aus Rache gewesen. Vielleicht war es auch für Frankreich gewesen. Nur sein Herz war für Philippe gewesen.

Das war es noch und so war Athos in der Lage, als erster das Schweigen zu brechen, ohne seinen Stolz zu verlieren. "Also seid Ihr jetzt König." Die Bitterkeit zeigte sich, obwohl er nicht hatte bitter klingen wollen. Er hatte nach gar nichts klingen wollen.

"Dank dir, Athos", kam die sanfte Antwort.

"Wer hat diesmal mit Euch geprobt?" Immer noch bitter.

"Aramis hat mir gesagt, daß du gehen willst. Verdiene ich nicht einen persönlichen Abschied?"

"Nein, tut Ihr nicht. Und vor allem verdiene ich es nicht. Nicht zu diesem Preis." Großartig. Laß ihn all deine Verzweiflung spüren. Laß dein wahres Selbst durchscheinen. Du kommt hier niemals ohne Wunden raus. Nun, das wußtest du ja vorher.

"Welcher Preis?"

"Vor zwei Tagen gab ich Euch meinen Degen, meinen Schwur, kniete vor Euch. Als meinem König. Das wurde getan ohne Überlegung, als wäre ich ein idealistischer junger Ritter, als wäret Ihr--"

"Aber das bin ich!" Philippe sprang auf, der Stuhl kippte nach hinten und der Krach brachte des Königs Gefolgschaft zurück. Die Türen öffneten sich und Phillipe donnerte, "Raus!" Die Türen schlossen sich wieder, diesmal nicht mehr so leise. Unwillkürlich mußte Athos lächeln.

"Aber das bin ich", wiederholte Philippe, etwas ruhiger. Er umrundete den Tisch, schob die Papierstapel beiseite, vorsichtig, auf daß sie nicht auch kippten, und setzte sich auf die polierte Oberfläche. "Aber ich bin auch Philippe", flüsterte er.

"Offensichtlich." Athos fand es viel zu leicht, seine Zweifel und Ängste in Philippes Gegenwart zu vergessen. Es wäre viel zu leicht, zu bleiben und so viele private Augenblicke wie möglich zu suchen. Einige Wunden zu heilen. Einige Dämonen zu verbannen. Vielleicht sogar alle.

"Da ich Aramis kenne, werde ich nicht mit all den Argumenten kommen, um dich vom Bleiben zu überzeugen. Da ich dich kenne, werde ich dir nicht befehlen zu bleiben." Philippe streckte seine Beine aus, starrte für einen Moment auf seine Schuhe. "Dies ist kein Abenteuer oder ein Spiel oder ein Theaterstück. Dies ist jetzt mein Leben. Und andere Leben stehen auf dem Spiel."

"Aus diesen Gründen solltet Ihr auf mich verzichten. Ihr könnt mich nicht als Euren Berater einführen. Es gibt ehrgeizige Leute an diesem Hof, die für eine Beförderung töten würden. Es wird Lügen geben, Verrat..."

"Als ihr mich von der Maske befreit habt--"

"Nein, Philippe. Diese Tage waren ein Traum, und ich war fasziniert von dem, was ich in Euch sah. Fasziniert von Euch, obwohl ich Euch hassen sollte. Ihr seht aus wie Euer Bruder und aus diesem Grund allein sollte ich Euch töten können. Aber in dem Moment, in dem ich in Eure Augen sah-- Und die Art, wie Ihr die Menschen anseht... mich anseht, läßt mein Herz fast zerspringen. Ich vertraue darauf, daß Ihr ein guter König seid, und mit der Hilfe von Aramis und Eurer Mutter werdet Ihr sicher genug sein. Da sind André und Porthos, um Euch zu schützen, in kurzer Zeit wird die gesamte Garde bereit sein, das Leben für Euch zu lassen. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Liebe. Ich kenne diese Männer. Sie sind D'Artagnans Vermächtnis für Euch." Während seiner Rede hatte Athos die Lücke zwischen ihnen geschlossen und stand nun Philippe dicht gegenüber, der immer noch auf dem Tisch saß.

"Und welches Vermächtnis hat er dir hinterlassen, Athos?"

Nicht fair. Sein Verstand schrie es beinahe und er war bereit, Philippe mit dieser Anklage herauszufordern. Aber was würde ihm das einbringen? Fairneß gehörte nicht zu den königlichen Tugenden. Dennoch war da ein Glitzern in Philippes Augen, als er ihn ansah, während in Athos' Seele Zorn und Resignation um die Vorherrschaft stritten.

"Es tut mir leid, Athos. Es war nicht meine Absicht, ihn so zu mißbrauchen. Ich... Ich weiß, daß du dir die Entscheidung nicht leicht gemacht hast. Ich weiß, daß du dich sorgst. Vielleicht zuviel. Es ist nur--" Philippe brach ab.

"Was, Philippe?", flüsterte Athos, der sich in derselben Faszination gefangen sah, die er in den Wochen erfahren hatte, in denen er den Ersatzkönig unterwies.

"Du kannst gehen. Ich schulde dir bereits mehr, als ich jemals wiedergutmachen kann. Falls es also Freiheit und Frieden ist, was du begehrst, dann sollst du es haben."

Philippe schob ihn weg, vorsichtig, und sprang vom Tisch, ging zum großen Fenster, das auf den Innenhof hinausging. Der Raum neben dem Studierzimmer führte auf einen großen Balkon, dem Ort, wo der König den Schwur der versammelten Musketiere entgegennahm. Das kommende Ereignis würde die Ernennung von André zu ihrem Kommandeur sein. Noch einmal Teil von all dem zu sein... "Ich werde nicht frei sein, wo immer ich auch hinginge. Ich könnte bis ans Ende der Welt fliehen und ich würde keinen Frieden finden. Dies zu gewähren liegt jenseits Eurer Macht. Ich gehe nur um Euretwillen."

"Was!" Philippe drehte sich um, seine Augen strahlten zu sehr. "Du läßt mich allein, läßt mich zurück und sagst mir, es geschieht zu meinem Besten? Aramis war weniger grausam, als er mich damals in die Maske und ins Gefängnis sperrte. Dort lernte ich, mit der Einsamkeit zu leben. Aber du hast mir Freundlichkeit und Liebe gezeigt, hast mich Treue und Mut gelehrt, hast mich die Schönheit der Welt und ihrer Menschen schauen lassen, und dann verläßt du mein Leben um meinetwillen? Ich fürchte weder Verrat noch Tod, Athos. Ich fürchte Einsamkeit."

Jedes Wort war wie ein Peitschenhieb, aber Athos konnte nicht aus Mitleid handeln. Dies war keine spannende Geschichte, in der die Guten gewannen. "Ihr werdet sie besiegen. Ich hätte Euch niemals Mut und Treue lehren können, das wißt Ihr. Eure Augen haben schon immer die Schönheit des Lebens gesehen, oder Ihr wärt schon vor Jahren gestorben. Ihr seid nicht in der Zelle verrottet, habt nicht den Verstand verloren. Ihr habt Louis ganz allein bezwungen. Und Ihr werdet wieder gewinnen. Frankreich, die Welt..."

In einer eleganteren Bewegung, als er sie sich zugetraut hatte, kniete Athos nieder, seine Hand ruhte auf dem Griff seines Degens. "Mein König, ich werde gehen." Er beugte den Kopf, in Ehrerbietung, verkündete damit das Ende der Diskussion, in der Gewißheit, daß der größte Stolz sich auch in der unterwürfigsten Pose zeigen konnte. Er erhob sich langsam, lächelte Philippe an, nahm seinen Anblick in sich auf, sein Gesicht und vor allem seine Augen, die nun voll Tränen standen. Er trat näher und berührte Philippes Wange kurz mit den Fingerspitzen. "Mein Dienst für Euch - mag er auch nur von kurzer Dauer gewesen sein - ehrt mich."

"Und mich", murmelte Philippe, nahm Athos' Hand, bevor er sie zurückziehen konnte. Er küßte die Handfläche und Athos versuchte, sich loszureißen. Er sog scharf die Luft ein ob des plötzlichen Schmerzes. "Was ist mit deiner Hand passiert?" Der Ton mochte gleichmütig sein, die Frage eine gedankenlose Erkundigung nach dem Wohlergehen eines anderen, aber Philippes Augen sagten etwas anderes.

"Nichts von Bedeutung. Leute meines Alters neigen zur Ungeschicklichkeit."

"Gib auf dich acht, Athos." Athos war dankbar, daß Philippe seine armselige Erklärung akzeptierte, umso mehr, da Philippes Ausdruck klarmachte, daß er um die geschönte Wahrheit oder gar Lüge wußte, die Athos ihm präsentiert hatte.

"Adieu, Philippe." Athos wandte sich um und floh zu den Türen.

"Warte, Athos." Athos hätte es wissen müssen. Störrisch wie ein Esel, der Sohn seines Vaters. Er blieb stehen, wartete auf den finalen Schlag. Und obwohl er ihn vorausahnte, wurde er dennoch getroffen. "Würdest du bitte ehrlich mit dir selbst sein und zugeben, daß du fortläufst, damit dein Herz nicht noch einmal brechen kann?" Athos hielt die Luft an: bis jetzt nur eine tiefe Wunde, noch nicht tödlich. Da würde noch mehr kommen. "Ich denke, das macht dich zu einem Feigling, Athos!"

Eines Tages werden Aramis und ich eine ernste Unterhaltung führen müssen. Er drehte sich nochmals um, fühlte sich müder als er es sich jemals hatte vorstellen können. "Würdet Ihr Euch einer Herausforderung stellen, Sire?"

Athos war sehr zufrieden mit sich, daß er Philippe endlich überrascht hatte, so sehr, daß er etwas Kraft daraus schöpfen konnte. "Ihr habt nichts zu befürchten, ich möchte Euch nur etwas zeigen. Wollt Ihr einem Feigling so viel zugestehen?" Philippe wurde blaß, nickte aber. "Es wird nicht lang dauern." Athos öffnete die Türen und Philippe ging hinaus, erst an Athos, dann an den aufgescheuchten Höflingen vorbei.

"Wohin?", fragte er kurz, ohne sich nach Athos umzuschauen, der ihm lächelnd dicht auf folgte.

"In den nächsten Raum, Sire. Der Balkon", antwortete Athos, sich bewußt, daß die Gefolgschaft des Königs angesichts dieses ungewöhnlichen Geschehens stierte und starrte. Was Athos nicht wußte, war, wohin dies führen würde. Besonders ihn selbst.

Philippe verließ den Vorraum, die Türen wurden von sich verbeugenden Dienern aufgerissen. Die Köpfe der Leute berührten dabei fast die Knie. Als Philippe den Balkon erreichte, blickte er über die Schulter zurück. "Nach draußen?"

"Nach draußen, Sire", sagte Athos und eine Sekunde später stand Philippe an der Balustrade und sah auf die Gärten und die Wege hinunter, die Anlagen aufs Beste gepflegt, ein Fest für die Augen des Königs. Die Mittagssonne flutete den Platz unterhalb des Balkons. Athos achtete auf niemanden, ignorierte alles Flüstern und alle Stimmen, konzentrierte sich auf Philippe allein.

"Wann werdet Ihr Andrè den Musketieren vorstellen?"

"Samstag. Zur Mittagszeit."

"Wie es der Brauch ist", nickte Athos. "Ich habe dort unten unzählige Male gestanden, nicht viele Anlässe waren freudige. Trotzdem fühlte ich mehr dazugehörig, wenn ich dort unten stand - zu Fuß oder zu Pferd, als Zuschauer oder als einer derer, die eine Belobigung erhielten - als zu jeder anderen Zeit oder an jedem anderen Ort. Für mich fand der Dienst für den König, für Frankreich, dort unten seine Erfüllung. Dort unten begann der Abschied, dort unten endete die Heimkehr."

"Du könntest immer noch dazugehören."

"Ich bin viel zu alt. Diese letzten Tage haben das bewiesen, wenn schon nichts anderes." Athos war überrascht, wie traurig ihn diese Feststellung machte. Er hatte den Dienst vor Jahren quittiert. Die Zeit hätte dafür sorgen müssen, daß der Verlust kein Bedauern mehr in sich barg.

"Nein, du kannst immer noch dazugehören. Hier mit mir. Es mag eine andere Perspektive sein, aber es ist immer noch dieselbe Sache." Athos schmunzelte fast, als er der Begeisterung in der jungen Stimme gewahr wurde. Philippe würde keine Probleme haben, seine Leute zu inspirieren. Philippe streckte den Arm aus, deutete auf den Platz. "Wenn Samstag vorüber ist, werde ich dich und meinen Vater dort unten sehen können, Seite an Seite in den Reihen der Truppe. Und wenn du es willst, wirst du an meiner Seite sein, wenn ich das Geheimnis von 'einer für alle' und 'alle für einen' entdecke."

"Es gibt kein Geheimnis, Sire." Athos schluckte mühsam. "Die Geschichten und Legenden, die man sich über die Musketiere erzählt, haben das Motto verzerrt. In der ursprünglichen Bedeutung ist der 'eine' der König." Er sah Philippe an, als dieser scharf Atem holte. "Ja, Sire, Ihr seid der 'eine'. Und solange Ihr Euren Anteil in diesem Schwur nicht vergeßt, werden diese Männer mit Freuden für Euch sterben."

"Und du, Athos?", kam die atemlose Antwort.

Athos antwortete nicht und er war sich sicher, daß Philippe keiner Antwort bedurfte. Er sah auf den mit Licht überströmten Platz hinab. Vielleicht könnte er weglaufen und sich verstecken, aber er würde niemals einen Platz finden, an dem das Licht so strahlend war. Zu blendend für einen einfachen Sterblichen, aber vielleicht hell genug für einen dummen alten Träumer, der sich danach sehnte, den Weg nach Hause zu finden.

 
Ende

 
Du bist der 2742. Leser dieser Geschichte.