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Die Saiten schweigen

© by Jimaine (), Dezember 2003

 

Disclaimer: Die Rechte für die Charaktere gehören Patrick O'Brian, der die Bücher geschrieben hat (welche ich sicher noch lesen werde), und ich möchte sie ihm gar nicht streitig machen. Auch beanspruche ich keinerlei Rechte an dem Kinofilm - sollen MIRAMAX und Universal Pictures doch alles behalten! - und möchte klarstellen, daß ich rein gar nichts hiermit verdiene. Wenn sie mir allerdings was für diese schlaflose Nacht bezahlen wollen...
Anmerkungen: Ein Outtake aus dem Film "Master & Commander". Unwiderstehlich. Und ich dachte, Horatio Hornblower sei gefährlich... Die Slash-Musen sind geplättet von der vollen Breitseite, die sie einstecken mußten. Ich kenne die Bücher (noch) nicht; dieses Snippet verdankt seine Existenz dem Film.
Gewidmet sei diese Story Birgitt - auch in den rauhen Gewässern von Kap Hoorn mit Rat und Tat zur Stelle.
Archiv: Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de)

 

Wie lange ich bereits hier sitze und das Instrument vor mir anstarre...keine Ahnung. In der erstickenden Dunkelheit der eigenen Gedanken verliert man das Zeitgefühl, wiegt sich in falscher Sicherheit. Dabei ist es draußen noch hell. Bis hier hinein dring das Licht der Spätnachmittagssonne nicht, hier herrscht bereits tiefste Nacht und der Morgen wird gefürchtet, denn er würde so manche grausame Wahrheit mit sich bringen.

Meine Dunkelheit ist jedoch nicht vollständig...ein einsamer Kerzenleuchter verbreitet sein flackerndes Licht, läßt mich nicht vergessen, wo ich wirklich bin.

Es bricht sich im geschliffenen Kristall des Weinglases...tanzt als rötlicher Schatten über Messing und verweilt auf poliertem Holz. Nur ein Schimmer, nur ein Echo von Leben.

Einsam liegt das Cello da und wartet, stillschweigend.

Durch das offene Fenster trägt der Wind leise Stimmen herein. Pullings, Mowett...Bonden am Ruder. Der junge Calamy. Ich höre, wie mein Name fällt, mehr als einmal. Sie alle sind zurückhaltend in der Äußerung ihrer persönlichen Ansichten, aber sie machen sich Sorgen. Um ihn, um mich...

An Deck klingt die Glocke, schlägt zwei Glasen. Nicht mehr lange bis Sonnenuntergang und dann endlose Nacht. Möglich, daß sie für Stephen ewig dauern wird.

Wie in Trance berühren meine Finger die Saiten, eine zaghafte Geste, eine stumme Bitte an das Schicksal, das es bislang immer so gut mit 'Lucky Jack' Aubrey meinte, ihn auch dieses Mal nicht im Stich zu lassen. So darf es nicht enden! Nicht durch einen dummen Unfall...

Wenn ich nicht genau wüßte, daß er im Krankenrevier liegt und um sein Leben kämpft, könnte ich mir einbilden, ihn zu sehen. Er nimmt mir gegenüber Platz, behandelt das Instrument mit demselben Geschick, das für gewöhnlich seinen Patienten zuteil wird.

Ach, Stephen...

Captain und Arzt, Soldat und Wissenschaftler, draufgängerischer Abenteurer und skeptischer Forscher...so nahe wir uns auch stehen, trennen uns doch manchmal Welten. Zu oft sprechen wir verschiedene Sprachen, zu oft rettet uns nur die Basis der Freundschaft vor einer Auseinandersetzung, die wir beide bereuen würden.

In der Musik überwinden wir unsere Differenzen...genaugenommen sind es unsere Differenzen, wegen denen wir uns in der Musik so gut ergänzen.

Die Stimme der Violine klänge einsam und verloren ohne die Begleitung durch das Cello; die kapriziöse Violine (*ich*) würde zu leicht den eigenen Launen erliegen, gäbe es da nicht die ruhige Zweitstimme des Cellos (*dich*), die für Stabilität sorgt, die Melodie harmonisch werden läßt.

Was wenn nach dieser Nacht die Saiten auf ewig zum Schweigen verdammt sind?

Vorsichtig nehme ich die Violine zur Hand, will den Bogen ansetzen und den Saiten den ersten Ton entlocken, da verläßt mich der Wille. Wenn ich jetzt die Augen öffnete und auf das Blatt schaute...würde ich die Noten klar sehen können oder nur verschwommen?

Ich soll es nie erfahren.

Drei Glasen und ein Klopfen an der Tür.

"Captain, Sir..."

Rasch lege ich das Instrument beiseite und fahre mir mit der Hand über die Augen. Sie bleibt wider Erwarten trocken, mein Blick ist klar. "Was ist, Tom?"

First Lieutenant Pullings tritt zögernd ein, den Hut in den Händen. "Es ist Dr. Maturin, Sir. Sein Zustand verschlechtert sich zunehmend. Mr. Higgins läßt ausrichten, daß, wenn operiert werden soll, es bald geschehen muß."

Die Entscheidung liegt bei mir, Stephen. Handele ich als Captain oder als dein Freund, als Soldat der Krone oder als der Mann, der seinen engsten Vertrauten nicht verlieren will, einen Mann, der ihn besser kennt als sonst jemand unter dieser Sonne...?

Verfolgung der Beute...oder Rettung eines Lebens.

"Wir müssen ihn an Land bringen, noch bevor es dunkel wird. Mr. Higgins soll alles für die Operation mitnehmen. Und informieren Sie Mr. Allen und Hollar, daß wir eine Weile auf der Insel bleiben werden."

Selten ist mir eine Entscheidung leichter gefallen.

 

Die Violine könnte das Schweigen des Cellos nicht ertragen.

 
Ende

 
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