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Sonnenwende© by Birgitt (), Dezember 2003
Will Scarlet murmelte leise Flüche, als er sich seinen Weg durch den Wald suchte. Er rannte in einer Art Wolfstrott, mit einer mäßigen, jedoch regelmäßigen Geschwindigkeit, die er mühelos für Stunden würde durchhalten können. Wie er es bereits seit Stunden getan hatte. Kurz nach Mittag hatte er Lichfield verlassen. Bald würde er auf einen Hauptweg zurückkehren müssen. Die Nacht im Wald bei diesem Wetter zu verbringen, wäre reiner Selbstmord. Gegen alle Warnungen seines Bruders, Amos, und dessen Freunden und vor allen Dingen gegen sein eigenes besseres Wissen hatte er die Stadt verlassen, in der er die zurückliegenden Tage verbracht hatte. Das Wetter war seit einigen Tagen grauenhaft; ein unablässiger Regen hatte die Wege in wahre Matschlöcher und die Stimmung der Menschen in unverhohlene Aggressivität verwandelt. Amos' Wirtshaus hatte unter etlichen sinnfreien Streitereien und Kämpfen gelitten. Es war ein mittleres Wunder, daß sich Will aus allen Streitigkeiten herausgehalten hatte. Nicht, daß er ein wenig Übung im Faustkampf nicht genossen hätte, hatte aber befürchtet, es könnte bei seiner derzeitigen Verfassung damit enden, daß er jemanden umbrachte. So hatte er sich darauf beschränkt, in einer Ecke der Taverne zu sitzen, über einem Krug abgestandenen Bieres brütend. Nicht mal das Trinken war eine Möglichkeit gewesen, seine Laune zu heben. Niemals zuvor hatte Will Scarlet so sehr gefürchtet, die Kontrolle zu verlieren, wie in diesen Tagen. Gestern am späten Nachmittag hatte der Regen ausgesetzt und eine eisige Kälte Einzug gehalten. Amos hatte lautstark den Mangel an Feuerholz beklagt, das trocken genug wäre, das Gebäude zu heizen, ohne es in einen einzigen Kamin zu verwandeln. Seine Gäste hatten auch geflucht, dennoch hatten sie das verrauchte Wirtshaus bevölkert. Die Alternative - zu Hause bei einer nörgelnden Frau und jammernden Kindern zu bleiben - war undenkbar. Unglücklicherweise hatte das scheußliche Wetter zu viele Männer zu zuviel Freizeit verdonnert. Sobald der himmlische Niederschlag aufgehört hatte, hatte Will entschieden, diesen gottverdammten Ort zu verlassen und endlich nach Sherwood zurückzukehren. Nicht, daß er sich darauf freute, seine Freunde in irgendeiner nahen Zukunft wiederzusehen, aber noch länger in Lichfield zu bleiben, kam keinesfalls in Frage. Amos hatte ihm Arbeit angeboten, doch Will hatte ihm lediglich ins Gesicht gelacht. "Such dir jemand anderen, der deine dreckige Arbeit macht. Ich mag immer noch ein Raufbold und Schläger sein, aber ich werde nicht dein verdammter Schläger sein. Du mußt einen anderen Idioten finden, der die Hintern deiner ehrbaren Gäste tritt, wenn sie nicht zahlen wollen oder können." Nein, höchste Zeit, daß er die Stadt hinter sich ließ. In den letzten Jahren hatte sich die relativ beschauliche Ansiedlung zu einem lauten und unfreundlichen Ort entwickelt, dank des Kirchenbaus. Lichfield war zu einer Stadt geworden, die niemals zu schlafen schien. Die Monate, die Will im Wald gelebt hatte, hatten ihn empfindlich gemacht, so daß er sich nicht länger in solcher Umgebung wohl fühlte. Und Amos' Entscheidung, sich hier niederzulassen, hatte er nie ganz verstanden. Nun, die Verlockungen schnellen und sicheren Geldes...
Trotz der Aussicht auf einen baldigen Abschied hatte es eine ziemliche Menge an Bier gebraucht, bis er letzte Nacht hatte einschlafen können. Und so wachte er am späten Morgen auf, mit wahnsinnigen Kopfschmerzen, die sein Hirn marterten und seinen Blick trübten. Mit einem Stöhnen schloß er wieder die Augen und döste nochmals für einige Stunden ein. Als er endlich in der Lage war aufzustehen, ohne daß er Gefahr lief, sich bei ohnehin schon leerem Magen übergeben zu müssen, zog er die Stiefel an und stolperte ins Freie; die eisige Luft ließ ihn nach Luft schnappen. Er tauchte seinen Kopf in eiskaltes Wasser, das er aus dem Brunnen gezogen hatte, nur um eine Sekunde später prustend, zitternd und mit wiedergefundener Kraft fluchend wieder hochzukommen. Erneut beugte er sich vor und trank gierig aus dem Eimer, bis sein brennender Durst ein wenig befriedigt war. In Wills Kopf pulsierte immer noch der Schmerz, doch zumindest konnte er nun klar sehen. Voll Ekel schaute er an sich hinab und knurrte verächtlich. Hemd und Hosen waren befleckt und der Geruch war fast nicht auszuhalten. Zurück in der kleinen Kammer, die er mit seinem Bruder teilte, zog sich aus; die Kleidung schmiß er auf den Boden. Er hatte sich die Sachen von Amos geliehen. Soll er sich doch drum kümmern. Nochmals ging er hinaus, schrubbte sich schnell, aber so gründlich wie er es bei der beißenden Kälte ertrug. Wieder im Haus ging Will zu einer großen hölzernen Truhe am anderen Ende des Schlafraums und öffnete sie, zog ein Laken und seine eigenen Sachen heraus, die gesäubert und sorgfältig gefaltet waren. Auf den Stapel plazierte er sein Schwert, das er ebenfalls in der Truhe deponiert hatte, nachdem er vor knapp einer Woche in die Stadt gekommen war. Es hatte nicht Not getan, den Leuten mit der Nase darauf zu stoßen, was er war. Ein Dolch war genug, um sich in Lichfield zu schützen. So war es immer gewesen. Rasch trocknete er sich ab und zog sich an, fühlte sich erst wieder ganz, als er Dolch und Schwert umgeschnallt hatte. Er hatte Bogen und Pfeile in Sherwood gelassen, nicht sicher, ob er jemals zurückkehren würde. Nun vermißte er das vertraute Gewicht dieser Waffen, zum ersten Mal, seit er dem Ort, den für zu kurze Zeit als Zuhause betrachtet hatte, den Rücken zugedreht hatte. Gedankenverloren kratzte er sich das Kinn, das mit rotblonden Stoppeln bedeckt war. Er hatte unbedingt eine Rasur nötig, doch im Moment wollte er nur raus aus der Stadt. Der Gestank in den Straßen und Häusern, der Lärm der Menschen und Tiere, die auf engstem Raum - zu eng für Wills Geschmack - zusammenlebten, all das machte ihn krank bis ins Innerste. Selbst der Gedanke an seine Freunde - oder sollte er sagen ehemaligen Freunde? - konnten die tiefe Sehnsucht in ihm nicht mindern. Er mußte zurück in den Wald, egal, ob für immer oder nur für einen endgültigen Abschied. Schwerfällig setzte er sich auf seine Schlafstätte, die Spitze des Schwertes kratzte über den steinigen Boden. Er zog es aus der schmucklosen Scheide, folgte mit dem rechten Zeigefinger den feinen Mustern, die sich selbst in dem schwachen Licht der Kammer zeigten. Zu viele Erinnerungen. Zu viele Erinnerungen an die Träume, die er mit der Waffe verbunden hatte. Zu viele Erinnerungen, um das Schwert einfach aufzugeben und durch ein anderes zu ersetzen. Er nahm die Waffe auf, sein Griff fest und sicher, wie immer wurde das Schwert ein Teil von ihm. Sherwood zu verlassen war die Tat eines Feiglings gewesen. Nun würde es ein Akt der Tapferkeit sein, zurückzukehren und sich den Konsequenzen seines Verhaltens zu stellen. Er würde alle Kraft brauchen, die in ihm war. Und wenn es einen seelenlosen Gegenstand brauchte, um diese Kraft zu finden, wäre er der letzte, der sich diese Hilfe versagte. Will schloß die Augen und ließ das Schwert los, das klappernd auf den Boden rutschte. Er stützte den Kopf in seine Hände. Der Kopfschmerz hatte nachgelassen, war nur noch ein leichtes Pochen; er war sicher, es würde aufhören, sobald er ins Freie kam. Oder spätestens, wenn er die Wälder außerhalb Lichfields erreichte. Seufzend öffnete er die Augen, stand auf und schnappte sich die Waffe, schob sie zurück in die Scheide. Er legte sich den wollenen Umhang um und verließ die Kammer, ohne zurückzublicken. Eine Minute später war er auf seinem Weg aus Lichfield. Sein Bruder würde einen Abschied nicht erwarten; er wußte, daß Will die Absicht hatte zu gehen, und Will hatte keine Lust darauf, sich von einem Haufen Stadtleuten erklären zu lassen, daß der Winter nicht die Zeit zum Reisen wäre, oder schlimmer, daß dies die Jahreszeit wäre, wo man zu Hause bleiben sollte. Es waren nur noch zwei Tage bis zur Sonnenwende. Zu Hause bleiben! Will grinste. Lichfield war nie ein Ort gewesen, den er als Zuhause betrachten konnte. Jetzt erst recht nicht. Er sah sich um. Die meisten Hütten waren schon festlich geschmückt, nicht nur für die Feiern, sondern auch als Schutz gegen all die Geister, die immer noch in den Köpfen der Menschen spukten, trotz der Anstrengungen der Kirche, die alten Götter und den alten Glauben durch das Christentum zu ersetzen.
Will verließ die Stadt, ohne aufgehalten zu werden. Nur ein paar neugierige Blicke folgten ihm. Wahrscheinlich kannten die Leute den jüngeren der Scathlockbrüder gut genug, um sich herauszuhalten. Besonders wo er jetzt das Schwert offen trug. Stunden später hatte er gute Fortschritte auf dem Weg noch Sherwood gemacht, doch mehr und mehr ergriff die Kälte Besitz von ihm, trotz der Bewegung. Es war einfach nur lächerlich, daß er so heftig zitterte, während der Schweiß Gesicht und Rücken herunter rann. Er würde bald Halt machen und einen Platz zum Übernachten finden müssen. Auf keinen Fall könnte er die Nacht durch laufen. Er war bereits zweimal gestolpert und hatte so eben noch einen Sturz vermeiden können. Es gefiel ihm gar nicht, die Hauptwege zu nutzen, aber er hatte keine Wahl, wenn er vor Einbruch der Dunkelheit eine Unterkunft finden wollte. Wenn er sich richtig erinnerte, sollte er ein kleines Gasthaus innerhalb der nächsten zwei Stunden erreichen. Das Zittern wurde jede Minute schlimmer und seine Kopfschmerzen waren wieder so stark wie am Morgen. Will fürchtete, daß die Erkältungswelle, die in Lichfield grassiert hatte, ihn erwischt hatte. Er fühlte sich kraftlos und sein beständiger Trott war mittlerweile nur noch ein einziges Stolpern. Er mußte stehenbleiben, lehnte sich an einen Baum und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Er rieb sich die verschwitzte Stirn. Sein Atem wurde zu einem schmerzhaften Hustenanfall. Hinsetzen durfte er sich nicht. Es war zu kalt. Wenn er über Nacht draußen war, würde er erfrieren. Er zwang sich, weiter zu laufen. Zu stolpern, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. Sein linker Fuß verfing sich in einer Wurzel und Will ging zu Boden. Er hob den Kopf und versuchte, seine Umgebung in der zunehmenden Dunkelheit auszumachen. Nichts. Nein, warte! Da war ein Licht, etwas weiter den Weg hinab. Muß die Taverne sein. Das muß sie sein!
Später konnte sich Will nicht erinnern, wie er die Kraft gefunden hatte, wieder aufzustehen, aber irgendwie schaffte er es erst auf die Knie, dann auf die Füße. Er betete zu all den Geistern, die bereit waren, ihm zu helfen, und schleppte sich weiter, konzentrierte sich auf das Licht. Wenn es nur eine Einbildung war, würde er sterben. Aber zum Sterben war er nicht bereit, noch nicht. Nicht, solange es Dinge gab, die er erledigen mußte. Ich muß zurück. Er wiederholte es immer und immer wieder, klammerte sich an diese Worte, als wären sie eine hilfreiche Hand, die ihn in Sicherheit brachte. Als er endlich die Lichtquelle erreicht hatte, starrte er ungläubig auf das kleine Gebäude, das nicht mehr als eine Hütte zu sein schien. Zwei Schritte weiter und er wäre an der Tür. Aber er konnte nicht einen Zentimeter weiter. So ließ er sich fallen, er fiel nach vorn und sein Kopf knallte gegen die Tür der kleinen Taverne, mitten im Niemandsland.
***
Mit einem Schrei auf den Lippen setzte Will sich auf, sein Verstand war immer noch gefangen in dem Alptraum, der ihn seit ewigen Zeiten zu jagen schien. Die Welt drehte sich nun um ihn und unwillkürlich griff er sich an den Kopf, versuchte so vergeblich das Drehen anzuhalten. Er unterdrückte ein Stöhnen und sank mit wieder geschlossenen Augen zurück in überraschend weiche Kissen. Wo war er? Auf keinen Fall in Sherwood. Wieder versuchte er, die Augen zu öffnen, mit dem gleichen Ergebnis wie zuvor. Seine Umgebung tanzte vor seinen Augen, mal mehr oder weniger klar erkennbar. Verdammt! Will preßte die Ballen auf die Augen, versuchte, Traum und Realität auseinander zu halten. Seine letzte Erinnerung war, daß er durch Sherwood hetzte, Söldner des Sheriffs auf seinen Fersen, er selbst ohne Waffen. Nein, das war bestimmt ein Traum gewesen - so etwas war nie passiert. Noch nicht. Warte mal! Du warst in Lichfield. Erst vor ein paar Stunden. Und dann bist du gegangen. Er ließ die Hände sinken und blinzelte mehrmals. Ja, er war auf dem Weg zurück nach Sherwood gewesen. Und jetzt... Er mußte das Bewußtsein verloren haben. Abrupt drehte er den Kopf, als plötzlich eine Gestalt in den Raum trat. Sie trug ein Tablett und schloß die Tür hinter sich. Als sie näher kam, erkannte Will im Kerzenschein einen Jungen im Alter von vielleicht zwölf Jahren, der ihn angrinste. "Mutter wird froh sein. Vater hat gewettet, daß du stirbst, aber sie war sicher, daß du es nicht tust. Ich bin froh, daß sie recht hatte." Automatisch suchte Will nach seinen Waffen, realisierte jetzt erst, daß er unter den Decken völlig nackt war und daß seine Sachen nirgendwo zu sehen waren. "Ja, ich auch. Tut mir leid, deinen Vater enttäuschen zu müssen." Sein junger Besucher kicherte. Will entschloß sich, die naheliegenden Fragen zu stellen. "Wo bin ich? Wer bist du?" "Neil. Und du bist bei uns." Er grinste wieder. "Mutter hat mir aufgetragen, dir dies zu bringen. Es ist nicht viel. Wie immer im Winter", fügte er entschuldigend hinzu. "Es gibt nicht viele Reisende auf den Straßen." Das klang fast wie ein Vorwurf. "Ich wollte zur Sonnenwende Zuhause sein", entgegnete Will, ohne zu wissen warum. Normalerweise rechtfertigte er seine Handlungen nicht, schon gar nicht gegenüber Kindern. Neil strahlte und nickte. "Sonnenwende ist ein schöner Feiertag. Mutter spart immer ein paar besonders schöne Äpfel auf, manchmal etwas Butter und Rosinen, um sie zu füllen. Und es gibt immer ein Feuer in der Sonnwendnacht. Ich kann morgen abend kaum abwarten." Ein leichter Schauder durchlief ihn und Will fragte sich, wenn er seine letzte Mahlzeit gehabt hatte. "Ich bin nicht hungrig", log er und deutete auf die Schüssel, die Neil gebracht hatte. Er wollte nur weg. Allein der Gedanke, während der Sonnwendnacht bei einer Familie zu sein, ließ ihn zittern. Vermutlich sangen sie all diese bitter-süßen Lieder. Neil besah sich das Tablett, das er immer noch in Händen hielt. "Es ist sehr gut", sagte er langsam. "Iß du es." Als Neil nicht reagierte, setzte Will nach. "Ich sage deiner Mutter nichts. Mach schon." Er lehnte sich zurück und beobachtete Neil, wie er das Tablett auf den Tisch neben dem Bett abstellte. In wenigen Minuten hatte er die Suppe verschlungen. Will nahm sich von dem Wasser, das ebenfalls auf dem Tisch stand, versuchte, den köstlichen Geruch der Suppe zu ignorieren und auch das Grummeln in seinem Magen. Neils Gesicht war leicht gerötet, als er den letzten Rest der Mahlzeit gegessen hatte. Unsicher lächelte er Will an und der kam ihm zu Hilfe. "Wo sind meine Sachen und mein..." Er brach ab. "Dein Schwert? Vater hat es. Er wollte nicht, daß ich es anfasse. Oder den Dolch." Will konnte ihm seine Enttäuschung ansehen. Mit seiner linken Hand strich sich Neil eine dunkle Locke aus der Stirn. Nach einer kurzen Pause wurde die Neugierde offensichtlich zu viel für ihn. "Bist du Soldat? Wie ist dein Name?" Will schüttelte den Kopf. "Sie nennen mich Will. Und nein, Soldat bin ich nicht. Wo ist dein Vater?" "Er bereitet den Stamm vor. Und Mutter schmückt den Wohnraum." Will war mehr und mehr überzeugt, daß er so bald wie möglich aufbrechen mußte, bevor er sich noch in den Festlichkeiten dieses Hauses verstrickte. "Ich muß fort. Kannst du mir meine Sachen bringen?" Morgen war Sonnwendabend, hatte Neil gesagt. Wenn er nur einen halben Tag verloren hatte, konnte er es noch rechtzeitig nach Sherwood schaffen. An dem fahlen Winterlicht, das durch die geschlossenen Läden fiel, konnte er die Zeit des Tages unmöglich schätzen. "Ich gehe und hole Mutter. Sie hat gesagt, du mußt im Bett bleiben", warnte Neil. Er betrachtete Will, als fürchtete er, daß Will gegen den Willen seiner Mutter handeln würde und daß er - Neil - dafür verantwortlich gemacht wurde. "Dann hol sie her, Neil." Will lächelte den Jungen an. "Ich verspreche, ich rühre nicht einen Finger." Neil grinste, offensichtlich erleichtert. Im nächsten Moment war er aus dem Raum, ließ die Tür weit offen. Will schloß die Augen, zog die Decken hoch, um sich gegen die Kälte zu schützen. Er erwachte, als eine kühle Hand seine Stirn befühlte. Wieder schreckte er hoch und blinzelte. Eine junge Frau lächelte ihn an. "Kein Fieber mehr. Du hast Glück. Wer immer du bist." Ihr Lächeln wurde breiter. Neil war neben ihr, hüpfte auf und ab. "Sein Name ist Will. Und er ist kein Soldat." Neils Stimme kippte fast. "Shhhh, Neil. Und hör auf mit dem Hüpfen." Neil zuckte mit den Schultern, gehorchte aber. Er setzte sich auf den Rand des Bettes, nahm sich in Acht, daß er Will nicht berührte. "Du hast wirklich Glück", wiederholte Neils Mutter. "Glück, daß du es bis zu unserer Tür geschafft hast und stark genug bist, das Fieber in so kurzer Zeit zu überstehen." "Danke für eure Gastfreundschaft. Ich kann zahlen--" Er brach ab. Diese Leute hatten all seine Sachen. Seine Kleidung, seine Waffen und seine Börse. Mit Glück kam er lebend hier raus... Verdammt! Er hatte keinen Grund, mißtrauisch zu sein. Diese Leute hatten ihn gerettet. Dennoch-- Die Frau unterbrach seine Gedanken. "Mach dir darüber jetzt keine Sorgen. Du mußt noch ruhen. Jetzt nachdem du gegessen hast, solltest du mehr Schlaf haben." Will schüttelte den Kopf, entschlossen, hier wegzukommen. "Nein, ich muß jetzt gehen. Bringst du mir meine Sachen?" Sie hob eine Augenbraue und studierte sein Gesicht. Schließlich seufzte sie. "Ich glaube, ich kann deinen Entschluß nicht ändern. Nun, es ist deine Gesundheit, die du aufs Spiel setzt. Neil wird dir deine Sachen bringen und ich sage meinem Mann Bescheid. Er hat die Sachen eingeschlossen." Sie deutete mit dem Kopf in Neils Richtung, der aufsprang, und aus dem Raum jagte. "Ich verstehe. Du hast nichts zu fürchten. Ich habe keine bösen Absichten." Sie nickte und wandte sich zum Gehen. Er ergriff ihr Handgelenk. "Wie ist dein Name?" "Nancy. Nancy Payne. Dies ist der Blinde Eber, auf der Straße nach Derby. Zwölf Meilen vor der Stadt." Will seufzte. Er hatte lang gebraucht, um es hierher zu schaffen. Es war noch ein weiter Weg vor ihm. "Wie lange habe ich geschlafen, Mistress Payne?" "Die ganze Nacht, weit bis in den Morgen. Es ist noch Zeit bis Mittag." Will grinste; das sollte ihm genug Zeit geben. Wenn er sofort aufbrach, würde er morgen Nachmittag in Sherwood sein können. "Ich brauche Vorräte. Habt ihr etwas, das ihr mir überlassen könnt? Gegen Bezahlung?" Er verfluchte seine Gedankenlosigkeit, daß er nichts aus Lichfield mitgenommen hatte. Doch sein Abschied war mehr Flucht denn Aufbruch gewesen. Nach einem kurzen Moment des Zögerns nickte sie. "Ich werde meinen Mann bitten, dich bis Burton oder sogar Derby zu bringen. Mit deinem Geld wirst du dort--" Will hob die Hand und unterbrach sie. Er würde nicht riskieren, sich in einer Stadt sehen zu lassen, nicht allein und schon gar nicht in der Gesellschaft des Tavernenbesitzers. Er konnte Sherwood in eineinhalb Tagen erreichen und er plante, die kommende Nacht in einem Stall zu verbringen, ohne daß der Eigentümer davon wissen mußte. "Nein, gebt mir nur, was ihr entbehren könnt, und ich bezahle euch. Dein Mann kann eure Vorräte mit dem Geld aufstocken, wann immer er will. Ich gehe allein. Nicht nötig, ihn zu belästigen." "Wie du willst." Sie senkte kurz ihren Kopf und lächelte ihn dann wieder an, ihr blasses Gesicht leuchtete etwas auf und ihre Augen funkelten. Bevor sie noch etwas sagen konnte, kam Neil zurück, beladen mit Wills Sachen. Die beiden Paynes zogen sich zurück, damit Will sich anziehen konnte.
Er stand etwas wacklig auf den Beinen, aber er würde klarkommen. Das Verlangen, seinen Weg fortzusetzen, war so übermächtig, daß es die körperliche Schwäche wettmachte. Es schien, als wäre das Fieber der letzten Nacht durch ein anderes Brennen in seiner Seele ersetzt worden. Mit etwas zu essen und einer Decke sollte er es bis Sherwood schaffen. Als er in den Wohnraum trat, wurde er von dem Duft verschiedener Kräuter, Blumen und Baumzweige beinahe überwältigt. Er schüttelte den Kopf, um den Schwindel loszuwerden. In der nächsten Sekunde war ein Mann an seiner Seite, griff seinen Arm. "Bist du in Ordnung?" Will nickte langsam. "Ja, danke. Mir geht es gut." Trotz seiner Worte ließ der Mann ihn nicht los. Will machte sich vorsichtig frei. "Ich bin Bryan Payne, der Besitzes des Ebers." Er nickte in Richtung des Tisches, der in der Mitte des Raumes stand. Wills Waffen lagen darauf. "Es tut mir leid, daß ich sie dir wegnehmen mußte, aber ich konnte Neil nicht trauen, daß er sie nicht anrührt." Payne war etwas kleiner als Will, sah aus wie eine ältere Ausgabe seines Sohnes. Will legte die Waffen an, jede Bewegung vertraut. "Kein Grund, sich zu entschuldigen. Kein Junge seines Alters sollte solche Dinge anfassen müssen." Neil saß am anderen Raumes bei seiner Mutter; sie unterhielten sich leise und banden Blumen und Zweige, vermutlich bereiteten sie den Kranz für morgen Abend vor. Will ging zu ihnen und schüttelte Neils Hand. "Danke, Neil. Ich werde nicht vergessen, was du und deine Familie für mich getan habt." Neil nickte eifrig und grinste ihn an. Als Will sich an seine Mutter wandte, bückte sich Mistress Payne und ergriff ein ziemlich dickes Bündel, das zu ihren Füßen lag. "Ich hoffe, dies wird dir auf deiner Reise von Nutzen sein." "Das wird es. Habt ihr eine Decke, die ihr mir überlassen könnt?" "Du willst doch nicht draußen übernachten?", rief sie aus. Er lachte leise. "Nein, vor habe ich es nicht, aber es ist besser, auf das Schlimmste vorbereitet zu sein. "Nancy, ich hole sie." Payne ging aus dem Raum und kam etwas später mit einem länglichen Bündel zurück. Als er es Will reichte, hielt er inne. "Ach ja, natürlich. Das Geld." Will fummelte mit seiner Börse und leerte ihren Inhalt auf den Tisch. "Ich hoffe, es ist genug. Es ist alles, was ich habe." Payne besah sich den kleinen Haufen Münzen. "Das ist zu viel, viel zu viel. Vielleicht die Hälfte--" Will unterbrach ihn. "Wo ich hingehe, brauche ich kein Geld. Ich schulde euch mehr als das." Er meinte, was er sagte. In diesen verrückten Zeiten konnte er froh sein, daß er noch am Leben war. Viele Leute hätten kaum Skrupel gehabt, ihn zu töten und seine Leiche loszuwerden, um an das Geld und die Sachen zu kommen. Er machte das kleinere Bündel an seinem Gürtel fest und schulterte die Decke. Er hob die Hand zum Abschied und trat aus der Tür. Er sog die kalte Luft ein, froh wieder draußen zu sein. Ja, das war der Ort, wo er hingehörte. Er öffnete das Bündel mit dem Essen, holte ein Stück Brot heraus. Die erste Gelegenheit, den Hauptweg für einen überwachsenen Waldweg aufzugeben, würde er wahrnehmen. Er freute sich auf diese Reise, wenn schon nicht auf das, was an ihrem Ende auf ihn wartete. Es war besser, diesen Teil seiner Zukunft zu ignorieren.
***
Will hatte länger gebraucht, als er erwartet hatte, in den Teil von Sherwood zu gelangen, wo sie sich vor der ständigen Verfolgung des Sheriffs versteckten. Es war bereits dunkel und er dankte den Göttern, daß sie sich in endlosen Stunden geschult hatten, den Weg auch mit verbundenen Augen zu finden. Oder mitten in der Nacht. Will war sicher, er würde Robin und die anderen in der Höhle finden, die sie bereits vor Monaten vorbereitet hatten. Der perfekte Ort, den Winter zu überleben. Die Höhle hatten sie mit getrockneter Nahrung und Feuerholz ausgestattet, und sie befand sich in der Nähe eines Baches, so daß sie sich wegen frischem Wasser nicht zu sorgen brauchten. Sie hatte sogar einen natürlichen Kamin, der den Rauch eines kleinen Feuers nach draußen lassen würde. Als er sich der Höhle näherte, fragte er sich, wer heute nacht die Wache haben würde. Es war unwahrscheinlich, daß der abergläubische Haufen von Soldaten es wagen würde, in einer solchen Nacht auch nur in die Nähe Darkmeres zu kommen, aber bei de Rainault wußte man nie. Diesem verdammten Normannen waren die Ängste seiner Leute ziemlich egal, wenn etwas seinem Vorteil diente. Also würde Robin kein Risiko eingehen und einen besonders wachsamen Gesetzlosen wählen, um nach möglichen Gefahren Ausschau zu halten. Will tippte auf Nasir. Zudem hatte Will seine Zweifel, daß der Sarazene ein großes Interesse an der Sonnenwende hatte. Er wäre die beste Wahl. Er irrte sich nicht. "Scarlet", sagte eine ruhige Stimme plötzlich hinter ihm. Will wirbelte herum. Verdammt, der Kerl war gut. Nasir hatte ihn aufgespürt, ohne ein einziges Geräusch zu verursachen. "Nasir", antwortete er, ebenso ruhig, und starrte in die Dunkelheit. Nasir brauchte nicht zu wissen, daß er Will durch sein plötzliches Auftauchen erschreckt hatte. Nach ein paar Augenblicken konnte er die Konturen des Mannes ausmachen, der dicht vor ihm stand. Zu dicht und er trat einen Schritt zurück; es war ihm gleich, welchen Eindruck das auf Nasir machte. Nasir hob seinen rechten Arm und Will erkannte, daß er einen Dolch in der Hand hielt. "Was jetzt? Bringst du mich um?", fragte er mit einem humorlosen Lachen. Er war sich immer noch nicht sicher über Nasirs Absichten, war es nie gewesen, seitdem Nasir sich nach de Bellemes Tod Robin angeschlossen hatte. Zudem mußte Will zugeben, daß die Art und Weise, wie er selbst vor ein paar Wochen seine Freunde verlassen hatte, kein gutes Licht auf ihn warf. Sein Streit mit Robin über die Entscheidung, auf eine einsame Jagd zu gehen, hätte wahrscheinlich in einem Kampf geendet, hätte Marion nicht eingegriffen. Einsame Jagd. Persönlicher Kreuzzug. Im Nachhinein war es nichts anderes als die fixe Idee eines Dummkopfs gewesen. Und wenn eines feststand, dann daß Robin keine Dummköpfe brauchen konnte, die die Sicherheit seiner Leute gefährdeten. Die Zeit verrann und Will begann zu schwitzen. "Worauf wartest du noch? Ich bin nicht zurück gekommen, um mit einem einstigen Freund zu kämpfen." Nasir senkte den Arm. Will atmete langsam aus. "Danke für das Willkommen", grinste er. Ohne Wirkung, denn Nasirs Gesichtsausdruck blieb unbewegt wie immer. Will seufzte. "Die anderen?" Er wollte nur noch ins Warme und nach seinem langen Weg hatte er alle Lust an Spielchen verloren. "In der Höhle. Du kennst den Weg." Damit verschwand Nasir wieder in der Dunkelheit, so leise wie er vor ein paar Minuten aufgetaucht war. Will atmete nochmals durch und lief weiter. Nasir war die Verkörperung von Gefahr. Er war froh, daß er diesen ersten Test überstanden hatte; es hätte schlimm enden können.
Die Höhle war von dicken Büschen verborgen, um so eine zufällige Entdeckung des Eingangs zu verhindern. Es war das vollkommene Versteck. Will kämpfte sich durch die Büsche, riß sich mehrmals die Haut an Dornen und stolperte schließlich in den Höhleneingang, leise fluchend. Hier drinnen war es dunkel und für einen Augenblick vermutete Will, daß Robin und die anderen bereits schliefen. Aber dann hörte er den Ruf, "Wer ist da?" Im nächsten Moment vernahm er ein kratzendes Geräusch und dann wurde er geblendet von der Flamme einer Fackel. Er hielt die Hand vor Augen und murmelte, "Ein Freund natürlich oder euer Zerberus hätte mich bereits getötet." "Will!", rief eine Stimme aufgeregt und eine kleine Gestalt umarmte ihn heftig. "Du bist zurück." "Ja", sagte er trocken. "Bin ich." Er befreite sich aus der Umarmung. "Schön dich zu sehen, Much. Und? Hast du inzwischen ein paar Soldaten umgebracht?" Much schüttelte den Kopf, sein Gesicht knallrot, und Will lachte, fuhr Much dabei durchs kurzgeschorene Haar. "Also hat sich nichts verändert, was?" Bevor Much antworten konnte, wurde er von einer Pranke zurückgezogen und eine riesige Gestalt baute sich vor Will auf. "Ahhh, hallo, John! Wieder ein Stück gewachsen?" "Halt's Maul, Scarlet. Daß du dich wieder hierher traust, nach dem, was du getan hast..." Er schubste Will zurück, mit einer leichten Bewegung seiner rechten Hand. Will hustete, um seine Verlegenheit zu verbergen. "Eine frohe Sonnwendnacht auch dir, John." John knurrte, aber bevor Will das Weite suchen konnte, erklang ein Befehl, der John innehalten ließ. "Lass ihn in Ruhe. Ich will eine Erklärung, bevor du ihm das Genick brichst." Nett, Robin, wirklich nett. Zurückzukommen war wirklich eine brillante Idee. Will drehte sich zu seinem Anführer um. Ehemaliger Anführer, korrigierte er seine Wortwahl. "Du kommst gerade Recht, um unsere Meditationen zu stören", stellte Robin fest. Will wunderte sich wieder einmal über Robins Fähigkeit, auf ihn hinab zu sehen, ohne daß er auch nur einen Zentimeter größer war. Es hatte ihn immer wütend gemacht. Dieses Mal war keine Ausnahme. Aber seine Rückkehr wäre ein lächerliches Unterfangen, wenn er jetzt den alten Streit wieder aufnehmen würde. Er faßte den Schwertgriff, aber die Stärke, die er jetzt brauchte, kam nicht. "Ich gehe besser. Es war eine blöde Idee, überhaupt erst herzukommen", murmelte er leise. "Genau." Robin nickte. "Blöd ist genau das Wort, das ich gewählt hätte." Will starrte seinen einstigen Anführer und Freund an, sprachlos, unfähig, seine eigenen oder Robins Gefühle einzuschätzen. War sein Verrat so groß und unverzeihlich? Es schien eine Kluft zwischen ihnen zu liegen und die Erinnerungen an glücklichere Zeiten verloren an Farbe und Bedeutung angesichts der Leere und Sinnlosigkeit, die jetzt seine Seele füllten. Er öffnete den Mund für eine letzte Entgegnung, aber das würde nichts ändern. Es tat schon zu sehr weh. Es war nicht nötig, diesen Wahnsinn in die Länge zu ziehen. Er drehte um, ging zurück zum Eingang. "Robin", erklang eine leise Stimme hinter ihm. Marion. Nun, er hätte sich gewünscht, sich von ihr zu verabschieden, aber nun war es zu spät. Er konnte nicht mehr zurücksehen. Doch die leichten Schritte hinter ihm ließen ihn stehenbleiben. Er seufzte. Das Mädchen hatte schon immer seine eigenen Ideen, wie gewisse Angelegenheiten gehandhabt werden sollten. "Will, warte." Sie legte eine Hand auf seine Schulter und er drehte sich um, um dem Unausweichlichen die Stirn zu bieten. "Marion, nicht. Laß es hier und jetzt enden", bat er, obwohl er wußte, daß sie sich ohne eine Erklärung nicht damit zufrieden geben würde. "Du kannst da nicht raus. Nicht in der Sonnwendnacht." Es klang wie ein Befehl. Er lachte leise, streichelte sanft ihre Wange. "Ich habe keine Angst vor dem, was ich draußen finden werde." Marion wirbelte herum und starrte Robin an. Will zog eine Grimasse. Nun war ein einfacher Abgang nicht mehr möglich. Wenn sie jetzt Robin die Schuld gab... "Marion, nicht", wiederholte er. Sie sah ihn an und zu seinem grenzenlosen Erstaunen glitzerten Tränen in ihren Augen. Also hatte sie seine Entscheidung doch akzeptiert. Er schluckte. "Möge Herne dich beschützen." Er betrachtete die Szene vor ihm. Much ballte die Fäuste, wirkte wie ein Zwerg neben John, der einen Arm um seine Schultern legte. Tuck hatte sich zu Robin gesellt, flüsterte ihm ins Ohr, ohne Will aus den Augen zu lassen. Und Robin... Er stand einfach da, sein Gesicht erinnerte Will an die Masken, die die Kinder an Samhain trugen und von denen sie einige den Gesetzlosen vor ein paar Wochen als Geschenke überreicht hatten - eine monströse Verzerrung der Wirklichkeit. All das gehörte zu einem anderen Leben, zu einem anderen Mann... "Herne schütze euch alle." Das war das Schwerste, was er je getan hatte, das Schwerste, was er je tun würde. Er hatte das Gefühl, er tötete einen Teil seines Selbst. Wahrscheinlich den kostbarsten. Nun, das würde er bald erfahren. Nochmals drehte er seinen einstigen Freunden den Rücken zu, der einzigen Familie, die er jemals gehabt hatte. "Will, warte." Gott, wie er sich danach gesehnt hatte, diese Stimme zu hören. Nicht einen eisigen und seelenlosen Befehl. Sondern ein leises Wort von einem Kampfgefährten, einem Seelenverwandten, einem Freund... Er blieb abrupt stehen, fast stolperte er in seiner Hast, einem wahr gewordenen Traum entgegen zu treten. "Will", sagte Robin, seine Augen suchten Wills. Diese Augen waren nicht länger gnadenlos und voller Zorn. "Robin." Will wollte den Mann vor ihm umarmen, aber er wußte, daß er das nicht sollte. Er würde nicht riskieren, den kleinen Hoffnungsschimmer zu löschen, den Robins Stimme in ihm entzündet hatte, indem er jetzt übereilt handelte. Er würde Robin hierin folgen. Wie er einst geschworen hatte, daß er es immer tun würde. Ein Schwur, den er gebrochen und verraten hatte. "Ich kann nicht das Fest des Lichts feiern, wenn diese Sache zwischen uns steht." Genau meine Meinung. Aber Will schwieg. Laß Robin den Weg vorgeben... "Laß uns reden." Will hatte das Gefühl, daß er etwas sagen sollte. Er hatte immer noch Angst, daß es ein Traum war. "Aber die Meditationen--" "--können warten. Ich war noch nie ein Sklave von Traditionen." Robin grinste schief. "Dann laß uns reden", stimmte Will zu und nahm die Fackel, die Marion ihm mit einem strahlenden Lächeln anbot. Er entgegnete das Lächeln, nicht sicher, ob es einen Grund für ihren Optimismus gab.
Sie gingen ans andere Ende der Höhle und Will steckte die Fackel in eine Spalte der Wand. Er warf seine Bündel zu Boden und legte den Gürtel ab. Sie setzten sich auf Decken, die aufgehäuft am Boden lagen. Robin griff nach Wills Waffen, zog das Schwert aus der Scheide. "Dein... Abenteuer war also erfolgreich." Es war eine Feststellung, keine Frage. Will schüttelte den Kopf, zögerte kurz. "Nein, nicht wirklich." "Aber--" "Das Schwert war nur ein Teil eines größeren Ziels." "Eine feine Klinge." Eine vertraut klingende Bemerkung und Will erinnerte sich an die Zeit, als er einen starrsinnigen jungen Gesetzlosen im Kampf mit einer solch wertvollen Waffe unterwiesen hatte. Robin sah auf. "Ich bin trotzdem erleichtert, daß du dein Leben nicht nur für ein bißchen Metall riskiert hast." Wills Nackenhaare richteten sich auf, als er den Sarkasmus in Robins Stimme wahrnahm. "Du weißt besser als jeder andere, daß es Waffen gibt, die... anders sind." Seine Antwort war schärfer, als er beabsichtigt hatte. Nichts hatte sich geändert. Er und Robin waren niemals in der Lage gewesen, sich einfach nur zu unterhalten. Robin errötete leicht. "Albion." "Natürlich Albion. Ich sage nicht, daß dieses Schwert irgendwelche magischen Kräfte hat, aber es hat eine besondere Bedeutung für mich." "Es tut mir leid, Will, ich habe nicht verstanden--" "Nein, hast du nicht. Das war von Anfang an das Problem. Das war der Grund, warum ich mitten in der Nacht aus dem Lager geschlichen bin." Will war wütend - warum mußte es immer so enden? Es würde nicht lange dauern, bis Marion oder Tuck kämen, um sie davon abzuhalten, sich gegenseitig an die Kehle zu gehen. Robin senkte seinen Kopf. "Ich bin dir fast nachgegangen." "Was?" Will fühlte sich, als hätte jemand einen Eimer Wasser über seinem Kopf geleert. "Du hast mich verstanden." Robin sah ihn an und auch der letzte Rest von Wills Zorns verschwand. "Ich kann nicht glauben, was ich gehört habe", murmelte er. Er schwieg für einen Augenblick, nicht fähig, seine Gefühle einzuordnen. "Aber du bist nicht gekommen." Robin lächelte. "Ich kann nicht für den einen das Wohlergehen der anderen aufs Spiel setzen." Will versuchte erst gar nicht, hinter die Bedeutung dieser Worte zu kommen, aus Angst, was er entdecken würde. Also saß er einfach da, starrte Robin an, wartete darauf, daß der Traum endete. Schließlich griff er nach Robins Gesicht. Robin packte seine Hand mit aller Macht, hielt sie umklammert. "Bleib, Will. Zumindest während der Feierlichkeiten." Eine Bitte, kein Befehl. Dies war nicht die Zeit für Befehle. "Die anderen--" "--werden meine Entscheidung akzeptieren. Sie sind dir nicht böse." "Nicht mal John?" Will zog eine Grimasse in Erinnerung an die Begrüßung. "Besonders John nicht. Er ist wütend, daß du überhaupt gegangen bist, aber er wird dich umbringen, wenn du nicht zurückkommst." Will lachte verlegen, immer noch nicht überzeugt. "Ich habe euch im Stich gelassen." "Es ist nichts passiert. Und wir brauchen dich." Robin lauerte auf eine Antwort, aber Will war nicht bereit, das wertvollste Geschenk anzunehmen, das man ihm jemals angeboten hatte. Elenas Liebe ausgenommen. "Laß dir Zeit. Meditiere, feiere mit uns. Dann erwarte ich deine Antwort." Im nächsten Moment war Robin fort, gesellte sich zu den anderen, die wieder ihre Fackeln gelöscht hatten, um das Kommen des Lichts in vollkommener Dunkelheit zu erwarten.
Am Morgen würden sie die blauen und weißen Kerzen entzünden, trinken und essen nach dem Fastentag. Sie würden die kleinen Geschenke als Symbole von Liebe, Freundschaft und Vertrauen austauschen, würden durch das Sonnwendfeuer in eine neue Zeit springen. Will löschte seine eigene Fackel und wartete, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Es brauchte nicht lang, daß er mühelos seinen Platz im Kreise der Freunde fand.
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