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Harry Potter und das Geheimnis von Gairech
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Harry Potter und das Geheimnis von Gairech

Teil 1
© by Kitty ()

 

Disclaimer: Nix gehört mir. Außer... *Fotos auspack und nacheinander auf den Tisch knall* mein Kopf, mein Ausweis, meine Rasselkette und meine Schiffschaukel, in der ich immer Klabauterlieder reime. No punch intented.

Archiv: Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de) auf der Harry-Potter-Seite

 

"And a hero has to be in trouble from the Moment of his birth,
or he's not a real hero." ~ Schmendrick, the Magician
"The Last Unicorn" by Peter S. Beagle
 

 
1. Petunias Geheimnis

 

Die Uhr, die auf seinem Nachttisch tickte, zeigte viertel nach drei an. Durch die Vorhänge schimmerte spärliches Licht der Straßenlaternen und ließ Konturen im Zimmer erkennen. In seinen weit aufgerissenen Augen nahmen diese Konturen schauerliche Gestalten an - hochgewachsene Schatten in langen Kutten, die um sein Bett schlichen wie lauernde Raubkatzen kurz vor ihrem Angriff.

Eine Windböe ließ den Vorhang flattern und Harry schnappte nach Luft.

Ein Traum. Alles nur ein Traum.

Mit dem Ärmel seines Pyjamas wischte er sich über die schweißnasse Stirn und starrte auf den großen Schrank an der Wand gegenüber, der eben noch so bedrohlich auf ihn gewirkt hatte.

Alles nur ein Traum.

Harry zog die Bettdecke höher. Dass er dadurch weiter schwitzte, nahm er in Kauf. Die Decke bot einen Schutz wie eine zweite Haut. So jedenfalls empfand er es.

Hedwig saß in ihrem Käfig und sah ihn aus großen Augen aufmerksam an. Es schien direkt, als wolle ihn die Schneeeule fragen, ob er in Ordnung sei. Harry nickte. "Ich bin okay", sagte er.

Hedwig schuhute leise und plusterte sich auf. Noch immer musterte sie ihn.

Harry seufzte und schloss wieder die Augen. Und obwohl sein Herz noch immer wild gegen seine Brust pochte, noch aufgeschreckt vom letzten Traum, fiel er erneut in einen unruhigen, dunklen Schlaf.

 

Durch waberndes Weiß gestaltenlosen Eintauchens hindurch gelangte er in die Welt des Unterbewussten, die sich nur selten - oder nie - bei Tage zu zeigen pflegte. Zuweilen war sie ein Zufluchtsort, doch manchmal auch die Versinnbildlichung von Hölle und Pein.

Und heute sollte sie - wie so oft in den vergangenen Wochen - Zweites sein.

Harry starrte auf eine Flügeltür, die sich meterhoch vor ihm erhob und die in einen ellenlangen Korridor hinausführte. So endlos, dass er schon beinahe abstrakt wirkte, war er.

Wohin führte er?

Eine Stimme ließ ihn zusammenfahren. Eine volle, laute Stimme, die hinter ihm ertönte. Sie war kalt, laut, klar... Und sie rief seinen Namen.

Langsam und verwirrt drehte Harry sich um - und sah sich in einem gewaltigen Gerichtshof stehen, starrte in gesichtslose Gesichter, spürte emotionslose Emotionen, die ihm entgegenschlugen und fröstelte, als eisige Kälte seinen Rücken entlang kroch, über seine Haut flimmerte - einen Weg durch ihn hindurchsuchend in das Innere seines Körpers, um sein Herz zu erfrieren.

Die, die sich vor ihm erhoben, kannten keine Gnade. Ausdruckslos, doch ausdrucksstark, lebendig und doch tot, starr und doch so schnell.

Gedanken flogen.

Geisteswirrwarr.

Wer waren sie?

Wer waren diese dunklen Gestalten, die da standen, furchteinflößend ihr Leib und ihr Wirken? Schwarz, vollkommen schwarz waren sie, maskiert, so dass nicht ein Stück Haut hindurchschien durch ihre Schwärze. Allein die Augen waren unbedeckt und kalt. Ein kaum deutbares, jeden Zentimeter des erschauernden Leibes erfassendes Grollen aus rauen Kehlen erschallte.

Dunkelwesen.

Ein Gesicht unter den Gesichtslosen erschien - eine grauweiße Fratze, wie ein Hohn inmitten der Finsternis der düstersten Nacht aller Nächte. Ein boshaftes Clownsgesicht, dessen Grinsen von solcher Niederträchtigkeit war, das man glaubte, es allein reiche aus, um Leben sterben zu lassen. Die weiße, spöttische Fratze verzerrte sich unter kehligem, vernichtendem Lachen.

Und das Lachen galt ihm.

Verzweiflung, kalter Wind im Rücken. Harry fühlte sich hilfloser als ein aus dem Nest gefallener Jungvogel, mehr in die Enge getrieben als ein von Jagdhunden verfolgter Fuchs, der nun in die alles zerfleischenden Fänge seiner Häscher starrte.

Es war schlimmer. Jenseits aller Grausamkeit.

Und er musste fort, musste aufwachen aus diesem Alptraum.

Er warf sich herum und rannte los - doch alles geschah wie in Zeitlupe. Langsam, ganz langsam und geschmeidig bewegte er sich, Zentimeter um Zentimeter, während er den Kopf nach vorne in den endlosen Korridor richtete, bloß um noch zu sehen, dass hinter ihm das weißgesichtige Monster der Dunkelheit nach vorne schnellte. - Ja, es schnellte, nichts schien es zu halten, es kam heran wie der Wind, und er, er konnte sich kaum rühren auf seiner Flucht vor dem Wesen in Schwarz. Seine Beine trugen ihn nicht so, wie sie sollten, jegliche Kraftanstrengung nützte nichts, und alle Muskeln schienen zu versagen. Die Bestie war heran, und mit einem Hieb schlug sie ihn zu Boden. Sein Fall war unvermittelt und hart, sein Verweilen in Zeitlupe hatte ebenso schnell und überraschend geendet, wie es begonnen hatte.

Halb ohnmächtig vor Schmerz blickte er auf. Er sah Augen, die direkt durch ihn hindurchblickten, hörte eine Stimme, die fast geräuschlos war, nur ein leises Zischen. Und doch verstand er, was sie sagte.

Und das Gesprochene erfüllte ihn mit einem Gefühl jenseits aller Ängste.

Vollkommen paralysiert starrte er das unirdische Gesicht vor sich an, das aus den Tiefen des Alptraumes zu ihm heraufgestiegen war. Und er fühlte, dass "er" schon immer da gewesen war, er, Lord Voldemort, der heute so nah war wie nie zuvor, ihm sein Gesicht zeigte, ganz unverhohlen.

Und er sah, was nicht sein konnte...

Ewigkeit ist eine lange Zeit, um diese mit Hass im Blick zu verbringen. Doch er, dessen Namen nicht genannt werden durfte, hatte es getan.

Und die Dämonen der Verwirrung und Furcht hatten einen Platz für ihn, weit unter der Erde, wo die Flammenglut jede Seele verbrannte, die nicht war wie "er".

Der maskierte schwarze Tod beugte sich zu Harry hinab, und seine Krallen droschen auf sein Gesicht ein, gaben ihm ein Zeichen, quer über die Stirn, ein rotes, verlaufendes Zeichen des Todes...

Mysterien und Konfusion.

Wo keine Antworten waren, gab es auch keine Fragen...

Ein Zauberstab wurde angehoben und wie ein entferntes Fauchen vernahm Harry die Worte "Avada Kedavra". Gleichzeitig packte ihn etwas grob an den Schultern und riss ihn in die Höhe, in die Schwärze...

 

Mit einem Schrei fuhr er auf, heftig atmend, die Augen weit aufgerissen... - und mit einem breiten, von Zornesröte erfülltem Gesicht direkt vor seiner Nase.

"Hast du den Verstand verloren?", donnerte Onkel Vernon ungehalten los. "Was fällt dir ein, mitten in der Nacht das ganze Haus zusammen zu schreien!"

Obwohl Harry das Grauen des Traumes noch in den Gliedern steckte, konnte er sich des sarkastischen Gedankens nicht erwehren, dass sein Onkel gerade das tat, was er ihm soeben vorgeworfen hatte. Schweigend starrte er ihn an.

Vernon Dursley hatte die Färbung einer überreifen Tomate angenommen - und sah, war er doch ohnehin nicht gerade mit einem nennenswert sichtbaren Hals bestückt, auch sonst so ziemlich nach einer solchen aus.

"Petunia ist ganz aus dem Häuschen!", fauchte er. "Mit deinem Geschrei hast du sie zu Tode erschreckt! Wegen dir Bengel hat sie schon genug Alpträume! - Keinen Mucks will ich jetzt mehr von dir hören, haben wir uns verstanden?"

Er wartete gar keine Antwort ab, sondern wandte sich um, stiefelte aus dem Zimmer und schlug knallend die Tür hinter sich zu. Harry saß noch immer regungslos im Bett. Die kurze Standpauke seines Onkels war mehr oder weniger an ihm vorübergegangen. Nur etwas Gutes hatte sie gehabt, und Harry mochte es nicht wirklich zugeben - aber Onkel Vernonen hatte ihn aus seinem Alptraum befreit.

Er seufzte und warf einen Blick auf die Uhr. Halb vier. Beinahe morgen. Draußen hörte er bereits die ersten Vögel zwitschern. Entschlossen schlug er die Decke zurück und stand auf. Er verzichtete nun mehr als gerne darauf, noch etwas Schlaf zu bekommen. Es war zu wahrscheinlich, dass der Traum wiederkehrte - zu deutlich standen die beängstigenden Bilder noch vor seinen Augen.

Er stieß das Fenster auf und lehnte sich hinaus. Im Osten deutete ein heller Streifen über dem Horizont den baldigen Sonnenaufgang an.

 

Leise schob Harry einen Stuhl heran und setzte sich, nachdenklich auf das Firmament starrend. Seitdem Lord Voldemort einen Körper zurückerlangt und seine Todesser zu sich gerufen hatte, verfolgte ihn diese Nachtmahr. Er brauchte niemanden, der ihm seinen sich ewig wiederholenden Traum erklären musste. Harry wusste auch so um seine Bedeutung. Und dieses Wissen machte ihm Angst. Die kalten, gesichtslosen schwarzen Gestalten im Gerichtshof waren Voldemorts Todesser. Und die weißgraue Fratze, die ihn durch den Korridor jagte, der dunkle Lord selbst. Und das Zeichen...

Harry tastete automatisch nach der blitzförmigen Narbe, die sich über seine Stirn zog.

Ein rotes, verlaufendes Zeichen des Todes...

Seine Eltern, James und Lily Potter, hatten durch Voldemort den Tod gefunden. Nur Harry, geschützt durch die Liebe seiner Mutter, die sich für ihn geopfert hatte, hatte überlebt. Alles, was ihm Voldemort hatte beibringen können, war diese Narbe... und zugleich war seine Macht zerstoben in alle Himmelsrichtungen, als er die Hand an den damals einjährigen Jungen gelegt hatte. Was Harry inzwischen wusste war, dass Voldemort dabei - wohl gar nicht nach seinem Gefallen - einige seiner eigenen Kräfte auf Harry übertragen hatte. Und auch sonst gab es viele Parallelen zwischen dem größten Zauberer aller Zeiten und Mörder Lord Voldemort und Harry, dem Jungen, der überlebte. Die Fähigkeit, Parsel zu sprechen. Der gleiche Zauberstab. Nicht einmal unähnlich hatte Voldemort Harry in seinen Jugendjahren gesehen...

Harry starrte in einen kleinen Spiegel, der zusammen mit einigen anderen Dingen auf seinem Schreibtisch lag. Er seufzte, nahm die Brille ab und sah genauer hin. Schlanke Gestalt, dunkles Haar... wie Tom V. Riddle. Und die Augen... welche Augenfarbe hatte Voldemort ursprünglich gehabt?

Ein Schauern überlief Harry und ärgerlich stieß er den Spiegel zur Seite, so dass Hedwig in ihrem Käfig über diese plötzliche Bewegung laut aufflatterte.

"Ich bin nicht wie er. Ich habe gar nichts mit ihm gemeinsam", schnaubte Harry. "Nicht wirklich..."

So als wolle er nach einem raschen Halt suchen, zog er seine Schuluniform aus dem bereits fast fertig gepackten Koffer. Das rot-goldene Abzeichen des Hauses der Gryffindors blinkte im entgegen.

'Gryffindor, nicht Slytherin', hämmerte es in seinem Kopf. 'Gryffindor, Gryffindor, Gryffindor!'

'Weil du dieses Haus gewählt hast, vergiss das nicht', mischte sich eine zweite Stimme in seinem Unterbewusstsein ein. 'Und wegen der Prophezeiung..."

Ärgerlich starrte Harry vor sich hin. Die Prophezeiung... Wenn er ehrlich war, hatte er ohne das Wissen um sie besser gelebt. Zwar vollkommen im Unklaren, wieso Voldemort nicht aufhörte, ihn zu jagen und nach dem Leben zu trachten... Aber auch frei von dem Wissen, zum Mörder werden zu müssen, sollte der dunkle Lord jemals aus dieser Welt verschwinden - endgültig.

"... und einer muss sterben durch die Hand des anderen, denn keiner von Zweien kann leben, solange der andere existiert."

Es schien der Wahrheit zu entsprechen. Harry konnte sein bisheriges Leben alles andere als normal nennen. Nicht einmal, wenn er es mit den Augen eines Zauberers betrachtete. Er wie Voldemort waren Gefangene der Prophezeiung. Und der dunkle Lord war sicherlich entschlossener, sein 'Problem' aus dem Weg zu räumen, als Harry es war.

 

Erneut öffnete sich die Tür zu seinem Zimmer und unterbrach seine dunklen Gedanken. Tante Petunia trat herein und starrte ihren Neffen an, der ihren Blick schweigend erwiderte.

"Ich habe gewartet, bis Vernon eingeschlafen ist." Petunia Dursley schloss leise die Tür hinter sich und lehnte sich an die Wand neben dem Fenster. "Er würde nicht wollen, dass ich mit dir spreche... geschweige denn würde er es verstehen." Sie beugte sich etwas vor und zischte: "Und du wirst ihm kein Wort davon sagen, dass ich bei dir war!"

Harry verbiss sich eine ironische Bemerkung darüber, dass er ohnehin nie mehr als nötig mit Vernon sprach, und nickte nur. Er war neugierig, was seine Tante von ihm wollte.

"Du hast im Schlaf gesprochen", sagte Petunia nun.

Ihrem Blick ausweichend sagte Harry leise: "Das tue ich oft..."

"Das höre ich..." Seine Tante sah ihn nachdenklich an. "Wieso träumst du von... von diesem... du weißt schon wem? Dem, dessen Name nicht genannt werden darf?"

Nun konnte Harry sein Erstaunen nicht verbergen. Perplex starrte er sie an. "Woher...", setzte er an und schnappte nach Luft. "Woher weißt du von ihm?" Die Erinnerung an den letzten Sommer stieg in ihm hoch und er fragte weiter. "Woher kennst du die Dementoren und woher weißt du, dass sie Askaban bewachen? Woher weißt du überhaupt, was für ein Ort das ist? Wie kannst du..."

Die erhobene Hand Tante Petunias brachte ihn zum Schweigen. "Sprich gefälligst leiser, oder willst du deinen Onkel noch einmal wecken?"

Für einige Sekunden sprach keiner von ihnen ein Wort und sie lauschten zum Nebenzimmer hin. Aber nur das gleichmäßige Schnarchen von Mr. Dursley drang durch die Wand zu ihnen hindurch.

"Du weißt nichts von deinen Großeltern. Du weißt nichts von dem, was geschah, nachdem meine Schwester in diese Zaubererschule kam und... diesen... Potter", sie spuckte diesen Namen förmlich aus, "kennen lernte... Was passierte, als sie den Fehler machte, ihm zu folgen. Das Verderben hat sie über uns gebracht in ihrer blinden, naiven Liebe. Es war alles die Schuld deines verfluchten Vaters!" Sie zischte nur leise, aber jedes ihrer Worte hallte gleich eines wütenden Schreis in Harrys Ohren wider. "Niemals hätte sie sich diesen Leuten angeschlossen, wäre er nicht gewesen. Niemals hätte sie die Aufmerksamkeit dieses Zaubererabschaums auf uns gelenkt, hätte sie auf uns gehört. Dann würden deine Großeltern heute noch leben, alle beide! Allerdings hätte es dich dann niemals gegeben. Oh wie sehr wünschte ich, es wäre so gewesen..."

Verständnislos starrte Harry sie an, versuchte die kleinen Informationsfetzen zu verarbeiten. "Voldemort hat sie getötet...?"

"Zwei seiner Todesser. Kurz bevor deine Eltern getötet wurden. Niemand sollte übrig bleiben, der Bescheid wusste. Niemand. Aber du hast überlebt. Und auch ich. Das Gute an der Sache war, dass von mir keiner dieser Scheusale wusste." Sie setzte Harry einen spitzen Zeigefinger auf die Brust. Ihr Fingernagel bohrte sich merklich durch sein Shirt in seine Haut. "Was glaubst du, wieso ich mit eurer Welt nichts zu tun haben will? Wieso ich dich nie hier haben wollte? Weil mir meine Familie wichtig ist - die du mit deiner bloßen Anwesenheit gefährdest!"

"Aber du hattest keine Wahl", knurrte Harry und schob ihre Hand mit dem bohrenden Zeigefinger fort. "Dumbledore hat dich dazu gezwungen, mich anzunehmen. Weil dieses Haus der einzige Schutz ist, den ich habe."

"Und unser Verderben!", schnappte Petunia, blickte alarmiert auf und dämpfte sofort wieder ihre Stimme. "Hör zu, ich lehne diesen Zaubereikram nicht aus Intoleranz ab, sondern weil ich wirkliche Gründe habe. Diese Welt, an der du", sie schnaubte, "so sehr hängst, hat meine Familie zerstört und ich werde nicht zulassen, dass das wegen dir noch ein zweites Mal passiert!"

"Sobald Voldemort gestorben ist, seid ihr mich auf Ewig los. Dann muss ich nicht mehr bleiben", zischte Harry wütend zurück.

"Wenn er tot wäre, hätte ich auch nur halb so viel Angst wie jetzt!", fauchte sie zurück.

"Dann haben wir etwas gemeinsam." Harry starrte demonstrativ aus dem Fenster. In seinem Inneren tobte ein wilder Sturm aus neuen Informationen, Erklärungen auf aus Furcht unausgesprochene Fragen und schlichtem Zorn über das Keifen seiner Tante. Das Letzte, was er sich gewünscht hatte, war, sie und ihre vehemente Abwehr gegen die Welt der Zauberei und Magie zu verstehen. Und es ärgerte ihn, dass er es tat.

Petunia verschränkte die Arme vor der Brust. "Bis er stirbt... Wann sollte das sein? Jemand müsste ihn umbringen, damit er verschwindet. Wer sollte das tun?"

Harry blickte weiter aus dem Fenster. Es fiel ihm leichter zu sprechen, wenn er sie nicht ansehen musste. "Ich bin der Einzige, der es kann."

Seine Tante machte ein Geräusch irgendwo zwischen Zischen und Schauben. "Du? Wie solltest ausgerechnet du das können?"

Harry senkte den Kopf und fuhr sich mit beiden Händen durch das Haar. "Wenn ich das wüsste...", murmelte er. "Wenn ich das nur wüsste..."

 

***
 

Am Frühstückstisch schwieg Harry - wie meistens. Es wurde nicht gerne gesehen, dass er hier den Mund auftat. Zwar wussten die Dursleys, dass es ihm in den Ferien verboten war, zu zaubern - und nichts fürchteten sie mehr, als dass Harry genau das doch tat -, aber dennoch... man konnte nie wissen, welche unverzeihlichen Worte aus dem Munde dieses abnormalen Bengels rutschten, der in der geordneten Welt der kleinen Familie nichts zu suchen hatte.

Onkel Vernon schlug gerade Dudley auf dessen fleischige Finger, als dieser nach einer zweiten Portion Schinken greifen wollte.

"Du machst doch noch Diät, mein Sohn", sagte er und nahm sich selbst den Speck.

Harry grinste kaum merklich. Die 'Diät' sah man Dudley wahrlich nicht an. Selbst wenn Tante Petunia ihren geliebten Sohn wochenlang nur mit Rohkost versorgte (natürlich zum höchsten Missfallen Dudleys), nahm er kein Gramm ab. Harry vermutete, dass er sich heimlich in der Schule und bei Freunden mit allerlei Naschereien versorgte.

Demnach bestand der nun einzige äußerliche Unterschied zwischen Onkel Vernon und Dudley darin, dass Vernon graue Haare und einen Schnauzbart hatte.

Tante Petunia dagegen hatte das, was ihrem Mann und ihrem Sohn fehlte: einen äußerst langen Hals, der sich besonders dazu eignete, über die Zäune hinweg in die Gärten und Häuser der Nachbarn zu spähen.

Und Harry? Nun, kleiner als Dudley war er inzwischen nicht mehr. Er war noch immer von eher schlanker, beinahe zierlicher Statur, aber sein zuvor kindliches Gesicht hatte inzwischen einen viel reiferen Ausdruck angenommen. Auch von seinem Verhalten und der Art, wie er sprach, wirkte er wesentlich älter als Dudley, aber das würden die Dursleys niemals zugeben, geschweige denn - und dies galt besonders für Onkel Vernon - überhaupt erkennen.

Allerdings kümmerte Harry das wenig. Wie fast immer hatte er den Tisch nach Beendigung des Frühstücks abzuräumen und das Geschirr wegzuspülen. Für einen Moment fragte er sich, ob es witzig wäre, einen Teller fallen zu lassen und auf das darauf folgende Entsetzen zu behaupten, er habe lediglich einen Zauberspruch ausprobiert...

 

Lautes Klingeln unterbrach seinen Gedankengang. Er hörte ein schnaufendes Geräusch - Onkel Vernon, der zur Tür stapfte. Das Drücken der Klinke, ein leises Quietschen. Dann ein freundliches, aber bedeutungsschwangeres "Guten Morgen, Mr. Dursley."

Harry ließ das Handtuch fallen, an dem er sich eben noch die Hände abgetrocknet hatte, und hastete zur der Küche hinaus durch den Flur, wo gerade die Haustür zuschlug. Über sein Gesicht huschte ein freudiges, aber unverhohlen überraschtes Lächeln. "Hermine?"

Sie grinste zurück. Onkel Vernon, der neben ihr stand, schnaufte erneut. "Wäre sie auf einem Besen vorbeigekommen, hätte ich die Polizei gerufen!"

Hermine Granger winkte ab. "Meine Eltern haben mich gefahren... Besser ausgedrückt: Sie wollten die Cousine meiner Mutter besuchen, und ich bat darum, dass sie mich mitnehmen. Sie holen mich nachher auch wieder ab. - Ich wollte schauen, wie es dir geht, Harry..."

Dieser konnte es nicht fassen, dass Onkel Vernon widerstandslos eine junge Hexe in sein Haus gelassen hatte.

"... und dich fragen, ob du Lust hast, die letzten zwei Ferientage bei uns und dann bei Ron zu verbringen. Wir würden morgen nach London fahren, um die neuen Bücher einzukaufen und ihn dort treffen."

Ein Blick in das Gesicht seines Onkels gab Harry alle Antworten. Dieser schien es regelrecht zu begrüßen, seinen Neffen frühzeitig wieder aus seinem magielosen Haus bekommen zu können.

"Wenn du willst, können wir gleich fahren", fuhr Hermine fort.

Onkel Vernon nickte zur Treppe. "Marsch, nach oben. Pack deine Sachen."

"Gerne." Harry lachte und rannte die Stufen zu seinem Zimmer hinauf. Hermine folgte ihm, von Onkel Vernon scharf beobachtet. Aber entweder schien sie dies nicht zu bemerken oder einfach gekonnt zu ignorieren.

In Harrys Zimmer half sie ihm beim Packen. Nichts durfte vergessen werden - sämtliche Schulbücher, Kleidung, der Feuerblitz, sein Besenpflegeset, der Tarnumhang... Nach und nach wanderte alles, was noch nicht zuvor gepackt gewesen war, in den Koffer.

"Wie ich sehe, hast du die Kräuterkundehausaufgaben noch nicht gemacht", stellte Hermine fest, als sie Harrys bisherige Hausaufgaben überflog. "Und der Aufsatz für Professor Flitwick zur Geschichte des..."

"Fehlt auch noch, ich weiß", unterbrach sie Harry. "Ich wette, bei euch habe ich weitaus mehr Zeit, das zu machen... Ohne die ständigen Drohungen, alle meine Bücher gleich ins Feuer zu werfen, wenn ich sie auch nur einmal offen liegen lasse - schließlich könnte jedes Wort darin extrem gefährlich sein."

Hermine lächelte nachsichtig. "Das bezweifle ich... - Zumindest, dass du bei uns mehr Zeit für die Hausaufgaben haben wirst."

Als die Grangers eintrafen, um ihre Tochter und Harry abzuholen, wurden sie von Onkel Vernon und Tante Petunia unverhohlen kritisch und zu Anfang auch fast ängstlich beäugt. Zu sehr saß ihnen noch die Begegnung mit den Weasleys im letzten Jahr in den Knochen. Doch schnell merkten sie, dass die Grangers keine Zaubererfamilie waren, sondern 'ganz normal' zu sein schienen. Sie hatten sogar, sehr zu Onkel Vernons Genugtuung, einen anständigen, ganz normalen Beruf.

Das Gepäck wurde im Wagen verstaut und schon bald waren sie unterwegs. Harry sank mit einem zufriedenen Seufzer auf der Rückbank zurück. Es war zu schön, um wahr zu sein, dass er schon vor Schulbeginn von den Dursleys fortkam. Und diesmal sogar ohne Streit und großen Tumult. Fast einmalig, dachte er leicht amüsiert.

 

 
2. Das Haus der Grangers

 

Obwohl Hermines Eltern Muggel waren, gehörten sie eindeutig zu der Sparte der nettesten Menschen, die Harry kannte. Damit, dass ihre Tochter in Augen vieler 'nicht normal' war, hatten sie keine Probleme - genauso wenig wie mit der magischen Welt, in der sie lebte. Im Gegensatz zu Harrys Verwandten verboten sie Hermine nicht die ausführlichen Studien, sondern unterstützten sie. Harry hatte die Beiden sogar schon einmal bei Flourish & Blotts in der Winkelgasse gesehen, wo sie mit Hermine neue Schulbücher gekauft hatten.

Der Nachteil des Ganzen war, dass Harry somit regelrecht dazu gezwungen wurde, tatsächlich alle restlichen Hausaufgaben zu erledigen. So fand er sich noch an diesem Nachmittag auf der Terrasse des Hauses der Grangers wieder, einen Stapel Schulbücher vor der Nase und die Schreibfeder in der Hand. Hermine saß neben ihm und las - irgendeinen dicken und sichtlich alten Schinken, der schon allein durch sein Äußeres ermüdend wirkte -, während Harriet Granger ihnen Tee und Scones servierte.

"Ich habe sie heute extra frisch für euch gemacht - Harry, ich hoffe, du magst Blaubeerfüllung. Ich habe auch noch einen Kuchen gebacken, den nehmt ihr morgen bitte mit zu den Weasleys, als kleines Geschenk. Wo sie doch schon so nett sind, euch beide mitzunehmen und zum Bahnhof zu bringen. Ian hat auch noch zwei sehr gute Flaschen Wein und..." Sie hielt inne und überlegte, was wohl noch als kleines Präsent angebracht sein könnte. Harry grinste in sich hinein. In ihrer Geschäftigkeit erinnerte ihn Mrs. Granger sehr an Molly Weasley, Rons Mum. Im Gegensatz zu ihr hatte Harriet allerdings eine eher tiefe und sehr angenehme Stimme.

Nachdem alle Teetassen gefüllt und auch reichlich Zucker verteilt worden war - ob die Grangers sich so neue Patienten für ihre Praxis sicherten? - ließ Harriet die Beiden allein.

Harry notierte wenig begeistert die Zutaten und deren Dosierung für einen Trank gegen Brand. Er hatte keinen blassen Schimmer, wozu er so etwas einmal brauchen sollte. Er wollte gerade das beschriebene Blatt zur Seite schieben, als Hermines Hand vorschnellte und es festhielt. "Du hast die Formel vergessen", bemerkte sie.

"Formel?" Harry starrte auf seine Notizen.

"Ja, die Sprechformel, die man beim Einflößen des Trankes sprechen muss. 'Brand, da ich dich fand, sollst du verschwinden, wie der Tau im Grase, wie der Tote im Grabe.' Das steht doch auch da." Sie deutete auf das Kräuterkunde-Buch.

"Ja, aber da steht auch, dass nicht wirklich bewiesen ist, dass die Formel Einfluss auf die Wirkung des Trankes hat", verteidigte er sich. "Also muss ich sie auch nicht aufschreiben."

Hermine winkte ab. "Schreib sie auf und füge den Absatz über die Unklarheit darüber hinzu. Dann ist es komplett."

Harry warf einen unwilligen Blick auf den Text. Noch mehr Schreibarbeit.

"Ich werde dir deine Note nicht streitig machen", erklärte er daher und klappte das Buch zu. "Außerdem denkt Professor Sprout sonst, ich hätte meine Hausaufgaben bei dir abgeschrieben." Er zwinkerte ihr zu und zog die Bücher für Zauberkunst heran. Hermine rollte nur mit den Augen.

"Ich kann nicht glauben, wie du mit deiner Faulheit ständig durch jede Prüfung kommst", knurrte sie. "Von Ron ganz zu schweigen..."

Damit vertiefte sie sich wieder in ihre Lektüre und Harry zog es vor, die Diskussion nicht noch mehr auszuweiten. Das Lästige an Hermines Tadelein war, dass sie tatsächlich dazu im Stande waren, das schlechte Gewissen in ihm zu wecken. Seufzend schlug er das Kräuterkunde-Buch wieder auf, notierte die Formel und schrieb eine Erklärung über dessen unbewiesene Wirkung hinzu.

Gekonnt ignorierte er Hermines triumphierendes Grinsen im Schutze ihrer Lektüre.

 

***
 

Am Abend kam ein Geschäftsfreund von den Grangers zu Besuch - Vincent Marvers, ein Mann, der nicht älter aussah als vierzig, aber dennoch schlohweißes Haare hatte. Hermines Vater unterhielt sich angeregt mit ihm am Tisch, während seine Tochter und Harry Mrs. Granger in der Küche behilflich waren. Für Harry war es selbstverständlich, anzupacken. Bei den Dursleys war dies eine Pflicht, hier eine freiwillige Hilfe, die von Mrs. Granger mit einem dankbaren Lächeln belohnt wurde.

"Viel mehr Männer müssten im Haushalt helfen", grinste sie und drückte ihm die Teller und Bestecke in die Hand. "Ich sehe Ian nur in diesem Raum, wenn einmal der Abfluss Probleme bereitet... oder er sich einbildet, die Spülmaschine tunen zu müssen. Die Sauerei danach hättest du sehen müssen... Da wünscht man sich wahrlich, zaubern zu können, anstatt den halben Tag damit verbringen zu müssen, die Wände und Böden zu schrubben. - Oh, Harry, warte, ich habe die Servietten vergessen."

Gemeinsam trugen Hermine und Harry Geschirr und Besteck nach draußen und deckten den Tisch. Sie würden bei dem warmen Wetter auf der Terrasse essen. Harry genoss es, wie selbstverständlich bei den Grangers aufgenommen zu sein - und ebenso selbstverständlich in alle Familienaktivitäten integriert zu sein. Er konnte mit Überzeugung sagen, dass er sich in Hermines Familie richtig wohl fühlte.

Als sie am Tisch saßen, aßen und sich Marvers erkundigte, wer Harry sei und auf welche Schule Hermine denn jetzt ginge, antworteten die Grangers vollkommen unverkrampft. Sie verschwiegen selbstverständlich viel, was nicht in die Muggelwelt geraten sollte, erzählten, ihre Tochter besuche eine Schule in Schottland und es würde ihr dort sehr gefallen. Was Hermines Noten anging, mussten sie auch nicht lügen, ebenso nicht mit der Tatsache, dass Harry ein Schulfreund war und einen Ferientag hier verbrachte.

Ein spitzbübisches Grinsen formte sich auf Marvers' Lippen. "Über Nacht, ja? Dann kann ich wohl davon ausgehen, dass er mehr als nur ein Schulfreund ist?"

Harry blickte verdattert ob dieser Annahme von seinem Steak auf, während Hermine in einer ihr typischen Geste das Haar in den Nacken warf und den Freund ihres Vaters missbilligend anblitzte. "So ist es, er ist mein bester Freund", sagte sie spitz.

Zuerst sah Marvers sie etwas verdutzt an und Harry befürchtete schon, er könne sich über Hermines Benehmen mokieren - dabei war das seine durch seine vorangegangene Bemerkung wahrlich nicht besser, - aber dann begann er in sich hineinzukichern. "Gut, dass wir das geklärt haben", meinte er dann, zwinkerte ihnen zu und nahm sich einen Nachschlag.

Nachdem sie auch einen vorzüglichen Nachtisch - frische Kirschtorte von Harriet - verspeist hatten, vertieften sich die Grangers mit ihrem Gast in geschäftliche Gespräche. Hermine entschuldigte sich, stand auf und nickte Harry zu. Zusammen schlenderten sie den Garten hinunter.

 

"Über aktuelle Bohrerpreise und neue Füllmethoden können sie sich am Besten ohne uns unterhalten", grinste sie. "Ein irgendwie sehr eintöniges Thema. Fast noch schlimmer als Geschichte bei Professor Binns."

Harry lachte leise und ließ sich von Hermine durch den nächtlichen Garten führen. Die Grangers verfügten über ein großes Grundstück und schienen zudem einen äußerst üppigen Geschmack zu haben. Die Grasflächen beschränkten sich zumeist auf Pfade zwischen zwei Beeten, in denen viele Büsche und Sträucher blühten. Teilweise reichten die Pflanzen über drei Meter hinauf und bildeten überall Nischen, die selbst wie viele kleine Gärten wirkten. Eine Nische beherbergte einen großen Teich mit Wasserspiel, die nächste prächtige Rosenstauden, die dritte eine altertümlich wirkende Steinsitzgruppe um einen kleinen Brunnen. Hier ließ sich Hermine mit einem Seufzen auf eine Steinbank sinken. Sie verschränkte die Arme unter dem Kopf und starrte in den hell erleuchteten Nachthimmel hinauf. "Also hier dürften sie uns nicht hören... und Marvers keine Dinge aufschnappen, die ihn nichts angehen."

Harry legte sich bäuchlings auf die andere steinerne Bank und streckte sich genüsslich aus. "Wie die Frage, inwieweit ich nur Schulfreund für dich bin?", witzelte er und bereute sofort diese Worte. Wieso hatte er das jetzt bloß gesagt? Zum Glück schien der Mond trotz allem nicht hell genug, um zu verraten, dass er errötete.

Hermine lachte leise und drehte den Kopf zu ihm. "Nun, inwieweit wärst du es denn gerne?"

Harry stieß einen überraschten Laut aus, der sie noch mehr zum Lachen brachte. Sie rollte sich von ihrer Bank und hockte sich vor ihm ins Gras, ihn dabei amüsiert anblitzend. Sie legte die Hände auf die Kante seiner Bank und bettete ihren Kopf darauf. Harry sah sie verblüfft an. Hatte sie diese Frage jetzt wirklich ernst gemeint? Wollte sie eine ernsthafte Antwort darauf haben?

"Also... ich...", murmelte er und bemerkte, wie rau seine Stimme klang. Hermine legte ihren Kopf schief und sah gespannt aus. Wie sollte er sich ausdrücken ohne sie zu verletzen, sollte sie es ernst meinen, noch um sich lächerlich zu machen, falls sie im Scherz fragte? Wie sie es vorhin am Tisch gesagt hatte, sie war seine beste Freundin. Kein anderes Mädchen auf der Welt konnte er so nennen. Hermine war die Einzige, die ihn auch ohne Worte verstand, die seine Gedankengänge so gut kannte wie kein anderer und immer für ihn da war. Und so war es auch mit ihm. Er hatte gelernt, Hermine zu verstehen - sehr gut zu verstehen. Und wann immer es von Nöten war, beschützte er sie und würde es auch in Zukunft für sie tun. Und diesen Wert wollte er nicht durch irgendeine blöde Antwort aufs Spiel setzen.

"Ich möchte das sein, was du brauchst", fand er schließlich passende Worte, die zudem auch das ausdrückten, was er empfand.

Hermine blinzelte. Der Schalk war aus ihrem Gesicht gewichen, sie sah nun sehr ernst aus. Harry begann schon zu befürchten, sich doch falsch ausgedrückt zu haben, als sie ihre Hand ausstreckte und ihm die Brille von der Nase nahm. "Ich habe sie mir in den ganzen Jahren nie so genau angesehen", sagte sie leise und blickte ihm forschend in die Augen. "Sie sind wirklich smaragdgrün..."

"Das siehst du in der Dunkelheit?", scherzte er. Dann bemerkte er, dass ihm der Mond nun ins Gesicht schien. Natürlich konnte sie es sehen... Aber dafür lagen ihre Augen für ihn im Dunklen.

"Mach mal ein bisschen Platz", sagte sie und erhob sich. Harry stemmte sich gehorsam auf der Bank auf und lehnte sich, jetzt in Sitzposition, gegen einen Baumstamm hinter sich. Hermine rutschte neben ihn auf die Bank. Sie hatte immer noch seine Brille in der Hand und spielte mit den Bügeln, dabei ihren Kopf auf seine Schulter lehnend. Harry wurde zunehmend warm und sein Herz schlug nervös und laut, dennoch genoss er gleichzeitig die Nähe. Und so saßen sie eine ganze Weile da, eng nebeneinander und vertieft in ihre Gedanken.

"Wie waren die Ferien?", unterbrach Hermine dann doch die Stille. "Ich meine... wegen... Hast du viel an ihn gedacht?"

Harry wusste, dass sie von Sirius sprach und er seufzte. "Viel zu oft", gestand er. "Ich vermisse ihn so..."

Erinnerungen schossen durch seinen Kopf und er tastete nach dem Spiegel in seiner Hosentasche. Er würde Sirius nie damit erreichen können, aber er brachte es nicht über sich, ihn wegzulegen. Er war das letzte Geschenk seines Paten gewesen. Und auch wenn er ohne ihn nichts damit anfangen konnte, würde er keinen Schritt ohne ihn tun.

Nur kurz darauf vernahmen sie gedämpft von der Terrasse her, dass Vincent Marvers sich verabschiedete.

"Ich glaube, wir sollten zurückgehen", murmelte Hermine. "Bevor Marvers noch seine Theorien verschärft." Sie hob den Kopf von Harrys Schulter und küsste ihn, bevor sie ihm die Brille zurückgab. Der Kuss war nur kurz und zart, dennoch reichte er aus, um Harry die Hitze in die Ohrspitzen zu treiben. Etwas benebelt setzte er die Brille wieder auf und sah, dass Hermine schon aufgestanden war, um die Nische zu verlassen. Hastig krabbelte er von der Bank, um ihr zu folgen.

 

Tatsächlich wandte sich Marvers gerade zum Gehen. Hermine verabschiedete sich kurz und selbstbewusst, und neben ihr kam sich Harry wie ein verlegener Trottel vor, der entweder etwas zu verbergen suchte oder ganz schlicht und einfach wirklich ein Trottel war. Zum Glück schien Marvers noch sehr mit den besprochenen neuen Behandlungsmethoden beschäftigt zu sein, denn diesmal machte er keine peinlichen Andeutungen. Ian geleitete ihn hinaus, während Harriet den Tisch abräumte. Harry und Hermine gingen ihr schweigend zur Hand.

"Ihr Zwei seid sicher müde", deutete Mrs. Granger die Stille. "Ich kann den Rest auch selbst abräumen, ihr könnt ruhig schon hoch aufs Zimmer gehen."

Doch beide bestanden darauf, erst zu Ende abzuräumen. Nachdem Hermine die Tischdecke abgenommen und Harry die Gartenstühle unter die Markise gerückt hatte, scheuchte sie Mrs. Granger allerdings ohne Widerworte duldend hinauf. Sie zeigte Harry das Zimmer, während Hermine im Bad verschwand. Der Raum war sehr groß und neben Hermines Bett und den obligatorischen Schränken fand darin auch eine ausziehbare Couch Platz, die vor einer kleinen TV-Einheit stand. Harriet hatte Kissen und Decken bereit gelegt und Harrys Gepäck stand fein säuberlich aufgereiht in der Nische zwischen Wand und Couch. Nachdem sie ihnen eine gute Nacht gewünscht hatte, ging Mrs. Granger wieder nach unten, um noch die Küche in Ordnung zu bringen.

"Eigentlich würde ich ihr gerne die Küche picobello zaubern", meinte Harry, als Hermine - mit Zahnbürste im Mund - in ihrem Schrank nach einem Pyjama oder ähnlichem wühlte. "Kann das Ministerium nicht eine Ausnahme für gute Zauber während der Ferien machen?"

"Das hat schon seinen Sinn so", nuschelte Hermine hervor und musste aufpassen, keine Zahnpasta herunterzuschlucken. Sie eilte ins Bad, um sich den Mund auszuspülen, und kehrte mit einem langen Nachthemd bekleidet wieder zurück. Harry schnappte sich Shorts und T-Shirt und ging seinerseits ins Bad. Noch immer hatte er dieses merkwürdige Gefühl in der Magengegend, das er nicht wirklich deuten konnte. Vor dem Spiegel blieb er eine Weile stehen und starrte hinein. Was war auf einmal so anders an ihm, dass sich Hermine so zu ihm hingezogen fühlte? Immer noch das gleiche, strubbelige und niemals in Ordnung zu bringende dunkle Haar. Immer noch die gleichen Augen. Immer noch... na ja, seine Gesichtszüge hatten sich schon ein wenig verändert. Aber im Prinzip war er immer noch der Gleiche.

Eine Ahnung beschlich ihn, die seine Aufregung dämpfte. Verhielt sie sich so aus Mitleid mit ihm, da sie genau wusste, wie sehr ihn Sirius' Tod mitgenommen hatte?

Diese Vermutung wurde zur Angst. Er beugte sich über das Becken und katapultierte sich einige Handvoll Wasser ins Gesicht. 'Nicht Hermine', schalt er sich. Das würde sie nicht tun. Oder doch? Oder machte er sich ganz schlicht und einfach viel zu viele Gedanken?

Als er ins Zimmer zurückkehrte, waren alle Lichter gelöscht - bis auf eine kleine Stehlampe neben seiner Schlafcouch. Hermine lag schon in ihrem Bett und fast dachte er, sie sei schon eingeschlafen. Er hielt an ihrem Kopfteil inne und strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn, bevor er ihr beinahe schüchtern einen Kuss auf die Wange hauchte. "Gute Nacht", murmelte er.

"Gute Nacht, Harry", antwortete sie leise, ohne die Augen zu öffnen. Aber sie lächelte.

Er setzte sich auf die Couch und überlegte, ob Mrs. Granger ihn für die Prinzessin auf der Erbse hielt, so viele Kissen flogen dort herum. Er suchte sich einige zusammen und ließ sich auf ihnen zurücksinken, nachdem er das Licht ausgeknipst hatte. Eine ganze Weile blickte er still in die Dunkelheit.

 

Er war gerade soweit, endlich einzuschlafen, als er ein kurzes Knarren, gefolgt von leisen Schritten hörte. Dann kroch Hermine zu ihm unter die Decke. Schweigend legte er einen Arm um sie und sie kuschelte sich an seine Seite.

"In Hogwarts würden sie uns für so was umbringen", bemerkte Harry.

Hermine lachte leise. "Das befürchte ich auch... darum bin ich ja jetzt hier."

Er musste ebenfalls lachen. Dann verfiel er wieder in Schweigen, bevor er nach einer Pause seinen nagenden Gedanken Luft machte. "Wieso ich, Hermine?"

"Wie meinst du das?" Sie gähnte schläfrig.

"Na ja... Wenn da noch ein berühmter Quidditchspieler ist, der an dir Interesse hat oder ein Freund, der genau wegen diesem berühmten und interessierten Quidditchspieler unheimlich eifersüchtig wird..."

"Wegen Viktor brauchst du doch gar nicht fragen." Wieder schwang ein amüsierter Tonfall in ihrer Stimme mit. "Du wusstest doch mehr als Ron, dass ich das nicht ernst gemeint habe. Und Ron selbst... er... er ist doch auch auf dich eifersüchtig. Er ist auf jeden eifersüchtig, von dem er glaubt, dass er ihm etwas streitig machen könnte."

"Dann wird er uns nun beide hassen", stellte Harry fest. "Ich nehme dich ihm weg, du nimmst ihm mich weg..."

"Das ist Unsinn!", knurrte Hermine. "Und das sollte er eigentlich wissen."

Harry seufzte. "Ich hoffe, dass er es auch so versteht... Aber meine Frage hast du mir immer noch nicht beantwortet."

"Muss ich das denn?", fragte sie leise, während sie ihren Kopf tiefer in sein Shirt eingrub. "Weißt du es denn nicht?"

Harry begann zu überlegen. Gedanklich reiste er zurück in das erste Jahr, das er in Hogwarts verbracht hatte. Er und Ron hatten Hermine für eine zickige Streberin gehalten, da sie sich einfach überall ungefragt eingemischt hatte. Dabei hatte sie ihnen damit auch sehr viel geholfen... und war mit der Zeit zu einer unersetzbaren Freundin geworden. Sie war der schlauste Kopf der Gruppe gewesen und Harry und Ron diejenigen, bei denen sie in Angstsituationen Halt gefunden hatte. Doch gleichzeitig hatte sie sich immer um sie gesorgt. Und erst jetzt wurde Harry bewusst, wie oft sie ihm schon in den vergangenen vier Jahren aus Besorgnis oder Freude heraus um den Hals gefallen war. Und wie viel Angst er gehabt hatte, als sie vom Basilisken versteinert worden war... und wie sehr er sich doch daran gestört hatte, dass Hermine mit Krum auf den Weihnachtsball gegangen war. Er erinnerte sich grinsend daran, wie er und Ron wie zwei gaffende Idioten auf Hermine gestarrt hatten, die in einem zauberhaften Ballkleid mit hochgestecktem Haar so fremd auf sie gewirkt hatte, dass sie sie zuerst gar nicht erkannt hatten. Denn beide hatten sie bisher immer als ihre beste Freundin gesehen, nie als sehr hübsches Mädchen, das sie war.

"Zumindest weiß ich, dass ich ein ganz schöner Idiot bin", musste Harry nun schmunzelnd zugeben und zog sie näher an sich.

Hermine war immer da gewesen. Und er hatte es als selbstverständlich hingenommen, ohne darüber nachzudenken. Er war wirklich ein Idiot. Wie hatte er nur annehmen können, dass ihre Zuneigung reinem Mitleid entsprungen war?

Sie kicherte nur kurz, dann herrschte Schweigen. Es dauerte nicht lange, dann war sie eingeschlafen. Ruhig und gleichmäßig atmend lag sie in Harrys Armen und er konnte es noch immer nicht so recht glauben.

In dieser Nacht schlief er seit Langem wieder einige Stunden lang tief und traumlos.

 

Es musste gegen vier gewesen sein, als die plötzliche Windböe den Vorhang des gekippten Fensters fliegen ließ. Für den Bruchteil von Sekunden schien draußen ein Sturm wie zur Hochzeit des Herbstes zu toben, begleitet von einem langgezogenen Heulen, bei dem Harry aus dem Schlaf schreckte - und einem dumpfen, brennenden Schmerz auf seiner Stirn. Er presste die Hand gegen seine Narbe und stöhnte leise. Der Vorhang peitschte gegen die Wand, irgendwo da draußen splitterte Glas und ein Hund schlug laut bellend an.

Hermine hob erschrocken den Kopf. "Was ist los?"

Ein grüner Blitz zuckte durch das Dunkel der Nacht und ein Mark erschütternder Schrei zerriss die Stille...

Harry biss die Zähne zusammen und versuchte sich darauf zu konzentrieren, jeglichen Gedanken aus seinem Kopf zu vertreiben. Die Narbe schien unter seiner Hand zu pochen wie ein freiliegendes Herz in höchster Panik. In seinem Schmerz spürte er kaum, wie sich Hermine über ihn beugte und seine Wange befühlte. "Du bist ja ganz heiß. Harry..." Sie starrte in sein verzerrtes Gesicht. "Die Narbe", murmelte sie.

Harry schnappte nach Luft. "Er... hat... getötet", presste er hervor. "Verdammt, er..." Er biss ins Kissen, um unter der erneuten Schmerzwelle nicht laut aufzuschreien. Hermines Fingernägel bohrten sich vor Angst in seine Schultern, aber auch das nahm er kaum wahr. Es dauerte noch Sekunden - für ihn den Bruchteil einer Ewigkeit, bis der Schmerz soweit nachließ, dass er wieder nach Luft schnappen konnte. Mit fliegendem Atem sank er in die Kissen zurück, noch immer eine Hand auf seine Stirn gepresst.

"Ist alles in Ordnung, Harry?" Hermines Stimme war schrill vor Panik. Er winkte mit der freien Hand ab. "Geht schon wieder..." Er tastete nach ihr und drückte sie, so als müsse er sie für das trösten, was er durchlebte. "Es ist... es..." Er setzte sich auf und knipste die kleine Lampe neben der Couch an. Warmes Licht vertrieb die kalte Finsternis. Der Vorhang bewegte sich noch schwach, doch das kurze Sturmheulen war verklungen.

"Er hat irgendjemanden umgebracht", murmelte er.

"Voldemort?" Hermine hatte sich auch aufgesetzt und sah ihn verstört an.

Harry nickte. "Ja. Er hat... ich... Ich habe es nicht richtig gesehen. Zum Glück..."

"Gesehen?", schnappte sie. "Wieso gesehen? Du solltest doch deinen Geist vor seinen Einflüssen verschließen, Professor Snape hat dich doch..."

"Versuch das mal, wenn du das Gefühl hast, aufgespießt zu werden", zischte er und rieb sich seine noch immer leicht pochende Narbe, tunlichst verschweigend, dass er bei Snape - zugegeben aus eigenem Verschulden - so gut wie gar nichts gelernt hatte. Harry schlug die Decke zurück und schaltete den Fernseher an. Ungeduldig zappte er durch die Kanäle.

"Glaubst du wirklich, dass du da", Hermine nickte auf den Fernsehbildschirm, "etwas erfahren wirst?"

"Ich will auf Nummer sicher gehen. Vielleicht gibt es einen Bericht", erwiderte Harry, ließ einen Nachrichtenkanal laufen und setzte sich wieder auf die Couch. Hermine rutschte neben ihn.

"Du spürst es immer, wenn er tötet..."

Harry nickte stumm.

"Und siehst es manchmal auch?"

"Ich sehe immer etwas...", sagte er leise. "Nicht viel, aber genug um..." Er stockte und erschauderte. "Ich will, dass es aufhört."

Hermine sah ihn an. "Das wird es erst, wenn Voldemort tot ist."

"Das weiß ich", antwortete er. "Diesen Gedanken hasse ich genauso wie die Tatsache, dass ich es immer weiß, wenn er mordet."

Ihre Augen verengten sich leicht und er seufzte. All das, was am Ende des letzten Schuljahres an Informationen und Ereignissen über ihn hereingebrochen war, wirbelte durch seinen Kopf. Alles, was er jetzt wusste, teilte er bisher nur mit Dumbledore. Und wann kam er dazu, mit dem Schulleiter zu sprechen? Er musterte Hermine, abwägend, ob er ihr nicht einfach alles beichten sollte. Die ganze Wahrheit, auch wenn ihm viele Details nur schwer über die Lippen kommen würden. Und obwohl er genau wusste, dass sie ihm Vorwürfe machen würde, für einige Dinge, die er aus Dummheit - nein, dummer Sturheit - nicht getan hatte.

Würde sie, wenn sie alles wusste, immer noch zu ihm stehen?

Harry seufzte. Besser, er legte alle ihm bekannten Karten offen auf den Tisch. Es gab sonst keinen Menschen auf der Welt, mit dem er ernsthaft über alles sprechen konnte. Nicht einmal Ron würde alles verstehen können. Und eigentlich wollte Harry seinen Freund auch nicht damit belasten.

Nach kurzem Zögern fasste er Hermines Hand und sah ihr fest in die Augen. "Ich muss dir etwas erzählen... über mich. Und Voldemort... Und einige andere Dinge. - Wenn du es hören möchtest."

Hermine schluckte, nickte aber sogleich. "Alles, was du erzählen kannst", sagte sie leise.

Und Harry, ihre Hand noch immer in seinen, begann zu erzählen...

 

***
 

Es war kurz vor halb sieben und der Vogelgesang erfüllte das Zimmer bereits seit einer ganzen Weile. Die Morgensonne stahl sich durch den Vorhang hindurch auf die ausgeklappte Couch, auf der die Beiden noch immer saßen, Harry mit dem Rücken zur Wand und Hermine quer über seinen Beinen liegend, beide nachdenklich vor sich hinstarrend. Abwesend glitten seine Finger durch ihr buschiges Haar, während er die flimmernden Bilder auf dem noch immer laufenden Fernseher verfolgte. Er hatte sich davor gefürchtet, über alles zu sprechen. Wieso er sich von Voldemort in die Irre hatte führen lassen und Sirius deswegen den Tod gefunden hatte. Die Gegenüberstellung mit Bellatrix Lestrange in der Eingangshalle des Ministeriums. Voldemorts und dann Dumbledores Erscheinen. Tante Petunia. Die Prophezeiung... Schweigend hatte sich Hermine alles angehört. Jedes Detail, ohne ihn zu unterbrechen. Und sie war noch immer hier, neben ihm. Sie hatte sich nicht abgewandt, trotz all seiner dummen Fehler. Trotz der Offenbarung, dass er entweder morden oder sterben musste.

Er hatte sich lange nicht so erleichtert gefühlt. Im Nachhinein hatte es gut getan, über alles zu sprechen, so als hätte er einen Teil der großen Last abwälzen können.

Er war nicht mehr allein. Und er fühlte sich gut - bis die gerade laufende Werbesendung unterbrochen wurde und eine Nachrichtensprecherin verlas, worauf Harry gewartet hatte.

"Soeben ereilte uns die Nachricht über eine am Stadtrand von Little Whinging, Surrey, aufgefundene junge Frau..."

Harry schreckte so unverhofft hoch, dass er Hermine dabei fast von der Couch katapultierte. Sie warf sich herum und starrte ebenfalls wie er auf den TV-Schirm. Eine Straße war zu sehen, gefüllt mit Polizei- und Ambulanzwagen. Eine Straße, die Harry gut kannte. Sie verlief zur linken Hand des Ligusterweges.

"... bargen die Leiche um 6:07 Uhr Ortszeit. Die Todesursache ist bisher unbekannt. Es wurden keine Spuren gefunden, die auf einen Überfall, Vergewaltigung oder Misshandlung hinweisen. Die Polizei ist momentan ratlos. Eine Obduktion wird hoffentlich bald Klarheit verschaffen." Die Reporterin im Bild warf einen kurzen Blick auf die Seite, wo eine Bahre, bedeckt mit einem großen gelben Tuch, vorbeigetragen wurde. "Laut Polizeiangaben handelt es sich um keine ortsansässige Person. Woher die junge Frau kommt, ist ebenfalls unbekannt. Man hat keinerlei Papiere bei ihr gefunden. Wir bitten daher jeden Mitbürger inständig darum, die jetzt unten eingeblendete Telefonnummer der örtlichen Polizeidienststelle zu wählen, sollten Sie diese Frau kennen. Jede ernstgemeinte Hilfeleistung ist willkommen."

Eine wohl schnell angefertigte Zeichnung der Toten wurde eingeblendet - auch wenn einige Details fehlten, so war ihr Gesicht doch unverkennbar.

Harrys Gesicht wurde aschfahl vor Entsetzen. Hermine konnte den spitzen Schrei, der ihr entfuhr, kaum unterdrücken.

Bei der unbekannten Toten handelte es sich um Nymphadora Tonks.

 

 
3. Weasleys Zauberhafte Zauberscherze

 

Während der Fahrt nach London waren die Beiden auffallend ruhig. Um den Blick zu Ian zu vermeiden, der sie fuhr, hatten sie ihre Nasen in Schulbücher gesteckt und Mr. Granger machte beizeiten Witze darüber, dass sie zu viel lernten. Dabei lasen sie nicht einmal. Hermine starrte genauso bewegungslos auf die Buchstaben wie Harry. Hier und da fiel ihnen ein, einmal umzublättern, aber sonst verhielten sie sich absolut still.

Ian setzte sie vor dem 'Tropfenden Kessel' ab und die Beiden nahmen ihr Gepäck auf. Durch die Kneipe und die sich bewegende Wand kamen sie in die reich belebte Winkelgasse.

"Was meinst du, wo Ron steckt?", überlegte Hermine und sah sich um.

Harry deutete auf einen kleinen Laden neben 'Madame Malkins' Anzüge für alle Gelegenheiten' und zum ersten Mal an diesem Tag huschte ein Grinsen über sein Gesicht. "Wahrscheinlich im 'Weasleys Zauberhafte Zauberscherze?"

Hermine folgte seinem Blick und musste ebenfalls grinsen. "Also haben Fred und George es wirklich geschafft."

Sie stießen die Tür zu dem kleinen Laden auf und betraten den Innenraum. Auf Anhieb erkannten sie vieles wieder, was in Regalen und an einer langen Theke zum Verkauf angeboten wurde: Nasenblutnougat, Übelkeitsbonbons, Schreckplätzchen, Kanariencreme-Schnitten, Würgzauber-Toffees, Gruselkekse und Müdigkeits-Muffins reihten sich mit vielen weiteren trickreichen Nascherein Glas an Glas. Weiter hinten entdeckten sie das in Hogwarts bereits berühmt-berüchtigte Feuerwerk mit Drachenraketen und Schlangenspiralen, das über Stunden durch die Gänge gelärmt hatte, sehr zum Unmut der garstigen Dolores Umbridge. Auch die ihnen bekannten Langziehohren und die falschen Zauberstäbe waren da.

"Willkommen in Weasleys Zauberhafte Zauberscherze!", tauchte Fred mit strahlendem Grinsen hinter der Theke auf. "Harry, Hermine, wir wussten, dass ihr auftauchen würdet."

"Ganz sicher wussten wir es!", meldete sich George und trat durch eine Tür neben den Feuerwerkskörpern hinein. "Seht euch um und staunt, dieser Laden wird uns reich machen! Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie gut sich das Nougat verkauft. Aber wir haben euch extra was aufgehoben!"

Stolz drückte er Harry eine kleine Papiertüte gefüllt mit dem Nougat in die Hand. "Wollt ihr auch von den Toffees? Jeder Neukunde bekommt ein Gratis-Tütchen. - Aber... anderseits seid ihr ja keine Neukunden mehr."

Hermine winkte dankend ab. "Lieber nicht, George. Ich... würde sie nicht brauchen, denke ich."

"Dann vielleicht eine Faule Feder? Unser neustes Produkt. Bist du zu faul zum Lernen, schreibst du mit ihr alle Notizen für eine Prüfung ab und während der Arbeit schreibt sie von allein weiter, wenn du einen totalen Blackout hast."

Hermine schnaubte. "Das dürft ihr doch nicht verkaufen! Das ist Betrug!"

George grinste sie breit an. "Tja, intelligent wie ich bin, benutze ich meinen Kopf für die blödesten Sachen... Aber jetzt hab ich Hunger, ich hol uns was. - Fred, kann ich mal eben deine Galleone benutzen? Ich denke, ein paar von Dana's Doughnuts wären jetzt perfekt. "

Er bediente sich bereits an der Geldbörse seines Bruders und huschte aus dem Laden.

Fred machte sich hinter der Theke breit. "Und, wie waren die Ferien? Und die Ergebnisse der ZAGs?"

Harry und Hermine sahen sich an. Über die ZAGs hatten sie selbst noch gar nicht gesprochen.

"Also ich war mit meinen Ergebnissen sehr zufrieden", meinte sie. "Bis auf Astronomie, natürlich..."

Harry grinste schief. "Da hat ja jeder von uns eingebüßt."

"Und irgendwo ein 'Ohnegleichen' erwischt, Harry?", wollte Fred wissen. Auch Hermine sah interessiert aus.

"In Verteidigung gegen die dunklen Künste", grinste Harry. "Mit Sternchen."

Fred lachte laut los. "Also das ist jetzt irgendwie so ganz und gar nicht überraschend."

"Nun, ich... ich habe noch eines", fuhr Harry etwas nervös fort. Die neugierigen Blicke seiner Freunde ruhten auf ihm. "Und zwar?", erkundigte sich Hermine und schien selbst zu überlegen, wo er sonst noch ein 'Ohnegleichen' hatte bekommen können.

"In einem Fach, von dem ich es wirklich ganz und gar nicht erwartet habe", hüstelte er. "Zaubertränke."

Fred starrte ihn fassungslos an. "Kannst du das bitte noch mal sagen?", fragte er und tat so, als müsse er sich die Ohren putzen.

"Zaubertränke", wiederholte Harry fast schon kleinlaut.

Hermine schüttelte ungläubig den Kopf. "Du warst aber nie gut im Unterricht."

"Nicht unter Snape", räumte Fred ein. "Vielleicht lag es ja einfach an der alten Krähe. - Welchen Prüfer hattest du, Harry?"

"Professor Marchbanks", antwortete der.

Bei der Nennung dieses Namens glitt ein breites Grinsen über Freds Gesicht. "Okay, das erklärt alles. Marchbanks ist nicht gerade für ihre Strenge bekannt - zudem hält sie viel von dir. - Noch irgendwelche Besonderheiten und Überraschungen bei deinen Noten?"

Harry schüttelte den Kopf. "Bis auf Wahrsagen, was ich dieses Jahr ohnehin abgeben werde, nein. Nur E's und A's."

"Und kein einziges T für Troll?", fragte eine Stimme hinter ihnen. "Ich bin schwer enttäuscht!"

Sie drehten sich um.

"Ron!", rief Harry erfreut und auch Hermine strahlte. Überschwänglich begrüßten sie den Dritten im Bunde. George stand mit einer großen Tüte Doughnuts daneben. "Setzen wir uns? Es gibt sicher viel zu erzählen."

 

***
 

Kurze Zeit später saßen sie um einen großen Tisch im hinteren Bereich des Ladens zusammen. Ginny Weasley war nun auch eingetroffen, in Begleitung von Dean Thomas, Neville Longbottom und Luna Lovegood, die sie einfach mitgebracht hatte.

Fred hob ein Glas mit Butterbier. "Auf die DA - ähm, auch wenn wir leider nicht mehr volle Mitglieder sein können." Er zwinkerte Harry zu.

"Brauchen wir die DA überhaupt noch?", fragte Ginny. "Ich meine, wir sind Umbridge los. Und vielleicht haben wir mit einem neuen Lehrer dieses Jahr mehr Glück."

"Ich finde nicht, dass wir die Gemeinschaft auflösen sollten", warf Hermine ein. "Vielleicht sollte sie jetzt einfach nur einem anderen Zweck dienen."

Ron runzelte die Stirn. "Und welchem?"

"Denk doch mal nach." Sie beugte sich nach vorn. "Wir haben es geschafft, aus Schülern unterschiedlichen Alters aus drei unterschiedlichen Häusern eine Gemeinschaft zu machen. Wir haben Freundschaften geknüpft. Hast du vergessen, zu was uns der Sprechende Hut letztes Jahr aufgefordert hat? Wir sollten unbedingt weitermachen und uns weiterhin treffen. Und dieses Jahr werden wir mit diesen Treffen absolut keine Schwierigkeiten haben. Ich bin mir sicher, dass Dumbledore den Club mehr als begrüßen würde. Was uns fehlt, sind noch ein paar Slytherins, die sich anschließen und..."

Ron spuckte sein Butterbier quer über den Tisch. "Slytherins? Hast du sie noch alle? Lieber fress ich 'n Besen mitsamt Quaffel, bevor einer von denen zu uns kommt!"

"Nur, weil sie in Slytherin sind, heißt das nicht, dass alle ein mieses kleines Arschloch wie Malfoy sein müssen", hielt sie dagegen. "Wir müssen zusammenwachsen!"

Ron starrte sie grimmig an. "Es gibt keine netten Leute in Slytherin. Nur intolerante, überhebliche Idioten."

"Solche wie dich?", fuhr Hermine ihn an und Harry wie Ginny warfen sich zu beiden Seiten zwischen die beiden Streithähne.

"Ron, beruhig dich!", bat Ginny und zog ihn am Arm zurück auf seinen Stuhl.

"Aber sie vergleicht mich mit einem Slytherin!", wütete ihr Bruder und versuchte, sie von sich zu schütteln.

Harry seufzte. "Sie meinte nur, dass du dich genauso intolerant wie sie benimmst, wenn du alle über einen Kamm scherst, das ist alles. - Und jetzt setz dich endlich wieder hin!"

Ron gehorchte sich widerstrebend.

"Nun, vielleicht gibt es ja auch hier und da mal jemand Netten in Slytherin?", mutmaßte Neville.

"Niemals!", knurrte Ron dazwischen, schwieg aber, als ihn ein wütender Blick von Hermine traf.

Harry kratzte sich hinter dem Ohr. "Vielleicht haben wir uns einfach noch nicht genauer umgesehen. Die können eigentlich nicht alle gleich sein. Einige müssen einfach einen Funken Verstand haben... Wir können es ja zumindest einmal versuchen..."

"Und wenn wir kein Glück haben?", fragte Luna.

Ron nickte bekräftigend. "Ja, genau, was ist, wenn doch alle kleine miese..." Ein erneuter Blick brachte ihn zum Schweigen.

"Wir müssen Glück haben", seufzte Hermine. "Nur gemeinsam können wir gegen Voldemort - ", auf die Nennung dieses Namens folgten vereinzelte gequälte Laute aus einigen Mündern, die sie ignorierte, " - bestehen. Ihr wisst doch alle, dass er nicht einfach ruhig irgendwo herumsitzen wird und Däumchen dreht. Was, wenn er in Hogwarts aufkreuzt?"

"Das wird er nicht", meinte George. "Er fürchtet sich viel zu sehr vor Dumbledore."

Ginny zog ein bitteres Gesicht. "Dann wird er einen Weg finden, an ihm vorbeizukommen."

"Und wenn er dafür ein Dutzend Leute umbringen muss", stimmte ihr Harry ebenso bitter zu. "Er hat ja schon lange angefangen damit." Damit zog er die heutige Ausgabe des Tagespropheten hervor und schob sie in die Mitte des Tisches.

Fred sah ihn forschend an. "Du vermutest, dass er Tonks getötet hat?"

Harry sah ihn grimmig an. "Ich vermute es nicht, ich weiß es." Und er tippte sich mit dem Finger gegen die Narbe. "Ich weiß immer, wenn er tötet."

Die acht Versammelten musterten sich bedeutungsvoll.

"Wir werden uns nach ein paar geeigneten Slytherins umsehen", bestimmte Harry. "Einzelgänger, die möglichst wenig mit Malfoy und seinen Schergen zu tun haben. Zwei oder drei würden vielleicht schon reichen. Und wir müssen sie unauffällig beobachten und kontaktieren."

Seine Freunde nickten.

"Gut, dann sehen wir uns morgen in der Schule." Er warf einen Blick auf die Uhr. "Hermine und ich haben immer noch nicht unsere neuen Bücher gekauft."

George nickte. "Lasst euer Gepäck bei uns im Laden und kommt hierher zurück, wenn ihr alles habt. Mum kommt euch dann abholen."

"Und ich geh mit euch", sagte Ron und stand auf. "Ginny kann mich jetzt ohnehin nicht ertragen." Sein Blick wanderte zu Dean, der ihn breit angrinste.

Luna und Neville verabschiedeten sich und verließen den Laden, Ginny und Dean folgten kurz darauf. Harry, Hermine und Ron machten sich zu Dritt auf den Weg zu Flourish & Blotts.

"Schade, dass ihr nicht schon gestern direkt zu uns kommen konntet", meinte Ron, als sie sich durch das Gedränge in der Winkelgasse schlängelten.

Harry tauschte einen kurzen Blick mit Hermine und beide grinsten. Ron blieb dieses Grinsen nicht verborgen.

"Ihr hattet nichts dagegen? Was habt ihr verbrochen?", fragte er und blickte neugierig und amüsiert zugleich.

"Ähm, gehen wir ein Eis essen, wenn wir die Bücher haben?", schlug Harry vor. "Da kann man besser reden."

Ron nickte und sie betraten Flourish & Blotts. Für das neue Schuljahr hatten sie nicht gar so viele Bücher zu kaufen und hatten schnell alles beisammen, was sie brauchten. Mit den neuen Bänden unter den Armen verließen sie so also bald wieder den Laden und machten es sich im Eiscafé gemütlich.

"Also?", fragte Ron, als er sich über einen großen Quidditch-Becher hermachte, in dem unterschiedlich gefärbte Eisbälle in verschiedenen Größen die Bälle des Spieles repräsentierten. Die drei Torstangen waren aus Zuckerguss und ein Waffelbesen steckte im Eis.

Hermine stocherte in ihrem Hexenbecher. "Nun ja, wir müssen dir etwas sagen, aber..."

"... du stehst deswegen keinesfalls außen vor", warf Harry ein.

"Oder musst dich wie das fünfte Rad am Wagen fühlen, denn du müsstest wissen, dass du das nicht bist", fuhr Hermine fort.

Harry nickte. "Genau, denn wir sind ein Team."

Ron sah von einem zum anderen. "Und ihr habt keine kürzere Methode gefunden, um mir zu verklickern, dass ihr jetzt zusammen seid?", fragte er und schob sich den Schnatz - ein kleines Bällchen Vanilleeis - in den Mund.

Hermine und Harry wechselten einen überraschten Blick. Auch wenn sie es gehofft hatten, dass Ron diese Tatsache so leicht aufnehmen würde, so hatten sie doch befürchtet, er könnte beleidigt sein. Doch er schien es klaglos zu akzeptieren. "Glückwunsch", meinte er und fiel über den Waffelbesen her. "Besser als Cho Chang. Besser als Krum. Ich mag sie beide nicht. Aber ich mag euch." Er grinste.

Harry und Hermine grinsten zurück.

 

***
 

Molly Weasley holte Ginny, Ron, Hermine und Harry ab, kaum dass es in der Winkelgasse zu dämmern begann. Pünktlich zum Abendessen fanden sich alle in der Küche des Fuchsbaus ein. Wie üblich hatte Mrs. Weasley reichlich für alle gekocht. Allerdings war die Stimmung gedrückt. Alle in der Familie wussten um Tonks' Tod und befürchteten weitere Anschläge Lord Voldemorts auf den Orden.

"Wir haben ein neues Hauptquartier", sagte Arthur Weasley. "Im Grimmauld Place war es einfach nicht mehr... sicher. Wir haben ein Haus zwischen Temple Pier und King's College am Flussufer gefunden... Hat mal einer Hexe gehört." Er seufzte. "Es ist klein, aber es erfüllt seinen Zweck."

Harry sah in die Runde. Eine Frage brannte ihm seit heute morgen auf der Zunge und er hatte bisher nicht gewagt, eine Antwort darauf zu finden.

"Wieso war Tonks in Little Whinging?"

"Während der Ferien waren viele von uns hier und da in Little Whinging", sagte Mrs. Weasley. "Remus, Moody, ich, Tonks... Um ein Auge auf dich zu haben."

Harry starrte sie an. "Ich war aber mehr als fünfzehn Stunden fort, als es passierte. Wieso war Tonks dann überhaupt noch da? Wie konnte Voldemort sie finden?"

Mr. und Mrs. Weasley tauschten einen ratlosen Blick.

"Wir wissen es nicht", gestand Arthur. "Denn wir hatten Tonks ebenfalls bereits sehr viel früher zurückerwartet. Wir wissen nicht, was sie aufgehalten hat."

Harry war mit dieser Antwort sichtlich unzufrieden. Doch zum aktuellen Zeitpunkt schien niemand Genaueres zu wissen.

Nach dem Essen wurden Ron und Ginny von Mrs. Weasley beauftragt, ihre Koffer fertig zu packen und Harry und Hermine gesellten sich zu ihnen. Ron warf seine Einkäufe der Winkelgasse auf das Bett und begann, sie auszupacken. Zwischen den Büchern und einem abgeänderten Umhang - er war schon wieder ein ganzes Stück gewachsen - zog er vier Flaschen Butterbier hervor, die er von Fred und George mitgenommen hatte.

"Auf dass uns dieses Jahr sämtliche Umbridges und ähnliche Grausamkeiten erspart bleiben!", knurrte er und mit einem schiefen Grinsen stießen die Vier miteinander an.

"Und darauf, dass Fudge eine anständige Gehirnwäsche erhält", knurrte Ginny.

"Und darauf, dass er nur noch die richtigen Leute nach Askaban bringt - wo er mit Malfoy doch schon einen so guten Anfang gemacht hat", schnaubte Hermine.

"Und darauf, dass Voldemort bald endgültig in der Hölle schmort", fügte Harry grimmig hinzu.

Ron war der Einzige, der bei der Nennung dieses Namens nach wie vor zusammenzuckte. Aber zumindest winselte er nicht mehr.

"Ja", nickte er dann. "Auch auf das."

Und die Flaschen klirrten aneinander.

 

 
4. Angriff der Harpyien

 

Auf dem Gleis 9¾ herrschte wie zu Beginn jedes Schuljahres reger Betrieb. Mühevoll schoben sie sich durch das Gedränge von sich verabschiedenden Eltern, Geschwistern und Verwandten hindurch zum Zug. Mr. Weasley half ihnen, die Koffer einzuladen und Mrs. Wealsey konnte nicht widerstehen, jeden Einzelnen von ihnen zum Abschied an sich zu drücken.

"Passt mir gut auf euch auf", bat sie.

"Das werden wir schon, Mum", versicherte Ron und kämpfte mit Pigs Käfig. Die kleine Eule hüpfte aufgeregt flatternd darin herum.

Gemeinsam machten sie sich auf die Suche nach einem Abteil. Der hintere Teil des Zuges, in den sie einstiegen, war schon zum Bersten voll, aber im letzten Abteil winkte ihnen Luna entgegen. "Hier ist noch Platz, wenn ihr wollt", rief sie.

Die Vier nickten und gesellten sich zu ihr in das Abteil. Nachdem sie ihr Gepäck verstaut hatten, gingen Ron und Hermine zum kurzen Treffen der Vertrauensschüler weiter nach vorne in den Zug. Luna hütete so lange Rons Eule. Harry hatte Krummbein auf dem Schoß und kraulte ihn. Der Kater schnurrte leise in seinen Umhang, während sein Fell vor Wohlbefinden Funken sprühte.

Es dauerte nicht lange, bis Hermine und Ron zurückkehrten. Ebenso dauerte es nicht lange, bis eine ihnen allen bekannte und verhasste Gestalt den Kopf zur Tür hereinsteckte.

"Was hatte ich mir gewünscht, keinen von euch Idioten dieses Jahr ertragen zu müssen", schnaubte Malfoy. Crabbe und Goyle hinter ihm grienten. "Man müsste euch Punkte für eure bloße Anwesenheit abziehen."

"Du kannst es ja versuchen", grinste Harry zwischen fünf gezogenen Zauberstäben hindurch. "Wie willst du diesmal die Zugfahrt genießen? Vielleicht heute als Flubberwurm?"

Wütend zog sich Malfoy zurück und schlug die Tür des Abteils hinter sich zu. Ron grinste selbstzufrieden. "Langsam übt er sich in Respekt."

Sie lehnten sich zurück. Luna las in der neusten Ausgabe des Quibblers, Hermine hatte eines der neuen Schulbücher auf dem Schoß, Ron zupfte Federhülsen aus Pigs Gefieder, was die Eule mit Protestlauten quittierte, und Ginny döste am Fenster ein. Harry starrte weiter auf die an ihnen vorbeifliegende Landschaft.

Sie waren knapp anderthalb Stunden unterwegs, als sich der Himmel zuzuziehen begann. Die Sonne verschwand hinter grauen Wolken, Wind kam auf und die ersten Regentropfen klatschten gegen die Fensterscheiben. In den Abteilen und Gängen gingen die Lichter an, als es draußen dunkler und dunkler wurde.

"Was ein Wetter", murmelte Hermine und fröstelte. "Und das im Spätsommer!"

Harry starrte in die dichte Wolkenwand. Irgend etwas beunruhigte ihn an diesem Wetter. In der Ferne zuckten Blitze und Donnergrollen erklang. Im Licht des nächsten Blitzes war ein großer Vogel zwischen den Wolken zu sehen, der direkt auf sie zuschoss.

"Was ist denn das?" Ron war aufgesprungen und presste die Nase ans Fenster. Harry, Hermine, Luna und die nun wach gewordene Ginny folgten verwirrt seinem Blick.

Der Horizont hatte sich schwarz gefärbt, so angefüllt war er mit den Leibern eines riesigen herannahenden Vogelschwarmes, der zwischen den Wolkenbergen herausgebrochen war. Harry hatte so etwas noch nie gesehen. Wie eine bedrohliche, jedes Licht verschluckende Decke glitten die Vögel durch die Lüfte. Und die Schatten, stellte er überrascht fest, eilten ihnen voran, um die Landschaft unter ihnen in vollkommene nächtliche Finsternis zu tauchen.

"Was sind das für Dinger?", fragte er.

"Harpyien", sagte Luna, als würde sie auf eine Quizfrage antworten. Ron neben ihr fröstelte.

Stirnrunzelnd blickte Harry sie an, dann sah er wieder auf den gewaltigen Schwarm - und bemerkte, dass es sich bei den Tieren gar nicht um wirkliche Vögel handelte. Sie hatten weit ausladende Schwingen und kräftige Klauen, so wie zu groß geratene Adler. Doch ihre Köpfe waren eine grausame Kombination aus einem menschlichen Gesicht und dem einer giftigen Echse. Schrille Schreie, zuerst leise, doch mit jeder Sekunde lauter werdend, erfüllten die Luft.

Harry versuchte sich daran zu erinnern, was er über Harpyien gelesen hatte. Es waren Männer mordende und Kinder fressende Bestien, die in den Bergen hausten. Ein Liedtext kam ihm in den Sinn und ebenfalls wie zuvor Ron fröstelte er.

 

Einst war sie eine Frau, so jung und schön,
Wurd' von allen Männern begehrt,
Sie wollt mit ihnen in die Berge geh'n,
Und nie hat sich einer gewehrt.
 
Eines Tages in den Bergen, da war es so weit,
Den Tod bracht sie über einen Mann,
Er schrie so laut, klagt den Göttern sein Leid,
die Götter erhörten ihn dann.
 
Ihre Arme, sie wurden gefiederte Flügel,
Ihre Beine zu Krallen so lang,
Ihre Stimme, sie hallte schrill in der Stille,
Die Liebe wurd' grausamer Zwang.
 

Todesgeister. Dämonen. Und als eine gewaltige Armee zogen sie kreischend über den Himmel, direkt auf sie zu.

"Seit fast fünfzehn Jahren sind keine Schwärme mehr gesehen worden", sagte Hermine leise. Ihre Hände krallten sich in den Sitz, so stark, dass sich die Knöchel weiß verfärbten. Sie konnten hören, wie in den Abteilen um sie herum Panik ausbrach. "Seit Voldemort..."

Der Hogwarts Express beschleunigte sein Tempo, doch die Harpyien behielten stur ihren Kurs bei. Von gewaltigen Schwingen getragen kamen sie näher und näher. Harry konnte Hunderte von rubinroten Augenpaaren in der schwarzen Masse aufblitzen sehen, die den Zug verfolgte wie ein Rudel Bluthunde das ihm sichere Wild. Der ihnen voraneilende Schatten fraß sich wie die klammen Finger des Todes über die Gleise und tauchte alles hinter ihnen in eine beängstigende Finsternis. Nur noch wenige Meter fehlten, dann würden sie den letzten Waggon des Zuges berühren.

"Wir müssen raus hier", jammerte Ron. "Sie werden uns alle töten!"

Hermine hatte bereits die Tür zu ihrem Abteil aufgerissen. Draußen im Gang drängten schon panisch andere Schüler vorbei, um den letzten Waggon zu verlassen. Luna riss die Käfige von Pig und Hedwig auf, um die Eulen fliegen zu lassen. Sie konnten sie in diesem Chaos niemals tragen.

Die Gruppe schob sich in dem Moment in den Gang, wie auch Malfoy, Crabbe und Goyle neben ihnen. Unsanft rempelten sie ineinander. Krummbein am Boden gab ein wütendes Fauchen von sich, hieb Crabbe seine Krallen ins Bein und schoss mit gesträubten Fell in den nächsten Waggon.

"Geh zur Seite, Potter!", schnappte Malfoy. "Bleib verdammt noch mal hier und lass dich von diesen Bestien zer..."

Er kam nicht dazu, auszusprechen. Ein gewaltiger Ruck ging durch den Waggon und riss sie alle von den Füßen. Das Licht über ihnen flackerte, bevor es vollkommen erlosch. Goyle quietschte wie ein panisches Schweinchen und krallte sich an Malfoy fest, der vor lauter Überraschung die Fensterbank losließ, an die er sich eben noch geklammert hatte. Der Waggon buckelte wie ein wütendes Pferd und schleuderte sie tiefer in den rückwärtigen Teil. Harry prallte gegen die Wand, Ron schlug gegen sein Bein. Auf der anderen Seite des Ganges versuchte Malfoy sich aufzurappeln. Goyle und Crabbe hatten sich an zwei Stangen geklammert. Hermine saß in der Nische ihres Abteils und zog sich an der Tür hoch, an der sich Luna festgeklammert hatte und Ginny am Arm hielt. Die hatte ihren Zauberstab gepackt und richtete ihn auf ihr Gepäck im Abteil. "Mobiliarmus!", brüllte sie und die Koffer, teilweise schon am Boden verstreut, erhoben sich und schwebten aus dem Abteil hinaus in den Gang. Durch die Tür hindurch verschwanden sie im Nachbarwaggon, in den auch Krummbein geflohen war und protestierend miaute.

Ein erneuter, kräftiger Ruck - lautes Scheppern und Splittern von Glas. Das Donnern des Zuges verstummte, Bremsen quietschten ohrenbetäubend. Ginny verlor die Kontrolle über das Gepäck und die Koffer schlugen zu Boden, begleitet vom Fauchen Krummbeins, der ihnen rasch hatte ausweichen müssen. Von einem schrillen, durch Mark und Bein gehenden Schrei begleitet erschien eine schwarze Fratze am Fenster des Ganges. Bösartig blitzende rote Augen starrten in das Waggoninnere. Bei diesem Anblick ergriffen Crabbe und Goyle panisch die Flucht und hasteten schreiend durch die Verbindungstür hinaus.

"Elende Feiglinge!", zischte Malfoy und versuchte, aufzustehen. Ron krabbelte auf allen Vieren über den nun wieder wackeligen Boden hinauf zu Hermine, die ihren Zauberstab gepackt hatte und "Lumos!" schrie. Licht fraß sich durch die Dunkelheit und erhellte das scheußliche Gesicht einer Harpyie, deren Schnauze sich gegen das Fenster drückte. Der heiße Atem des Dämons beschlug das Glas. Durch das Licht geblendet riss die Harpyie den Kopf zurück und die Schüler im Gang atmeten erleichtert auf. Doch plötzlich schwang der Schädel zurück und stieß mit einem lauten Krachen gegen den Waggon, der nun wieder heftig zu schwanken begann.

"Ich hoffe, dieses Ding ist stabil", bibberte Ron, der sich an der Stange festklammerte, wo zuvor noch Goyle gestanden hatte, und die Augen schloss. "Oh bitte, bitte..."

Ein zweiter Stoß, diesmal von der anderen Seite des Waggons. Die Federung ächzte unter der Wucht der Schläge.

"Die Viecher sind überall!", schrie Malfoy. "Um den ganzen verdammten Waggon herum! Sie wissen genau, dass wir hier drin sind!"

Abwechselnd und rhythmisch erfolgten die Schläge und der Boden unter ihnen hörte nicht auf zu wackeln. Hinzu kam, dass sich der Waggon immer weiter zu neigen schien. Harry streckte die Hand nach einem Griff aus, der sich am hinteren Abteil befand, und zog sich hoch. Neben jeder Tür befanden sich zu beiden Seiten diese Griffe. Sie wie eine Leiter benutzend, stieg Harry an ihnen zu seinen Freunden hinauf, sich jedes Mal verkrampft festklammernd, wenn ein neuer Stoß den Waggon erschütterte. Malfoy versuchte es ihm auf der anderen Seite des Ganges gleich zu tun.

Der folgende Aufprall war so gewaltig, dass beide Jungen den Halt verloren. Harry riss die Arme hoch und spürte gleichzeitig, wie seine rechte Hand gepackt wurde. Luna hatte ihn gerade noch rechtzeitig greifen können, während Malfoy durch den Gang purzelte und an die rückwärtige Wand stieß. Der Waggon schwankte mit metallischem Kreischen auf seiner Federung. Die Harpyien brüllten und stießen noch einmal zu.

Harry bekam ebenfalls die Stange zu fassen und Luna streckte Hermine die Hand entgegen, die es bereits bis zur Zwischentür in den benachbarten Waggon geschafft hatte. Ginny stand hinter ihr. Ron zog sich neben Luna an einer Abteiltür hoch.

Ein weiterer Stoß. Krachend brach die Wand auf, wo spitzer Fels sich in das Metall bohrte. Der Waggon stand nun fast in der Senkrechten. Als er leicht zurückfederte, konnten sie durch die aufgerissenen Wände sehen, dass sich unter ihnen ein Abgrund auftat.

"Raus, raus, raus!", schrie Ron und bekam die Zwischentür zu fassen.

"Was ist mit Malfoy?" Harry blickte zu dem Slytherin hinab, der eilig versuchte, an den Griffen hinaufzuklettern. Durch die Löcher drangen die wütenden Rufe der Harpyien, dunkle Schwingen zogen vorüber. Dann schoss urplötzlich ein scharfer Schnabel in den Gang. Er schnappte nach Malfoy und erwischte den Umhang. Vehement begann die Harpyie daran zu zerren.

"Halt mich fest!", rief Harry und ließ die Stange los. Ron starrte ihn entgeistert an.

"Ich soll mein Leben aufs Spiel setzen um Malfoy zu retten? Spinnst du?!" Er wechselte den Blick zu Luna, die wortlos an ihm vorbeigekrochen war, die Stange erreichte und Harrys Hand packte. Auch Hermine schob sich an ihm vorbei und nahm die Hand des Ravenclaw-Mädchens. "Halt die Klappe und beweg dich, Ron!", befahl sie.

Der stieg entgeistert zu seinen Freunden hinab und nahm seinerseits Hermines Hand. "Ihr seid alle drei so irre. So furchtbar irre... Ihr spinnt. Ihr seid von allen guten Geistern verlassen, der Waggon wird jeden Augenblick..."

"Ich sagte Klappe halten!"

"Seid vorsichtig!", wimmerte Ginny vom Türrahmen aus.

Mit Ron als letztem Glied bildeten sie eine Kette. Harry stieg - Lunas festen Griff spürend - langsam über die Griffe an den Türen zu Malfoy hinab, der sich verzweifelt festzuklammern versuchte. Der Stoff seines Umhanges riss und der Kopf der Harpyie schoss zurück. Harry nutzte den Moment.

"Reich mir die Hand, schnell!", bellte er.

Malfoy reagierte wie mechanisch und Harry ergriff seine vor Angst kalten und schweißnassen Finger. Keine Sekunde später brach der Kopf der Harpyie erneut durch das klaffende Loch der Rückwand.

"Zieh, Ron!", schrie Hermine und stemmte sich gegen die Tür, an der sie Halt gefunden hatte, um Luna hochzuziehen, die ihrerseits Harry höher zerrte, an dessen Hand Malfoy hing. Der scharfe Schnabel der Harpyie schloss sich mit einem lauten Krachen - der Dämon hatte ins Leere geschnappt. Wütend kreischend versuchte sich das Monster weiter durch das Loch in den Gang hinein zu zwängen.

"Beeilt euch!", wimmerte Ron und starrte panisch auf den schwarzen zuckenden Leib der Harpyie.

Harry versuchte, Malfoy zu sich zu ziehen, doch diesmal war der Dämon schneller und bekam Dracos rechtes Bein zu fassen. Mit einem Ruck zerrte sie ihn zurück und Harry glitt seine Hand durch die Finger. Hermine hinter ihm schrie vor Entsetzen auf.

Die Augen der Harpyie blitzten triumphierend auf und sie zog den vor Schreck gelähmten Malfoy mit sich zurück. Harry tastete hektisch in seiner Tasche nach seinem Zauberstab, bis er ihn endlich zu fassen kam. Er zog ihn hervor und richtete ihn auf das Monster.

"Expecto patronum!", rief er in einer Mischung aus Wut und Panik. Wabernder Nebel schoss aus der Spitze seines Zauberstabes und formte sich zu einem riesigen, geisterhaften Hirsch, der beinahe den gesamten Gang ausfüllte. Wild stieß der Schutzpatron mit dem Geweih nach der Harpyie, die vor lauter Überraschung von Malfoy abließ. Harry klemmte sich den Zauberstab zwischen die Zähne, um wieder die Hand freizubekommen, und packte Draco. Während der weiße Hirsch immer wieder gegen das schwarze Ungetüm anging und es so von den Schülern fern hielt, zogen Harry, Luna, Hermine und Ron Malfoy nach oben.

"Das mit dem irre nehme ich zurück", machte Ron seinem Ärger Luft. "Ihr seid allesamt vollkommen übergeschnappt! Meint ihr, Malfoy hätte euch rausgeholt?"

Draco starrte ihn nur wütend an. Sein Umhang hing in Fetzen an ihm herunter, das rechte Hosenbein fehlte fast vollkommen. Knapp über dem Knie hatte der scharfe Schnabel der Harpyie tief in das Fleisch eingeschnitten.

"Seid bloß froh, dass ihr im letzten Wagen wart", knurrte er. "Sonst hätten sie den gesamten Zug auseinander genommen! - Los, raus hier!" Er gab Harry einen Stoß Richtung Zwischentür. "Raus hier, verdammt! Bevor dieser Hirsch verschwindet und das Biest zurückkommt!"

Hintereinander krochen sie durch die Verbindungstür in den benachbarten Waggon, der noch auf festem Boden stand. Zwei Schaffner waren gerade herangeeilt.

"Ist noch jemand da drin?", rief ihnen der erste entgegen.

Hermine schüttelte den Kopf. "Außer einer halben Harpyie niemand."

"Die halbe reichte mir!", schnaubte Ron.

"Dann beeilt euch, geht in den nächsten Waggon. Wir müssen den letzten hier abkoppeln." Der Schaffner winkte die Gruppe eilig durch. "Seid bloß froh, dass ihr noch alle am Leben seid! Ihr müsst ein Glück gehabt haben!"

Ron schnaubte erneut, aber Harry zog ihn weiter, bevor er losdonnern konnte. Gemeinsam zwängten sie sich durch die nächste Verbindungstür. Hier funktionierte das Licht noch. Luna deutete aus dem Fenster und fassungslos starrten sie auf den tiefen Abgrund hinter sich, über dem der letzte Waggon baumelte. Die Brücke, die einst über die Schlucht geführt hatte, war mitten hindurch gebrochen. - Nun, gebrochen war das falsche Wort. Eher sah die Stahlkonstruktion so aus, als sei sie unter allerhöchster Hitze zusammengeschmolzen. Die schwarze Wolke aus Harpyien hatte sich entfernt. Ein weißer Hirsch donnerte den Dämonen hinterher durch die Lüfte.

Hermine schnappte nach Luft. "Das ist ja..."

"Es hätte genauso gut der Zug sein können, an Stelle der Brücke", zischte Malfoy.

"Du hättest genauso gut Harpyienfutter sein können", fauchte ihn Ron an. "Und ich schwöre dir, ich wäre da nicht runtergeklettert, bloß um dich aus dem Schnabel dieser Bestie zu zerren!"

"Nein, du sicher nicht", fauchte Malfoy zurück. Er schnaubte abfällig und humpelte an ihnen vorbei nach vorn. "Es scheint, als habe Potter etwas mehr Anstand und Mumm in den Knochen. Und sogar ein vollkommen durchgeknalltes Gör und ein Schlammblut." Damit kehrte er ihnen endgültig den Rücken zu.

Ron kochte beinahe vor Wut über. "Los, wir schnappen ihn und werfen ihn zurück in den Waggon!"

"Zu spät", meinte Ginny und deutete erneut aus dem Fenster, wo besagter letzter Teil des Hogwarts Expresses gerade unter einem Feuerball im Abgrund verschwand...

 

***
 

Als der Zug wieder fuhr, hatten sie ein neues Abteil gefunden. Bedrückt saßen sie über ihrem durcheinander gewirbelten Gepäck und versuchten es zu ordnen. Krummbein lag missgelaunt auf dem Sitz, Hedwig saß schweigend über ihm auf einer Gepäckstange. Neville kam mit Pig in der Hand herein. Er hatte ihn im Speisewagen gefunden.

"Meine Güte, was war da nur los?", fragte er und betrachtete das Chaos. "Crabbe und Goyle sind weiß wie Schnee durch den Zug gerannt und haben gebrüllt, ein Monster wolle sie umbringen."

"Schön wär's gewesen", knurrte Ron.

Neville setzte sich zu ihnen und ließ sich berichten, was im letzten Waggon vorgefallen war.

"Ich saß ziemlich weit vorne", meinte er. "Aber ich habe die Harpyien auch gesehen. Großmutter hat mir oft genug von ihnen erzählt." Er schüttelte sich. "Sie sind schlechte Vorboten. Lord... nun, ihr wisst schon wer, hat sie hier und da recht gerne benutzt. Er hatte nicht nur Gefolge unter den Zauberern... auch unter den magischen Lebewesen..."

"Ein Gefolge aus dem allerletzten Abschaum", schimpfte Ron.

Hermine derweil sah sehr besorgt drein. "Die Harpyien waren seine Vorboten der Zerstörung. Die Schatten, die ihm vorauseilten, um ihn anzukündigen."

"Wohin ist er dann unterwegs?", wollte Neville wissen. Und in die darauffolgende Stille hinein fragte er leise: "Nach Hogwarts...?"

 

 
5. Leroux und Sesachar

 

Als sie in Hogsmeade ausstiegen, wurden ihre Befürchtungen zum Glück vorerst nicht bestätigt. Alles war, wie es sein sollte. Es regnete zwar sehr stark und es kam ein Sturm auf, aber deutlich konnten sie Hagrid in der Menge der Schüler ausmachen, der die Erstklässler zu sich rief, um sie mit den Booten über den See zu bringen, wie es in Hogwarts uralte Tradition war. Der Halbriese zwinkerte den Freunden fröhlich zu und sie winkten ihm zurück. An den Toren warteten Kutschen, die von Thestralen gezogen wurden - schwarzen, bis auf die Knochen abgemagerten Pferden mit Reptilienhaut und Dämonenschwingen. Ihre pupillenlosen weißen Augen schienen nach überallhin und doch ins Nirgendwo zu starren.

Im Vorbeigehen klopfte Harry dem Tier ihrer Kutsche den Hals. Nicht viele neben ihm konnten die unheimlichen Pferde sehen, welche die Kutschen zum Schloss zogen - denn sie waren nur für die Menschen sichtbar, die den Tod gesehen hatten. Und neben Harry waren das Neville und Luna, die ihrerseits das Thestral begrüßten. Obwohl das Tier von seiner äußeren Erscheinung auf den ersten Blick furchteinflößend und direkt hässlich wirkte, wussten sie alle die geflügelten Pferde sehr zu schätzen.

Sie stiegen in ihre Kutsche, die sich zusammen mit den anderen alsbald in Bewegung setzte.

Harry starrte aus dem Fenster, das gewaltige Schloss aufmerksam musternd, aber er fand keinen Anhaltspunkt, der sein Misstrauen wecken konnte. Es schien wirklich alles in Ordnung zu sein. Selbst der Regen und der ihn begleitende Sturm war gewöhnlich.

Durch das große Portal betraten sie Hogwarts und ließen sich von dem Strom der Schüler, der sich in die Große Halle bewegte, mitreißen. Sie fanden ihre Plätze an den Tisch der Gryffindors, Luna ihrerseits ging zu dem der Ravenclaws hinüber. Allgemeines Gemurmel und Getuschel, vermischt mit den Ausrufen freudigen Wiedersehens, erfüllte die Luft.

Harry ließ seinen Blick über den fünften großen Tisch, denen der Lehrkräfte, schweifen. Dolores Umbridges Stuhl war leer - die Lehrer für das Fach der Verteidigung gegen die dunklen Künste wechselten an Hogwarts mit erschreckender Kontinuität jährlich. Und, ebenfalls wie fast jedes Jahr, schien der neue Professor für dieses Fach auf sich warten zu lassen.

Harry entdeckte unter dem Kollegium allerdings schon einen weiteren neuen Lehrer. Allerdings besetzte er keinen Platz, der vorher einem anderen gehört zu haben schien und Harry fragte sich, für welches Fach der Fremde vorgesehen war. Es war ein hochgewachsener, schlanker Mann mit halblangem, mittelbraunem Haar und markanten Gesichtszügen. Er trug eine lange, in verschiedenen dunklen Grüntönen gehaltene Robe und einen dazu passenden Hut. Seine Nase war etwas zu groß für sein Gesicht, sein Auftreten fast etwas schlaksig.

"Wer ist der da?", erkundigte sich Harry bei Hermine, die neben ihm saß. Sie folgte seinem Blick. "Das ist Professor Pithormin Sesachar. Aber er scheint für ein neues Fach vorgesehen zu sein... kein bereits bestehendes. Leider weiß niemand, für welches. Daraus wird irgendwie ein riesengroßes Geheimnis gemacht."

"Und wer wird dann der Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste?", wollte Ginny wissen.

Doch bevor Hermine antworten konnte, erklang von draußen urplötzlich ein wütender Schrei, und das leise Gemurmel in der Halle erstarb augenblicklich. Aller Augen richteten sich auf die von den hinteren Plätzen gut zu sehende Eingangshalle, wo soeben die große Doppeltür aufgeflogen war. Der Sturm hatte eine Regenwehe in das Schloss getragen. Die Schüler konnten wahrlich hören, wie die schweren Tropfen auf das glänzend polierte Marmor schlugen. Filch, der Hausmeister, stand mit gerauften Haaren und rot vor Zorn inmitten dieses Regenschwalls und starrte mit einer Mischung aus unbändiger Wut und blankem Entsetzen auf den eben eingetretenen Übeltäter.

Von ihren Plätzen aus verfolgten die Anwesenden gespannt, wie die in einen dunklen Umhang vermummte Gestalt an dem zeternden Hausmeister vorbei in die Große Halle trat, in der nun absolutes Schweigen herrschte. Jeder folgte dem fremden Neuankömmling mit Blicken, bis die Gestalt an den erhöhten Tisch des Kollegiums trat und die zuvor tief gezogene Kapuze zurückgleiten ließ. Der schmutzige, vom Regen durchweichte Stoff offenbarte langes auberginefarbenes Haar, das dem Fremden zu einem Zopf geflochten weit über die Schulter hing.

"Ah, Professor Leroux!" Albus Dumbledore war von seinem Stuhl aufgesprungen und klatschte freudig in die Hände. "Ich befürchtete schon, Sie würden sich verspäten. Aber so sind Sie ja gerade noch rechtzeitig eingetroffen - bitte, nehmen Sie Platz."

Professor Leroux nickte dem Schulleiter zu und trat hinter den einzigen noch freien Stuhl, sich dabei vollkommen von dem Umhang befreiend. Sie war eine Frau - eine beachtenswert hübsche Frau, wie Harry feststellte, der sie neugierig beäugte. Sie passte in keinster Weise zu dem Bild der bisherigen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste - sie waren allesamt eher... verschroben auf ihre ganz eigene Art gewesen. Quirrel mit seinem riesigen Turban und seiner Stotterei, Lockhart mit seinem Glamour und seiner Selbstgefälligkeit, Lupin durch sein verlottertes Auftreten, der - zugegeben falsche - Mad Eye Moody durch sein wahrlich unansehnliches Äußerliches und zuletzt Professor Umbridge, die wohl grauenvollste Lehrerin, an die sich Harry erinnern konnte - und die noch dazu das menschliche Abbild einer viel zu hässlichen Kröte gewesen war.

Professor Leroux war eine wahre Schönheit. Das lange, volle Haare umspielte ihre weichen Züge und ihre blauen Augen waren aufgeschlossen und warm. Sie trug ein königsblaues Kostüm unter dem schmutzigen Umhang, dessen sie sich jetzt vollkommen entledigt hatte. Graziös nahm sie neben Professor Snape Platz. Als Letzter erschien Hagrid. Mit seinem Eintreffen war klar, dass die Erstklässler ihre Willkommensfahrt über den See hinter sich hatten und nun aufgeregt hinter der Tür auf das Ungewisse warteten, das ihnen bevorstand.

Und da kamen sie auch schon, zu Pärchen gereiht im Gänsemarsch zwischen den Schülertischen hindurch, blass und aufgeregt. Professor McGonagall ging ihnen voraus, den Sprechenden Hut in der Hand, den sie auf einem Stuhl ablegte. Sämtliche Schüleraugen hingen an dem hässlichen alten Klumpen aus Filz, der schon mit unzähligen Flicken übersät war, bis der Hut eine Falte hochzog, die zu einem Mund wurde, und zu singen begann.

 

So lange her, in einer andren Welt
Wurde diese Schule erbaut
Auf starken Mauern, auf das sie niemals fällt
Darauf hat man so sehr vertraut.
Sehr dunkle Jahre, so sagt man
War'n es zu jener Zeit
Doch die dies sagen, niemals sah'n
In unsere Zukunft weit.
In jeder Ära, seid bedacht
Ist der Schatten vom Licht nie weit
In jeder Zeit, gebt ihr nur Acht
Entdeckt ihr Glück und Leid.
So bedenkt, dass - egal wann
Die Freundschaft zählt in großer Not
Und dass sie euch bewahren kann
Vor Missgunst, Hass und Tod.
In vier Häuser seid ihr aufgeteilt
Irgendwie getrennt, so scheint's
Doch wenn das Schicksal euch ereilt
So seid ihr alle eins.
Teil ich euch nun zu Slytherin ein
Denkt bitte nicht, das ist bloß weil
Ihr listig seid und euer Blut noch rein
Denn vom Ganzen seid auch ihr ein sichrer Teil
In Ravenclaw, so man erst denkt
Ist Intelligenz und Fleiß das wichtigste Gebot
Und dennoch, die Gemeinschaft lenkt
Euch den rechten Weg in großer Not.
In Hufflepuff, hat man euch erzählt
Hat man vor Arbeit niemals Scheu
Und hat die Hilfsbereitschaft auserwählt
Drum ist man bei Gefahr sich treu.
Ist Gryffindor doch euer Platz
Für Tapferkeit und Mut bekannt
Liegt hier noch ein ganz and'rer Schatz
Der stets zusammenhält das Band.
Das Band, von dem ich spreche hier
Bedeutet weder Konkurrenz noch Neid
Doch Zusammenhalt der Häuser vier
Ich bitt euch, haltet euch bereit.
Dunkle Jahre zieh'n an uns vorbei
Sie werden enden, doch nur wann?
Euch sei es nur nicht einerlei
Und nun fang ich mit dem Sortieren an.
 

"Schon wieder eine Warnung", murmelte Hermine und Ginny nickte. Harry betrachtete schweigend den Hut, der nun verstummt war. Erneut hatte er zu Beginn des Schuljahres dazu aufgerufen, als Einheit zu denken, über die Grenzen ihrer Häuser hinaus. Im vergangenen Jahr hatten sie vielleicht mit dem Aufbau von Dumbledores Armee den ersten Schritt gemacht, als Gemeinschaft bestehend aus drei Häusern. Und er war sich sicherer denn je, dass Hermine Recht damit hatte, auch endlich Kontakte zu einigen Slytherins zu knüpfen.

Minerva McGonagall war vorgetreten, ein nun entrolltes Pergament in den Händen, und begann die Namen der Erstklässler zu verlesen. "Ashley, Desma."

Ein dunkelhäutiges Mädchen trat zögernd aus der Gruppe hervor und ließ sich ebenso zögerlich auf den Stuhl sinken. Professor McGonagall platzierte den Sprechenden Hut auf ihrem Kopf, der das Mädchen nach kurzer Zeit den Hufflepuffs zuteilte, an deren Tisch Applaus erklang. "Boran, Selman." Slytherin. "Bugalski, Priska." Ravenclaw. "Button, Myriam." Hufflepuff. "Calvente, Sonya." Gryffindor... So ging es weiter, bis der letzte Schüler - Ronny Zorn, Slytherin - zugeteilt war.

Dann, nachdem sich die Erstklässler alle an die Tische ihrer neuen Häusern gesellt hatten, erhob sich Professor Dumbledore mit einem Räuspern. Sofort herrschte wieder absolute Stille in der Großen Halle. Lächelnd blickte der Schuldirektor in die Runde.

"Willkommen zu einem neuen Schuljahr in Hogwarts. Bevor das Bankett beginnt, möchte ich zuallererst einige Worte an euch richten. Für die Erstklässler im Speziellen möchte ich - wie jedes Jahr - wiederholen, dass das Betreten des Verbotenen Waldes schwer bestraft wird - und womöglich nicht nur von uns. Also haltet euch davon so fern wie möglich. Des Weiteren möchte ich zwei neue Lehrkräfte vorstellen." Seine rechte Hand wies auf Professor Leroux am Rand des Tisches. Sie schien gar nicht zuzuhören, denn ihre Aufmerksamkeit lag vollkommen auf... Harry hob vor Verblüffung beide Augenbrauen... Professor Snape. Der allerdings schien nicht zu bemerken, dass die neue Lehrerin ihn förmlich mit den Blicken aufsog, denn er schaute eher gedankenverloren vor sich hin.

"Zum einen möchte ich Professor Améthyste Leroux recht herzlich in unserer Mitte begrüßen. Sie wird dieses Jahr das Fach Verteidigung gegen die Dunklen Künste unterrichten."

Bei der Nennung ihres Namens war Professor Leroux aus ihrem offensichtlichen Tagtraum erwacht und hob pflichtbewusst den Kopf, um den Schülern freundlich zuzunicken.

"Zum anderen", Dumbledore wies diesmal auf die linke Seite, "möchte ich euch Professor Pithormin Sesachar vorstellen. Allerdings werden nur die oberen Klassen das Vergnügen haben, seinem Unterricht beizuwohnen. Das Fach Certamensis wird nur den Jahrgangsstufen fünf bis sieben erteilt werden." Vereinzeltes Raunen ging durch den Saal. "Aber nun sei der Rede Genüge getan. Ich bedanke mich für eure Aufmerksamkeit."

Dumbledore klatschte kurz in die Hände und schon bogen sich die Tische unter Bergen von Köstlichkeiten, über die sich die Schüler heißhungrig hermachten.

Harry nahm sich von den Kartoffeln. "Was ist Certamensis?", fragte er. Zu seinem höchsten Erstaunen antwortete nicht Hermine, sondern Ginny.

"Es ist die höhere Lehre des Duellierens", erklärte sie. "Soweit ich weiß, wurde dieses Fach seit mehr als dreihundert Jahren nicht mehr an Hogwarts unterrichtet."

"Und wieso nicht?", wollte Dean Thomas neben ihr wissen, der sich eifrig Fleischklößchen auftat.

"Weil es zu gefährlich ist."

Sofort klebten sämtliche Augen der Schüler in Hörweite an Ginny, die nervös auf der Bank herumrutschte. "Nun, ich habe gehört, dass es dabei viele ernste Verletzungen gab... und nicht nur das."

"Abe wenn eff fo gefähliff ift, wiefo haben wir daf Fach dann wieder?", nuschelte Ron aus vollem Mund.

Sie tauschten stille Blicke aus und eigentlich wusste jeder die Antwort, auch ohne dass sie ausgesprochen wurde.

Hermine tat es schließlich doch, auch wenn es nur ein Flüstern war. "Voldemort..."

Vereinzeltes Zucken oder leise Laute des Entsetzens bei dem Klang dieses Namens folgten, aber ebenso düsteres, zustimmendes Nicken.

"Dumbledore wird es sich gut überlegt haben, dieses Fach nach all den Jahren wieder einzuführen", murmelte Ginny.

Harry schob seinen noch halbvollen Teller von sich. Irgendwie war ihm der Appetit vergangen. "Das bedeutet, dass er Schlimmes befürchtet - und Hogwarts nicht mehr als so sicher ansieht, wie es einmal war." Unweigerlich musste er an den Zwischenfall mit den Harpyien denken.

Hermine nickte. "Es scheint so. Zumindest scheint er zu wollen, dass wir gewappnet sind... soweit es eben möglich ist."

 

***
 

Nach dem Essen brachten Hermine und Ron die Erstklässler in den Gemeinschaftsraum. Die restlichen Gryffindors folgten etwas später und verteilten sich auf ihre Schlafräume, wo ihr Gepäck bereits ordentlich aufgereiht für sie bereit stand.

Harry warf seinen Umhang auf das Bett und verließ den Schlafraum noch einmal kurz, um zu sehen, ob Hermine noch wach war. Sie hatte den neuen Mädchen gerade ihren Schlafraum gezeigt und war auf dem Weg zu ihrem eigenen. Als sie Harry entdeckte, ignorierte sie die Tür und kam die Treppe zu ihm hinunter.

Er grinste sie an. "Ich wollte nur 'Gute Nacht' sagen."

"Dann tu es", lächelte sie, nicht auf die kichernden Erstklässlerinnen achtend, die auf der Empore standen, noch zu aufgeregt um gleich zu schlafen, und die Beiden beobachteten. Ihr Gekicher schwoll an, als Harry Hermine an sich zog und küsste.

Ginny, die mit Dean später vom Essen hochgekommen war und nun den Gemeinschaftsraum durch das Porträtloch betrat, grinste breit und zwinkerte den jungen Mädchen zu. "Wartet es ab, in ein paar Jahren werden andere kichern, wenn sie euch mit einem Jungen sehen."

"Niemals!", protestierte eines der Mädchen, Sonya Calvente, die als Erste aus dem neuen Jahrgang dem Hause Gryffindor zugeteilt worden war. "Einen Jungen werde ich nie anfassen. Die sind alle doof."

Die vier Älteren wechselten einen amüsierten Blick. "Wir reden in vier Jahren noch mal", meinte Hermine dann und löste sich von Harry. "Gute Nacht."

"Gute Nacht", schmunzelte er und sah den Mädchen nach, die in ihren Schlafräumen verschwanden. Dean neben ihm boxte ihm verschmitzt grinsend in die Seite. "Danke, Kumpel. Ich habe soeben meine Wette mit Barny und Theodore gewonnen."

Harry sah ihn irritiert an. "Welche Wette?"

"Barny behauptete, Hermine würde Krum nehmen. Ich hab dagegen gehalten und auf dich gewettet. Und Theodore..."

"Ihr wettet um so was?", fuhr Harry ihn fassungslos an. "Spinnt ihr?"

Dean lachte los. "Nun... du nicht?"

Harry sah ihn an, als hätte sich sein Klassenkamerad soeben in einen Geist verwandelt. "Nein. Auf die Idee wäre ich nie gekommen." Er schüttelte den Kopf. "Ich geh schlafen."

Dean sah ihm nach und konnte sein leises Lachen kaum unterdrücken.

 

 
6. Certamensis

 

Am nächsten Morgen kam Harry später als seine Mitschüler zum Frühstück.

"Wo hast du gesteckt?", fragte Hermine und rutschte zur Seite, um ihm Platz zu machen.

Harry griff nach Brötchen und Marmelade. "Professor McGonagall wollte mit mir sprechen..."

"Kaum in der Schule und schon was ausgefressen?", witzelte Ron, der ihm gegenüber saß und eine große Portion Haferbrei in sich hineinlöffelte.

"Es ging um das Quidditch-Team", grinste Harry.

Ron starrte ihn an, schluckte hastig den Löffel Brei hinunter und beugte sich vor. "Sag bloß...?"

"Neuer Team-Kapitän?", vermutete Ginny, ebenso breit grinsend wie Harry, der bestätigend nickte.

"Mensch, voll krass!" Ron fegte beinahe seinen Teller vom Tisch, als er seinem Freund gratulierend auf die Schulter klopfte. "Obwohl... ich hätte auch nicht 'nein' gesagt..." Er zwinkerte.

"Du bist schon Vertrauensschüler", flachste Neville. "Reicht dir das nicht?"

"Es war klar, dass Harry neuer Team-Kapitän werden würde", meinte Ginny. "Er ist der Älteste...", als Ron sich räusperte, verbesserte sie sich, "ich meine, er ist am Längsten von allen im Team. Er hat einfach die meiste Erfahrung."

"Ja, sehr korrekt", merkte Dean an und beugte sich zu ihnen vor. "So haben die Slytherins wohl nicht gedacht, mit ihrer Wahl."

Hermine verdrehte die Augen. "Bitte, sag nicht, dass ausgerechnet..."

"Doch", nickte Dean." Ausgerechnet der."

"Malfoy?", seufzte Harry. "Wow... Das wird ein Spaß..."

"Ein Spaß?" Ron hob die rechte Augenbraue. "Du meinst, wenn du ihn im Flug vom Besen haust?"

Harry räusperte sich. "Ich bin sicher nicht der, der damit anfängt, zu foulen..."

"Wenn du ihm vor Spielbeginn die Hand brichst, ist es kein Foul und dennoch effektiv", grinste Ginny.

Hermine schüttelte tadelnd den Kopf. "Das hab ich jetzt nicht gehört."

"Umso besser", grinste Ron. "Dann kannst du es Harry auch nicht ausreden."

"Ich habe nicht vor, es zu tun", erwiderte sie schnippisch und zog den Stundenplan hervor. "Habt ihr euch einmal die Unterrichtsverteilung für dieses Jahr angesehen?"

Harry schüttelte den Kopf und blickte auf ihren Plan. Was er sah, ließ ihn im ersten Moment den Unterkiefer hinunter klappen. "Vier Stunden Certamensis?"

"Im Jahrgangsverband", nickte Hermine. "Und als Hausverband eine Doppelstunde am Dienstag und eine Einzelstunde am Freitag."

"Das ist eine Menge Holz", bemerkte Ron. "Dumbledore muss glauben, dass wir diesen Unterricht echt nötig haben. Sieben Stunden die Woche... Das ist wirklich krass."

"Ich bin gespannt, was uns erwartet", murmelte Dean. Sogar ziemlich gespannt..."

 

***
 

Doch zuallererst hatten sie Zaubertränke bei Snape. Der Hauslehrer Slytherins war so übel gelaunt, wie noch nie zuvor. Als er die Namensliste für seine NEWTs-Klasse verlas, knirschte er mehrere Male hörbar mit den Zähnen. Als er zu Harry kam, funkelten seine dunklen Augen über den Rand der Namensliste hinweg. Sein schneidender Tonfall versprach nichts Gutes.

"Sie mögen mich - und so ziemlich jeden - mit Ihren ZAG-Ergebnissen überrascht haben, Potter, aber ich warne Sie... Sollte ich Ihre zukünftigen Leistungen als unbefriedigend einstufen, werde ich Sie unverzüglich aus diesem Kurs entfernen lassen."

Harry schluckte und versuchte, Malfoys garstigen Blick zu ignorieren, der schräg hinter ihm saß und mit den Fingerknöcheln knackte. Noch besser wäre es, auch Snapes Feindseligkeit zu ignorieren, um dieses Fach zufriedenstellend bewältigen zu können - und dies musste er schaffen, wollte er an seinem Berufswunsch, Auror zu werden, festhalten.

Snape ließ ein Rezept für einen Trank gegen Augenleiden an der Tafel erscheinen, wies sie an, jeden Punkt genauestens zu befolgen und setzte sich dann an sein Pult.

Harry begann seufzend, die angegebene Menge Blätter von weißen Lilien klein zu schneiden. Snape war die einzige Konstante in dieser Schule, so schien es manchmal. In seiner Garstigkeit hatte er zumindest noch keinen Schüler in deren Erwartungen enttäuscht. Scheinbar konnte dieser Lehrer nichts anderes sein als ein ewiges Ekel. Umso mehr verwunderte es Harry, dass Professor Améthyste Leroux ihn beim Empfang so verträumt angestarrt hatte wie ein Teenager sein Popidol. Sie wusste wohl noch nicht, welch eine dunkle und unnahbare Persönlichkeit sich hinter dem ausdruckslosen Gesicht dieses Mannes verbarg. Harry wettete, dass sie ihr Interesse für den Lehrer für Zaubertränke also sehr bald aufgeben würde. Eine hübsche Frau wie sie konnte viel bessere Männer haben als Severus Snape.

Nach Geschichte der Zauberei hatten sie dann ihre erste Stunde bei Professor Leroux. Allerdings fanden sie sich vor verschlossener Tür wieder. Von ihrer Lehrerin fehlte jede Spur. Und so blieben sie wartend im Korridor stehen.

Es waren etwa fünf Minuten vergangen und alle anderen Schüler waren bereits in ihren Klassen, als zwei Gestalten um die Ecke des Korridors bogen. Hermine sah über Harrys Schulter. "Da kommt sie", vermeldete sie, und Harry und Ron drehten sich um.

Tatsächlich, da kam Professor Leroux - in Begleitung von Snape. Nun, eher schien es so, als versuche der Hauslehrer Slytherins seine Kollegin loszuwerden, doch diese schien eifrig ein Gespräch mit ihm aufrecht erhalten zu wollen.

"Meine Güte", murmelte Ron fassungslos. "Sie folgt ihm wie ein kleines Hündchen."

Nun konnten die Schüler Wortfetzen des Gespräches auffangen. Interessiert spitzten einige die Ohren.

"Vielleicht haben Sie an einem Nachmittag etwas Zeit, Professor Snape?", flötete Professor Leroux gerade. "Dann könnten wir uns über unser gemeinsames Hobby unterhalten..."

Harry klappte die Kinnlade herunter. Er hatte nie auch nur angenommen, dass Snape ein Hobby hatte.

"Ein Hobby?", schnappte auch Ron. "Was für eines? Gryffindor Punkte abzuziehen? Schüler zu schikanieren? Die jährliche Weltmeisterschaft im 'Unausstehlich sein' gewinnen? Aber das können doch niemals ihre Hobbys sein..."

"Abwarten", murmelte Dean.

Snapes Reaktion auf Professor Leroux' Worte ähnelte sehr der von Ron - er wirkte säuerlich. "Hobbys?", fragte er gedehnt.

"Aber sicher doch." Das Lächeln seiner Kollegin war strahlend. "Verteidigung gegen die Dunklen Künste. Ich weiß doch, wie sehr Sie dieses Fach schätzen."

Snapes Miene blieb unbeweglich, als er auf die noch immer verschlossene Tür des Klassenraumes deutete. "Ich denke, Ihr Kurs erwartet Sie, Professor Leroux."

"Ah ja, natürlich." Sie begann geschäftig in ihrem Gewand nach den Schlüsseln zu suchen. Diese Ablenkung nutzte Snape, um schnellen Schrittes weiter dem Korridor zu folgen. Als Leroux wieder aufsah und wohl noch einige Worte an ihn richten wollte, sah sie ihn gerade noch mit flatterndem Umhang um eine Ecke verschwinden. Sie zuckte mit den Schultern. "Ein Mann wie er muss schließlich sehr beschäftigt sein", meinte sie und öffnete die Tür. Die Schüler strömten in den Klassenraum. Ron, Harry und Hermine wechselten verwirrte Blicke.

Professor Leroux trat leise vor sich hinsummend an das Pult und wartete, dass sich die Schüler setzten. Bald war sich Harry nicht so sicher, ob sie wirklich darauf gewartet hatte, denn ihre Aufmerksamkeit schien sich ganz auf die Papiere zu beschränken, die sie nun durchging. Das leise Gemurmel der Klasse schien sie gänzlich zu überhören.

Erst die sich räuspernde Lavender schien die Lehrerin aufrütteln zu können. "Äh, Professor? Dürfte ich schnell in den Gemeinschaftsraum laufen, ich habe mein Buch vergessen..."

Améthyste Leroux winkte ab. "Nein, bleiben Sie nur sitzen. Das Buch werden wir heute noch nicht brauchen." Sie klopfte die Papiere zusammen, legte sie bei Seite und zog statt dessen die Kursliste hervor. Sie verlas die Namen der Schüler und schien zu versuchen, sie sich möglichst schnell und gut einzuprägen. Als sie mit der Liste fertig war, sah sie sich suchend um.

Ron kritzelte gerade auf einem Stück Pergament.

"Mr. Weasley, könnten Sie mir ein kurzes Resümee des Unterrichtes des letzten Jahres geben? Ich wüsste gerne, auf welchen Wissensstand Sie alle sind."

Mit rotem Kopf fuhr Ron hoch. "Ähm... letztes Jahr, Professor?"

Leroux nickte.

"Nun, wir haben hier letztes Jahr nicht sonderlich viel Praktisches gelernt." Er druckste herum und sah Hilfe suchend zu Hermine, die sich auch gleich zu Wort meldete.

"Der Unterricht beschränkte sich auf die Studie des Regelwerkes des Ministeriums für Zauberei über die Anwendung von magischer Verteidigung", gab sie Auskunft.

Leroux runzelte die Stirn. "Wer gab den Unterricht?"

Ron schnaubte. "Diese alte Schabra..."

Harry boxte ihm unsanft in die Seite und fiel ihm gerade noch rechtzeitig ins Wort. "Professor Dolores Umbridge, Ma'am."

Améthyste Leroux verzog spöttisch die Lippen. "Nun dann, das erklärt diesen... mangelhaften Stoff für einen Kurs des fünften Jahrgangs. Sehr bedauerlich. Dann werden wir in den nächsten Monaten sehr schnell arbeiten müssen, um aufzuholen, was Sie letztes Jahr hätten durchnehmen sollen. Ich bitte Sie also darum, sich zu bemühen, dem Unterricht aufmerksam zu folgen. Professor Dumbledore hat mir gegenüber erwähnt, dass sich einige sehr gute Schüler in dieser Klasse befinden. Vielleicht können Sie sich auch untereinander helfen. Auf jeden Fall strebe ich an, dass wir den vorgeschriebenen Stoff des sechsten Schuljahres komplett abarbeiten."

Die Schulglocke ließ sie überrascht aufsehen. "Meine Güte, die Stunden vergehen aber auch immer schneller. - Bringen Sie morgen bitte alle Ihre Bücher mit. Das für dieses und das für letztes Schuljahr. Wir werden parallel arbeiten." Sie begann, ihre Sachen einzuräumen und die Schüler taten es ihr gleich. Beim Hinausgehen warf Harry eher zufällig einen Blick auf den Papierstoß, den sich Professor Leroux unter den Arm geklemmt hatte: 'Seltene Gifte und ihre Wirkung'. Es war eine Facharbeit von Severus Snape.

"Ich glaub, ich spinne", murmelte er und deutete auf die Arbeit. Ron und Hermine folgten seinem Fingerzeig und wechselten dann verdatterte Blicke.

"Diese Leroux ist komisch", stellte Ron fest. "Sogar sehr, sehr komisch... Sie stellt mein komplettes Weltbild auf den Kopf!"

 

***
 

Nach dem Mittagessen machten sie sich auf den Weg zum Klassenraum des neuen Faches bei Pithormin Sesachar. Dieser Raum befand sich im ersten Stock. Es war das einzige Klassenzimmer dort, abgesehen von dem für Muggelkunde.

Die Tür zu dem ihnen bis jetzt noch unbekannten Raum war halb offen und sie traten zögerlich ein.

"Wahnsinn", entfuhr es Ron.

"Ich ahne Schreckliches", murmelte Dean.

"Ich glaube, ich weiß, wieso dieses Fach so lange verboten war", bemerkte Hermine etwas spitz.

Rechts von ihnen, zwischen einem schmalen Schrank und einer schräg in den Raum gestellten Tafel hindurch winkte ihnen Professor Sesachar zu. "Ah, da sind ja die ersten. Kommt herein und setzt euch."

Die Sechs betraten den riesigen Raum, dessen Gewölbe gute acht Meter hinaufreichte. Direkt vor ihnen standen zwei Reihen langer schmaler Bänke vor einer höher gelegene Bühne, die sie noch zu gut aus dem Duellierclub mit Gilderoy Lockhart kannten. Nur, dass sie nicht mehr golden, sondern mit einem langen Tuch versehen war, auf das die Mondphasen eingestickt waren. Hinter der Bühne erhob sich festes Mauerwerk, aber weiter hinten im Raum konnten sie einen dunklen und nicht gerade einladenden Durchgang erkennen. Zu linker Hand schlüpften sie durch die Lücke zwischen Schrank und Tafel, durch die sie Professor Sesachar herein gewunken hatte, und sahen sich Schülertischreihen gegenüber. Dahinter standen Bücherregale, drei in der Reihe und eines in der Vertikalen, das den Sitzbereich von der Bühne abtrennte wie ein überdimensionaler Sichtschutz.

Vor den Schülertischen stand das Lehrerpult, ein kleiner runder Tisch und in der äußersten Ecke knapp vor dem Fenster noch eine zweite Tafel.

Professor Sesachar saß an seinem Pult und blätterte in der aktuellen Ausgabe des Tagespropheten. Er wirkte etwas schlaksig in seiner zu weit geschnittenen Kleidung. Sein Hut rutschte ihm immer wieder in die Stirn und abwesend schob er ihn während des Lesens zurück auf seinen Kopf.

Dean und Seamus setzten sich in die Mitte der ersten Reihe, Ron, Neville, Hermine und Harry folgten. Nach und nach kamen weitere Schüler in den Raum, sahen sich zuerst staunend um und suchten sich dann ebenfalls Plätze. Luna Lovegood, Zacharias Smith, Lavender Bloom, die Patil-Zwillinge, Michael Corner, Ernie Macmillan und Justin Finch-Fletchley verteilten sich ebenfalls in der ersten Reihe, so dass ein Großteil der noch bestehenden Mitglieder der DA zusammen saß.

Die Slytherins verteilten sich ausnahmslos in der letzten Reihe und verscheuchten zwei zu spät eintrudelnde Hufflepuffs, die Gnade in der zweiten Reihe fanden und rasch auf die letzten freien Plätze huschten.

Pithormin Sesachar legte seinen Tagespropheten zur Seite und verlas - wie zuvor Leroux - die Namensliste. Bei vielen Namen hielt er inne und blickte suchend auf. Alle Schüler, die sein Interesse erweckten, fand er in der ersten Reihe wieder.

"Was ein schöner bunter Haufen", grinste er und legte das Pergament zurück. "Dumbledores Armee scheint sich weiter die Treue zu halten, was?"

Nicht nur die Angesprochenen sahen ihn verblüfft an. In den Blicken einiger stand Unverständnis.

"Armee?", fragte Naomi Wolf, eine Ravenclaw, irritiert.

Professor Sesachar nickte. "Jawohl, Armee. Eine Gruppe von Schülern verschiedener Jahrgänge, die im letzten Schuljahr entgegen des Reglements gegründet wurde." Unter der Namensliste nahm er ein zweites Pergament hervor. Harry erkannte sofort Hermines Handschrift. Die dicken Lettern "Dumbledores Armee" waren unübersehbar. Sesachar hatte die Mitgliederliste offensichtlich von Dumbledore erhalten. "Diese Gruppe entstand aus Rebellion gegen die damalige Inquisitorin und kurzzeitige Schulleiterin Professor Dolores Umbridge heraus." Er musterte das Blatt mit einem leichten Lächeln. "Und ein guter Ersatz für den dürftigen Unterricht in Verteidigung gegen die Dunklen Künste war sie auch. All die Schüler, die auf dieser Liste stehen, werde ich in den nächsten Tagen verstärkt brauchen. - Mr. Potter?"

Harry zuckte zusammen. "Ja, Professor?"

"Dürfte ich um Ihre Assistenz bitten?" Sesachar erhob sich von seinem Pult und schritt zur Bühne.

"Äh... natürlich, Sir", stammelte Harry und stand ebenfalls auf. Der Rest der Klasse folgte und wurde angewiesen, auf den Bänken Platz zu nehmen. Sesachar bestieg die Bühne und bedeutete Harry, es ihm gleich zu tun.

"Wie Sie inzwischen wissen, ist Certamensis ein äußerst umstrittenes und nicht gerade ungefährliches Fach. Aus diesem Grund wurde auch dieser Raum ausgewählt, da er vor Allem von den jüngeren Schülern weit genug abgeschnitten ist. Verletzungen im Unterricht sind wahrhaftig keine Seltenheit. Ich zwinge Sie nicht zur Teilnahme aller praktischen Übungen - fühlen Sie sich einer Aufgabe nicht gewachsen, so verweigern Sie diese und treffen sich später zu einem Gespräch mit mir am Ende der Stunde. Allerdings lernt man auch vieles durch das bloße Zusehen, und so möchte ich die fortgeschritteneren Schüler der Klasse bitten, mir zur Hand zu gehen - daher habe ich Sie um Assistenz gebeten, Mr. Potter."

Draco Malfoy von der hintersten Bank ließ ein wütendes Schnauben hören.

"Zudem wird der Unterricht einmal im Hausverband und zum Zweiten - wie heute - im Kursverband gehalten. Die Theoriestunden sind dem Hausverband vorenthalten, die praktischen Übungen sind für die Kurse festgesetzt. Ich halte diese Einteilung für sehr sinnvoll. Ihr werdet bald verstehen, wieso." Er wandte sich Harry zu. "Ihnen sind die Regeln des Duellierens vertraut, Mr. Potter?"

Harry nickte und zückte wie der Professor seinen Zauberstab. "Ja, Sir."

"Sehr schön, sehr schön... Certamensis geht über die klassische Duellierkunst hinaus, schlägt Parallelen zur Verteidigung gegen die Dunklen Künste, aber verwendet unter anderem auch genau sie... die schwarze Magie."

Allgemeines Raunen in den Bankreihen folgte. Professor Sesachar zuckte mit den Schultern. "Ich denke, ich erstaune Sie nicht mit der Tatsache, dass ein Feind keinesfalls mit fairen Mitteln gegen Sie kämpfen wird, sollten Sie in eine Gefahrensituation geraten, nicht wahr? Oder erwarten Sie von einem Todesser nur ein nettes Rictusempra oder Tarantallegra? Da draußen kämpft man mit anderen Mitteln. Sicher könnte der ein oder andere regulär gelernte Fluch hilfreich sein, aber das ist in der Regel nur möglich, wenn Sie auch die Angriffsmöglichkeiten kennen, denen sich der Feind bedienen könnte. Und die sind nicht so sauber wie Ihre Schulbuchflüche. - Bereit, Mr. Potter?"

"Ja, Sir."

Harry und Sesachar wandten sich einander zu, verbeugten sich und hoben ihre Zauberstäbe wie Schwerter. Sie drehten sich die Rücken zu und schritten von der Mitte der Bühne aus in ihre Position - Harry an das linke Ende, Sesachar ans rechte. Keiner von ihnen sprach ein Wort und Harry erwartete nicht von dem Professor, dass er erst bis drei zählte, bevor er den ersten Fluch aussprach. Dies war kein Training zum rein fairen Kampf. Kaum vernahm Harry eine Veränderung in Sesachars Schritt, als er auch schon herumwirbelte, den Zauberstab kampfbereit von sich gestreckt.

"Pedem offendere!", rief Sesachar und zeitgleich schrie Harry "Impedimenta!"

Der Fluch des Professors, ein zischender, grellgelber Strahl, verlor an Tempo, als er auf Harrys Gegenfluch traf. Er wurde langsam genug, um seine Zielrichtung abschätzen und ihm ausweichen zu können. Harry sah dem Strahl entgegen und trat fast gelassen zur Seite, was einigen der Schüler ein amüsiertes Lachen entlockte.

"Recidito!", schnappte Sesachar einen weiteren, Harry noch vollkommen unbekannten Fluch, den er mit "Locomotor mortis" beantwortete. Ihm wie Sesachar gelang es, den jeweiligen Flüchen auszuweichen, die Funken sprühend in die Wände einschlugen. Harry hatte sich zu Boden geworfen und der Strahl war knapp über ihn hinweggeschossen. Nun beeilte er sich, wieder auf die Beine zu kommen. Doch Sesachar schien sich nicht darum zu scheren, das Duell im Stehen fortzuführen, denn noch am Boden rief er "Impendito!" und der Fluch traf sein Ziel. Harry fühlte, wie er in die Höhe gerissen wurde und fand sich gut anderthalb Meter über dem Boden in der Luft schwebend wieder. Er starrte auf Sesachar, der ihn mit seinem Zauberstab in der Schwebe hielt und rief ein wütendes "Expelliarmus!" Selbst in seiner ungünstigen Position, wo es unmöglich war, einen festen, stillen Halt zum Zielen zu finden, erwischte er den Professor, dem der Zauberstab daraufhin aus der Hand gerissen wurde. Harry fiel auf die Bühne zurück - recht unsanft, aber mit dem gegnerischen Zauberstab fest in der Hand, den er hastig aus der Luft gefischt hatte.

Pithormin Sesachar rappelte sich vom Boden auf und wirkte sehr zufrieden, auch wenn er sich den Arm rieb. "Schade, und ich dachte, ich könnte Sie am Kronleuchter aufhängen, Mr. Potter. Man hat eine herrliche Aussicht auf die Tafeln von dort oben."

Alles lachte. Auch Harry grinste breit, während er sich den schmerzenden Hosenboden rieb.

"Mr. Potter hat bewiesen, dass man sich auch gegen bisher unbekannte Flüche wehren kann, wenn man schnell genug ist. Reflexe sind das oberste Gebot bei ernsten Duellen. Und die werden wir sogleich testen und trainieren - zusammen mit den neuen Flüchen." Professor Sesachar deutete auf die Trennwand. "Ich habe dahinter einen netten Schrank mit Irrwichten, denen macht es nichts aus, wenn man sie gegen die Decke schleudert - und ich möchte trotz allem nicht gleich in der ersten Stunde einen Schüler in den Krankenflügel bringen müssen. - Freiwillige?"

 
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