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Harry Potter und das Geheimnis von Gairech
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Harry Potter und das Geheimnis von Gairech

Teil 2
© by Kitty ()

 

Disclaimer: Nix gehört mir. Außer... *Fotos auspack und nacheinander auf den Tisch knall* mein Kopf, mein Ausweis, meine Rasselkette und meine Schiffschaukel, in der ich immer Klabauterlieder reime. No punch intented.

Archiv: Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de) auf der Harry-Potter-Seite

 
7. Amber Barnacle

 

Ein Raum im Dämmerlicht mit Holzdielen. Holzdielen, auf denen Blut glänzte. Ein Mann in Bauernkleidung, der über einem zuckenden Tier hockte und voller Grauen zu ihm aufsah. Sein Mund öffnete sich zu einem kläglichen "Bitte... bitte nicht", doch schon traten zwei dunkel gewandete Gestalten vor und versperrten die Sicht auf den Bauern. Doch seine Schreie vermochten sie nicht zu verbergen.

Harry saß kerzengerade im Bett. Er atmete flach und seine Narbe brannte wie Feuer. Er lauschte in die Dunkelheit, doch seine Klassenkameraden schienen alle zu schlafen.

'Zumindest habe ich dieses Mal nicht geschrieen', dachte er bitter und zog die Decke wieder höher. Diese grausamen Bilder machten ihn noch wahnsinnig. Mit der Hand auf seiner pochenden Narbe lag er in seinem Bett und starrte an die Decke über ihm. Diese Visionen mussten aufhören. Es hatte lange gedauert, bis er wirklich begriffen und auch akzeptiert hatte, dass sie nicht von Vorteil waren, sondern ihn verletzlich machten. Wenn es Voldemort gelang, in seinem Geist zu spuken, wer weiß, was er als Nächstes tun würde...

'Hätte ich doch bloß den Okklumentik-Unterricht mit Snape ernster genommen', schalt er sich und verzog das Gesicht, als ihn ein erneuter Stich durch die Narbe fuhr. "Ich hab begriffen, dass du wieder tötest, jetzt lass mich in Ruhe!", zischte er und drehte sich auf den Bauch, den Kopf in das Kissen gepresst. 'Denk an etwas anderes, etwas Schönes... Oder - noch besser - denk an gar nichts...'

So durfte es nicht weitergehen. Harry seufzte. Aber es gab nur eine Möglichkeit, diese Bilderflut zu stoppen - und die gefiel ihm genauso wenig wie seine Alpträume...

 

***
 

Die nächsten Tage verstrichen ereignislos. Harry hatte erwartet, Nachricht über den erneuten Mord durch Lord Voldemort im Tagespropheten zu finden, doch das war nicht der Fall. Als die nächste Woche ohne auch nur den kleinsten Artikel darüber anbrach, gab Harry es auf zu warten.

Nach dem Frühstück machten sie sich auf den Weg zu ihrem Klassenzimmer für Zauberkunst. Sie betraten gerade den vierten Stock und wollten um die Ecke in den Hauptflur einbiegen, als Ron unsanft mit einem Mädchen zusammen prallte und dabei seine Bücher fallen ließ.

"Oh, Entschuldigung!" Das Mädchen wirkte gehetzt, sah aber kleinlaut drein. "Es tut mir leid, das wollte ich nicht." Sie bückte sich hastig und half Ron dabei, die Bücher einzusammeln.

"Ist nicht so schlimm", erwiderte Ron und strich einige Eselsohren aus seiner Ausgabe von 'Tausend Zauberkräuter und -pilze'. Das Mädchen reichte ihm seine restlichen Schulbücher und strich sich verlegen eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. Aus ihren bernsteinfarbenen Augen sprach ernsthaftes Bedauern. "Ich... ich muss weiter", murmelte sie und hastete zwischen den Dreien hindurch zu den Treppen.

Ron sah ihr verblüfft nach. "Was war denn das?"

Hermine biss nachdenklich auf ihre Unterlippe und Harry schenkte seinem Freund ein schiefes Grinsen: "Wenn ich nicht farbenblind geworden bin... eine Slytherin?"

 

***
 

Luna sah kaum über ihr Magazin hinweg.

"Ja, das ist Amber Barnacle", informierte sie das Trio und blätterte um. "Sie ist jetzt im vierten Schuljahr."

Harry wirkte zufrieden. Es war eine gute Idee gewesen, Luna über das Mädchen auszufragen - keiner sonst kannte so viele Schüler in Hogwarts wie sie.

"Sie hat auf ihrer ersten Fahrt im Hogwarts Express neben mir gesessen", fuhr Luna fort. "Im Abteil ihres Cousins war kein Platz mehr."

Hermine runzelte die Stirn. "Sie hat einen Cousin hier? Wen?"

"Draco Malfoy", antwortete Luna und begann das Kreuzworträtsel.

 

***
 

"Bist du übergeschnappt?" Ron starrte Harry fassungslos an. "Du willst, dass ich mit dieser... dieser... Malfoys Cousine rede?"

"Das hast du immerhin schon einmal geschafft", grinste ihn Harry an und füllte seinen Teller mit Bratkartoffeln.

Ron wirkte alles andere als begeistert. "Wieso machst du es dann nicht selbst?"

"Sie ist nicht in mich hineingerannt." Harry begann zu essen. "Außerdem hat sie ohnehin nur dich angeschaut."

Beinahe hätte sein Freund vor Entsetzen sein Fleischklößchen wieder ausgespuckt. "Sie hat was? Du träumst! Sie ist ein Slytherin, Mensch!"

"Na und?", unterbrach ihn Hermine streng. "Sie hat sich bei dir entschuldigt, statt dich wortlos umzurennen. Sie hat dir geholfen, die Bücher wieder aufzuheben, obwohl sie es eilig hatte. Sie war in keinster Weise feindselig..."

"Vielleicht hat sie nicht auf unsere Krawattenfarbe geachtet", grummelte Ron. "Sie kann nicht nett sein."

"Weil sie ein Slytherin ist?", seufzte Ginny.

"Und Malfoys verdammte Cousine!" Ron schlug auf den Tisch. "Wir können sie doch nicht einfach zu unserem Treffen einladen!"

Neville sah ihn schüchtern an. "Aber wir hatten doch abgesprochen, einige Slytherins herauszusuchen, die umgänglich sind, um Vertreter jedes Hauses in der Gruppe zu vereinen..."

"Um Freundschaften zu knüpfen", nickte Hermine. "Ron, es ist so wichtig!"

"Dann red' du doch mit ihr", erwiderte er bockig.

Hermine faltete ihre Serviette und legte sie zur Seite. "Na schön, dann werde ich es eben tun, wenn du zu verbohrt dazu bist."

 

***
 

Sie hatten damit begonnen, ein erstes neues Treffen der verbliebenen DA-Mitglieder zu arrangieren. Da Clubs nicht mehr länger verboten waren, mussten sie nicht - wie unter Umbridges kurzer Herrschaft - heimlich vorgehen, sondern konnten offen mit ihren Mitschülern darüber reden. Harry saß mit Ernie, Luna und den Creevey-Brüdern zusammen und fand mit ihnen einen passenden Termin vor Beginn des Quidditch-Trainings, an dem sie alle Zeit hatten und sich zu einer Besprechung treffen konnten.

Michael und Cho gesellten sich zu ihnen. Cho hatte offensichtlich aufgehört, wütend auf Harry zu sein und ignorierte ihn nicht länger. Sie schien mit dem Ausgang letzten Jahres im Nachhinein doch zufrieden zu sein und sich wirklich gut mit Michael zu verstehen. Sie warf Hermine auch nicht länger giftige Blicke zu, wenn sie in der Nähe war.

"Falls du deine Freundin suchst", begrüßte Michael Harry, "dann würde ich am See nach ihr suchen. Dieses Mädchen mit der Löwenmähne, die mit einem Slytherin redet und lacht."

Er wirkte so fassungslos darüber wie zuvor Ron beim Mittagessen.

Harry kritzelte Datum und Uhrzeit für das nächste Treffen auf ein Stück Pergament und reichte es Cho. "Ah, sie redet mit Amber." Es war eine gelassene Feststellung, die Michael irritierte. Harry seufzte. "Hört zu, es reicht schon, wenn ein Großteil der Slytherins Vorbehalte gegen alle anderen Mitschüler hat, aber wir sollten keine haben, wenn wir ein oder zwei von ihnen finden, die in Ordnung sind."

"Woher weißt du, dass diese Amber in Ordnung ist?", grummelte Michael.

Harry packte seine Schultasche und stand auf. "Der erste Eindruck? Und ich denke, ich werde mir auch noch einen zweiten holen. - Wir treffen uns in Kräuterkunde."

Er verließ die Gruppe und schlenderte den Weg zum See hinunter. Es war ein herrlicher Spätsommertag und ein Großteil der Schüler verbrachte die Mittagspause im Freien.

Unter einem Baum am See fand er Hermine und Amber. Er winkte den Mädchen zu und sie winkten zurück. Mit einem Grinsen setzte er sich zu ihnen.

"Hermine hat mir gerade von eurer Gruppe erzählt", sagte Amber und lehnte sich gegen den Baumstamm. "Ich würde gerne einmal kommen, wenn ich nicht störe. Oh..." Sie lachte und streckte ihre Hand aus. "Wir haben uns ja noch gar nicht offiziell vorgestellt. Ich bin Amber Barnacle."

"Ich weiß", grinste Harry und schüttelte ihr die Hand. "Ich bin Harry Potter."

"Weiß ich auch", lachte sie.

Sie beugten sich über ein Pergament, das Harry hervorgezogen hatte, und er erklärte Amber den Ort und das Datum des Treffens. Er hatte es für Mittwochabend angesetzt. Es gab einen leer stehenden Raum gegenüber des Klassenzimmers für Zauberkunst, den sie benutzen konnten und der auch genügend Platz bot.

"Darf ich dir eine unverschämte Frage stellen?", erkundigte sich Harry nach einer Weile.

Amber sah ihn fragend an. "Welche?"

"Wieso du in Slytherin bist."

Sie lachte und warf ihr blondes Haar zurück. Es hatte den gleichen Farbton wie das Haar Dracos, wie Harry feststellte. Aber bis auf das schien sie ihrem Cousin zum Glück recht unähnlich zu sein.

"Seit Jahrhunderten ist es eine Schande für unsere Familie, wenn wir nicht in Slytherin landen. Es ist Tradition."

"Aber der Sprechende Hut...", setzte Harry an und Amber unterbrach ihn. "Der Hut ist auf seine Weise auch bestechlich. Es kommt selten vor, dass er Schüler aus bekannten Familien vollkommen umverteilt, wenn ihre Vorgänger seit Jahrzehnten berechtigt in speziellen Häusern waren. Außerdem habe ich mich nicht gegen Slytherin gewehrt, im Gegenteil. Ich wollte dorthin."

"Du wolltest?", fragte Hermine.

Amber nickte. "Klar. Mein Vater wäre nicht begeistert gewesen, wäre ich in Hufflepuff gelandet. Das war seine größte Angst. Er hielt mich für nicht egoistisch genug für Slytherin und war bereits auf das Allerschlimmste gefasst... und ich wollte ihm eine kleine Freude bereiten."

Harry und Hermine starrten sie mit offenen Mündern an, dann lachten sie los.

"Und? Hat er sich gefreut?", gluckste Hermine.

Amber grinste. "Wie ein Schneekönig. Er hat sich auf den Boden niedergeworfen und dem 'bösen guten Geist' gedankt, der ihm eine ungeheure Schmach erspart habe."

Sie lachten noch lauter. Eine Gruppe Hufflepuffs, die sie passierten, starrten sie perplex an und beeilten sich, weiterzukommen.

Harry gab Amber das Pergament und sie versprach, zum Treffen zu erscheinen. Auf dem Rückweg in die Klassenzimmer stieß ihm Hermine grinsend in die Seite. "Was Ron wohl dazu sagen wird, wenn wir ihm erzählen, was für nette Leute es in Slytherin gibt?"

Harry schmunzelte. "Er würde lieber einen Quaffel frühstücken, als dazu 'Ja und Amen' zu sagen..."

 

***
 

Doch vor Zaubertränke hatten beide keine Chance, mit Ron zu sprechen. Als die Stunde begann, brummte Snape seinen Schülern das komplizierte Rezept des Carraig-Trankes auf, der dazu diente, Gegenstände und Pflanzen in Stein zu verwandeln.

Harry vertat sich beinahe in der Menge der Palusos-Schuppen, als er darüber grübelte, was er Snape sagen sollte. Eigentlich wollte er ihm gar nichts sagen. Am Liebsten wäre es ihm gewesen, er wäre gar nicht auf den launischen Lehrer angewiesen. Aber er wusste, dass kein Weg an Severus Snape vorbeiführte, wollte er seine Visionen endlich unter Kontrolle bekommen.

Es gelang ihm, dem Trank die richtige Farbe zu entlocken und direkt zufrieden verkorkte er eine Probe davon in einem etikettierten Fläschchen. Jeder Schüler hatte eines davon am Ende der Stunde zu Snape zu bringen, der die Tränke auf ihre Wirksamkeit zu prüfen gedachte.

Bevor Harry die Flasche abstellen konnte, drängte sich Malfoy mit einem garstigen Grinsen zwischen ihn und das Pult. Ungesehen von Snape schlug er Harry die Probe aus der Hand und sie zerbarst splitternd am Boden.

"Oh, Potter, wie ungeschickt", feixte Malfoy und stellte seine eigene Probe auf dem Pult ab. "Das tut mir aber leid..."

Harry kochte und ignorierte Snapes öliges Lächeln, als dieser anmerkte, dass Harry dummerweise seinen Kessel gesäubert hatte, bevor er die Probe hatte abgeben wollen. Er hatte also - einmal mehr - keinen Nachweis für die praktische Übung parat. Er sah schon, wie ihn Snape triumphierend aus seinem Kurs warf. Am Liebsten hätte er Malfoy auf der Stelle den Hals umgedreht.

Hermine warf ihm einen bedauernden Blick zu, als er an seinen Platz zurückkehrte. Er hatte keine Chance mehr, eine neue Trankprobe herzustellen. Die Stunde war bereits vorbei und die Schüler verließen den Raum.

Harry packte langsam seine Sachen zusammen und beobachtete, wie die anderen nach und nach den Klassenraum verließen. Als der Letzte durch den Türbogen verschwunden war, stand auch er auf. Er blickte zu Professor Snape, der scheinbar abwesend über einer Schrift auf seinem Pult brütete und ihn nicht bemerkte - oder (und das vermutete Harry eher) ihn einfach ignorierte.

Ihm war mehr als unwohl, als er zögerlich um seinen Platz herumging und sich Snape näherte, der noch immer nicht aufsah. Auf dem Boden lagen noch die Scherben des Probefläschchens und Harry schritt seufzend darüber hinweg. Es wäre ein Wunder, würde Snape ihn überhaupt anhören, ohne ihn gleich aus dem Klassenraum zu jagen. Harrys Kehle war rau und trocken, als er sich endlich räusperte.

"Ähm... Professor...?"

Snape hob den Kopf und starrte ihn an. Sein durchdringender Blick erhöhte wahrlich nicht Harrys Zuversicht. Eine Sekunde tiefster Stille ließ ihn nach Luft schnappen.

"Tut mir leid, Potter, aber ich lasse keine Entschuldigung für die zerbrochene Flasche gelten", sagte Snape kühl und deutete auf Harrys verlorenen Carraig-Trank, der noch nass auf dem Boden schimmerte.

"Darum geht es mir nicht", erwiderte Harry, wohl wissend, dass er nicht nur null Punkte für den nicht abgelieferten Trank kassieren würde, sondern es zudem riskierte, noch mehr in Snapes Ungnade zu fallen. Der Lehrer für Zaubertränke zog gerade fragend die Augenbrauen hoch.

"Ich...", stotterte Harry, ".. ich wollte Sie fragen, ob Sie mir noch einmal Unterricht in Okklumentik geben könnten... und mich entschuldigen... für..." Snapes Blick durchbohrte ihn nun so sehr, dass Harry glaubte, seine Pupillen würden tiefe Löcher in seinen Körper fressen. Mühsam zwang er sich dazu, weiter zu sprechen: "Dafür, den Unterricht nicht ernst genommen zu haben. Es... es tut mir leid."

Es war gesagt. Harry spürte, wie ihn leichte Übelkeit überkam. Gleich würde Snape sein Schwächebekenntnis mit einem gemeinen Grinsen dazu ausnutzen, ihn zu demütigen und aus dem Raum zu jagen. Doch der Professor schwieg. Langsam lehnte er sich in seinem Stuhl zurück, nun von der Schrift ablassend, und verschränkte die Arme vor der Brust.

"So, Okklumentik-Unterricht möchten Sie...", sagte er gedehnt. "Woher rührt das plötzliche Interesse? Von der eventuellen Möglichkeit, weitere Peinlichkeiten aus meinen Erinnerungen zu saugen und sich dabei redlich zu amüsieren?" Seine Stimme war so kalt, dass Harry der Kerkerraum im Vergleich dazu lauschig warm vorkam.

"Nein, Sir", sagte er leise. "Und ich habe mich nicht amüsiert."

Wieder schienen ihn die tiefdunklen Augen Snapes zu durchbohren. "Es hat Sie also nicht amüsiert, dass sich Ihr heroischer Vater zu Schulzeiten einen Spaß daraus gemacht hat, Ihren so verhassten jetzigen Lehrer zu peinigen?", fragte er schneidend.

Harry senkte den Blick. "Er hatte keinen Grund, es zu tun."

"Sicher hatte er einen Grund", schnappte Snape laut, so dass Harry vor Schreck zusammen zuckte. "Sie haben den Grund doch selbst gehört, Potter!"

Ja, das hatte er... 'Er existiert. Ist das nicht Grund genug...?'

"Nein", murmelte Harry und zwang sich, wieder den Blick zu heben. "Was ich gehört habe, war weder ein Grund noch eine Rechtfertigung. Aber Professor, ich möchte nicht über meinen Vater reden, ich..."

"Weil ich Ihnen Ihr Bild eines perfekten Vaters und guten Menschen verderben könnte?" Snape schnaubte und rollte die Schrift auf seinem Pult zusammen.

"Bisher hatte jeder gut von ihm gesprochen!" Harrys Furcht vor dem dunklen Lehrer für Zaubertränke war verflogen und machte rebellischem Trotz Platz. "Woher hätte ich wissen sollen, dass er auch ein arroganter Idiot sein konnte, wenn es mir niemand vorher sagt? - Weil Freunde nie schlecht über ihre Freunde reden, egal, was sie einmal getan haben!"

Snape hatte sich gerade von ihm abwenden wollen, hielt aber in der Bewegung inne. Seine Stimme war, im Vergleich zu vorher, leiser - aber immer noch schneidend. Forschend hob er die Augenbrauen. "Potter, hatten Sie jemals den Willen, jemanden besitzen zu wollen? Nicht den Wunsch, den Willen!"

Harry sah ihn verblüfft ob des offensichtlichen Tremawechsels an. "Jemanden was...?"

"Antworten Sie mir auf meine Frage!", fuhr ihn Snape an und schlug mit der Schriftrolle gegen das Pult, so dass die Probefläschchen darauf klirrend aneinander schlugen. "Ich will nicht mehr hören als 'ja' oder 'nein'!"

Harry war einen Schritt zurückgesprungen und starrte den Professor entgeistert an. "Nein, Sir", antwortete er, nun erneut kleinlauter.

Snape stemmte beide Hände auf sein Pult und beugte sich nach vorn. Seine Augen wurden schmal, als er Harry musterte.

"Ihr Vater aber schon. Er wollte Lily besitzen. Sie nicht gewinnen in einem fairen Kampf, nein, besitzen um jeden Preis! Und ja, er war sich so sicher, sie auch zu bekommen!"

Für einen Augenblick stand Harry wie angewurzelt da - dann, ganz plötzlich, verstand er. Ja, jetzt verstand er alles.

"Sie haben sie geliebt", stellte er verblüfft fest und konnte nicht umhin, sein Gegenüber aus lauter Fassungslosigkeit heraus anzustarren. Anstatt einem erneuten Wutausbruch zu verfallen, schwieg Snape und presste die Lippen aufeinander. Doch auch ohne, dass er antwortete, wusste Harry, dass er Recht hatte. Sein Vater hatte damals Lily beeindrucken wollen, nur, damit sie mit ihm ausging. Und Snape musste ebenfalls ein Auge auf sie geworfen haben. Das würde auch die Rivalität der beiden jungen Männer erklären, die in regelrechtem Hass eskaliert war. Aber...

"Sie haben sie Schlammblut genannt", sagte Harry, und nun war er es, dessen Stimme kalt war.

Snape hob den Blick und nickte. Seine Antwort war so ruhig und ernst dahingesagt, dass sie in Harrys Ohren regelrecht nachhallte. "Ja, das habe ich. In einer Situation tiefster Demütigung mag man aus lauter Verzweiflung Dinge sagen, die falsch sind, bloß um ein Stück seines Stolzes zu bewahren. - Und sei es der Stolz, der einem verbietet, Hilfe anzunehmen."

Harry erwiderte nichts darauf, aber er verstand ihn. Er selbst war oft genug zu stolz, Hilfe zu ersuchen, auch wenn es vernünftiger für ihn war, es zu tun. Falscher Stolz, das hatte er inzwischen schmerzhaft erkennen müssen. Und fassungslos musste er feststellen, dass er zum ersten Mal in der tatsächlichen Gegenwart von Severus Snape Sympathien für diesen sonst so verhassten Menschen empfand.

"In der uns nachfolgenden Generation scheinen sich die Rollen allerdings vertauscht zu haben", bemerkte Snape und verstaute die Schriftrolle und die Probe-Fläschchen des Carraig-Trankes. "Donnerstag, halb sieben", fügte er knapp hinzu. Harry sah ihn verdattert an.

"Okklumentik-Unterricht in meinem Büro", knurrte Snape. "Und ich rate Ihnen, pünktlich zu sein!"

Es dauerte einen Moment, bis Harry diese überraschende Zustimmung aufgenommen und verdaut hatte. Noch immer etwas überrascht brachte er ein "Danke, Professor", hervor, griff seine Schultasche und warf sie sich über seine Schulter. Er eilte auf die Tür zu, befürchtend, sich verhört zu haben und gleich mitgeteilt zu bekommen, dass er sich zum Teufel zu scheren habe. Er hatte sich gerade durch die Tische hindurchgeschlängelt und wollte den Raum verlassen, als hinter ihm ein leises "Reparo!" ertönte. Er warf einen Blick über seine Schulter und sah, wie Snape das wieder ganze Fläschchen von Harrys Carraig-Trankprobe vom Boden aufhob. Ein Rest des Gebräus, das die Scherben aufgefangen hatten, schwamm noch darin. Snape ließ das Fläschchen in seinen Fingern kreisen und starrte prüfend auf seinen Inhalt. "Etwas wenig und sichtlich verschmutzt... aber immerhin ein Nachweis." Er blickte auf. "Sollten Sie nicht längst in der Großen Halle sein, Potter?", schnappte er.

Ein Lächeln stahl sich auf Harrys Gesicht, als er sah, dass Snape die Probe zu den anderen stellte, und er verließ den Kerkerraum.

 

***
 

"Ich bin stolz auf dich", strahlte ihn Hermine an, als er ihr und Ron von dem Gespräch mit Snape erzählte. "Es ist so wichtig, dass du weiterhin Okklumentik-Unterricht bekommst."

Ron zog eine Grimasse. "Wenn ich an Snape denke, würde ich an seiner Stelle lieber darauf verzichten."

"Du bist aber zum Glück nicht an seine Stelle", fuhr ihn Hermine an und Ron rutschte mit dem Stuhl ein Stück von ihr weg.

"Ist ja schon gut", beschwichtigte er sie. "Ich hab ja nur gescherzt... - Aber ich freue mich schon auf Malfoys Gesicht, wenn Snape die Noten verliest und er bei Harry wider Erwarten keine null Punkte hat..."

 

 
8. Viribus Unitis

 

Sie erschienen vollzählig im vereinbarten Klassenzimmer. Nur Amber betrat etwas später und als Letzte den Raum. Alle sahen auf, als sich die Slytherin suchend nach einem freien Platz umschaute. In vielen Blicken war Erstaunen und Misstrauen zu erkennen. Harry bemerkte es sofort und winkte Amber fröhlich grinsend zu. Sie lächelte zurück und setzte sich auf den freien Stuhl neben ihn, auf den er gedeutet hatte. Als die DA-Mitglieder realisierten, dass Amber offensichtlich willkommen war, wirkten viele durchaus beruhigter. Aber auf vereinzelten Gesichtern war noch immer Argwohn zu lesen. Bevor Harry etwas sagen konnte, räusperte sich Amber.

"Ich weiß, das Verhältnis zwischen den Slytherins und den anderen Häusern ist in der Regel sehr gespannt", gab sie zu und lächelte leicht, "aber es gibt auch unter uns recht umgängliche Leute - hoffe ich zumindest."

Einige der Schüler schmunzelten.

"Ich habe Amber zu unserem Treffen eingeladen", erklärte Harry. "Ich halte es für wichtig, Vertreter aus jedem Haus in unserer Gruppe zu haben."

Ron verzog das Gesicht zu einer Grimasse, sagte aber nichts. Auch Zacharias wirkte nicht gerade begeistert. Hermine musterte beide scharf. "Habt ihr etwa vergessen, was der Sprechende Hut letztes Jahr gesagt und dieses Jahr wiederholt hat? Wir mögen zwar in verschiedenen Häusern sein, aber wir müssen uns zusammentun. Und eigentlich bräuchten wir noch mehr Slytherins." Sie blickte zu Amber. "Zumindest noch zwei oder drei. Es wäre gut, einigermaßen das Gleichgewicht zu halten."

Amber nickte. "Ich kann mich nach Interessierten umsehen, wenn ihr möchtet..."

"Die hierher kommen, brav mit Verteidigungsflüche lernen und sie dann alle gegen uns anwenden?", schnaubte Zacharias.

Harry sah ihn nachdenklich an. "Eigentlich dachte ich nicht an das Üben von Flüchen... Nicht in dem Sinne, wie wir es letztes Jahr getan haben. Wir haben eine neue Lehrerin für Verteidigung gegen die Dunklen Künste, die betont hat, allen nötigen Stoff nachzuholen. Und die höheren Klassen haben Certamensis bei Professor Sesachar. Ich denke, die Gruppe sollte sich neu orientieren..."

Michael runzelte die Stirn. "Und auf was?"

"Ursprünglich hatten wir uns zusammengeschlossen, um uns durch unsere gemeinsamen Übungen darauf vorzubereiten, wie wir uns bei Gefahrensituationen zur Wehr setzen können." Harry hielt seinem unwilligen, forschenden Blick Stand. "Jetzt sind wir zusammen, weil wir eine Gemeinschaft sind, die nicht mehr auf ein einziges Haus beschränkt ist - und die gelernt hat, einander zu vertrauen. Das tun wir doch?"

Einige warfen Amber unsichere Blicke zu, nickten aber.

"Das sollte unser neues Ziel sein", fuhr Harry nun fort. "Das Zusammenwachsen der Häuser zu fördern. Die sturen Konkurrenzgedanken auszumerzen."

Ron grinste jetzt. "Aye, wie willst du mit der Einstellung den Quidditch-Pokal dieses Jahr holen, Kapitän?"

"Quidditch ist nur ein Sport, Ron!", knurrte Hermine. "Und als mehr als das sollte man es auch nicht ansehen. Der Pokal wird dir nicht hilfreich sein, wenn du Voldemort", einige im Raum zuckten zusammen oder unterdrückten einen Schrei bei der Nennung dieses Namens, "gegenüberstehst."

"Na ja, ich könnte ihm mit dem Ding eins überziehen... der Pokal ist sehr schwer...", überlegte Ron.

Hermine rollte mit den Augen, Dean und Zacharias lachten leise.

"Ich meine es ernst, Ron", seufzte Harry. "Auch wenn ich teilweise ein mieses Gefühl dabei habe... Wir müssen es versuchen."

"Wenn die Gruppe aber nur noch der Gemeinschaft und Verständigung willen existiert, passt unser Name denn noch?", fragte Neville. "Dumbledores Armee... Das klingt so... militärisch."

Ginny nickte. "Stimmt. Vielleicht sollten wir einen neuen Namen für uns finden?" Sie sah Harry fragend an, der seinerseits fragend in die Menge schaute. Zustimmendes Murmeln folgte.

"Vorschläge?", fragte Hermine und zückte Pergament und Feder.

Sie verbrachten gute zehn Minuten damit, nach einem perfekten Namen zu forsten. Mit nichts waren sie wirklich zufrieden. Der passende Vorschlag, der auf Anhieb jedem gefiel, kam ausgerechnet von Amber.

"Wie wäre es mit Viribus Unitis?", meinte sie. "Gemeinsam sind wir stark."

Ernie sah sie breit grinsend an. "Sicher, dass du dir diese Slytherin-Schuluniform nicht nur ausgeliehen hast?"

Gelächter war die Folge, in das auch Amber mit einstimmte. Die vereinzelten Slytherinwitze, die einige immer wieder brachten, schienen sie nicht zu verletzen. Sie sah großzügig darüber hinweg und zeigte Humor. Und so schlugen auch ihr mehr und mehr Sympathien entgegen.

"Also nennen wir uns Viribus Unitis", bemerkte Hermine, begann ein neues Pergament und schrieb mit fein säuberlicher Handschrift in großen Lettern den neuen Namen der Gruppe darauf. Als sie, wie zuvor bei der Mitgliederliste für Dumbledores Armee, den Leiter der Gruppe eintragen wollte, hielt sie inne. "Wie wäre es, wenn wir vier Leiter hätten? Einen aus jedem Haus? Ich meine, nur weil es unsere Idee war und Harry der Leiter der DA war... Wir wollen ja jetzt auf etwas ganz anderes hinaus. Und um unser Ziel zu unterstreichen, wäre es vielleicht mehr als gut, es so zu handhaben."

Harry nickte. "Ja, das klingt gut. Wen nehmen wir für Hufflepuff?" Er sah fragend in die Runde. "Zacharias?"

Der Angesprochene sah ihn verblüfft an. Zacharias hatte innerhalb der Gruppe oft widersprochen und sich nicht immer kooperativ verhalten. Umso mehr erstaunte es ihn, dass Harry ausgerechnet ihn vorschlug. Seine Mitschüler warfen sich einen kurzen Blick zu und nickten dann. "Gute Idee", sagte Ernie. "Zacharias."

Hermine notierte also Zacharias als Leiter aus Hufflepuff.

"Ravenclaw?", fragte Harry weiter.

Michael wies auf seinen Freund Anthony, der sich in der Regel sehr ruhig verhielt. "Tony wäre meine Wahl. Ich bin zu launisch für solch eine Position." Er lachte und Cho neben ihm kicherte ebenfalls. "Das wäre ich wohl auch."

"Einwände?", fragte Harry und alle schüttelten die Köpfe.

"Anthony Goldstein für Ravenclaw", notierte Hermine.

"Amber für Slytherin", grinste Lavender. "Keine Konkurrenz... zumindest Momentan."

Harry schmunzelte. "Stimmt, klare Sache. Oder bist du dagegen, Amber? - Nein? Gut, Amber Barnacle für Slytherin."

Hermine notierte auch das.

"Und für Gryffindor...", fuhr Harry fort.

"Frag nicht rum, du weißt es doch ohnehin schon", fiel ihm Ron ins Wort. "Schreib Harry auf, Hermine."

"Nein, das wird sie nicht, wenn jemand dagegen ist!", unterbrach ihn sein Freund barsch.

"Okay..." Ron streckte seine langen Beine aus und sah sich mit einem vorgetäuschten Gähnen um. "Wer dagegen?" Keiner brachte einen Einwand vor, es wurde nur vereinzelt gekichert. "Siehst du, das hättest du dir sparen können."

"Hätte ich nicht", knurrte ihn Harry an. "Es wird immer zuerst gefragt, bevor jemand zum Leiter erklärt wird."

"Hab ich ja jetzt", hielt Ron amüsiert dagegen.

"Harry Potter für Gryffindor", unterbrach Hermine den Disput. "Und jetzt die regulären Mitglieder. Soll ich euch nach Häusern aufschreiben oder..."

"Ganz normal untereinander", sagte Susan Bones. "Wen interessieren die Häuser?"

Terry Boot grinste. "Genau. Wir sind doch ein ganz neues Haus für uns, oder etwa nicht?"

"Dann sind wir aktuell sehr genau zwanzig Leute hier", verkündete Hermine schließlich, als sie damit fertig war, die Namen aufzuschreiben. "Ein großer Club..."

"Und wir können weitere Mitglieder brauchen", überlegte Harry. "Vor Allem noch welche aus Slytherin. Am Besten, die Leiter hören sich ein wenig in ihren Häusern um und sehen, wer vielleicht an unserer Gruppe interessiert wäre? Wir müssen uns ja auch nicht ständig im großen Stil treffen, wenn es zeitlich nicht passt."

Tony, Amber und Zacharias waren einverstanden und versicherten, sich nach ein paar mehr Schülern umzusehen.

Schließlich deutete Ginny auf eine Kiste in der Ecke des Klassenraumes. "Ich habe Butterbier mitgebracht. Ich finde, wir sollten darauf trinken."

"Auf Viribus Unitis?", fragte Colin Creevey.

Luna nickte. "Oh ja. Auf Viribus Unitis - und auf uns."

 

***
 

Mit einem lauten Knall schlug die Tür zum Jungenschlafzimmer auf und Harry fuhr erschrocken aus dem Schlaf. Verwirrt blinzelte er in das Dämmerlicht hinein, hörend, wie jemand zielstrebig auf sein Bett zustapfte. Im nächsten Moment wurde der Stoff des Vorhanges gepackt und mit einem Ruck zurückgerissen.

"Wie kannst du nur immer noch schlafen?", ließ ihn eine schrille Stimme endgültig die Augen aufreißen. Hastig kniff er sie wieder zusammen. Das Sonnenlicht war eindeutig zu grell für seine sich noch im Halbschlaf befindlichen Augen. "Hermine, das ist das Jungenschlafzimmer", murrte er und wollte sich die Decke über den Kopf ziehen.

Hermine packte sie und zog sie wieder zurück. "Das weiß ich!", sagte sie kühl. "Allerdings - nur, falls es dich interessiert - steht das Quidditch-Team bereits fix und fertig auf dem Platz und wartet auf seinen Kapitän."

Das Sonnenlicht war plötzlich nicht mehr ganz so unerträglich für Harry und er setzte sich im Bett auf. "Das Training ist heute?", fragte er entsetzt und griff nach seiner Brille.

Hermine verschränkte mit vorgerecktem Kinn die Arme vor der Brust. "Sehr wohl, das ist heute. Das erste offizielle Training und du verschläfst! Das ist doch nicht zu fassen!" Sie scheuchte ihn aus dem Bett wie ein Huhn aus seinem Stall und warf ihm Hose und Shirt zu. "Jetzt beeil dich gefälligst", trieb sie ihn an.

Als Harry auf dem Feld eintraf, waren alle verbliebenen Teammitglieder bereits anwesend. Er grinste entschuldigend in die Runde. Nachdem die Weasley-Zwillinge, Alicia Spinnet, Angelina Johnson und Katie Bell die Schule verlassen hatten, brauchte das Gryffndor-Team vier neue Spieler. Ginny blieb ihnen wie im letzten Jahr versprochen als Jägerin erhalten. Nachdem sie einige der Interessierten durchgetestet hatten, entschied sich das Team für Katherine D'Oro San aus dem fünften und Jessica Erk als aus dem dritten Jahrgang für die beiden neuen Jägerinnen. Beide Mädchen waren schnell und verstanden es sehr gut, Klatschern und Gegenspielern auszuweichen. Die Suche nach den passenden Treibern erwies sich als schwieriger, doch letztendlich entschied sich Harry für Belma Sen aus dem vierten und Randolph Dorn aus dem fünften Jahrgang. Sie hatten mehrere Stunden mit dem Prüfen und der Auswahl neuer Spieler verschwendet und es war inzwischen bereits Zeit fürs Mittagessen. Harry seufzte, verzichtete darauf, sich zuerst umzuziehen, und marschierte in voller Quidditchmontur ins Schloss. Seine Teamkollegen taten es ihm gleich.

Als Harry auf den Gryffindor-Tisch zusteuerte, sprang Zacharias von seinem Platz auf und kam ihm entgegen. In der Hand hielt er ein Stück Pergament, das er Harry grinsend in die Hand drückte. "Ich habe noch fünf Interessierte bei uns gefunden, die gerne zum nächsten Treffen kommen würden.." Er wirkte sehr stolz. Harry lächelte ihm zu und warf einen Blick auf die Namen. Die meisten Hufflepuffs kannte er nur flüchtig - oder gar nicht. Es wurde wirklich Zeit für einen Club wie Viribus Unitis, um diesen leidigen Zustand zu ändern. "Danke, Zacharias", sagte er und steckte den Zettel ein.

Der Hufflepuff schüttelte langsam den Kopf. "Nein, ich habe zu danken..." Er sah Harry forschend an. "Wieso hast du ausgerechnet mich vorgeschlagen?"

Der schmunzelte. "Damit du bemerkst, dass du trotz all deiner Stänkerein zu uns gehörst", antwortete er und klopfte ihm im Weitergehen auf die Schulter.

Die Szene zwischen den beiden Quidditchspielern, die eigentlich Gegner hätten sein müssen, blieb nicht unbemerkt. Viele, die nichts vom Club wussten, starrten von ihren Tischen aus auf Harry und Zacharias, die sich nun wieder setzten. Dumbledore am Lehrertisch hatte den kurzen Dialog auch bemerkt. Doch entgegen der verständnislosen Schüler lächelte er.

 

***
 

Auf dem Weg in den Kerker kam ihnen Amber entgegen. Sie winkte ihnen fröhlich zu, was von den Slytherins, die hinter ihr gingen, mit Argwohn und Entsetzen zugleich bedacht wurde. Im Vorbeigehen reichte sie Harry ein Pergament. "Meine Empfehlungen", zwinkerte sie. "Und sie sind alle dabei."

Harry entfaltete den Zettel, warf einen Blick darauf und blickte Amber überrascht an. "Das sind neun!"

Sie nickte. "Ja. Aus verschiedenen Jahrgängen natürlich..."

"Neun Slytherins?" Ron konnte es nicht glauben. "Hast du ihnen auch gesagt, wobei es in Viribus Unitis geht?"

Amber war stehen geblieben. "Natürlich. Und sie fanden die Idee alle sehr gut. Nun ja, zwei waren nicht so begeistert, aber sie sehen ein, dass es das Richtige ist..."

Harry überflog die Namen. "Marvin Slainte, Jerry MacKillian, Aicha Chamllal, Robert Kurzawe, Lisa Lux, Jannina Samide, Elizabeth McAllister, Max Tefarikis und Violetta Ziob." Er sah auf. "Violetta ist im siebten Jahrgang. Woher kennst du sie?"

"Wir haben uns einmal länger in der Bibliothek unterhalten" grinste Amber. "Sie ist okay."

"Wer beweist uns das?", verlangte Ron zu wissen.

Ein Lächeln umspielte Ambers Lippen. "Sie hat Draco in ihrem dritten Jahr hier verprügelt. Die beiden können sich nicht ausstehen."

"Okay, gekauft." Ron grinste von einem Ohr zum anderen.

Später am Nachmittag, als Harry gerade auf den Weg zum Gryffindor-Gemeinschaftsraum war, holte ihn Michael ein. Auch er hatte eine Liste, auf der vier Namen zu lesen waren.

Hermine warf einige Minuten später einen Blick auf das Pergament und notierte die neuen Namen. "Mit all den Leuten auf der Liste stehen wir jetzt bei zweiundvierzig Mitgliedern", rechnete sie zusammen. "Das ist phantastisch. Das ist mehr, als wir erwartet haben."

"Achtundvierzig", warf Harry ein. "Du hast sechs Abgänger vergessen, die uns nach wie vor die Treue halten."

Da hatte er Recht. Die Weasley-Zwillinge und Lee Jordan hatten mehrere Male betont, jederzeit abrufbereit zu sein, sollten sie gebraucht werden. Und auch Angelina, Katie und Alicia hatten ihnen das bei ihrem Schulabgang versichert.

Harry, Hermine und Ron wechselten zufriedene Blicke.

"Wir sind auf dem besten Weg", sagte Hermine. "Das alles hätten wir schon viel früher tun sollen..."

 

 
9. Wieder Okklumentik

 

Das veränderte Schulklima war bald einfach nicht mehr zu ignorieren. Vor oder nach den Mahlzeiten huschten immer wieder Schüler von ihren Tischen zu benachbarten, setzten sich dort teilweise sogar für einige Minuten, redeten und diskutierten. Dumbledore beobachtete das Ganze mit Wohlwollen, Snape mit absolutem Unverständnis. So sehr war er damit beschäftigt, zu verstehen, wieso ein Slytherin von seinem Tisch aufstand, um mit einem Hufflepuff einige Worte zu wechseln, dass er die schmachtenden Blicke von Professor Leroux an seiner Seite wie gewohnt nicht wahrnahm.

Professor McGonagall unterhielt sich leise mit Professor Sprout, während Flitwick und Hagrid nur breit grinsten, wann immer ein erneuter Platztausch stattfand. Professor Sesachar beobachtete ebenfalls aufmerksam das Geschehen, allerdings war es unmöglich zu sagen, ob ihm behagte, was sich vor seinen Augen abspielte, oder ob es ihm eher missfiel.

An den Nachmittagen, wenn nicht gerade ein Quidditch-Training auf dem Plan stand, sah man gemischte Schülergruppen auf den Schlossgründen am See oder in der Bibliothek sitzen und gemeinsam arbeiten, munter reden und scherzen. Angela Wella, eine Ravenclaw aus dem siebten Jahrgang, erklärte Sigrid Midinet und Alina Mielek, zwei Drittklässlern aus Hufflepuff, geduldig, wie man Mäuse in Handschuhe verwandelte. Max Tefarikis aus dem fünften Slytherin-Jahrgang hockte mit Ernie, Zacharias, Cho, Ron und Harry zusammen und diskutierte mit ihnen den Plumpton-Pass und den Woollongong Shimmy. Hermine saß mit zwei Hufflepuffs und Amber über Büchern für Kräuterkunde. Neville wurde rot, als Eliane Ramos, ein blondes Ravenclaw-Mädchen, ihn während des Gespräches plötzlich fragte, ob er mit ihr beim nächsten Hogsmeade-Wochenende ausgehen wolle.

Draco Malfoy in Begleitung von Blaise Zabini, Pansy Parkinson, Crabbe und Goyle kam an der Quidditch-Gruppe vorbei. Abfällig sah er zu Max. "Bist du farbenblind oder siehst du nicht, mit welchen Leuten du dich gerade abgibst?", giftete er ihn an.

Max sah verwirrt zurück. "Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was an meinem Umgang so falsch sein sollte."

Malfoy starrte ihn an, dann wanderte sein Blick über Ernie und Zacharias, die ihm beide ein abfälliges Schnauben entlockten, über Cho zu Ron und Harry. Seine Augen funkelten vor Zorn. "Falsch daran ist, dass du dich mit Verrätern abgibst", zischte er. "Mit einem Haufen mistiger Bastarde, die meinen Vater und viele andere nach Askaban gebracht haben."

"Es waren Todesser Voldemorts", sagte Harry schneidend. "Sie haben es verdient."

Malfoy biss so fest die Zähne zusammen, dass Ron schon hoffte, sie würden ihm ausfallen.

"Du stehst doch nicht auf der Seite von... Du-weißt-schon-wem?", fragte Max überrascht und musterte seinen Schulkameraden aus schmalen Augen.

Statt ihm eine Antwort darauf zu geben, kehrte ihnen Malfoy den Rücken zu und stapfte wütend davon, gefolgt von seinen beiden verfressenen Kumpanen und zwei ebenso giftig wie er dreinschauenden Mädchen.

"Er ist schwierig", zuckte Max mit den Schultern.

Wenig später sammelte Harry seine Bücher zusammen und schulterte seufzend seine Schultasche. Hermine suchte seinen Blick. "Okklumentik?", fragte sie leise, einen kurzen Kuss zu dieser Frage ausnutzend.

Er nickte wenig begeistert. "Leider... Wir sehen uns nachher beim Abendessen."

Damit machte er sich auf den Weg in Snapes Büro.

 

***
 

Das Erste, was Harry auffiel war, dass sich das Denkarium nicht mehr in Snapes Büro befand - und der Professor schien es auch nicht für nötig gehalten zu haben, es für den Okklumentik-Unterricht mit ihm zurückzuholen. Wohl schien Snape nicht mehr den Drang zu verspüren, bestimmte Erinnerungen und Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen, für den Fall, dass es seinem Schüler gelingen sollte, in seinen Geist einzudringen. Das kam einem Vertrauensbeweis gleich, den Harry niemals von Snape erwartet hätte.

Der Professor deutete schweigend auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und Harry nahm Platz. Er war bereit für das, was kommen würde. Und anders als zuvor wollte er sich nicht nur halbherzig Mühe geben, von seinem Lehrer zu lernen. Das fehlende Denkarium war Snapes Entgegenkommen. Harry nahm sich vor, es zu würdigen und keinen Unwillen zu zeigen.

Snape zückte seinen Zauberstab, und schon bevor er ihn dazu aufforderte, versuchte Harry jeglichen Gedanken aus seinem Geist zu vertreiben, eine Leere zu schaffen, die keine Bilder zuließ und somit keinen wunden Punkt für diesen Zauber...

"Legilimens!"

Harry zuckte kurz zusammen, da ihn das plötzlich gesprochene Wort in seiner Konzentration überraschte, aber bevor sein Gehirn damit beginnen konnte, komplexe Erklärungsstränge zu knüpfen, hatte er seine Überraschung schon barsch bei Seite geschoben. Vor seinem inneren Auge tanzten schemenhafte Nebelwolken, aber keine wollte eine klare Gestalt annehmen. Dann verschwand der Nebel und Harry starrte auf seine Hand, die sich um die Kante von Snapes Schreibtisch geklammert hatte. Sie war weiß, so fest pressten sich seine Finger auf das Holz.

"Das war gut", stellte Snape fest. "Sehr gut. Erstaunlich, dass der Unterricht auf einmal Wirkung zeigt." Spott sprach aus seiner Stimme, aber er war nicht kalt, und so nahm Harry ihn ohne Protest hin. "Ihnen ist aber klar, dass Ihnen unter Umständen nicht so viel Zeit bleibt, Ihre Gedanken zu leeren, bevor jemand versucht, sie zu lesen?"

Er setzte sich Harry gegenüber hin und legte die Fingerspitzen unter seinem Kinn aneinander. "Erzählen Sie mir etwas."

Harry sah ihn entgeistert an und Snape lächelte kaum merklich. "In eine Konservation verwickelt fällt es schwer, schnell genug seine Gedanken zu verdrängen und man ist... leichter anzugreifen. Nun, erzählen Sie etwas. Etwas, dass Sie emotional beschäftigt, das macht es umso schwieriger." Er tippte sich einige Male mit den Fingerspitzen an die Lippen und blickte Harry dann forschend an. "Sprechen Sie über Black."

Harry sah ihn fassungslos an. Sein Gesicht musste Bände sprechen, denn Snape lehnte sich zufrieden zurück. "Ich scheine das richtige Thema für diese Übung gewählt zu haben. Nun dann, Potter, erzählen Sie mir von ihm. Sie waren in der Mysteriumsabteilung, als es passierte. Ich nehme an, Sie haben alles gesehen..."

Harry schloss die Augen, als er spürte, dass ihm das Herz bis zum Halse schlug. "Bitte... können wir nicht über etwas anderes sprechen?", flehte er.

Snape schüttelte den Kopf. "Die Erinnerung daran ist noch frisch und sicherlich besonders verstörend. Wie geschaffen für diese Übung. Los, erzählen Sie. Wie kam er um?"

Es kostete Harry schon genug Energie, jetzt ruhig zu bleiben. Wie sollte es ihm dann gelingen, gegen Snape aufzubegehren, wenn er ihn mitten in seiner Ausführung mit "Legilimens!" unterbrach? Er würde nicht nur eine seiner schrecklichsten Erinnerungen durchleben müssen, sondern auch darin scheitern, seine Emotionen rechtzeitig zu unterdrücken und seinen Geist zu schließen.

Doch Snape schien Gefallen an diesem Thema gefunden zu haben. Interessiert beugte er sich vor. "Die Todesser hatten Sie und Ihre Schulkameraden beinahe besiegt, als die Mitglieder des Ordens erschienen. Was geschah?"

"Es war Bellatrix Lestrange", sagte Harry tonlos. "Sie duellierte sich mit Sirius vor diesem Torbogen... ein Schleier verdeckte ihn. Ich war zuvor schon in diesem Raum und an diesem Schleier gewesen... aus ihm heraus habe ich viele Stimmen gehört und ich wusste nicht, was es war... aber es hat uns allen irgendwie... Angst gemacht. Sirius wich gerade einem Fluch von Lestrange aus und neckte sie, ob sie es denn nicht besser könne... Dann geschah es... Sie erwischte ihn und er stürzte. Er... er fiel hinter diesen Schleier." Harry stockte und kämpfte darum, dass ihm die Stimme nicht versagte. Snape starrte ihn auffordernd an und plötzlich kehrte der Hass, den Harry gegenüber diesem Menschen, der Mörderin seines Paten, immer gespürt hatte, mit einem Schlag zurück.

"Weiter", sagte der Professor sanft, aber fordernd.

Und so fuhr Harry fort. Mit jedem Satz nahm sein Tonfall mehr und mehr Schärfe an und mit jedem Wort, das er laut aussprach, wuchs sein Zorn. "Ich wollte zu Sirius, aber Remus hielt mich fest. Er sagte, ich könne und dürfe nichts tun, er sei tot. Ich war wütend auf ihn und wollte ihm kein Wort glauben. Dann sah ich Lestrange aus dem Raum fliehen und ich riss mich los."

Snape nickte ahnungsvoll. "Sie sind Ihr gefolgt."

Harry nickte und seine Finger schlossen sich erneut um die Schreibtischkante, als all die blinde Wut zurückkehrte, die er vor wenigen Wochen erst gespürt hatte. "Sie hatte ihn umgebracht. Und nun wollte ich sie töten. Ich rannte ihr nach, bis in die große Eingangshalle des Ministeriums, wo ich sie einholte..."

"Und was haben Sie getan?" Snapes Hände spielten scheinbar gedankenverloren miteinander, aber seine Finger näherten sich dem Zauberstab, der neben ihm auf dem Tisch lag. Er griff gerade danach, als Harry mit einer ihm sonst fremden, kalten Stimme sagte: "Ich habe den Cruciatus-Fluch benutzt."

Snape glitt der Zauberstab aus der Hand. Das Geräusch des zurückfallenden Stabes, der auf dem Holz des Tisches aufschlug, riss Harry aus seiner Erinnerung und er starrte den Professor an. Langsam blickte er zwischen ihm und dessen Zauberstab hin und her.

"Sie haben was?", fuhr ihn Snape an.

"Es hat sie nur zurückgeworfen", sagte Harry matt und fuhr sich durchs Haar. "Ich war zu wütend, um es wirklich ernst genug zu meinen... es hat nicht wirklich funktioniert."

So schnell, wie Snapes Entsetzen gekommen war, war es auch wieder verflogen und machte einem breiten, spöttischen Grinsen Platz. "Sie dachten also, den Fluch anwenden zu können, Potter? - So arrogant wie der Vater, was?"

Bevor Harry zu einem lautstarken und wütenden Protest ansetzen konnte, hatte Snape seinen Zauberstab fest in der Hand und richtete ihn auf seinen Schüler. "Legilimens!"

Die große, Licht durchflutete Eingangshalle des Zaubereiministeriums mit den unzähligen Kaminen... der wundervolle Brunnen mit den imposanten Wasser speienden Statuen. Lestrange, deren Gelächter durch den leeren Raum hallte und in seinen Ohren dröhnte. "Hast du ihn geliebt, Baby-Potter?", höhnte sie, und Hass, unbändiger Hass, machte sich breit, füllte die gesamte Halle aus. Ein plötzlich durch den Raum zuckender grüner Strahl ließ Lestrange schreiend stürzen und...

Peinigender Schmerz durchströmte Harry, als er hart mit der Faust auf den Tisch schlug und die Bilder sofort verblassten. Scharf sog er Luft in seine Lungen und umfasste die schmerzende Hand mit der anderen, wobei er wütend über den Tisch hinweg auf Snape starrte. Dieser senkte mit erhobenen Augenbrauen den Zauberstab.

"Nicht schlecht", murmelte er. "Wahrlich nicht schlecht..."

"Wahrlich nicht schlecht?", wiederholte Harry schnaubend.

"Natürlich nicht", lächelte Snape. "Ich hatte mich schon auf ein abendfüllendes Programm eingestellt, nicht auf einen... eher unbefriedigenden Kurzfilm."

Harry hätte ihn am Liebsten erwürgt.

"Ich denke, wir können die Stunde für heute abschließen", fuhr Snape unbeeindruckt fort. "Sie haben tatsächlich Fortschritte gemacht, Potter. - Ich erwarte Sie am Freitag wieder hier, gleiche Uhrzeit."

Harry schnappte seine Schultasche und warf dem Professor einen letzten bösen Blick zu. Zu seiner Überraschung begann Snape leise zu lachen. "Ich muss gestehen, wirklich ähnlich sind Sie Ihrem Vater nicht."

Harry zog die Augenbrauen zusammen. "Was soll das heißen?"

Snapes Grinsen wuchs in die Breite. "Nun... er hatte sein Temperament unter Kontrolle..."

Als Harry daraufhin mit ärgerlichem Knurren durch die Bürotür nach draußen in den Korridor schoss, lachte Snape noch lauter.

 

***
 

"Snape kann lachen?", fragte Ron kurz darauf erstaunt beim Abendessen.

Harry stocherte griesgrämig in seinem Salat herum. "Über mich wohl schon!"

"Sei froh darüber", meinte Hermine und nahm sich Reis nach. "Zumindest demütigt er dich nicht."

"Hör ihn lachen, dann weißt du, dass es keine größere Demütigung als das gibt!", schnappte Harry und Ron prustete los.

"Quatsch!", rügte Hermine. "Sei dankbar, dass er dich trotz allem weiter in Okklumentik unterrichtet. Zudem hat er dir ein A für deine Trankprobe gegeben, vergessen?"

"Kein T diesmal?", witzelte Ron und nun war er es, den Harry anknurrte. "Mann, du bist echt gereizt, Kumpel." Er lachte weiter.

Harry dachte an das, was Snape zum Abschluss über ihn gesagt hatte und seufzte. Er hatte Recht - er hatte sein Temperament wirklich nicht unter Kontrolle. Noch etwas, an dem er wohl dringend zu arbeiten hatte...

Hermine griff nach seiner Hand und lächelte ihn an. "Was hältst du von einem kleinen Spaziergang nach dem Essen zum Abreagieren, bevor du vor lauter Wut den Aufsatz für Professor Binns versaust?"

Ron stöhnte. "Mist, den müssen wir ja noch schreiben..."

Hermine warf ihm einen spöttischen Blick zu. "Dann kannst du ja schon mal damit anfangen. Du brauchst ohnehin immer am Längsten für deine Hausaufgaben."

"Manchmal bist du ein richtiges Ekel", seufzte Ron und schob seinen leeren Teller von sich. "Ich werde nur schnell, wenn ich weiß, was ich schreiben soll. Und am Besten weiß ich, was ich schreiben soll, wenn ich zuvor deinen Aufsatz gelesen habe..."

"Krieg ich zur Abwechslung mal zuerst deinen?", grinste ihn Hermine an und stand auf, dabei Harry mit sich ziehend. Ron murmelte Unverständliches und lachend verließen sie die Große Halle. Während Ron mit Seamus, Dean und Ginny die Treppe zum ersten Stock hinaufstieg, schlüpften Harry und Hermine durch das Haupttor nach draußen. Es war Spätsommer und noch hell und warm. Hier und da schlenderten noch andere Schüler über den Schlossgrund.

 

Auf rechter Hand steuerten die Beiden auf die den Innenhof von Hogwarts umschließende Mauer zu, gingen eine Treppe zu einem tiefer gelegenen, eingeschlossenen Grasstück hinab und lehnten sich dort gegen den noch sonnenwarmen Stein. Harry hatte den Kopf in ihrem Schoß und starrte nachdenklich in den Abendhimmel hinauf, während Hermine mit seinen Haarsträhnen spielte. Nach einer Weile suchte er ihren Blick, noch immer Snapes Worte in seinem Ohr.

"Findest du, dass ich... mich nicht unter Kontrolle habe?", fragte er.

"Dein Temperament, meinst du?" Sie lachte leise. "Hat dich Professor Snape damit aufgezogen?"

Harry grummelte. "Unter anderem damit, ja... Dass es mich von meinem Vater unterscheiden würde..."

Hermines Lachen wurde lauter. "Er hasst deinen Vater, also ist jede Unähnlichkeit zu ihm, die er an dir bemerkt, ein Kompliment."

"Snape ist nicht gerade die Person, von der ich Komplimente hören will!", erwiderte Harry unwillig. "Bloß, weil er mir nicht weiterhin null Punkte für dies oder das gibt, heißt das nicht, dass er mich mehr mag. Oder ich ihn. Snape kann man nicht mögen!"

"Du sollst ihn ja nicht mögen, aber von ihm lernen, anstatt dich aufzuführen, wie ein bockiger Esel", rügte sie ihn und zog dabei etwas rüder an einer seiner Haarsträhnen. "Du brauchst ihn. Also benimm dich bitte so, dass er keinen Grund hat, dich erneut aus seinem Büro zu werfen. Das würde für den Anfang schon genügen..."

Harry seufzte. "Wenn das nur so einfach wäre... Und hör auf, mir alle Haare auszureißen!" Er drehte sich zur Seite, um einen Arm auf dem Gras aufzustützen, bekam ihre Hand zu packen und zog sie, und damit Hermine, tiefer zu sich. Von ihrer Hand wanderten seine Finger zu ihrem Gesicht und strichen wilde Locken bei Seite, bevor er sie lange und innig küsste. Dann ließ er sich zurückfallen, ohne sie loszulassen, und mit einem leisen Quietschen fiel sie über ihn. Nach Luft schnappend stemmte sie sich auf ihren Armen wieder ein Stück empor und starrte auf sein verschmitztes Gesicht, das sie aus dem Gras heraus breit angrinste. Sie konnte nicht umhin, zurückzugrinsen. Statt auf dem Rasen kreuzte sie die Arme nun auf seiner Brust und blickte ihn lange und noch immer lächelnd an. "Du bist ein rebellischer Chaot", meinte sie schließlich.

Harry schloss mit hochgezogenen Brauen die Augen und versuchte, Snapes ausdruckslose Miene zu imitieren. "Das liegt nur daran, dass ich unfähig bin, mein Temperament zu zügeln."

Hermines Lippen kräuselten sich sichtlich amüsiert. "Nun... manchmal mag ich es, wenn du es nicht kannst..."

Er lachte leise und zog erneut ihren Kopf zu sich. "Dabei bin ich so berechenbar", feixte er und hauchte ihr Schmetterlingsküsse auf die Lippen und Wangen. "Viel zu berechenbar..."

 

 
10. Silberpelze

 

Die nächsten Wochen vergingen schnell. Nach wie vor war nichts über die Aktivitäten von Lord Voldemort bekannt. Seit dem Mord an Tonks und dem Auftreten der Harpyien schien man jede Spur von ihm verloren zu haben.

Harry hatte allerdings auch nicht die Möglichkeit, genauere Nachforschungen anzustellen. Professor Leroux hatte ihr Versprechen wahr gemacht und trieb ihre Schüler in Rekordzeit durch den versäumten Stoff des fünften Jahrgangs. Sie war streng, aber fair - wenn nicht gerade Severus Snape in Sicht kam, denn dann verlagerte sich ihre komplette Aufmerksamkeit sofort auf ihn. Harry und seine Freunde rätselten, wie die ganze Schule bemerken konnte, dass die hübsche Lehrerin ein offenkundiges Interesse für Snape hatte, der diesen Umstand aber überhaupt nicht bemerkte.

"Vielleicht ignoriert er es", mutmaßte Max, als sie an einem Nachmittag in der Bibliothek zusammensaßen, um ihre Aufsätze über die Skylla, ein sechsköpfiges Meeresungeheuer, zu schreiben.

"Oder er versteht sie einfach nicht." Über Rons Gesicht huschte ein gemeines Grinsen. "Er weiß nicht, was Schwärmerei ist. - Wahrscheinlich war Snape nie zuvor verliebt."

Einige an ihrem Tisch grinsten, aber Harry schwieg. Ohne auch nur aufzusehen schrieb er weiter an seinem Aufsatz. Dass er wusste, dass Ron Unrecht hatte, wollte er lieber nicht erwähnen.

"Wenn es eines gibt, was in keinster Weise zu Snape passt, ist es...", Ernie verzog das Gesicht, "Rumgeturtel..."

Hannah lachte leise. "Dazu müsste es ihm erst einmal gelingen, humorvoll und charmant zu sein."

"Welch eine freundliche Feststellung, Ms. Abbott." Die ruhige, doch kalte Stimme ließ sie herumfahren. Snape hatte soeben die Bibliothek betreten und die letzten Worte mitgehört. "Zehn Punkte von Hufflepuff. Sie sollten lernen, Ihre Zungen zu zügeln. Oder ist es ihnen gänzlich unbekannt, dass es sich nicht ziemt, über nicht anwesende Personen zu sprechen?"

Hannah war blass geworden, während Ernie schwer schluckte. Max verbarg sich hinter seinem Buch und Ron schien plötzlich einzufallen, wie viel er noch zu schreiben hatte. Harry sah weiterhin nicht auf und arbeitete stur weiter an seinen Hausaufgaben. Er spürte, wie Snape ihn anstarrte, als würde er nur darauf warten, dass Harry den Kopf hob und etwas sagte, was ihm die willkommene Gelegenheit geben würde, auch Gryffindor Punkte abzuziehen. Zumindest stand der Hauslehrer Slytherins noch immer mit grimmigen Blick an ihrem Tisch.

Die Rettung der Fünf war Professor Leroux, die nun ebenfalls in der Bibliothek erschien. "Oh, Professor Snape, was ein Glücksfall, dass ich Sie hier treffe." Fröhlich ging sie auf den Tisch zu. "Ich bräuchte unbedingt Ihre Hilfe und kompetentes Wissen. Ich braue gerade einen Trank zur Abwehr von Vampiren und ich befürchte, dass mir eine Zutat entfallen ist." Sie ignorierte Snapes tödlichen Blick und lächelte gewinnend. "Vielleicht könnten Sie, wenn Sie eine Minute Zeit haben, einen kurzen Blick darauf werden und mir meinen Fehler verraten?"

Snapes dunkle Augen musterten sie. "Es gibt ein ausgezeichnetes Buch in dieser Bibliothek, das sich ausschließlich mit Tränken zum Zwecke der Vampir- und Dämonenabschreckung befasst", antwortete er kühl. "'Asmodeus' größtes Gräuel' von Belias Belial. Es steht im hinteren Bereich." Er nickte in die Richtung, in der das Buch zu finden war.

Professor Leroux sah etwas enttäuscht drein. "Auch ein Buch kann mir nicht alles verraten, was Jahre lange Erfahrung zu erkennen weiß", versuchte sie es erneut.

Selbst Komplimente schien Snape nicht erkennen zu können. "Tut mir leid, Professor, aber ich muss mich auf meinen Unterricht vorbereiten." Damit rauschte er an ihr vorbei in den von den öffentlich zugänglichen Büchern abgetrennten Bereich, in den Schüler nur mit einer ausdrücklichen Genehmigung eines Lehrers hinein durften. Leroux seufzte tief und bedauernd. Sie steuerte auf das Regal mit den Zaubertrankbüchern zu.

Ron hob langsam seinen Kopf, Max legte sein Buch zur Seite und Ernie und Hannah entspannten sich wieder. Alle Vier wechselten fassungslose Blicke.

"Er ist blind", murmelte Max. "Er muss es sein..."

"Diese Anmache kann man doch nicht missverstehen", stöhnte Ron. "Wie dumm muss man sein..."

"Psst!", zischte Ernie. "Vielleicht kommt er zurück und hört uns. Es würde ihn nur freuen, weitere Hauspunkte abziehen zu können."

 

***
 

Der Oktober kam und mit ihm das lang erwartete Hogsmeade-Wochenende. In der Woche davor begannen viele Schüler, ihre Dates auszumachen.

Eliane Ramos hatte Neville erneut gefragt und diesmal hatte er mit roten Ohrenspitzen und leichtem Stottern zugesagt. Dean klopfte ihm breit grinsend auf die Schulter. "Glückwunsch, Kumpel. Sie ist ein wirklich hübsches Mädchen. Versau es nicht."

Sie waren noch nicht vollzählig in der großen Halle versammelt. Es waren auch noch einige Minuten Zeit bis zum Frühstück und Schüler wie Lehrer trudelten nach und nach ein.

Gerade erschien Professor Leroux, doch statt an den Schülertischen vorbeizugehen, blieb sie diesmal stehen und setzte sich rasch Ron gegenüber an den Tisch. Die Gryffindors, Zacharias und Amber, die gerade hinter Harry und Hermine standen, um über das nächste Treffen zu sprechen, blickten überrascht auf.

"Ihr habt doch jetzt Zaubertränke bei Professor Snape?", erkundigte sich Leroux.

Die Schüler wechselten bedeutungsvolle Blicke.

"Ähm, ja, Professor", stotterte Harry und sah sie verwirrt an.

Leroux lächelte träumerisch. "Sein Unterricht muss ja wahnsinnig interessant und bereichernd für euch sein bei seinem Fachwissen. Er mag streng sein, aber diese Strenge gleicht er sicher wundervoll mit seiner Kompetenz und seiner humorvollen Art aus."

Neville spuckte den Saft zurück in sein Glas, Amber unterdrückte ein leises Lachen und Zacharias presste die Zähne aufeinander. Harry gab eine gequälte Miene zum Besten und Hermine rollte mit den Augen, ebenso Ginny neben ihr. Dean schien sich gerade heftig auf die Zunge zu beißen - Ron, der Leroux direkt gegenübersaß, musste an sich halten, nicht rückwärts von der Bank zu fallen.

"Nur bedauerlich, dass er so sehr beschäftigt ist", seufzte Leroux. "Der arme Mann muss ja völlig übermüdet sein von all der Arbeit. Wo er doch so perfektionistisch ist. Ich habe ihn noch nie irgendwo entspannt sitzen sehen."

"Donnerstag nach halb acht ist er immer in seinem Büro", merkte Harry an, dessen Grimasse sich nun in ein fast unscheinbares Grinsen verwandelt hatte. Die verblüfften Blicke seiner Freunde ignorierte er.

"Ach tatsächlich?", erkundigte sich Leroux und es fiel ihr sichtlich schwer, ihre Begeisterung zu unterdrücken. "Das ist..." Sie hielt kurz inne und sprach dann mit viel ruhigerer, gleichgültigerer Stimme weiter. "Das ist dann wohl eine Möglichkeit für ihn, sich ein bisschen zu erholen. Er hat sicher kaum Zeit für Freizeitbeschäftigungen..."

"Ich frage mich, ob Snape überhaupt weiß, was Freizeit ist", schnaubte Ron, und es war abfällig gemeint. Doch Leroux verstand es selbstverständlich ganz anders.

"Ja, da mögen Sie Recht haben, Mr. Weasley. Severus ist in bedauernswerter Mann. Es müsste sich jemand um ihn kümmern..." Sie wirkte nun sehr nachdenklich. "Wie dem auch sei, guten Appetit, euch allen. Wir sehen uns später im Unterricht."

"Wir haben heute keine Verteidigung gegen die dunklen Künste", merkte Ginny an, aber Leroux war schon außer Hörweite. Verträumt rauschte sie an den Lehrertisch. Harry konnte wetten, dass sie schwebte.

"Sie tut mir so leid", murmelte Hermine mit wahrem Bedauern in der Stimme.

"Bitte?" Ron sah sie Stirn runzelnd an. "Für ihre Geschmacklosigkeit?"

"Für ihren fehlenden Sinn für Realität?", grinste Zacharias.

"Nein." Hermine schnitt sich ein Brötchen auf. "Dafür, dass sie sich leider einen Menschen ausgesucht hat, der ihre Zuneigung sicherlich nicht erwidern wird, wo er sie nicht einmal bemerkt. Wo es doch schon die ganze Schule begriffen hat. Irgendwann wird sie es einsehen müssen und sehr traurig sein."

"Sie sollte froh sein", grummelte Ron. "Denn dann wird sie endlich begreifen, was für ein Ekel Snape in Wirklichkeit ist."

 

***
 

In dieser Nacht schlief Harry unruhig. Dunkle Bilder erschienen vor seinem geistigen Auge, schattenhafte Gestalten, die einen unheimlichen Tanz aufführten. Als er erwachte, schmerzte seine Narbe. Seufzend drehte er sich im Bett auf die andere Seite und starrte in die Dunkelheit. Er hörte seine Klassenkameraden gleichmäßig atmen. Einer von ihnen schnarchte leise.

Harry zog den Vorhang zurück und stand auf. Gähnend tastete er nach seiner Brille und tapste zum Fenster. Im hellen Mondlicht schaute er auf das Ziffernblatt. Kurz nach drei.

Durch das Fenster starrte Harry auf die Ländereien von Hogwarts. Der Mond spendete genügend Licht, um sie sehen zu können. Der helle Kies der Wege schimmerte, als bestünde er aus einer Straße von kleinen Leuchtkäfern, über die ein Schatten wandelte.

Harry rieb sich die Augen und sah noch einmal hin. Der Schatten war eine Gestalt, vollkommen verhüllt in einem dunklen Umhang, die vorsichtig den Weg entlang schlich und sich vom Schloss entfernte.

Wer konnte das sein? Jetzt, mitten in der Nacht? Harry beobachtete den wandelnden Schatten, der sich, am großen steinernen Drachen angekommen, der inmitten einer Wegkreuzung stand, nach rechts wandte.

Er schien nach Hogsmeade zu wollen.

Kurzentschlossen wandte sich Harry vom Fenster ab, öffnete seinen Koffer und zog den Tarnumhang seines Vaters daraus hervor. Er konnte versuchen zu schlafen, was ihm niemals gelingen würde, da er sich fragen würde, wer sich aus Hogwarts herausgeschlichen hatte - oder diesem Jemand folgen und eine Antwort eben diese Frage erhalten. Er warf den Umhang über und verließ auf Zehenspitzen den Jungenschlafzimmer, durchquerte den Gemeinschaftsraum und kletterte durch das Porträtloch nach draußen.

 

Im Schloss war es ruhig. Alles schlief. Nicht einmal Filchs schlurfende Schritte waren irgendwo zu vernehmen. Harry huschte die Treppen hinunter, eilte den großen Hauptkorridor entlang und dann die Stufen zur Eingangshalle hinab. Bevor er die Tür öffnete, sah er sich noch einmal aufmerksam um. Keine gelben Katzenaugen leuchteten aus irgendeiner Ecke. Nicht das leiseste Geräusch war zu hören. Entschlossen drückte Harry die Klinke hinunter und trat in die Nacht hinaus.

Auch er folgte dem Kiesweg bis zu der Statue des Drachen. Links führte der Weg weiter zu einer zweiten Abzweigung zu Hagrids Hütte, geradeaus verlief er weiter bis zum Quidditch-Stadion. Zur rechten Hand ging es zu den Gewächshäusern und zu den Schlosstoren hinaus. Harry folgte dem Kiesweg. Das große Eisentor war nur angelehnt. Der unbekannte Nachtgänger hatte wirklich Hogwarts verlassen.

Harry schlüpfte durch das Tor hinaus. Hier war der Weg asphaltiert und hob sich von seiner Färbung kaum noch vor seinen Augen ab, trotz des Mondlichtes. In einem Bogen führte er um den großen See herum, der Hogwarts zu einer guten Hälfte umgab und über den jedes Jahr die Erstklässler in Booten zum Schloss gebracht wurden. Das Wasser schien tief und schwer, so ölig schimmerte die Oberfläche in der Dunkelheit.

Harry ging eilig voran. Vielleicht konnte er es schaffen, den Unbekannten noch einzuholen, bevor er Hogsmeade erreichte. Und tatsächlich - nach wenigen hundert Metern sah er sie wieder - die große dunkle Gestalt, die etwas langsamer und vorsichtiger den Weg entlangging. Harry verlangsamte sein Tempo, um sich durch seinen schnelleren Schritt nicht zu verraten. Es reichte, wenn er den Mann vor sich deutlich genug sehen konnte, um ihm folgen zu können. Zumindest glaubte Harry, dass es ein Mann war.

Bevor sie Hogsmeade erreichten, blieb die Gestalt urplötzlich stehen. Harry hätte es fast zu spät bemerkt. Auf Zehenspitzen schlich er näher, folgte dem Blick des Mannes in eine Waldschneise hinein, die von der asphaltieren Straße zu rechter Hand abzweigte. Einige Sekunden stand er reglos da und starrte, bevor er sich einen Ruck gab und weiter ging. Harry runzelte die Stirn. Wohin führte dieser Pfad, dass er so interessant sein konnte?

In Hogsmeade angekommen steuerte der Mann auf den Hog's Head, eine kleine, schäbige Kneipe zu. Es war das einzige Haus, in dem noch spärliches Licht brannte. Er öffnete die Tür und trat ein. Harry folgte ihm unbemerkt auf dem Fuße.

In der Kneipe war weit und breit niemand zu sehen. Nur der Wirt stand an der Theke und putzte seine Gläser mit einem schmutzigen Tuch, so wie er es scheinbar immer tat. Sonst war niemand im Raum.

Der Mann setzte sich an die Theke und schlug seine Kapuze zurück.

Es war Professor Pithormin Sesachar.

Harry blieb in der Nähe der Tür. Von hier aus konnte er mehr als genug sehen - und auch genug hören. Der Wirt beugte sich zu dem Lehrer vor.

"Du hättest nicht kommen dürfen, Pit", knurrte er. "Nicht heute Nacht. Überhaupt nicht bei Dunkelheit."

"Was hast du auf einmal gegen die Nacht einzuwenden, Jachim?", erwiderte Sesachar amüsiert. "Kann ich ein Bier haben?"

Der Wirt griff in einen Kasten unter der Theke und zog eine verstaubte Flasche hervor. Grob wischte er sie mit dem Tuch ab, mit dem er auch die Gläser auswusch. Harry verzog bei diesem Anblick das Gesicht und verstand, warum es hieß, es sei besser, seine eigenen Gläser mit in den Hog's Head zu bringen, sollte man einmal wirklich dort verweilen wollen.

"Bleib über Nacht, Pit", knurrte der Wirt nun. "Geh nicht zurück zum Schloss. Es ist schon ein Glück, dass dir auf dem Weg hierher nichts passiert ist."

"Hat er sie?", erkundigte sich Sesachar. "Gehorchen sie ihm bereits?"

Jachim schnaubte. "Du kennst den Dunklen Lord gut genug, Pit. Du weißt, dass es so und nicht anders ist. Also frag nicht." Er griff nun selbst nach einer Flasche Bier.

"Ich kenne den Dunklen Lord gut genug, um zu wissen, dass dieser Ort sehr bald ein Ort des Grauens sein wird. Seine Armee wächst wieder. Und bald wird sie stärker sein als je zuvor."

"Was braucht er eine ganze Armee", knurrte Jachim, "um einen einzigen kleinen Rotzlöffel zu töten?"

Sesachar lächelte. "Das verstehst du nicht, alter Freund. Das verstehst du nicht..."

"Es ist ein Junge!", widersprach der Wirt. "Kein ausgebildeter Zauberer mit vielen Jahrzehnten Erfahrung, so wie der Dunkle Lord."

"Er besitzt Kräfte, die der Lord nicht hat." Sesachar hatte sich vorgebeugt und fokussierte Jachim mit strengem Blick. "Eine Kraft, von der er selbst noch gar nichts weiß. Und es ist gut, dass er sie nicht kennt."

"Aber was sollte das...", hob der Wirt an, doch seine Worte gingen in ein ersticktes Gurgeln über, als Sesachars Hand nach vorne schnellte, um sich um seinen Hals zu schließen. Harry starrte nicht auf Jachim, sondern auf Sesachars Arm. Deutlich konnte er darauf einen eintätowierten Totenkopf erkennen, durch den sich eine Schlange wand - das Mal der Todesser. Harry hielt den Atem an.

Sesachar war ein Spion. Ein Spion in Hogwarts!

"Was immer es ist, es geht dich nichts an, Jachim, hast du mich verstanden?", zischte Sesachar gerade zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch und seine Augen funkelten kalt und drohend.

Ein ersticktes Husten war die Antwort. Der Kopf des Wirtes verfärbte sich rot und blau und endlich ließ Pithormin Seschar los. Nach Luft schnappend taumelte Jachim zurück.

Harry hatte genug gesehen. Das laute Röcheln des Wirtes ausnutzend, öffnete er die Tür und schlüpfte hinaus.

Sesachar, ein Todesser.

Er konnte es nicht fassen.

Harry rannte durch die stillen Straßen von Hogsmeade. Voldemort würde niemals aufgeben. Erst Quirrel, dann das Tagebuch, von Lucius Malfoy eingeschleust, dann der falsche Mad Eye Moody... Und jetzt? Jetzt war es Sesachar!

Wie hatte Dumbledore nur so blind sein können?

 

Harry hatte den Ortsausgang erreicht und eilte die Straße zum Schloss zurück. Er wusste nicht, ob er wütend oder panisch sein sollte. Als er die Abzweigung in den Wald erreichte, blieb er erneut stehen und starrte den dunklen Pfad an. Was war dort, was Sesachar hatte verweilen lassen? Wer versteckte sich dort? Führte der Weg zu einem Versteck weiterer Todesser? War vielleicht sogar Voldemort selbst hier?

Harry trat auf den Waldweg. Einige Meter konnte er ihm folgen. Nur einige Meter... Nach wenigen Schritten aber merkte er, dass dies mit dem Tarnumhang so gut wie unmöglich war. Die Bäume standen dicht und die Äste hingen tief. Zweige verfingen sich in dem feinen Stoff. Harry blieb stehen, schlüpfte unter dem Umhang hervor und versuchte ihn so vorsichtig wie möglich aus dem Gewirr von Zweigen zu befreien. Er hatte den Umhang gerade grob von Laub und loser Rinde gesäubert, als er Rascheln im Unterholz vernahm. Regungslos verharrend blickte er sich um. Es klang nicht nach den Schritten von Menschen. Es waren eindeutig Tiere, die da durch den Wald streiften.

Harry verstaute den Tarnumhang unter seinem Hemd und tastete nach dem Zauberstab in seiner Hosentasche. Doch bevor er ihn fassen konnte, brachen sie durch das Gehölz.

Es war ein halbes Dutzend von ihnen. Pelzige, langbeinige Gestalten, auf den ersten Blick Wölfe. Doch ihr Fell schimmerte in einem kalten Silber, das Fell war dichter und starrer. Die Augen leuchteten rubinrot im Dunklen. Und sie waren so viel größer als Wölfe, so viel kräftiger in ihrer Statur.

Harry stand noch immer reglos da. Solche Tiere hatte er noch nie gesehen. Nicht lebendig. Er hatte bisher immer gedacht, sie seien ausgestorben. Jedes Schulbuch behauptete das. Silberpelze, die Dämonenwölfe, waren schon seit dem späten Mittelalter ausgerottet, nachdem sie außer Kontrolle geraten waren. Silberpelze, gefürchtete Kreaturen, die über Jahrhunderte mordend und Rinder und Schafe reißend durch die Dörfer gezogen waren und ihrem kleinen aber harmlosen Verwandten, dem Wolf, das Image einer brutalen Bestie eingebracht hatten...

Sie kamen näher, kesselten ihn ein. Ihre Lefzen zogen sich weiter nach oben, entblößten das gesamte, gewaltige Gebiss. Harry starrte auf rasiermesserscharfe Zähne und wich instinktiv zurück, dabei über eine aus dem Bogen ragende Wurzel stolpernd. Er fiel unsanft zu Boden, spürte, wie sein Gesicht von den Dornen eines niedrigen Busches aufgerissen wurde und ihm die Brille von der Nase rutschte.

Die Silberpelze schlichen in drohend geduckter Haltung auf ihn zu, beständig knurrend und hier und da bösartig keifend.

Zu Fuß hatte Harry keine Chance, ihnen zu entkommen. Der Tarnumhang würde ihn jetzt nicht mehr schützen. Und würde er fliehen, würden ihn die Tiere bereits nach wenigen Metern einholen und zerreißen. Selbst ein Hirsch oder Reh wäre nicht schnell genug, ihnen kampflos zu entkommen. Höchstens ein sehr gutes Rennpferd könnte es schaffen, nicht als Beute der Silberpelze zu enden.

Ein schnelles, starkes Pferd, dessen Hufe über den weichen Waldboden donnerten. Das im gestreckten Galopp den Weg entlang jagte. Harry sah die im Wind flatternde Mähne, den wehenden Schweif und die geblähten Nüstern des Pferdes. Ganz deutlich sah er es vor sich. Pechschwarz war es, wie die Nacht. Und es flog schier dahin, die Meute an Silberpelzen hinter sich lassend, mehr und mehr...

Erschrocken riss Harry die Augen auf, als einer der Silberpelze dicht neben ihm die Zähne fletschte. In blinder Panik warf er sich zur Seite und die scharfen Zähne des Räubers schnappten ins Leere.

Harry war auf allen Vieren gelandet, spürte den weichen Humus unter sich nachgeben, so als würden seine Hände, die auf ihn eindrückten, mit einem großen Gewicht verbunden sein. Harry starrte darauf - und an Stelle der Hände sah er auf Hufe. Er schrie erschrocken auf, doch alles, was seiner Kehle entkam, war ein heiseres Wiehern. Er warf den Kopf herum, blickte über seine Schulter. Sein Rücken war länger und breiter geworden und von einem samtartigen, pechschwarzen kurzen Fell bedeckt. Ein ebenso schwarzer Schweif schlug unruhig auf und ab und peitschte in Richtung des Silberpelzes, der Harry aus seinen eiskalten Augen heraus anstarrte.

Ohne weiter nachzudenken, schnappte Harry nach seiner verlorenen Brille und erwischte sie mit den Zähnen. Eine hastige Bewegung hinter sich ließ ihn den Kopf empor reißen. Mit einem Satz brachte er sich aus der Reichweite der scharfen Fänge, spürte, wie die starken Gelenke federten, als er mit den Hufen auf den Boden zurück fand.

Die Silberpelze begannen zu bellen, die ersten sprangen mit gebleckten Zähnen auf ihn zu. Harry galoppierte los - mit fliegender Mähne und wehendem Schweif. Ganz wie das Pferd, das er vor wenigen Augenblicken noch vor seinem inneren Auge gesehen hatte.

Und die Silberpelze waren hinter ihm.

Er jagte durch den Wald, brach durch stacheliges Dickicht und dichte Büsche, setzte über die Stämme gefallener Bäume hinweg, so als hätte man ihm unsichtbare Flügel verliehen. Seine Lunge pumpte gierig Sauerstoff, sein Atem flog - doch noch fühlte er sich nicht so, als hätte er seine körperlichen Grenzen erreicht. Vor sich erblickte er den nahenden Waldrand, das Schloss kam in Sicht und die Silberpelze fielen mehr und mehr hinter ihm zurück.

Unter dem verebbenden Gebelle und Gejaule seiner Verfolger galoppierte Harry über die angrenzende Grasfläche und Hagrids sorgsam gehütete Kohlbeete, um dann hinter seiner Hütte mit zitternden Flanken zum Stehen zu kommen. Seine Brille glitt ihm aus dem Maul und er schüttelte schnaubend den Kopf, bevor er ihn instinktiv in die große Regentonne neben sich steckte und in großen Zügen daraus trank.

Plötzlich blinzelte Harry, hielt inne und trat hastig zurück, dabei den letzten Schluck wieder ausspuckend. Igitt, er trank Regenwasser!

Von Ekel über sein unerklärliches Tun gepackt, schüttelte er sich. Als er die Augen wieder öffnete, starrte er auf sein Spiegelbild im sich beruhigenden Wasser. - Ein schwarzes Pferd mit wirrer Mähne und auffällig grünen Augen starrte zurück.

Im nächsten Moment hörte er die Hüttentür auffliegen.

"Verdammich noch eins, wer treibt sich hier rum?", donnerte eine dunkle Stimme in die Nacht hinein.

Harry erstarrte. Hagrid! Er durfte ihn nicht sehen - nicht so. Was würde er von einem fremden Pferd hinter seiner Hütte halten?

Im nächsten Moment wurde der Boden wieder weicher und er fiel auf seine Knie.

Das schwarze Fell und die Hufe waren verschwunden.

Er war wieder Harry - einfach nur der normale Harry.

Geistesgegenwärtig nahm er seine Brille vom Boden auf und wollte sie gerade zurück auf seine Nase schieben, als...

"Nicht schon wieder!", stöhnte er und betrachtete die zerbrochenen Gläser, die nun in das helle Licht einer Lampe getaucht waren.

"Harry, was zum Teufel suchst du hier?", fragte Hagrid verblüfft. "Du solltest schlafen, anstatt dich allein hier draußen rumzutreiben!"

"Ich weiß." Harry fischte seinen Zauberstab aus der Tasche und richtete seine Spitze auf die lädierte Brille. "Occulos reparo!"

Die zerbrochenen Gläser fügten sich wieder zu ganzen zusammen und Harry setzte die Brille auf. Hagrid derweil war näher gekommen und zupfte an Harrys Kleidern. "Alles voller Kletten, wo warst du nur?" Er richtete seine Laterne auf Harrys Gesicht und entdeckte die unzähligen, teilweise noch blutigen Kratzer. Das Licht wanderte wieder hinab, erreichte den zerfetzen, linken Hemdsärmel. "Gejagt worden?", fragte er knapp, aber besorgt. "Von wem?"

"Silberpelzen", antwortete Harry.

Hagrid sah ihn fassungslos an. "Silberpelze? Sind lang ausgestorben, Harry. Gibt's doch gar nicht."

"Ich habe sie aber gesehen!", Harry zupfte Kletten aus seinem Haar. "Es war ein ganzes Rudel."

"Schlafwandelst, was?", erkundigte sich Hagrid und schob Harry vor sich her zu seiner Hütte. "Treibst dich um vier am Morgen hier draußen rum und brabbelst von Silberpelzen. Das is nicht gut."

Harry war nahe daran, wütend loszuschreien. "Ich hab sie gesehen, verdammt noch mal!" Er inspizierte seine Arme. Sie waren zerkratzt, aber sonst nichts. Er schien nicht gebissen worden zu sein.

"Man hat seit vierhundert Jahren keine Silberpelze mehr gesehen. Es war Pflicht, jede dieser Bestien zu töten, wenn man auf einen von denen stieß. Man hat Angst vor denen gehabt. Zu Recht." Er schloss die Tür hinter ihnen. Fang begrüßte Harry sabbernd und Schwanz wedelnd. Hagrid nahm einen großen Eimer und fühlte ihn zur Hälfte mit heißem Wasser aus dem Kessel über dem Feuer. Den Rest füllte er mit kaltem Wasser auf. "Wasch dich, Harry. Wenn die dich so sehen, wissen sie gleich wieder Bescheid. Hast dich wo rumgetrieben, wo du nix zu suche hast, eh?"

Harry krempelte die Ärmel hoch und tauchte die Hände ins Wasser, um sie von Schmutz und Blut zu säubern. Dann wusch er sich das Gesicht und die Arme. Hagrid stellte ein Fläschchen vor ihn hin.

"Hat mir Madam Pomfrey mal gegeben. Für Schürfwunden und so Kleinkram. Ich benutz es kaum. Was machen mir Kratzer? Da, nimm 'n Handtuch." Er reichte Harry eines, der sich damit abtrocknete und dann misstrauisch nach dem Fläschchen griff. Die Paste roch angenehm nach Arnika und Johanniskraut. Er strich sie auf die größeren Schürfwunden.

"Damit sind sie in'n paar Minuten weg", meinte Hagrid. "Wo warst'n jetzt, Harry?"

Der strich weiter Salbe auf, jetzt auf den anderen Arm. "In Hogsmeade", murmelte er.

"Wieso'n das?", fragte Hagrid und machte sich daran, Tee zu kochen. "Ihr könnt doch nächstes Wochenende eh dahin geh'n."

"Ich bin Professor Sesachar gefolgt." Harry schnaubte leise. "Er ist ein Todesser. Hast du das gewusst? Er ist verdammt noch mal ein Todesser! Und er unterrichtet ein als besonders gefährlich geltendes Fach an Hogwarts. Ich frage mich, ob Dumbledore weiß, wer er ist... Obwohl, dann hätte er ihn sicher nicht eingestellt..." Er begann zu grübeln. "Ich sollte mal zu ihm gehen... am Besten gleich."

"Wie kannst'n dir sicher sein, dass er'n Todesser is?", fragte Hagrid und stellte eine dampfende Tasse Tee vor Harrys Nase. Der deutete auf seinen Arm. "Weil er das Dunkle Mal hat?", fragte er gereizt.

"Und das hast gesehen?" Hagrid runzelte die Stirn. "Na ja... Snape hat's auch... und is nicht mehr bei den Todessern. Es ham einige die Gemeinschaft verlassen, nachdem du-weißt-schon-wer seine Kräfte verlor. War'n nich alle freiwillig dabei, weißt du? Aber wer einmal drin war, kam nimmer raus. Das ist wie 'ne gemeine Sekte, Harry. Die verfolgen jeden, der sie verlassen will, weil er deren Ansichten nich mehr teilt. Ham Angst vor Verrätern."

"Auf jeden Fall war Sesachar mal bei ihnen", sagte Harry trotzig. "Das macht ihn genauso vertrauenswürdig wie Snape."

"Dumbledore vertraut Snape", erinnerte ihn Hagrid. "Auch wenn er'n... na ja, nich grad netter Mensch is."

"Und ich frage mich bis heute, wieso er das tut", knurrte Harry, schraubte das Salbentöpfchen zu und betrachtete seine Arme. Hagrid hatte Recht gehabt. Die Schrammen und kleinen Wunden verschwanden tatsächlich auffallend schnell.

"Ich denk, ich geh jetzt besser", murmelte er. Draußen wurde es bereits hell und bald würde man sein Verschwinden bemerken.

"Tu das, Harry." Hagrid räumte das Teegeschirr weg. "Und versprich mir, zu schlafen, ja? Nicht, dass du wieder Viecher siehst, die's nich mehr gibt."

"Ich habe nicht geträumt!", versuchte es Harry ein allerletztes Mal, aber Hagrid winkte ab. "Dann waren es normale Wölfe. Hast dich vielleicht einfach zu sehr erschreckt im ersten Moment und sie für Silberpelze gehalten. Kann ja sein."

Harry gab es auf, Hagrid überzeugen zu wollen, zog seinem Umhang unter seinem Hemd hervor und trat aus Hagrids Hütte. Griesgrämig aber müde machte er sich auf den Rückweg ins Schloss. Die Luft war frisch und die ersten Vögel zwitscherten. Am Waldrand sah er zwei Thestralen entlang traben und als er sie erblickte, fiel im schlagartig wieder ein, was er über die hitzige Diskussion über Sesachar und die Silberpelze vollkommen vergessen hatte.

Er war in dieser Nacht ein Pferd gewesen...

 

 
11. Das Tier in dir

 

Der Gedanke an sein nächtliches Erlebnis ließ Harry nicht los. Er konnte, kaum, dass er wieder im Bett lag, nicht einschlafen. Er lag wach, bis seine Klassenkameraden erwachten und stand dann ebenfalls wieder auf. Am Frühstückstisch schwieg er, vom heutigen Unterricht bekam er kaum etwas mit. Auch die fragenden Blicke, die Hermine ihm zuwarf, bemerkte er nicht. War alles vielleicht doch nur ein Traum gewesen...?

Aber zuerst gab es andere, wichtigere Dinge zu überdenken. Nachdem sie Zaubersprüche und Kräuterkunde überstanden hatten, zog Harry Ron und Hermine in der Großen Halls beiseite und nickte nach draußen. "Wir können auch draußen essen", raunte er.

Ron und Hermine wechselten einen kurzen Blick und nickten. Bevor sie hinausgingen, nahmen sie sich etwas zu Essen vom Tisch mit. Besonders Ron schien sehr hungrig zu sein. Als sie sich an ihren Stammplatz am See setzten, hatte er bereits das zweite Sandwich in der Hand.

Nachdem ihn Hermine auffordernd angesehen hatte, begann Harry zu erzählen. Kein Detail von dem, was er in der Nacht im Hog's Head gesehen hatte, ließ er aus. Nur über seine Begegnung mit den Silberpelzen und seine unerklärliche Verwandlung schwieg er.

"Er hat das Mal?", fragte Ron fassungslos. "Er macht gemeinsame Sache mit Snape?"

"Snape ist im Orden", warf Hermine ein. "Er ist auf unserer Seite."

Ron verzog das Gesicht. "Was nichts daran ändert, dass er ein unausstehliches Ekel ist. Was, wenn Snape gar nicht die Todesser ausspioniert, sondern den Orden?"

"Wir reden von Professor Sesachar und nicht von Snape", sagte Hermine kühl und wickelte ihr Sandwich aus.

"Dass beide Todesser sind und sich prächtig miteinander verstehen", gab Ron zu bedenken.

Harry starrte nachdenklich vor sich hin. Es war ihm auch schon aufgefallen, dass sich Snape so ganz und gar nicht an Sesachar zu stören schien. In der Regel begegnete der Hauslehrer Slytherins keinen seiner Kollegen sonderlich freundschaftlich. Aber mit Pithormin Sesachar schien er sich tatsächlich zu verstehen. Warum hatte ihm dies nicht schon früher zu denken gegeben?

"Wieso hat Dumbledore Sesachar nach Hogwarts gelassen?", fragte er nun leise. "Er weiß doch sonst immer alles... Und gerade bei dem Fach, das Sesachar unterrichtet, müsste er erst Recht seine Vergangenheit überprüft haben."

"Vielleicht weiß er ja, wer er ist", überlegte Hermine. "Vielleicht hat sich Sesachar ebenso von Voldemort abgewandt wie Snape."

"Niemals!", schüttelte Harry entschieden den Kopf. "Es kann nicht noch mehr geben, die sich einfach so von der Gruppierung loslösen können. Voldemort hätte jeden getötet, der dies gewagt hätte. Er will ja auch Snape töten, jetzt, wo er es endlich wieder kann."

Die Erinnerung an Voldemorts Worte in der Nacht seiner Wiederauferstehung hallten in seinen Ohren wider. Harry sah den Dunklen Lord die Reihen seiner Todesser abschreiten, Feige und Ungläubige bestrafen und Lücken kommentieren.

"Und hier haben wir sechs fehlende Todesser... drei getötet in meinen Diensten. Einer, zu feige, um zurückzukehren... er wird dafür bezahlen. Einer, von dem ich glaube, dass er mich für immer verlassen hat... dafür wird er natürlich sterben... und einer, der mein treuster Diener blieb und bereits jetzt wieder in meinen Diensten steht."

Harry schauderte. Er wusste genau, welche Männer damit gemeint waren. Zum Ersten Karkaroff aus Durmstrang, der vor zwei Jahren mit einer Auswahl seiner Schüler zur Austragung des Trimagischen Tunieres hier an Hogwarts gewesen war. Als das Mal an seinem Arm ihm zeigte, dass sein Meister zurückgekehrt war, war er Hals über Kopf geflohen. Zum Zweiten Severus Snape, der die Todesser verlassen hatte und nun Mitglied im Orden des Phönix war - und wegen seines Verrates sterben musste. Und zum Dritten Barty Crouch, der sich als falscher Mad Eye Moody in Hogwarts eingeschlichen und Harry Voldemort ausgeliefert hatte. Aber von Pithormin Sesachar war niemals die Rede gewesen. Er musste also noch Teil der Gemeinschaft der Todesser sein.

"Vielleicht weiß auch Dumbledore nicht alles", sagte Harry düster.

"Oder wir wissen zu wenig", hielt Hermine dagegen. "Bisher hat sich Professor Sesachar innerhalb der Schule nicht auffällig verhalten. Im Gegenteil. Er ist sehr nett zu uns... - Wir haben damals auch Snape zu schnell beschuldigt und uns geirrt. Vielleicht tun wir es jetzt wieder."

Ron schluckte den letzten Bissen seines dritten Sandwichs hinunter. "Aber auf jeden Fall behalten wir diesen Sesachar genauestens im Auge - falls er es sich auf einmal anders überlegen und die Todesser-Masche rauskehren sollte."

 

***
 

Am Abend beschloss Harry, Sesachar vorerst zu vergessen und lieber seinem neuen Geheimnis näher auf die Spur zu kommen. Er nahm wieder den Tarnumhang an sich und schlich sich aus dem Schlafsaal der Gryffindors - wie schon so oft zuvor. Ein schiefes Grinsen legte sich auf sein Gesicht, als er daran dachte, dass diese nächtlichen Spaziergänge für ihn wahrlich schon Routine waren. Inzwischen kannte er viele verschiedene Wege, die ihn über unzählige Treppen in verschiedene Stockwerke bringen konnten. Verirren konnte er sich auch ohne die Karte des Herumtreibers nicht mehr, so hoffte er. Nur Filch und Mrs. Norris blieben ein ständiges Risiko. Doch laut Karte befanden sich beide Momentan in anderen Stockwerken. Zufrieden steckte Harry die Karte wieder ein und bewegte sich lautlos durch das nächtliche Schloss. Behutsam stieg er die Treppe hinab und steuerte auf das Eingangsportal zu, als ihn Schritte erstarren ließen. Rechts von ihm, aus dem Gang, der in die Kerker führte, kam das Geräusch. Mit angehaltenem Atem wich Harry zurück, bis er im Schutze der Wand stehen blieb. Verharrend... wartend. Dann sah er Professor Snape. Die dunkle Gestalt rauschte energischen Schrittes in die Halle und eilte die Treppe hinauf, etwas Unverständliches vor sich hinmurmelnd. Harry fing das Wort "Bibliothek" auf, dann war der Professor auch schon verschwunden. Etwas verwirrt starrte er die Treppe hinauf, wo langsam die Schritte verhallten. Was trieb Snape mitten in der Nacht hier? Und was bewog ihn dazu, in die Bibliothek zu gehen?

'Zumindest wird er mich da nicht erwischen', dachte Harry bei sich und schlüpfte durch die große Flügeltür nach draußen. Die Nacht war noch heller erleuchtet als am Tag zuvor. Sterne blinkten am wolkenlosen Himmel. Harry fand problemlos seinen Weg, ging am großen Wasserspeier vorbei und bog dann nach links ab. Zwischen den Mauern huschte er entlang, bis er das kleine Tor auf rechter Hand fand und durch es hindurch weiter lief. Dieser Weg führte zu Hagrids Hütte - und zum Verbotenen Wald.

 

Der Weg schlängelte sich wie ein Graben zwischen steilen Hängen hindurch. Zu beiden Seiten wuchsen Bäume und hier konnte man ihn von Hogwarts aus nicht mehr sehen. Harry stieg den rechten Hang hinauf und wanderte ein Stück in das Waldstück hinein. Dann befreite er sich von seinem Umhang, faltete ihn sorgfältig zusammen und verbarg ihn in einer Astgabel nah am Stamm. Er würde diesen Ort immer wieder finden. Der Baum wuchs sehr schief, man konnte aber prima darauf klettern. Sie hatten einige Male ein kleines Picknick mit Hagrid hier veranstaltet, wenn sie frei gehabt hatten.

Harry kniete sich ins Gras und strich mit den Händen durch die feuchten Halme. 'Ein Pferd', dachte er. 'Wieso ausgerechnet ein Pferd?'

Er starrte aus dem Waldstück hinaus auf die großen Wiesen. So viel Platz war dort. Und er stellte sich vor, wie der schwarze Hengst darüber galoppierte, frei und schnell wie der Wind, mit weit ausgreifenden Sprüngen und wehendem Schweif. Das Bild vor seinen Augen wurde klarer, je mehr Details ihm einfielen. Der Wind, die bebenden Nüstern, das Trommeln der Hufe... Und er spürte, wie sich das Gras unter ihm veränderte.

Er sah an sich hinab. Nicht das Gras hatte sich verändert, sondern seine Hände. Er blickte auf Hufe an kräftigen schwarzen Beinen. Er drehte den Kopf, starrte auf den ausladenden schwarzen Rücken, den schlagenden Schweif und die bebende Hinterhand.

Verdammt, es funktionierte wirklich. Er konnte sich in ein Tier verwandeln!

Harry ging einige prüfende Schritte nach vorn, den Kopf etwas hängen lassend, aber die Ohren gespitzt. Er konzentrierte sich auf die so fremdartige und doch vertraute Bewegung in diesem so fremdartig und doch vertrauten Körper. Langsame Schritte, verspieltes Tänzeln auf der Lichtung, leichter Trab aus dem Waldstück hinaus auf die Wiesen. Ein leichter Wind strich um ihn und zupfte an Mähne und Schweif. Harry spürte, wie hochsensibel seine Sinne waren, wie er automatisch die Gegend im Auge behielt, die Ohren mit dem Wind drehte und die Nüstern jeden Duft der Nacht aufsogen. Er spürte, wie präzise und federnd die Muskeln arbeiteten, welche Kraft hinter jedem Schritt steckte, den er tat. Es war ein merkwürdiges, aber berauschendes Gefühl und er konnte nicht wiederstehen, sein Tempo zu erhöhen. Zu rennen, jetzt im hellen Mondlicht.

Wie ein schwarzer Schatten flog er über die Wiese, die Hufe trommelten dumpf auf das feuchte Gras und den darunter liegenden Humus. Der Wind, der an ihm zerrte, wurde stärker, doch war er ihm kein Hindernis, sondern ein Freund. Er erreichte das Ende der Wiese, schlug einen Haken und stürmte am Rand des Verbotenen Waldes entlang zurück, realisierend, wie schnell er war und dass eine solche Geschwindigkeit und Ausdauer für einen Menschen undenkbar war. Er fühlte keine Ermüdung und Atemnot, sondern Stärke, Stolz und Freude am Rennen. Die Nachtluft war kühl und zehrte seinen Körper nicht aus. Und es war niemand hier. Er war allein. Ganz allein und er konnte es genießen, zu rennen.

Auf dem Rückweg zum Waldstück verlangsamte er das Tempo, verfiel in einen leichten Trab und schließlich zurück in den Schritt. Und seine neue Fähigkeit machte ihm plötzlich keine Angst mehr. Anfangs war sie ihm bedrohlich erschienen. Harry streifte dieses Gefühl endgültig von sich ab und blieb stehen. Er schloss mit einem leichten Schnauben die Augen und vor seinem inneren Auge war er wieder Harry, der im Gras saß und in den Nachthimmel starrte. Er spürte, wie er schrumpfte und die Hinterbeine ihren Stand aufgaben, um auf dem Boden zum Liegen zu kommen. Harry drehte den Kopf und sah wieder seine normalen Beine, in einem Pyjama steckend.

Es funktionierte. Es funktionierte alles reibungslos. Er war ein Animagus.

 

Fassungslos und zufrieden zugleich zog Harry den Tarnumhang aus der Astgabel hervor und kehrte zum Schloss zurück. Plötzlich fühlte er sich müde und war sicher, nun doch mehr als gut schlafen zu können. Über wie Wege gelangte er zurück zum Haupteingang und öffnete die Flügeltür.

Snape starrte ihm von der Mitte der Halle aus entgegen. Er hatte ein aufgeschlagenes, dickes Buch in den Händen und schien gerade während dem Gehen darin geblättert zu haben. Nun stand er wie versteinert da und durchbohrte die Luft mit Blicken.

Harry stockte der Atem. Und er tat das Einzige, was im einfiel - er riss die Tür weit auf und ließ sie gegen die Außenmauer schlagen, wie unter einem kräftigen Windstoß. Dabei schlüpfte er hastig und den Lärm der Tür ausnutzend in die Halle und drückte sich in eine Nische zwischen der Wand und einer Säule.

Snape hatte das Buch fallen gelassen und war zur Flügeltür gestürmt. Er packte den Griff und riss die Tür zurück, spähte dahinter. "Wer ist da?", bellte er und suchte die nahen Ländereien ab, die Wege, die Wiesen und die Sträucher, hinter denen man sich verstecken konnte. Doch er konnte niemanden sehen. Die Ländereien waren menschenleer.

Harry fragte sich, ob Snape noch blasser war, als sonst. Oder ob es am fahlen Mondlicht lag. Dem Professor schien es alles andere als wohl zu sein. Langsam zog er die Tür wieder zu und ließ sie ins Schloss fallen. Dann verharrte er noch eine Weile, angestrengt lauschend, bis er leise schnaubte, zu seinem Buch zurückkehrte und es vom Boden aufhob. Einige Seiten darin waren vom unsanften Fall zerfleddert und er begann zu fluchen. Hektisch blätternd und Seiten glatt streichend verschwand Snape wieder im Kerker. Harry wartete, bis er ganz sicher sein konnte, außer Hörweite zu sein.

Mit fliegendem Atem hastete er die Treppe hinauf, ignorierte Mrs. Norris, die auf dem Korridor entlang schlich und in seine Richtung starrte, und kehrte in den Gemeinschaftsraum zurück.

Hinter geschlossenem Porträtloch blieb er stehen und schloss die Augen.

Er war ein Animagus. Aber wie war das möglich? Das Lernen dieser Verwandlungskunst nahm viel Zeit und Anstrengung in Kauf, das wusste er von Lupin und Sirius. Aber er, Harry, hatte sie niemals erlernt. Nicht einmal daran gedacht hatte er bisher.

Es musste eine Erklärung geben. Und vielleicht, so überlegte er, würde er in der Bibliothek Glück haben. Gähnend kehrte er in das Jungenschlafzimmer zurück und fiel auf sein Bett. Er musste sich trotz allem, was ihm durch den Kopf schwirrte, nicht dazu zwingen, einzuschlafen. Die Müdigkeit dieser und der vergangenen Nacht übermannte ihn und er schlief augenblicklich ein.

 

***
 

"Verwandlungen von Tieren", "Wussten Sie schon, wie bequem Ihre Katze sein kann?", "Tausendundein Zaubersprüche für unsere vierbeinigen Freunde", ...

Harrys Zeigefinger strich suchend über die Buchrücken. Sofort nach Beendigung des Unterrichtes war er in die Bibliothek marschiert, bevor diese sich mit Schülern hatte füllen können, die nach Sekundärliteratur für ihre Hausaufgaben und Aufsätze suchten. - Halt, da war doch etwas!

"Das Tier in dir - Aus dem Leben eines Animagus" von Lunati C. Shewolf.

Harry zog das Buch aus dem Regal und starrte es an. Vor einigen Tagen noch hatte er sich amüsiert über die Vorstellung, sich in ein Tier verwandeln zu können.

Bevor er mit dem Buch zu Mrs. Pince ging, zog er zwei weitere Bände zum Thema Verwandlungen aus dem Regal. Er hatte Angst, sich und sein neues Geheimnis zu verraten, würde er allein das Animagus-Buch ausleihen. Mit dem Literaturstapel unter dem Arm ging er hinüber zu der Bibliothekarin, die ihn streng musterte, den Zustand der Bücher überprüfte - selbstredend nicht, ohne ihm dabei zu drohen, dass sie ihm die schlimmsten Flüche auferlegen würde, sollte sie bei seiner Rückgabe Eselsohren oder Kürbissaftflecken finden - und händigte sie ihm schließlich aus. Erleichtert, wohl kein Aufsehen mit seiner Wahl erregt zu haben, verließ Harry die Bücherei und eilte den Korridor entlang, der zum Gryffindor-Turm führte. Die meisten Schüler waren heute wohl draußen, um das schöne Wetter zu genießen, und im Gemeinschaftsraum fand Harry lediglich Hermine vor, die über ihrem Aufsatz für Astronomie brütete und geistesabwesend über Krummbeins Rückenfell strich. Als Harry durch das Porträtloch in den Raum trat, blickte sie auf.

"Du bist nicht draußen, Harry?", wunderte sie sich.

Er schüttelte den Kopf. "Nein, äh... Ich wollte die Zeit nutzen, um etwas nachzulesen."

Fast hatte er ein erstauntes Gesicht von ihr erwartet, aber sie nickte nur sichtlich zufrieden. "Gute Idee. Solange alle anderen draußen sind und niemand stört... Setz dich doch zu mir."

Harry überlegte, wie schnell Hermine merken würde, dass er nichts wirklich Unterrichtsrelevantes las und nachfragen würde, wieso er sich ausgerechnet für Animagie interessierte. Im nächsten Moment schalt er sich für seine Befürchtungen, schließlich war sie seine Freundin. Und vielleicht konnte sie ihm auch dabei helfen, das Geheimnis um seine unerklärliche Verwandlung zu lüften, die Harry immer noch wie ein Traum erschien.

Er ließ sich in den Sessel neben ihr sinken und legte die oberen Bücher über einfache Verwandlungsformen und -sprüche zur Seite. Hermine war bereits wieder mit ihrem Aufsatz beschäftigt, als er "Das Tier in dir" aufschlug. Suchend durchstöberte er das Inhaltsverzeichnis, bis er an dem Kapitel 'Animagus von Geburt / Animagus durch Lernen und Trainieren spezieller Fähigkeiten' hängen blieb. Mit fliegenden Fingern schlug er die entsprechende Seite auf und begann zu lesen.

"Es kommt nicht selten vor, dass sich unter der Nachkommenschaft eines Animagus ein Kind findet, dem die Fähigkeit zur Verwandlung in ein Tier praktisch in die Wiege gelegt ist. Die Fähigkeit, Tiergestalt anzunehmen, ist nachweislich erblich."

Harry hielt inne und runzelte die Stirn. Er wusste, dass sein Vater ein Animagus gewesen war. Sollte das tatsächlich bedeuten...?

"In der Regel zeigt sich in der Pubertät, ob ein Zauberer oder eine Hexe die Fähigkeiten eines Animagus besitzt. Zuweilen weiß der Begabte gar nichts von den Kräften, die tief in seinem Inneren schlummern - bis er sie am eigenen Leibe durch eine plötzliche Verwandlung erfährt. Eine solche kann auch einer Gefahrensituation resultieren, in der sich das für den Befähigten bestimmte Tier zum ersten Male deutlich vor seinem Auge zeigt, bevor der Animagus in dessen Körper schlüpft."

'Ich habe nicht geträumt', dachte Harry und schluckte. Es war tatsächlich möglich. Und hier stand es genau so beschrieben, wie es in der letzten Nacht und dem Tag zuvor mit ihm geschehen war...

Eine Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. "Ein Animagus kann sich rein theoretisch in jedes Tier verwandeln, ausgenommen sind Einhörner, Phönixe, Harpyien, Mantikore und Drachen. Diese Wesen sind selbst zu magisch und somit unantastbar... - Harry, ich fasse es nicht. Du bereitest dich für das neue Thema in Verwandlungen vor?"

"Das ist das neue Thema?", fragte er perplex.

Hermine nickte. "Natürlich. Das hat uns McGonagall doch das letzte Mal angekündigt..." Sie runzelte die Stirn. "Wenn du es nicht für den Unterricht liest, wofür dann?"

"Äh..." Harry begann zu drucksen. Ihr Blick schien ihn zu durchbohren und es war schier unmöglich, ihr jetzt noch eine Lüge aufzutischen. Also ergab er sich. "Hermine... ich würde dir gerne etwas zeigen..." Er blickte sich abschätzend im Gemeinschaftsraum um. Noch immer waren sie die einzigen Schüler im Gryffindor-Turm. "Aber du darfst niemandem davon erzählen... ja?"

Sie blickte ihn noch immer forschend an, nickte dann aber. "Okay..."

Harry stand von seinem Sessel auf und trat in die Mitte des Raumes, wo am meisten Platz war und er sicher sein konnte, bei der Verwandlung nirgendwo anzustoßen. "Und bitte sei ganz, ganz leise", fügte er hinzu, bevor er die Augen schloss.

Ein schwarzes Pferd warf seinen Kopf und die lange, wilde Mähne flatterte im Wind...

Hermine unterdrückte einen Schrei, als er mit den Händen - nun Hufe - auf dem Boden aufkam. Er hatte ganz vergessen, sich zuvor hinzuknien, stellte aber fest, dass die Verwandlung auch im Stehen recht gut zu bewerkstelligen war.

"Du meine Güte, Harry!" Hermine sprang auf und riss dabei ihr Astronomiebuch vom Tisch. Es purzelte auf die Sessellehne und vertrieb Krummbein, der eben noch an diesem Platz gesessen hatte und nun mit aufgestelltem Nackenfell das Weite suchte. Hermine starrte das Pferd vor sich mit offenem Mund an. "Das ist ja..." Sie schüttelte fassungslos den Kopf und streckte die Hand aus. Harrys stupste mit seinen Nüstern in ihre Handfläche und prustete sanft hinein. Sie strich über sein Fell und zupfte an seiner Mähne. "Unglaublich!", murmelte sie.

"Unglaublich, dass ich bei dir noch Haare auf dem Kopf habe", grinste sie Harry an.

Erschrocken ließ sie sein Haar los. Er hatte sich so schnell zurückverwandelt, dass sie es kaum bemerkt hatte, und stand nun wieder in normaler Gestalt und breit grinsend vor ihr.

"Warum hast du nie gesagt, dass du ein Animagus bist?", verlangte sie zu wissen.

Harry zuckte mit den Schultern. "Ich weiß es auch erst seit einem knappen Tag... und habe es nicht wirklich glauben wollen."

"Wie kannst du es erst seit einem Tag wissen?" Hermine verschränkte die Arme vor der Brust und Harry hielt ihr das Buch vor die Nase. "Weil ich diesmal etwas zuerst gelesen habe - vor dir. Man kann diese Fähigkeit nicht nur erlernen... Man kann sie auch erben."

Hermine blickte erst ihn an, dann das Buch. Sie nahm es ihm aus der Hand, setzte sich und begann zu lesen. Dabei wanderte ihr Blick immer wieder von dem erklärenden Text zu Harry und wieder zurück. Hier und da schüttelte sie den Kopf. "Das ist Wahnsinn, Harry...", brachte sie schließlich hervor. "Das ist schlichtweg Wahnsinn."

Der Astronomieaufsatz war vergessen. Den ganzen Nachmittag saßen sie nun über dem Buch 'Das Tier in dir'. Harry bezweifelte, jemals zuvor so gewissenhaft gelesen zu haben. In der Großen Halle war längst das Abendessen vorbei und die ersten Schüler kehrten in die Gemeinschaftsräume zurück. Ron und Seamus fanden Harry und Hermine tief schlafend über Büchern wieder.

"Ich hätte wirklich vermutet, dass die Beiden an einem so schönen Tag wie diesem Besseres zu tun haben, als zu lernen", murmelte Ron.

Seamus neben ihm verzog das Gesicht zu einem leicht spöttischen Grinsen. "Nun, wenn ich mir das so ansehe, werde ich mir sicher nicht so schnell eine Freundin anschaffen. Schaut so aus, als könnten sie einen dazu zwingen, das zu tun, was sie wollen und als wichtig empfinden. Und nur das." Er deutete auf das aufgeschlagene Buch und die Seiten von Notizen, über denen Harry eingenickt war. "Zumindest habe ich Harry zuvor noch nie freiwillig so viel schreiben sehen. Er wird sicher Genickstarre haben, wenn er nachher aufwacht..." Damit machte sich Seamus auf den Weg zu den Schlafräumen. Ron verhaarte kurz und spitzte zwischen den Händen seines Freundes hindurch auf die sichtbaren Notizen. "Verwandlungen", stöhnte er. "Ich fass es nicht, er hat wirklich gelernt... Ich wette, er hat Fieber!"

Kopfschüttelnd folgte er Seamus.

 

***
 

Den Mittwochabend nutzten sie für ein Quidditch-Training. Harry ging mit Ginny als einer der letzten zum Feld. Auf halbem Weg stießen sie auf einige Slytherins, die wohl gerade vor ihnen trainiert hatten. Violetta Ziob winkte ihnen im Vorbeigehen zu. Sie war das einzige Mädchen im Slytherin-Team und Jägerin. Harry und Ginny winkten zurück.

Sie traten gerade durch das Tor zum Stadion, als ihnen Malfoy entgegen kam. Er grinste sie breit und hämisch an. "Ah, Potter, kannst du dich nicht entscheiden und gehst fremd?" Dabei nickte er auf Ginny. "Darüber wird sich dein Schlammblut Granger sicherlich nicht grade freuen."

Harry starrte Malfoy an und drückte Ginny seinen Besen in die Hand. "Geh schon mal vor", befahl er barsch und ging schon auf Draco los. "Ich komm gleich nach."

"Aber Harry, du wirst doch nicht...", begann Ginny, aber bevor sie hatte aussprechen können, hatte dieser schon seine Faust in Malfoys Gesicht katapultiert, und der Mannschaftskapitän der Slytherin taumelte überrascht von diesem Schlag zurück. Unsanft prallte er gegen das Eisentor und hielt sich die blutige Nase.

"Spinnst du jetzt vollkommen, Potter?", brüllte er los. "Wie kannst du es wagen, mich..."

Harry packte ihn wütend am Kragen seines Umhangs und hielt Draco gegen das Metall gepresst. Noch immer kochend vor Zorn starrte er ihn an. "Ich schwöre dir, wenn ich das Wort 'Schlammblut' und Hermines Namen noch einmal im gleichen Atemzug von dir höre, dann breche ich dir jeden einzelnen..."

"Harry!", schnappte Ginny erneut. "Lass ihn los!"

"Den Teufel werd ich tun!", gab Harry zwischen zusammengebissenen Zähnen zurück. "Wo ja seine Babysitter gerade nicht da sind, um ihn zu beschützen..."

Malfoy starrte kalt zurück. "Das werden sie nachher aber sein, und dann wirst du dir wünschen, mich niemals auch nur angerührt zu haben!"

"Bist du wirklich zu feige, deine Angelegenheiten alleine zu klären? Scheinbar ja." Harry ließ los und musterte Draco voller Verachtung. "Ein verdammter Feigling."

Er wandte ihm den Rücken zu und für einen Moment machte Malfoy Anstalten, Harry anzuspringen und seinerseits zu verprügeln, so sehr bebte er vor Zorn.

"Niemand nennt mich einen Feigling, Potter!", brüllte er ihn an. "Niemand!"

Inzwischen war der Rest des Gryffindor-Teams vom dem Geschrei aufgeschreckt herangeeilt und betrachtete fassungslos die sich ihnen darbietende Szene. Malfoy, rot vor Zorn, hielt sich die Hand vor die heftig blutende Nase, während er mit seinen Blicken Harry schier erdolchte. Der wiederum hatte ihm grimmig den Rücken zugekehrt, Ginny seinen Besen aus der Hand genommen und drängelte sich nun durch die Gruppe seiner Mitspieler hindurch zum Feld hindurch. Ein einziges falsches Wort hätte jetzt gereicht, um ihn erneut ausrasten zu lassen - und seinem Gesichtsausdruck nach war das jedem seiner Teammitglieder klar, die lieber zur Seite traten. Etwas unsicher blickten sie zwischen ihrem Kapitän und dem der Slytherins hin und her, der sich jetzt mit einem letzten unheilvollen Blick umwandte und davon stürmte.

"Glückwunsch, Harry", bemerkte Ron mit einem breiten Grinsen, als er auf die Schulter seines Freundes klopfte, der ihn nur grimmig anstarrte.

"Glückwunsch wofür?"

Ron grinste noch breiter. "Dafür, dass du Malfoy zum zweiten Mal eins auf die F..."

"Ron!", schnappte Ginny und starrte ihren Bruder tadelnd an. "Das ist nicht witzig! Es ist nicht gut, wenn sich die Mannschaftskapitäne untereinander prügeln. Wir sollen Quidditch spielen - und keine persönlichem Kriege austragen." Ihr Blick wanderte zu Harry, der nur abfällig schnaubte.

"Ihr wisst genau, dass ich nicht der Typ bin, der Malfoy absichtlich vom Besen schubsen wird im Spiel, bloß weil ich ihn verabscheue."

"Stimmt", erwiderte Ginny. "Aber er ist dieser Typ. Und du bist als Sucher zu wichtig für die Mannschaft. Also zieh nicht noch mehr Hass von diesem Schleimklumpen auf dich."

"Das ist leider unmöglich, Ginny", lächelte Harry matt. "Ich habe ihn gedemütigt und seinen Vater hinter Gitter gebracht. Es kann gar nicht schlimmer werden, egal wie oft ich ihm eins auf die Nase gebe. Das ist nichts im Vergleich..."

"Dennoch musst du es nicht ständig tun!", versuchte es Ginny erneut.

Ron lachte los. "Ständig? Tut er doch gar nicht. Obwohl, es würde mir gefallen, wenn er es doch tun würde. Ich meine... es ist doch nur Malfoy..."

Seine Schwester unterbrach ihn erneut mit einem empörten "Ron!" und war drauf und dran, ihm ihren Besen um die Ohren zu schlagen. Harry hob beschwichtigend die Hand. "Äh, wie wäre es, wenn wir endlich mit dem Training anfangen würden..?"

 

***
 

Die kurze Prügelei vor dem Quidditchfeld sprach sich schnell herum und natürlich kamen auch die Lehrer Wind davon. McGonagall zitierte Harry mit grimmiger Miene in ihr Büro und er leistete der unmissverständlichen Aufforderung ergeben Folge.

"Setzen Sie sich, Potter", wies sie ihn an.

Harry setzte sich.

"Leider können wir Mr. Malfoys gebrochene Nase als Beweis gelten lassen, denn das kann auch kein Nougat der Weasley-Zwillinge erreichen...", begann sie.

Harry blinzelte. "Gebrochen?", rutschte es ihm heraus. Er bedauerte diesen Umstand allerdings ganz und gar nicht.

Professor McGonagall schien gegen ein leichtes Schmunzeln ankämpfen zu müssen. "Seien Sie versichert, Madam Pomfrey wird diesen Schaden sicherlich zu Mr. Malfoys Zufriedenheit richten können. Dennoch sehe ich mich gezwungen, Sie zu bestrafen, Potter."

"Malfoy hat angefangen", erwiderte Harry trotzig.

Die Hauslehrerin von Gryffindor nickte. "Das weiß ich. Daher wird er auch, sobald er den Krankenflügel verlässt, das Pokalzimmer komplett säubern müssen. Für Sie allerdings habe ich mir eine andere Strafe ausgedacht..." Sie lehnte sich ihn ihrem Stuhl zurück. "Schildern Sie mir bitte auf drei Pergamentrollen zehn wirkliche Gründe, die eine Prügelei mit Mr. Malfoy rechtfertigen würden."

Harry sah sie groß an. Er musste sich verhört haben. "Professor?"

McGonagall faltete die Hände und blickte ihn amüsiert an. "Nun, ich denke, Ihnen wird schon genug zu diesem Thema einfallen. Und wehe, Sie schreiben absichtlich zu groß. - Abgabe der Arbeit morgen früh in meinem Unterricht. Sie können gehen, Potter."

Harry verließ mit einem breiten Grinsen das Büro und überlegte, ob er sich zu Malfoy in das Pokalzimmer setzen sollte, um bestmögliche Inspiration für seine Strafarbeit zu haben, entschied sich dann aber doch vernünftigerweise dagegen.

Später, als Harry ganz und gar nicht unwillig seine Arbeit beendet hatte, teilte ihm Dean unter Kichern mit, dass Malfoy noch immer im Pokalzimmer sei, da er sich weigere, den Quidditch-Pokal zu polieren, den Gryffindor im letzten Jahr gewonnen hatte. Und Filch hatte strikte Anweisung, Draco nicht eher aus dem Raum zu lassen, bis er wirklich jedes Einzelstück geputzt hatte.

Sofern es noch eine Möglichkeit gegeben hatte, Harrys Laune zu bessern, so war es diese Nachricht.

 

 
12. Nachricht von Remus

 

Harry starrte auf den Becher, den Snape vor ihn auf den Tisch stellte.

"Was ist das?", wollte er wissen.

"Trinken Sie", forderte ihn der Professor auf.

Misstrauisch beäugte Harry das Gebräu in dem Becher. Auf den ersten Blick konnte es Tee sein. Allerdings roch er sehr merkwürdig.

"Was ist das?", wiederholte er seine Frage, ohne den Becher auch nur zu berühren.

Snape hob spöttisch eine Augenbraue. "Vertrauen Sie mir nicht, Potter?" Er beugte sich ein Stück vor. "Angst, ich könnte Sie vergiften?"

Harry starrte grimmig zurück. Zutrauen würde er es Snape - allerdings nicht hier, in Hogwarts, wo er Albus Dumbledore unterstand. Er griff nach dem Becher und schnaubte: "Nein, denn das dürfen Sie nicht." Tapfer nippte er von dem Gebräu. Es schmeckte erstaunlich angenehm. Harry erkannte einige Kräuter durch ihren Geschmack. Lavendel, Melisse, Scharfgarbenkraut... und ein fast honigähnlicher, süßer Geschmack, den er aus einer der Zaubertrankstunden kannte. Ekus-Milch. Eine dickflüssige, helle Milch eines nagetierähnlichen Wesens, das dafür bekannt war, den Großteil seines Lebens zu verschlafen.

"Denken Sie?", erkundigte sich Snape mit ruhiger, aalglatter Stimmer. "An dieser Schule passiert viel. Wer sollte es mir nachweisen?"

Harry hätte den Schluck, den er gerade im Mund hatte, am Liebsten wieder ausgespuckt über diese Bemerkung.

"Es bereitet immer wieder Vergnügen, Sie zu reizen, Potter", grinste Snape und lehnte sich abwartend in seinem Stuhl zurück.

"Sie haben mich nicht gereizt, Professor", erwiderte Harry trotzig und stellte den Becher zur Seite. "Sagen Sie mir jetzt, was das hier ist?"

Snape legte die Finger aneinander. "Nun, wieso sollte ich... Sie werden gleich spüren, was dieser Trank bewirkt."

Harry spürte bereits etwas und das war plötzliche, tiefe Erschöpfung. Angestrengt überdachte er die Kräuter und die Milch, die er aus dem Trank herausgeschmeckt hatte und stöhnte auf, als er Snapes Absicht erkannte.

"Der Defatigatio-Trank!", knurrte er. "Das ist unfair!"

Snape lächelte dünn. "Der Defatigatio-Trank, sehr korrekt. Wieso geben Sie mir solch intelligente Antworten niemals in meinem Unterricht, Mr. Potter?"

"Da bin ich zu sehr damit beschäftigt, nicht aufzufallen", giftete Harry zurück und versuchte die Müdigkeit aus seinem Kopf zu vertreiben. Er wusste, dieser Trank veranlasste einen Menschen dazu, sich schlafen zu legen. Er wurde benutzt, um unangenehme Gesprächsteilnehmer bei geheimen Besprechungen loszuwerden - unter anderem. Harry würde also mit Sicherheit bald einschlafen und zuvor würde Snape die Gelegenheit nutzen, in seinen Geist einzudringen. Sicherlich, diese Übung hatte Sinn, dennoch hasste er Snape für diese Hinterlistigkeit.

"So, so", murmelte dieser gerade und griff nach seinem Zauberstab. "Legilimens!"

Ein schwarzes Pferd tauchte aus dem Nebel vor Harrys Augen auf und stieg mit einem wütenden Wiehern. Seine Finger verkrampften sich um die Lehnen seines Stuhles. 'Nein!', flehte er. 'Nein, nicht hier. Nicht vor ihm... nicht vor Snape!'

Er konzentrierte sich darauf, ein Horn auf der Stirn des Pferdes zu sehen. Ein langes, spitzes Horn... Da war es. Und der Schweif war nicht voll, sondern wie der Schwanz einer Kuh mit nur wenig Haar an seinem Ende. Und die Hufe waren gespalten wie die eines Hirsches. Ja, so war es gut, so war es sehr gut. Er konnte so viele Einhörner vor seinem inneren Auge sehen wie er wollte, er konnte sich in keines verwandeln. Etwas entspannter löste er den Griff um die Stuhllehnen. Eigentlich dürfte Snape gar nichts sehen, aber er war zu erschöpft, seine Gedanken aus seinem Geist zu vertreiben. Also konzentrierte er sich auf das dahingaloppierende Einhorn. Nur dieses schwarze Einhorn, sonst nichts... Sonst nichts...

Das Bild wurde schwarz.

 

***
 

Als Harry wieder erwachte, lag er mit den Armen, auf denen er seinen Kopf gebettet hatte, auf dem Schreibtisch. Der Zauberstab, noch immer auf ihn gerichtet, lag unweit auf dem Holz. Doch wo war Snape?

Ein dumpfes Geräusch unweit von ihm erweckte seine Aufmerksamkeit. Harry drehte nur leicht den Kopf und sah einen Durchgang in der Wand, durch den soeben Snape aus einem Harry bisher unbekannten Raum trat. Er war recht dunkel, nur schwach erhellt, aber es waren einige Regale darin zu erkennen, ein Stuhl, ein Tisch und eine Säule inmitten des Raumes, auf der eine steinerne Schale stand. Es war allerdings kein Denkarium, denn das hätte Harry sofort erkannt. Eine grünlich fluoreszierende Flüssigkeit schwamm darin und tauchte die nächste Umgebung in gespensterhaftes Licht.

Ein Bücherregal verschloss nun den Durchgang, kaum dass Snape hindurchgetreten war, und verbarg ihn so perfekt für jedes unwissende Auge.

Harry überlegte erst, sich schnell wieder schlafend zu stellen, aber er war zu wütend auf Snape, um ihm die Gewissheit zu gönnen, nichts von diesem Durchgang und dem Raum dahinter zu wissen. So richtete er sich in seinem Stuhl auf und sah dem Professor mit vor der Brust verschränkten Armen missmutig entgegen.

Snape wirkte tatsächlich etwas unangenehm überrascht und warf einen Blick auf die Uhr. "Schon wach, Potter? Ich hatte mit zehn weiteren Minuten gerechnet... Aber bei einer Landplage wie Ihnen scheint nicht einmal ein Defatigatio-Trank lange genug wirken zu können, um geheim zu halten, was Sie nichts angeht."

Harry überhörte die Beleidigung und gab sich Mühe, gelassen auszusehen. "Wenn Sie keine Lust haben, mir heute Unterricht zu geben, hätten Sie auch einfach absagen können, anstatt mich in einen kurzen Tiefschlaf zu versetzen."

"Dieser Trank gehörte zur Übung", sagte Snape und blickte den Jungen mit kalten Augen an. Harry wusste, dass er mit dieser Bemerkung die ohnehin eng gesteckte Toleranzgrenze des Lehrers übertreten hatte, doch Momentan kümmerte er sich nicht darum. Auch beeindruckte ihn nicht Snapes leicht wütender Zusatz: "Vielleicht tun Sie gut daran, mir zwei Rollen Pergament über die genaue Zusammensetzung und Wirkung des Defatigatio-Trankes zu schreiben."

Statt dessen provozierte Harry weiter. "Soll ich auch herausfinden, wieso der Ihre nicht lang genug gewirkt hat?"

Snapes Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. "Drei Rollen!"

"Meinetwegen", knurrte Harry zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. "Was war das für ein Raum?"

Der Professor blieb neben seinem Stuhl stehen, setzte sich aber nicht. "Vier Rollen", bemerkte er und griff nach seinem Zauberstab.

"Hey, das eben war nur eine ganz normale Frage!", begehrte Harry nun doch auf.

"Aber die Antwort geht Sie nichts an", erwiderte Snape. "Noch eine Frage darüber und es sind fünf Rollen! - Sie können jetzt gehen, Potter. Ein, zwei weitere Stunden noch und dann denke ich, hat sich die Sache endlich erledigt."

Harry brauchte sich nicht sonderlich viel Mühe dabei geben, angesäuert dreinzublicken, als er seine Schultasche vom Boden aufhob und über seine Schulter warf. Hoch erhobenen Hauptes verließ er das Büro.

Nicht einmal Professor Leroux, die ihm au halbem Wege entgegen kam und sichtlich voller Vorfreude auf Snapes Büro zusteuerte, konnte ihm heute kein Lächeln entlocken.

 

***
 

Als Harry kurz darauf missgelaunt über seinem Aufsatz über den Defatigatio-Trank saß, grinste ihn Ron breit an.

"Ich freue mich schon auf das Jahrgangsabschlussbuch. 'Schüler, der die meisten Punkte für Gryffindor verlor: Harry Potter. Schüler, der die meisten Punkte für Gryffindor gewann: Harry Potter. Schüler, der sich am Wenigsten an die Regeln hielt: Harry Potter. Schüler mit den meisten Strafarbeiten: Harry Potter. Schüler, der in diesem Buch am Meisten erwähnt wird: Harry Potter'..."

Harry bewarf seinen Freund mit Pergamentkugeln. "Das ist überhaupt nicht witzig, Ron!"

Hermine zog an seinem Arm. "Hör nicht auf ihn und konzentrier dich gefälligst auf deinen Aufsatz. Du vergisst schon wieder die Hälfte, gib dir doch mehr Mühe!"

"Wozu Mühe geben, das lohnt sich bei Snape nicht." Harry schnaubte. "Der wird die Arbeit ohnehin in der Luft zerreißen und mir ein T reinwürgen oder so was..."

"Harry!", sagte Hermine scharf und er tunkte ergeben seufzend seine Feder in die Tinte.

Hermine sah zufrieden drein, Ginny kicherte hinter vorgehaltenem Buch, Dean und Ron grinsten und Seamus zerriss mit einem Ausdruck des Entsetzens eine Karte eines Mädchens aus Hufflepuff, die ihn gefragt hatte, ob er am Hogsmeade-Wochenende mit ihr ausgehen wolle. "Weiber! Nein, niemals, nicht eins!", schwor er sich und ließ der Karte seine Hausaufgaben für Astrologie folgen.

"Seamus, wie kannst du...?", hob Hermine an, aber er wehrte sofort ab. "Terrorisiere deinen Freund, um mich brauchst du dich bitte, bitte nicht zu kümmern!"

Hermine zuckte mit den Schultern. "Gut, es sind deine Noten..."

Dean grinste noch breiter. "Los, mach deine blöden Hausaufgaben."

Seamus sah ihn böse an. "Du bist wirklich ein guter Freund, ganz zweifellos!"

 

***
 

Freitag war der letzte Tag vor dem langersehnten Hogsmeade-Wochenende. Nach einer ermüdenden Doppelstunde Geschichte der Zauberei und einer unfallslosen Stunde Pflege magischer Geschöpfe bei Hagrid hatten sie wieder einmal Unterricht bei Professor Sesachar. Harry starrte dem Mann feindselig entgegen, als er den Raum betrat. Freitags hatten sie nur Theoriestunden im Hausverband und so wies sie Sesachar an, sich mit einem Kapitel aus "Die dunklen Geheimnisse der Duelliermeister" zu beschäftigen. Mehrere Ausgaben dieses Buches standen in der Kursbibliothek bereit, zusammen mit vielen anderen Büchern, die bei Mrs. Pince sicher sofort in der für Schüler verbotenen Abteilung gelandet wären. Harry beugte sich zusammen mit Hermine über eines der Exemplare, aber auf das Lesen konnte er sich nicht konzentrieren. Er dachte immer wieder an die Tätowierung, die er so deutlich auf Sesachars Arm gesehen hatte.

Sesachar ein Todesser und Silberpelze im Wald. Hagrid hatte Recht. Wer sollte ihm das nur glauben?

Harry brachte später die Verwandlungsbücher, die er sich ausgeliehen hatte, zurück in die Bibliothek. Während Mrs. Pince die Bände sorgfältig auf ihren Zustand überprüfte, sah sich Harry suchend um. Gab es da nicht dieses Buch mit der Geschichte Hogwarts, aus dem Hermine schon in ihrem ersten Schuljahr zitiert hatte? Ob es Karten vom Schloss, Hogsmeade und Umgebung enthielt?

Er fragte Mrs. Pince danach und sie deutete auf ein Regal. "Über Hogsmeade werden Sie darin allerdings wenig finden", meinte sie. "Dazu sollten Sie 'Eine Chronik der ältesten Zauberersiedlungen Britanniens' lesen. Steht fast daneben."

Harry zog benanntes Buch hervor und lieh es sich aus. Vielleicht fand er darin eine brauchbare Karte, auf welcher der Waldweg eingezeichnet war, auf den Sesachar auf seinem Weg nach Hogsmeade so lange gestarrt hatte. Führte er an einen bestimmten Ort? Oder hatte er einfach die Anwesenheit der Silberpelze gespürt? Schließlich waren diese Bestien auch auf diesem Pfad erschienen.

Allerdings kam er nicht dazu, das Buch genauer unter die Lupe zu nehmen, als er in den Gemeinschaftsraum zurückkehrte. Eine Eule saß auf dem Fensterbrett und starrte ihm entgegen. Als er zu ihr kam um zu sehen, ob sie hinein wollte, flatterte sie auf. Harry öffnete das Fenster, die Eule flog in den Raum, ließ einen Brief auf den Sessel neben Harry fallen und flatterte wieder hinaus.

Harry hob den Umschlag auf und starrte darauf. Er war an ihn adressiert. Er riss ihn auf uns las.

 

Harry,

triff mich morgen (meinetwegen mit Hermine und Ron) um halb vier an der Heulenden Hütte.

 

Lupin

 

Remus! Harry starrte die kurze Nachricht an und las sie erneut. An der Heulenden Hütte... Also an einem Ort, an dem sich sicher niemand der Schüler freiwillig aufhalten würde. Remus wollte ungestört mit ihnen reden, wie es schien. Ob es Neuigkeiten vom Orden gab? Oder von Tonks?

 

"Dann wird es wohl nichts mit der Teestube?", grinste Ron ihn kurze Zeit später an, als er ihm und Hermine die Nachricht zeigte.

Harry warf Hermine einen kurzen Blick zu und grinste schief. Sie tat dasselbe.

"Ganz ehrlich, Ron... Auf die Teestube war ich nicht wirklich scharf..." Sie sah erneut zu Harry, der nickte. "Ich auch nicht."

"Aber...", begann Ron. "Da gehen doch alle Paare hin. Zum... Rumknutschen und so."

"Sollen die anderen doch hingehen", knurrte Harry. "Ich habe kein Verlangen danach, mich inmitten diesen Haufen von Turteltauben zu setzen. Das ist so... so...", er suchte nach einem passenden Wort, "... so steif. Und unecht."

Hermine lachte. "So sehe ich es auch. Wenn ich schon einen Tag mit Harry verbringen will, dann sicher nicht in der Teestube, sondern irgendwo allein."

Ron wedelte mit Remus' Nachricht. "Na dann klingt die Heulende Hütte in euren Ohren sicher viel romantischer, was?"

 

***
 

Sie verließen Hogwarts am frühen Samstagnachmittag und machten sich zu Dritt auf den Weg nach Hogsmeade. Die meisten Schüler gingen ins Zonkos, um Scherzartikel zu kaufen, ins Drei Besen oder in die Teestube. Das Einzige, was das Trio reizte, war das Drei Besen, aber dafür würden sie nach dem Treffen mit Remus sicherlich immer noch genug Zeit haben, um dort zusammen ein Butterbier zu trinken.

Sie kauften sich lediglich einige Naschereien im Honigtopf und schlenderten dann zur Heulenden Hütte hinauf. Hier trieb sich keiner ihrer Mitschüler herum.

Es war genau drei Uhr, als Remus hinter einigen Büschen zu ihnen an den Zaun trat. "Ihr seid pünktlich", grinste er sie an. "Hallo, ihr Drei." Er setzte sich zwischen Harry und Ron und warf einen Blick auf die Honigmuffins, die Ron gerade ausgepackt hatte. "Bekomme ich auch eins?"

"Bedienen Sie sich." Ron hielt ihm die Tüte hin und Lupin griff hinein. Aufmerksam musterte er ihre Umgebung, dann wandte er sich an die drei Freunde. "Hört gut zu, am nächsten Wochenende trifft sich der Orden in London. Molly will nicht, dass ihr kommt und versucht auf Dumbledore einzureden, aber..."

"Mum meint immer noch, wir wären zu jung", grummelte Ron, als Harry und Hermine ihn fragend anblickten.

"Das ändert nichts an der Tatsache, dass ihr unter den gegebenen Umständen kommen müsst", erwiderte Lupin. "Ihr seid dem Orden schon vertraut. Und ihr müsst eingeweiht werden, damit ihr euch vorbereiten könnt..."

"Vorbereiten auf was?", fragte Hermine.

Doch Remus winkte ab. "Das erfahrt ihr alle am Samstagabend im Hauptquartier. Nutzt die Halloween-Feier diese Woche dazu, um die Schule zu verlassen. Wir brauchen einen Portschlüssel für euch."

"Und wieso sagt uns Dumbledore das alles nicht selbst?", fragte Harry Stirn runzelnd. "Er bräuchte uns nur ins Büro zu rufen und..."

"Er hat mich darum gebeten." Lupin seufzte. "Er ist vorsichtiger geworden. Viel vorsichtiger... Aber ich muss sagen, es hat mich auch gefreut, dass ich euch die Nachricht überbringen durfte. Obwohl ich mit euch leider nicht in die Drei Besen auf ein Butterbier gehen kann. Es ist besser, wenn mich niemand sieht." Er schluckte den letzten Bissen seines Muffins hinunter. "Halloween-Feier. Viertel vor Zwölf im sechsten Stock, Ostflügel. Ihr geht bis zum Ende des Korridors. Dort findet ihr einen Spiegel zu linker Hand. Geht hindurch. Habt ihr alles verstanden?"

Ron sah ihn groß an. "Durch den Spiegel?"

"Habt ihr mich verstanden?", wiederholte Remus seine Frage, nun eindringlicher.

Harry nickte. "Viertel vor Zwölf im Ostflügel des sechsten Stocks. Zur Halloween-Feier."

"Gut." Lupin nickte zufrieden und stand auf. "Vergesst es nicht. Und seid bitte genauso pünktlich wie heute."

Und im nächsten Augenblick war er verschwunden.

Die drei Freunde wechselten verwirrte Blicke. Wozu diese ganze Geheimnistuerei?

 

***
 

Sie saßen später länger im Drei Besen, als eigentlich eingeplant. Draußen begann es bereits zu dämmern und fast alle anderen Schüler hatten sich auf den Rückweg zum Schloss gemacht.

Harry, Hermine und Ron grübelten noch immer über dem kurzen Gespräch mit Remus und den 'Auftrag', den sie von ihm erhalten hatten.

Schließlich scheuchte sie die Wirtin des Drei Besen hinaus. Die Straßen von Hogsmeade hatten sich sichtlich geleert und das Trio machte sich schweigend auf den Rückweg zum Schloss.

Der Mond war bereits am Himmel zu sehen und im Westen verschwand die Sonne am blutrot glühenden Horizont.

Sie hatten gerade den Trampelpfad, der in den Wald führte, passiert. Harry sah verstohlen darauf, blieb aber nicht stehen. Das Tageslicht schwand nun schnell. Und mit ihm schwanden auch die Geräusche.

Harry runzelte die Stirn. Auch des Nachts war es niemals still...

Hermine blieb plötzlich stehen. "Hört ihr das?", flüsterte sie.

"Was denn?", fragte Ron ohne die Stimme zu senken.

Sie sahen sich um. Nicht ein Vogel zwitscherte. Nicht eine Grille zirpte. Selbst das Rauschen des Windes schien erstorben zu sein.

Plötzlich erinnerte sich Harry an das Gespräch zwischen Sesachar und dem Wirt im Hog's Head.

"Bleib über Nacht, Pit. Geh nicht zurück zum Schloss. Es ist schon ein Glück, dass dir auf dem Weg hierher nichts passiert ist."

"Hat er sie? Gehorchen sie ihm bereits?"

"Du kennst den Dunklen Lord gut genug, Pit. Du weißt, dass es so und nicht anders ist. Also frag nicht."

"Ich kenne den Dunklen Lord gut genug, um zu wissen, dass dieser Ort sehr bald ein Ort des Grauens sein wird. Seine Armee wächst wieder. Und bald wird sie stärker sein als je zuvor...."

Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken.

Die Silberpelze!

"Geht weiter", raunte er. "Geht langsam und leise, aber geht weiter, bevor sie kommen."

Ron sah ihn entgeistert an. "Bevor wer kommt...?"

Ein Knurren, viel zu nah, ließ ihn zusammenfahren. Große, pelzige Gestalten mit einem Fell so silbern wie das Mondlicht traten zwischen den Bäumen hervor. Rote Augen musterten sie voller Gier. Gelbe Speichelfäden tropften von ihren Lefzen auf die Erde.

"Was... was sind das für Viecher?", wimmerte Ron. Er war so bleich wie Schnee.

Hermine krallte sich an Harrys Arm fest. "Egal, was sie sind. Es sind zu viele..."

Harry schloss die Augen. Er sah das schwarze Pferd wieder, sein tierisches Alter Ego, wie es drohend stieg, mit den Hufen nach einem Silberpelz trat, der sich zu nahe an es herangewagt hatte. Er sah...

Ein Schauer durchlief ihn und er fiel auf alle Viere.

"Harry!", schrie Hermine schrill und ließ erschrocken seinen Arm los, der sich unter ihrem Griff verformte. Die Verwandlung ging rasch vonstatten. So schnell, dass kaum eine Sekunde verging, bis kein Harry mehr zwischen ihnen stand, sondern ein schwarzes Pferd mit bebenden Nüstern.

"Ach du heilige...", setzte Ron an, verstummte aber, ungläubig auf den Hengst starrend, der mit wild peitschendem Schweif wenige Schritte auf die Silberpelze zutrat und nervös tänzelte. Im nächsten Augenblick stieg er mit einem dunklen Wiehern auf die Hinterläufe und schlug mit den Vorderhufen nach den vorderen Silberpelzen, die alles nur keinen Angriff erwartet hatten. Ein durchdringendes Jaulen erklang, als einer der durch die Luft trommelnden Hufe die Schulter eines der Bestien zertrümmerte. Wild bellend und knurrend sprangen die Silberpelze auf und ab, noch auf Abstand.

"Los, komm!", rief Hermine und schwang sich auf den Rücken des Pferdes, das nun zurückgewichen war und genau neben ihr stand. Sie streckte Ron fordernd ihre Hand entgegen, doch der stand noch starr und vollkommen überrumpelt da.

Die Silberpelze bellten lauter, das Knurren wurde wieder mutiger - gefährlicher.

"Ron!", schrie ihn Hermine an.

Harry stieß ihm mit dem Kopf in die Seite und schnaubte wütend, so als wolle er sagen, er solle endlich in Bewegung kommen.

Hermine packte Rons Hand und zerrte ihn zu sich auf den Pferderücken. Er saß noch nicht richtig, als die Silberpelze endgültig ihre Deckung verließen und angriffen, und der schwarze Hengst mit einem überraschenden Satz nach vorne losgaloppierte. Ron schrie überrascht auf und wäre beinahe wieder herunter gefallen. Doch Hermine hielt ihn fest.

"Reiß dich doch endlich einmal zusammen!", fuhr sie ihn an, sein blasses Gesicht und seine zitternden Schultern ignorierend.

"Ich hasse Pferde!", winselte Ron und klammerte sich an ihr fest. "Zu groß und zu schnell... ich kann sie nicht ausstehen!"

Sie jagten über die sanft abfallenden Hügel hinweg, fort von Hogsmeade, die Silberpelze noch immer dicht hinter ihnen. Harry kam mit dem ungewohnten Gewicht auf dem Rücken nicht ganz so schnell voran, wie bei seiner ersten Flucht vor wenigen Tagen. Es schmerzte ihn nicht, dass er Hermine und Ron auf dem Rücken trug, doch es war ein sehr ungewöhnliches und nicht allzu angenehmes Gefühl mit dem Wissen, eine Horde Zähne bleckender Silberpelze auf den Fersen zu haben. Zudem musste er auch noch aufpassen, wohin er lief. Galoppierte er unter zu tief hängenden Ästen hindurch, würden ihm seine Freunde vom Rücken geschlagen werden. Riskierte er zu abrupte Ausweichmanöver, würden sie eventuell den Halt verlieren und stürzen. Beides durfte nicht passieren.

So preschte er über den freien Waldweg auf Hogwarts zu, riskierend, kaum Abstand zu den Silberpelzen zu gewinnen, dafür aber Hermine und Ron sicherer zu wissen. Das Schloss tauchte bereits vor ihnen zwischen den Bäumen auf und der Wald lichtete sich. Das letzte Mal hatten die Silberpelze ihre Jagd aufgegeben, als Harry den Wald verlassen hatte. Diesmal blieben sie hartnäckig. Sie folgten ihnen knurrend über die Wiesen, an Hagrids Hütte vorbei und den Pfad zum Schloss hinauf.

"Duck dich, Ron!", schrie Hermine, als sie den Torbogen näher kommen auf und warf sich über den Pferdehals. Mit ungemindertem Tempo galoppierten sie durch ihn hindurch und befanden sich nun auf dem Kiesweg, der zum großen Wasserspeier führte. Harry schoss rechts an ihm vorbei, auf das Eingangsportal des Schlosses zu. Noch immer hörten sie das Knurren und Kläffen der Silberpelze hinter sich.

Harry bremste vor der Treppe ab, und das so heftig, dass Ron nun letztendlich doch von seinem Rücken ins Gras purzelte.

"Was ist passiert?"

Hermine, die sich gerade etwas eleganter als zuvor Ron vom Pferderücken gleiten ließ, sah auf. Professor Dumbledore, dicht gefolgt von Professor Snape, kam die Stufen zu ihnen hinuntergelaufen. Sie sahen so aus, als hätten sie sich beeilt.

Die Silberpelze waren in knapp zehn Metern Entfernung stehen geblieben und sprangen drohend knurrend und keifend herum, so als würden sie allesamt unter der Tollwut leiden.

Snape rauschte mit gezückten Zauberstab an Hermine vorbei, die Ron vom Boden aufhalf, und fixierte die Tiere. "Torpeto!", bellte er.

Von einer Sekunde auf die nächste herrschte Stille. Die Silberpelze hatten aufgehört zu lärmen. Sie hatten sogar aufgehört, sich zu bewegen. Wie Statuen standen sie da, erstarrt in ihren Bewegungen - einer nur auf den Hinterpfoten stehend, der nächste mit weit geöffnetem Kiefer, der dritte halb geduckt am Boden...

Snape sah zufrieden aus - so lange, bis ein Pferdehuf mehr oder weniger versehentlich auf seinem linken Fuß zum Stehen kam. Er schrie auf und das Pferd tänzelte nervös wiehernd zur Seite, so als habe es sich vor seinem Geschrei erschreckt. Hermine erkannte allerdings deutlich den Schalk in seinen Augen und warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.

"Schwarzes Biest!", zischte Snape, auf einem Bein stehend. Er schien nicht abgeneigt, seinen Zauberstab auch auf den Hengst zu richten.

"Er hat uns gerettet", warf Hermine hastig ein. "Zu Fuß wären wir nie entkommen."

Dumbledore streckte die Hand aus und klopfte dem Hengst den Hals. Dabei blickte er ihm prüfend in die Augen. Ein Lächeln kräuselte sich um seine Lippen. "Ein sehr tapferes Tier also", sagte er. "Severus, würden Sie Professor Leroux verständigen? Sie soll unverzüglich herkommen."

Snape warf einen letzten Blick auf das nun vollkommen ruhige Pferd und humpelte grimmig die Stufen zum Schloss hinauf. "Sehr wohl, Professor", knurrte er und schlug die Tür des Eingangsportals hinter sich zu.

"Ich denke, unser schwarzer Freund hier sollte so tun, als würde er wieder zu dem Stall zurücklaufen, aus dem er ausgebüxt ist, um sich an einem sichtgeschützten Ort wieder in seine alte Gestalt zurückverwandeln. Ich befürchte, hier könnte zu viel Publikum an irgendwelchen Fenstern stehen. Und mehr Aufsehen als nötig ist das Letzte, was wir gebrauchen können. - Aber vielleicht kommt er auf seinem Weg bei Hagrid vorbei und teilt ihm mit, dass er herkommen soll..." Damit klopfte er dem Pferd auf die Hinterhand, das sich gehorsam in Bewegung setzte und bald hinter der Biegung verschwand.

"Sie wissen Bescheid, Professor Dumbledore?", fragte Hermine überrascht.

Der Schulleiter lachte leise. "Nun, zumindest habe ich noch nie zuvor ein Pferd mit grünen Augen und euch beide ohne Harry gesehen." Er strich sich nachdenklich durch den Bart. "Silberpelze... Das ist nicht gut. Das ist alles andere als gut." Er blickte auf die versteinerten Bestien.

"Ich dachte, die wären ausgestorben!", schnappte Ron, der sich als Einziger noch nicht gefasst hatte.

Professor Dumbledore nickte. "Das dachte ich bisher auch. Scheinbar haben wir uns geirrt. Ich werde schnellstmöglichst einen Brief an Minister Fudge aufsetzen müssen. Er muss davon erfahren... Diese Tiere stellen eine große Gefahr für Hogwarts dar. - Wo seid ihr ihnen begegnet?"

"Kurz hinter Hogsmeade", berichtete Hermine. "Sie kamen aus dem Wald."

Dumbledore seufzte. "Nein, das ist wirklich nicht gut..."

Das Eingangsportal öffnete sich und Professor Leroux stürmte die Treppe zu ihnen hinunter. Fassungslos starrte sie auf die Silberpelze. "Und ich dachte, er wolle mich auf den Arm nehmen!", sagte sie.

 

Hagrid bog nun in den Kiesweg zum Schloss ein, Harry ging neben ihm. Hermine wie Dumbledore grinsten, Ron schüttelte nur ungläubig den Kopf.

"Ich raff's nicht", murmelte er.

"Ich auch nicht!", meinte Professor Leroux, die eines der versteinerten Lebewesen untersuchte. "Es sind tatsächlich Silberpelze. - Professor Dumbledore, Sie müssen unverzüglich das Ministerium für..."

"Das wollte ich gerade tun, Améthyste", sagte Dumbledore ruhig. "Hagrid, schaff diese Tiere so schnell wie möglich vom Schulgelände. Wir werden einige große, eisenbeschlagene Kisten brauchen. Sie sollen dem Ministerium unverzüglich überstellt werden. Beeil dich, Hagrid, der Zauber wird nicht mehr lange anhalten. - Professor Leroux, gehen Sie mit ihm und erneuern Sie den Zauber, sollte es von Nöten sein. - Und ihr...", damit wandte er sich an Harry, Hermine und Ron, "geht unverzüglich in euren Gemeinschaftsraum."

Die Drei nickte und stiegen die Treppe hinauf. Als sie durch die Tür traten, kam ihnen Snape, noch immer humpelnd, entgegen. Irritiert starrte er Harry an, bevor er zu Professor Dumbledore zurückkehrte.

"Wo ist das Pferd hin?", fragte er, als er bemerkte, dass der schwarze Hengst verschwunden war.

Dumbledore faltete die Hände hinter dem Rücken und sagte, nicht ohne zu lächeln: "Oh, ich bin überzeugt, er ist auf dem Weg nach Hause."

 
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