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In der nächsten Woche fand das erste Quidditchspiel statt. Hufflepuff trat gegen Slytherin an. Harry und Ron beobachteten aufmerksam die Strategien der beiden Teams. Slytherin wirkte unfairer als je zuvor. Einen Kommentar in diese Richtung konnte sich auch Roald Saint-Paul, der neue Kommentator der Quidditchspiele, nicht verkneifen. Professor McGonagall verzichtete darauf, ihn deswegen zurechtzuweisen. "Na, so ein schweres Foul war das auch wieder nicht", winkte Professor Leroux ab, die es irgendwie geschafft hatte, sich zwischen Snape und Sprout zu quetschen. Doch der Hauslehrer Slytherins schwieg und starrte weiter auf das Spielfeld. Hermine beobachtete grinsend die Szene und stupste Harry in die Seite. Er blickte in die ihm gewiesene Richtung auf Snape und Leroux. Améthyste lockerte den Umhang, den sie über ihr Gewand gezogen hatte. Dabei war es heute sehr kühl. Harry fiel es schwer, sich ein Lachen zu verkneifen. "Bald hat sie wirklich alle Register gezogen." Slytherin schlug Hufflepuff - allerdings auf sehr unfaire Weise. Harry war kaum nachgekommen, all die Fouls zu zählen, die sie begangen hatten. Und dabei waren fast alle Fouls von allein drei Spielern gekommen. Die restlichen vier, unter ihnen auch Violetta Ziob, waren recht fair vorgegangen. Ron grummelte. "Eigentlich sollte man ihren Sieg für nichtig erklären", beschwerte er sich, als er den niedergeschlagenen Ernie mit seiner Mannschaft aus dem Stadion gehen sah. "Sie waren so unfair..." Doch Harry fuhr sich grübelnd über das Kinn. "Die Mannschaft ist gespalten... Sie haben nicht harmoniert. Und hätte Malfoy nicht den Schnatz gefangen, hätten sie auch nicht gewonnen." Ron grinste säuerlich. "Dann sieh verdammt noch mal zu, dass du ihn vor dieser kleinen blonden Ratte fängst!"
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Die Halloween-Feier fand am Samstag statt. Am Abend fanden sie die Große Halle voll geschmückt wie jedes Jahr an diesem Tag vor. Harry, Hermine und Ron aßen und tranken mit den anderen mit, behielten aber immer wieder die Uhr im Auge. Kurz nach elf begannen sie, sich so unauffällig wie möglich aus der Halle zurückzuziehen. In der fröhlichen, lauten Stimmung bemerkte es tatsächlich niemand. Sie hatten noch mehr als genug Zeit, aber falls ihnen die sich ständig bewegenden Treppen nicht gesonnen sein sollten, wollten sie lieber einen kleinen Vorsprung haben. Ohne große Probleme kamen sie bis in den dritten Stock. Dort allerdings streunerte Filch herum. Peeves lärmte mal wieder im Pokalzimmer, zumindest erschallte daraus krachendes Scheppern. Wütend und fluchend wetzte Filch los und das Trio stieg eilig die nächste Treppe hinauf. Es war fünf nach halb zwölf, als sie das sechste Stockwerk erreichten. Der Korridor hier war sehr breit, fast schon wirkte er wie eine kleine Halle. Links von ihnen erhoben sich die Zwillingssäulen. Harry erinnerte sich an einen Vermerk auf der Karte des Herumtreibers, dass sich zu bestimmten Tagen ein geheimer Raum zwischen diesen Säulen öffnete. Als sich der Korridor verzweigte, wandten sie sich nach rechts, in den Ostflügel. In diesem Stockwerk kannte sich niemand der Drei sehr gut aus. Sie wussten nur, dass sich hier die Aufenthalts- und Privaträume der Lehrkräfte befanden. Nach wenigen Minuten erreichten sie das Ende des Korridors. Es erschien wie ein totes Ende. Nichts als kahle Wände... und zu linker Hand ein überdimensionaler Spiegel, der sich vom Boden bis zur Decke hinaufzog. Harry blickte auf seine Armbanduhr. "Elf Uhr dreiundvierzig." Ron musterte den Spiegel und legte seine Hand gegen das Glas. "Wie sollen wir da bitte durchkommen?" Hermine grübelte. "Wenn Lupin sagt, wir sollen durch ihn hindurchgehen, muss es auch funktionieren." "Noch eine Minute", vermeldete Harry. Ron tastete weiter über den Spiegel. "Aber das tut es nicht. Das ist ein stinknormaler Spiegel, und durch Spiegel kann man nicht durchgehen." "Es muss einen Weg geben", erwiderte Hermine ärgerlich. "Denk gefälligst nach." "Wieso ich?", knurrte sie Ron an. "Ich bin nicht die Intelligenzbestie hier." Harry sah die Beiden Stirn runzelnd an. "Ähm... denkt ihr wirklich, das ist der rechte Augenblick zum Streiten? - Noch zehn Sekunden." "Ich streite nicht", grummelte Ron. "Ich sage nur, wie es ist: Es ist verdammt noch mal unmöglich, durch diesen blö..." Und schon stolperte er nach vorn, in den plötzlich durchlässigen Spiegel hinein. Harry zuckte grinsend die Schultern und nahm Hermines Hand, um sie mit sich durch das Glas hindurch zu ziehen. "Nun ja, Remus hat auch gesagt, wir sollen pünktlich sein..." "Wenn ich ihn erwische, wird er sich wünschen, sich präzisier ausgedrückt zu haben", sagte Ron missmutig, der nur schwer das Gleichgewicht hatte halten können. Die Drei fanden sich in einem schmalen, langen Raum wieder. Er war vollkommen leer - bis auf einen Wandschrank, aus dem nun Dumbledore trat, gefolgt von Hagrid, Professor McGonagall und Professor Snape. "Ich sehe, ihr habt den Raum gefunden. Sehr schön." Er lächelte ihnen entgegen. Minerva und Hagrid taten es ihm gleich, nur Snape runzelte missbilligend die Stirn. "Halten Sie es für vernünftig, alle drei mitzunehmen, Professor Dumbledore?", zischte er. "Sie wissen ohnehin schon viel zu viel." Dumbledore hob beschwichtigend die Hand und platzierte einen kleinen Wasserspeier auf einen Steinsockel in der Mitte des Raumes. "Ich werde sie nicht ausschließen, Severus. Gerade jetzt nicht. - Seid ihr bereit?" Er blickte Harry, Ron und Hermine an, die nickten. "Gut, dann los." Sie legten ihre Hände auf den Wasserspeier und Dumbledore zählte leise bis drei. Dann spürten sie auch schon das unangenehme Reißen in der Bauchnabelgegend und der Portschlüssel tat seine Arbeit. Sie fanden sich in einer kleinen Gasse wieder. Auf dem verblichenen Schild unweit von ihnen war im Licht der entfernten Laternen der benachbarten Straße deutlich Water Street zu lesen. Als sie sich umwandten, bemerkten sie, dass sie in einer Sackgasse gelandet waren. Sie war menschenleer und dunkel Dumbledore schritt auf ein schäbiges Haus zu, das unweit am Straßenrand stand. Er hatte kaum angeklopft, als ihm auch schon geöffnet wurde. Molly Weasley streckte den Kopf durch die Tür. "Schnell, rein mit euch", kommandierte sie. Im Gänsemarsch drückten sie sich an ihr vorbei in das Innere des Hauses. Hagrid musste sich bücken und hätte sich beinahe den Kopf angestoßen. "Dämliche Muggelhäuser", knurrte er. "Bau'n immer alles für Zwerge." Der Flur war lang und schmal. Rechts führte eine alte Holztreppe in das obere Stockwerk. Links sahen sie zwei geschlossene Türen. Am Ende des Flures schimmerte Licht zu ihnen hinaus. Mrs. Weasley sah grimmig auf Ron, doch bevor sie etwas sagen konnte, kam Kingsley auf sie zu. "Da seid ihr ja alle. Willkommen im Haus von Pirella Pereira de Conceicao!" Er machte eine fröhliche, weit ausladende Geste. "Kommt herein. Die anderen sitzen schon am Tisch bereit." So folgten Kingsley in den erleuchteten Raum. Es schien einmal ein Wohnzimmer gewesen zu sein, doch außer dem Kamin stand nichts mehr darin, als ein großer runder Tisch und zwölf Stühle darum. Remus Lupin, Mad Eye Moody, Mundungus Fletcher und Arthur Weasley waren bereits da. Als sie sich setzen, blickte Kingsley fragend in die Runde. "Albus, wo ist..." "Er konnte nicht kommen", unterbrach ihn Dumbledore. "Es würde zu viel Aufsehen erregen, würde er das Risiko auf sich nehmen." Ron blickte sich suchend nach seinen ältesten Brüdern um. "Wo sind Bill und Charlie?", fragte er verwirrt. "In der Winkelgasse bei den Zwillingen", antwortete sein Vater. "Und Lee Jordan... Und einigen anderen. Sie wissen bereits über alles Bescheid. Wir haben beschlossen, den Orden bei Treffen aufzuspalten. Wegen der...", er zögerte, sprach den Satz dann aber doch zu Ende, "...zur Sicherheit." "Und was is das für'n Haus?", wollte Hagrid wissen, dessen Stuhl unter seiner Größe und seinem Gewicht ächzte. "Es gehörte meiner Tante", erklärte Kingsley. "Sie war ein Squib... und zog das Leben unter Muggeln vor. Ihr Haus war das Beste, was wir haben finden können." "Es wird sicherlich ausreichen", nickte Dumbledore. "Aber vergeuden wir keine Zeit. - Mundungus, du hast Neuigkeiten?" Der nickte und breitete eine Karte auf dem Tisch aus. "Harpyiensichtungen. Sogar einige. Witcombe, Gloucestershire. Mehrere Male über den Catswold Hills. Vor acht Tagen. Und dann..." Sein Finger fuhr über die Karte, "Knighton, Shropshire, vor sechs Tagen. Und vor fünf Tagen hier, in Rugeley, Staffordshire. Vor drei Tagen in Southport und Lanchester." Immer weiter nach Norden strich sein Finger. "Und gestern hier, in Dunoon. Nördlich von Glasgow." Dumbledore seufzte tief. "Er ist unterwegs..." "Auf einem blutigen Pfad", nickte Mundungus. "In der Region aller benannter Orte wurden Leichen gefunden. Ehemalige Gegner... oder abtrünnig gewordene Todesser. Uns liegen vierundzwanzig Namen vor." Harry runzelte die Stirn. Er fragte sich, wieso er nichts von alledem gespürt hatte. Wohl hatte in keinem der Fälle Voldemort selbst getötet, sondern einer seiner dunklen Diener... "Und heute morgen..." Fletcher rollte müde die Karte wieder zusammen, "erreichte uns die Nachricht aus Askaban." Alle Augen richteten sich auf ihn. "Die Dementoren?" fragte McGonagall ahnungsvoll. Mundungus nickte. "So ist es... Es ist niemand mehr dort... Askaban ist leer... Nur die Todesser, die vor Kurzem gefangen wurden, sind entkommen. Alle anderen ehemaligen Insassen... sind tot. Außer den Dementoren gibt es dort nichts mehr. Sehr bald wird es nicht einmal mehr Dementoren auf der Insel geben - denn sie werden beginnen, sich Opfer zu suchen. Und ohne unsere Kontrolle nicht nur in der Zaubererwelt..." "Das wäre eine Katastrophe!", rief Dumbledore. "Sie werden eine weltweite Panik auslösen!" Kingsley blickte düster drein. "An die Konsequenzen will ich gar nicht erst denken. Stellt euch eine Gruppe von Dementoren vor, die sich gerade jetzt durch das Nachtleben Londons fressen könnte..." "Gibt es keine Möglichkeit, die Dementoren zu vernichten, bevor sie sich Voldemort anschließen?", warf Harry ein. Stille. Jeder starrte ihn an und Harry bereute schon, sich eingemischt zu haben, als sich Moody räusperte. "Einen Dementoren zu erledigen ist ein fast unmögliches Unterfangen, Junge", brummte er. "Man kann sie zwar mit einigen unsauberen Zaubern kontrollieren, aber töten..." "Es gibt nur einen Ort, an dem man das kann", sagte Dumbledore. "Und es wird der Kraft vieler großer Zauberer und Hexen bedürfen, sie dorthin zu treiben." "Wohin?", fragte Hermine. "Nach Ginnungagap", knurrte Moody. "Ihrer vermaledeiten Heimat. Ihrem verteufelten Ursprung. Das, was sie hervorgebracht hat. Und das, was sie wieder töten kann." "Was ist dieses Gin... dieser Ort?", sah ihn Harry fragend an, und der Alte lehnte sich in seinem Stuhl zurück. "Die gähnende Leere, Potter. Das Nichts zwischen Feuer und Eis. Er einzige Ort, der unbequemer ist als Askaban in seinen Hochzeiten." "Dann müssen wir sie dorthin treiben!", sagte Harry entschlossen. "So schnell wie möglich. Wenn das Ministerium sie nicht mehr kontrollieren kann und Voldemort am Leben ist... Entweder er reißt die Kontrolle über sie an sich oder die Dementoren suchen sich ohne dirigierende Hand unschuldige Seelen zum Aussaugen." "Damit wirst du leider Recht haben, Harry", seufzte Lupin. "Doch es ist nicht einfach. Wir können sie nicht jetzt zurücktreiben. Es ist alles ein geschickter Schachzug." Auf die fragenden Blick der drei Schüler antwortete zu deren Erstaunen Professor Snape. "Der Dunkle Lord hat die Zaubererwelt in eine Zwickmühle gestoßen. Einerseits gibt es ihn als drohende Gefahr, vor dem man viele unschuldige Seelen zu bewahren versucht. In unserer Welt wie in der der Muggel. Und auf der anderen Seite stehen die Dementoren. Egal, welchem Problem wir uns zuerst zuwenden, das andere wird uns zum Fall bringen. Denn um beides auf einmal können wir uns nicht kümmern." Harry schluckte. "Sie meinen...?" "Wie Mr. Moody schon angemerkt hat - man bräuchte eine sehr große Gruppe ausgezeichneter Magier, um den Dementoren Herr zu werden und sie nach Ginnungagap zu treiben. Und die Reise dorthin ist lang... Eine Reise, während der niemand der Beteiligten die Kontrolle über die Dementoren verlieren dürfte. Was, denken Sie, würde dann geschehen, Mr. Potter, wenn die größten Zauberer unserer Tage einzig und allein damit beschäftigt sind, diesen Abschaum zusammen zu treiben?" "Voldemort hätte freie Bahn", murmelte Harry und seine Stimme kam ihm so fremd vor. "Es wäre niemand mehr da, der ihn aufhalten könnte..." Snape nickte. "So ist es." "Also, was sollen wir tun?", seufzte Mr. Weasley. "Es wird nicht mehr lange dauern, bis es die ersten Opfer in der Muggelwelt gibt." Harry spürte Verzweiflung und zugleich ungeheure Wut in sich aufsteigen. "Ich muss Voldemort finden." Alle, bis auf Dumbledore, Moody und Hermine zuckten zusammen. "Du wirst nicht lange nach ihm suchen müssen", sagte der Schulleiter ruhig, und doch sprach tiefe Besorgnis aus seiner Stimme. "Er wird zu dir kommen. Sehr bald..." "Wieso wird er das?", fragte Harry trotzig, obwohl er die Antwort auf diese Frage bereits kannte. Dumbledore neigte den Kopf. "Weil er dich töten will, bevor du seinen Tod besiegelst." "Albus!", schrie Mrs. Weasley und sprang auf. "Wie kannst du nur..." "Setz dich, Molly." Dumbledore wirkte plötzlich sehr müde. "Es nützt nichts. Er weiß es schon... Er weiß alles." Weiß wie Schnee sank Mrs. Weasley auf ihren Stuhl zurück. "Er weiß es? Aber... Albus, du hast doch nicht...?" Der Angesprochene nickte. "Doch. Das habe ich." Sie war nahe daran, erneut in die Höhe zu fahren und Farbe in Form von Zornesröte kehrte in ihr Gesicht zurück. "Aber er ist verdammt noch mal zu jung! Du kannst ihm doch nicht eine solche Last aufzwingen! Das alles hätte noch einige Jahre warten können und..." "Nein, Molly!" Dumbledore schlug mit der Faust auf den Tisch und Mrs. Weasley verstummte. "Du weißt sehr genau, dass es nicht mehr warten kann! Ich hätte es ihm schon viel früher sagen sollen. Vielleicht wäre dann vieles anders gekommen." Fast jedem schien es unangenehm zu sein, gerade jetzt zu diesem Zeitpunkt in diesem Raum zu sitzen. Doch am Elendsten fühlte sich Harry, der zuhören musste, wie sich andere über ihn stritten. "Äh... von was redet ihr eigentlich, Mum?", wagte Ron zu fragen. Seine Mutter durchbohrte ihn mit Blicken und schien alles andere als gewillt zu antworten. "Von mir", murmelte Harry und wagte es nicht, auch nur irgendjemandem in die Augen zu blicken. Er spürte Hermines Hand, die sich unter dem Tisch tröstend um seine schloss und er schluckte den Kloß im Hals hinunter. "Und davon, dass ich Voldemort töten muss." Ron starrte ihn mit offenem Mund an. "Wieso ausgerechnet du? Das kann doch auch jemand anders..." "Nein", schnappte Harry und im gleichen Moment tat es ihm leid, dass er seinen Freund so angefahren hatte. "Niemand außer mir kann ihn töten. Und keiner außer ihm mich. Und niemand von uns beiden kann leben, solange der andere überlebt. So heißt es." Hermines Griff wurde fester und mit nun wieder fester Stimme sprach er weiter. "Und ich werde nicht sterben, verstehst du? Ich will es nicht. Also muss ich ihn töten. Einen anderen Weg gibt es nicht." Ron sah kläglich drein. "Und das weiß hier jeder außer mir, oder wie?" Er deutete das Schweigen als 'ja' und seufzte. "Ich glaub, mir wird schlecht..." Harry raufte sich die Haare. "Und ich weiß nicht, wie ich ihn töten soll. Mein Zauberstab wirkt nicht gegen seinen, seiner nicht gegen meinen. Nicht so, wie es normalerweise wirken sollte. Ich kann nicht den Todesfluch benutzen und..." Hermine sah ihn scharf an. "Das wirst du auch nicht! Keinen einzigen der Unverzeihlichen Flüche wirst du benutzen!" "Mir scheint, Mr. Potter ist da anderer Ansicht", sagte Snape aalglatt. "Zumindest hat er..." "Severus!" Dumbledore sah ihn streng an. "Das tut nichts zur Sache. Er kann die Flüche nicht gegen Voldemort verwenden. Allein darum geht es." "Und wie soll ich ihn sonst besiegen?", fragte Harry matt. Dumbledore beugte sich zu ihm und seine Augen hatten beinahe etwas Väterliches, als er sprach: "Du bist etwas Besonderes, Harry. So lange du lebst, bist du eine ständige Bedrohung für Voldemort. Und je älter du wirst, desto schwieriger wird es für ihn, dich zu töten. Deine Kräfte wachsen in dir." "Kräfte?" Harry seufzte. "Es gibt genügend Schüler, die weitaus besser im Zaubern sind als ich, ich bin nichts Besonderes..." Snape gab ein leises, bestätigendes Schnauben von sich. "Kräfte, Harry", sagte ihn Dumbledore bedächtig, "wachsen nicht aus Schulbüchern. Sie lassen sich auch nicht in Noten packen oder durch Prüfungen erwerben. Kräfte...", er streckte seine Hand aus und deutete auf Harrys Brust, "... schlummern und reifen in uns. Und das müsstest du inzwischen wissen. Bedenke das, bevor dir wieder die Pferde durchgehen." Er zwinkerte ihm zu und Harry gelang ein leichtes Lächeln. Nein, dass die Kraft der Animagie in ihm schlummerte, davon hatte er bis vor Kurzem nicht einmal geträumt. Allerdings fragte er sich, was ein schwarzer Hengst gegen einen Amok laufenden bösen Zauberer ausrichten sollte, der zu allem fähig war... "Du wirst einen Weg finden", schloss Dumbledore das Thema ab. "Und ich befürchte, dass es sehr bald soweit sein wird. Alles, was wir tun können, ist dir zur Seite zu stehen und dich zu unterstützen, soviel wir können." "Dann kümmert euch um die Dementoren", bat Harry. "Bevor sie die Muggel angreifen. Was sollte passieren, wenn ihr es tut? Der Einzige, den Voldemort will, bin ich." "Wir werden unser Bestmöglichstes tun, um die Situation unter Kontrolle zu halten", versprach Dumbledore. In bedrückter Stimmung verstreuten sie sich nach und nach. Mr. und Mrs. Weasley wollten in der Winkelgasse nach dem Rechten sehen. Mundungus schlich ohne eine Erklärung davon. Mad Eye Moody verschwand mit den Worten, einen alten Bekannten kontaktieren zu müssen. Snape wie McGonagall verzichteten diesmal auf den Portschlüssel und bedienten sich nun der Apparation. Und auch Hagrid schien noch etwas zu erledigen haben. Harry starrte auf den zwölften Stuhl, der die ganze Zeit über leer gewesen war. "Für wen war dieser Platz bestimmt?", fragte er. Dumbledore erhob sich. "Für Pithormin. - Wo habe ich den Portschlüssel hingelegt?" "Sesachar?" Harry war aufgesprungen. "Sesachar ist im Orden?" Der Schulleiter sah sich nach dem kleinen Wasserspeier um. "Ja, das ist er... ah, da ist er ja." Er stellte den Portschlüssel auf den Tisch. "Aber Professor Sesachar ist ein Todesser!", begehrte Harry auf. "Er war", korrigierte Kingsley. "Er ist ausgetreten... wie Professor Snape." Harry verzog wütend das Gesicht. "So viele bekehrte Todesser kann es gar nicht geben." Dumbledore sah ihn nachdenklich an. "In einer dunklen Zeit fällt es oft schwer, seinen Idealen treu zu bleiben, Harry", sagte er und er schien seine Worte mit Bedacht zu wählen. "Mit dem Wissen, in ständiger Gefahr zu leben, wenn man sich der aktuell herrschenden Macht nicht unterwirft, tut man manchmal falsche Dinge aus Angst... und Liebe." Verwirrt sah ihn Harry an. Auch Ron und Hermine runzelten die Stirn. "Er hatte Frau und Kinder", fuhr Dumbledore fort. "Lairiel war im Orden. Und als mehr und mehr von uns gefunden und getötet wurden, schloss sich Pithormin den Todessern an - und lenkte somit den Verdacht von seiner Frau und seinen Söhnen ab." "Und was ist geschehen?", wollte Hermine wissen. Kingsleys Gesicht war finster. "Sie starben. Pits gespielte Loyalität flog auf, als man ihn zwingen wollte, ein kleines Mädchen zu töten. Er entkam den Todessern, doch bevor er seine Familie warnen konnte, war es zu spät. In seinem Haus fand er nichts weiter als ihre Leichen vor. Von da an versteckte er sich, bis zu jedem schicksalhaften Tag, an dem Voldemort verschwand. Und der Dunkle Lord glaubt wohl immer noch, dass Pit tot sei.." Harry schwieg. Insgeheim war er dankbar, dass er sich wenigstens in Bezug auf Professor Sesachar geirrt hatte. Dumbledore deutete auf den Portschlüssel. "Seid ihr jetzt bereit? Es wird Zeit, zurückzukehren..."
Am Montagmorgen endlich ging Harry Rons gequälter Gesichtsausdruck endgültig auf die Nerven. Er knallte sein Glas mit Kürbissaft zurück auf den Tisch und fixierte seinen Freund, der so dreinblickte, als würde er die größten Seelenschmerzen durchstehen. "Ron, kannst du mir einen Gefallen tun? Hör auf, dieses Gesicht zu ziehen, als müsstest du Voldemort töten." Ron winselte und Hermine rollte mit den Augen. "Ich bitte dich. Langsam müsstest du es ertragen, wenn man Voldemort beim Namen nennt." "Ich will seinen Namen aber gar nicht hören", jammerte Ron. "Ich werde ihn dich schreiben lassen, drei Rollen lang, wenn es sein muss", knurrte Harry. Sein Freund starrte ihn trotzig an. "Du scheinst vergessen zu haben, wer hier der Vertrauensschüler ist." "Hab ich wohl." Wütend packte Harry seine Sachen zusammen und stopfte sie in seine Schultasche. "Aber ich hab schließlich auch anderes zu tun." Damit stand er auf. Hermine versuchte ihn am Arm festzuhalten und Ron sah ihn groß an. "Hast du denn keine Angst?", fragte er leise. Harry war noch immer zornig. "Wieso? Du leidest ja mehr als genug und hältst mich davon ab, welche zu haben." Bestimmt drückte Hermine ihn wieder auf die Bank zurück. "Hört auf zu streiten!", befahl sie. "Ausgerechnet ihr beide!" Ron schlug die Augen nieder, während Harry grimmig vor sich hinstarrte. Hermine warf einen demonstrativen Blick auf die Uhr. "Okay, Jungs. Ihr habt drei Minuten. Dann müssen wir in Verwandlungen." "Drei Minuten für was?", fragte Ron. "Um euch zu entschuldigen." Sie tauchte wieder hinter ihrem Buch ab. Harry und Ron sahen sich an. "Moment mal... du bestimmst, wann und wie und vor allem wie schnell wir uns wieder zu vertragen haben?", runzelte Harry die Stirn. "Klar", kam die kühle Antwort hinter dem Buch hervor. "Und wenn wir uns weigern?", erkundigte sich Ron. Hermine blätterte um. "Dann werde ich euch an diese Bänke fesseln, und ihr wisst beide, dass ich das kann." Wie zur Unterstreichung ihrer Worte zog sie den Zauberstab hervor und legte ihn neben sich auf den Tisch. Ron starrte darauf. Harry starrte darauf. Beide hoben den Blick und sahen wieder sich an. "Jetzt schnappt sie vollkommen über", murmelte Ron. Harry kratzte sich am Kopf. "Und ich befürchte, sie meint es ernst..." "Noch eine Minute." Ungeduldig griff Hermine nach dem Zauberstab und richtete ihn auf die Beiden, die hastig vom Tisch zurückrutschten. "Verdammt noch mal, Hermine, lass das!", japste Ron. "Ich schrei ihn doch schon gar nicht mehr an!", beeilte sich Harry zu sagen und hob abwehrend beide Hände. Hermine steckte den Zauberstab wieder ein und packte ihre Bücher zusammen. "Wunderbar. - Dann können wir ja gehen." Auf dem Weg ins Klassenzimmer hielten Harry und Ron respektvollen Sicherheitsabstand zu ihr.
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"Heute widmen wir uns einer der wohl größten Verwandlungskünste." Professor McGonagall wog den Zauberstab in ihren Händen, als sie durch die Reihen schritt. "Der Animagie." Beifälliges Murmeln der Klasse ertönte, in dem Harrys leises Seufzen unterging. Er warf Ron und Hermine einen unbehaglichen Blick zu. "Ich werde Sie mit viel Theorie langweilen müssen, denn eine praktische Übung zu diesem Thema ist in der Regel unmöglich. Nicht alle Hexen und Zauberer tragen die Begabung oder die Ausdauer in sich, zu einem Animagus zu werden. - Wer kann mir etwas über Animagie sagen?" Jeder sah mehr oder weniger auffällig zu Hermine, doch heute blieb ihre Hand unten. Sie wusste sehr wohl einiges dazu zu sagen, aber war es ihr unangenehm, auch nur ein Wort davon laut auszusprechen. "Mr. Longbottom?" Neville zuckte zusammen. Er war damit beschäftigt gewesen, Trevor zurück in seine Tasche zu stopfen, aus der die Kröte just in diesem Augenblick entwischt war. "Äh...", druckste er und ließ Trevor übereilt in der Tasche seines Umhanges verschwinden, "... ähm, das sind Leute, die sich in Tiere verwandeln können." Minerva McGonagall zog tadelnd die Brauen hoch. "Ich hatte etwas mehr an Detail erwartet", sagte sie kühl und ließ den Blick über die Klasse schweifen. "Mr. Potter?" Harry hatte sich über sein Buch gebeugt, in der Hoffnung, nicht aufzufallen, würde er den Blickkontakt zu McGonagall vermeiden. Zudem glaubte er, zu erröten, sobald sie ihm auch nur in ihrer gewohnten strengen, alles erfragenden Art in die Augen blicken würde. Als sie ihn aufrief, hob er den Kopf - und spürte regelrecht, wie sich seine Wangen dunkel verfärbten. "Können Sie vielleicht etwas mehr als Mr. Longbottom zum Thema beitragen?" "Nun...", druckste Harry. Professor McGonagall trat vor seinen Tisch und sah ihn erwartungsvoll an. Zu Harrys Erstaunen nicht so streng, wie sie vorher Neville angeblickt hatte. "Es gibt zwei Formen der Animagie", sprudelte es aus Harry heraus. "Zum einen die angelernte, zum anderen die ererbte Animagie. Diese Kunst zu erlernen kann Jahre dauern und erfordert eine Menge an Konzentration und Praxis." Minerva McGonagall nickte wohlwollend. "Das ist korrekt, Potter. Sehr gut." Sie wandte ihm den Rücken zu und schritt langsam zu ihrem Pult zurück, dabei weiter sprechend. "Könnten Sie uns noch die Eigenheiten der ererbten Animagie erläutern?" "Es gibt keine genauen genetischen Richtlinien dafür..." Harry spürte, wie ihm heiß wurde. Selbst seine Stimme kam ihm fremd vor - sie klang sehr belegt. Seine Klassenkameraden schienen das allerdings als Nervosität zu deuten. Normalerweise trug Harry nicht sonderlich viel zum Unterricht bei. Er meldete sich selten, und wenn er etwas gefragt wurde, hatte er zuvor meistens einfach nicht aufgepasst und konnte die betreffenden Fragen demnach auch meist nicht beantworten. Die Lehrer schienen ihn ohnehin immer nur dann etwas zu fragen, wenn sie seine Aufmerksamkeit zurück auf den Unterricht lenken wollten. "Mir reicht eine allgemein gehaltene Aussage", erwiderte Professor McGonagall. Harry räusperte sich. "Nun ja, die Fähigkeit der Animagie ist erblich... ähnlich wie andere Fähigkeiten im musischen oder sportlichen Bereich... Aber nicht garantiert. Wenn ein Elternteil eines Kindes ein Animagus war, ist es nicht unmöglich, dass dieses Kind diese Fähigkeit erbt, aber es ist kein Regelfall." "Es geht doch." Professor McGonagall schenkte Harry ein kleines Lächeln. "Mehr hatte ich gar nicht von Ihnen erwartet. Vielen Dank, Mr. Potter. - Es scheint, als hätten Sie bereits ein wenig zu diesem Thema gelesen. Letztendlich hat Miss Granger wohl doch einen guten Einfluss auf Sie. - Fünf Punkte für Gryffindor." Vereinzeltes Kichern im Raum. Harry befürchtete, dass seine Wangen inzwischen die Farbe reifer Waldbeeren angenommen hatten, so heiß fühlten sie sich an. "Nun, gibt es eventuell jemanden unter uns, dessen Vater oder Mutter ein Animagus ist?" Professor McGonagall blickte erneut in die Runde, ließ sich diesmal viel Zeit. Die meisten der Schüler schüttelten ihre Köpfe oder blickten recht zweifelnd drein. "Mein Großonkel war einer", meinte Seamus Finnegan. "Aber sonst niemand aus meiner Familie. Hat sich wohl verlaufen. - Schade, wirklich schade..." Er seufzte wehmütig und seine Tischnachbarn grinsten. Minerva McGonagall lächelte leicht, schritt an seiner Tischreihe vorbei und blieb erneut vor Harry stehen, der sichtlich unwohl zu ihr aufblickte. Sie blickte sehr ruhig und direkt auffordernd zurück. "Demnach haben wir wohl keinen potentiellen Animagus unter uns? Bedauerlich... Ich hätte ganz gerne mal wieder einen an dieser Schule gehabt." Harry senkte endgültig den Blick. Wieso wurde er das Gefühl nicht los, dass Professor McGonagall ganz genau wusste, dass er einer war? Er hob erneut den Blick und begegnete ihrem. Erneut war er alles andere als streng, sogar ungewohnt freundlich - und weiterhin auffordernd. Sie nickte ihm zu und wandte sich wieder ihrem Pult zu. "Mein Vater war einer..." "Bitte?" McGonagall wandte sich zu ihm um. Harry holte tief Luft und wiederholte, etwas lauter: "Mein Vater war ein Animagus." Die plötzliche Stille im Klassenraum ließ ihn schwindeln. Hätte er doch bloß den Mund gehalten! "Ah, James? - Das wusste ich ja gar nicht." McGonagall neigte den Kopf. "Wahrscheinlich ist es mir entgangen. Oder er hat diese Kunst erst nach seinem Schulabgang erlernt, sonst hätte ich mit ihm zu tun gehabt. - Es ist immer eine leidige bürokratische Angelegenheit, einen neuen Animagus registrieren zu lassen. Aber dieses Prozedere ist nun einmal Pflicht." "Wieso, Professor?", fragte Dean verständnislos. McGonagall wandte sich ihm zu. "Manche Zauberer der dunklen Seite benutzen ihre Fähigkeiten dazu, anderen Schaden zuzufügen. Das wäre einer der Gründe. Und damit man von einem jeweiligen Tier Schlüsse ziehen kann, werden alle Animagi registriert. Auf nicht gemeldete Zauberer und Hexen", sie rückte ihre Brille zurecht, "stand seit jeher eine Haftstrafe." Seamus seufzte verträumt. "Ich wäre dennoch gerne ein Animagus. Obwohl... mein Großonkel konnte sich nur in eine langweilige Schildkröte verwandeln..." "Oh, es ist unerheblich, welchem Tier Ihre direkten Vorfahren zugetan waren, Mr. Finnegan", warf McGonagall ein und trat nun wieder hinter ihr Pult. "Jeder Animagus entwickelt eine ganz individuelle, allein für ihn bestimmte Tierpersönlichkeit. Genau damit werden wir uns in unseren Theoriestunden befassen. Schlagen Sie also bitte alle Ihre Bücher auf, Kapitel dreiundzwanzig." Im geschäftigen Rascheln der blätternden Seiten entspannte sich Harry wieder. Zum Glück hatte McGonagall nicht weiter nachgebohrt. Er suchte das Kapitel heraus und überlegte. Vielleicht hat sie nicht bohren müssen, kam ihm der Gedanke. Vielleicht weiß sie es schon länger...
***
Minerva McGonagall sah auf, als Harry an diesem Nachmittag ihr Büro betrat. "Ah, Mr. Potter. Ich habe Sie schon erwartet." Sie schob Arbeiten bei Seite, die sie gerade korrigierte. "Setzen Sie sich." Harry tat, wie ihm geheißen. Fragend blickte er seine Hauslehrerin an. "Sie wissen es also?" McGonagall nickte. "Ja. Albus hat mich unterrichtet." Sie reichte ihm einen Teller mit Gebäck und Harry nahm ein Plätzchen. "Und ich muss mich registrieren lassen?" "Das müssen Sie, leider. Allerdings...", McGonagall nahm sich selbst eine Waffel vom Teller, "denke ich, dass wir mit der tatsächlichen Benachrichtigung an das Ministerium noch warten sollten. Allein schulintern möchte ich es offiziell halten. Unter einigen Lehrkräften, denen allesamt Schweigepflicht unterliegt." Harry sah sie verständnislos an. "Ich werde eine Bekenntnisschrift verfassen, in der ich und Dumbledore bezeugen, dass Sie ein Animagus sind - und wir werden darin festhalten, in welches Tier Sie sich verwandeln, mit sämtlichen äußerlichen Eigenschaften. Von uns als Zeugen unterzeichnet - und zudem als Autoritätspersonen Ihnen gegenüber - können wir somit von einer Registrierung vorläufig absehen. Und sollten Sie erwischt werden, was natürlich niemand von uns hofft, haben wir das Schreiben, durch das eine Haftstrafe abgewehrt, sondern nur ein Bußgeld fällig wird - und eine sofortige Registrierung. Also bitte ich Sie, Potter, seien Sie vorsichtig, wen Sie in Ihr Geheimnis einweihen. - Ich nehme an, es ist Ms. Granger wie Mr. Weasley bekannt?" Harry nickte. "Sonst noch jemandem?" "Nein", antwortete er wahrheitsgemäß. "Außer Ihnen und Dumbledore, natürlich..." "Sehr gut." McGonagall erhob sich, zog einen Fotoapparat aus ihrem Schreibtisch hervor und verschloss die Tür. "Dann bringen wir es schnell hinter uns, bevor es jemand bemerkt. - Ziehen Sie die Vorhänge zu. Es darf niemand auch nur versehentlich sehen, wenn Sie sich verwandeln." Harry gehorchte und überprüfte, dass die Fenster auch wirklich uneinsehbar verschlossen waren. McGonagall schob ihren Stuhl zur Seite und musterte den kleinen freien Raum. "Der Platz wird reichen, hoffe ich. Oder verwandeln Sie sich in ein Shire Horse?" Nun konnte Harry ein Grinsen nicht unterdrücken. "Nein. Ein... äh... ganz normales Pferd, nehme ich mal an. Ich kenn mich nicht aus mit den Rassen." "Gut." McGonagall zog Pergament und Feder heran. "Wir brauchen ein Foto und das Stockmaß. Dann los - aber treten Sie mir bitte nicht versehentlich gegen meine Vitrine."
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Der Dienstag begann zu ihrem Leidwesen wieder mit Zaubertränken. Snapes Rezepte wurden immer komplizierter. So sorgfältig wie möglich schnitt Harry seinen Anteil an Amhluadh-Wurzeln, als Professor Leroux das Klassenzimmer betrat. Sie stellte eine Flasche mit brauner Flüssigkeit auf den Pult. "Der Siabre-Tran, um den Sie gebeten haben, Severus." Ron und Harry wechselten einen verstohlenen Blick. Jetzt nannte sie ihn auch noch Severus! "Es tut mir leid, dass ich Sie wegen dieser Angelegenheit belästigt habe, Professor", sagte Snape, aber seine Stimme war so unterkühlt und ölig wie eh und je. Er blickte über Leroux hinweg auf die brodelnden Kessel seiner Schüler, runzelte die Stirn und rauschte durch die zweite Reihe hindurch zu Jolante Kilic, deren Kesselinhalt sich gerade schweinchenrosa gefärbt hatte. "Können Sie nicht lesen oder einfach nicht exakt abwiegen, Kilic?", fuhr Snape sie an und deutete auf ihr Gebräu. "Wie viel Demun-Kraut haben Sie beigefügt? Sicher mehr als vier Gramm." Jolante war rot angelaufen und sah beschämt unter sich. Mit einer barschen Bewegung seines Zauberstabes reinige Snape den Kessel von dem misslungenen Trank. "Sie sollten dieses Rezept ernster nehmen", schnappte er. "Vielleicht werden Sie es bald brauchen, wenn ich mir überlege, einen von Ihnen bis Weihnachten zu vergiften!" In der Klasse herrschte absolute Stille - einzig und allein gestört durch das herzhafte Lachen von Leroux, die Snape im Vorbeigehen einen leichten Klaps auf seinen Arm gab. "Oh Professor, ich mag Ihren Humor!", kicherte sie und verließ daraufhin wieder den Klassenraum. Es war unklar, wer das verdutztere Gesicht machte - die Schüler, fassungslos über Leroux' Auffassung von Humor, oder Snape, der irritiert über seinen Arm strich und sich wohl zu fragen schien, was in drei Teufels Namen er gesagt hatte, was nicht ernst zu nehmen war.
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Die folgenden Wochen verliefen ruhig. Ende November stand dann das nächste Quidditchspiel ins Haus: Ravenclaw gegen Gryffindor. Terry Boot, der neue Mannschaftskapitän der Ravenclaws, und Harry schüttelten sich auf das Zeichen von Madam Hooch hin die Hand. "Auf ein gutes Spiel", grinste Terry. Harry grinste ebenfalls. "Ja, auf ein gutes Spiel." Als der Anpfiff ertönte, schossen beide Mannschaften in die Lüfte. Das Spiel verlief vollkommen sauber, aber dennoch rasant. Beide Mannschaften hatten einige gute Tore geschossen und hatten Punktgleichstand, als Harry schließlich vor Cho den Schnatz erwischte. Sie zog gerade noch rechtzeitig den Besen zurück, bevor sie dem Erdboden zu nahe kam. "Irgendwann gebe ich den Versuch auf, dich einzuholen", rief sie ihm zu, grinste aber. Statt gleich das Feld zu verlassen, gratulierten sich die Spieler gegenseitig. Madam Hooch wirkte sehr zufrieden. "So ein schönes, faires Quidditch habe ich schon lange nicht mehr gesehen", sagte sie und klopfte beiden Mannschaftskapitänen auf die Schulter. "Respekt euch allen." Am Abend feierten die Gryffindors gemeinsam mit den Ravenclaws. Der Großteil der Slytherins beobachtete die ganze Szene mit einer Mischung aus Argwohn und Ekel. Doch keiner von ihnen sah so missmutig drein, wie Draco Malfoy.
Professor Sesachar ließ die Kreide schwungvoll über die Tafel fahren. "Creato Armatus", sagte er und die Kreide unterstrich in tanzenden Bewegungen das Wort, "ist ein sehr interessanter Zauber. Und ich bin schon sehr gespannt, was ich von euch zu sehen bekomme..." Er ging vor der ersten Reihe langsam auf und ab, während die Kreide weiter erwartungsvoll vor der Tafel schwebte. "Mit diesem Zauber erschafft ihr eure ganz persönliche Waffe zur Verteidigung. Ihr könnt euch nicht wünschen, welche es ist. Ihr habt keinerlei Einfluss darauf - denn die Waffe wählt denjenigen aus, der ihrer würdig ist. Am Weitverbreitesten sind Schwerter und Dolche, aber auch Speere, Keulen, Lanzen..." Mit jedem Wort fuhr die Kreide blitzschnell über die Tafel und malte einen Gegenstand nach dem anderen um den Spruch herum. Die Klasse begann zu kichern und Sesachar hielt in seiner Aufzählung inne. "Was ist denn so komisch?" Er wandte sich zur Tafel um und verzog ärgerlich das Gesicht. "Oh, du albernes Ding!", knurrte er die Kreide an, die nach einer Mistgabel und einem Dreschflegel nun dabei war, einen Teppichklopfer samt Teppich zu vollenden. "Consistero!" Die Kreide erstarrte an der linken oberen Teppichfranse und zuckte protestierend. Das Kichern war inzwischen zu schallendem Gelächter angeschwollen und Sesachar hob die Hand. "Silencio, silencio. Ich bitte euch, diesen Zauber sehr ernst zu nehmen. - Also los, fangen wir an." Ron beugte sich an Hermine vorbei zu Harry. "Was werden die perfekten Waffen für Crabbe und Goyle sein? Bratwürstchen oder Fleischspießchen?" Hermine schob ihn zurück auf seinen Platz. "Oh Ron, du bist so kindisch!" Nacheinander mussten sie vortreten und Professor Sesachar zeigte ihnen die richtige, energische Bewegung des Zauberstabes, welche die Formel begleitete. Dean starrte entzückt auf die Armbrust, die er auf einmal in den Händen hielt. "In der Tat ein hübsches Stück", sagte Sesachar. "Aber lass dich damit nicht auf einen Nahkampf ein... ähm, ich hoffe, das Ding ist gesichert?" Ein Großteil der Schüler tauchte hastig hinter ihren Bänken ab. Sesachar lachte und ließ Deans Waffe verschwinden. "Eine Bitte an euch alle: Das hier ist eine Übungsstunde, in der ihr diesen Zauber erlernen sollt, aber es ist euch strengstens verboten, ihn außerhalb dieses Klassenraumes zu verwenden, solltet ihr nicht in Gefahr sein. Erwische ich auch nur einen von euch, der mit einer Armbrust durchs Schloss geistert, werde ich seine Waffe nicht nur mit einem Fluch belegen, sondern demjenigen, dem sie gehört, eine höchst unangenehme Woche verschaffen, von der tägliche schriftliche Strafarbeit nur einen minimalen Prozentsatz ausmachen wird. Natürlich werde ich dem zugehörigen Haus auch Punkte abziehen. - Ich hoffe, wir haben uns verstanden?" Die Schüler, die nun wieder auf ihren Plätzen saßen, nickten. "Sehr gut. Der nächste. - Mr. Malfoy?" Draco stolzierte zu Professor Sesachar hinunter und hob seinen Zauberstab. "Creato Armatus!" Pithormin pfiff leise durch die Zähne. "Der Morgenstern des Igor Benzelius. Wunderschönes Stück. Ist Ihnen seine Geschichte bekannt, Mr. Malfoy?" "Nein." Draco schien die Geschichte auch egal zu sein. Triumphierend starrte er auf die imposante Waffe in seiner Hand. "Nun, der gute Igor erschlug damit zwei Dutzend Mann", Sesachar verschränkte amüsiert die Arme vor der Brust, "und am Schluss aus lauter Hitzköpfigkeit sich selbst." Aus der ersten Reihe erklang schwer unterdrücktes Gelächter. Ron klopfte sich begeistert auf den Oberschenkel. "Jawohl, Malfoy, schwing mal kräftig!" Der unsanfte Stoß mit dem Ellenbogen ließ ihn versummen. Grimmig sah er Ginny an. Nach und nach wurden sie alle nach vorn gerufen. Zu Rons Enttäuschung hielten Crabbe und Goyle keine Bratwürstchen in den Händen, sondern Keulen. "Die sind mindestens genauso plump wie sie", murmelte Hermine, deren auserwählte Waffe ein fein geschwungener Silberdolch war. Harry war der Letzte, der nach vorne gerufen wurde. "Nun, ich bin gespannt, Mr. Potter." Sesachar trat zur Seite und Harry hob den Zauberstab. "Creato Armatus!" Die Luft vor ihm begann zu flimmern wie unter großer Hitze und ein Schwert materialisierte aus dem Nichts. Harry packte es mit der freien Hand und starrte überrascht darauf. Der leuchtende Rubin am Griff der schlanken Waffe war unverkennbar. "Beim großen Merlin!" Sesachar strahlte. "Das Schwert von Godric Gryffindor." Bewunderndes Raunen ging durch die Reihen, nur Draco gab einen abfälligen Laut von sich. "Das ist also Ihre persönliche Waffe..." Sesachar hatte das Schwert aufgenommen und studierte es eingehend. "Faszinierend... Sehen Sie es sich an, Mr. Potter." "Ich kenne es", erwiderte Harry. Der Professor hob den Blick. "Sie kennen es? Woher? - Ah, sicher aus Dumbledores Büro." "Ja, das auch." Harry griff wieder nach dem Schwert. "Ich habe einen Basilisken damit getötet." "Ah!" Sesachar nickte. "Ich vergaß, der Basilisk Salazar Slytherins. Mit diesem Schwert, ja? Daher kommt es also zu Ihnen..." Er sah zufrieden aus. "Danke, Mr. Potter. Setzen Sie sich wieder. - Sehr gut, sehr gut... Heutige Hausaufgabe: Kapitel sechsunddreißig, die Fragen drei bis sieben, so ausführlich wie möglich. Bis Donnerstag." Unter lautem Rascheln packte die Klasse zusammen und verließ nach und nach den Raum. Draco Malfoy passierte, Crabbe und Goyle an seiner Seite, die erste Reihe auf dem Weg nach draußen. Er warf Harry einen vernichtenden Blick zu. "Ich habe gehört, dass schon so manches Schwert unter einem Morgenstern zerbrach", zischte er. Harry sah kühl zurück. "Ah ja? Und so mancher Kopf wohl auch?" Ron grölte wieder los und diesmal sah sich seine Schwester nicht gezwungen, ihn zurechtzuweisen. Malfoys Augen verengten sich. "Wart's nur ab, Potter...", knurrte er und rauschte aus dem Klassenzimmer, so dass seine beiden Haudegen Schwierigkeiten hatten, ihm auf dem Fuß zu folgen. Inzwischen ganz rot im Gesicht versuchte Ron aufzustehen. "Ich kann's kaum erwarten, zu sehen, wie ihm sein blödes Kugelding auf den Kopf kracht", gluckste er. "Die Geschichte von diesem Igor scheint ihm nicht gefallen zu haben." "Dennoch wäre es nett, wenn du dich langsam beruhigen könntest", erwiderte Hermine. "Du wankst, als wärst du betrunken." Sie und Harry schoben Ron vor sich her aus dem Klassenraum.
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Das Quidditchspiel gegen Slytherin rückte immer näher. Harry schob zusätzliche Trainingsstunden ein, aber seine Mannschaft murrte nicht. Sie alle schienen so gut wie möglich vorbereitet zu sein wollen. Die Stürme wurden kälter und am Vorabend des Spieles gab es den ersten Schnee. "Wir werden morgen an unseren Besen festfrieren", grummelte Ginny beim Blick aus dem Fenster. Ron zuckte mit den Schultern. "So können wir wenigstens nicht von ihnen runterfallen", versuchte er zu scherzen. Raureif lag über den Wiesen, als sie zum Quidditch-Feld marschierten, und dabei war es bereits Nachmittag. Die Luft war eisig, der Himmel grau und schwer. Trotz allem waren die Zuschauertribünen gefüllt. Madam Hooch wartete in der Mitte des Feldes. "Die Kapitäne beider Mannschaften geben sich die Hand", sagte sie und wartete mit der Pfeife in der Hand. Draco und Harry starrten sich voll inbrünstiger Abneigung an. Nur widerwillig gaben sie sich die Hände. Ron konnte es deutlich knacken hören, aber keiner der beiden Kapitäne zeigte auch nur eine Regung. Ihre Gesichter waren so eisig wie der Wind, der um sie tobte. "Ihr sollt euch bloß die Hände schütteln, nicht gleich brechen!", tadelte Madam Hooch. "Auseinander." Die beiden Kapitäne gehorchten nur zu gerne und schüttelten die Hände aus, als sie sich voneinander abwandten. Der Pfiff erklang und das Spiel nahm seinen Lauf. Harry kreiste über dem Spielfeld, sein Team und die Umgebung gleichzeitig im Auge behaltend. So aufmerksam er sich auch nach dem Schnatz umsah, es entging ihm nicht, dass Craig Reamons, neuer Treiber der Slytherins, einen Klatscher direkt auf Ginny zuschlug, die nur knapp ausweichen konnte. Er, sein Kollege Pierre Dascontez und Malfoy hörten weiterhin nicht auf, zu foulen. Als Craig erneut einen Klatscher auf einen der Jäger des gegnerischen Teams schießen wollte, wehrte Violetta diesen im Vorbeifliegen ab. "Hör endlich auf damit!", fuhr sie den Treiber wütend an. Im nächsten Augenblick schlug sie auf dem Boden auf. Malfoy hatte Pierres Schläger an sich gerissen und ihr einen Klatscher in den Nacken geschlagen. Violetta war nicht tief gefallen, aber sofort pfiff Madam Hooch das Spiel ab. "Disqualifizierung von Slytherin!", rief sie außer sich, als sie über das Feld zu Violetta eilte, die sich schwerfällig auf dem kalten Boden aufrichtete. Das Team der Gryffindors landete unverzüglich. Robert und Max, die anderen beiden Jäger Slytherins, taten es ihnen gleich und rannten zu Violetta hinüber. Harry kniete neben ihr und starrte zu Malfoy hinauf, der noch immer am Himmel kreiste. Sein Blick war finster und er sah direkt verächtlich auf die Jägerin hinab. Max und Harry halfen Violetta aufzustehen. "Ist alles okay?", fragte Max besorgt. "Dieses Schwein", schnaubte Robert und ballte die Fäuste. "Er foult gegen sein eigenes Team!" Madam Hooch war noch immer blass. "Das ist untragbar. Das habe ich in Jahrzehnten nicht erlebt. - Potter, Tefarikis, bringen Sie Ms. Ziob in den Krankenflügel. Das Spiel wird abgeblasen." Harry und Max nickten, nahmen Violetta zwischen sich und geleiteten sie zurück ins Schloss. "Ich kann es nicht glauben... ich kann es einfach nicht glauben." Max war außer sich vor Wut. "Wie kann er es nur wagen..." "Er wollte gewinnen", knurrte Harry. "Um jeden Preis." "Was für ein Preis ist es, sich gegen sein eigenes Team zu stellen?", tobte Max weiter. Violetta stöhnte. "Könntet ihr euch bitte leiser streiten? Mir platzt der Kopf..." Sie griff sich mit schmerzlich verzogener Miene an die Stirn. Madam Pomfrey orderte sofort Bettruhe an und eilte geschäftig hin und her, um Heilsalbe und Trank herbeizuschaffen. Sie scheuchte Max und Harry aus dem Krankenflügel und schweigend stiegen die beiden die Treppe zur Eingangshalle hinab, durch die gerade die restlichen Schüler zurück ins Schloss strömten. Die Laune war allgemein auf dem Tiefpunkt. Beim Abendessen teilte sich der Slytherin-Tisch. Ein Großteil rutschte an das hintere Ende und ließ Malfoy und eine Gruppe von einem knappen Dutzend anderer Mitschüler allein. Die Blicke, die sie austauschten, waren feindselig. Max und Robert setzten sich zusammen mit Amber zu den Gryffindors an den Tisch. Man rutschte bereitwillig für sie auf. "Ich bleibe nicht am gleichen Tisch wie der", schnaubte Max und nickte abfällig auf Malfoy und seine Gruppe. "Wie geht es Violetta?", erkundigte sich Hermine besorgt, als sie die Reisschüssel an ihn weiterreichte. "Sie darf morgen wieder die Krankenstation verlassen", informierte er sie. "Sie hat eine Gehirnerschütterung erlitten... Ich könnte Malfoy den Hals umdrehen." "Ja, wegen ihm sind wir für die weiteren Spiele disqualifiziert." Robert sah griesgrämig drein. "Das werd ich ihm nie verzeihen." "Und dass er Violetta den Klatscher in den Nacken geschlagen hat!", schnaubte Max. "Das wird er noch bereuen!" Er verrührte Reis mit Soße. "Ich sollte ihn..." Er ließ unausgesprochen, was er sich gerade vorstellte. Sie warfen einen Blick auf den Lehrertisch, an dem Snape regelrecht vor Wut kochte. Er schien sich nur schwer unter Kontrolle halten zu können. Harry fragte sich, ob es wirklich die kühle Hinterlistigkeit Malfoys war, die den Hauslehrer Slytherins so erboste - schließlich hatte er sonst nie offen negativ auf Fouls von Seiten seiner Schüler reagiert, sondern stets wohlwollend darüber hinweggesehen. Aber die Disqualifizierung seines Hauses von Quidditch-Cup ließ ihn nun doch toben. Harry sah ihn schon aufspringen und Draco vor aller Augen zusammenstauchen. Leider kam es dann doch nicht so weit. Nach dem Essen verließen sie die Große Halle und machten sie auf den Weg zu ihren Gemeinschaftsräumen. Max, Robert und Amber mieden - viel viele andere - Malfoys Nähe und machten einen Bogen um ihn und seine Mitstreiter. Aber für sie alle hörbar blieb einer der Slytherins stehen, den Harry nicht einmal beim Namen kannte, sondern nur wusste, dass er mit Violetta im siebten Jahrgang war. Er musterte die Gruppe der Gryffindors vor sich. "Es tut mir leid, euch immer bei sämtlichen Spielen ausgebuht zu haben", sagte er und warf Malfoy einen grimmigen Blick zu. "Denn entgegen einiger in unseren Reihen scheint ihr wenigstens zu begreifen, was Teamgeist bedeutet." Damit rauschte er hocherhobenen Hauptes an einem vor Wut schäumenden Draco vorbei Richtung Kerker. Ron räusperte sich. "Es fällt mir schwer, es zuzugeben... Aber so übel sind die Slytherins ja doch nicht... Wenn man ihnen mal den Kopf zurechtgerückt hat."
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Harry war der Letzte, der an diesem Abend noch wach am Fenster des Jungenschlafzimmers saß. Ron, Dean, Neville und Seamus schliefen bereits tief und fest. Er war in Gedanken noch bei den Auswirkungen des Quidditchspiels. Viele Slytherins, die vor Kurzem noch sämtliche Mitglieder von Viribus Unitis mit abfälligem Schnauben bedacht hatten, nickten ihnen nun zu oder schenkten ihnen zum Teil sogar ein freundliches, fast entschuldigendes Lächeln. Eines war klar: Die meisten schämten sich für das, was Malfoy getan hatte. Eine Bewegung aus den Augenwinkeln veranlasste Harry dazu, den Kopf zu drehen. Unten, am Waldrand, tauchten silberne Gestalten auf und huschten über die Wiesen. Nahe der Mauern, die Hogwarts umgaben, blieben sie stehen und sprangen in einem merkwürdigen Reigen auf und ab. Es waren Silberpelze. Harry beobachtete sie. Sie waren in der Dunkelheit auf offenem Feld mehr als gut zu erkennen. Er zählte elf Tiere. Wie groß musste das gesamte Rudel sein, wenn sie schon ein halbes Dutzend dieser Bestien in Verschlägen an das Zaubereiministerium überführt hatten? Nach einigen Minuten verschwanden die Silberpelze wieder im Wald. Harry rutschte seufzend vom Fensterbrett und kroch in sein Bett, sich fragend, woher diese Tiere denn eigentlich gekommen waren...
Mehr Schnee fiel und die Weihnachtsferien rückten immer näher. In Verteidigung gegen die Dunklen Künste hatten sie es wirklich geschafft, den kompletten Stoff des fünften Jahrgangs nachzuholen, und trotz des Drucks mit gutem Erfolg. Professor Leroux war sehr zufrieden mit ihrer Klasse und begann zügig das neue Lehrwerk. Allerdings kam sie weiterhin jeden Dienstag zu spät zum Unterricht, da sie wirklich regelmäßig Professor Snape an der großen Treppe abpasste. Der Hauslehrer Slytherins schien sich mehr und mehr zu fragen, wieso Améthyste Leroux ihm so hartnäckig an den Fersen klebte, aber so sehr er auch zu grübeln schien, auf den wahren Grund kam er einfach nicht. Die komplette Schule wusste inzwischen von Leroux' Schwärmerein für Snape und amüsierte sich über seine absolute Verständnislosigkeit. Als Snape mit Leroux an diesem Morgen den Korridor entlang kam und ihn jeder breit angrinste, als er an der Schülergruppe vorbeischritt, runzelte er die Stirn. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals von einem kompletten Kurs so angegrinst worden zu sein. Irritiert wollte er weiter gehen, als Professor Leroux sich räusperte. "Severus, ich würde Sie gerne heute Nachmittag zum Tee einladen. Das wäre eine gute Gelegenheit einige Unterrichtsvorgehensweisen für Verteidigung gegen die Dunklen Künste zu besprechen..." Der ganze Kurs hielt den Atem an und Snape musterte seine Kollegin, als wäre ihr ein zweiter Kopf gewachsen. "Es tut mir leid, aber Professor Dumbledore wünscht mich zu sprechen", erwiderte er und ging weiter. Die meisten in der Klasse rollten mit den Augen, während Professor Leroux Snape schon mit leichter Verzweiflung nachseufzte. Wahrscheinlich verhielt sie sich einfach nicht offensichtlich genug... Mit einem sehnsuchtsvollen Blick den Flur hinab schloss sie ihren Schülern den Raum auf.
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Harry saß gerade mit Krummbein auf dem Schoß vor dem Kamin im Gemeinschaftsraum, als Ginny hereinstürmte. Hermine sah von den Mützen auf, die sie für die Hauselfen strickte und Ron hätte beinahe Tinte über seine kompletten Hausaufgaben verteilt. "Harpyien!" Ginny war totenblass. "Wir haben sie eben gerade gesehen. Sie kreisen über Hogsmeade!" Die Drei sahen sich erschrocken an. Sie hatten insgeheim damit gerechnet, dass man Voldemorts Schatten früher oder später in der Nähe Hogwarts sehen würde, dennoch brachte sie diese Nachricht aus der Fassung. "Wie viele waren es?", fragte Harry. "Ein ganzer Schwarm?" Ginny schüttelte den Kopf. "Nein, nur vier... Aber Professor Sprout hat sie auch gesehen... und Professor McGonagall. Ich habe sie noch nie zuvor so besorgt gesehen..." Als sie sich kurze Zeit später in der Großen Halle einfanden, hatte sich die Nachricht bereits wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Überall sah man in besorgte Gesichter. Professor Dumbledore bat um Ruhe. "Wie ich sehe, muss ich keinem von euch mehr berichten, was heute vor wenigen Stunden vorgefallen ist. Und was das Auftauchen der Harpyien betrifft, muss ich auch niemandem erklären, dass dies alles, nur nichts Gutes für uns bedeutet. Ich bitte daher alle jüngeren Schüler, über die Weihnachtsferien nach Hause zu fahren - ausnahmslos. Es tut mir sehr leid, dass ich euch regelrecht aus der Schule jagen muss, aber mir bleibt keine andere Wahl. Ich kann es nicht verantworten, euch den Gefahren auszusetzen, die uns nun drohen. Demnach werden alle Erst- bis Viertklässler an diesem Freitag Hogwarts verlassen." Amber seufzte tief. Als Viertklässlerin hatte sie Dumbledores Order Folge zu leisten. Auch Dennis Creevey zog ein langes Gesicht. "Sollte nach Ferienende weiterhin oder erst Recht Gefahr bestehen, werde ich euch alle rechtzeitig benachrichtigen und euch bitten, weiterhin zu Hause zu bleiben. Ich hoffe nicht, dass dies der Fall sein wird... aber ich möchte, dass auch ihr auf alles vorbereitet seid." Dumbledores kurze Ansprache hatte den Effekt, dass die Laune der Schüler, die ohnehin schon am Boden gewesen war, noch tiefer sank.
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Für den Mittwoch ließ Harry das Quidditch-Training sausen und arrangierte zusammen mit Amber, Zacharias und Anthony ein letztes Treffen von Viribus Unitis. Wie gehabt trafen sie sich im Nordbereich des dritten Stockwerks. Filch, der dort gerade den Korridor kehrte, schimpfte aus Leibeskräften, aber die Schüler ignorierten ihn. "Wer bleibt alles hier über Weihnachten?", fragte Myriam Cau leise. Die Mitglieder der oberen Klassen sahen sich an. "Wir alle, denke ich", sagte Zacharias. "Nur Jolante fährt nach Hause..." Die Ravenclaw nickte. "Mein Vater hat kurz nach Weihnachten Geburtstag... Ich habe ihm schon vor Wochen versprochen, zu kommen." "Ich werde euch alle ziemlich vermissen", seufzte Amber und sah in die Runde. Am Längsten blieb ihr Blick an Ron hängen, der sichtlich errötete. Harry hob fragend eine Augenbraue. "Hey, guck nicht so!", murmelte sein Freund und unterdrückte ein Grinsen. "Was soll ich denn tun, wenn du und Hermine mal eure Ruhe haben wollt." Harry überhörte, was er sagte. "Du?" Er lachte leise. "Der 'Ich-kann-Slytherins-nicht-ausstehen-denn-die-sind-alle-hinterhältig-und-gemein-Ronald Weasley? - Ich bin fassungslos!" Er prustete laut los und einige andere kicherten ebenfalls. Rons Gesicht nahm eine kaminrote Färbung an und auch Amber hüstelte verlegen. Hermine allerdings sah völlig ernst drein, als sie sagte: "Ich bin ehrlich stolz auf euch Beide." Ron blinzelte. "Stolz? Wieso?" Violetta, die inzwischen wieder vollkommen fit war, lächelte. "Ich glaube, ich weiß, was sie meint..." "Keine zwei Häuser hassten sich in den letzten paar Jahren so inbrünstig wie Slytherin und Gryffindor", erklärte Hermine. "Und es ist schön zu sehen, dass ihr beide eine Brücke zwischen uns baut." "Wir kommen doch schon seit der Gründung von Viribus Unitis viel besser miteinander aus als sonst", merkte Ron an. "Und Malfoys Aktion beim Quidditchspiel hat nur noch mehreren der vorher noch Argwöhnischen die Augen geöffnet", warf Max ein. Hermine nickte. "Das sicher. Ein frisch geknüpftes Band, das Ron und Amber festigen können." Sie lächelte den beiden zu. "Langsam scheinen wir wirklich zu dem zu werden, was wir schon immer hätten sein sollen... eins." "Malfoy und sein gutes Dutzend Schergen ausgenommen", warf Dean ein. "Und der wird sich nie bekehren lassen." "Ich will auch gar nicht, dass der sich bekehren lässt", schnaubte Lavender. "Ich kann ihn nicht ausstehen! - Und das hat nichts mit seinem Haus zu tun", fügte sie hastig hinzu. Die anwesenden Slytherins grinsten. "Nun ja..." Violetta streckte sich auf ihrem Stuhl, "ein paar von uns müssen ja die Regel bestätigen, dass die meisten dunklen Zauberer aus Slytherin kommen." "Es gibt auch genügend dunkle Zauberer und Verräter aus anderen Häusern", sagte Harry bitter. "Peter Pettigrew war in Gryffindor... und ist heute ein Todesser." "Es gibt sicher noch einige andere aus verschiedenen Häusern", mutmaßte Michael. "Aber das ist ja auch egal... Wir halten zusammen - tun wir doch, oder?" Schmunzelnde Gesichter gaben ihm eine eindeutige Antwort. "Vielleicht können wir uns über Weihnachten schreiben", schlug Elizabeth vor. "Und Kontakt halten... falls es wirklich länger dauern sollte, bis wieder alle nach Hogwarts zurückkehren dürfen." "Und uns Weihnachtskarten schicken", lachte Violetta. "Keine Geschenke?", flachste Ron. "Ich bin enttäuscht." Für eine Weile war die bedrückte Stimmung vergessen und sie schwatzen munter miteinander, kamen von einer kleinen Geschichte auf die nächste und lachten herzhaft. So erschien es allen wie ein Schock, als die Tür zum Raum aufflog, und Filch mit erhobenem Besen im Türrahmen herumfuchtelte. "Viertel vor zehn! Wieso seid ihr nicht in euren verdammten Schlafräumen? Raus hier, los, sofort! Und wehe, ich sehe in zehn Minuten auch nur noch einen von euch auf irgendeinem Korridor!"
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Zwei Tage später wurde es sichtlich leer in Hogwarts. Von zweihundertachtzig Schülern waren nur noch knapp dreißig im Schloss geblieben. Neben den Erst- bis Viertklässlern waren auch Schüler der höheren Klassen über Weihnachten nach Hause gefahren. Teilweise, um mit ihren Familien zusammen zu sein, teilweise aus Angst in Anbetracht der Harpyien...
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Die ersten Ferientage vergingen in bedrückter Stimmung - doch ereignislos. Auch wenn Dumbledore den verbliebenen Schülern nicht verboten hätte, das Schloss zu verlassen, hätte keiner die Lust verspürt, auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen, so einladend der hohe Schnee auch erscheinen mochte. Am Tag des Weihnachtsabends schleppte Hagrid wie jedes Jahr vier riesige Tannen in die Große Halle, die prächtig geschmückt wurden. Auch die Halle selbst wurde dekoriert. Die Schüler waren froh, Ablenkung zu finden und halfen eifrig mit. Dumbledore schlug ein gemeinsames Weihnachtsessen mit anschließender Feier vor. "Auch wenn die Zeiten düster sind, dieses Fest müssen wir uns nicht vollkommen verderben lassen", sagte er. "Ich werde aufmerksame Wachen für den Abend im Schloss postieren, damit ihr ihn arglos hier in der Halle verbringen könnt." Bald war klar, wer sich der Bewachung verschrieben hatte. Argus Filch und Mrs. Norris gingen wie gewohnt die einzelnen Stockwerke ab. Sesachar stieg zum Nordturm hinauf, von dem man die beste Aussicht genießen konnte und wo er auch die anderen Türme sehr gut im Blick hatte. Hagrid wollte draußen in unmittelbarer Umgebung des Schlosses die Wege mit Fang abschreiten, ebenso Firenze, der Zentaur, der nach den Vorfällen des letzten Schuljahres nach wie vor im Schloss lebte. Die Große Halle war hell erleuchtet von unzähligen Kerzen in, auf, an und neben den Weihnachtsbäumen. Das Essen war atemberaubend und niemand konnte widerstehen, sich noch einmal die Teller voll zu tun. Nur Hermine, die stets um das Wohl der armen Hauselfen besorgt war, wollte sich weigern. "Iss!", befahl Ron. "Sieh es so: Je mehr wir essen, desto weniger haben sie auszukratzen und zu entsorgen." Damit schob er ihr die Platte mit den panierten Hühnchenfilets vor die Nase. "Das kann man doch nicht wegwerfen!" Seufzend und ergeben füllte sich Hermine ein zweites Mal den Teller. Nach dem reichhaltigen Mal, dessen Überreste so schnell verschwanden wie immer, ließ Dumbledore Musik aufspielen. "Vielleicht mag ja jemand von euch tanzen", schmunzelte er. "Aber achtet mir ja auf die Mistelzweige." Leroux warf Snape einen hoffnungsvollen Blick zu, doch der nippte teilnahmslos an seinem Becher. Seufzend faltete sie die Hände auf dem Schoß ineinander. Ginny zog Dean mit einem breiten Grinsen von der Bank und ging mit ihm auf die freie Fläche hinaus. Ron sah ihr ebenso seufzend nach wie Leroux. "Vermisst du Amber?", fragte Harry teilnahmsvoll. Ron wollte erst hastig den Kopf schütteln, hielt aber inne. "Sicher vermisse ich sie... Was sie wohl gerade macht?" Hermine tätschelte beruhigend seine Hand. "Ich bin sicher, sie denkt an dich." "Ach, geh mir weg mit diesem romantischen Mist." Ron machte eine abwertende Handbewegung. "Was ist eigentlich mit euch? Wieso tanzt ihr nicht? Verschwindet endlich und lasst mich mit Seamus allein." "Ich werde aber sicher nicht mit dir tanzen", grinste der. Hermine zog Harry nun auch von der Bank. Er seufzte schwer. "Ich kann nicht gut tanzen." "Dann lernst du es", erwiderte sie unerbittlich. "So schwer ist es nicht." Harry blickte zu Neville, der es sich ebenfalls schwer tat, sich aber sichtlich Mühe gab, Eliane Ramos nicht auf die Füße zu treten, die sich leichtfüßig um ihn herum bewegte. Nach einer Weile stellte Harry fest, dass ihm das Tanzen vor zwei Jahren noch weitaus schwerer gefallen war - und es ihm damals entgegen heute auch gar keinen Spaß gemacht hatte. Es schien wohl an der neuen Tanzpartnerin zu liegen... "Hat Dumbledore vorhin nicht etwas von Mistelzweigen gesagt?", fragte er plötzlich, als ein besonders ruhiges Stück spielte. Hermine nickte. "Ja, wieso?" "Wo ist einer?", Harry sah sich suchend um und sie musste lachen. "Brauchst du unbedingt einen, wenn du mich küssen willst?" Er grinste. "Ich wollte nur stilecht sein..." Um Mitternacht klatschte Dumbledore in die Hände. "Offiziell ist nun Weihnachtsmorgen. Wenn ihr noch nicht müde und einverstanden seid, können wir Bescherung im großen Stil machen." Er blickte fragend in den Saal und da niemand wirklich müde war - oder einfach noch nicht ins Bett wollte - nickten alle einstimmig. Der Schulleiter lächelte, klatschte erneut in die Hände und schon türmten sich Unmengen an Päckchen unter den prachtvollen Weihnachtsbäumen. Nun wurde die Stimmung wahrlich ausgelassen. Voller Vorfreude und Begeisterung stürmten sie sich auf ihre Geschenke. Auch die Lehrer beteiligten sich an der großen Auspackaktion. Lautes Gelächter erklang, als Dumbledore zwei vollkommen verschieden gemusterte Socken aus einem kleinen Päckchen zog. Harry stieß Ron grinsend in die Seite. "Der gute Dobby denkt aber auch immer an alles." Bevor Ron antworten konnte, wurde sein Freund schon von Hermine zurückgezogen, die sich überschwänglich für Harrys Geschenk bedanken wollte, das sie allerdings vor den Augen der anderen verborgen hielt. Professor McGonagall betrachtete irritiert das kleine Kätzchen, das sie aus einem Wust aus Packpapier befreit hatte. Es sah haargenau aus wie ihr tierisches Alter Ego - und miaute, wenn man es am Rücken streichelte. Kopfschüttelnd betrachtete sie die beiliegende Karte. "Mr. Weasley, würden Sie ihren Brüdern ausrichten, dass ihre Geschenke wahrlich nicht an Originalität verlieren, dafür allerdings - zum Glück - an Schrecken?" Ron lachte. "Das werde ich gerne tun, Professor." Durch den Haufen von geschenkwütigen Schülern bahnte sich Snape gerade seinen Weg zur Tür, als sich Dumbledore nach einem unter dem Baum übrig gebliebenen Päckchen bückte. "Hier ist noch ein Geschenk...", sagte er laut und sah auf. "Severus?" Das Reißen und Rascheln von Geschenkpapier verstummte augenblicklich. Aller Augen richteten sich auf das kunstvoll verpackte Geschenk in Dumbledores Händen. "Leroux!" Ginny blinzelte zwischen Ron und Dean hindurch. "Jede Wette." Hermine schmunzelte. "Irgendwie finde ich es ja niedlich", raunte sie, als Snape zögerlich zu ihnen zurückkam. "Das Geschenk ist für Sie", sagte Dumbledore und seine Augen funkelten amüsiert hinter seiner Halbmondbrille. Stirn runzelnd, so als dachte er an einen Irrtum, griff Snape nach dem Päckchen und starrte auf das Namensschild. McGonagall, die nahe bei Harry und Ron saß, murmelte leise vor sich hin. "Das ist sein erstes Geschenk seit..." Sie überlegte und schien zu rechnen, bis sie den Kopf schüttelte und feststellte: "Das ist sein erstes Geschenk." Ron und Harry unterdrückten ein Prusten und Hermine stieß beiden unsanft in die Seite. "Wollen Sie es nicht auspacken, Severus?", forderte Dumbledore Snape auf, der nicht gewillt schien, das Geschenk vor aller Augen zu öffnen - nun aber regelrecht dazu gezwungen wurde. Ergeben öffnete er das Packpapier und förderte einen Slytherin-Schal zu Tage. Ron musste erneut an sich halten, als er entdeckte, dass Snapes Name darauf eingestickt war. Der Professor für Zaubertränke sah sich verblüfft um, wer ihm wohl dieses Geschenk bereitet hatte. "Selbstgestrickt", räusperte sich Améthyste Leroux bescheiden. Snape sah sie an, so als müsse er diese Information zuerst einmal verarbeiten. Ginny schmunzelte. "Sie ist irgendwie... richtig süß." "Ja", murmelte Dean. "Bloß hat sie sich dummerweise den blindesten Idioten in der ganzen Schule ausgeguckt. Wieso schmeißt sie sich nicht an Sesachar ran? Der sieht viel besser aus." Ginny warf den Kopf zurück. "So etwas versteht ihr Jungens nicht." Rons Kopf schoss zwischen die beiden und raunte: "Jetzt sag mir bloß nicht, du findest Snape toll!" "Sie findet ihn toll", antwortete seine Schwester und deutete auf Professor Leroux, die wie ein verlegener Teenager aussah. "Nun, da alle Geschenke ausgepackt sind", räusperte sich Dumbledore kurz darauf, "wird es wohl für uns alle Zeit, ins Bett zu gehen." Zustimmendes Gemurmel und Gähnen ertönte und nach und nach verließen sie die Große Halle, nicht ohne vorher einen kurzen, unauffälligen Blick auf Snapes Schal zu werfen.
Die Weihnachtsfeiertage waren so ruhig, dass sie schon beinahe unecht wirkten. Eine gespenstische Stille herrschte im Schloss und Harry war zum ersten Mal froh, Peeves zu sehen, der im zweiten Stock laut kichernd mit Kreide nach Mrs. Norris warf, die mit gesträubtem Fell und fauchend im Büro von Professor Leroux verschwand. Filch eilte zeternd herbei, um Peeves aus dem Stockwerk zu verjagen und tobte aus Leibeskräften, als der Poltergeist Unterstützung von Balduin, einem weiteren Geist, bekam, der den Korridor in eine BZAGingbahn verwandelte und mit seinem Holzkopf Kegeln spielte, wobei ein Tisch in einer Ecke des Korridors getroffen wurde und gefährlich wankte. Mit einem lauten Scheppern krachte eine Vase, die zuvor darauf gestanden hatte, zu Boden und Filch war daraufhin den ganzen Tag damit beschäftigt, Balduin mit einem Teppichklopfer durch das Schloss zu jagen. "Vierzehn", zählte Ron, als Balduins Keckern erklang und der Geist kurz darauf an der geöffneten Tür vorbei in die gegenüber liegende Ahnengalerie zischte, dicht gefolgt von einem nach Atem ringenden Filch. Sie saßen in ihrem Raum von Viribus Unitis zusammen und spielten Zauberschach oder lasen. Harry notierte Informationen zu Silberpelzen, die zu seinem Unmut nur schwer in den Büchern zu finden waren, die er hatte auftreiben können. Alles, was er über diese Tiere bisher herausgefunden hatte war, dass sie wie Vampire kein Sonnenlicht ertrugen und nur in der Dämmerung und der Nacht auf der Jagd waren. Zudem hieß es, sie würden Menschenfleisch dem Wild oder Nutzvieh vorziehen. Man schrieb den unheimlichen Wesen zahlreiche gruselige Fähigkeiten zu und unzählige Legenden rankten sich um sie und tapfere Zauberer, die es wagten, gegen sie anzutreten, aber nichts hatte wirklich Hand und Fuß. Deprimiert schob er nach einer Weile die Bücher von sich. Er streckte sich mit einem Gähnen und sah sich müde um. Ron schrieb einen Brief an Amber. Colin und Violetta spielten Schach, ebenso Robert und Luna. Ginny und Dean saßen zusammengekuschelt auf einem der breiten Fenstersimse und Zacharias versuchte den Patil-Zwillingen irgendwelche Zauber beizubringen. Hermine saß mit Katherine, Lavender, Hannah, Terry und Anthony an einem Tisch, wo sie über die Ferienaufgabe in Kräuterkunde brüteten, kam nun aber zu Harry, als sie sah, dass er nicht mehr schrieb. Sie hatte sich gerade zu ihm gesetzt, als vier nicht willkommene Gestalten die Köpfe zur Tür hereinsteckten. "Wie herzallerliebst", säuselte Draco Malfoy mit kaltem Lächeln. "Der Club der Weicheier. Seid ihr inzwischen schon aneinander festgewachsen?" Crabbe und Goyle in seinem Rücken grinsten dämlich und Blaise kicherte boshaft. "Zieh Leine, Malfoy", knurrte Ron, der von seinem Brief aufgesehen hatte. "Die Schlossluft tut dir nicht gut, du bist so launisch. Geh mal raus, Luft schnappen. Die Harpyien sehen mindestens so fröhlich aus wie du." "Schnauze, Weasley", zischte Malfoy und starrte ihn vernichtend an. "Du hast wohl vergessen, dass ich Vertrauensschüler bin und dir Punkte abziehen kann." Ron zuckte mit den Schultern. "Schön. Bin ich auch. Kann ich auch. Also hau endlich ab." "Vertrauensschüler!" Robert schnaubte über seinem Schachbrett. "Das bist du doch gar nicht mehr." Alle sahen auf und starrten Malfoy an. Tatsächlich, er trug nicht länger die Plakette dieses Amtes an seinem Umhang. "Cassim Woramir ist unser neuer Vertrauensschüler", informierte sie Max. "Nachdem Malfoy so viel Sportlichkeit beim Quidditchspiel gezeigt hat, hielt es Dumbledore für angemessen, ihn seines Amtes zu entheben." Er grinste und zog seinen Läufer vor. Sein Zug wurde unverzüglich von Luna gekontert. "Mist, Schach..." Malfoy im Türrahmen derweil schäumte. "Ich bin rechtmäßiger Vertrauensschüler. Und ich werde euch..." Padma richtete ihren Zauberstab auf ihn. "Pruritus totalus", sagte sie und Malfoy zog eine Grimasse, als hätte er sich soeben in einen großen Ameisenhaufen gesetzt. Hektisch begann er sich an den Armen zu kratzen. In Anbetracht seines auf einmal mit Pusteln übersäten Gesichtes begannen alle im Raum zu lachen. "Dieses Miststück hat mir Pickel angehext!", knirschte Malfoy und kratzte sich an den Beinen. Ron lachte lauthals. "Sicher, dass sie nur hingehext sind...?" Vergeblich versuchte Malfoy das Jucken am ganzen Körper zu ignorieren und zerrte seinen Zauberstab hervor - während er mit der linken Hand fleißig weiter kratzte und sich seine Mitschüler vor Lachen schier bogen. "Zacharias, dein Zauber ist klasse", kicherte Parvati und klopfte sich die Schenkel. Der rieb sich schmunzelnd das Kinn. "Okay... was nehmen wir für Crabbe und Goyle? Einen Zwangsdiätzauber?" Das Lachen schwoll weiter an. Malfoy richtete wutentbrannt seinen Zauberstab auf sie und seine drei Begleiter taten es ihm gleich - traten aber unverzüglich den Rückzug an, als die Viribus Unitis ihre Zauberstäbe zog. "Ich würd's mir zweimal überlegen", grinste Max. "Also los, verschwinde." Der zahlenmäßig überlegenen Gegenpartei ergeben - aber brodelnd vor Zorn - stampfte Malfoy wieder aus dem Raum, sich hektisch an den Seiten kratzend. Erneut grölte die Gruppe im Raum los. "Die roten Pusteln stehen ihm", witzelte Terry. "Die geben so einen netten Kontrast ab."
***
Es geschah am letzten Abend vor Neujahr. In der Dämmerung des sterbenden Tages erhob sich nahes Heulen und silberne Schatten huschten am Waldrand entlang. Schatten fraßen sich über das Land wie ein breiter Teppich und am Himmel leuchteten boshafte Augen zwischen lautlos schlagenden Flügeln. Sie waren rot wie Blut - und die Pupillen geschlitzt wie die einer Schlange. Wie die Voldemorts. Sesachar schlug die Tür zur Großen Halle auf, wo man beim Abendesse saß. "Sie kommen!", rief er. "Ein riesiger Schwarm. Der Himmel ist schwärzer als jede Nacht sein könnte." Die Schüler sprangen in Panik von ihren Bänken auf, Snape riss den Zauberstab aus seinem Gewand und auch Leroux und McGonagall hatten sich erhoben. Die schrillen Schreie der Harpyien übertönten jeden Laut. Und der Schatten ihrer Schwingen legte sich über Hogwarts... "Alle Schüler in den Slytherin-Gemeinschaftsraum", befahl Dumbledore. "In den Türmen und oberen Stockwerken ist es ab jetzt nicht mehr sicher. In den Kerker! Alle!" Sie strömten aus der Halle hinaus, durch den Eingangsbereich. Einige schrieen auf, als sich von außen schwere Kreaturen gegen das Eichenportal warfen. In den oberen Stockwerken splitterten Fenster. Sie hasteten die Stufen hinunter in den Kerker, vorbei an dem Klassenraum für Zaubertränke und hinein in den rechten Flur, der in einem schroffen Bogen herum in eine kleine Halle führte. Malfoy, Crabbe, Goyle und Blaise waren die ersten und als Harry mit Hermine an der Hand um die Ecke in die Halle schoss, sah er nur noch, wie sich die Wand am gegenüberliegenden Ende mit einem Knirschen schloss. "Malfoy!", brüllte er und schlug gegen die Mauer, die nun keinen Hinweis mehr darauf gab, dass sich hier ein Durchgang befand. "Mach sofort auf!" "Die anderen Slytherins kennen sicher das Passwort", versuchte ihn Hermine zu beruhigen, doch Violetta schüttelte den Kopf. "Das Passwort wurde heute geändert. Nur Lisa Lux als Vertrauensschülerin weiß es schon." "Wo ist sie?" Ron sah sich suchend in der Menge der Schüler um. "Wo ist Lisa Lux?" Auch die anderen blickten sich nervös an. "Sie saß doch noch eben mit uns am Tisch." Robert ergriff blanke Panik. "Was, wenn sie noch oben ist?" "Wir müssen zurück!", schnappte Colin. "Was, wenn die Harpyien..." "Niemand von euch geht zurück", schrie ihn Harry an und schlug erneut mit der Faust gegen den Stein. "Mach auf, Malfoy, oder du wirst es bereuen! Du schuldest mir dein Leben - und ich warne dich, ich werde...!" Mit einem leisen Rumpeln fuhr die Wand zurück und Malfoy sah ihnen voller Hass entgegen. Violetta schob Ginny und Dean vor sich her in den Gemeinschaftsraum hinein. "Los, beeilt euch!" "Aber was ist mit Lisa?", verlangte Max zu wissen. "Ich will sie holen!", sagte Robert bestimmt. "Ich kann sie nicht alleine lassen! Keiner von uns kann es. Viribus Unitis, oder habt ihr alle das verdammt noch mal vergessen?" Harry packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn. "Das haben wir nicht, Rob! Aber wir können nicht alle gehen. Das ist viel zu riskant!" Er sah, wie die letzten in den Gemeinschaftsraum traten. "Ich gehe mit dir nach Lisa suchen... Der Rest bleibt hier." Hermine wollte protestieren, aber er winkte ab. "Kein Wort. Wir passen auf uns auf. - Das Passwort, Malfoy." "Wozu müsst ihr das wissen?", schnappte der. Harry ballte die Fäuste. "Wir holen Lisa und wir müssen wieder hier reinkommen, auch wenn sie verletzt ist und nicht mehr sprechen kann - also, das Passwort!" "Laureola", presste Malfoy unwillig hervor. Hermine schnaubte abfällig. "Wer sucht eure Passwörter aus?" "Das geht dich verdammt noch mal nichts an, du dreckiges..." "Petrificus totales!", rief Robert und Malfoy krachte erstarrt zu Boden. "Und was dein schmieriges Gefolge angeht, Malfoy..." Harry riss seinen Arm hinunter. "Später, Rob. Erst Lisa." Der Slytherin nickte. "Du hast Recht. Gehen wir." Sie traten von der Wand zurück, die sich rumpelnd wieder schloss. Harry hörte deutlich Hermines besorgtes "Seid vorsichtig!", bevor sich das Mauerwerk wieder nahtlos ineinander schloss. Robert und Harry eilten in den Korridor zurück und die Treppe zur Eingangshalle hinauf. Sie wirkte wie ausgestorben - nur ein bläulich schimmernder Film lag über der Tür wie ein großes Schutzschild. Tiefe Risse zogen sich über das Eichenholz dahinter. Sie rannten durch die Flügeltür hindurch in die Große Halle. Auch sie war leer. Die Lehrer waren wohl alle in den oberen Stockwerken, um die Harpyien abzuwehren, die dort tobten. Sie fanden Lisa halb unter dem Tisch der Slytherins liegend. Sie stöhnte leise. Harry und Robert wechselten einen kurzen Blick, bevor sie das Mädchen unter dem Tisch hervorzogen. Lisa hielt sich die Schläfe. "Alles in Ordnung?", fragte Robert besorgt. "Jemand hat mich angerempelt, als ich aufstehen wollte", murmelte sie und ließ sich von den beiden Jungen aufhelfen. Sie stand auf wackligen Beinen. "Ich muss auf der Tischkante aufgeschlagen sein..." "Los, wir bringen sie raus", orderte Harry und fasste Lisa unter den Arm. Rob packte gerade zu, als das rechte große Fenster der Halle splitterte. Ein hässlicher Schädel und eine gewaltige Pranke schoben sich in den Raum. "Eine Harpyie!", rief Robert entsetzt und wäre fast gestolpert. Harry sah, mit welcher Vehemenz sich das Ungeheuer durch das gesplitterte Glas wand. Die scharfe Scherben schienen ihm nichts anhaben zu können. Und wäre das Wesen erst einmal im Schloss... Er ließ Lisas Arm los und warf sich auf allen Vieren unter sie. "Steig auf, Rob, sofort!", schrie er. Bevor der Slytherin ihn wegen seines rätselhaften Verhaltens anbrüllen konnte, stand ein schwarzes Pferd neben ihm, mit der erschöpften Lisa auf dem Rücken, die es nicht mehr schaffte, sich darüber zu wundern. Rob sprang auf die Bank, als die Harpyie gänzlich durch das Fenster brach. Der schwarze Hengst wieherte schrill und Robert glitt auf seinen Rücken. Harry widerstand dem Drang, sich aufzubäumen, und stürmte los. Der harte Steinfußboden zitterte unter seinen Hufen und es war schwerer auf ihm voranzukommen, als auf weichen Wiesen. Dennoch schossen sie durch die Flügeltür nach draußen, bevor sich die Harpyie mit einem schrillen Kreischen und ausgebreiteten Schwingen auf den Slytherin-Tisch stürzte, wo sie eben noch gestanden hatten. In der Eingangshalle kam Snape die Treppe hinuntergeeilt, wohl vom Lärm der Harpyie alarmiert. Fassungslos starrte er auf seine beiden Schüler auf dem schwarzen Pferd, das gerade an ihm vorbeigaloppierte, gefolgt von der kreischenden Harpyie. "Comburito!", brüllte Snape und ein feuerroter Strahl traf das Ungeheuer mitten in die Brust. Die Harpyie bäumte sich im Flug auf, ihr Kreischen schwoll zu einem schrillen Crescendo an, bis sie ein aufflammendes Feuer zerriss und zu schwarzer Asche zerfallen ließ. "Was suchten Sie hier draußen?", brüllte Snape los und stampfte die letzten Stufen der Treppe hinunter. "Sie sollten im Gemeinschaftsraum sein! Haben Sie denn keine Ahnung, in welcher Gefahr... und wo kommt der schwarze Gaul schon wieder her?" Das Pferd riss den Kopf herum und wieherte dumpf und drohend. Snape musterte es von oben bis unten und seine Augen verengten sich urplötzlich zu schmalen Schlitzen. "Ich bin mir Ihrer Antipathie bezüglich meiner Person bereits durchaus bewusst - aber vielen Dank für den erneuten Hinweis, Mr. Potter." Die erstaunt in die Höhe schießenden Ohren des Pferdes entlockten ihm ein kaltes Lächeln. "Ich hätte es mir gleich denken müssen! Granger und Weasley auf Ihrem Rücken auf der Flucht vor den Silberpelzen und dann laufen sie mit Ihnen an mir vorbei. Und das schwarze Pferd in Ihren Gedanken, das Sie aus Angst in ein Einhorn umgedacht haben, um..." "Severus!" Snape fuhr herum und starrte auf Dumbledore, der auf der obersten Stufe stand und seinen Zauberstab auf die Flügeltür zur Großen Halle richtete, wo nun drei dunkle Gestalten erschienen waren, die ihre Gesichter unter Kapuzen verborgen hielten. Sie mussten durch das zerbrochene Fenster hindurch der Harpyie gefolgt sein. Zwei Silberpelze schlichen hinter ihnen mit drohendem Knurren durch die leere Halle. Der leuchtende Strahl traf den vorderen der drei Männer und warf ihn zurück. Als er fiel, riss er seine beiden Hintermänner mit sich, doch einer der beiden war schnell genug. Giftgrünes Licht erfüllte die Halle und verfehlte Snape, schoss haarscharf an ihm vorbei und traf vollkommen überraschend auf Dumbledore, der gerade auf der vorletzten Stufe stand. Ohne den geringsten Laut ging er zu Boden. Harry schrie, und sein Schrei, als der eines Pferdes viel lauter als der eines Menschen, hallte an den Wänden wieder. Er bäumte sich auf, spürte Robert auf seinem Rücken nach seiner Mähne fassen und daran reißen - und den heftigen Schlag, den ihm Snape versetzte, bevor er seinen Zauberstab auf den Todesser richtete, der sich gerade vom Boden erheben wollte. Seine Kapuze war im Fall zurückgeglitten und Harry erkannte Goyles Vater. Ausgerechnet Goyle! Harry spürte, wie ihm ein emotionales Chaos aus schierer Verzweiflung und aufkeimenden Hass die Kehle zuschnürte. Erst Sirius, jetzt Dumbledore... Snapes Blick war so kalt wie der seines ehemaligen Verbündeten. "Avada Kedavra!", zischte er und der Todes-Fluch ließ Goyle leblos zurück zu Boden sinken. Mit einem Seilzauber fesselte Snape die beiden anderen Todesser, die noch betäubt vom Aufprall waren. "Hinaus, Potter", zischte er. "Sofort! Bringen Sie sie in den Kerker!" Harry, der seine Pferdegestalt verlassen hatte, kniete über Dumbledore. Er schien alles andere als gewillt zu gehen. Nicht jetzt. "Nein, ich..." "Hinaus!", brüllte Snape. "Sie können ihm nicht mehr helfen, von den Toten aufzuerstehen. Aber Sie können noch Lebende vor dem Tod retten." Er starrte ihn voller Rage an. "Gehen Sie!" Harry gehorchte wie in Trance. Er fasste nach Lisas Arm und brachte sie zusammen mit Robert zurück in den Kerker. "Laureola", rief Robert und die Wand vor dem Gemeinschaftsraum der Slytherins fuhr zurück. Mehr als zwanzig blasse Gesichter starrten ihnen entgegen...
***
Madam Pomfrey erschien kurze Zeit später, um nach Lisa zu sehen. Im Schloss war es ruhiger geworden. "Die Harpyien sind abgezogen", informierte sie die Schüler, während sie Lisa einen übelriechenden Trank gegen den Schock verabreichte. "Die Lehrkräfte sind jetzt damit beschäftigt, den größten Schaden zu beseitigen... und das Schloss zu durchsuchen, fall sich ein Todesser oder Silberpelz eingeschlichen hat, der noch nicht bemerkt wurde." "Was ist mit Professor Dumbledore?", frage Harry und seine Stimme war rau. Madam Pomfrey senkte den Kopf und schraubte die Flasche mit dem Trank wieder zu. "Ich hatte mir gewünscht, diesen Tag niemals zu erleben..." Sie stand von Lisas Bett auf und machte Anstalten, den Gemeinschaftsraum zu verlassen. "Ihr solltet jetzt schlafen... ihr alle." "Aber Madam Pomfrey...", begann Harry erneut und sie drehte sich um. Müde sah sie ihn an. "Er ist tot, Mr. Potter." Bedrücktes Schweigen herrschte und sie verließ den Raum durch die Wand hinaus in den Kerker. Die Schüler wechselten schockierte, zum Teil ängstliche Blicke. Langsam verteilten sie sich in den Schlafräumen. An Regeln dachte heute niemand. Parvati, die am ganzen Leib zitterte, kroch zu ihrer Schwester ins Bett. Robert legte sich neben Lisa auf den Boden, um sie im Auge zu behalten. In gemischten Häusern suchten sich die Übrigen freie Betten. Aber niemand von ihnen konnte einschlafen. Harry drückte Hermine an sich und starrte in den von wenigen Kerzen schwach erhellten Raum. Professor Dumbledore war tot. Und mit ihm war ein großes Stück Wärme aus Hogwarts gewichen - und mit ihr das zuvor beruhigende Gefühl der Geborgenheit und unerschütterlichen Sicherheit... Harry schluckte. Albus Dumbledore galt als einziger Zauberer, den Lord Voldemort jemals wirklich gefürchtet hatte. Er war der sprichwörtliche Fels in der Brandung gewesen, der einzig wahre starke Widerstand gegen den Dunklen Lord. Derjenige, der den Orden zusammengehalten und stets um die ihm Anvertrauten besorgt gewesen war. Derjenige, der vehement gegen die Ignoranz des Ministeriums angekämpft hatte, um die ganze Zaubererwelt um die Gefahren wissen zu lassen, welche die Behörden aus Mangel an Beweisen und aus Angst vor Panik verschwiegen hatten. Was würde nun geschehen? Würde der Orden des Phönix zerbrechen? Würde Dumbledores Tod eine Apathie unter den Zauberern und Hexen auslösen, die daraufhin keinen aktiven Widerstand gegen Voldemort mehr wagen würden? War heute, in dieser Nacht, nicht auch der Mut gestorben, in dem sie alle eine tröstliche Hoffnung gefunden hatten? War Voldemort der entscheidende Schritt gelungen, um seine alte Macht zurückzuerlangen? Es gab nur noch einen einzigen wirklichen Dorn im Auge des Dunklen Lords. Und dieser Dorn war ein junger Mann, der verloren in die Dunkelheit starrte und realisierte, wie schnell er die Menschen verlor, die er liebte und die versuchten, ihn zu beschützen. Und der eine tiefe, an seiner Seele fressende Leere in sich spürte, die nichts als Trostlosigkeit hinterließ. Noch nie zuvor war das Schloss so kalt gewesen wie in dieser dunklen Nacht...
Als sie am Morgen die Große Halle betraten, war nicht wie sonst fröhliches Geplapper oder wenigstens leises Gemurmel zu hören. Bedrückte Stille herrschte und aller Augen wanderten immer und immer wieder zu dem leeren Platz in der Mitte des Lehrertisches. Appetit hatte keiner so richtig. Professor McGonagall erhob sich nach Beendigung des trostlosen Frühstückes von ihrem Stuhl. Sie wirkte so müde und niedergeschlagen wie der Rest der Anwesenden. "In Anbetracht der schrecklichen Ereignisse der letzten Nacht wird der Unterricht nicht in absehbarer Zeit wieder aufgenommen werden. Sie alle werden von nun an über Nacht in den Gemeinschaftsräumen der Slytherins bleiben, die von allen Schlafräumen am sichersten gelegen sind. Just in diesem Augenblick werden Ihre Habseligkeiten aus Ihren eigentlichen Schlafräumen in den Kerker gebracht. Die oberen Stockwerke sind ausnahmslos für jeden von ihnen gesperrt. Professor Sesachar hat den Treppenaufgang zum zweiten Stock versiegelt - zu unser aller Sicherheit. Ich bitte Sie alle inständig, nicht einmal zu versuchen, dieses Siegel zu durchbrechen oder zu umgehen. Sämtliche Lehrkräfte befinden sich nun im ersten Stock. Bei Einbruch der Dämmerung ist umgehend der Gemeinschaftsraum im Kerker aufzusuchen. Auch das Eingangsportal bleibt vorerst versiegelt. Niemand von Ihnen wird dieses Schloss verlassen, haben Sie mich alle verstanden?" Die Schüler nickten. "Ich habe Nachricht ans Ministerium geschickt. In einer knappen Stunde müsste Minister Fudge hier erscheinen, um die gefangenen Todesser abzuholen. - Eine Gruppe speziell ausgebildeter Zauberer ist unterwegs, um tagsüber Jagd auf Harpyien zu machen. Solange sie nicht ihre Aufgabe erledigt haben - und ich befürchte, das Prozedere wird einige Wochen in Anspruch nehmen - bleiben alle Schüler über Nacht im Kerker." "Und die Silberpelze, Professor?", fragte Ginny. McGonagall sah sie an. "Diese Wesen sind nur des Nachts aktiv, entgegen der Harpyien. Wir müssen leider Prioritäten setzen. Und das bedeutet, dass wir uns zuallererst der Harpyien entledigen müssen. Sie können nun in Ihren Gemeinschaftsraum zurückkehren. Die beiden Klassenräume im ersten Stock sind auch weiterhin zugänglich. Aber bitte seien Sie alle stets bereit, auf schnellstem Wege in die Kerker zu kommen. Wenn Sie Schatten am Fenster sehen, ignorieren Sie sie nicht. Was ich von Ihnen allen verlange, ist allerhöchste Alarmbereitschaft." Langsam leerte sich die Halle. Harry blieb sitzen und rührte mit griesgrämiger Miene in seinem Haferbrei herum. Hermine war neben ihm sitzen geblieben und Robert rutschte mit Lisa zu ihnen auf. "Ich wollte mich noch bedanken, Harry... für gestern", murmelte sie. Die Schwellung an ihrer Schläfe war über Nacht verschwunden und es schien ihr wieder gut zu gehen. Sie blickte Harry forschend an. "Gestern erschien es mir noch wie ein Traum, als ich mir einbildete, plötzlich auf einem schwarzen Pferd gesessen zu haben... Aber Rob sagte mir, das sei wahr..." Harry rührte weiter in seinem Haferbrei. "Sagt es aber bitte nicht weiter... vor Allem niemandem, der mit Malfoy Kontakt hat." Es grauste ihm bei der Vorstellung, was Draco mit einer solchen Information wohl anzustellen wusste. Lisa schnaubte. "Mit dem werd ich auch grad reden..." Sie beugte sich vor. "Und du bist echt ein Animagus, Harry?" "Und offensichtlich noch nicht registriert", vernahmen sie eine ölige Stimme hinter sich und wandten sich um. Snape war an ihrem Tisch stehen geblieben und lächelte dünn. "Aber das können wir ja gleich ändern, sobald Cornelius Fudge hier erscheint." Harry stieß den Löffel in den Teller zurück und Haferbrei spritzte über den Tisch. "Dann können wir ihm ja auch gleich sagen, wieso Dumbledore hat sterben müssen", sagte er und seine Stimme stand in ihrer Kälte der Snapes in nichts nach. Sein Blick war ebenfalls eisig. "Wenn Sie nicht..." "Potter...", setzte Snape an, aber Harry sprang von der Bank auf. "Wenn Sie nicht so versessen darauf gewesen wären, mir zu drohen, sondern verdammt noch mal aufgepasst hätten, würde Dumbledore noch leben! Denn dann hätte er Sie nicht zu retten brauchen, weil Sie zu inkompetent waren und Ihre Aufmerksamkeit einer in dieser Situation vollkommen nichtigen Sache zugewandt und sich darin verbissen haben!" Hermine war totenbleich. "Harry... um Gottes Willen, setz dich wieder hin..." Auch Rob und Lisa starrten unwohl zwischen Harry und Snape hin und her, die sich gegenseitig mit Blicken zu erdolchen schienen. "Wie können Sie es wagen, so mit mir zu reden, Potter?", presste Snape zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. "Fünfzig Punkte von Gryff..." Er verstummte, als sich ein Zauberstab auf ihn richtete. "Wagen Sie es nicht, mir dafür Punkte abzuziehen, dass Sie Schuld an Dumbledores Tod tragen!", fuhr er ihn mit vor Zorn sprühenden Augen an. Hermine riss nun an seinem Arm. "Harry, hör auf!", rief sie schrill. "Bitte!" Doch auch Snape hatte bereits seinen Zauberstab gezogen und hob ihn an. "Schön, Potter. Wie Sie wollen. Dann..." "Dürfte ich die kleine Streitigkeit der Gentlemen unterbrechen?" Weder Harry noch Snape wandten die Blicke voneinander ab. Pithormin Sesachar näherte sich dem Tisch. Entgegen Hermine und den beiden Slytherins schien er alles andere als panisch in Anbetracht der drohenden Eskalation. "Ein Duell zwischen euch Beiden wäre sicherlich interessant zu verfolgen, aber ich denke, das sollten wir uns für einen späteren Zeitpunkt aufheben. - Mr. Kurzawe, Ms. Lux, bitte verlassen Sie die Halle." Robert und Lisa schluckten und erhoben sich von ihren Plätzen. Rob klopfte Harry mitleidsvoll auf die Schulter. "Na dann viel Glück jetzt, Kumpel." Die beiden Slytherins verließen die Halle und Sesachar drehte sich wieder zu ihnen um. "Severus?" Snape stand wie versteinert, die Spitze seines Zauberstabes zielte weiterhin auf Harry gerichtet, der seinerseits den Lehrer anvisierte. "Mit Gewalt wirst du niemals das Vertrauen des Jungen gewinnen", sagte Sesachar kühl. "Weg mit dem Zauberstab." "Es kümmert mich nicht, ob er mir vertraut", zischte Snape. Sesachar zuckte mit den Schultern. "Na schön... - Expelliarmus." Snapes Zauberstab flog in seine Hand und er sah Harry auffordernd an. "Sei du jetzt wenigstens vernünftig, oder ich werde meine Sammlung um ein weiteres Modell bereichern." Langsam und mit größtem Unwillen senkte Harry den Arm. Sesachar lächelte. "Na bitte. Wir können doch alle vernünftig miteinander reden. - Würdet ihr bitte ein Stück aufrutschen? - Severus, setz dich." Er umrundete den Tisch und nahm neben Harry Platz. Mit einer Handbewegung wies er Snape an, sich ebenfalls zu setzen. "Gegenseitige Schuldzuweisungen rufen Albus nicht zurück ins Leben." Sesachar sah sie beide streng an. "Und es wäre niemals in seinem Sinne gewesen, dass ausgerechnet die Menschen, die - jetzt mehr denn je - aufeinander angewiesen sind, um diesen Kampf zu bestehen, ihren gegenseitigen Hass aufeinander so weit hochzutreiben, dass sie sich plötzlich als wahre Feinde gegenüberstehen. Ihr alle wisst, wie schnell Feindschaft entsteht. Und damit werden wir Voldemort niemals bezwingen. Nur gemeinsam." Er sah sie auffordernd an. "Also begrabt euren Streit und gebt euch die Hand." Harry und Snape schienen sich lieber gegenseitig das Genick brechen zu wollen, als sich die Hand zu geben. Sesachar sah Harry eindringlich an. "Der Club, den du zusammen mit deinen Freunden gegründet hast, hat nach Jahrzehnten alle Häuser Hogwarts friedlich miteinander verbunden und wirkliche Freundschaften entstehen lassen. Du sitzt mit Slytherins an einem Tisch und ihr begegnet euch nicht länger mit Argwohn oder gar Hass. Sobald ihr den Willen aufgebracht hattet, nach Gleichgesinnten zu suchen, egal, in welchem Haus diese auch zu finden waren, habt ihr bemerkt, dass ihr etwas zum Positiven verändert habt in dieser Schule. Gemeinsam stark, das sagt ihr doch mit eurem Clubnamen..." Harry starrte ihn an und schien zu überlegen. Sein Gesicht war nach wie vor finster, aber er streckte die Hand vor. Sesachar nickte wohlwollend. "Severus?" Der schnaubte unwillig, ergriff aber endlich doch Harrys Hand. "Mir würde es ja noch besser gefallen, wenn ihr lächeln würdet, aber man kann leider nicht alles haben." Sesachar stützte die Arme auf der Tischplatte auf. "Uns bleibt eine halbe Stunde, bis Fudge hier erscheint, und bis dahin möchte ich so viel wie möglich mit euch geklärt haben. Und wenn es nicht in eurem Interesse sein sollte, dann tut es für Albus." Harry seufzte ergeben und Snape hörte auf, mit den Zähnen zu knirschen. "Ihr seid den Silberpelzen zum ersten Mal begegnet", sagte Sesachar und blickte Harry und Hermine an. "Am Hogsmeade-Wochenende." Zögerlich räusperte sich Harry. Wenn er jetzt die Wahrheit sagte, würde er zugeben müssen, dass er Sesachar nachspioniert hatte. "Nein...", rang er sich schließlich doch dazu durch. "Ich habe sie schon vorher gesehen." Sesachar nickte. "In der Nacht, in der du entdeckt hast, dass du ein Animagus bist, nehme ich an. Du hast diese Kunst niemals zuvor versucht, zu erlernen." Harry nickte. "Ja... das ist wahr." "Wann war das?", fragte Sesachar. "Als du die Silberpelze zum ersten Mal gesehen hast?" "Vor Halloween." Harry schluckte. "Die Nacht, in der Sie im Hog's Head waren." Um Snapes Mundwinkel zuckte es. "Er spioniert also auch dir nach, Pithormin..." Harry bedachte ihn mit einem missmutigen Blick. "Meine Narbe schmerzte in dieser Nacht und ich konnte nicht schlafen. Ich stand am Fenster und habe jemanden das Gelände verlassen sehen." "Und statt dass Sie sich wieder schlafen gelegt haben, sind Sie ihm nachgeschlichen - wider aller Schulregeln!", zischte Snape. Sesachar klopfte mit den Fingerknöcheln auf den Tisch. "Ruhe, ihr Beiden. Oder ich hexe eure Hände aneinander, bis ihr endlich zu müde seid, euch gegenseitig anzugiften. - Harry, erzähl bitte weiter." "Ich bin Ihnen gefolgt, ohne zu wissen, dass Sie es waren, Professor", berichtete der wahrheitsgemäß. "Ich habe Sie vor der Waldschneise vor Hogsmeade kurz stehen bleiben sehen, bevor Sie ins Dorf und in den Hog's Head gingen. Aus dieser Schneise kamen die Silberpelze, als ich später zum Schloss zurückkehrte." Er zögerte. "Darf ich Sie fragen, wieso Sie dort stehen geblieben sind, Professor?" Sesachar kratzte sich grübelnd am Kopf. "Ich hatte ein Geräusch gehört und wusste nicht, wem ich es zuzuordnen hatte. Und es kam aus diesem Waldweg hinaus. Daher blieb ich stehen und wartete... Als sich nichts regte, ging ich weiter." "Sie wissen also nicht, wohin der Weg führt?", fragte Harry weiter. Pithormin Sesachar schüttelte den Kopf. "Nein. - Wohin führt er, Severus?" "Zu einem alten Gehöft außerhalb von Hogsmeade", antwortete der. "Aber Potter ist noch nicht fertig mit seiner... Erzählung." Und damit starrte er Harry lauernd an, der das Gesicht verzog und weiter sprach. "Ich folgte Ihnen in den Hog's Head, und als Sie dort die Kapuze abnahmen und mit dem Wirt sprachen, erkannte ich Sie. Und dann haben Sie beide sich gestritten..." Harry zögerte. Er verschwieg, dass er gesehen hatte, wie Sesachar den Wirt in aufkommender Rage gewürgt hatte. "Ich sah das Mal auf Ihrem Arm..." Hermine, die die ganze Zeit geschwiegen hatte, starrte Sesachar an. Der streckte seinen rechten Arm nach vorn und schob den Stoff seines Gewandes zurück, so dass alle deutlich das Dunkle Mal auf seiner Haut sehen konnten. "Sie sind... sie waren also wirklich... ein Todesser?", fragte sie. Sesachar nickte. "Ja, das war ich. Genauso wie Severus." Snape zischte wütend ob dieser Bloßstellung. "Meine Frau war eine massive Gegnerin des Dunklen Lords", erzählte Sesachar. "Sie schloss sich einer Widerstandsgruppe an, die von Voldemort und seinen Todessern geächtet wurde. Alle Familien, von denen kein Mitglied in seinen Diensten stand, ließ Voldemort genauestens überprüfen. Und wer auch nur in den Verdacht kam, gegen ihn zu sein, wurde ermordet. Viele Menschen sind damals gestorben. Großartige Zauberer und Hexen, die sich keines Verbrechens schuldig gemacht hatten - außer nicht auf der Seite des Bösen zu sein. Um den Verdacht von meiner Familie abzulenken, ging ich zu den Todessern", er hob seinen tätowierten Arm an, "und schwor dem Dunklen Lord meine Treue. Einige Zeit ging es gut... Bis man von mir verlangte, ein unschuldiges Kind zu töten, nachdem man schon seine Mutter auf grausamste Weise gequält hatte. Doch anstelle das Kind zu töten, floh ich mit ihm... Voldemort hat grausame Methoden, seine Leute für Zuwiderhandlungen seiner Befehle zu bestrafen..." Plötzlich wirkte Sesachar müde und sein Gesicht um gute zehn Jahre gealtert. "Als ich mit der Kleinen nach Hause kam, fand ich nur noch die Leichen meiner Frau und meiner Söhne vor. Und zwei bereits auf mich wartende Todesser. - Ich war zu schwach, zu kämpfen..." "Er stand einfach nur da." Snape starrte vor sich auf die Tischplatte. "Bereit, zu sterben, ohne ein Flehen auf den Lippen." Harry und Hermine sahen ihn verblüfft an und er sprach weiter. "Cain und Diomán wollten gerade auch ihn töten..." "Aber sie kamen nicht dazu", nahm Sesachar den Faden der Geschichte wieder auf. "Severus hat mir mein Leben gerettet, mich und das Kind aus dem Haus weggebracht. Von da an befand ich mich mit der Kleinen auf der Flucht. Severus gab gegenüber seinem Meister vor, mich getötet zu haben, nachdem ich Cain und Diomán angeblich überwältigt hätte. So rettete er mein Leben... Und ich hielt mich mit dem Mädchen im Verborgenen, bis der Dunkle Lord verschwand, kaum dass er dich gezeichnet hatte." Dabei blickte er Harry an, der schwer schluckte. "Und dann?", fragte er leise. "Dann nahm ich Severus mit zu meinem Onkel." Sesachar lehnte sich zurück. "Albus Dumbledore." Schweigen. Die Blicke der Schüler wanderten zwischen Snape und Sesachar hin und her. Vor ihnen saßen ehemalige Todesser, die beide aus eigener Entscheidung gegen ihren Lord aufbegehrt hatten, um das Leben eines anderen zu retten. Der eine das Leben eines unschuldigen Kindes, der andere denjenigen, der dafür gerichtet werden sollte, ein Kind verschont zu haben. "Was war das für ein Kind, dass Professor Snape Sie dafür gerettet hat?", fragte Hermine plötzlich. Doch statt Sesachar antwortete der Hauslehrer Slytherins. "Es war meine Tochter." Harry klappte die Kinnlade herunter. "Sie haben eine Tochter?" Snape sah ihn giftig an und wollte gerade die Stimme heben, als sich Sesachar hastig einmischte. "Albus sorgte für unsere Rehabilitation und gab Severus diese Stelle in Hogwarts. Seine Tochter kam zu deren Tante, die das Mädchen regelrecht an sich riss. Sie vertraute Severus nicht und gab ihm die Schuld am Tod ihrer Schwester. Und das tut auch Violetta." "Unsere Violetta?" Hermine schloss die Finger um die Tischkante. "Violetta Ziob?" Snape nickte griesgrämig. Harrys Gedanken rasten. Seit er Violetta kannte, hatte sie niemals von ihren Eltern gesprochen, immer nur von ihrer Tante Kirsty. Und soweit er sich erinnern konnte, hatte sie Snape nicht einmal angeschaut, wenn sie es nicht unterrichtsbedingt hatte tun müssen. Auch sah sie Snape nicht gerade ähnlich - bis auf die unergründlichen, pechschwarzen Augen erinnerte nichts an ihr an den Hauslehrer Slytherins. "Ich habe Sie nie mit Violetta reden sehen", sagte er verwirrt. Snape starrte düster vor sich hin. "Sie spricht nicht mit mir. Sie verabscheut mich. Und ich werde ihr nicht wie ein winselnder Hund nachlaufen und um Gnade flehen. Ich habe ihre Mutter nicht verraten." Harry verbiss sich den Kommentar, dass jemand wie Snape auch nicht gerade der Menschenschlag war, der um Gnade flehte. "Und darum hat Ihnen Dumbledore vertraut? Weil Sie seinen Neffen vor dem Tod bewahrt haben? Dabei haben Sie nur eine Schuld beglichen, indem Sesachar Ihre Tochter rettete." "Ich habe eingesehen, dass die Loyalität der Todesser eine falsche war, denn sie richtet sich nicht nur gegen alles außerhalb dieses Verbandes." Snape sah Harry unwillig an. "Die Todesser können nur funktionieren, weil sie jedes schwächliche Glied in ihrer Kette töten, bevor dieses Glied die Kette reißen lässt. Es gibt keine Bindung untereinander. Nur ergebene Treue dem Dunklen Lord gegenüber. Wer sich ihm widersetzt, widersetzt sich der gesamten Gruppe. Sympathien für jedes andere Wesen zählen nichts. Ganz egal, ob es die eigene Frau, Tochter oder der Sohn ist!" McGonagall, die in der Flügeltür erschien, unterbrach die Unterhaltung. "Pithormin, Severus - Cornelius Fudge ist eingetroffen."
Harry und Hermine kehrten sehr nachdenklich in den Kerker zurück. Zu aufwühlend waren die vielen neuen Informationen, die sie noch immer nicht so recht verarbeiten konnten. Sie erreichten die Vorhalle zum Gemeinschaftsraum und Harry nannte das Passwort. Die Räume der Slytherins waren größer und verzweigter als die der Gryffindors, wie sie inzwischen festgestellt hatten. Hinter dem geheimen Eingang im Mauerwerk lag zuerst ein hoher Saal, in dem zu beiden Seiten Kamine brannten. Dazwischen standen grüne Sessel und Sofas auf dunklen, schweren Teppichen. Durch einen breiten Durchgang kam man in eine Rundhalle, von der aus mehrere Türen in weitere Räume führen, unter anderem in einen zweiten Aufenthaltsraum und eine Bibliothek, die zwar etwas schäbig wirkte, aber in der viele Bücher zu entdecken waren, an die man normalerweise nicht so leicht herankam, wenn man sie von Madam Pince auszuleihen versuchte. Einer der Durchgänge führte in einen langen, dunklen Korridor. Harry hatte bisher noch kein Interesse daran gefunden, ihn zu erkunden, aber laut Max führte er nur einige Meter weit, um dann an einer geschlossenen Mauer zu enden. Und dann waren da natürlich noch die Schlafräume. Links führte es noch ein Stockwerk tiefer hinab in die Jungenschlafzimmer, rechts lagen auf gleicher Ebene die der Mädchen. Violetta hatte die Verbindungstür entzaubert, die zuvor jedem Jungen den Zutritt zu den Räumen der Mädchen verweigert hatte, denn niemand von ihnen legte Wert darauf, in Malfoys Nähe in den Jungenschlafzimmern zu übernachten. Und so verteilte sich die Viribus Unitis auf die sieben Mädchenschlafzimmer, nachdem sie Blaise mehr oder weniger unsanft hinausgeworfen hatten. Sie suchten ihr Gepäck zusammen und verteilten sich auf die Schlafräume. Lavender, die Patil-Zwillinge, Aicha Chamllal aus Slytherin und Alina Mieleck, eine Fünftklässlerin aus Hufflepuff, nahmen den ersten Schlafraum. Neben ihnen richteten sich Robert, Lisa, Amir Mirza, Cho und Michael ein. Harry schleifte seinen Koffer am dritten Raum vorbei und sah, dass auch dieser schon voll belegt war. Ginny, Dean, Seamus, Anthony und Zacharias waren dabei, die Betten auszulosen. Im vierten Raum war noch Platz. Harry spitzte durch die Tür ins Zimmer. "Ist hier noch was frei?" "Klar, kommt rein", meldete sich eine Stimme hinter einem der Betten, wo jetzt Violetta Ziob auftauchte und ihren Koffer auf das Bett hievte. "Bisher ist nur Max noch hier. Kommt rein." Harry sah Hermine an, die mit einem Grinsen die Schultern zuckte, und beide schleiften ihre Koffer in das Zimmer. Sie nahmen die zwei freien Betten, die nebeneinander standen und begannen gerade auszupacken, als etwas im Türrahmen auf den Boden plumpste. Ron blickte auf das letzte freie Bett, dann auf Max, der an ihm vorbei in den Raum trat. "Oh bitte", wimmerte er. "Wollt ihr ganzen blöden Pärchen mich ausbooten? Es gibt keinen gottverdammten, nicht von euch infizierten Raum!" Harry warf lachend ein Paar Socken nach ihm. "Hör auf, rumzuwinseln, und komm rein." Ron warf seine Tasche auf das Bett neben der Tür und ließ sich darauf fallen. "Sagt mal, geht es nur mir so, oder sind diese Kerkerdecken erdrückend?" Max blickte nach oben auf die schweren grauen Steine, welche die Decke über ihnen bildeten. "Es schallt manchmal, aber eigentlich find ich's ganz heimelig hier." "Es zieht", beschwerte sich Ron und verschränkte die Arme vor der Brust. "Incendio!" Violetta hatte ihren Zauberstab auf den raumeigenen kleinen Kamin gerichtet und schon prasselte ein warmes Feuer darin. Ron warf sich auf dem Bett herum und starrte darauf. "Krass, ihr habt hier Kamine in den Schlafräumen?" "Natürlich", lachte Max. "Sonst wäre es im Winter nicht auszuhalten hier unten." Harry hatte gerade seine Bücher aus dem Koffer genommen, als sei Blick auf einen dünnen alten Band fiel. Er schob die normalen Regelwerke für den Unterricht bei Seite und nahm das Buch auf. 'Eine Chronik der ältesten Zauberersiedlungen Britanniens.' Himmel, das hatte er vollkommen vergessen! Er legte das Buch auf seinen Nachttisch, um es nach dem Auspacken endlich zu lesen. Bis zum Abendessen war noch viel Zeit dazu. "Robert hat erzählt, du bist mit Snape aneinander geraten?", fragte Violetta, die im Schneidersitz auf ihrem Bett saß und Pergamentrollen mit diversen Hausaufgaben sortierte. "Ich hoffe, er hat dir nicht wirklich Punkte abgezogen dafür, dass du die Wahrheit aussprichst." Eine leichte Bitterkeit lag in ihrer Stimme, und wenn Harry nicht geahnt hätte, woher sie rührte, hätte er sie sicher nicht einmal bemerkt. "Nein... Das hat er nicht. Er wollte, aber Professor Sesachar kam dazwischen." Violetta nickte nur und Harry betrachtete sie verstohlen aus den Augenwinkeln. So sehr er sich auch bemühte, Snape in ihr zu sehen, es gelang ihm nicht. Ihr Haar war zwar genauso dunkel wie das seine, aber sehr gepflegt und seidig. Ihre Augen waren ebenso kohlrabenschwarz, aber alles andere als kalt und undurchdringlich. Ihr Gesicht war auffallend hübsch, und diese Eigenschaft war wirklich das allerletzte, was Harry mit Snape in Verbindung brachte. Er machte es sich auf seinem Bett bequem und griff nach dem Buch auf seinem Nachttisch. Doch bevor er es aufschlug, blickte er erst einige Sekunden lang in den Raum. Die Slytherin-Farben irritierten ihn und es war ein befremdliches Gefühl, in diesem Schlafraum zu liegen. Er musste wohl zu intensiv auf das Wappen des Hauses Slytherin gestarrt haben, denn Max folgte seinem Blick und kratzte sich grübelnd am Kinn. "Die Raumdeko ist Momentan nicht gerade angebracht, was?" Harry schreckte aus seinen Gedanken auf. "Bitte?" Max deutete auf das Schlangen-Emblem. "Wieso haben wir als Viribus Unitis eigentlich kein eigenes Wappen?" Violetta nahm wieder ihren Zauberstab zur Hand und grinste. "Sollen wir eines entwerfen?" Sie sah die Vier an. "Hat jemand Vorschläge?" Hermine grübelte. "Es sollten alle vier Hausfarben darin enthalten sein", meinte sie. Max nickte eifrig. "Ja, und wir brauchen ein Wappentier. Ein ganz persönliches - das nichts mit denen unserer regulären Häuser zu tun hat." Sie begannen, an dem Slytherin-Wappen herumzuzaubern. Nach einer Weile kamen weitere Mitglieder der Gruppe hinzu und beteiligten sich am Designentwurf. Schließlich einigten sie sich auf ein blau-gelbes Muster in der oberen linken Ecke und grün-rote Querbalken darunter. Max grübelte und trennte die beiden Bereiche durch einen Silberstreifen, den Harry zu einem Kreuz vollendete. Ron pochte auf eine goldene rechte Seite, nachdem nun das Trennkreuz in Silber gehalten war. "Uns fehlt immer noch ein passendes Tier", grummelte Lavender und ließ mit einem kurzen Schnicken ihres Zauberstabes alles Mögliche, was ihr einfiel, auf der rechten Seite des Wappens erscheinen. Eine Eule, die als zu gewöhnlich abgestempelt wurde. Ein Delphin, der vielen zu exotisch war. Ein Wolf, der in Angedenken an die Silberpelze wenig Zuspruch fand, auch wenn Harry leise grummelnd anmerkte, dass es schließlich auch nette Werwölfe gäbe. "Wir brauchen ein Tier, das Ausdruck für Stärke ist", bestimmte Katherine. Violetta nickte. "Und eines, das kein Einzelgänger ist, sondern die Gemeinschaft bevorzugt." Dulce seufzte wehmütig. "Okay, dann vergesst meine Idee mit dem Panther." "Obwohl Schwarz ein netter Kontrast zu all den anderen Farben wäre", merkte Neville an und nickte auf das doch recht bunt gewordene Wappen. Über Roberts Gesicht huschte auf einmal ein breites Grinsen. Mit einem kurzen Schnicken seines Zauberstabes ließ er ein neues Tier auf dem Wappen erscheinen. Ginny strahlte. "Das ist einfach perfekt!" Auch Michael war überzeugt. "Wieso ist keiner vorher auf das gekommen, hä?" "Das nehmen wir!", klatsche Hannah begeistert in die Hände. Harry starrte auf das Wappen. "Muss es ausgerechnet das sein?" Hermine und Ron taten sich schwer, ihr Lachen zu unterdrücken. Auch Lisa verbarg ihr Gesicht hinter Robert, der breit grinste. "Wieso denn? Sag mir etwas anderes, was schwarz sein kann und zudem zu unseren Vorstellungen passt." Harry seufzte ergeben, auf das steigende schwarze Pferd auf dem Wappen starrend, und Hermine stupste ihn schmunzelnd an. "Und noch ein so schönes Tier dazu... Da kann es doch nichts Passenderes geben..." "Ameisen leben auch in einer Gemeinschaft und sind schwarz", murmelte er. "Harry!" Lachend warf Dean ein Kissen nach ihm. "Du bist so doof!" Zacharias lehnte sich zurück. "Gut, dann ist es beschlossen. Das ist unser Wappen!" Bald waren sämtliche Slytherin-Wappen in den Schlafräumen in das von Viribus Unitis umgewandelt worden. Harry verfolgte die Umgestaltung weiterhin missmutig und wandte sich zu Robert, dem Übeltäter, um. Der Slytherin grinste ihn breit an. "Gefällt es dir nicht?" Er zwinkerte ihm zu. "Ich meine... Wo der ganze Club doch mit dir seinen Anfang genommen hat, wäre eine klitzekleine Hommage doch angebracht, oder?" Ein Seufzen war die Antwort darauf und Robert lachte.
***
Es war Zeit zum Abendessen und über die ganze Hektik mit dem Wappen war Harry wieder nicht dazu gekommen, 'Eine Chronik der ältesten Zauberersiedlungen Britanniens' zu lesen. Resignierend folgte er den anderen in die Große Halle und bemerkte missmutig, wie es seinen Kameraden Spaß zu machen schien, auch hier die Wappen umzuzaubern. Doch als er sah, wie Malfoys Kinnlade herunter klappte, als er mit ansehen musste, wie Violetta vor seinen Augen das Slytherin-Emblem verwandelte, besserte sich seine Laune merklich. Alle, bis auf Malfoy, Crabbe, Goyle und Blaise setzten sich an einen Tisch. Und entgegen des Vortages gab es nun wieder leises Gemurmel und sogar vereinzeltes Gelächter. Professor McGonagall hielt auf ihrem Weg zu ihrem Platz an ihrem Tisch inne. Überrascht sah sie in die Runde und auf das ihr fremde Wappen, das die Wand dahinter zierte. "Würde mir jemand von Ihnen erklären, was das da soll?", fragte sie. Zacharias räusperte sich vernehmlich. "Das ist das Wappen des fünften Hauses von Hogwarts", antwortete er und alle, nicht nur McGonagall, sahen ihn fragend an. Zacharias grinste und fuhr fort: "Das Haus, in dem jeder ist, der sich nichts mehr aus Häusern macht." "Deine Logik erschlägt mich", zog ihn Dean auf und alle lachten. McGonagall sah von einem zum anderen. Dass sich das Verhältnis der Schüler untereinander erwärmt hatte, war ihr natürlich nicht verborgen geblieben. Doch nun schien ein jeder von ihnen es auch wirklich sehr ernst damit zu meinen, eine wahre Gemeinschaft zu bilden. "Ich denke, ich hätte Sie alle schon viel früher über einige Zeit irgendwo zusammen einsperren müssen", sagte sie und wies Filch an, der gerade im Eingangsbereich der Großen Halle eifrig daran war, die Wappen zu entfernen: "Argus, lassen Sie sie bitte hängen." Der Hausmeister starrte sie aus ungläubigen Augen an. "Aber Professor...", schnarrte er und zerrte weiter an der Fahne, die er gerade von der Wand abnehmen wollte. "Sie sollen hängen bleiben." McGonagall sah ihn streng an. "Sie sind ein Teil dessen, was wir alle brauchen, Argus. Gehen Sie." Merklich fluchend humpelte Filch aus der Halle und die Schüler grinsten sich an. Bevor das Mahl begann, betrat eine Gruppe fremder Zauberer die Halle. Es waren sieben Mann, zum größten Teil stämmig und muskulös, und ihre Gesichter waren von Wind und Wetter gegerbt. Der einzig Schmale unter ihnen, ein blonder Hüne, schien ihr Leiter zu sein, denn er trat vor, um Professor McGonagall die Hand zu reichen. "Mein Name ist Azi McKenzie. Minister Fudge wird Sie sicher von unserem Eintreffen in Kenntnis gesetzt haben." "Das hat er, Mr. McKenzie. Seien Sie willkommen in Hogwarts. Sie sind sicher hungrig." Die Männer grinsten einander an. "Nun ja, die Reise von den Dolomiten hierher war kein Zuckerschlecken", sagte einer von ihnen und lachte. "Ihr Aufenthalt wird es auch nicht sein, Gentleman", seufzte McGonagall und deutete auf den leeren Ravenclaw-Tisch. Die Männer setzten sich und schüttelten Schneeflocken von ihren groben Kleidern. "Wer sind die?", fragte Hermine, als sich Professor Sesachar überraschend zu ihnen an den Tisch setzte. "Harpyien-Jäger", antwortete Pit. "Sie wissen genau, wo und wie man diese Biester findet. - Harry, ich möchte, dass du heute um halb zehn in Snapes Büro erscheinst." Harry runzelte die Stirn, doch Professor Sesachar winkte ab. "Keine Fragen. Komm um halb zehn." Er nahm sich ein Fleischbällchen von der Platte vor sich und stand wieder auf. Ohne ein weiteres Wort ging er zum Lehrertisch und nahm dort seinen Platz ein.
***
Nach dem Essen ließ sich Harry in einen der grünen Sessel vor dem Feuer des Gemeinschaftsraumes fallen und schlug 'Eine Chronik der ältesten Zauberersiedlungen Britanniens' auf. Er suchte vergeblich nach einem Stichwortregister und blätterte suchend die Seiten durch. Öfter stieß er auf Karten - Straßenpläne alter magischer Dörfer - und konnte aus den Beschriftungen die Namen der Orte herauslesen. Er war beinahe am Ende des Buches angekommen, als er sie fand: Eine alte Karte von Hogsmeade. Zu seiner Enttäuschung stammte sie aus dem Jahre 1849. Harry bezweifelte, dass sich seitdem nicht sehr viel in dem kleinen Dorf getan hatte. Aber als er die Karte genauer betrachtete, erkannte er den Bahnhof, in dem der Hogwarts Express zu Beginn und Ende jedes Schuljahres einlief. Es waren nicht sehr viele Gebäude auf der Karte verzeichnet, aber einige erkannte Harry: Den Honigtopf, der sogar schon vor 150 Jahren den gleichen Namen getragen hatte. Auch das Postamt war schon verzeichnet. Mit Hilfe dieser Anhaltspunkte konnte sich Harry sehr gut auf der Karte orientieren. Er fand einige ihm unbekannte Gebäude an Stellen, an denen heute ganz sicher nichts mehr stand. Aber eine Einzeichnung erweckte seine besondere Aufmerksamkeit. Eine abgelegen liegende Hütte auf dem Südhügel vor Hogsmeade, von dichtem Wald umgeben. Er kniff die Augen zusammen, um die winzige Schrift auf der Karte entziffern zu können. "Gairech", murmelte er schließlich. "Was ein Name..." Er überflog den Text neben der Karte, doch das Wort "Gairech" tauchte nicht einmal darin auf. Er blätterte vor... auch nichts. Zurück. Keine Spur. Nicht den kleinsten Eintrag konnte er finden. Frustriert klappte er das Buch wieder zu, warf einen Blick auf die Uhr und stand auf. Er konnte genauso gut schon in Snapes Büro gehen, es war bereits nach neun. Er ließ das Buch auf dem Sessel zurück und trat durch die sich öffnende Wand aus dem Gemeinschaftsraum. Er fragte sich, was Professor Sesachar von ihm wollte - noch dazu ausgerechnet in Snapes Büro! Er stieg die wenigen Stufen bis zum Korridor hinauf und wäre dort beinahe mit Pithormin Sesachar zusammengestoßen. "Oh, Harry, da bist du ja schon." Er wirkte zufrieden und nickte den Flur hinunter. "Komm gleich mit. Als sie das Büro betraten, war von Snape weit und breit nichts zu sehen. Grünliches Licht erhellte das sonst dunkle Büro. Sesachar schob Harry in den Raum und schloss dann die Tür hinter sich. Ein Durchgang war in der gegenüber liegenden Wand zu sehen und dahinter ein hohes Becken, dessen grünes Leuchten gerade genug Licht abgab, um den Schreibtisch, den sie umrunden mussten, als schwarze Silhouette auszuleuchten. Sesachar dirigierte Harry vor sich her, am Tisch vorbei und durch das Loch in der Mauer - hinein in den versteckten Raum. Das leuchtende Becken bildete sein Zentrum. Kein Teppich zierte dieses Zimmer, kein Fenster, keine Kerze war zu sehen, aber Reihen dunkler, sehr alter Bücherregale, die mit sicher ebenso alten Schriften gefüllt waren. Neben dem Becken stand Snape und sah ihnen entgegen. Seine ohnehin helle Haut wirkte in dem gespenstischen Licht noch blasser und mit einem giftigen Grünschimmer versehen. Harry schluckte. Etwas war in diesem Raum, was ihn nicht nur verstörte, sondern regelrecht Angst einflößte. Als ihn Sesachar weiter in den Raum und an das Becken heranschob, fand Harry die Quelle seiner Furcht. In dem Becken, im zähflüssigem Grün, wand sich eine Schlange zischelnd durch einen bleichen Totenkopf. Harry wich zurück und prallte dabei unsanft gegen Professor Sesachar. Worauf er starrte, war das Dunkle Mal Lord Voldemorts...
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