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Von einer hüfthohen, dicken Säule gehalten stand das Becken vor ihm, gefertigt aus schwarzem, glatten Stein. Und ohne Unterlass, wie in einem ewigen Kreislauf, glitt die Schlage aus den hohlen Augenlöchern des Totenkopfs hervor, um kurz darauf wieder durch den klaffenden Kiefer im Inneren des Schädels zu verschwinden. Die sie bedeckende Flüssigkeit schwappte sanft bei jeder Bewegung gegen die Ränder des Beckens. Sesachar packte Harrys Schultern fester. "Ganz ruhig", raunte er. "Begegne dem Seelenfresser niemals mit Furcht." "Dem was?", brachte Harry hervor und Snape deutete auf das Becken. "Eine Erfindung der Todesser", informierte er ihn kühl. "Das effektivste Folterinstrument, das jemals entwickelt wurde." Harry spürte, wie ihm der kalte Schweiß ausbrach. Er starrte auf Snape, das Becken vor sich und Sesachar, und eine Welle von Emotionen übermannte ihn. Sie hatten ihn betrogen, alle beide. Sich sein Vertrauen erschlichen mit ihrer kleinen Geschichte um Snapes angebliche Tochter und ihren Widerstand gegen den Dunklen Lord. Doch alles war eine Lüge gewesen, jedes Wort! Dumbledore war tot. Und sie hatten endlich freie Bahn, Snape und sein neuer hinterlistiger Mitstreiter. Sie hatten ihn nur aus einem Grund hierher geholt, jetzt wo die gesamte Lehrerschaft damit beschäftigt war, die Schule vor Eindringlingen zu schützen. Doch diese hatten versagt. Der Feind stand bereits in ihren Reihen und hielt ihn, Harry, gefangen in einem dunklen Raum in den Tiefen des Kerkers. Und niemand würde ihn hier schreien hören... Mit ganzer Kraft warf sich Harry gegen Sesachar und der Professor taumelte zurück. Er schlug unsanft gegen die Wand, doch bevor Harry an ihm vorbei in das Büro zurückhetzen konnte, schloss sich ein fester Griff um seinen Arm. Im grünen Licht sah er Sesachars Augen dunkel glänzen. "Warte, Harry!", verlangte er, aber Snape schüttelte nur den Kopf. "Lass ihn gehen, Pithormin. Der Junge wird uns niemals vertrauen. Das alles war eine dumme Idee." Er starrte Harry kalt an und der erwiderte seinen Blick voller Zorn. "Ich war so dumm, es zu tun und hierher zu kommen!", schrie er. "Sie Verräter!" Sesachar schüttelte ihn. "So komm doch zur Vernunft!", fuhr er ihn an. "Wir wollen dir nichts..." Ein verzweifelter Faustschlag warf ihn erneut zurück und überrascht von diesem Angriff ließ er Harry los. Mit verzerrter Miene rieb er sich das schmerzende Kinn und Snape lachte leise. "Ich habe dir gesagt, der Junge ist schwierig..." Harry bebte vor Zorn, sein Blick flog zwischen den beiden Männern hin und her, jeder Muskel, jede Sehne in seinem Körper war aufs Höchste angespannt. Sesachar seufzte. "Wir arbeiten nicht gegen dich, Harry, verstehe es doch endlich", versuchte er es erneut. "Wir wollen nur..." "Mich in einen Raum sperren, umgeben von dicken Mauern, und foltern?", begehrte der auf. Snape strich sich mit nachdenklicher Miene über die Lippen. "Kein schlechter Einfall..." "Severus!" Sesachar funkelte ihn wütend an. "Hör auf damit und bestätige nicht sein Misstrauen! - Harry, komm her." "Nein!" "Potter, kommen Sie her!" Snape war von dem Becken weggetreten und packte nun seinerseits Harrys Schulter. "Und benutzen Sie endlich Ihren Verstand!" "Das tut er", erwiderte Sesachar und rieb sich noch immer das Kinn. "Das ist das Problem. Er denkt, wir würden ihn verraten." Harry ballte erneut die Fäuste und spürte einen Hitzeschwall der Wut durch seinen Körper rasen. Oh ja, das dachte er. Nein, er war überzeugt davon, dass es so war. Aber einfach ergeben würde er sich diesen Männern nicht! "Verdammt noch mal!" Sesachar starrte ihn durchdringend an. "Wir sind auf deiner Seite! Wie oft müssen wir das noch wiederholen?" "So oft, wie Sie wollen", fuhr ihn Harry an. "Ich glaube Ihnen kein Wort!" Und er nickte zu dem glühende Becken in der Mitte des Raumes. Sesachar seufzte. "Wir haben nicht vor, dir Böses anzutun. Also bitte setz dich und hör mir zu." Harry machte keine Anstalten, seiner Bitte Folge zu leisten, gab aber nach, als Snape ihn mit eisernem Griff auf einen Stuhl drückte. "Ja, der Seelenfresser wurde von den Todessern als Folterinstrument benutzt, das ist wahr." Sesachar ließ sich Harry gegenüber nieder. "Man benutzte ihn, um jeden Zauberer, jede Hexe ausfindig zu machen, die sich jemals auch nur einmal gegen den Dunklen Lord ausgesprochen hatte. Bevor man einen offensichtlichen Gegner hinrichtete, zwang man ihn dazu, all seine Mitstreiter zu verraten - mit Hilfe dieses Beckens." "Es liest Ihre Gedanken", schnarrte Snape. "Und fängt sie alle ein, jedes Bild in Ihrem Gedächtnis, das darin verborgen liegt. Niemand hat sich dessen erwehren können. Die... Methode, mit der dieses Instrument eingesetzt wurde, ließ auch die mächtigsten Zauberer schwach werden und legte ihre Erinnerungen bloß wie auf einem Silbertablett. Keiner konnte sich dem Seelenfresser zur Wehr setzen." "Und wieso erzählen Sie mir das?", giftete Harry ihn an. "Was wollen Sie denn noch sehen? Was wollen Sie herauspressen aus mir?" "Nichts, was du nicht freiwillig Preis geben willst, Harry", sagte Sesachar ruhig. "Wann hattest du zum letzten Mal eine Vision? In den letzten Wochen?" "Keine", gab Harry trotzig zurück. Snape lächelte dünn. "Lügen Sie uns an oder haben Sie doch etwas bei mir gelernt?" Harry verzog unwillig das Gesicht. "Ich hatte keine mehr. Schon lange nicht mehr... seit ich wieder Okklumentik-Unterricht habe..." "Und davor?", warf Sesachar ein. Professor Snape deutete das darauf folgende Schweigen mit kühler Stimme: "Also ja. Wieso auch sonst sollten Sie freiwillig zu mir kommen und mich um weiteren Unterricht bitten. - Welche Visionen waren es, Potter?" "Nur dummes Zeug", knurrte der eine unwillige Antwort. "Harry..." Sesachar sah ihn bittend an. "Dir gefallen diese Visionen nicht und es ist sehr gut, wenn du sie so wie jetzt abwehren kannst. Doch was du gesehen hast, kann uns - und vor Allem dir selbst - hilfreich sein, wenn du dich daran erinnerst, was genau du gesehen hast." Eine Weile schien es so, als würde Harry lieber erneut versuchen, aus dem unheimlichen Raum zu fliehen, doch dann gab er endlich nach. "Einen Mann", murmelte er, sich die letzte Vision, die er gehabt hatte, in Erinnerung rufend. "In irgendeinem Haus, mit einem toten Hund. Und Todesser waren dort." Sesachar runzelte die Stirn. "Was wurde gesprochen?" "Ich weiß es nicht mehr..." "Keine Details, Potter?", fragte Snape. Harry schüttelte den Kopf. "Nein. Nichts..." "Aber alles, was du gesehen hast, ist noch in dir", erklärte ihm Sesachar ruhig. "Du magst es erfolgreich verdrängen, aber alles ist noch da. Und der Seelenfresser könnte es aufzeigen... In jedem Detail...." "Nein!", schnappte Harry. "Ich lasse mich nicht foltern!" Pithormin seufzte. "Noch einmal, wir wollen dich nicht foltern. Und es gibt Mittel und Wege, den Seelenfresser zu benutzen, ohne dir den geringsten Schaden zuzufügen. Ich schwöre dir bei meinem Leben, es wird nichts passieren, wenn du uns vertraust und genau das tust, was wir dir sagen." "Wieso sollte ich Ihnen vertrauen?", fragte Harry vorwurfsvoll. Snape sah ihn kühl an. "Weil wir Ihnen vielleicht dabei helfen können, den Dunklen Lord zu töten. Keiner sonst kennt ihn so gut wie wir." Harry schwieg eine Weile. Dann senkte er ergeben den Kopf. "Na schön, dann...", er holte tief Luft, "tun Sie es..." Sesachar nickte, erhob sich und bedeutete Harry, ihm zurück zu dem Becken zu folgen. Als er davor stehen blieb, starrte Harry erneut auf die sich windende Schlange in dem bleichen Schädel am Grund des Beckens. Pithormin wies auf zwei Kerben zu beiden Seiten der schweren Steinschale, die knapp über der sanft und träge zitternden Flüssigkeit lagen. "Dort legst du deine Daumen hinein, und zwar so, dass deine Fingerspitzen in das Gel eintauchen. Sobald du das tust, Harry, schließe deine Augen. Das ist das Allerwichtigste. Solange du in Verbindung mit dem Seelenfresser stehst, öffne niemals und unter keinen Umständen deine Augen, ganz egal was passiert. Und hab keine Furcht, sei ganz entspannt. Dieses Instrument arbeitet mit Angst, so gib ihr keine Angriffsfläche. Lass sie nicht an dich heran. Denk an etwas Schönes, so als würdest du einen Schutzpatron heraufbeschwören, hast du mich verstanden?" Harry nickte stumm. "Lass deine Augen geschlossen", wiederholte Sesachar. "Du wirst sehen, was wir sehen, vor deinem inneren Auge. Du verpasst also nichts. Ich bleibe hinter dir, es kann dir nichts geschehen. - Bist du bereit?" Wieder nickte Harry und Sesachar legte die Hände auf seine Schultern. "Gut, sehr gut." Er sah zu Snape, der ebenfalls stumm nickte. "Dann lasst uns beginnen." Harry atmete tief durch, schob seine Hände über den glatten, kalten Stein des Beckens zu den beiden Kerben vor. Er senkte den Kopf und schloss die Augen, suchte nach einem schönen, unbeängstigenden Gedanken. Ein Lächeln spielte um seine Lippen, als er ihn fand und entspannt, wie Sesachar es ihm aufgetragen hatte, tauchte er seine Fingerspitzen in den zähen, grün fluoreszierenden Gelee des Beckeninneren. Kälte umschloss sie und er zuckte leicht zusammen. Sesachar festigte seinen Griff um Harrys Schultern. "Nicht die Augen öffnen", raunte er. "Nicht öffnen..." "Ostendito!", hörte er Snapes Stimme, gefolgt von einem kurzen, schlüpfrigen Geräusch, als wenn etwas aus dieser gallertartigen Masse des Beckens herausbrach, und ein schwerer Druck legte sich auf Harrys Stirn. Vehement unterdrückte er den Impuls, die Augen aufzureißen und konzentrierte sich auf seinen Atem. 'Ganz ruhig', befahl er sich selbst. 'Keine Panik...' Für den Bruchteil einer Sekunde tanzten wirre Bilder einen hektischen Reigen vor seinem inneren Auge. Snape suchte nach der Vision, Harry wusste es. Und intuitiv rief er sich ein grobes Bild des Mannes in Erinnerung, der in Bauernkleidung auf einem alten Holzboden kniete und... Da war es! Der Mann, auf dem Boden kniend in schäbigen Kleidern. In einem grau geblichenem, zerschlissenen Männerrock, der mit einem einfachen Seil zusammengehalten wurde, saß er da, barfuß, mit Schwielen an den von Arbeit gezeichneten Fingern. An seinen Armen Kratzer und verheilte Bisswunden, auch in seinem Gesicht Spuren von Auseinandersetzungen mit Tieren. Blassgraue Augen, die voller Schrecken hinaufstarrten zu dunklen Gestalten. Schulterlanges schlohweißes Haar, verfilzt und wirr. Seine Hände, vergraben in langem, dichten Fell eines Hundes, silbergrau und blutverschmiert, die Augen blicklos, tot. Die kräftigen Läufe waren vom Körper weggestreckt, der buschige lange Schwanz fiel über seine Hinterpfoten. Halbgeöffnete Lefzen, zwischen denen eine Zunge kraftlos hinabhing. Es war kein Hund. Dafür war das Tier zu groß. Harry sah es genau, auch wenn das Leuchten aus seinen Augen vergangen war - ein Silberpelz. Er lag in einer großen Blutlache am Boden. Alte, morsche Holzdielen, dahinter ein karger Raum mit einem verwaisten Tisch, einem vernagelten Fenster und einem dreckigen Strohlager. "Bitte... bitte nicht!", flehte der alte Mann und Tränen standen in seinen Augen. Doch dann traten zwei in dunkle Kutten gekleidete Gestalten vor. Sie hatten ihre Kapuzen vom Kopf gezogen und Harry erkannte einen Glatzkopf zur rechten und einen großen blonden Mann zur Linken. Das Haar fiel lang und glatt über seine Schultern und Harry wusste, dass es Lucius Malfoy war, der seinen Zauberstab gezückt hatte und auf den alten Mann am Boden richtete. "Das dürft ihr nicht tun!", wimmerte der Alte. "Sie sind unberechenbar in unkundigen Händen. Bitte, ihr dürft nicht..." Das Bild wurde schwarz von wallenden Umhängen und ein leises, aber scharfes "Crucio!", erfüllte den Raum. Und die Stimme des Alten überschlug sich vor Schmerz, als er sich unter der grausamen Folter am Boden wand... Es war wie ein Filmriss, die Vision war zu Ende und Harry spürte, wie er die Kontrolle verlor. Sein Geist war verwirrt, sein Körper reagierte. Wieder spürte er Sesachars Hände, die ihn hielten, und hörte ihn eindringlich sprechen. "Lass deine Augen geschlossen, Harry..." Bilder rasten. Voldemort und seine Todesser in dem gewaltigen Gerichtshof, die kalt auf ihn hinabstarrten. Der Todes-Fluch, der ihn traf. Die Schlange im Kerker des Zaubereiministeriums. Wurmschwanz, der über dem riesigen Kessel stand, auf dem fernen, unbekannten Friedhof, und sich unter lauten Geheul seine Hand abhackte... "Finis!", brüllte Snape und etwas Kaltes bäumte sich protestierend in Harrys Stirnhöhle auf, schien sich zur Wehr zu setzen gegen die Macht, die an ihm zog, bis es schwer durch seine Schädeldecke brach, gefolgt von einem dumpfen Platschen. In aufkommender Panik schnappte Harry nach Luft. "Es ist alles in Ordnung, es ist vorbei." Sesachar stützte ihn, als er taumelte. "Du kannst die Augen wieder aufmachen." Harry bereute, dass er es tat, denn Schwindel ergriff ihn. Alles schien verschwommen zu sein und es dauerte, bis sich das Bild vor seinen Augen klärte und er in das leuchtende Becken vor sich starrte, in dem sich die Schlange zornig zusammenrollte und zu ihm hinauf zischelte, bevor sie durch die rechte Augenhöhle des bleichen Schädels glitt. Erneute Übelkeit überkam Harry und er wandte den Blick von dem Becken ab. Sesachar zog ihm den Stuhl heran und Harry ließ sich kraftlos darauf fallen. "Das Ding war in mir!", brachte er hervor und es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Snape warf einen Blick in das Becken und nickte. "Wieso sonst sollte es Seelenfresser heißen?" "Darum durftest du deine Augen nicht öffnen. Nur, wenn du siehst, was passiert... wie er... nun... wie er in dich eindringt, dann wird es zur Folter." Harry sah ihn verständnislos an und Sesachar legte die Hände aneinander. "Die Schlage ist nicht real, sie ist wie ein... nun, nennen wir sie einen Geist. Eine bösartige Halluzination, die ihr Opfer zu Tode quälen kann, wenn man sie lässt. Und normalerweise hatte jeder Angst, der dazu gezwungen worden, seine Finger in dieses Becken zu tauchen. Und in ihrer Angst hat ein jeder von ihnen die Augen geöffnet und sich damit eine der grausamsten Foltern selbst auferlegt." "Die Ihnen somit erspart blieb, Potter." Snape war an die alten, dunklen Regale getreten und hatte ein abgegriffenes Buch daraus hervorgezogen. Nachdenklich blätterte er darin. "Ich bin mir sicher, es war Starseer", murmelte er dabei vor sich hin. Harry richtete sich auf seinem Stuhl auf und Sesachar hielt ihm einen Schokoladenriegel hin. "Hier, iss", forderte er ihn auf. "Das wirst du gut gebrauchen können." Mit dem ersten Bissen Schokolade im Mund wandte sich Harry an Snape. "Wer ist Starseer?" "Benton Starseer...", Snape blätterte weiter in seinem Buch, "ist einer der bedeutensten Alchimisten unserer Zeit... Und einer der letzten mit Nicolas Flamel..." "Er war ein sehr enger Vertrauter von Nicolas", sagte Sesachar. "Sie kennen sich seit gut dreihundert Jahren. - In Benton sah er stets den Sohn, den er nie gehabt hatte. Daher lebt Starseer bis heute." "Er hat von dem Elixier bekommen?", fragte Harry. "Das Flamel aus dem Stein der Weisen gewonnen hat?" "So ist es", nickte Sesachar. "Aber da der Stein jetzt zerstört ist, sind beider Tage gezählt. Zum Glück. - Iss deine Schokolade, Harry." "Wieso zum Glück?", fragte der statt dessen. "Starseer kam auf die Dunkle Seite." Snape reichte Harry das Buch. "Als Voldemort an die Macht kam, folgte er ihm. Und Flamel zog sich zurück und verweigerte seinem ehemaligen Freund von da an das Elixier. Darum ist Starseer nun so alt. Und sterblich, wie jeder andere auch." "Aber wieso hat er die Seiten gewechselt?" Harry schluckte seine Schokolade hinunter. "Wenn er über all die Jahre wie ein Sohn für Flamel war, wie konnte er einfach zur dunklen Seite wechseln?" Snape deutete auf das Buch. "Diese Zeichnungen, Potter. Was sehen Sie?" Harry senkte den Blick und sah auf die aufgeschlagene Buchseite. "Silberpelze", murmelte er. "So ist es." Snape verschränkte die Arme vor der Brust. "Starseer war dabei, als man die letzten ihrer Art ausrottete. Er war es, der die letzte dieser Bestien fand. Und er machte den Fehler, sie nicht zu töten, denn es war ein Welpe." "Als Welpen unterscheiden sie sich kaum von normalen Wölfen", warf Sesachar ein. "Nur durch ihre einzigartige Fellfarbe. Sie sind genauso verspielt und putzig wie jedes andere normale Tierkind. Und ein Mensch mit gutem Herzen könnte sie niemals töten, wenn er nicht weiß, was aus ihnen wird, wenn sie erwachsen werden." "Sie sind nicht Mörder von Geburt", nickte Snape. "Sie werden es erst. Aber Starseer behielt den Welpen und zog ihn auf. Ihm selbst hat dieser letzte Silberpelz nie etwas zu leide getan, denn er betrachtete ihn als seinen Rudelführer. Aber in Bezug auf jede andere Person war dieses Tier die Bestie, die sie nun einmal war." Sesachar seufzte leise. "Jahrhunderte lang hielt Starseer dieses Wesen in seinem Haus versteckt. Silberpelze, Harry, sind wie Harpyien, Drachen und Einhörner auch unsterblich, solange man sie nicht tötet... Als Voldemort die Macht an sich riss und Todesser in Starseers Haus auftauchten, um ihn zu töten, wurden fast alle von dem Silberpelz zerfleischt. Voldemort gelang es, das Tier zu versteinern und er unterbreitete Starseer ein folgschweres Angebot..." "Ihn am Leben zu lassen, wenn Starseer dafür diese Kampfmaschinen für ihn züchtet?", vermutete Harry und Sesachar nickte. "Genau so war es. Doch gelang dieses Unterfangen nicht, bis der Dunkle Lord verschwand." "Aber jetzt ist es geglückt", knurrte Snape. "Denn anders ist die Rotte der Silberpelze dort draußen im Wald nicht zu erklären. Sie sind jung, sehr jung... Wir haben die gefangenen Tiere vom Ministerium für Zauberei untersuchen lassen. Keiner von diesen Bestien war älter als anderthalb Jahre. Und es wird sich auch kein Silberpelz höheren Alters finden lassen." "Aber der von Starseer...", begann Harry, doch Snape unterbrach ihn: "... war der, den Sie in Ihrer Vision gesehen haben. Er ist tot. Ohne Nutzen von Voldemort, denn nur Starseer selbst hörig, aber nicht ihm." "Anders als die jungen Nachkommen", sagte Sesachar düster. "Er muss, gleich nachdem er wieder einen Körper hatte, zu Starseer gegangen sein, um ihn zu zwingen, endlich sein Versprechen einzulösen, ihm seine bedingungslos gehorchende, mordende Armee zu verschaffen. Das war es, was Voldemort im letzten Jahr so sehr beschäftigt hat, dass wir Monatelang nichts von ihm gehört haben. Er hat sich seine kleinen Bestien erzogen..." "Und seine in alle Winder verstreuten Harpyien wieder zusammensuchen lassen", knurrte Harry. "Über wie viele Armeen verfügt er noch? Wie viele Asse hat er noch im Ärmel?" Snape schnaubte leise. "Die Riesen, Potter. Die Riesen..." "Und sicher auch bald die Dementoren, sollten wir endgültig die Kontrolle über sie verlieren", fügte Sesachar hinzu. "Wundervoll", sagte Harry und seine Stimme triefte vor Sarkasmus. "Wie soll ich ihn jemals besiegen bei diesem Aufgebot von willenlosen Mitstreitern?" Sesachar lächelte leicht. "Du sollst nicht gegen seine Armeen kämpfen, Harry. Nur gegen Voldemort. Nichts weiter." "Ja, klar. Nichts weiter." Sein Lachen war verkrampft. "Sie werden Ihre Chance bekommen, Potter", sagte Snape gedehnt und nahm das Buch wieder an sich. "Und der Dunkle Lord hat einen Schwachpunkt... den es herauszufinden gilt." "Welchen Schwachpunkt sollte er haben?", fragte Harry. Snape sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. "Pettigrew." Er nickte auf das Becken des Seelenfressers. "Haben Sie vergessen, welche Hand er sich abgehackt hat?" "Muss ich mir ausgerechnet solche Details merken?", knurrte Harry und spürte, wie sein Magen erneut zu rebellieren drohte. Snape beugte sich mit blitzenden Augen zu ihm vor und seine Stimme war nicht mehr als ein leises Zischen. "Seine ohnehin bereits verstümmelte Hand, Potter. Der fehlende Finger. Ist er Ihnen etwa entgangen?" Harry schluckte und vertrieb das Bild des abgetrennten Armes aus seinen Gedanken. "Nein, Sir..." "Um dem Dunklen Lord einen Körper zu geben, opferte sein Diener nicht das Beste, was er zu geben hatte, sondern das Schlechteste. - Haben Sie sich jemals mit Wiedergeburtskesseln befasst, Potter? Ich denke nicht..." Snape lächelte dünn. "Der Kessel von Bran holte verstorbene Krieger ins Leben zurück, aber er nahm einem jeden von ihnen die Fähigkeit zu sprechen. Oder der Kessel von Annun, aus dem seelenlose Dämonen hervorgingen?" Harry starrte ihn an. Und ihm wurde klar, dass Peter Pettigrew seine Schuld beglichen hatte.
Der Januar verging unter dem Heulen kalter Winterstürme. Das Wetter schien sich ganz der Stimmung angepasst zu haben, die in ihrer Welt vorherrschte. Die Nachricht von Dumbledores Tod hatte sich sehr zum Missfallen von McGonagall und einigen anderen Lehrern herumgesprochen und partiell regelrechte Panik ausgelöst. "Einige Familien werden Britannien bald verlassen und in andere Länder ziehen", informierte sie Sesachar, als sie in der Bibliothek zusammen saßen. "Aus Angst vor Voldemort... Und den wird es freuen, dass der Widerstand flieht, statt gemeinsam in einem gestärkten Verband gegen ihn anzustehen. Albus' Tod ist das Beste, was dieser Bestie passieren konnte. Die Angst im Land ist größer denn je. Und die Bereitschaft zum Kampf gegen den Dunklen Lord sinkt. Erschreckend, was ein einziger Mensch bewirken kann... Durch sein Leben, sein Wirken und seinen Tod..." Er sah Harry aufmerksam an, aber dieser hatte den Blick gesenkt und schwieg. Der Professor seufzte leise. Insgeheim hatte er eine ganz andere Reaktion von Harry erwartet - nein, erhofft -, als stumme Resignation. Aber Harrys Wut schien mit dem ersten Tag verpufft zu sein, in dem er Snape noch am Liebsten mit eigener Hand getötet hätte. Sein entschlossener Hass war erstickt unter einer schweren Leere, die ihn genauso ausfüllte wie viele andere im Schloss. Die Nachrichten, die von draußen in die Schule drangen, taten ihr Übriges, um seinen Geist zu lähmen. Lange durfte es so nicht weitergehen - und niemand wusste dies so gut wie Pithormin Sesachar.
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Jeden Tag saßen Azi McKenzie und seine Männer des Morgens am Tisch, um mit den Schülern zu frühstücken und dann das Schloss zu verlassen. Selten kehrten sie vor der einsetzenden Dämmerung zurück, und wenn sie es taten, waren sie zumeist übelst zugerichtet. Madam Pomfrey war tagein, tagaus damit beschäftigt, die Männer ausreichend zu versorgen. "Widerliche Harpyienbrut", knurrte Xanthos Podarge, einer der Jäger, als er sich seinen aufgerissenen Arm mit einer von Pomfreys übelriechenden Tinkturen einreiben ließ. "Und dieses Zeug brennt wie Feuer!", beschwerte er sich. "Ich werd mich nie dran gewöhnen..." Die Tage waren hart für die wenigen Männer, doch sie verzeichneten Erfolge. Nach zwei Wochen hatten sie den Harpyienschwarm bedeutend dezimiert und auch zwei Silberpelze erwischen können. In der Schule begann sich das Klima langsam zu entspannen. "Mehr Harpyien können es nicht mehr werden", überlegte Sesachar, als er mit Harry, Hermine und Ron die Treppe in die Kerker hinabging. "Man schätzte den ursprünglichen Schwarm auf knapp siebzig Tiere. Eine gute Hälfte wurde inzwischen aufgespürt und vernichtet. Die Zahl der Silberpelze ist ungewiss, aber es müssten weniger sein. Ein halbes Dutzend sind dank euch schon weggeschafft worden, drei weitere in der Nacht des Angriffes und zwei von den Jägern. Ich denke, lange wird es nicht mehr dauern, und Professor McGonagall wird den übrigen Schülern die Rückkehr nach Hogwarts erlauben, um den Unterricht wieder aufnehmen zu können... Wir haben bereits drei wertvolle Wochen verloren..." "Was, wenn Voldemort wieder angreift?", fragte Harry beunruhigt. Sesachar seufzte. "Dieses Risiko bleibt natürlich. Aber es besteht, seit du an dieser Schule bist, Harry. Wir werden alles tun, was wir können, um die Sicherheit der Schüler zu gewährleisten. So, wie es in Hogwarts schon immer war." "Vielleicht ist ihr-wisst-schon-wer auch nicht so dumm, eine Handvoll Todesser nach Hogwarts zu schicken, wenn ihnen eine Übermacht an Schülern gemeinsam entgegentritt", überlegte Ron und grinste leicht. "Ich denke, wenn wir alle zusammen halten, hätten wir 'ne Chance." "Keine allzu schlechte", meinte Professor Sesachar. "Es gibt sehr viele fähige Leute, vor Allem in den höheren Klassen. Was wir nicht gebrauchen können, sind Einzelkämpfer." "Wie Malfoy?", schnaubte Ron. Der Professor seufzte. "Ja. Dieser Junge macht mir durchaus Sorgen..."
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Pit sollte Recht behalten. Zwei Tage später verkündigte Professor McGonagall, die Wiederaufnahme des Unterrichtes zu bewilligen. Am kommenden Wochenende sollte der Hogwarts Express an der Schule eintreffen. Die einzelnen Stockwerke wurden wieder zugänglich, nachdem sie ein letztes Mal prüfend abgegangen worden waren. Alles schien wieder in Ordnung zu sein und die Gemeinschaftsräume der Hufflepuffs, Ravenclaws und Gryffindors wurden noch am Freitag wieder freigegeben. "Eigentlich will ich gar nicht mehr umziehen", seufzte Hannah, als sie an diesem Abend in den Schlafräumen im Kerker ihre Sachen zusammen packten. "Ich fühle mich wohl mit all den Leuten hier..." Anthony nickte. "Ja, ich auch. - Können wir nicht hier bleiben und Malfoy und sein Pack rauswerfen?" "Wieso müssen wir uns eigentlich untereinander in unseren Gemeinschaftsräumen vor dem Rest verschließen?", grübelte Dean derweil. Hermine schloss ihren Koffer. "Das ist ganz einfach: Zu unserer eigenen Sicherheit. Falls jemand in das Schloss eindringt, kommt er nicht in unsere Räume, weil er das Passwort nicht kennt." "Aber wir untereinander...", begann Cho, doch Max unterbrach sie: "Willst du, dass Malfoy euer Passwort kennt?" Die Ravenclaw seufzte. "Nein... das sicher nicht." "Wir untereinander mögen uns vertrauen", sagte Violetta leise. "Aber es gibt in jedem Haus Leute, bei denen dies nicht der Fall ist, oder?" Sie schwiegen eine Weile und suchten ihre Räume nach eventuell vergessenen Habseligkeiten ab. "Solange die anderen noch nicht da sind", überlegte Neville, "können wir doch noch mal eine Nacht alle zusammen hier bleiben, oder?" Über Rons Gesicht glitt ein Grinsen. "Klar. Wieso alleine in dem Turm rumhocken? Außerdem... es wird Blaise ärgern, wenn wir weiter die Mädchenschlafräume besetzen." "Soll sie doch versuchen, uns rauszuwerfen", grinste Ginny. "Vielleicht stehen ihr die Pusteln genauso gut wie Malfoy..."
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Auch wenn es ihnen leid tat, am nächsten Morgen endgültig in ihre Gemeinschaftsräume zurückzukehren und aus der Gemeinschaft herausgerissen zu werden, in der sie sich in den letzten Wochen sehr geborgen gefühlt hatten, so war doch die Freude groß, einige lang vermisste Gesichter wiederzusehen. Dennis Creevey winkte ihnen mit beiden Armen zu, als er mit den anderen Schülern in die Große Halle trat. "Teufel noch eins, war Weihnachten langweilig ohne euch!", rief er und begrüßte seine Freunde überschwänglich. Ron schloss Amber mit einem scheuen Lächeln in die Arme und wurde rot, als Harry, Dean und Max ihn offen angrinsten. "Kein Kuss?", frotzelte Max. "Kein 'Ich hab dich vermisst'?", schoss Harry hinterher. "Wie unromantisch", feixte Dean. Ron sah die Drei anklagend an. "Ihr seid so was von besch...", hob er an, aber Amber brachte ihn ihrerseits zum Schweigen. "Mädchen", meinte Ginny stolz. "Nehmen immer alles selbst in die Hand. Was soll man bei euch Jungs auch sonst tun?" Doch nur kurz hielt die Freude über das Wiedersehen an. Bald bemerkte man, dass einige Schüler nicht zurückgekehrt waren. Viele Familien hatten Angst um ihre Kinder - einige so sehr, dass sie ihre Söhne und Töchter aus Eigeninitiative weiter von Hogwarts ausschlossen, denn sie befürchteten weitere Angriffe während des Schuljahres. Als sich McGonagall von ihrem Platz erhob, herrschte bereits Schweigen in der Halle. "Wie Sie alle wissen, hat es in Hogwarts einen Zwischenfall gegeben, der uns dazu nötigte, Sie für drei zusätzliche Wochen außerhalb der regulären Ferienzeit von der Schule fern zu halten." Sie seufzte leise. "In besagter Nacht erfolgte ein Angriff eines großen Harpyienschwarmes, wohl ausgelöst durch eine Gruppe Todesser, die ebenfalls in das Schloss eindrang. Keiner der anwesenden Schüler kam zu Schaden, aber bedauerlicherweise starb Professor Dumbledore bei einer Gegenüberstellung mit den Todessern." Leises verängstigtes Gemurmel war zu vernehmen und aller Augen der erst heute wieder neu eingetroffenen Schüler hingen an McGonagalls Lippen, so als hätten sie den alarmierten Schlagzeilen im Tagespropheten keinen Glauben geschenkt und würden erst jetzt wirklich realisieren, dass ihr von vielen geliebter Schulleiter nicht mehr unter ihnen war. "Die Harpyien konnten vertrieben und drei Todesser gefasst werden. Das Ministerium schickte umgehend eine ausgebildete Gruppe von Jägern, denen es gelang, die Bestien stark zu dezimieren, so dass keine allzu große Bedrohung mehr von ihnen ausgeht." Sie nickte auf das Ende des Ravenclaw-Tisches, wo McKenzie mit seinen Männern saß. "Zu Ihrer aller Sicherheit ist es jedoch weiterhin untersagt, das Schloss ohne Begleitung einer Lehrkraft zu verlassen. Kräuterkunde findet fortan nicht mehr im Gewächshaus, sondern in der Bibliothek im fünften Stock statt, ebenso Pflege magischer Geschöpfe. In diesem Fächern werden Sie sich in den nächsten Wochen mit trockener Theorie abfinden müssen. Weitere Instruktionen zu verschärften Regeln zum Wohle Ihrer Sicherheit erhalten Sie von Ihren Hauslehrern." Ron stöhnte. "Noch mehr Regeln...?" "Zudem werden sämtliche Quidditchspiele bis auf Weiteres gestrichen", fuhr McGonagall fort. "Auch das Trainieren ist Ihnen selbstverständlich untersagt." Harry, Zacharias und Terry seufzten, während Draco sehr zufrieden aussah. Zwar war Slytherin von den Spielen disqualifiziert, aber nun konnte auch kein anderer in diesem Jahr den Quidditch-Pokal gewinnen.
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In Zauberkunst begann Professor Flitwick am Montagmorgen sofort mit ihrem neuen Thema - Apparieren. Bis zum Schuljahresende würden alle Sechstklässler eine Prüfung dafür ablegen müssen, um eine offizielle Erlaubnis vom Ministerium dafür zu erhalten, auf diese - zugegeben sehr zeitsparende - Art zu reisen. Allerdings würden sie alle erst viele langweilige Theoriestunden erwarten, bevor sie damit beginnen durften, dieses magische Geschick selbst zu üben. Pflege magischer Geschöpfe erwies sich als recht zäh, nun wo Hagrid keine seiner spektakulären tierischen Freunde vorführen durfte, die nicht durch die Tür passten oder allgemein einfach nicht in das Schloss zu schmuggeln waren. An einem äußerst hässlichen Horklump, der nicht einmal zu irgend etwas Besonderem zu gebrauchen war, hatte keiner der Schüler großes Interesse. Und der Augury, den Hagrid in der nächsten Stunde anschleppte, verursachte lediglich eine Massenflucht aus dem Klassenzimmer, als der wie ein verhungerter Geier aussehende Vogel in langes, klagendes Schreien ausbrach. Und so sehr Hagrid auch zuvor versichert habe, es sei Aberglaube zu denken, dieser Vogel sage mit seinen Schreien einen Tod voraus, einige schienen weiter an diesem Irrglauben festzuhalten - oder ertrugen schlichtweg den grauenvollen Laut dieses Geschöpfes nicht. Am Nachmittag begann es zu regnen - was Hagrid in seiner eigentlichen Theorie über den Augury bestätigte, denn diese sagte aus, der Vogel sei ein zuverlässiger Wetterprophet, der nur bei aufkommendem Unwetter schrie. Unter tiefhängenden grauen Wolken und einem wahren Wolkenbruch verwandelte sich der Schnee, der über die ganzen Wochen Hogwarts wie ein weißes Tuch bedeckt hatte, in braungefleckten Matsch.
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Bis spät in die Nacht hinein saßen sie an ihren Hausaufgaben für Wahrsagen und Geschichte der Zauberei. Alle Lehrer schienen im Rekordtempo aufzuholen wollen, was sie in den letzten Wochen versäumt hatten. "Mir graust vor Zaubertränke", grummelte Ron, der an seiner Feder nagte. "Snape wird diesen Massen von Hausaufgaben sicher noch das Sahnehäubchen aufsetzen..." Hermine notierte bereits die zweite Seite an Berechnungen für Arithmantik. "Dann schreib den Aufsatz über Augurys gleich heute fertig", wies sie ihn an. "Du hast ihn noch nicht. Das habe ich gesehen." "Das schaffe ich nicht mehr!", beklagte sich Ron. "Habt ihr mal auf die Uhr geschaut? Ich bin froh, wenn ich mit Geschichte fertig werde. - Außerdem hat Harry den Aufsatz auch noch nicht." Sein Freund hielt sein Pergament hoch, nachdem er die Feder zur Seite gelegt hatte. "Doch. Hab ich." Ron brach zusammen. "Wunderbar. Bin ich jetzt der Langsamste hier, weil ihr beide mich mit Vergnügen ausbootet?" "Als Vergnügen empfinde ich das eigentlich nicht", knurrte Harry und schüttelte seine vom Schreiben schmerzende Hand. Hermine streckte die ihre nach Rons Geschichtsaufgaben aus. "Überlass mir das, ich les es durch und vervollständige es. Schreib du den Aufsatz für Pflege magischer Geschöpfe." "Wahrsagen hab ich aber auch noch nicht", hüstelte Ron und Harry rollte mit den Augen. "Gib schon her den Mist!" Ron strahlte sie an und verteilte auf beiden Seiten Pergament. "Ihr seid echte Freunde!" "Oder Esel", murmelte Harry und begann erneut zu schreiben.
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Zu ihrem Erstaunen halste ihnen Snape am nächsten Tag nicht mehr an Arbeiten auf, wie die anderen Lehrer auch. Das von Ron befürchtete Sahnehäubchen präsentierte ihnen Professor Leroux, die ihnen eine Zusammenfassung zwei vollständiger Kapitel aufbrummte, die sie in den letzten beiden Wochen hätten durcharbeiten müssen. "Mein Zeitplan ist schon wieder vollkommen durcheinander geraten", seufzte sie und schien in Gedanken schon ihr gesamtes Unterrichtskonzept umzuwerfen. Frustriert verließ sie zum Ende der Stunde den Klassenraum, gefolgt von ebenso frustrierten Schülern, die sich lieber nicht ausrechnen wollten, wie viele Stunden intensiver Arbeit sie mit den Aufgaben würden verbringen müssen. Hermine begann bereits in der Mittagspause damit, zu lesen. Ron und Harry sahen sich seufzend an und taten es ihr nach, während sie abwesend ihr Essen löffelten. Der Nachmittag war - wie jeden Dienstag - ganz mit dem Fach Certamensis ausgefüllt. Professor Sesachar bemühte sich um keine langen Reden, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass ihre praktischen Übungen nun sehr an Schwierigkeit und Verletzungsgefahr zunehmen würden. "Es wird Zeit für das Proben ernsthafter Duelle, bei denen von euch keine Gnade erwartet wird, solange ihr euch mit dieser einem Risiko aussetzen könnt. Demnach möchte ich für diese Übungen keine Schüler, die es über ihre Freundschaft vergessen, zu welchem Zweck dieser Unterricht dient. Also vergesst für die Dauer eures Übungsduells bitte, dass ihr einem Klassenkamerad und Freund gegenübersteht. Ich will keine übertriebene Rücksichtsnahme sehen, die euch bei einem wirklichen Gegner euer Leben kosten würde." Sein Blick wanderte suchend über die Köpfe der anwesenden Schüler. "Fähige, entschlossene Leute. Meldet sich jemand von euch freiwillig für ein erstes Exempel?" Draco hob ohne zu zögern die Hand. Sesachar nickte. "Nun gut, Mr. Malfoy. Ich denke, es wird nicht schwer sein, einen Gegner für Sie zu finden." Draco entging die Spitze des Lehrers und er starrte Harry auffordernd an, die Mundwinkel zu einem teuflischen Grinsen verzogen. Professor Sesachar entging dieser Blick nicht. "Ms. Granger?", fragte er an Hermine gerichtet, Harry dabei vollkommen außer Acht lassend, als würde er überhaupt nicht existieren. "Interesse?" Hermine warf einen kurzen verächtlichen Blick auf Malfoy und nickte. "Ja, Professor." "Sehr schön." Sesachar stand von seinem Pult auf. "Harry, ich brauche dich jetzt wieder. - Der Rest auf die Bänke." Verwirrt folgte Harry dem Professor, Hermine und einem grummelnden Malfoy zu der Bühne. "Stell dich hinter Malfoy", orderte Pit leise. "Ich werfe einen Blick auf Hermine. Notfalls werden wir eingreifen müssen und es ist immer besser, wenn auf beiden Duellierenden ein aufmerksames Augenmerk liegt. - Außerdem möchte ich nicht gleich einen Halbtoten aus diesem Raum bringen müssen... egal, ob Malfoy oder dich. Daher erachte ich euch Beide nicht gerade als die glücklichste Kombination für ein Duell. Verstanden?" Harry nickte und Sesachar wandte sich zur rechten Seite der Bühne, wo Hermine stand. Malfoy stieg auf das gegenüberliegende Ende und Harry trat hinter ihn. "Wieso soll Potter ausgerechnet auf mich aufpassen?", beschwerte sich Draco. "Ich brauche seine Hilfe nicht!" "Er soll nicht darauf aufpassen, dass Ihnen nichts geschieht", erwiderte der Professor lächelnd. "Er soll Sie stoppen, sollte es angebracht sein." Draco schäumte und zückte seinen Zauberstab. "Schön, Potter. Dann pass mal auf, wie man mit kleinen, wertlosen Schlammblü..." Sesachar hob eine Hand an. "Ah, ah, ah! Sprechen Sie es nur aus, was Sie sagen wollten, Mr. Malfoy, und ich werde Ihnen dafür Punkte abziehen. Solch niveaulose Beschimpfungen dulde ich in meinem Unterricht nicht. Außerdem sollen Sie sich mit Ihren Kräften duellieren - und damit meine ich nicht ein loses Mundwerk. - Also gut, seid ihr bereit?" Das Duell begann und Harry ließ Malfoy nicht aus den Augen. Der Slytherin versuchte einige Male zu tricksen, aber Hermine hatte ein gutes Reaktionsvermögen und es gelang ihr immer wieder, den Flüchen auszuweichen oder rechtzeitig einen Schildspruch anzubringen. Sie schien hochkonzentriert und ruhig, während Draco, je länger das Duell dauerte, ungeduldiger und wütender wurde. Noch während er einem von Hermines Flüchen auswich, zielte er mit dem Zauberstab auf sie "Impedimenta!", brüllte er - und diesmal traf er auch. Harrys Hand zuckte, als Hermine nach hintern geworfen konnte und Draco sofort nachsetzte wie ein Repetiergewehr: "Imperio!" Der Fluch erfasste Hermine - die keine Gelegenheit gehabt hatte, aufzustehen - in seiner vollen Wucht und zwang sie erbarmungslos dazu, am Boden liegen zu bleiben, so als hätte sich ein unsichtbares, schweres Gewicht auf ihren Körper gelegt. Draco hob seinen Zauberstab an wie ein Marionettenspieler seine Fäden. "Finite incatatem!" Harry war auf die Bühne gesprungen, seine Schultern bebten vor Zorn. Mit noch immer gezücktem Zauberstab ging er auf Malfoy los. "Ein Unverzeihlicher Fluch! Bist du denn verdammt noch mal nicht mehr ganz bei Trost?", schrie er ihn unbeherrscht an. Draco war auf einmal die Ruhe selbst. Kühl starrte er zurück, seine Stimme war glatt und ölig. "Nun, da draußen gibt es genug Zauberer, die sie nutzen. Und sollen wir nicht realistisch sein...?" "Das mag sein, Mr. Malfoy", mischte sich Professor Sesachar ein und fasste Harry bei der Schulter, um ihn von seinem Mitschüler zurückzuziehen, bevor er für einen erneuten Nasenbruch verantwortlich werden konnte. "Aber diese Flüche sind verboten. Und Sie sind immer noch ein Schüler - und unterstehen somit dieser Schule und ihren Regeln. Und diese verbieten ausdrücklich eine Anwendung dieses Zaubers. Zwanzig Punkte Abzug für Slytherin. - Und Harry, steck den Zauberstab weg, bevor du etwas ähnlich Dummes tust und ich dir auch Punkte abziehen muss!" Mit einem unwilligen Laut ließ Harry den Arm sinken, drängte sich an dem Professor vorbei und trat zu Hermine, die sich gerade wieder aufrappelte. Ihr Körper war noch schwach unter der Nachwirkung des Imperio-Fluches, und Harry half ihr auf die Füße. "Du wirst nicht weiter machen", knurrte er. "Egal, wie hämisch dich Malfoy anschauen wird, du wirst nicht..." Hermine funkelte ihn an. "Würdest du aufhören?" Harry schwieg schuldbewusst und sie schob ihn zur Seite. "Gut, dann lass mich ihn gefälligst fertig machen!" Sesachar blickte zwischen den beiden Schülern und Harry hin und her und nickte schließlich. "Okay. Beendet das Duell. Und ich will keinen einzigen der Unverzeihlichen Flüche mehr hören, haben wir uns verstanden, Mr. Malfoy?" Über Sesachars Gesicht huschte ein Lächeln, als er sah, wie Harry grimmig die Zähne zusammenbiss. Die Emotionslosigkeit, die ihn über die letzten Wochen so oft beherrscht hatte, schien für diesen Moment vollkommen von ihm abgefallen zu sein. Die grünen Augen schienen nicht länger betrübt und leer, sondern blitzten entschlossen und gefährlich in Malfoys Richtung. Draco derweil schnaubte und richtete erneut seinen Zauberstab auf Hermine. "Die kann sich ja eh kaum noch auf den Beinen halten, also wieso..." "Collabator!", sagte Hermine kalt und er fiel rücklings wie von einem unsichtbaren Faustschlag getroffen zu Boden. Mit dem Entwaffnungszauber nahm Hermine seinen Zauberstab an sich und trat über ihn. "Noch fesseln, vielleicht?", knurrte sie auf Draco hinunter. Sesachar blinzelte überrascht. "Oh, diesen Zauber beherrschen Sir, Mrs. Granger?" Er unterdrückte nur schwer ein Grinsen. "Lassen Sie sehen." Und bevor Malfoy protestieren konnte, schlangen sich Seile behände um seinen Körper. Viele Schüler, die ihnen zusahen, kicherten bei diesem Anblick mehr oder weniger leise vor sich hin. Schließlich beendete Professor Sesachar das Duell und entließ einen - im wahrsten Sinne des Wortes - entfesselten Draco. Harry sah den Slytherin drohend an, als der an ihm vorbeirauschte. "Du willst scheinbar weiter Punkte für dein Haus verlieren, was?", konnte er nicht widerstehen, zu provozieren. Malfoy wandte sich um. "Punkte interessieren mich schon lange nicht mehr", zischte er boshaft. "Was scheren mich Punkte für einen kurzen Moment vollster Befriedigung?" Er senkte die Stimme unter einem triumphierenden Blick. "Und für einen Moment war sie mein, Potter." Harry starrte ihm fassungslos hinterher und mit Ingrimm stellte er fest, dass er Draco Malfoy trotz Allem unterschätzt hatte.
Mit dem Februar kam der Valentinstag. An besagtem Morgen fand sich Harry am Frühstückstisch in der Großen Halle wieder und schnippte ärgerlich Konfetti von seinem Brot, das eine Gruppe kichernder Zweitklässlerinnen herumwarf. Hermine erschien mit Ginny am Tisch und setzte sich grinsend. "Was hast du gegen Konfetti?", fragte sie. "Es ist rosa", grummelte er, vergaß sein Ärgernis aber schnell, als sich Hermine zu ihm beugte und ihn versöhnlich küsste. "Schönen Valentinstag", lächelte sie ihn an und Harry grinste. "Ich hoffe, du wirst mir keinen singenden Zwerg auf den Hals hetzen?" Sie lachte los. "Um Himmels Willen, nein. - Allerdings hab ich eines von diesen Viechern beim Herunterkommen gesehen. Es lauert in der Eingangshalle." "Auf wen er dort wohl wartet?", überlegte Neville und fischte eine Karte aus seiner Müslischüssel. Die Eulen waren erschienen und brachten den Schülern ihre Post - und selbstverständlich verteilten sie dabei auch viele Valentinsgrüße. Neville errötete, als er seine Karte öffnete und las. "Immer noch Eliane?", erkundigte sich Ginny. Neville nickte. "Ja... sie gibt nicht auf. Und das, obwohl ich ihr in der Teestube beim letzten Hogsmeade-Wochenende versehentlich Kakao über die Hose geschüttet habe." Er verzog das Gesicht. "Das war mir so peinlich." Seine Freunde brachen in fröhliches Gelächter aus. Harry stieß Neville amüsiert in die Seite. "Hey, und sie mag dich immer noch. Also, auf was wartest du noch, du Trottel?" Das Rot in Nevilles Gesicht nahm einen noch dunkleren Farbton an und er griff nach seiner Feder, um Eliane eine Antwort zu schreiben. Sie alle blickten auf, als ein tödlich dreinblickender Snape in die Halle platzte, verfolgt von einem nicht minder griesgrämig ausschauenden Zwerg, der sich an seine Fersen geheftet hatte und wild entschlossen an seiner Harfe herumzupfte. "Ich habe eine musikalische Nachricht an Professor Snape zu überbringen", keckerte der Zwerg aufdringlich und ließ sich auch von den zornig gebleckten Zähnen des Hauslehrers von Slytherin nicht abschrecken. "Stillgestanden!", befahl er und packte Snapes dunkle Robe, die er mit eisernem Griff zwischen seinen grauen Fingern hielt. In Anbetracht dieser Szene waren bereits alle anwesenden Schüler in schallendes Gelächter ausgebrochen. Das Bild, das sich ihnen darbot, war einfach zu exotisch, wenn nicht gar surreal. Der von vielen gefürchtete Snape, bekannt für seine Unnahbarkeit und Unfairness, stand just in diesem Augenblick nahe der Eingangstür und versuchte schon direkt verzweifelt einen hartnäckigen Zwerg von seinem Bein zu schütteln, an das sich dieser klammerte. "Na schön, wer von Ihnen hat sich diesen schlechten Scherz ausgedacht?", brüllte Snape wütend in Richtung der Schüler, die sich über ihren Tischen bogen. Der Zwerg, der sich nun mit seinen Beinen an Snape verhakt hatte, um die Hände frei zu bekommen, zupfte Unheil verkündend an seiner Harfe.
"Oh, dein schwarzes Haar, so wunderbar, wie dein Humor, der..."
Die Situation eskalierte, als Zacharias vor lauter Lachen rückwärts von der Bank fiel und Ernie und Hannah ihm aufhelfen mussten. Ron drohte an einem Löffel voll Haferbrei zu ersticken, da er es einfach nicht schaffte, endlich zu schlucken. Dean war japsend über dem Tisch zusammengebrochen und schien ebenfalls keine Luft mehr zu bekommen. Snape zückte voller Zorn seinen Zauberstab und wäre dabei beinahe zu Boden gefallen. Doch bevor er den krächzenden Zwerg mit einem Fluch belegen konnte, hatte dieser auch schon endlich von seinem Bein gelassen und hüpfte keckernd aus der Halle hinaus. Snapes Stupor-Fluch schlug gegen die große Tür und versteinerte sie auf der Stelle. Das Lachen - sofern noch möglich - schwoll weiter an. "Wenn ich denjenigen von Ihnen erwische, der sich diesen lächerlichen Scherz erlaubt hat, wird er meine nächste persönliche Testperson für den Fliegenden Tod!", fauchte er, aber anders als sonst fruchteten seine Drohungen heute nicht. Das Gelächter wollte nicht verstummen und kochend vor Wut rauschte Snape an ihnen vorbei zum Lehrertisch, wo Flitwick sich hinter einem großen Kürbissaftkrug verbarg, damit Snape sein Grinsen nicht sah. Pithormin Sesachar hatte die Hand über seinen Mund gelegt und gab vor, ausgiebig zu gähnen. Professor McGonagall, ebenfalls amüsiert, stand auf, um das Portal wieder zu entsteinen. Über seinen Zorn hatte Snape natürlich nicht daran gedacht. Als kurz darauf Professor Leroux mit einem seligen Lächeln die Halle betrat, war jedem Schüler absolut klar, von wem dieser Zwerg geschickt worden war. Unter Kichern und Scherzen beendeten sie ihr Frühstück, tunlichst darauf bedacht, Snape nicht ins Gesicht zu blicken - nicht, weil sie Angst hatten, dann von ihm in nächstmöglicher Zeit vergiftet zu werden, sondern um ihrem Zwerchfell endlich etwas Ruhe zu gönnen. Als sie kurz darauf in Snapes Zaubertrankunterricht saßen, mussten sie schwer an sich halten, um nicht erneut loszubrüllen. Snape stand grimmig in ihrer Mitte und schien auf eine Gelegenheit zu warten, einem von ihnen in die Hölle zu schicken, würde er nur ausreichend Anlass dafür finden. Und so konzentrierten sie sich lieber alle darauf, ihre Zutaten sorgfältig abzuwiegen und zu mischen. Am Ende der Stunde sah Snape wahrlich so aus, als wolle er sie alle dafür bestrafen, dass sie sein Rezept vorschriftsmäßig befolgt hatten. Geladen warf er sie aus dem Klassenraum hinaus, nachdem er ihnen drei Rollen an komplizierten Aufgaben aufgebrummt hatte. "Ganz ehrlich...", sagte Ron kichernd, als sie zum Zauberkunst-Klassenzimmer in den dritten Stock hinaufstiegen, "für diesen Brüller nehme ich die drei Rollen wirklich gerne in Kauf."
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Der Vorfall mit dem singenden Zwerg erfüllte Hogwarts noch Tage lang mit fröhlichem Gelächter. Der Februar ging vorbei und mit seinem Ende schmolz auch der letzte Schnee. Der Winter neigte sich seinem Ende zu und weiterhin gab es keine neuen, unwillkommenen Zwischenfälle. In der ersten Märzwoche verließen McKenzies Männer nach verrichteter Arbeit das Schloss. Im gesamten Umkreis sei keine Harpyie mehr aufzutreiben, versicherten sie, und wenn es noch welche geben sollte, sei ihre Zahl inzwischen so gering, dass sie keine wirklich große Bedrohung mehr darstellten. Der Unterricht für Kräuterkunde und Pflege magischer Geschöpfe wurde wieder nach draußen verlegt. Und bis zum Nachmittag war es den Schülern nun wieder erlaubt, sich in Gruppen auf dem Schlossgelände aufzuhalten. Der Frühling kämpfte tapfer gegen die letzten langen Nächte, die der Winter hinterlassen hatte. Das Quidditch-Training allerdings wollte Professor McGonagall nach wie vor nicht wieder frei geben. Da ohnehin nur noch drei Teams für die Spiele zugelassen waren, so argumentierte sie, bestand keine Eile. Harry wusste, dass sie dem aktuell herrschenden Frieden mit Misstrauen begegnete - und insgeheim konnte er ihr ihre Einstellung nicht verübeln. Denn egal, wie hell und warm die Sonne an wolkenfreien Tagen nun vom Himmel strahlte, niemals gelang es ihr, die Schatten ganz zu vertreiben, die in ihren Erinnerungen hinterlassen worden waren...
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Leichter grüner Schimmer erhellte schwach die große Halle mit seinen kalten, dunklen Steinfußböden und einer Decke, die so hoch hinaufzureichen schien, dass ihr Ende in der Finsternis gar nicht auszumachen war. Allein die roten Augen Voldemorts blitzten hell darin auf, gemeinsam mit dem kurzen Glänzen einer langen Klinge, die auf eine reglos am Boden liegende Gestalt niederstieß und ihren Rücken durchbohrte. Blut, überall war Blut - so viel, dass sich ein Nebel daraus zu bilden schien, der die ermordete Kreatur am Boden umgab wie eine grausame Aura. Langsam, ganz langsam stieg er auf, zur unsichtbaren Decke der Halle empor, um dort im Nichts zu verschwinden. Das schaurige Siegesgeheul des Dunklen Lords erfüllte den Raum und hallte als verzerrtes Echo von den Wänden wider, schwoll an zu einem durch Mark und Bein gehenden Laut des boshaften Triumphes. Voller Verachtung starrte Voldemort auf die Gestalt am Boden hinab. Der rote Umhang war halb zerfetzt und blutgetränkt, der Kopf kraftlos auf dem merkwürdig angewinkelten linken Arm gebettet, die rechte Hand lag schlaff auf kalten Fliesen. Über das bleiche Gesicht des Toten zogen sich Striemen und Schrammen. Aus dem halbgeöffneten Mund quoll Blut hervor, rann über Wange und Kinn hinab auf den Arm, die Hand... bildete eine Lache, in dem zerbrochenes Glas leicht schimmerte, das aus einer zu Boden geschlagenen Brille herrührte. Die Augen waren geschlossen, für immer. Halb bedeckt von struppigem, schweißnassen Haar, das so schwarz wie dieser grausame Ort über die Stirn der Leiche fiel, aber die Sicht zuließ auf eine Narbe, merkwürdig geformt, so wie ein Blitz...
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Schmerz durchzuckte ihn, als er nach Atem rang und sich in seiner Verzweiflung beinahe an der Luft, die er scharf in sich einsog, erstickte. Hustend drehte er sich zur Seite, das Gesicht in die Kissen gepresst, um den Laut zu unterdrücken und niemanden im Schlafraum zu wecken. Er lauschte in die Nacht hinein, für eine Weile reglos, doch niemand schien aufgewacht zu sein. Mit einem tiefen Seufzen rollte sich Harry auf den Rücken, versuchte verzweifelt, sein unkontrolliertes Zittern unter Kontrolle zu bringen. Er hatte sich selbst sterben sehen. War es ein böser Traum gewesen oder hatte sich seine Verbindung mit Voldemort wieder so weit gefestigt, dass er erneut Zeuge seines Tuns und seiner bildhaften Gedanken und Wünsche wurde? Seit Monaten schon plagten ihn keine unwillkommenen Bilder mehr. So lange hatte er nicht mehr mit Voldemorts Augen gesehen, hatte sich verschließen können... Er verkrampfte den Griff um die Bettdecke. Er hatte nicht mit Voldemorts Augen gesehen. Er war ein außenstehender Zuschauer gewesen. Unmöglich konnte dieser Traum also eine Eingebung des Dunklen Lords gewesen sein. Harry drehte sich auf die Seite, versuchte sich zu beruhigen und wieder einzuschlafen. Aber kaum hatte er die Augen geschlossen und seinen Körper wieder entspannt, wandelte er auch schon wieder durch dunkles Gemäuer, eine riesige Treppe hinauf und durch ein rundes, wie eine Schlange geformtes Tor hindurch in eine Halle, deren Boden so schwarz und undurchdringlich war wie ihre Decke... Er fand sich aufrecht sitzend im Bett wieder, die Hand gegen seine Stirn gepresst. Er konnte spüren, wie die Narbe unter seinen Fingern brannte, beinahe pulsierte, so als drohe sein Kopf zu explodieren. Entschlossen schlug er die Bettdecke zurück, zog den Tarnumhang seines Vaters leise aus seinem Koffer hervor und stahl sich aus dem Jungenschlafzimmer. Ohne zu wissen, wohin er eigentlich ging, eilte er Korridore entlang, Treppen hinunter und wieder hinauf, durch neue Flure und wieder über Stufen, bis er sich zu seiner Überraschung vor einer ihm vollkommen unbekannten Tür wiederfand. Verwirrt sah er sich um, nicht einmal wissend, in welches Stockwerk er gelangt war, als er leises Rumoren in dem Raum vernahm. Bevor er zurückweichen konnte, wurde die Klinke hinunter gedrückt und die Tür öffnete sich zur Hälfte. Harry starrte auf einen braunhaarigen Mann, der mit verschlafenem Gesicht eine Kerze in den Gang hinaushielt und sich suchend umsah. Es war Pithormin Sesachar. Der Professor murmelte Unverständliches und wollte sich gerade wieder herumdrehen, um in sein Schlafzimmer zurückkehren, als Harry den Tarnumhang von seinem Kopf zog. "Du meine Güte!" Sesachar zuckte erschrocken zurück und hätte beinahe die Kerze fallen lassen bei diesem Anblick. "Entschuldigen Sie, Professor." Harrys Kopf tanzte näher. "Ich... kann ich kurz mit Ihnen reden?" Er schlüpfte nun ganz unter dem Umhang hervor und Sesachar seufzte erleichtert. "Im ersten Moment dachte ich an diesen aufdringlichen Geist, der immer durch dieses Stockwerk poltert und mit seinem Schädel Bowling spielt. - Natürlich, komm rein, Harry. Ich wusste doch, dass ich etwas gehört hatte... Du hast einen Tarnumhang?" Mit dieser wirren Redeflut schob er die Tür ganz auf und ließ Harry hinein, der sich daraufhin zum ersten Mal in einem privaten Schlafraum einer Lehrkraft wiederfand. Sesachar steckte die Kerze zurück in einen fünfarmigen Leuchter und entzündete ihn ganz. Gedämpftes warmes Licht erfüllte das Zimmer. Vor sich sah Harry einen Schreibtisch mit Lederauflage und einem sehr bequem aussehenden Stuhl, dahinter Bücherregale, welche die halbe Wand einnahmen. Rechts stand eine große Truhe, so breit wie ein Schrank, auf den Sesachar den Leuchter platzierte. Zur linken Hand befanden sich ein weiterer, kleinerer Rundtisch und ein Himmelbett, ähnlich dem der Schüler, nur größer. In der hintersten Ecke konnte Harry eine zweite Truhe mit einem großen Glasbehälter darauf erkennen. Hinter den Scheiben huschte etwas Undefinierbares zwischen exotisch anmutenden Pflanzen umher und stieß einen hohen Pfeifton aus, gefolgt von einem knurrenden Meckern. "Ruhe, Wod", befahl Sesachar in Richtung des Glaskastens. "Schlaf weiter." Doch das Wesen hörte nicht auf, quiekend, meckernd und keckernd durch die dichten Pflanzen zu rascheln. Der Professor seufzte ergeben, trat an den Behälter heran und fischte ein zappelndes, moosgrün gefärbtes, pelziges Wesen aus dem Farn. "Okay, ich hab's begriffen. Du dummer kleiner Teufel bist wach. - Setz dich doch, Harry." Der sah sich suchend im Raum um, fand aber nur einen einzigen Stuhl vor, nämlich den hinter Sesachars persönlichem Schreibtisch. Zögerlich setzte er sich darauf. "Es tut mir leid, wenn ich Sie geweckt habe, Professor...", begann er, aber Sesachar winkte ab. "Du wirst deine Gründe haben... Äh, du hast nicht zufälligerweise ein paar von Bertie Botts Bohnen bei dir?" Harry sah ihn entgeistert an und Pithormin deutete auf das nach einem Meerschwein aussehende Tier in seiner Hand - was ein Fehler war. Denn nicht mehr im festen Griff huschte ihm das Wesen davon, sprang eilends zu Boden, floh vor Sesachars hastig ausgestreckten Händen und hopste Harry mit aneinanderschnarrenden Zähnen auf den Schoß. Der brachte hastig seine eigenen Finger in Sicherheit. "Sie wird dich nicht beißen", grummelte Sesachar. "Sie knurrt mich an, nicht dich. Ich hab keine Bohnen für sie." Wod unterzog Harry derweil einer ausgiebigen Geruchsprobe. Schnuppernd wuselte sie über den Schoß des Jungen, bis sie ihren Kopf in dessen Hosentasche hineinsteckte und mit den Vorderpfoten wild und fordernd am Stoff zu kratzen begann. "Du hast wohl welche", grinste Sesachar. "Gib sie ihr, bevor sie dich auffrisst." Harry zog die Bohnen aus der Tasche hervor und er bildete sich ein, ein glückliches, gieriges Strahlen in den Augen des Tieres zu entdecken, das seine Vorderpfötchen ausstreckte und eine rote Bohne an sich riss. Geschäftig begann es daran zu knabbern. "Äh... was genau ist das hier?", fragte Harry und besah Wod eingehend. Sie sah wirklich aus wie ein Meerscheinchen, war aber größer und ihre Beine länger und kräftiger. Zudem waren ihre Ohren spitz und mit kleinen Pinseln versehen wie die eines Eichhörnchens. An diesen Nager erinnerte auch der leicht gebogene buschige Schwanz, der aufgeregt auf und ab wippte. "Ein Ekus", antwortete Sesachar. "Mistige kleine Biester. Verschlafen vier Fünftel ihres Lebens, um dir im restlichen Fünftel dein eigenes Leben zur Hölle zu machen." Wod kaute genüsslich an der zweiten Bohne und gab dabei einen ähnlichen Laut von sich wie eine schnurrende Katze. Harry strich über das glatte Fell des kleinen Tieres und Wod blieb sitzen. Scheinbar war Harrys Vorrat an Bohnen es würdig, dafür im Gegenzug ein paar Streicheleinheiten zu akzeptieren, ohne ihm gleich dafür in die Finger zu hacken. Sesachar setzte sich auf die Bettkante und blickte Harry fragend an. "Also, was führt dich zu mir, mitten in der Nacht?" Wod umklammerte keckernd zwei Bohnen auf einmal und flüchtete mit seiner Beute auf die Schreibtischplatte. Harry kam sich derweil etwas albern vor, den Professor nur wegen des Dranges, mit jemandem zu sprechen, aus dem Schlaf gerissen zu haben. "Ich...", druckste er. "Ich hatte..." "Einen Alptraum?" Die Worte des Professors klangen nicht spöttisch. Er sprach sehr ruhig. Langsam nickte Harry. "Und der Dunkle Lord kam darin vor?", fragte Sesachar weiter. Sein Gegenüber seufzte. "Ja, Sir..." "Zuerst einmal", sagte der Professor langsam, "lässt du heute einmal dein 'Sir' sein. Ich sitze jetzt nicht hier als dein Lehrer, sondern als dein Vertrauter. Nenn mich Pit oder meinetwegen auch Pithormin. Und dann erzähle mir diesen Traum. Und zwar jede Einzelheit." Harry nickte, erneut Wod kraulend, die auf seinen Schoß zurückgekehrt war, um weitere Bohnen zu hamstern. Er beschrieb die dunkle Halle, die er gesehen hatte, so genau, wie er konnte. Und Voldemort, der in der Finsternis erschienen war, mit einem riesigen Schwert in seinen langen, dünnen Händen... "Und was hat der Dunkle Lord getan?", erkundigte sich Pithormin. Ihm die Antwort auf diese Frage zu geben, kostete Harry einiges an Überwindung. "Er... er hat mich getötet", sagte er leise. Der Professor schwieg eine Weile und sah Harry nachdenklich an. "Diesen Traum hattest du heute zum ersten Mal", seufzte er. Harry nickte. "Ja... Und... meine Narbe schmerzt." "Ich weiß..." Pithormin rollte den Ärmel seines Pyjamas hoch und gab den Blick auf das Dunkle Mal auf seinem Arm frei. Es schien in der Dunkelheit regelrecht zu leuchten. "Es ist so deutlich wie schon sehr, sehr lange nicht mehr", murmelte er. "Der Dunkle Lord ist hier, ganz in unserer Nähe. Und du spürst es genauso wie ich." Er warf einen verächtlichen Blick auf seinen Arm und zog den Stoff seines Hemdes wieder darüber. "Du hast diesen Traum nicht zufällig geträumt. Er erwartet dich. Der schwarze Raum... Ich war einmal dort, vor fast sechzehn Jahren. Es war ein geheimer Ort, eine alte Wehrfestung im Südwesten. Die Exekutionshalle war es, so nannten wir sie. Groß, leer, in ewiger Schwärze liegend. Wer hineingeführt wurde, verließ sie nie wieder lebendigen Leibes. Der Dunkle Lord hatte seinen eigenen Namen für sie: Gairech, den Ort der Schreie." Beinahe hätte Harry Wod vor lauter Schreck von seinem Schoß katapultiert. Sein Gesicht war blass. "Es gibt am Rande von Hogsmeade einen Hügel, der so heißt." Er erinnerte sich an die alte Karte, die er sich von der Siedlung angesehen hatte. "Und dort stand einmal ein Gebäude... Vielleicht steht es immer noch." Pithormin runzelte die Stirn. "Das kann kein Zufall sein. Wo ist dieser Hügel?" "Im Süden des Dorfes", antwortete Harry. "Aber auf der Karte gab es keinen eingezeichneten Weg dorthin. Ich weiß nicht, wie man dorthin kommt... Vielleicht über die Waldschneise vor Hogsmeade." "Du meinst den Trampelpfad, aus dem die Silberpelze kamen?" Sesachar rieb sich das Kinn. "Das wäre einen Versuch wert... Schließlich hat Severus erwähnt, dass er zu einem alten Gehöft führt." "Was für ein Versuch?", fragte Harry nervös. Der Professor stand auf. "Dieses Gairech zu finden. Ihn zu finden... Er ist hier, Harry, sehr nahe. Die Zeit ist gekommen." Harry spürte, wie seine Finger kalt und feucht wurden. "Welche Zeit...?" "Die Zeit der letzten Gegenüberstellung." Pithormin ging in dem Raum auf und ab. "Er hat schon so lange darauf gewartet. Und seit du in Hogwarts bist, hat er keinen Versuch gescheut, dich zu dieser zu zwingen. Er wollte nicht warten, Harry. Wollte niemals, dass es so weit kommt, dass du die Chance erhältst, deine Kräfte zu entwickeln. Verstehst du nicht? Je länger er warten musste, je älter du wurdest... desto verzweifelter wurde er. Und wie sehr muss er darüber toben, dich nicht sofort in deinem ersten Jahr hier getötet zu haben, als du noch nicht wusstest, worum es ging. Als du noch nicht gewappnet warst, nur ein kleiner, unschuldiger Junge. Doch er hat seine Chance vertan. Und damit wurde es für ihn von Jahr zu Jahr schwerer, auch nur in deine Nähe zu kommen. Mit jeder Begegnung, bei der es dem Dunklen Lord nicht gelang, dich zu töten, bist du in dir gewachsen. Mit jeder für ihn missglückten Chance züchtete er seinen Feind heran..." Er wandte sich zu Harry um und sah ihn eindringlich an. "Du warst es, der in der Kammer des Schreckens den Basilisken tötete, mit gerade mal zwölf Jahren. Ein Jahr später konntest du als einer der jüngsten Zauberer überhaupt einen Patronus herbeirufen. Wieder ein Jahr darauf konntest du dem Dunklen Lord erneut entkommen, trotz seines so fein ausgetüftelten Planes... Er wollte dich scheitern sehen, aber am Ende war es immer er, der unterlag." Pithormin legte ihm mit einem Lächeln seine Hand auf die Schulter. "Auch wenn du noch immer jung bist, er wird nie über dich triumphieren können, solange du nicht vergisst, wer du bist. Und was dir wichtig ist. Sein Hass mag endlos sein, aber manchmal ist die Macht des Hasses nicht so stark wie die der Überzeugung." Harry blinzelte. "Wovon sollte ich überzeugt sein?" "Von Gut und Böse. Schuld und Unschuld. Hass und Liebe. - Gegensätze, Harry. Der Dunkle Lord kennt sie nicht. Er kennt nur sich selbst und die Macht. Er weiß weder, was Leid noch was Glück bedeutet..." Harry kraulte Wod hinter den puscheligen Ohren. "Es ist soweit... nicht wahr?" "Wenn du es willst, ja", antwortete Pithormin. "Wenn du bereit bist." Bitter lachte Harry auf. "Wenn ich bereit bin? Wenn ich es mir aussuchen dürfte, nie. - Niemals." Er seufzte. "Ich will nicht zum Mörder werden..." Sesachar schüttelte grimmig den Kopf. "Das wirst du nicht. Ein Mörder ist ein Mensch, der ohne Gewissen tötet. Sogar aus Vergnügen. Ohne Grund. Du hast genug Gründe, den Dunklen Lord zu töten. Er hat deine Eltern ermordet. Durch seine Todesser kam dein Patenonkel ums Leben... und Albus. Er hat dir dein Leben zur Hölle gemacht und wird dich umbringen, wenn du dich nicht wehrst. Und du wirst dich wehren, das weiß ich. Auch wenn du in den letzten Wochen eher resigniert und sehr in dich gekehrt gewesen bist... Ich hatte schon Angst, dass der Kampfgeist in dir gestorben wäre. Aber ich bin mir sicher, dass ich mich irre. Dass du ihn nicht verloren hast - denn du willst leben." Harry nickte. "Ja... sicher will ich das. - Und was ich noch mehr will ist, dass nicht weiter Menschen für mich sterben. Nichts ist grausamer als das..." Pithormin sah ihn an und aus seinem Blick sprach die gleiche väterliche Wärme, die Harry an Dumbledore gekannt hatte. "Und darum kannst du niemals ein Mörder werden", sagte er leise. "Ist das das Einzige, was dich zurückhält, Harry? Dieser eine, unschöne Gedanke?" Er nickte. "Das... nichts anderes." "Und?" Harry nahm Wod und setzte sie mit den letzten Bohnen auf den Schreibtisch. Entschlossen straffte er sich. "Na schön", sagte er, und seine Stimme war überraschend fest und klar. "Ich bin bereit."
Professor Sesachar griff nach seinem Umhang und hüllte sich darin ein. Einen zweiten warf er Harry zu. "Draußen ist es eisig, zieh ihn an. - Wod, komm her." Er fing das protestierende Ekus ein und setzte es zurück in sein Terrarium. Harry starrte auf den Mantel, den Sesachar ihm gegeben hatte. Er war rot. Genauso wie in seinem Traum. Er schluckte, wagte aber nicht, nach einem anderen zu fragen. Ergeben warf er sich den warmen Stoff um die Schultern. Als er nach seinem Tarnumhang greifen wollte, schüttelte Sesachar den Kopf. "Lass ihn hier, er würde dir von keinem wirklichen Nutzen sein." Er löschte die Kerzen, bervor er öffnete die Tür in den Gang hinaus öffnete. Gemeinsam verließen sie das Zimmer und gingen den Korridor entlang zum Treppenhaus. Harry erkannte die Zwillingssäulen zu rechter Hand. Nun wusste er auch, in welchem Stockwerk er sich befand. Als sie die Treppe zum Erdgeschoss hinabeilten, leuchtete eine Lampe in der Einganshalle auf. "Aha!", schnarrte es triumphierend und schlürfende Schritte kamen heran. "Wenn ich dich erwische, du kleiner mieser Schüler..." Der gierige Feuereifer auf Filchs Gesicht erstarb, als der Schein seiner Laterne auf Sesachar und Harry fiel. "Was?", brüllte der Hausmeister los. "Professor! Wen haben wir denn da... den jungen Potter. Haben Sie ihn erwischt? Überlassen Sie ihn mir. Mir fällt sicher eine gute Strafe dafür ein, dass er sich unerlaubt des Nachts im Schloss umhertreibt!" "Kein Bedarf, Argus", erwiderte Pithormin abweisend und dirigierte Harry an Filch vorbei. Der starrte ihn entgeistert an. "Was? Kein Bedarf? Aber Herr Professor, jeder Schüler, der gegen die Regeln dieser Schule verstößt, muss bestraft werden!" Und der Hausmeister schien sogar sehr erpicht darauf, Harry zu bestrafen. "Harry hat nichts Regelwidriges getan", erwiderte Pithormin kühl. "Könnten wir jetzt vielleicht..." "Was geht hier vor?", ertönte eine ölige Stimme unter ihnen und sie wandten sich zu Professor Snape um, der aus dem Gang zum Kerker in die Halle heraustrat. "Ein Schüler!", schnarrte Filch begierig. "Ein durch das Schloss schleichender Schüler..." "In meiner Begleitung", unterbrach in Sesachar barsch. Der Professor für Zaubertränke musterte Harry. "Potter? Nun, es würde mich nicht wundern, würde er herumschleichen, Mr. Filch. Aber mir scheint, Sie müssen tatsächlich auf eine Bestrafung verzichten - oder sie sich für später aufheben. - Wenn Sie uns jetzt alleine lassen würden?" "Aber..." Filch starrte fassungslos von einem zum anderen. "Aber er muss..." "Es wäre sehr bedauerlich", hob Snape mit unbewegter Miene an, "wenn Sie sich mit einem ohnehin von zwei Lehrkräften begleiteten Schüler aufhalten würden, wenn - von Ihnen gänzlich unbeobachtet - ein halbes Dutzend anderer in den oberen Stockwerken herumschleichen könnte..." "Niemals!", kreischte Filch und riss die Laterne in die Höhe, so dass sie die Treppe gänzlich beleuchtete. "Kein Schüler kommt an Argus Filch vorbei!" Sichtlich gereizt stapfte der Hausmeister in den ersten Stock hinauf und rief dort nach Mrs. Norris, seiner mageren, stetig im Schloss herumspionierenden Katze. Kaum war er außer Hörweite, als sich Snape zu Harry umwandte und ihn durchdringend anstarrte. "Sie gehen?" Der nickte. "Ja, Professor." Die dunklen Augen des Hauslehrers von Slytherinfunkelten wie glühende Kohlen. "Ich befürchte aber, dass ich Sie nicht gehen lassen kann..." Harry und Pithormin runzelten die Stirn. "... nicht ohne meine Begleitung", setzte Snape hinzu und wandte sich zum Eingangsportal um. Sesachar zuckte mit einem Grinsen die Schultern, als Harry ihn verdattert anschaute. "Nun ja... auf einen mehr kommt es ja auch nicht mehr an, oder?"
***
Schweigend schritten sie nebeneinander her über den Kiesweg. Alles um ihn herum wirkte auf einmal sehr unwirklich auf Harry. Rechts flankiert von Pithormin, dessen grüner Mantel leise in der sanften Brise raschelte, links rauschte Snape neben ihm her wie eine schwarze Krähe. Die Ländereien von Hogwarts lagen still da, nirgendwo regte es sich, so als befände sich jedes Leben in gespannter Erwartung ob der Dinge, die da kommen würden. Es war als ob alles gar nicht geschah. Das Tor, durch das sie auf die Straße hinaus schritten. Der See, der im fahlen Mondlicht bewegungslos vor ihnen lag. Der Wald, dunkel und schweigsam. Die fernen Lichter von Hogsmeade... Sie sprachen kein Wort, bis sie den vom Weg abzweigenden Pfad erreichten. Snape zückte seinen Zauberstab. "Lumos", befahl er, und gefolgt von Harry und Pithormin tauchte er in das Dunkel des Waldes ein, einem Pfad folgend, von dem sie hofften, er würde sie dorthin führen, wohin sie wollten. Die Stille hielt an. Kein Silberpelz zeigte sich ihnen. Kein Knurren erklang in dem sie umgebenden Dickicht. Nichts und niemand versuchte, sie aufzuhalten. Der Weg war eng und verschlungen. Sie wichen tiefhängenden Ästen aus und umrundeten Felsblöcke, die wie trotzige Hindernisse vor ihnen auftauchten. Langsam stieg der Pfad an, sehr leicht nur. Schon lange drang kein Licht von außen mehr durch die sich über ihnen zu einem dichten Dach verflechtenden Zweige. Es erschien Harry als wäre eine Ewigkeit vergangen, als sich die Bäume endlich zu lichten begannen und den Blick freigaben auf ein Gehöft, das zwischen wucherndem Gras und Dornenbüschen vor ihnen lag. Der Hof von Gairech war nichts weiter als eine Ansammlung alter, schäbiger Hütten. Halb zerfallen war er und sicher schon seit Jahrhunderten unbewohnt. Das Dach der Stallungen war eingefallen und eine der Wände weggebrochen. Ein alter Schuppen trotzte moosbedeckt dem aufkommenden Wind. Das Haupthaus, das einzige aus Stein errichtete Gebäude, bot kaum einen besseren Anblick. Die Fenster waren nichts als dunkle Löcher im Stein. Dem Dach fehlten viele Ziegel, die den Boden vor ihnen bedeckten. Die alte Holztür hing schief in ihren Angeln - sie war nur angelehnt. Auf den ersten Blick war dieses Gehöft wie ausgestorben. Aber bei näherer Betrachtung entdeckte man Fußspuren und Abdrücke von Hundepfoten im weichen Boden, die nicht sehr alt sein konnten. Viele führten direkt zu dem alten verwitterten Steinhaus. "Noch kannst du zurück", raunte Sesachar. Harry sah ihn nur grimmig an, schwieg aber. Langsam trat er auf die Tür zu, und je näher er ihr kam, desto heftiger brannte die Narbe auf seiner Stirn. Es war wahr. Voldemort war hier, irgendwo in dieser abrissreifen Hütte, bei der sich Harry wunderte, dass sie nicht schon längst eingestürzt war. Doch als er die Tür aufstieß, deren verrostete Scharniere unter dieser Bewegung einen quälenden, quietschenden Ton von sich gaben, starrte er nicht auf halb eingestürzte und Spinnenweben verhangene Räume, sondern einen breiten, hohen Saal, der alles andere als verwittert wirkte. Sesachar spähte hinein. "Ganz wie das alte Gairech", murmelte er, nun doch erstaunt. Snape neben ihm knurrte nur leise. Harry trat einen Schritt vor - und stand nun mit einem Bein im Inneren des Hauses. Er suchte Sesachars Blick. "Professor..", er zögerte bei dem unwilligen Laut, den er für diese Anrede erntete, und verbesserte sich rasch, "Pit... wenn ich nicht zurück komme, würden Sie..." "Du wirst zurückkommen", sagte Sesachar. "Aber sollen wir dich nicht ein Stück begleiten?" Harry blickte in den Saal hinein und schüttelte zögerlich den Kopf. "Nein... ich... ich denke, ich sollte alleine gehen." "Fracksausen?", spöttelte Snape und Pithormin warf ihm einen tadelnden Blick zu. Harry blickte weitaus grimmiger drein. "Sparen Sie sich Ihren verfluchten Spott für später auf", knurrte er. Snapes Miene war bewegungslos wie immer und im Trotz über die Aussage des Meisters für Zaubertränke tat Harry einen weiteren Schritt - hinein in dunkles, grünes Licht, das den Boden vor ihm erhellte, der mit Mosaiken und Ornamenten übersät war. Zu seinem Erstaunen war der Raum, in dem er nun stand, rund - und vollkommen aus Stein erbaut, so als würde er sich tatsächlich im dunklen Gemäuer einer alten, riesigen Festung befinden. Mit einem dumpfen Knall fiel urplötzlich die Tür hinter ihm ins Schloss und Harry wandte sich erschrocken um, an dem schweren Griff zerrend. Doch die Tür bewegte sich nicht um auch nur einen Zentimeter. Er war eingesperrt, hier, in diesem alten Haus, das keines war. Und Sesachar und Snape schienen von außen auch nicht mehr die Türe öffnen zu können. Harry war sich sicher, dass zumindest Pithormin es versucht hätte. Er war allein. Und er konnte nicht mehr zurück. Jetzt nicht mehr... Harry seufzte leise und sah sich um. Wasserspeier, so groß wie er selbst und hässlich wie die Nacht, mit boshaft verzerrten Fratzen, saßen im Kreis dicht an den Wänden und starrten in die Mitte des Raumes, über dem ein wie ein Totenkopf geformter Leuchter an schweren Eisenketten herabhing. Sein Unterkiefer fehlte, ebenso die Schädeldecke, und Oberkiefer, Nasen- und Augenhöhlen bildeten einen makaberen Ring, der sanft in der Luft hin und her schwankte. Die Gewölbe waren geformt wie die Schwingen eines Schwarmes gewaltiger Gargoyles. Der nun verschlossenen Tür direkt gegenüber klaffte ein kreisrundes Loch in der Wand, aus dem ebenfalls grünes Licht hereindrang. Harry drehte sich in der Mitte des Raumes mit suchendem Blick um sich selbst, aber er fand sonst kein Tor, keinen Flur, nicht einmal einen Spalt. Es schien keinen anderen Weg zu geben als dieses in die dicken Mauern eingehauene Loch. Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend stieg Harry durch es hindurch. Der Gang, in den er gelangte, war gebaut wie eine Röhre, deren gewölbte Mauern von abgenagten Gebeinen getragen wurden. Harry starrte auf die beinahe versteinert wirkenden Knochen. Skelett neben Skelett reihten sich diese grausamen Säulen den Gang entlang und trugen die Decke auf ihren bleichen Schultern. Der Blick der hohlen, toten Augen war stur geradeaus gerichtet. Zögerlich ging Harry voran, sich fragend, woher das Licht herrührte, das diesen Korridor des Todes erhellte. Als er einem Bogen nach rechts folgte, erhielt er eine Antwort: Ein Becken stand inmitten des GangesFluoreszierender Dunst stieg aus ihm heraus bis zur Decke hinauf, bildete eine konstante, leuchtende Säule. Die Skelette, die zu beiden Seiten des Kessels aus dem Stein herauswuchsen, sahen Harry erwartungsvoll und hämisch - ja, boshaft - entgegen. Der schluckte hart und drückte sich zwischen dem Becken und der Wand vorbei. In der zähen Flüssigkeit konnte er eine sich in einem Schädel windende Schlange erkennen. Ein Seelenfresser. Und hier, an diesem Ort, wirkte er um Längen furchteinflößender als in dem kleinen geheimen Raum, der an Snapes Büro anschloss. Endlich fand der Korridor sein Ende in einem dunklen Saal, der in seiner Mitte fast gänzlich von einer langen, breiten Treppe eingenommen wurde. Zu beiden Seiten erhoben sich riesige Statuen auf schwarzen Sockeln bis hinauf zur Decke. Ansonsten war der Raum leer und verlassen. Harry fragte sich, wie viele Hallen und Korridore er noch durchlaufen musste, bis er Voldemort finden würde. Vielleicht war dies hier alles eine Taktik des Dunklen Lords, ihn im Ungewissen zu lassen und ihn dabei Anblicken auszusetzen, die an seinen Nerven zerrten. Er wollte wohl, dass er ihm unbedacht und ängstlich gegenübertrat. Entschlossen setzte Harry den Fuß auf die erste Stufe. Es gab kein Zurück mehr für ihn. Wenn er Gairech lebendigen Leibes verlassen wollte, durfte er nicht zögern - und der Angst eine Chance geben, sich in seinen Geist hineinzugraben wie ein sich schnell ausbreitendes Virus. Sehr aufmerksam, aber stetig, ging er die Treppe hinauf, bis ihn ein mit einem knirschenden Rumpeln begleitetes Beben dazu zwang, sich an der steinernen Brüstung festzuklammern, um nicht zu stürzen. Die Statue zu seiner Rechten war zum Leben erwacht. Der Stein drehte sich donnernd zu ihm um und Harry erkannte einen in einen Kapuzenmantel gehüllten Mann, dessen Augen in der Dunkelheit strahlten. "Wohin willst du?", donnerte eine tiefe, unirdische Stimme und erneut wankte die Treppe. Harry wartete, bis das Beben langsam verebbte. Unerschrocken starrte er in das Gesicht der Statue, das so groß war wie er selbst. "Zu Lord Voldemort", antwortete er laut und deutlich. "So sei es", polterte die Statue und erstarrte wieder in Bewegungslosigkeit. Dafür aber begann sich sein Nachbar zu Harrys Linken zu regen. Dieser war ebenfalls in einen Kapuzenmantel gekleidet, hielt aber ein Schwert in seinen Händen. Rote Augen blitzen auf und Harry stolperte erschrocken zurück. Er sah sich einem riesigen Voldemort aus Stein gegenüber, der seine Waffe anhob und in die Tiefe stieß, wo eine weitere Figur aus dem Stein herausgehauen war. Ohne genau hinzusehen wusste Harry, wen sie darstellen sollte. Die Bilder aus seinem Traum standen ihm noch zu deutlich vor Augen. Mit einem Bersten zersplitterte der Leib in tausend Stücke, als das mächtige Schwert in ihn geschlagen wurde, begleitet von hämischen Gelächter. "Geh und besiegele deinen Tod, Harry Potter", frohlockte Voldemorts Statue. "Geh!" Und die Treppe unter Harrys Füßen begann sich zu bewegen, nicht erschüttert von den Bewegungen mächtiger Steine, sondern zielgerichtet, wie er es von den Treppen in Hogwarts kannte - sie schwang herum, mit ihm in ihrer Mitte, und stellte sich quer in den Raum hinein. Nun führte sie zu einem Portal auf der linken Seite der Wand hinauf, dessen Tor sich knarrend öffnete. "Geh!", kreischte die Stimme weiter und überschlug sich schier vor Hohn und Boshaftigkeit. "Geh!" Harry versuchte, gar nicht auf sie zu hören, als er tapfer weiter voranschritt, das letzte Drittel der Stufen hinter sich brachte und durch das Portal in einen weiteren, diesmal kürzeren Korridor gelangte. Seine Wände waren mit Spiegeln versehen, und als Harry einen Blick in sie hinein wagte, sah er es wieder: Der Dunkle Lord, der sein Schwert in seinen Körper rammte und über seinen endlichen Tod frohlockte. 'Sieh nicht hin', befahl er sich und richtete den Blick stur geradeaus. 'Sieh nicht hin... Hab keine Angst. Geh weiter. Lass dich nicht zerstören, bevor er dich überhaupt berührt hat... Sei stolz und geh...' Und Harry ging, die Augen auf den Boden und das Ende des Ganges gerichtet. Konzentriert ignorierte er die Bewegungen in seinen Augenwinkeln, gab nicht nach, sah nicht noch einmal in diese Spiegel hinein, um sich seinen eigenen Tod vorführen zu lassen wie einen Kurzfilm in der Wiederholungsschleife. 'Du wirst nicht sterben', hallte es in seinem Kopf wider. 'Nicht, wenn du es nicht zulässt. Kämpfe dagegen an. Lass deine Furcht nicht obsiegen. Dein Geist darf nicht schwach werden, oder dein Körper wird ihm folgen. Du wirst nicht sterben...' Ein letzter Meter trennte ihn vom Ende der Spiegelwände und des Ganges, der in ein rundes Portal endete. Es hatte die Gestalt einer Schlange, die sich gerade selbst in den Schwanz biss. Ihre Augen blitzten rubinrot. 'Geh weiter...' Ein letzter Schritt. 'Entscheide dich... für das Leben.'
Die Halle war genauso wie in seinem Traum - groß, dunkel, mit einer hohen Decke, die irgendwo über ihm in der Schwärze verborgen lag. Vier Säulen stützten den Raum, der so kalt war, dass Harrys Atem kondensierte. Er bemerkte, dass er in einem großen, auf dem sonst schwarzen Boden eingezeichneten Kreis stand. Der blutrote Ring leuchtete matt. Als Harry den Blick hob und auf das gegenüberliegende Ende der Halle blickte, sah er einen schweren Stuhl, auf dem er thronte, wie ein ungekrönter König, die knochigen Finger um die Stuhllehnen geschlossen, die Augen lauernd in der Dunkelheit. "Du bist wirklich hier", schnarrte Voldemort leise. "Nicht, weil Sie es so wollen", sagte Harry widerwillig. Verstohlen suchte er die Halle ab. Sie war leer. Niemand war hier. Niemand, außer ihnen beiden. "Wo sind Ihre Todesser?" Voldemort legte seine bleichen, dürren Fingerspitzen aneinander. "Sie kümmern sich um die Dementoren", sagte er langsam und mit sichtlichem Genuss. Harrys Linke ballte sich zur Faust. Eine Provokation. Eine Falle. "Die bald zurück nach Ginnungagap getrieben werden", sagte er daher so ruhig wie es ihm möglich war. "Und da bist du dir so sicher?" Voldemorts Augen verengten sich. "Welche Zauberer sollten sie treiben, wenn ich mit dir fertig bin? Wenn der letzte Dorn in meinem Auge, der letzte Stein auf meinem Weg zurück an die Macht, hinfort geräumt ist? Dumbledore ist gefallen. Glaubst du, dass ein Junge, ein halbes Kind noch, überlebt, wenn schon der große, weise Zauberer unterlag?" 'Es muss so sein...', raunte es in Harrys Kopf, aber er schwieg. "Bildest du dir wirklich ein, du wärst der Erbe Gryffindors?", höhnte Voldemort weiter. Harry runzelte missbilligend die Stirn. "Ich bilde mir gar nichts ein", erwiderte er. "Ich weiß nur, was ich nicht bin." "So, so..." Der Dunkle Lord erhob sich von seinem Stuhl und schritt langsam auf ihn zu. "Und das wäre?" Harry starrte ihm entgegen. Er spürte keine Furcht. Jetzt nicht mehr. Seine Stimme war vollkommen ruhig, nicht ein einziges kurzes Zittern sprach von Angst. "Nicht so wie Sie", sagte er überzeugt. "So ist es." Voldemort lächelte kalt und blieb stehen. "Und darum werde ich dich jetzt auch töten. - Incendio!" Der Kreis, in dem Harry stand, begann zu glühen, und bevor er aus ihm fliehen konnte, schossen hohe Flammen aus dem Boden, begleitet von Voldemorts kaltem Gelächter. "Oder hast du wirklich geglaubt, du hättest eine Chance gegen den größten Zauberer aller Zeiten?" Harry presste dem Stoff seines Umhangs vor die Nase, um sein Husten zu unterdrücken. Das Feuer war zu hoch, um Voldemort jetzt noch sehen zu können, aber dafür konnte er ihn umso deutlicher hören. "Ja, mein Junge, jetzt gibt es keinen netten Dumbledore mehr, der dich in letzter Minute retten kann! - Pergite!" Und damit begannen sich die Flammen auszubreiten. Harry starrte auf die Feuerwand, die immer näher auf ihn zukam. Die ersten Flammen leckten um seine Füße, züngelten nach seinem Umhang. Harry vertrieb die Panik, die in ihm hochzusteigen drohte. Dieser Feuerkreis würde ihn nicht halten. Grimmig wich er einen Schritt zurück, duckte sich... So leicht würde er es nicht haben. Voldemort stolperte zurück, als ein großer schwarzer Schatten durch den gelb züngelnden Tod aus dem Kreis herausbrach und auf ihn zuschoss. Mit einem wüteten Schrei wich der Dunkle Lord aus, versuchte das schwarze Pferd mit der Spitze seines Zauberstabes genau ins Visier zu fassen, doch das Tier war zu schnell. Seine Flüche schossen wirkungslos gegen die hohen Mauern der Halle oder auf den kalten Steinfußboden, wo sie hässliche Flecke hinterließen. Das Pferd schlug einen Haken und bäumte sich auf, und erneut musste Voldemort ausweichen, um nicht von den durch die Luft wirbelnden Hufen erschlagen zu werden. Mit einem wütenden Schrei riss er seinen Zauberstab in die Höhe, als sich der Hengst kraftvoll vom Boden abstieß. Den Bruchteil einer Sekunde später schlug Harry hart auf dem Boden auf, nachdem er im Flug seinen Pferdekörper verlassen hatte. In der rechten Hand umklammerte er Voldemorts Zauberstab. Der Dunkle Lord ballte die knöchrigen Finger zu Fäusten. "Denkst du, ein Zauberer wie ich ist auf ein kleines Stück Holz angewiesen, Potter?", zischte er boshaft. "Denkst du wirklich, ich wüsste nicht mehr Möglichkeiten, dich zu töten?" Harry sah ihn herausfordernd an, hob beide Hände und brach den Stab entzwei. Voldemort heulte auf vor Zorn. Im nächsten Augenblick war er verschwunden. Harry starrte auf den leeren Raum vor sich. Er fuhr herum, seine Augen suchten jeden Winkel der Halle ab. Sie war leer. "Suchst du mich, Potter...?" Die leise, aber durch Mark und Bein gehende Stimme schien von jeder Wand widerzuhallen. Harry spürte, wie ihm das Herz bis zum Halse schlug. "Creato Armatus!", schrie er und packte den Griff des sich materialisierenden Schwertes. Atemlos stand er da, für alles bereit und doch unwissend, was nun folgen würde. "Nichts kann mich töten", zischte es erneut aus jeder Ecke. "Keine Waffe ist stärker als meine Macht, Potter. Ich kann nicht sterben. Ich bin nie gestorben." Das Zischen schwoll an zu einem wütenden Fauchen. "Und ich werde es auch niemals tun!" Harrys Augen huschten panisch hin und her. Wo war er? In welcher der dunklen Ecken verbarg er sich, bereit, ihn dann anzufallen, wenn er ihm den Rücken darbot? Irgendwo saß er, diese hinterhältige alte Schlange, und wartete auf seine Chance... Schlange! Harry wirbelte erneut herum, suchte die schwach erleuchtenden Teile des Fußbodens ab. Er spürte, wie seine alarmbereiten Sinne seine Nerven schier zum Zerreißen brachten. "Zeig dich", knurrte er. Er musterte die Säulen und den alten, im Schatten liegenden Stuhl. Irgendwo... in einer kleinen dunklen Nische... In Parsel schrie er in die leere Halle hinein: "Zeig dich schon, du feige Schlange!" Bösartiges Fauchen antwortete ihm und in der Dunkelheit blitzte ein Paar roter Augen auf. "Feige nennst du mich?", hörte er die Schlange zischeln, und aus dem Schatten heraus glitt der glatte, dunkelgrün gefärbte Körper der Kreatur auf ihn zu. Harry zwang sich, stehen zu bleiben, auch wenn etwas in ihm schrie, er solle laufen, solange er noch konnte. "Oh ja", sagte er langsam und noch immer in Parsel. 'Schlage ihn mit seinen eigenen Waffen. Er wollte dich provozieren, damit du über deine Wut vergisst, achtsam und konzentriert zu sein. Gib ihm keinen Angriffspunkt. Aber finde eine Schwachstelle an ihm. Du weißt, dass er eine solche haben muss. Locke sie aus ihm heraus. Lass ihn wüten...' Harrys Gesicht war zu einer spöttischen Grimasse verzogen, als er die nächsten Worte aussprach. "Du bist feige, Tom - denn du wagst es nicht, mir gegenüber zu treten. Was für ein Zauberer sollst du sein, wenn du kriechst, statt zu stehen!" Diese respektlose Beleidigung würde nicht wirkungslos bleiben, Harry wusste es. Zudem hasste es Voldemort, bei seinem eigentlichen Namen genannt zu werden, so als würde man ihm damit jegliche Würde nehmen. In manchen Dingen war auch der Dunkle Lord sehr berechenbar... Die Schlange schoss mit gebleckten Fängen auf ihn zu und Harry umklammerte das Schwert fester. Aus dem sich windenden Körper wuchs Voldemort vor ihm in die Höhe. "Ich... krieche... vor... niemandem, Potter!", donnerte er wutentbrannt los und die Luft vor ihm glühte in einem giftigen Grün. Mit einer schroffen Bewegung zog er ein massiges Breitschwert aus dem Dunst heraus. Es wirkte doppelt so groß und mächtig wie das Schwert Gryffindors, das sein Gegner in den Händen hielt. Voldemorts Augen blitzten höhnisch und mit der riesigen Waffe ging er auf Harry los, dem nichts anderes blieb, als auszuweichen. Entsetzt starrte er auf die geschwungene Klinge, die Voldemort erneut gegen ihn anhob, und riss sein eigenes Schwert hoch. Fast wurde es ihm aus den Händen gerissen, als die beiden Waffen Funken sprühend gegeneinander krachten. Er schien keine Chance zu haben. Der Traum. Er, am Boden. Voldemorts Schwert, das auf ihn niederfuhr und ihn tötete... Voldemort lachte leise. "Du warst schon immer ein törichter Junge voll von falschem Mut", zischte er und schlug Harry mit einem heftigen Hieb das Schwert aus der Hand. "Denn mit Mut, Potter, kommt die Selbstüberschätzung. Und mit ihr besiegelt ein jeder seinen Tod." Verächtlich starrte er auf Harry, der nun waffenlos vor ihm stand. "Der Mut ist der Freund der Naiven und Dummen. Hast du das denn noch nicht begriffen? - Ah, ich vergaß... du bist ja mutig." Und damit brach er in schallendes Gelächter aus, das kalt wie Eis durch Harrys Körper fuhr, so als wolle es ihn aus dem Innersten heraus erfrieren lassen. Er starrte auf das Schwert, das zum letzten Schlag gegen ihn ausholte, wusste, die Waffe würde ihn niederstrecken, und dennoch war er nicht bereit zu sterben. Nicht hier. Nicht heute. Nicht auf eine solch niederträchtige Weise ermordet wie seine Eltern - von einer menschlichen Bestie, für die es nur eine einzige Freude in ihrem trostlosen Leben gab: Ihn zu töten. "Wer zum Schwert greift, soll auch durch das Schwert umkommen!", höhnte Voldemort. Harry spürte, wie es in ihm brodelte, eine unbeschreibliche Hitze, der er keines der ihm bekannten Gefühle zuordnen konnte. Eine Hitze, die sich durch seine Adern fraß und auf seiner Haut prickelte wie ein unsichtbares Feuer. Ein befremdlicher Druck füllte seine zur Faust geballte Hand, in der er eben noch Gryffindors Schwert gehalten hatte. Harry starrte darauf - und auf das weiße Leuchten, was er darin gefangen zu halten schien. Wie in Trance, ohne zu wissen, was er tat, hob er die Hand, so wie Voldemort sein Schwert, und als der Dunkle Lord zum Schlag ausholte, öffnete er sie. Zwischen seinen sich spreizenden Fingern schwoll das helle Leuchten an und Harry wusste ohne einen bestimmten Grund, dass dieses Leuchten aus ihm selbst heraus kam. Er fühlte, eins zu sein mit dem geisterhaften Nebel, der sich rasch ausbreitete, in die Höhe schoss und Gestalt annahm. Weißes Licht zeichnete einen wendigen Körper, über dessen Schultern struppiges Haar fiel. Ein Maul mit scharfen Reißzähnen öffnete sich zu einem heiseren Brüllen und kräftige Pranken schlugen nach Voldemorts Gesicht. Der starrte bleich auf diese geisterhafte Gestalt, die vor ihm wuchs und die Harry an Strahlen aus Licht in seiner Hand zu halten schien wie eine überdimensionale Marionette. Nur bis zu seinem Brustkorb war der Löwe aus seiner Handfläche gestiegen und in seinem grellen Glanz wirkte er beinahe wie ein herbeigerufener Patronus. Mit seiner mächtigen Pranke schlug er in Voldemorts Gesicht, der gepeinigt aufschrie, doch Harry sah nicht einen Kratzer auf seiner Haut, die von einer Verletzung hätten zeugen können. Wie gebannt starrte er auf den Dunklen Lord, der sich unter den Angriffen des Lichtwesens wand und dabei sein Schwert verlor, das mit einem ohrenbetäubenden Knall auf dem Boden aufschlug. Wieder durchschnitt die gewaltige Pranke die Luft, und wieder schrie Voldemort ohne ein äußerliches Anzeichen dafür, verwundet zu sein. Harrys Gesichtsausdruck verhärtete sich, als er begriff, was geschah. Das Lichtwesen war nichts anderes als ein Geist. Kein solches Wesen konnte mit seinen bloßen Händen - oder Krallen - ein Geschöpf aus Fleisch und Blut verletzten. Nicht den Körper - aber die Seele, die darin wohnte. Und als er Voldemorts schmerzerfülltes Geschrei erneut vernahm, hallten wie aus weiter Ferne Worte in seinem Ohr wider, die er vor einem knappen Jahr erst gehört hatte, an einem anderen Ort, weit weg von hier... "Du willst mich nicht umbringen, Dumbledore? Über solchen Brutalitäten stehst du wohl?" "Wir beide wissen, dass es andere Wege gibt, einen Menschen zu zerstören, Tom. - Einfach nur dein Leben zu nehmen würde mich auch nicht befriedigen, muss ich zugeben." "Es gibt nichts Grausameres als den Tod, Dumbledore!" "Da irrst du dich, Tom. Allerdings war dein Unverständnis, dies zu erkennen, schon immer deine größte Schwäche..." Voldemorts Schwäche... Harry krümmte die Finger seiner rechten Hand nur leicht, doch er spürte, wie schnell und wendig der Geist des Löwen gehorchte, wie er erneut seine Pranken in dem Gesicht des Dunklen Lords vergrub, der unter einem erstickten Laut zu Boden sank. Und es schien Harry, als wäre es nicht dieser Geist, der dort in Voldemorts schwarzer Seele wütete und sie in Stücke riss, sondern er selbst. "Jetzt weißt du es...", flüsterte er und schloss mit einer langsamen Bewegung seine Faust, in der der schrumpfende Lichtgeist mit einem letzten lauten Brüllen verschwand. Als Harrydie Hand wieder öffnete, wirkte sie so normal wie eh und je. Kein merkwürdiger Schein tanzte auf seiner Haut und die Hitze in seinem Körper erstarb. Er bückte sich und hob das Schwert Godric Gryffindors vom Boden auf. "Jetzt weißt du es", wiederholte er leise und hob die Waffe an. Voldemort lag am Boden, sein Leib zitterte wie unter einem anhaltenden, heftigen Schüttelfrost. Doch seine Augen waren noch immer glühend rot vor Hass und er starrte Harry an. "Verdammt sollst du sein, du elender Teufel", röchelte er. "Avada..." Harry wusste nicht, ob Voldemort fähig war, diesen Fluch auch ohne seinen Zauberstab auszusprechen und wirken zu lassen. Doch er wollte dies auch nie erfahren. Er holte tief Atem, schloss die Augen und stach zu. Voldemorts Worte verebbten in einem undeutlichen Gurgeln. Mit einem leisen Fauchen lösten sich Blitze und Flammen vom Boden, rissen Deckeund Wände mit sich, um wie eine Anhäufung loser Blätter im Wind davon zu wehen. Je höher sie stiegen, um so mehr verloren sie an Masse und Klarheit, bis nichts als verglimmende Funken zurückblieben, die sanft davon wirbelten. Eine Illusion - nicht weiter.Eine von Voldemorts letzten bösen Visionen, die sich mit seinem sterbenden Geist im Dunkel der Nacht auflöste. Das Gairech des Dunklen Lords hatte hier, in diesem zerfallenen Gehöft, niemals wirklich existiert. Alles, was zurückblieb, war ein eingestürztes Dach in einer schäbigen Hütte, in der Harry stand. Es war vorbei. Es war vollbracht und vorbei. Und jetzt, erst jetzt, spürte Harry die Schwäche in seinem Körper aufsteigen, seine Auflehnung gegen seine heftige Verausgabung, und seine Beine schienen ihn nicht mehr tragen zu wollen. Erschöpft lehnte er sich gegen die morsche Holzwand, suchte dort Halt, tief einatmend, die Augen geschlossen. Stimmen, ein Ruf wie aus weiter Ferne. Jemand warf sich gegen die Tür der Hütte, die daraufhin aus ihrer Angel sprang. "Harry?" Schritte auf feuchtem Holzfußboden. Ein Mann murmelte ein leises "Lumos!" und Licht erfüllte den Raum. Mit einem Blinzeln drehte Harry den Kopf und erkannte Pithormin Sesachar, der einen alten Tisch, der im Weg stand, ungestüm zur Seite gestoßen hatte, und nun neben ihm in die Hocke ging. "Harry, ist alles in Ordnung? Bist du schwer verletzt?" Sein Blick war besorgt und langsam schüttelte Harry den Kopf. "Ich glaube, ich bin okay..." Snape war über dem reglosen Körper in der Mitte des Raumes stehen geblieben. Eine Weile starrte er auf die von einer dunklen Kutte eingehüllte Gestalt hinab und ergriff dann das Schwert, das noch immer tief in Voldemorts Brust steckte. Snape setzte den Fuß auf den toten Leib und zog das Schwert heraus. Harry schloss die Augen. Er spürte Übelkeit in sich aufsteigen. Pithormin griff nach seinem Arm und zog ihn zurück auf seine Füße. Noch immer an der Wand angelehnt stand Harry da. Und wieder kam ihm alles um ihn herum so schrecklich unwirklich vor. Lord Voldemort war tot. Er hatte ihn besiegt. - Er hatte ihn getötet. Snape packte ihn, als er einzuknicken drohte, und hielt ihn eisern umklammert. "Bringen wir ihn hier raus", knurrte er und nickte zur Tür hinaus.
***
Der Morgen graute bereits, als sie Hogwarts erreichten, und dünne Regenfäden fielen vom bedeckten Himmel auf sie herab. Als sie die Treppe zum großen Eingangsportal hinaufstiegen, schwang dieses auf. Hagrid starrte ihnen mit großen Augen entgegen, doch bevor er auch nur einen Schritt tun konnte, schob sich McGonagall an ihm vorbei. "Wo sind Sie gewesen?", fragte sie und ihre Stimme zitterte vor Sorge und Wut zugleich. "Zuerst weckt mich Mr. Longbottom, um zu melden, dass Potter verschwunden ist, und dann sind auch noch gleich zwei Lehrkräfte unauffindbar! Wie können Sie nur ohne ein Wort mitten in der Nacht..." Sie hielt inne und starrte auf den noch immer von Sesachar gestützten Harry, der nur müde zu Boden sah. Er wirkte ausgelaugt. Auf seinem Gesicht waren leichte Brandwunden zu erkennen und der rote Mantel, den er trug, war teilweise verkokelt und schwarz verfärbt. An einigen Stellen war der Stoff eingerissen oder blutbefleckt. "Meine Güte, Potter... - holen Sie Madam Pomfrey, Hagrid. Sofort!" Doch der Halbriese trat an ihr vorbei. "Ich bring'n lieber hin", murmelte er und wollte nach Harry fassen. Der winkte ab. "Lass, Hagrid... ich kann selbst zu ihr gehen." "Aber das Blut..." Harry legte die letzten Stufen zurück. "Ist nicht meins..." Pithormin schob ihn an McGonagall vorbei, die die Stirn runzelte. "Wessen Blut ist es dann?" Snapes Gesicht war bewegungslos, als er den Stoff über seinem Arm zurückzog und den Blick freigab auf eine hässliche, noch sehr frisch erscheinende Wunde - dort, wo sich einmal das Dunkle Mal befunden hatte. Es schien ihm regelrecht aus der Haut gebrannt worden zu sein und bei diesem Anblick wich McGonagall einen Schritt zurück. "Merlin steh mir bei...", flüsterte sie und wandte sich zu Harry um, der mit Sesachar die Treppe zur Krankenstation hinaufging. "Potter..." "Später", unterbrach sie Snape und betrat ebenfalls die Eingangshalle. "Es gibt nun keinen Grund zur Eile mehr."
***
Harry saß missmutig auf dem Bett, das Madam Pomfrey ihm zugewiesen hatte und beobachtete, wie sie sich um Snapes Arm kümmerte. Pithormin war bereits versorgt und war zu einer Unterredung mit McGonagall, die außer sich zu sein schien, nach draußen beordert worden. Snape verzog nicht eine Miene, als Madam Pomfrey die Wunde mit einem mit undefinierbarer Flüssigkeit getränkten Tuch säuberte. Harry sah ihn forschend an, aber der Professor wich seinem Blick aus. Vor der Tür vernahmen sie plötzlich die Stimme McGonagalls, die offensichtlich zum Krankenflügel zurückgekehrt war und einige Schüler fortschickte, die inzwischen auch munter waren und im ersten Stock herumschlichen. Bis zum offiziellen Frühstück waren noch gut über zwei Stunden Zeit. Als Minerva den Raum betrat, beeilte sie sich, die Tür wieder zu schließen. Im Gang huschten Gestalten in Pyjamas herum und versuchten einen Blick ins Innere des Krankenflügels zu erhaschen. "Professor?", fragte Harry. "Sind Hermine und Ron schon wach?" McGonagall verzog das Gesicht. "Das sind Sie, Mr. Potter", antwortete sie widerwillig. "Bitte lassen Sie sie herein", bat Harry. Madam Pomfrey schnappte protestierend nach Luft. "Nichts da, Sie brauchen Ruhe, Mr. Potter und..." "Bitte", wiederholte Harry. "Nur ganz kurz." McGonagall seufzte ergeben, öffnete die Tür und trat in den Gang hinaus. "Ms. Granger? Mr. Weasley?" Hastende Schritte waren zu hören. Dann tauchte Hermines struppige Löwenmähne im Türspalt auf, gefolgt von Rons Rotschopf. "Harry!" Hermine schoss an einer nach Ruhe keifenden Madam Pomfrey vorbei. Sie schien nicht viel geschlafen zu haben und tiefste Sorge sprach aus ihren müden, aber glücklich aufleuchtenden Augen. Erleichtert fiel sie Harry in die Arme. "Wie konntest du nur gehen, ohne es uns vorher zu sagen?" Er drückte sie fest an sich und war froh, es niemandem gesagt zu haben. Die besorgten Blicke und offenen Ängste seiner Freunde hätten ihn regelrecht in den Wahnsinn getrieben. "Mr. Potter braucht Ruhe!", schimpfte Madam Pomfrey. "Sie haben ihn gesehen, jetzt können Sie wieder gehen. Er muss schlafen!" "Aber...", begann Ron protestierend. Harry lächelte ihn an. "Es geht mir gut... Ich bin in Ordnung. Wirklich. Ihr braucht euch keine Sorgen um mich zu machen." "Ich bezweifle, dass Madam Pomfrey ihn lange in diesem Bett wird halten können", spöttelte Snape und befühlte seinen verbundenen Arm. "Sie werden später noch ausführlicher mit ihm sprechen können. - Mr. Weasley, Sie sollten diese Zeit für die Erledigung Ihrer Hausaufgaben nutzen." Ron errötete und stammelte ein "Ja... natürlich, Professor." Snape erhob sich und nickte auf die Tür. Hermine ließ nur widerwillig von Harry ab und folgte Ron mit dem Professor nach draußen. Madam Pomfrey murmelte zufrieden Unverständliches und sammelte ihre Flaschen mit Heiltränken und -pudern zusammen. Professor McGonagall setzte sich auf den Stuhl neben Harrys Bett. "Wenn ich eines in diesen sechs vergangenen Jahren mit Ihnen gelernt habe, Potter, dann den unumstößlichen Fakt, dass Sie sich niemals an Regeln halten können." Harry blickte säuerlich drein. "Fein. Welche habe ich diesmal übertreten?" "Keine dieser Schule", seufzte McGonagall. "Aber die Ihrer Vernunft. Wie konnten Sie nur vollkommen unvorbereitet das Schloss verlassen, um Voldemort aufzusuchen?" "Ist das jetzt noch wichtig?", begehrte Harry auf. "Er ist tot." Minerva beugte sich mit strengem Blick vor. "Es hätte aber auch vollkommen anders ausgehen können!" Harry wich ihr nicht mit den Augen aus. "Verstehen Sie es denn nicht, Professor?", fragte er leise. "Es hätte nicht besser sein können. Eine Planung, das Warten, der Abschied... diese ganzen verdammten Mut machenden Worte. Ich wäre ausgerastet." McGonagall schwieg. Nach einer Weile zog sie einen Brief aus ihrem Umhang hervor und reichte ihn Harry. "Albus gab mir das... letztes Jahr. Er beauftragte mich, Ihnen diesen Brief zukommen zu lassen, sollte er Ihnen nicht bis zum Ende selbst zur Seite stehen können." Harry betrachtete den Brief und Professor Dumbledores geschwungene Handschrift auf dem Umschlag. Er brach das Siegel und zog ein zusammengefaltetes Pergament hervor. Langsam öffnete er es.
Harry,
wenn du diesen Brief in deinen Händen hältst, werde ich nicht mehr bei dir sein, um dir diese letzte Nachricht persönlich zu überbringen. Ich habe dir im Laufe der Jahre, die du in Hogwarts verbracht hast, vieles verschwiegen - aus Angst, dass die Last, die ich dir mit jeder neuen Information aufbürden würde, zu viel für dich werden könnte. Ich habe damit einen Fehler begangen, den ich nicht wieder gut machen kann. Zu oft habe ich an dir gezweifelt, nur um mir von dir selbst vor Augen führen zu lassen, wie dumm ich war, es zu tun. Ich hoffe, du kannst mir verzeihen. Etwas Letztes gibt es, was ich dir sagen möchte. Etwas, was ich vielleicht auch nicht all die Zeit vor dir hätte verbergen dürfen. Du findest es in meinem persönlichen Schlafraum im sechsten Stock, der letzte Raum am Ende des Korridors. Er ist leicht zu finden. Das Passwort lautet 'Stechginster'. Es gibt dort jemanden, mit dem du sicher gerne reden würdest...
Albus Dumbledore
Es war der Raum neben dem Spiegel, durch den Harry, Hermine und Ron in der Nacht zu Halloween gegangen waren. Es war wirklich nicht schwer gewesen, ihn zu finden. Harry murmelte das Passwort und die Tür öffnete sich in einer fast einladenden Geste. Er trat ein und sah sich suchend um. Das Zimmer war - ebenso wie Dumbledores Büro - vollgestopft mit Gegenständen jeder Art. Truhen und Regale voller Bücher und astronomischer Geräte füllten den Raum. Selbst das große Himmelbett hatte lange, lilafarbene Vorhänge, auf denen kleine Silbersterne glänzten. "Kann ich dir helfen, junger Mann?" Überrascht sah sich Harry um und sein Blick blieb an einem Gemälde hängen, das sich über einer Truhe neben dem Bett befand. Es sah schon sehr alt aus. Die Farbe des Rahmens war teilweise abgeblättert und am oberen Rand des Gemäldes war ein fleckiger Riss zu erkennen. Das Porträt zeigte einen Mann mit dunklen, amüsierten Augen, Bart und rotbraunem Haar, das teilweise mit grauen Strähnen durchzogen war. Er lehnte sich mit einer Hand gegen den Bildrand und legte den Kopf schief. "Ähm, ja..." Harry sah sich immer noch suchend im Raum um. "Professor Dumbledore sagte mir, hier wäre jemand..." "Hier ist doch auch jemand." Der Mann im Porträt lehnte sich so sehr gegen den Bildrand, dass der Rahmen verrutschte. "Oh weh, nicht schon wieder." Er schien zu straucheln und warf einen mürrischen Blick auf seine Hände. "Es ist sehr lästig, die ganze Zeit stehen zu müssen. Warum haben sie mich nicht sitzend malen können? Könntest du vielleicht...?" Harry beugte sich über die Truhe und richtete das Bild wieder gerade. Der Mann darin wirkte zufrieden. "Ah ja, vielen Dank. So ist es besser." Er strich seinen roten Umgang, der ihm über sein Gewand fiel, glatt. Darunter war ein Schwertgehänge zu erkennen und ein Zauberstab, der ihm im locker angelegten Gürtel steckte. "Dumbledore hat mich also zu Ihnen geschickt?" Harry musterte das Bild. Es war das einzige Gemälde im gesamten Schlafzimmer. Der Mann schien in die Hocke zu gehen und kreuzte die Arme am unteren Bildrand. Harry musterte ihn. "Wer sind Sie?" "Ah, nenn mich Ric, wenn du möchtest. In den letzten Jahrzehnten habe ich mich an diesen Namen gewöhnt. War ein ruhmreicher Einfall von Thaddäus Rowery - der war auch mal Schuldirektor hier in Hogwarts... und der letzte, der mir damals einen neuen Rahmen verpasst hat. Wenn du mich fragst, langsam wäre mal wieder einer fällig. Ich habe so ein schickes Messingmodell gesehen im Treppenhaus. Muss was Neueres sein. Richtig edel." Ric seufzte sehnsüchtig. Harry hatte sich einen Stuhl herangezogen und mit der Lehne voran darauf gesetzt. Nachdenklich musterte er das Bild. "Wieso schickt mich Professor Dumbledore zu Ihnen? Er schrieb, ich würde sicher gerne mit Ihnen reden..." "Er schrieb?" Ric hob den Kopf. Sein eben noch verträumter Blick war echtem Entsetzen gewichen. "Er hat dir das geschrieben?" Harry nickte und Ric senkte seufzend den Blick. "Also ist er tot... Und ich hatte gehofft, er sei nur einmal mehr unangekündigt verreist." "Woher wissen Sie das?" "Er hat den Brief an dich hier in diesem Raum verfasst", antwortete das Porträt. "Wir haben uns über dich unterhalten... und wenn alles glatt gegangen wäre, hätte dich Albus selbst zu mir geschickt..." Ric sah ihn an. "Aber wenigstens du hast überlebt, Harry. Und das bedeutet, dass Voldemort tot ist... Das ist er doch?" "Ja", antwortete Harry perplex. Ric begann zu strahlen. "Ich wusste, du würdest es schaffen. Albus verbrachte so viele Nächte voller Ängste in Sorge um dich und dein Wohlergehen. Doch ich habe nie auch nur eine Sekunde an dir gezweifelt. Ich habe immer gewusst, dass es so enden würde... es durfte gar nicht anders kommen." Harry starrte das Porträt an. In seinem Kopf wirbelten Gedanken in einem heillosen Chaos durcheinander. Dumbledore hatte oft mit diesem Porträt über ihn gesprochen. Und wohl auch die Prophezeiung und Voldemort, denn alles schien Ric sehr vertraut zu sein. Mit zusammengekniffenen Augen musterte Harry das Bild, entdeckte Details, auf die er zuvor nicht geachtet hatte. Die goldene Brosche, die den roten Umgang hielt, mit dem eingravierten Löwenkopf. Der Schwertgriff mit dem roten Rubin, der immer dann zu sehen war, wenn Ric den Arm anwinkelte, um seine Hand in die Hüften zu stemmen. Der Turm eines gewaltigen Schlosses, der hinter ihm zu sehen gewesen war, als er sich kurz über den unteren Bildrand gebeugt hatte, und der Harryso vertraut war... "Sie sind Godric Gryffindor", murmelte er und konnte kaum glauben, was er da sagte. Das Porträt lächelte ihn an. "Ja. Aber wie ich bereits sagte, Ric geht vollkommen in Ordnung." "Sie waren das gestern Nacht... der Geist des Löwen." Harry schüttelte den Kopf. "Der Patronus... Ich meine... es sah aus wie ein Patronus..." Godric schüttelte den Kopf. "Nein, nein... einen Patronus musst du mit einer Formel herbeirufen und er dient nur zu deinem Schutz. Und er wächst nicht in dir. Hast du es nicht gespürt? Du weißt, wer du bist, Harry. Also weißt du auch alles über den Geist, der an deiner Seite gekämpft hat, letzte Nacht - und der deine gesamten Kräfte beansprucht hat, mehr als alles andere." Eine Weile herrschte Schweigen, bevor Harry wieder sprach. "Es war einfach da... ganz plötzlich. Ich habe nicht gefragt... ich habe nicht überlegt..." "Das solltest du auch nicht." Godric ließ sich wieder in die Hocke fallen. "In dem Moment größter Gefahr soll man niemals denken, sondern einfach nur handeln. Alles nutzen, was man zu seiner Verteidigung zur Verfügung hat, ohne zu fragen, woher es kommt. Wenn alles vorbei ist, kann man sich noch immer genug Gedanken darüber machen, wie man es eigentlich hat schaffen können, diese Situation zu überstehen." Harry sah ihn mit einem kläglichen Lächeln an. "Nun, dann... wie habe ich es geschafft?" "Wie hast du es damals in deinem ersten Jahr an Hogwarts geschafft, dem Spiegel Nerhegeb den Stein der Weisen zu entlocken?" "Ich wollte ihn finden", murmelte Harry. "Jawohl, finden, aber nicht benutzen. Der Aufgabe willen, nicht der Macht." Godric lehnte sich zurück. "Weiter. Der Basilisk." Harry seufzte, nicht wissend, was das alles jetzt für einen Sinn haben sollte. "Das war Glück. Er hätte mich genauso gut erwischen können, trotz Ihres Schwertes und Fawkes." "Das hat er aber nicht. Warum?" "Ich wollte Ginny retten", murmelte Harry. "Und ich wollte nicht sterben..." Godric nickte. "So ist es. Du hast ihn aus Notwehr getötet, nicht aus Hass. Und du bist nicht gestorben, denn dein Herz war treu. Sonst wäre Albus' Phönix niemals erschienen." "Ohne ihn wäre ich ganz sicher gestorben", sagte Harry. "Nein." Godric Gryffindor deutete auf ihn. "Ohne deinen Mut und deine Treue wärst du gestorben. Denn sie brachten dir mein Schwert und Fawkes. Und seitdem sind beide ein Teil von dir. Fawkes bringt dir die gleiche Ergebenheit und Loyalität entgegen, wie Albus. Und es war mein Schwert, das dich als neuen Träger auswählte. Ruf es herbei." Harry sah ihn verwirrt an. "Bitte?" "Das Schwert. Ruf es zu dir." "Aber Professor Sesachar hat uns verboten, den Zauber anzuwenden, wenn wir nicht in Gefahr schweben." Gryffindor lächelte. "Dieser Raum ist einer der bestverschlossensten im ganzen Schloss. Keiner wird etwas bemerken. - Also bitte ich dich darum. Ich möchte es in deinen Händen sehen. Nur einmal." Harry zuckte mit den Schultern und stand von seinem Stuhl auf, dabei den Zauberstab hervorziehend. "Creato Armatus!", rief er und beobachtete, wie das Schwert in voller Größe vor ihm materialisierte. Er packte den Griff und drehte die wundervoll geschmiedete Waffe in der Hand. Godric beobachtete ihn lächelnd. "Ja, es passt zu dir. Wie hätte es auch anders sein können... - Weißt du, dass Siloel, die Strahlende, dieses Schwert geschmiedet hat? Sie war eine der größten Hexen der Antike und die erste große Priesterin in Stonehenge. Na ja, für dich sicher langweilige Geschichte..." Er grinste vergnügt. Harry ließ das Schwert sinken und es verschwand wieder. "Aber meine Frage haben Sie mir immer noch nicht beantwortet, Sir... ähm... Ric." "Welches waren die Menschen, die Lord Voldemort am meisten von allen fürchtete?", fragte Gryffindor. "Professor Dumbledore", antwortete Harry. Langsam wurde er ungeduldig. Ric schien sich jede Antwort förmlich aus der Nase ziehen zu lassen, nachdem man ein gutes halbes Dutzend an Gegenfragen hatte beantworten müssen. Das Porträt nickte. "Korrekt. Und?" "Und was?" Harry setzte sich wieder auf den Stuhl. "Und dich." Gryffindor seufzte. "Hör doch auf, es zu verdrängen. Wie kann man so viel in jungen Jahren ertragen wie du - große seelische Belastungen und eine schwere Bürde... aber kein lobendes Wort?" Er beugte sich erneut vor und sah ganz so aus, als würde er gerne aus seinem Bild herausspringen. "So mächtig Albus auch war, er konnte Voldemort nicht besiegen. Nur du konntest es. Das wusste er, das wusste der Dunkle Lord. Du trägst eine große Kraft in dir - ganz abgesehen von all deinen anderen beachtenswerten Fähigkeiten. Eine Kraft, die Voldemort niemals kannte, denn sein Geist war stets zu schwach dazu." "Welche?", begehrte Harry zu wissen. "Sagen Sie es mir doch endlich." "Die Kraft, die Macht, die du besitzt, nicht zu missbrauchen", sagte Gryffindor ruhig. "Das ist die größte Kraft, die es gibt und nur wenige besitzen sie. Macht, Harry, zeigt einen Menschen, wie er wirklich ist. Sie ist kein wundervolles Geschenk, außer wenn sie dazu benutzt wird, die Unschuldigen vor der Böswilligkeit anderer zu beschützen. Voldemort aber nutzte sie, um zu unterdrücken, zu befehlen und zu töten. Doch du hast die deine niemals zu solch niederen Zwecken benutzt, sondern immer nur dann, wenn es keinen anderen Weg gab. Deine Macht hat es nicht nötig, pausenlos präsent zu sein. Sie zeigt sich nur, wenn du sie wirklich brauchst. Wenn es um dein Leben geht - oder das derer, die du liebst. Verstehst du es jetzt, Harry? Du hast nie daran gedacht, welche Möglichkeiten der Stein der Weisen für dich bieten könnte, würdest du ihn benutzen. Du hast nie aus Freude - oder noch schlimmer - Kaltblütigkeit gequält oder getötet. Niemals Menschen unterdrückt. Obwohl du all das hättest tun können mit dem, was du in dir trägst. Aber dein Geist ist stark und gefestigt und bedarf nicht solcher Armutszeugnisse. Und darum warst du es, der Voldemort besiegte. Du, dessen Kraft über die seine hinauswuchs - und all sein Hass konnte ihm den Sieg nicht sichern. Du bist mein Erbe, Harry... Es tut mir leid um all das, was du hast durchleben müssen. Voldemort hat nie erfahren, was Leid ist, denn er gab es stets weiter an andere. Du hast es ertragen - und bist damit gewachsen. Einer der ersten Zauberer, der an Hogwarts unterrichtete, meinte immer, ein wahrer Held sei von Leid und Ärger geplagt mit Anbeginn seines Lebens..." Harry hatte die ganze Zeit schweigend auf seinem Stuhl gesessen. Sehr begeistert sah er nicht aus. "Wissen Sie was?", murmelte er. "Manchmal wäre ich gern ganz einfach nur... normal." "Kein Zauberer?", grinste Gryffindor. "Gefangen in der spießigen, phantasielosen Welt der Muggel?" "Nein. ich meine... Doch... Ich will schon ein Zauberer sein." Harry seufzte. "Aber... eben nur ein ganz gewöhnlicher." Das Lächeln verschwand nach wie vor nicht aus Rics Gesicht. "Tut mir leid, das zu sagen, junger Freund: Aber du könntest niemals gewöhnlich sein." Und dabei brach er in leises Lachen aus. "Und ich weiß, wir haben noch viel von dir zu erwarten." Jetzt sprang Harry auf. "Erwarten? Was denn noch? Ich habe Voldemort getötet. Das war es doch, oder? Nur das. Ich bin fertig. Das war's. Jetzt hab ich Ruhe! Was sollte man noch von mir wollen? Wie kann man überhaupt auch nur..." "Ruhig, Junge." Gryffindor hob beschwichtigend seine Hand an. "Lord Voldemort war ein großes Übel, aber nicht das einzige." Harry ballte die Hände zu Fäusten. "Schön. Fein. Wunderbar. - Aber der ganze Rest geht mich nichts mehr an!" Er kam sich etwas lächerlich vor, ein Bild anzuschreien, das nicht sonderlich von seinem Ärger beeindruckt zu sein schien. "Albus hat mir von der Berufsbesprechung erzählt", sagte Gryffindor leichthin und musterte interessiert seine Fingernägel. "Du willst Auror werden..." Harry schwieg störrisch. "Ein Auror... Du weißt doch, womit du dich als solcher beschäftigen wirst, nicht? Dem Dreck. Den Niedrigsten der Niedrigen. Dem Verbrechen. Der Ungerechtigkeit. Dem Ruchlosen... Komisch, dass du dir solch einen Beruf aussuchst, wenn du mit all diesem... 'Rest', wie du es nennst, nichts zu tun haben willst... Denkst du, Voldemorts Todesser werden winselnd und reuevoll zurück in ihre dunklen Löcher kriechen, aus denen sie hervorgekommen sind? Du hast eine große Schlacht gewonnen, Harry. Aber der Krieg ist noch nicht vorbei... Allerdings, du könntest auch Professor Snape um hervorragende Noten in Zaubertränke bestechen und dich als Heiler versuchen. Ich wette, der Krankenhausaufenthalt wird dich spätestens nach einem Monat an den Rand eines Nervenzusammenbruchs treiben. Das ist nichts für dich... Auch dieser ganze Beamtenmist... Erfordert eine Unmenge an Geduld. Nein... oh nein. Alles nichts für jemanden von deinem Schlag. Oder täusch ich mich so in dir?" Harry kochte, aber Gryffindor schien dies nicht zu beeindrucken. "Lass mich sehen, was gibt es noch... Ein Seher... Nun, du kannst mit einer Kristallkugel so viel anfangen wie mit... ähm, einem Flubberwurm. Zu bodenständig... viel zu bodenständig. Daraus wird nichts. Irgendein Forschungszweig... viel zu kompliziert. Zu viel zu lernen, zu viele Bücher, zu viel Schreibarbeit. Auch nichts für dich... Lehrer vielleicht?" "Ja, am besten Schulleiter, damit ich Ihr Porträt in den Kerker verbannen kann", knurrte Harry. Gryffindor legte den Zeigefinger an die Lippen. "Nun, in Anbetracht dieser Tatsache wäre das auch keine besonders gute Idee... Bleibt also doch nur der Auror, was?" Harry überlegte, ob sich ein Vorhang an dem Bild anbringen ließ, den man zuziehen konnte, wann immer man genug von seinem Bewohner hatte und dessen unverschämtes Grinsen nicht länger ertragen wollte. "Gut, lassen wir das", knurrte er. "Ich denke, es ist Zeit fürs Abendessen." Gryffindor schmunzelte. "Hast genug von mir, was? Na dann, geh schon. - Aber komm mich mal wieder besuchen. Es wird sehr, sehr langweilig und trostlos hier sein ohne Albus." "Das Zimmer wird nicht leer stehen bleiben, nehme ich an", erwiderte Harry. "Sobald Hogwarts wieder einen Schulleiter hat..." "Erst nach den Sommerferien", unterbrach ihn Gryffindor. "Und bis dahin ist es eine lange, einsame Zeit. Auch Bilder langweilen sich und brauchen Beschäftigung. Wir sind auch nur Menschen." Endlich spielte wieder ein Lächeln um Harrys Lippen. "Soll ich einen Ball und Leckerlis mitbringen?" "Jetzt werd nicht frech, junger Mann!", drohte Ric halbherzig. "Ich kann doch nichts essen. Bild sein birgt viele Nachteile. Man altert zwar niemals, muss sich über keine Falten oder eine sich bildende Glatze aufregen - sofern man nicht schon zur Zeit, als man gemalt wurde, eine hatte -, aber dafür... nun ja." Harry nickte. "Okay. Ich besuche Sie bald wieder", versprach er. Gryffindor lächelte zufrieden.
***
Der April war verregnet und die regelmäßigen Wolkenbrüche verwandelten Hogwarts in einen riesigen Sumpf. Wieder fielen die Quidditchspiele - ganz buchstäblich - ins Wasser. Erst im Mai endlich durfte eines der letzten beiden anstehenden Spiele durchgeführt werden und nach all den langen, dunklen Monaten begann endlich wieder das Training. Allerdings kam für die Fünftklässler ihre Vorbereitung auf ihre ZAGs heran und die Schüler des siebten Jahrgangs paukten in jeder freuen Minute für die anstehenden UTZ-Examen. Auch die Sechstklässler waren beschäftigt. Einigen gelang das Apparieren noch immer nicht besonders gut und sie brauchten viele zusätzliche Trainingsstunden. Doch diesmal war es nicht Neville Longbottom, der die größten Probleme damit hatte, sondern Seamus Finnegan. Er verschätzte sich ständig mit den Abständen, so dass er des Öfteren in einem Papierkorb, mitten auf dem Tisch oder einmal sogar in einer der Rüstungen apparierte, die den großen Korridor zierten. Unter lautem Lachen und Prusten half Professor Flitwick dem geplagten Seamus aus der Rüstung heraus und wies ihn an, die Übung solange zu wiederholen, bis er es endlich schaffte, in der Mitte der Eingangshalle zu landen - weit genug weg von allem, in das er sich unfreiwillig einsperren konnte. Als sie endlich Anfang Juni die Zulassungsprüfung durchlaufen mussten, kamen schließlich doch alle glimpflich davon. Die Prüfer des Ministeriums schienen zufrieden zu sein. Nachdem jeder Schüler aus dem Jahrgang seinen Test durchlaufen hatte, wurde Harry erneut in den Raum zitiert, wo sich nun auch Professor McGonagall einfand. Ihm schwante, dass er sich jetzt auch noch als Animagus würde registrieren lassen müssen und ergeben ließ er den bürokratischen Papierkram über sich ergehen. Später, beim Abendessen, zog er eine Karte aus der Tasche und zeigte sie Ron und Hermine. "Krass, du hast 'nen Ausweis?", staunte Ron und betrachtete ihn eingehend. Harry fand, dass er Ähnlichkeiten mit einem normalen Muggel - Personalausweis hatte. Neben seinem Namen und einigen Angaben zu seiner Person und Tierform - versehen mit einem sich bewegenden Passbild, das, wenn man die Karte leicht in den Fingernd drehte, wie ein Hologramm einmal Harry und einmal das schwarze Pferd zeigte - hatte er auch eine Registrierungsnummer erhalten. Von nun an war er offiziell als Animagus anerkannt. "Also, ich würd' mich ja auch gern in ein Tier verwandeln können", grübelte Ron. "Wie lang braucht man, wenn man es selbst lernen muss?" "In Anbetracht dessen, wie kompliziert die Animagie ist, sicher gute acht bis zehn Monate, wenn man intensiv arbeitet", überlegte Hermine. "Soll heißen, du schaffst es in dreien?", witzelte Ron. Sie gab Harry den Ausweis zurück und blickte nachdenklich drein. "Hm... vielleicht." Ron stöhnte. "Oh nein. Du willst doch nicht wirklich... was für ein Tier soll bei dir rauskommen? Ein Bücherwurm?" Er flüchtete hastig vor Hermines drohend erhobenem Lexikon, das sie vor sich aufgeschlagen hatte. "Das ist sicher besser, als ein Faultier, Ronald Weasley!", fauchte sie und Harry brach in schallendes Gelächter aus.
***
Auch dieses Schuljahr ging zu Ende. Und trotz all der grausamen Geschehnisse verließen sie Hogwarts alle nur sehr wehmütig. In King's Cross erfolgte dann der gefürchtete, große Abschied. Violetta drückte nacheinander jeden von ihnen an sich. "Ich werde euch ganz schön vermissen, euch bescheuerten Gryffindors", grinste sie. "Macht nicht zu viel Mist nächstes Jahr." "Wir machen doch niemals Mist", entrüstete sich Ron und wandte sich dann an Amber, von der er sich ebenfalls verabschieden musste. Fred und George, die mit Molly Weasley zum Bahnhof gekommen waren, um ihre Geschwister in Empfang zu nehmen, grinsten dreckig. "Siehst du, was ich sehe, George?" "Yupp. Er hat 'ne Freundin." Fred rieb sich die Hände. "Er wird seine Ferien hassen..." Harry seufzte, als er die Dursleys in dem Gedränge ausmachte, die sich in seine Richtung schoben. Er reichte den Grangers, bei denen er noch stand, zum Abschied die Hand, bevor er noch einmal Hermine an sich zog. Dudley machte große Augen und Onkel Vernon stieg die Zornesröte ins Gesicht, als er mit ansehen musste, wie sein verhasster Neffe mitten auf dem Bahnsteig innig ein Mädchen küsste. "Meinst du, du kannst mich besuchen?", fragte Hermine und Harry warf den Dursleys einen abschätzenden Blick zu. "Hey, wenn sie mich einsperren, appariere ich einfach", zwinkerte er ihr zu. "Obwohl, unsere Holztüren halten sicher auch keine Hufschläge aus, egal, wie sorgfältig man sie verschließt..." Sie lachte nur. "Also sehen wir uns." "Ganz sicher", versprach Harry. Und mit einem triumphierenden Grinsen wandte er sich zu seinen noch immer grimmig schauenden Verwandten um. Sie konnten seinetwegen den ganzen Tag ein Gesicht ziehen, als wollten sie ihn bei lebendigem Leibe auffressen. Er war sich sicher, dass ihm das - und egal, was sie sich noch ausdenken mochten - nicht diegute Laune verderben konnte.
Pithormin Sesachar saß an einem entlegenen, kleinen Tisch im inzwischen leeren Hog's Head und wischte den Staub von seiner Flasche ab, die ihm Jachim hinstellte. Mit einem zufriedenen Gähnen streckte er die Beine aus und lehnte sich zurück. "Willst du nicht zurückkommen, Pit?", fragte der Wirt und setzte sich ihm gegenüber. "Jetzt, wo der Dunkle Lord fort ist... Man würde dich sicherlich wohlwollend wieder in den Reihen aufnehmen." Sesachar neigte den Kopf. "Das bezweifle ich..." "Du warst mächtig", schnarrte Jachim. "Und du bist es immer noch. Wir brauchen Männer wie dich, um zu Ende zu bringen, was begonnen wurde." Er beugte sich über den Tisch und starrte sein Gegenüber eindringlich an. "Der Dunkle Lord war zu blind, um das große Ganze zu erfassen. So viel blieb ihm verborgen, was andere aber erkennen. Und um die Mission zu erfüllen, brauchen wir starke Männer. Jeder weiß das... keiner wird dich abweisen. Egal, was in der Vergangenheit geschehen ist." Sesachar setzte die Flasche an den Mund und trank. Als er sie zurück auf den Tisch stellte, war sein Blick verschlossen. Jachim knurrte leise und mit einem Anflug von Bedauern. Er erhob sich, um zu seinem Platz hinter der Theke zurückzukehren, und griff nach seinem alten, verschmutzen Tuch. Während er sich seinen Gläsern zuwandte, kratzte er sich abwesend den Arm. Der Wirt zog an dem Stoff seines Hemdes und warf einen kurzen Blick auf das verbrannte, rote Fleisch - an der Stelle, an der sich einmal das Dunkle Mal der Todesser befunden hatte. Jachim schnaubte er abfällig und nahm seine gewohnte Arbeit wieder auf.
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