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Stigmata© by Jimaine ()
"Werft das verdammte Ding über Bord!" Schweratmend stütze ich mich auf die Steuerbordreling, für einen Moment nicht länger Herr meines eigenen Körpers oder meiner Sinne. Ich höre und sehe und fühle nichts. Nicht meine Beine, nicht mein rasendes Herz. Selbst das Holz unter meinen Fingern, so fest ich es auch umklammere, liegt irgendwie jenseits meiner Wahrnehmung. Entweder werde ich mich gleich übergeben oder ohnmächtig werden...oder die Franzosen feuern noch eine dritte Granate ab und für die reicht mein Mut dann nicht mehr. Beziehungsweise der Mangel an selbigem. Bei dieser dritten Granate würde ich vermutlich denken anstatt zu handeln. Entweder werde ich mich übergeben oder ohnmächtig werden.... Doch die Welt kehrt zurück, sobald ich die Augen öffne. Da ist die 'Hotspur'...Orrock, dessen Lächeln nun zu Verwirrung wechselt, Styles und Matthews, die zwischen Schock und Bedauern schwanken, und Master Prowse, der sich fragt, ob er diesen jungen Dachs von Captain als Segen oder als Strafe ansehen soll. Stilles Verständnis finde ich allein bei Bush, wie üblich verborgen unter der ausdruckslosen Maske der Unerschütterlichkeit und doch so leicht zu erkennen für jemanden, der danach sucht. Einen Moment lang überwiegt meine Dankbarkeit für diesen einen Blick, den er mir zuwirft, das würgende Gefühl der Verzweifelung und Hilflosigkeit, nur reicht dieser Moment nicht aus. Ich flüchte mich in meine Kajüte, bevor alle sehen können, was Bush sieht, nämlich daß der Captain der 'Hotspur' alles andere ist als ein Held. Die eine Granate konnte ich am Explodieren hindern, doch was mich selbst betrifft, kann ich keine Versprechen abgeben. Bei Orrock hatte ich mich gerade noch zurückhalten können. In seiner jugendlichen Begeisterung war der Junge - was heißt *Junge*? Er ist vielleicht fünf Jahre jünger als ich! - in Jubel ausgebrochen, und ich befahl ihm zu schweigen. Schließlich hatte ich nur getan, was nötig war. Mittlerweile bedauere ich meinen scharfen Ton. Was ein paar Jahre als Kommandant ausmachen können... Weiß Gott, ich an seiner Stelle hätte das gleiche getan und mich auch gewundert, hätte mich mein Captain derart angefahren, ja, ich hätte mich sogar verletzt gefühlt. Aber wer weiß, wäre ich an seiner Stelle gewesen, hätte ich mich wohl nie auf die Granate geworfen, und das Achterdeck mit allen anwesenden Personen wäre in die Luft geflogen. Für den armen Bracey kam mein sogenannter Heldenmut eine Granate zu spät. Ich betrachte die Wunde in meiner rechten Handfläche, dieses Stigma eines Kommandanten, der bereit war, zum Märtyrer zu werden, sein Leben für seine Crew zu geben, und überlebte. Und die Crew auch. Und das Schiff. Anders als im Fall von Captain Bracegirdle. Habe ich es deshalb getan? Wegen ihm, der seiner Crew nun in den Tod gefolgt war? Als Kommandant der 'Grasshopper' war er bereit gewesen, mit seinen Männern und seinem Schiff zu sterben, und sie starben letztendlich für ihn. Eine Schuld, mit der kein Captain zu leben haben sollte... Könnte ich mit ihr leben? Die Lunte brennt in mir, und wehe dem, der versucht, sie ohne Handschuhe zu löschen. Er würde mehr als bloß Verbrennungen erleiden. Über mein Logbuch und die Karten gebeugt, suche ich nach einem Weg, auch diese Explosion zu verhindern, bis das Klopfen an der Tür meine Bemühungen unterbricht. Natürlich. Ich hatte mich schon gefragt, wo er bleibt. Lieutenant William Bush. William. Zögernd erkundigt er sich nach meinem Befinden, nimmt meine Befehle entgegen und die Sorge in seiner Stimme, beherrscht und fest wie eh und je, eine Konstante seit jenem ersten Tag in Plymouth an Bord der 'Renown', ist fast so heilend wie eine Berührung. Die zweifellos folgen wird. Später. "Soll ich Doughty holen, damit er sich Ihrer Hand annimmt, Sir?" "Nein, ich möchte fürs erste allein gelassen werden. Ich muß meinen Bericht schreiben." Stumm läßt er mich wissen, daß er bereit ist zu warten...oder, sofern es mein Wunsch ist, gemeinsam mit mir allein zu sein. Er hat diese Art, mit Schweigen mehr zu sagen und mehr in mir zu bewegen als andere mit vielen Worten, und das macht ihn zu dem ausgezeichneten Offizier, der er ist. Ich könnte mir keinen besseren Ersten wünschen und ebenso keinen besseren Freund. In seiner Ruhe finde ich die meine wieder. Doch zunächst dieser Logbucheintrag... Danach dann...vielleicht werde ich es ihm dann sagen. Ihm sagen - ihn warnen - daß sie alle sterben, die Menschen, die ich mein Herz blicken lasse...die den fühlenden Mann unter dem Uniformrock und den Epauletten sehen dürfen. Und zwar so, wie er ist und nicht, wie die Welt ihn sieht...oder zu sehen glaubt...meine eigene Frau eingeschlossen. Es ist nicht nur Erziehung, obgleich mein Vater großen Wert auf Selbstbeherrschung gelegt hat. Es ist Teil meines Wesens. Ich habe niemals gerne jemanden wissen lassen, was ich fühle, teils weil mir die richtigen Worte fehlen, um meine Empfindungen auszudrücken, und teils weil es mir einfach unangenehm ist. Weil ich damit anderen Personen Macht über mich gebe...den eigenen Vorteil aufgebe. Jeder Tod macht aus mir einen anderen Menschen und in Captain Hornblower sehe ich nur noch sehr wenig von Midshipman Hornblower, dem Mann, der in Spithead seekrank wurde. Es begann mit Clayton, der sein Leben für mich gab, dann Mariette, die das ihre durch mich verlor. Und Archie gab mehr für mich auf als sie beide zusammen, nämlich seine Ehre und seinen guten Namen. Sich selbst. Und jetzt Bracegirdle, der meinen Werdegang auf See ähnlich beeinflußt hat wie Admiral Pellew und mir in den Jahren auf der 'Indefatigable' ein ebensolches Vorbild war. Ja, mit Sir Edward Pellew bleibt nur noch ein Mann, der mich je hat weinen sehen, und auch er wird irgendwann sterben. William Bush bedeutet mir zuviel als daß ich ihn mit auf diese Todesliste setzen würde. Diese Entscheidung habe ich an jenem Tag in Kingston getroffen, als klarwurde, daß William überleben würde und nicht Archie. Die Brandwunde auf meiner Handfläche ist das Vermächtnis vieler, die Botschaft ist immer die selbe: Gefühle sind Ballast und auf jedes Lächeln in diesem Krieg kommen tausend Tränen. Die Lunte ist abgebrannt, die Flamme erreicht mein Herz. Ich will ihn nicht zurechtweisen, nein, ganz im Gegenteil, doch es ist leichter, meiner Wut freien Lauf zu lassen als der Trauer...und schließlich sind sie unmöglich voneinander zu trennen. Die Explosion erfolgt nicht nach außen, sondern nach innen. Und obwohl ich nun voller Zorn scheine und die Anerkennung meine angebliche Heldentat betreffend feindselig abblocke, weil ich sie nicht hören will - nicht ertrage - vergieße ich in Wahrheit bittere Tränen. Bevor ich mich aber vergewissern kann, daß er sie gesehen hat und versteht, fällt die Tür hinter ihm zu.
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