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IGIGI

© by Kitty ()

 

Disclaimer: Keine der hier vorkommenden Figuren sind mein Eigentum - oder habt ihr etwas anderes erwartet? Alle Rechte liegen bei Rysher / Davis & Panzer.
Anmerkung: "IGIGI" entstammt dem Gilgamesch-Epos / der Legende um das Volk der Annunaki und bedeutet "die beobachten und sehen".
Archiv: Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de) auf der Highlander-Seite

 

Alles Göttliche auf Erden ist ein Lichtgedanke nur...

 

-- Schiller, Die Gunst des Augenblickes --

 

 
11.09.2008
Seacover / Kanada

 

Verdammt, er wurde zu alt für diesen Scheiß.

Erschöpft ließ er sich auf den nächstbesten Stuhl sinken. Nun, "wurde alt" war gut... Er war es bereits. Viel zu alt. Vor Allem für diesen Job.

Mit einem tiefen Seufzen lehnte er seinen inzwischen auch reichlich abgenutzten Stock an die Wand. Das Gehen mit Hilfe der Beinprothesen fiel ihm auch immer schwerer. Bald würde damit Schluss sein - endgültig.

Die Videokamera lag vor ihm auf dem Tisch. Das wievielte Band hatte er inzwischen verfilmt? Das wievielte Buch mit Notizen gefüllt, das wievielte Update der virtuellen Datenbank vorgenommen?

Das Zählen hatte Joe Dawson schon lange aufgegeben.

Mit einer müden Geste fuhr er sich durch das graue Haar und den vollen Bart. Lange würde er seiner Tätigkeit nicht mehr nachkommen können. Denn anders als diejenigen, die den Mittelpunkt seines Jobs darstellten, spürte er den Tod in den Knochen, stärker mit jedem Anbeginn eines neuen Tages.

Oh, manchmal, ja, da beneidete er sie aus ganzem Herzen. - Aber nur manchmal...

Das Glas leerte er in einem Zug, dabei durch das Fenster nach draußen auf die Straße starrend. So vieles hatte sich verändert... Die Zeit war stetig vorangeschritten und hatte nicht daran gedacht, auf ihn zu warten.

Joe Dawson seufzte leise. Fast unwirklich erschien es, wenn er sich im Inneren seiner Bar umsah. Hier war irgendwie alles wie immer. Hier, in seiner kleinen, in sich geschlossenen Welt, war alles beim Alten geblieben. Noch immer die gleichen Tische und die gleiche Bar, die gleichen Getränke und die gleiche Bühne, auf der des Abends Nachwuchskünstler Jazz und Blues zum Besten gaben. Selbst die Gäste waren größtenteils die Gleichen geblieben.

Er lachte bitter auf. Ein Wunder war es kaum bei manchen.

Schwerfällig erhob er sich, dabei nach seinem Stock greifend, und schlurfte auf die Bühne zu. Seine Bühne. Sein Stolz. Wie viele Jahre seines Lebens hatte er hier verbracht? Und wie viele mehr mit seiner alten, ihm noch immer treuen Bluesgitarre?

Beinahe andächtig strich er über das Instrument, bevor er sich auf einen Stuhl niederließ und es auf seinen Schoß hob. Die Finger glitten über die Saiten, regulierten ihre Spannung, zupften, testeten, bis er sich zufrieden entspannte. Die ersten melodischen Klänge des "Still Mill Blues" erfüllten den im diffusen Licht liegenden Raum.

Das war es, wofür er lebte. Das war es, was ihm das Gefühl von Jugendlichkeit zurückgab. Was ihm Sehnsucht, Melancholie und Glück zugleich bescherte: die Musik.

Vollkommen in sich versunken spielte er, den Kopf im Takt wiegend, abgeschottet von allem um sich herum. Es gab nur seine Gitarre und ihn - und die Musik.

 

Den Mann, der sich schweigend an einem nahen Tisch niedergelassen hatte, bemerkte er erst nach Minuten.

Joe Dawson hielt inne und suchte den Blick seines Besuchers, der ihm ruhig und scheinbar auch von der Tiefe des Bluesstückes beseelt gelauscht hatte. Der Mann war mittelgroß und kompakt gebaut, schlicht und unauffällig gekleidet, wie so ziemlich alle seiner Art. Ein Paar etwas ausgewaschener Jeans und ein beiger Pullover, den anthrazitfarbenen Mantel über die Lehne des nebenstehenden Stuhles geworfen. Das dunkelbraune Haar hatte er kurz geschnitten. Als einziges Schmuckstück trug er eine schlichte Silberkette um den Hals. Seine wachen, grünbraunen Augen musterten Dawson so, wie sie es eigentlich immer taten: in einer freundschaftlich-warmherzigen Weise und dennoch auf eine Art, die Joe nie einzuordnen wusste. Trotz der langen Bekanntschaft mit Duncan MacLeod hatte er dies nie wirklich deuten können.

"Ein Bier?", fragte Dawson, während er seine Gitarre zurück in die Ecke stellte.

Der Schotte nickte leicht, und der alte Mann trat an die Theke, um zwei Gläser zu füllen. Er spürte den Blick MacLeods im Rücken. Eigentlich sollte er es inzwischen gewohnt sein - sozusagen als beobachteter Beobachter. Mit einem ironischen Grinsen stellte er die Gläser auf ein Rundtablett und nahm es auf.

"Was treibst du so früh hier, Mac?"

Diese Frage war eigentlich überflüssig. Joe wusste das sehr wohl selbst. Duncan hatte Ceylan Ariah schon seit Monaten gejagt. Dass er ihn eines Tages finden und zur Rechenschaft ziehen würde, war absehbar gewesen. Wenn der Highlander eines nicht ertrug, dann den ungerächten Mord an einem Freund. Und Joe wünschte manchmal selbst nach dem Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn handeln zu können, so wie MacLeod es tat - und mit ihm viele, die so waren, wie er.

Der Unterschied war, dass sie immer in Rache, Sühne und oft auch Angst lebten - ja, leben mussten.

Dawson schob seinem Freund das Glas hin. "Wann bist du gelandet?"

Diesmal spielte ein Lächeln um die Lippen des Schotten und seine zumeist ernste Miene wirkte amüsiert. "Willst du mich verspotten oder hast du deine Pflicht verschlafen?", zog er den alten Beobachter auf.

"Ich wollte nur höfliche Konservation betreiben, aber bitte..." Joe machte eine ausladende Handbewegung, dabei jedoch ebenfalls grinsend. Die Witzeleien über das Zwischenspiel von Beobachter und Unsterblichem war bei ihnen beinahe zur Tradition geworden und hatte sich über Jahre nicht geändert.

Nicht wie ich, dachte Joe wehmütig und studierte das nie alternde Gesicht des Highlanders. Er würde immer dreißig sein, Jahrzehnte, Jahrhunderte lang. Aber er, Dawson... ihm war nur das Leben eines Normalsterblichen beschieden. Paradoxerweise fühlte er sich in der Gegenwart MacLeods niemals alt. Nicht im Herzen. Der Schotte hatte bereits vier Jahrhunderte durchlebt. Mochte er auch äußerlich wie ein junger Mann wirken, war seine Seele um vieles älter als Dawson. Und oft auch ernster, verschlossener.

"Ich werde nicht mehr lange in Seacover bleiben", informierte Duncan ihn plötzlich.

Joe nippte für Sekunden schweigend an seinem Bier. Seit Monaten schon wartete er auf diese Entscheidung, aber die Worte selbst aus Duncans Mund zu hören, war etwas anderes.

Es schmerzte ihn.

Auch wenn er wusste, dass MacLeod keine andere Wahl hatte.

"Du weißt, dass ich schon viel zu lange hier lebe", fasste sein Gegenüber das Schweigen als Aufforderung zur Erklärung auf. "Ich muss fort. Sehr bald."

Dawson machte eine wegwischende Handbewegung. "Ja, das ist mir durchaus klar." Und diesmal würde er dem Unsterblichen nicht folgen können. "Wohin wirst du gehen?"

"Europa. Skandinavien oder die Inseln... oder so..." Duncan spielte mit seinem Bierglas.

"Heimweh?", schmunzelte Dawson.

Der Schotte blickte zu ihm auf. "Irgendwie, ja...", lächelte er. "Es werden wohl doch eher die Inseln."

"Ich werde dich vermissen." Der alte Beobachter blickte auf das zerkratzte Holz des Tisches. "Du weißt, dass ich dir nicht mehr folgen kann. Ich bin... zu alt für das ganze Tamtam." Er zwang sich zu einem schiefen Grinsen.

Duncan nickte nur.

"Sie werden dir einen Neuen zuteilen. Irgendeinen Jungspund wahrscheinlich. Vergraul ihn mir nicht gleich."

Diesmal war die Antwort darauf sogar begleitet von leisem Lachen. "Er wird sich an mich gewöhnen, schätze ich." MacLeod leerte das Glas in einem Zug. Dawson wusste, es war Zeit für ihn zu gehen.

Abschiedsfloskeln waren nie ihre Stärken gewesen. Weder die des Unsterblichen, noch des Beobachters. Doch als Duncan sich erhob und nach seinem Mantel griff, stemmte sich Dawson ebenfalls von seinem Stuhl hoch.

"Pass auf dich auf, Mac", bat er, während er den Schotten kurz am Arm fasste.

Sein Freund musterte ihn forschend - dann nickte er nur, schweigend.

Joe zog die Hand zurück. Mehr hatte er nicht gewollt.

Der Schotte zog den Mantel über und griff nach der Türklinke. "Ich melde mich, Joe."

Dann hatte er die Bar verlassen - und mit ihr einen nun noch etwas einsameren, alten Mann...

 
Ende

 
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