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My Room And Cats© by Jimaine (), 2003
Ich habe es immer genossen, dir beim Schlafen zuzusehen. Allabendlich hoffte ich, daß du vor mir einschlafen würdest, damit ich dich beobachten konnte. Über dich wachen konnte. Manchmal nur ein paar Minuten, manchmal eine Stunde...und manchmal lag ich die ganze Nacht wach, ohne etwas anderes anzusehen als dich. Dein Mitternachts-Ich war ein angenehmer Gegensatz zu der rastlosen Eile, mit der du deine Tage lebtest. Es ist so lange her und noch immer kann ich Freude daran finden, deinen Schlaf zu beobachten. Ganz allmählich erwachst du nun, setzt dich mit einem leisen Stöhnen auf. Zeit, die Schatten zu verlassen und in dein Leben zurückzukehren. "Schmerzen?" Du nickst. "Versuch's mit Aspirin." Hier sind wir also, Marty, das erste Treffen nach mehr als zwei Jahrzehnten. Die Gesichter haben ein paar Kanten mehr, die Haut ist von ein paar mehr Erfahrungen gezeichnet. Was sich nicht geändert hat, ist dein Lächeln, der Klang meines Namens aus deinem Mund. Ich hatte nicht gedacht, daß er bei mir nach all der Zeit noch immer so eine Gänsehaut auslösen würde, dieses Schaudern in Erwartung von...mehr, und da war immer mehr, schon von Anfang an, bis hin zu jener schicksalhaften Nacht, als ich...nun...als ich einen Fehler machte. Deine Stimme ist tiefer als damals, hat etwas Rauhes gewonnen...etwas Brüchiges...und es paßt zu dir. Die Jahre haben es jedenfalls gut mit dir gemeint. Aus einem Anflug der Nostalgie heraus gestatte ich mir einen Moment der Selbsttäuschung, genieße die Art, wie du auf mich reagierst. Die Art, wie wir einander ergänzen. Automatisch verfallen wir in einen Gesprächsrhythmus, den ich niemals ganz vergessen konnte, und ich habe es weiß Gott versucht. These, Konsequenz, Resultat, Schlußfolgerung. Sätze beginnen auf meiner Zunge und enden auf der deinen, Feststellungen und Erwiderungen werden mit geschmeidiger Leichtigkeit hin und her gespielt als wären wir zwei Weltklasse-Tennisstars beim Kampf um den Titel. Aufschlag, Return, Volley, Stopball. Wir denken als eine Person, fühlen als eine Person, bereit zum Äußersten zu gehen, sei es nun gut oder schlecht. Alle Macht dem Volke, Marty. Wir scheinen immer noch völlig gleich. Zumindest für ein paar Minuten, dann holt uns die Realität ein, bricht den Bann. Ich habe dich vermißt. Soviel Ehrlichkeit muß sein. Und ich kann sehen, daß du mich auch vermißt hast. Wie sehr, frage ich mich. Ah, Marty, du warst immer einzigartig. Die Jahre haben dich etwas abgeschliffen, aber sie ist noch immer da, irgendwo tief da drinnen, sorgfältig verborgen...diese Schärfe, diese Flamme... Eine radikale Brillanz, die ich unglaublich anziehend fand, den einzigen Intellekt, den ich als meinem ebenbürtig erachtete. Naja, nicht ganz. Du konntest nie den letzten Schritt machen, und solange wir zusammen waren, konnte ich es auch nicht. Deine...ah, Unschuld hielt mich zurück, diese blauen Augen, diese blonde, jungenhafte Naivität. Sie war meine größte Stärke - und deine größte Schwäche. Und Teil deines Charmes. Du warst unwiderstehlich für jemanden wie mich, dessen verbliebene Schwächen und Skrupel im Gefängnis ausradiert wurden. Jetzt bin ich perfekt. Keine weltlichen Sorgen mehr, abgesehen von dem Plan, der Welt ihre Schwachstellen aufzuzeigen, das System zu *verletzen*, so wie es mich verletzt hat. Ich bin bereit für den ultimativen Hack, totale Informationskontrolle, und du wirst mich nicht aufhalten. Nichts wird mich aufhalten. Nicht länger "Alle Macht dem Volke" - jetzt bloß nur noch "Alle Macht für mich". Wenn du mir in jener Dezembernacht '69 nur etwas weniger vertraut hättest (wir beide waren so mißtrauisch gegenüber allem, was die Regierung, das E-S-T-A-B-L-I-S-H-M-E-N-T tat, wieso also mußtest du, was mich betraf, so verflucht *blauäugig* sein?), wärst du an meiner Stelle gewesen. Du in Handschellen, verfolgt von Blicken und dem Getuschel der Kommilitonen, als man dich abführte, den Gang hinunter, aus einem Leben hinaus und hinein in ein anderes. Ich da draußen im Schnee, vogelfrei und auf dem Weg nach Kanada. Und obwohl ich gemogelt hatte (und obwohl ich wußte, daß du es wußtest...irgendwie...), hat ein Teil von mir die Schuld auf dich geschoben, auf meinen billigen Trick reingefallen zu sein. Nur ein Scherz, wie unsere Hacks. Ich hatte an dem besagten Abend einfach kein Bargeld dabei und ich wußte, daß ich dich problemlos austricksen könnte. Du hast mir so blind vertraut, daß ich nicht anders konnte. Unschuldiger, zu gutgläubiger Martin Brice. Mein Freund, mein Zimmergenosse, mein Partner-in-so-ziemlich-allem, der Mann, der alle meine Geheimnisse kannte, mit Ausnahme von einem: nämlich daß ich immer an erster Stelle stehen würde. Daß wenn es hart auf hart käme, er für mich bedeutungslos wäre; ich würde mich von ihm nicht zurückhalten lassen, oder zulassen, daß er mir im Weg steht.
Dennoch warst du mein blinder Fleck, Marty, und das war meine größte Nachlässigkeit. Weil ich Appetit hatte auf Pepperoni-Pizza ("Geschüttelt, nicht gerührt!"), warst du fort, und man erwischte mich in flagrante delicto. Schon komisch, was eine dumme kleine Fehleinschätzung einen kosten kann... Die Zukunft, den Geliebten, die Träume. Himmlische Gerechtigkeit. Umgehende Strafe dafür, daß ich die wichtigste Person in meinem Leben mit einem Trick dazu bewegt habe, in einer eisigen Winternacht einen Botengang zu machen. Die Feds traten die Tür ein, während ich mir noch für diese Leistung auf die Schulter klopfte. Ich habe dafür bezahlt! Mit Blut und Schweiß und Tränen. Und Jahren. Die Hälfte meines Lebens habe ich damit verbracht, zu bezahlen und *doppelt* zu bezahlen, weil du ja nicht da warst, um deinen Teil der Rechnung zu begleichen, und die Folgejahre verbrachte ich mit der Suche nach dir. Ich war nicht wütend. Nicht wirklich, zumindest nicht am Anfang. Vielleicht ein bißchen, und dann auch nur auf mich selbst. Ansonsten lediglich überrascht. Überraschung mit einer Spur Verblüffung. Ich hatte dich falsch eingeschätzt, konnte nicht glauben, daß du es in dir hättest, diese Kaltblütigkeit. Ich habe mich geirrt. Wie konnte ich das versteckte Messer übersehen, bevor ich selbst hineinlief? Laß uns also noch mal einen Blick auf die Lage werfen, Marty, wer von uns beiden war 'zu gutgläubig'? Du ranntest weg und hast dich kein einziges Mal umgesehen. Und ich hätte genau das gleiche getan, hätte dich fallengelassen und der hungrigen Meute überlassen! Ja, das hätte ich getan! Nur muß ich wohl gestehen, daß ich nicht gezögert und lange genug unter dem Fenster gestanden hätte, um noch deine Schreie zu hören. Wenn ich ganz ehrlich bin, war der Schmerz, als Verlierer in unserem kleinen Privatkrieges gegen staatliche Autorität dazustehen, nur deshalb so groß, weil du Teil des Verlusts warst. Ich war irgendwie stolz - daß du, wenn nötig, durchaus die harten Entscheidungen treffen kannst. Ich war irgendwie beschämt - daß meine letzte Handlung dir gegenüber ein mieser Trick gewesen war, wenngleich auch ohne böse Absichten. Ich war irgendwie berührt - von deinem Moment des Zögerns, bevor du endlich in der Nacht verschwandest; du standest da, wie festgefroren, und sahst so hilflos aus wie die treibenden Schneeflocken. Aber wie ich sagte, hauptsächlich war ich irgendwie überrascht. Überrascht - daß durch eine Laune des Schicksals (die ich dummerweise selbst zu verantworten habe) du schneller warst und mich fallenließt, bevor ich es tun konnte. Zwölf Jahre. Zwölf Jahre des Erinnerns, weitere elf der Vorbereitung für den Tag, an dem ich dich wiedersehen würde. Was ich wohl sagen würde. Ob es ein einfaches 'Hallo' sein würde, ein 'Wie geht es dir'...oder ein Kuß. Für ein, zwei Sekunden war die Versuchung fast zu groß. Dreiundzwanzig Jahre - eine Menge Zeit, die Sie mir schulden, Mr. *Bishop*. Aber ich habe keine Absicht, diese Schulden einzuklagen. Die Zeit hat mich bessere Methoden gelehrt. Irgendwann, vorausgesetzt man gibt ihnen genügend Zeit, verwandeln sich alle Dinge in ihr Gegenteil. So wie wir, so wie meine Gefühle. Du hast mich zurückgelassen - und ich werde nie den Anblick vergessen, du unter dem Fenster im Schnee. Der Ausdruck auf deinem Gesicht sagte 'Tut mir leid, Cos. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Gott, bitte vergib mir.' Der gleiche Ausdruck wie auch jetzt. Ich gebe Gott keine Schuld, Marty, ich habe sowieso nie an ihn geglaubt. Als Team waren wir IHM weit überlegen, trieben uns gegenseitig zu Höchstleistungen an und wirkten Wunder mit einem Keyboard und unseren Gebeten aus Einsen und Nullen, mit denen wir einer korrupten Gesellschaft *unsere* Gebote aufzwangen. Also gebe ich der Gesellschaft die Schuld. *Und* dir. Du hast mir versprochen, daß wir nicht in Schwierigkeiten kommen würden. Ein Versprechen, das du mir mit demselben Lächeln gabst, das du auch jetzt lächelst, dieses Lächeln, das mich immer überzeugen konnte. Alles würde gut sein, ohne irgendwelche Konsequenzen. Wir waren zwei moderne Robin Hoods, die den gerechten Kampf kämpften. Erfinderisch, entschlossen, und jegliche Art von Autorität ablehnend. Gleichheit für alle - diese beiden Studenten 1969 hatten schon noble Ideale, findest du nicht auch? Kein Krieg, keine Kontrolle durch die Regierung, keine Lügen, keine Rassentrennung und uneingeschränkte Informationsfreiheit. Und keine Konsequenzen. Nicht in den Hacks, nicht in unseren Träumen, nicht in den vielen geheimen Berührungen und Worten, geflüsterte Heimlichkeiten in dunklen Räumen. Du hast es alles immer so einfach erscheinen lassen, so beiläufig. Wie ein Spiel, daß man spielte, um Spaß zu haben. Und Spaß hatte ich dann ja reichlich. Du warst derjenige mit der Vision, immer der stärkere von uns, der Anführer, dem ich blind folgte, egal wie steinig die Datenpfade waren, die du zu unserer neuen Herausforderung bestimmt hattest. Meinen Weisungen bist du nie gefolgt, es sei denn, ich mogelte. Hätte es einen Weg gegeben, es so zu drehen, daß man dich ebenfalls einbuchtet, ich hätte mein Möglichstes getan! Zu viele Geheimnisse, Marty. Unsere sollten einfach nicht sein. Was hast du empfunden, als du hörtest, daß ich im Gefängnis gestorben sei? Hast du geweint? Hast du an den Tag zurückgedacht, als wir uns das erste Mal küßten, unseren ersten gemeinsamen Hack, diesen unglaublichen Rausch, der fast noch besser war als Sex? Und wir konnten immerhin ein qualifiziertes Urteil abgeben, einen Vergleich ziehen, denn schließlich teilten wir beides. Wir waren Waffenbrüder. Ich habe inzwischen einen anderen Krieg begonnen, einer, der ganz alleine meiner Kontrolle untersteht und in dem du nicht an meiner Seite kämpfen kannst, so gerne ich dich dort auch hätte. Es fühlt sich schon seltsam an, wie eine Münze mit nur einer Seite, wie Janus mit nur einem Gesicht. Unnatürlich, unvollständig, aus dem Gleichgewicht gebracht. Du und ich... wir könnten nie wieder zu dem werden, was wir waren, oder, Marty? Wir haben uns zu dem entwickelt, von dem wir schworen, daß es *nie* dazu kommen würde. Die verfluchte Regierung hat uns in einer Weise verletzt (dieses *uns*, das wir hatten und nie wieder haben werden), für die selbst die Hölle eine zu lauwarme Strafe wäre! Marty, Marty, mein Freund, sie werden es noch bereuen, einen Keil zwischen uns getrieben zu haben. Du lachst mich ungläubig an. "Du *bist* verrückt." Vielleicht bin ich das. Vermutlich bin ich das. Nur weil du dich davongemacht hast, weil du nicht da warst, als ich dich brauchte. Zwölf Jahre Gefängnis reichen, um Einsamkeit eine Nuance Wahnsinn zu verleihen. Auf jeden Fall werde ich dafür sorgen, daß sie dafür bezahlen. Und leider bist du einer von 'ihnen', Marty. Nun schaue ich dich an und versuche, in dem kalten Blau (Was ist das? Mitleid? Für mich? Verflucht, Marty...) deiner Augen jenen Funken wiederzufinden, den ich nie aufgehört habe zu lieben. Doch es ist fort, wurde ersetzt von etwas anderem, etwas Fremdartigem. Ich habe es schon einmal gesehen, damals, als sich unsere Blicke durch ein zersplitterndes Fenster begegneten, die Botschaft verzerrt von Schnee und Tränen. Vergib' mir... Oh, ich habe dir vergeben, Marty. Und mit der Vergebung kam die völlige Gefühlskälte. Jetzt bist du dran mit der Vergebung, jetzt ist es an dir, alles über dich ergehen zu lassen. "Schmerzen? Noch größer sind sie im Gefängnis", meine ich nüchtern. "Ciao." Du sollst erfahren, was ich erfahren habe. Die Einsamkeit, die Wut, die Verzweifelung. Es ist an der Zeit, zurückzuzahlen, was du mir schuldest, mit Zinsen. Keine Geheimnisse mehr, Marty. Wenn man bedenkt, daß wir einst keine Trennlinie zwischen uns ziehen konnten; unsere Körper waren so sehr im Einklang wie unser Denken, unsere Träume. Nun, jetzt gibt es sie, diese Linie, und auf der anderen Seite sehe ich mich selbst. In dir. Immer noch da, nach all diesen Jahren... Du empfindest immer noch etwas für mich, huh? Du klammerst dich noch immer an die Nächte, die wir vor einem Computerbildschirm verbrachten, zwei Hacker auf einer Mission, bis wir schließlich zu erschöpft waren und uns vor den Vormittagsvorlesungen noch etwas Schlaf gönnten. Du klammerst dich noch immer an jene Stunden, die du in meinen Armen lagst, oder, Marty? Du klammerst dich noch immer an einige der Träume, die wir zusammen träumten, Nacht für Nacht. Ich hätte wissen sollen, daß es so ist. Du hattest schon immer einen Hang zur Romantik. Erzähl's bitte nicht weiter, aber ich ebenfalls, trotz allem. These: Du fühlst dich schuldig für das, was geschehen ist. Konsequenz: Du konntest mich nicht vergessen. Resultat: Die Gefühle sind immer noch vorhanden. Schlußfolgerung: Ich kann dich nicht töten. Dich zu töten würde bedeuten, das alte Dokument namens 'Cosmo' zu löschen, Datenfragmente zu vernichten, die irgendwo auf deiner biologischen Festplatte verstreut sind. Ich habe die meinige schon vor langer Zeit neu formatiert und jegliche Spur von dir ausradiert. Ich sehe mich in deinen Augen, als du zu Boden sinkst, abermals bewußtlos. Ich bin in deinem Herzen, Bestandteil des rhythmischen Schlags; nur kurz verweilt meine Hand auf deiner Brust. Lang genug, um das Echo von mir zu erkennen, von Liebe und blindem Vertrauen. Ich überlasse dich dem System, den Wölfen. Nenn' es ausgleichende Gerechtigkeit oder durchschau' meinen Bluff und sieh' dich als das, was du wirklich bist: eine gähnende Leere in mir. Ein letztes Geheimnis bleibt mir also doch.
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