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Von kleinen und von großen Jungs© by Birgitt ()
Wäre der Anlaß nicht so bedeutsam, Klaus Taube hätte ein wirklich schlechtes Gewissen gehabt, seinen Kollegen und Partner Schatz mit der Überarbeitung der Genesis-Akten allein zu lassen. Obwohl... Strafe mußte sein. Schließlich hatte ihn Schatz heute morgen noch damit aufgezogen, daß er - Schatz - bereits alle Geschenke für den Nikolausabend zusammen hatte. Ganz gegen seine Gewohnheit, solche Dinge bis auf den letzten Moment hinauszuschieben. Es hatte unzählige andere Gelegenheiten gegeben, bei denen Schatz Taube mit dem Papierkram zurückgelassen hatte. Florians Geburtstag war das letzte traurige Beispiel dafür, wie Schatz es immer wieder schaffte, sich aus solchen Geschichten heraus zu winden. Wirklich böse konnte Taube Schatz aber nicht sein. Zum einen würde er ihn nie in einer heiklen Situation im Stich lassen. Zum anderen erledigte er - Taube - ihre Berichte sehr viel schneller und effektiver, wenn Schatz ihm nicht half. Nicht, daß Schatz unfähig wäre, über ihre Fälle Bericht zu erstatten - im Gegenteil. Leider neigten sie beide dazu, alles bis ins Kleinste auszudiskutieren, was natürlich Zeit in Anspruch nahm. Viel besser war es, einer verfaßte den ersten Entwurf und der andere las ihn gegen.
Diesmal hatten sie die Rollen getauscht, denn Taube hatte noch nicht ein einziges Geschenk für Florian. Die letzten Tage waren überaus hektisch gewesen. Nicht beruflich - da hatten sie hauptsächlich im Büro gearbeitet und für den Fall Genesis recherchiert, sondern privat. Taubes Wohnung wurde renoviert. Vier Monate hatte er auf die Handwerker gewartet und pünktlich zum 1. Dezember hatten sie auf der Matte gestanden. Und die folgenden Abende hatte Taube damit verbracht, das täglich neu angerichtete Chaos einigermaßen in Ordnung zu bringen. Wohlweislich ohne Schatz um Hilfe zu bitten.
Heute abend war es ihm gleich, was bei ihm zu Hause los war. Florian hatte ihn stolz und etwas verlegen zur Nikolausfeier eingeladen. "Papa hat gesagt, das wäre mein Abend und ich darf bestimmen, wen ich dabei haben will!" Das hatte fast trotzig geklungen und er hatte sich nach seinem Vater umgesehen. Der hatte allerdings gegrinst. "Klar, mein Sohn. Versprochen ist versprochen." Nach einem kurzen Zögern hatte Schatz sich neben Florian gekniet und ihm etwas ins Ohr geflüstert. Florian hatte heftig genickt und sein Gesichtsausdruck hatte Taube davon überzeugt, daß dieser Apfel nicht weit von seinem Stamm gefallen war. "Es gibt eine Bedingung, Klaus. Du mußt kochen." Typisch. Aber Rache ist Blutwurst. "Das ist kein Problem. Ich mache eine Liste, mit der kann dann dein Vater einkaufen." Florian hatte sich fast gekugelt vor Lachen, als er das Gesicht seines Vaters sah.
Das war am Dienstag gewesen. Taube freute sich auf heute abend. Die ersten Monate in Köln waren nicht einfach gewesen. Nicht beruflich und schon gar nicht privat. Aber im Hause Schatz hatte er sich von Anfang an wohl gefühlt und Florian hatte er auf Anhieb gemocht. Und die Momente, in denen er den Eindruck hatte, daß diese Empfindungen auf Gegenseitigkeit beruhten, häuften sich. Insbesondere nach dem Tod von Ellen, Florians Mutter. Schatz' Ex. Und nicht nur Florian und Taube waren sich danach näher gekommen... Die Straßen waren überfüllt mit Menschen und Autos. Kein Wunder. Es war nicht nur Nikolausabend, sondern auch ein Freitag. Gut, daß er nicht die Einkäufe für das Essen erledigen mußte. Nicht, daß er ein besonders aufwendiges Mahl geplant hatte - einfach asiatisch: frische Zutaten und raffinierte Gewürze für ein schnelles Gericht im Wok. Nach anfänglichem Mißtrauen hatte er die Schatzmänner von den Qualitäten seiner Kochkunst überzeugen können.
Dennoch blieb genug zu tun. Den großen Schokoladennikolaus würde er am Ende seiner Einkaufsrunde in der Konditorei abholen. Er war vorbestellt und Taube hatte wenig Lust, Florian die zerdrückten Überreste des Prachtexemplars in die Hand zu drücken. Also ging es zuerst in den Fanshop des 1. FC. Das Gefühl, er sei hier fehl am Platze, war rasch vorüber, als er die Regale durchstöberte und eine Kuriosität nach der anderen betrachtete. Die Trikots mit den Nummern '13' - Frederico und '30' - Lottner lagen schon seit Wochen verpackt zu Hause - Weihnachtsgeschenke für seine beiden Schätze. Heute ging es um Kleinigkeiten und Taube konzentrierte sich auf halbwegs Praktisches: FC-Sportsocken, FC-Weihnachtstasse, FC-Tourshirt. Alles natürlich in doppelter Ausführung. An der Kasse ließ er alles dem Anlaß entsprechend einpacken; er hätte es liebend selbst getan, aber wenn er an seine Wohnung dachte, gruselte es ihn. Allerdings hatte er einen kleinen Stoffsack mitgebracht, in dem er die Päckchen verstaute. Während der Verkäufer die Rechnung zusammenstellte, besah sich Taube die Regale hinter dem Verkaufstresen. "Können Sie mir sagen, was Sie da oben verstaut haben?" Der Verkäufer hielt inne und sah in die Richtung, in die Taube deutete. "Sie meinen die FC-Bettwäsche?" Taube wurde etwas rot und brummte, "Hmmmh." "Hat ein Kunde heute zurück gebracht. Wäsche für ein Doppelbett, Spezialanfertigung. Er wollte es seiner Frau zu Weihnachten schenken. Seltsame Geschichte. Haben sich im Stadion kennengelernt und dort auch geheiratet, direkt vor dem Derby gegen die Leverkusener." "Und?" "Sie hat ihn vor zwei Tagen verlassen. Wegen eines Bayernschw-- ähm... Fans. Ausgerechnet. Ich hoffe, es findet sich vor Weihnachten noch ein Pärchen dafür. Das Teil war nämlich noch nicht bezahlt. Stammkunden!" Taube ging auf den gerechten Zorn des Verkäufers nicht ein, starrte gedankenverloren vor sich hin. Seltsame Geschichte... Ich hoffe, es findet sich vor Weihnachten noch ein Pärchen dafür... Taube wurde klar, warum er sich so über die Einladung gefreut hatte. Warum er sich wie ein kleines Kind auf heute abend freute. Trotz allem, was zwischen ihm und Schatz bisher... vorgefallen war... Es hatte sich noch nicht richtig angefühlt. Irgend etwas fehlte noch. Aber bei Florians Worten und bei Schatz' Grinsen vor ein paar Tagen war es ihm tatsächlich warm ums Herz geworden. Familie. Das war es. Schatz und Florian waren die beiden wichtigsten Menschen in seinem Leben geworden. Es wurde Zeit, den letzten und entscheidenden Schritt zu tun. "Packen Sie's mit ein!"
Taube wippte auf den Zehenspitzen vor und zurück, als der Verkäufer einen großen Bogen Geschenkpapier hervorholte, sehr zufrieden mit sich und seiner Wahl. Florian hatte schon FC-Bettwäsche.
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