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Abend-der-Seligkeit
© by Dreher, G. ()
Es heißt in den alten Schriften: Wenn das Jahr dem Ende zugeht und der Brauch einen Narren aus dir macht, so zürne nicht. Zeige besser das Lächeln eines Weisen, denn egal wohin du blickst, du wirst von lächelnden Gesichtern umzingelt sein.
Rebellenführer Lin Chung hievte fluchend einen 30er-Karton Pekingenten auf das fast zusammenbrechende Vorratsregal. Drei Tage! Es waren nur noch drei Tage, und sie lagen in der Vorbereitung hoffnungslos zurück. Es fehlten noch einhundertundfünfundsiebzig Geschenke, das Einwickelpapier ging zur Neige, und ihm kamen Bedenken, ob acht Fässer Soja-Sauce überhaupt reichen würden. Irgendwie schien die Sache jedes Jahr ärger zu werden. Und schuld an allem war nur dieser Marco Polo. Seitdem der Fremde begonnen hatte, exotische Sitten am Kaiserhof populär zu machen, schien ganz China verrückt geworden zu sein, und das galt insbesondere für alles, was mit diesem sonderbaren Fest zu tun hatte. Lin Chung konnte nicht begreifen, was so wundervoll daran war, sich rituell auf eine bevorstehende Hungersnot vorzubereiten, doch seine Leute liebten diesen neuen Brauch, und darum brach immer kurz vor Jahreswende in der Rebellenfestung das Chaos aus. Der junge Shih Shinh, genannt Blaudrachen, bog mit einer Ladung Mu-Err-Pilze um die Ecke. "Tsching le bels, tsching le bels..." trällerte er vergnügt. Natürlich, ihm gefiel der ganze Trubel. Dabei war er beleidigt, wenn er nicht jedes Jahr zwei neue Meisterschwerter unter dem Baum fand. Ein Schreck durchfuhr den Rebellenführer. "Der Baum!" platzte er heraus. "Wer ist unterwegs, den Baum zu holen? Doch nicht wieder Li Kwei mit seinen beiden Kriegsäxten...?" Shih Shinh lachte. "Keine Sorge, ich habe ihm Kao Chiu mitgegeben. Er wird ihm erklären, worauf es ankommt." Lin Chung atmete auf. Ein Tannenpuzzle wie letztes Jahr wäre exakt das gewesen, was ihm jetzt noch gefehlt hatte. Er dachte an Shih Shinhs Worte und verzog spöttisch den Mund. Worauf es ankam! Eigentlich wußte das keiner von ihnen so genau.
Unten im Hof erklang Pferdegetrappel. Erleichtert stürmte Lin Chung hinaus, denn er nahm an, daß Hu San-Niang aus Kaodangchao zurückgekehrt war. Sofort trat er zum Lastkarren und begutachtete die Einkäufe. "Wo sind die ermäßigten handgravierten Elfenbeinstäbchen, die auf dem Flugblatt standen?" erkundigte er sich. "Ich hatte gedacht..." Die chinesische Kriegerin stieg schlecht gelaunt vom Pferd. "Ausverkauft!" schnappte sie. "Reite selber los, wenn es dir nicht paßt. Du wirst dich wundern." Lin Chung schwieg bedrückt. Er wußte, daß Hu San-Niang Abend-der-Seligkeit haßte.
Ein Triumphschrei erklang vor dem Tor, und der Rebellenführer wirbelte herum. Chai Chin kam mit seinen Leuten in die Festung gestürmt. "Sieg!" schrie er. "Wir haben einen Geschenketransport der Regierung überfallen. Sieh dir das an, Lin Chung!" Sein Blick glitt stolz über Porzellanschälchen, Wok-Sets und Reiskocher. Offenbar kaufte der böse Ko-Kiu seine Geschenke bei Tschi bo. Es war eine Gabe das Himmels. Über das Gesicht des Rebellenführers glitt ein Lächeln, und in seinem Herzen breitete sich ein sonderbarer Friede aus. DARAUF kam es an! "Ein glückliches Abend-der-Seligkeit!" verkündete er feierlich. "Auf daß die Götter die Rebellen segnen. Und Konfuzius schütze uns alle!"
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