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May God bless the King© by Tatjana ()
Als ich hierher, nach Siam, kam, erklärte ich Louis, daß hier alles anders wäre, sogar die Liebe. Und nachdem ich meine Tätigkeit hier am Hofe aufgenommen hatte, war ich mehr denn je davon überzeugt, konnte ich mir doch nicht vorstellen, daß ein einziger Mann genug Liebe hat für 58 Kinder ("und zehn noch unterwegs"), 26 Ehefrauen und 43 Konkubinen. Doch lehrte König Mongkut mich, daß er noch viel mehr Liebe in sich hat...
Hatte ich vor seiner Majestät durchgesetzt, unsere Traditionen fortführen zu dürfen, begannen wir in der Vorweihnachtszeit damit, unser Haus festlich zu schmücken. Bei dieser Gelegenheit hatte ich Louis viel von den Weihnachtsfesten und Wintern meiner Kindheit in England erzählt mit all seinem Schnee, den Kaminfeuern, Eis und dem Duft von Anisplätzchen. Damit hatte ich in dem Jungen anscheinend einen Wunsch geweckt, der sich immer tiefer in sein Denken eingrub und ihn melancholisch werden ließ. Mit Sorge und Traurigkeit beobachtete ich die Veränderungen in seinem Wesen, hoffte aber immer noch, daß es vorübergehen würde, hatte Louis Winter doch nie kennengelernt und man konnte ja schließlich nichts vermissen, was man nicht kannte. Trotzdem litt ich mit ihm, sobald er hoffnungsvoll in den Himmel blickte und dann traurig mit hängenden Schultern weiterschlich.
Eines Morgens dann kam Kronprinz Chulalongkorn zu mir und fragte mich, ob es wahr sei, daß in England "Kälte vom Himmel fällt wie Federn". Ich bejahte diese Frage; der Kronprinz warf einen nachdenklichen Blick auf Louis und ging dann. Abends dann stand plötzlich seine Majestät in unserem Haus. Ich weiß nicht, warum, doch drängt es mich stets, mich in seiner Gegenwart größer erscheinen zu lassen, als ich bin. Ich weiß, daß es anmaßend ist, doch fühle ich mich durch seine überlegene Art immer herausgefordert.
"Gehört das zu Ihren Traditionen, Ma'am?" Gründlich sah König Mongkut sich um; besonderes Interesse erweckten dabei die Socken, die - in Ermangelung eines Kamins - provisorischerweise an den Fensterbänken befestigt waren. Ich nickte. "Ja. In der Nacht, die auf den Tag folgt, an dem wir die Geburt des Sohn Gottes feiern, befüllen wir die Socken mit kleinen Gaben." Mongkut zog anzüglich eine Augenbraue hoch und sah sehr arrogant aus! "Als Opfer für Ihren Gott?" Ich stutzte. "Opfer?... Äh... Wie...?.. Nein..." "Was bringt Lehrerin ihrem Gott dar, um ihm zu danken, daß er seinen Sohn opferte?" Ich wußte in dem Augenblick keine Antwort und mußte an die vielen kleinen Altäre denken, die überall standen und an denen den Göttern - und auch dem König - zu Ehren geopfert wurde, was man entbehren konnte, jeden Tag und jede Nacht; und meine Unwissenheit machte mich wütend. Doch noch ehe ich aufbrausen konnte, deutete König Mongkut auf den Türrahmen: "Was bedeutet das?" Ich sah auf und stellte erschrocken fest, daß wir unter einem Mistelzweig standen! "Der Brauch sagt, ein britischer Mann darf unter dem Mistelzweig fast jede Frau küssen." hörte ich mich sagen und hätte mich im gleichen Augenblick ohrfeigen können. Wie sollte ich mich der Situation noch taktvoll entziehen? Doch der König drehte sich mit wissendem Lächeln um und meinte: "Es wird Lehrerin schwerfallen, britischen Mann zu finden, der Tradition in Siam aufrechterhält." Angelegentlich, die Hände hinterm Rücken verschränkt, blickte seine Majestät aus dem Fenster. "Gehört Schnee zu Ihrem Fest?" Ich hatte keine Ahnung, was diese Frage bedeuten sollte, doch wahrheitsgemäß nickte ich. "Ja." Seine Majestät König Mongkut nickte einmal und ging.
Am Morgen des Heiligen Abends weckte Louis mich mit lautem Geschrei: "Mama, Mama! Sieh doch, es schneit!" Schlaftrunken setzte ich mich im Bett auf. "Louis, Schätzchen, du hast geträumt. - Es kann in Siam nicht schneien!" "Doch, Mama, sieh doch!" Und damit lief er barfuß und im Nachthemd hinaus. Hastig sprang ich auf und eilte hinterher, doch in der Tür verhielt ich im Schritt: vor dem Haus drehte Louis sich jauchzend im Kreis, Arme weit ausgebreitet und den Kopf in den Nacken gelegt. Und auf ihn rieselten große, runde, weiße Flocken nieder und bedeckten den Rasen ringsum. Ungläubig rieb ich mirdie Augen, ging ans Ende der Veranda und schaute nach oben. Aha: dort standen ein gutes Dutzend Hofbediensteter, die Körbe voller weißer Blütenblätter aus Louis regnen ließen, der selig war. Als ich Prinz Chulalongkorn zu Louis laufen sah, schaute ich in die Richtung, aus der er gekommen war und sah dort seine Majestät, den König von Siam, stehen und den beiden Jungen lächelnd zusehen.
In diesem Augenblick mußte ich alles revidieren, was ich bisher von König Mongkut angenommen hatte. In diesem Mann war nicht nur genug Liebe für 58 Kinder ("und zehn noch unterwegs"), 26 Ehefrauen und 43 Konkubinen, sondern auch noch für einen kleinen britischen Jungen, dem er mit dieser - für ihn vielleicht unbedeutenden - Geste den sehnlichsten Wunsch erfüllt hat.
Möge Gott den König von Siam schützen und ihm ein langes Leben schenken!
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