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Irischer Zeisig

© by Birgitt (), März 2004

 

Disclaimer: Ich besitze keinerlei Rechte an den Charakteren und den Ereignissen aus The Fugitive. Diese Rechte gehören Warner Brothers. Ich beabsichtige in keiner Weise, diese Rechte zu beschneiden. Zwar besitze ich die Rechte an dieser Geschichte, habe aber keine Intention, durch sie materielle Vorteile zu erlangen.
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Deputy United States Marshal Samuel Gerard war sauer. Und es gab nichts am Horizont oder in seinem völlig überanstrengten Hirn, was diese beschissene Situation zum Besseren wenden würde. Er war am Ende seiner Weisheit und seiner Nerven. Dieser verdammte Kimble hielt sie zum Narren. Seit Wochen.

Nach den endlosen Stunden, die das Team auch heute wieder mit Nachforschungen verbracht hatte, die samt und sonders in immer neuen Sackgassen geendet hatten, war es Gerard irgendwann zu bunt geworden und er war laut fluchend aus dem Konferenzraum gestürmt, in dem er die Suche nach dem flüchtigen Dr. Richard Kimble koordinierte. Er knallte die Tür zu, um seinen Kollegen klarzumachen, was diese ohnehin schon wußten: Er wollte in Ruhe gelassen werden. Gerard war nicht der Typ, der aus seinem Herzen eine Mördergrube machte oder seinen Unmut herunterschluckte.

Seine Vorgesetzten saßen ihm im Nacken, und auch die Politiker nicht nur dieser Stadt, sondern landesweit, riefen mehrmals pro Woche, wenn nicht täglich, an, um auf den neuesten Stand gebracht zu werden. Halten Sie mich auf dem Laufenden, Marshal! Der Fall Kimble war brisant und jeder erfolglos verlaufene Tag machte den Druck nur schlimmer. Normalerweise würde das Interesse mit jeder Minute nachlassen, in der sie Kimble nicht festsetzten. Das konnte sich Gerard diesmal abschminken. Kimble entwickelte sich mehr und mehr zu einem tragischen Helden, mit dem sich die unterschiedlichsten Menschen identifizierten. Und die Leute, die an seine Unschuld glaubten, mehrten sich. Nicht, daß es mich interessiert, ob der verdammte Kerl schuldig ist. Das hatten andere bereits entschieden. Ich mache hier meinen Job, kriege diesen Arsch und kann endlich wieder nach Hause.

Zu allem Überfluß hatte sich auch noch ein Teil der Presse auf Kimbles Seite geschlagen. Bei der Pressekonferenz hatten sie alles andere als gut ausgesehen, hatten sich in Platitüden geflüchtet und unbequeme Fragen mit 'Kein Kommentar' abgeblockt. Entsprechend war die Berichterstattung ausgefallen. Irischer Zeisig. Gerard schnaubte bei dem Gedanken an den Zeitungsartikel, der ihn und sein Team wie Dorfdeppen hatte wirken lassen, nachdem Kimble ihnen am St. Patrick's Day entwischt war. Wieder einmal. Wenn Gerard das Plappermaul aus seiner Abteilung in die Finger bekam, der den Schreiberlingen die Einzelheiten von Kimbles letzter Heldentat verraten hatte... Der Kommentar der Tribune hatte mit dem Vorschlag geendet, die Tage, die Kimble auf der Flucht war, regelmäßig zu dokumentieren. Es würde nicht dauern, dann würde dieser Count-up auf der ersten Seite erscheinen...

Aber Gerard war nicht nur sauer auf Presse, Politiker und Polizeifunktionäre. Er war vor allen Dingen sauer auf sich selbst. Gerard nahm seine Fälle nicht persönlich. Er nahm es persönlich, wenn die Donuts trocken und der Kaffee kalt war, er nahm es persönlich, wenn Provinzsheriffs ihren Distrikt als ihr Hoheitsgebiet betrachteten, er nahm es persönlich, wenn die Frauen und Männer aus seinem Team Fehler begingen, die ihren eigenen Arsch und die Ärsche ihrer Kollegen in Gefahr brachten. Er nahm niemals einen Fall persönlich. Es ist mir egal. Das hatte er Kimble in der Kanalisation unmißverständlich klargemacht, als der ihm sagte, daß er seine Frau nicht getötet hatte. Und es war mittlerweile eine glatte Lüge geworden. Dieser Fall und auch Kimble waren ihm nicht länger gleichgültig. Natürlich wollte er immer noch in erster Linie den Hintern dieses Verrückten in das nächste Bundesgefängnis verfrachten. Aber da war mehr...

Kimble war besessen und mittlerweile war Gerard klar, wohin das Spiel dieses Idioten führen sollte. Anstatt sich still zu verhalten, bis Gras über die Sache gewachsen war, und dann zu versuchen, ein neues Leben zu beginnen, jagte Kimble einem Phantom hinterher, an dessen Existenz leider Gottes inzwischen nicht nur Kimble selbst glaubte. Verdammt, Gerard ertappte sich manchmal selbst bei Gedankenspielen, bei denen er von der Existenz des einarmigen Mannes ausging. Das mußte aufhören. Er durfte den Fall und schon gar nicht Kimble persönlich nehmen oder er hatte dieses Spiel bereits verloren. Ja, Kimble war besessen, vielleicht sogar verrückt, das sprichwörtliche Genie, das die Grenze zum Wahnsinn aus Angst und Verzweiflung überschritten hatt--

Verdammt, da war es schon wieder. Was interessierten ihn die Motive und Gefühle dieses Mannes? Gerard sollte lediglich sein Verhalten und seine Pläne analysieren, soweit ihn das bei seiner Aufgabe weiterbrachte. Jede Ablenkung und Irritation würde nur den nächsten Mißerfolg heraufbeschwören. Denn Kimble war gut. Zu gut für Gerard, so bitter ihm dieses Eingeständnis auch aufstoßen mochte. Wenn Kimble hätte entkommen wollen, sie hätten ihn niemals aufgespürt. Aber Flucht war nicht länger Kimbles Ziel, nur ein Mittel zum Zw--

Gerard stockte, nickte langsam. Sein Mund verzog sich zu einem breiten Grinsen. Er ging zum Fenster, sah hinaus in die Nacht, erhellt von den Lichtern der Großstadt. Irgendwo da draußen saß Kimble und plante seinen nächsten Schritt. Gerard würde ihm nicht länger nachlaufen; er mußte einen Weg finden, vor Kimble an dessen Ziel zu sein. Höchste Zeit, daß der Hase dem Igel zeigte, was er so drauf hatte. Dr. Kimble, du wirst es noch bereuen, Sam Gerard auf die Zehen getreten zu sein!

 
Ende

 
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