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Sea of Love

© by Birgitt (), Oktober 2003

 

Disclaimer: Ich besitze keinerlei Rechte an den Charakteren und den Ereignissen aus Echte Kerle. Diese Copyrights gehören Buena Vista und Touchstone. Ich beabsichtige in keiner Weise, diese Rechte zu beschneiden. Zwar besitze ich die Rechte an dieser Geschichte, habe aber keine Intentionen, materielle Vorteile durch sie zu erlangen. Die Rechte an B.B. Kings Song Sea of Love besitze ich ebenfalls nicht, aber der Text ist so passend, daß ich ihn einfach an den Anfang der Story stellen MUSSTE! "Gabi" ist Aislings Erfindung; alle Rechte an diesem Originalcharakter gehören ihr, und ich benutze Gabi mit Aislings Einverständnis.
Anmerkungen der Autorin:
  1. Ich weiß immer noch nicht, wie ich hier rein geschlittert bin. Und ich bin auch nicht sicher, ob ich heil landen werde. Es begann harmlos mit einem DVD-Nachmittag im Juni, steigerte sich während eines CSD-Challenges im Juli und nahm bedrohliche Formen an während einer Betalesung im August; das vorläufige Finale findet jetzt (endlich!) im Dezember statt: Ich vollende das Gegenstück zu Aislings wunderbarer Story "Ein Schritt zu weit" (Eingeweihten auch bekannt als "Echte Kerle II"). Ihr gilt mein Dank für ihr Vertrauen, daß ich einen Eddie finde, der ihrem Chris ebenbürtig ist!
  2. Der geneigte Leser möge sich an die chronologische Reihenfolge der Chris-und-Eddie Geschichten halten: Echte Kerle, Auch ein Macho ist mal einsam, Breaking through the Wall, Ein Schritt zu weit, Sea of Love, Weiße Ritter und Goldene Reiter.
  3. Sollte es bisher nicht klar geworden sein - ich widme diese Geschichte Aisling, die mich nicht nur inspiriert, sondern auch als Betaleserin beim Schreiben dieser Story unterstützt hat. Danksagungen gehen an Atti, die ohnehin an (fast) jedem neuen Fandom Schuld ist, und an all die, die Echte Kerle zu verantworten haben.
Archiv: Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de) auf der Autoren-Seite

 

SEA OF LOVE
I've been down one time
And I've been down two times
But right now I'm drowning
Drowning in the sea of love
I've been out here so very long
I done lost all my direction
Baby, when you came my way
Thought I had found my protection
But a strong wind came into my life
It surely took me by surprise
I can't seem to control these tears
That's falling from my eyes
I've been down one time
And I've been down two times
But right now I'm drowning
Drowning in the sea of love
Sea of love
Baby, I depended on you
For the love navigation
But now you've gone and deserted me
Can't you see that I'm in desperation
I'm in the middle of a bad love storm
And it's bad as it can be
I look around, all I can see
Is water coming down over me
I've been down one time
And I've been down two times
But right now I'm drowning
Drowning in the sea of love
Sea of love, sea of love
I've been down one time
And I've been down two times
But right now I'm drowning
Drowning in the sea of love
Sea of love
But right now I'm just drowning
Drowning in the sea of love
A sea of love, sea of love
 

 
Sonntagmorgen 8.30 Uhr
Chris' Schlafzimmer

 

In der Steinzeit wäre das nicht passiert. Der Gedanke setzte sich bei Eddie in einer Reihe von geistigen Bildern fort, die einen Chris Schwenk in felligem Outfit zeigten, wie er einen ähnlich gekleideten (oder besser: unbekleideten) Edgar am Schopf gepackt in seine Höhle zerrte. Netter Traum. Bitte mehr.

Das Einzige, von dem er mehr bekam, waren weitere Klingeltöne dieses schrecklichen Telefonapparates. Wo waren die Aquarien dieser Welt, wenn man sie brauchte? Der Anrufbeantworter sprang an und in der nächsten Sekunde verdrängte die Nähe von Chris Träume und Sorgen. Alles war gut. Chris ist da und er wird es leicht mit allen Telefonen und Drachen aufnehmen, die es wagten, diese Nacht zu stören...

 

***
 

Später konnte Eddie sich nicht daran erinnern, was genau ihn geweckt hatte. Wahrscheinlich eine Kombination von Empfindungen und Eindrücken. Er streckte seine Hand aus, traf er auf keinen Widerstand, tastete auf den zerwühlten Laken nach etwas, das da sein sollte, aber es definitiv nicht war. Er sog scharf die Luft ein und noch etwas fehlte. Diese einzigartige Mischung, diese unwiderstehliche Mischung aus Aftershave und Sex, von der er einfach nicht genug bekommen konnte. Von der er letzte Nacht eine reichliche Portion bekommen hatte, die ihn allerdings nur noch hungriger hatte werden lassen.

Langsam drehte er sich von der Seite auf den Rücken, strich sich mit der Rechten durchs Gesicht, versuchte, etwas Ordnung in seine Gedanken zu bringen, die ein chaotisches Erotikdrama aus Träumen und Erinnerungen in seinem Kopf veranstalteten. Er bewegte die Lippen; mehr als ein tonloses Chris brachte er nicht zustande. Die einzige Antwort, die er erhielt war, ein leises, fortgesetztes Klappern. Chris wiederholte er in Gedanken, setzte sich auf und öffnete die Augen, blinzelte, bis er im Halbdunkel eine Gestalt ausmachen konnte, die am anderen Ende des Raumes auf dem Computerstuhl hockte.

Definitiv nicht Chris. Zu klein, etwas zu schmal. Nicht Chris. Nicht mal ein Mann. Kein Mann! Eddie gab ein leises Gurgeln von sich, laut genug, um die Frau auf dem Stuhl herumwirbeln zu lassen. Eddie hob das Laken an und sah an sich hinunter, musterte dann die Frau. Erleichtert stellte er fest, daß sie - im Gegensatz zu ihm - vollständig bekleidet war. Gott sei Dank!

Bei dem Stoßseufzer klickte etwas in seinem Hirn, etwas, das nicht nur seine leichte Panik ausschaltete, sondern auch eine Erinnerung auslöste. Chris Schwenk, wie er nackt und außer sich vor Verwirrung und Wut von ihm - Eddie - eine Erklärung über die Geschehnisse der zurückliegenden Nacht verlangte. So lang her, so frisch und unvergessen. Jetzt begriff er, was Chris damals so erschreckt hatte. Überraschende Gesellschaft am frühen Morgen konnte einen Mann aus der Fassung bringen. Und er selbst hatte den Vorteil, daß er sich nach der Schrecksekunde sehr wohl an die Einzelheiten der vergangenen Nacht erinnern konnte. Im Gegensatz zu Chris vor sechs Jahren. Aber das half jetzt nichts bei der Lösung dieses Geheimnisses. Am Besten er schlug den geraden Weg ein.

"Wer bist denn du?"

Die Frau drehte sich wieder zum PC um, tippte auf der Tastatur herum. Bevor Eddie die Geduld verlieren konnte, stand sie auf, ging betont lässig und langsam auf das Fenster zu. Mit plötzlicher Schnelligkeit und viel Schwung zog sie die Vorhänge zurück, ließ das grelle Licht ins Zimmer fluten.

"Autsch! Bist du wahnsinnig!" Eddie hielt die Hände vor die Augen gedrückt. "Mach' wieder zu."

"Mach' doch selbst."

Eddie ließ die Hände sinken, blinzelte, bis er seine Umgebung einigermaßen wahrnehmen konnte. Die Frau lehnte gegen die Fensterscheibe, war nur als Schatten für ihn erkennbar.

"Aber das lohnt sich ja nicht."

"Was lohnt sich nicht?", äffte er ihren Tonfall nach. Erfolglos. Um so kalt zu klingen, würde er Eiswürfel fressen müssen.

"Daß du es dir noch mal gemütlich machst. One-Night-Stands bleiben nicht bis Mittag. Nicht mal bis zum Frühstück. Daher der Name."

Der Drachenschutz hatte offensichtlich nicht funktioniert. Wenn sie Chris etwas getan hatte, würde er ihr den Kopf abschlagen. Aber wieso tut der Drache so, als sei sie hier zu Hause? Und was faselt sie da von One-Night-Stands?

"Wo ist Chris?"

"Schon klar, daß du keine Ahnung hast. Chris hat in dieser Beziehung ein gutes System. Obwohl... Beziehung ist bestimmt das falsche Wort in dieser... Angelegenheit." Sie schlenderte auf Eddie zu, blieb kurz vor dem Bett stehen und versenkte ihre Hände in den Taschen ihrer Shorts. "Ab und zu überkommt es ihn. Er geht auf Tour, schleppt jemanden ab und oft genug in unsere Wohnung. Am nächsten Morgen hat er sich ausgetobt und weiß wieder, wo er hingehört. Und vor allem zu wem."

Eddie wurde schwarz vor Augen, krallte seine Hände in die Laken. Er hatte Mühe zu begreifen, was die Frau ihm erzählte. "Was?"

"Ist ganz einfach. Ich bin Gabi, Chris ist mein Freund, und dies ist unsere gemeinsame Wohnung. Also drei gute Gründe für dich, so schnell wie möglich zu verschwinden." Sie wandte sich ab. Bevor sie sich wieder am Computer niederließ, drehte sie sich noch einmal zu ihm um. "Chris wird wohl auf seine alten Tage etwas... komisch. Du bist der erste Mann, der es in sein Bett geschafft hat, und normalerweise räumt Chris bei solchen Gelegenheiten selbst hinter sich auf. Nimm's nicht persönlich, aber ich denke, du bist ein guter Anlaß, daß ich mit einem gewissen Herrn ein paar Takte über den Verfall seiner Sitten rede." Sie widmete ihm noch ein Kopfschütteln, setzte sich dann wieder an den Rechner.

 

Endlich ließ die Starre nach und Eddie sank in die Kissen zurück, konzentrierte sich erst einmal aufs Atmen. Er war schweißgebadet, am ganzen Körper, schwitzte und fror gleichzeitig. Ihm war übel und er schluckte ein paarmal, um seinen Magen davon abzuhalten, das Kommando zu übernehmen. Eher würde er sterben, als sich vor dieser Gabi zu blamieren. Wenn er das nicht schon längst getan hatte. Chris war fort, wohin und wann auch immer.

Dunkel erinnerte sich an das Telefon, an ein paar gemurmelte Worte. Daran, daß Chris erfolglos versucht hatte, ihn zu wecken. Nichts von dem, was gesagt worden war, hatte er verstanden. Aber jetzt war klar, daß es wichtig gewesen war.

Wichtig! Alles ist relativ, Blödmann - es war wichtiger als du!

Langsam setzte sich Eddie auf die Bettkante, sein Mageninhalt blieb dort, wo er hingehörte. Er suchte sich seine Klamotten zusammen, die vor dem Bett auf dem Boden lagen. Viel war es nicht; er war ohnehin nur spärlich bekleidet gewesen - CSD sei Dank. Oder besser: verflucht. Er zog sich die Jeans an, sein Netzshirt über den Kopf, wrang die schmale Lederkrawatte in seinen Händen. Hier gab es nichts mehr zu tun, er mußte weg. Er sah auf die zerwühlten Laken herab, schüttelte den Kopf. War es das, was ihm von seinem Traum bleiben sollte? Ein wilder Fick von mehreren Stunden? Ein paar heiße Zungenküsse mit dem Mann, der für ihn den Himmel auf Erden bedeutet hatte? Noch bedeutete. Niemals wäre er mit Chris gegangen, wenn er gewußt hätte, daß er nur eine weitere Trophäe für ein sexgeiles Arschloch war. Niemals. Auch nicht, wenn Chris ehrlich gewesen wäre. Ehrlich! Ein Begriff, der für Chris Schwenk nicht zu existieren schien. Feige war er noch dazu. Überließ es seiner Freundin, ihn aus der Wohnung zu werfen. Hatte er Angst gehabt, Eddie könnte ihn erwürgen?

Das Klackern der Tastatur erinnerte ihn daran, daß er nicht allein war. Diese Gabi hatte eine Art... So was von kalt und arrogant. Oder sie hatte sich nur auf Chris eingestellt und hatte sich damit abgefunden, daß der sich gelegentlich abreagierte. Jedenfalls saß sie seelenruhig dar und schien sich seiner Gegenwart gar nicht bewußt zu sein.

Sie hat mich abgehakt. Genau wie Chris.

Sein Blick fiel aufs Kopfkissen. Ein großer Zettel lag dort. Eddies Hand zitterte, als er das Papier aufnahm. 'Sorry, mußte zu einem dringenden Einsatz. Chris.' Dann folgte eine Handynummer. Eddie seufzte, schloß die Augen. Er begriff, was falsch gelaufen war. Was auch vor sechs Jahren falsch gelaufen war. Was zwischen ihm und Mike falsch gelaufen war. Was letzte Nacht falsch gelaufen war. Was auch in tausend Jahren noch falsch laufen würde. Er sah sich wieder den Zettel an. Nichts wäre einfacher, als die Nummer zu wählen und mit Chris zu sprechen. Nichts wäre schwerer. Der Teufel mußte ihn geritten haben, als er Chris gestern auf dem CSD geküßt hatte. Zwar wäre er gestorben, wenn er es nicht getan hätte, aber wohin hatte ihn dieser Kuß gebracht? Über Chris' Bett direkt weiter in die Hölle.

Eddie war ganz ruhig, als er den Zettel wieder zurück aufs Kissen legte. Hier konnte er nicht bleiben. Hier konnte er nicht einmal atmen, ohne daß es in ihm brannte und rumorte. Er mußte fort, dorthin, wo er die letzten Jahre verlebt - nicht gelebt - hatte, zumindest die wenigen Stunden, während der er nicht gearbeitet hatte. Äußerlich betrachtet hatte seine Wohnung alles, was es zu einem schönen Heim brauchte, aber für Eddie war dieser Ort nicht mehr als die Zufluchtstätte, wo er gedankenlos durchs Fernsehprogramm zappte, wo er Mahlzeiten in sich hinein schob, an deren Zusammensetzung er sich wenige Minuten später nicht mehr erinnern konnte oder wollte, wo er schließlich todmüde ins Bett kippte. Seine Wohnung war der Ort, wo es ihm gelang, die Leere in seinem Leben zu ignorieren. Genau das, was er jetzt brauchte. Einen Ort, wo er den Schmerz ignorieren konnte.

Ohne ein weiteres Wort an Gabi zu richten - was hätte er auch sagen sollen, ohne sich vollends vor Chris' Freundin zu demütigen? - ging er aus dem Schlafzimmer und rannte nahezu aus der Wohnung. Im Treppenhaus kam er zwei Absätze weit. Mit den Fingerknöcheln rieb er sich die Augen. Wenn Chris jetzt zur Tür rein käme, dann könnte er... würde er... "Verdammte Scheiße, Chris!" Er schleuderte die Krawatte von sich. "Verdammt, verdammt, verdammt!"

Schreien half nicht, im Gegenteil. Eddie merkte, wie die Tränen seine Wangen hinunter liefen. Er wischte sie weg, seine Wut steigerte sich noch. Das war es, was Chris aus ihm machte. Einen Schwächling. Alles Coole und Souveräne war verloren, wenn es um Chris Schwenk ging. Alles hatte Eddie im Griff gehabt. Sein Schwulsein, seine Affären, seine Arbeit, egal ob legal oder illegal, seine Mutter - ach nein, Iris nicht, aber die hatte niemand im Griff, außer sie wollte es. Nur wenn es um Chris ging, war es aus und vorbei mit jeder Kontrolle. So wie letzte Nacht. Ihm wurde heiß und kalt bei dem Gedanken, was sich noch vor ein paar Stunden zwischen ihnen abgespielt hatte. 'Gespielt' war wohl das entscheidende Wort. "Edgar Sänger, du bist ein Vollidiot!"

 

 
Drei Stunden später
Eddies Wohnung

 

Dies war wirklich nicht sein Tag. Kaum war Eddie in seiner Wohnung angekommen, wurde ihm klar, daß es hier nur schlimmer werden würde. Nie waren ihm die Zimmer so bedrohlich leer vor gekommen wie heute. Schlimmer als leer. Verlassen. Von allen guten und bösen Geistern. Abgesehen natürlich von den Dämonen, die er mit sich brachte und die sich rasend schnell in den Räumen ausbreiteten, sich in den Schatten und Ecken versteckten und auf ihn lauerten und ihm zuflüsterten.

Dummkopf! Idiot! Wie konntest du glauben, daß er dich liebt? Du bist schlimmer als ein pickeliger Teenager, der Lust und Liebe nicht auseinanderhalten kann. Blind vor Liebe und jetzt noch krank vor Liebe. Wenn Chris dich jetzt sehen könnte, würde es ihn schütteln, daß er dich überhaupt in sein Bett gelassen hat. Sentimentale Schwuchtel! Als wenn er so was lieben könnte! Du warst nur ein weiteres Abenteuer für ihn! Vielleicht hat er nur auf eine solche Gelegenheit gewartet, um dir dein Spielchen von damals heimzuzahlen. Er hatte dich die ganze Nacht unter Kontrolle, konnte dir zeigen, wo's langgeht, hatte seinen Spaß mit dir. Und du Schaf hast geglaubt, es ist die Erfüllung all deiner Träume.

Mit voller Kraft schleuderte Eddie den Wohnungsschlüssel, den er immer noch in der Hand hielt, als er das halb abgedunkelte Wohnzimmer betrat, in die Richtung, aus der die eingebildete Stimme zu kommen schien. Ein lautes Klirren bestätigte ihm, daß er 'etwas' getroffen hatte. Wie eine nähere Inspektion ergab, war es die Glasvase auf dem kleinen Beistelltisch. Das Blumenwasser ergoß sich über die Tischplatte und tropfte auf die Fliesen. Die Orchideen lagen zwischen den Scherben, vervollständigten ein Stillleben, das ihn nervös und wütend machte.

 

In der Küche angelte er nach dem Eimer und dem Lappen, welche er unter der Spüle deponiert hatte, stapfte zurück ins Wohnzimmer und knipste das Licht an. Vorsichtig wischte er Glas und Wasser zusammen und empfand es als mittelgroßes Wunder, daß er ohne Schnittverletzungen davonkam. Die Blüten, die seine Attacke einigermaßen heil überstanden hatten, lagen nun auf dem Wohnzimmertisch. Ein Kunde hatte sie ihm vor drei Tagen geschenkt, als er seinen Wagen abgeholt hatte. Die Einladung zum Abendessen hatte Eddie dankend abgelehnt, aber die Blumen hatte er aus einem Impuls heraus angenommen, zusammen mit dem Scheck für die geleistete Arbeit. 'Blumen für den Autoschlosser', hatte er noch gewitzelt, und Markus Renneburg hatte gelacht. 'Sie haben wohl recht, Herr Sänger, ein schlechter Titel für eine Liebesgeschichte.'

Na toll. Wie ein Hamster rennst du rund und rund und rund in diesem Rad, das du Leben nennst. Steckst alle Energie in deine Arbeit und wartest auf den Märchenprinzen, stößt alle weg, die dich mögen oder die dich mögen wollen. Und dann rennst du nur noch schneller und wie von Sinnen, damit du nicht darüber nachdenken mußt, was du dir und den anderen antust.

"Halt die Klappe! Halt endlich die Klappe!" Eddie packte die Orchideen, warf sie in den Eimer und ging wieder in die Küche, goß das Wasser in die Spüle, entsorgte den Abfall, wrang den Wischlappen aus und breitete ihn auf dem Eimer zum Trocknen aus. Im Badezimmer stellte er den Eimer in die Wanne, drehte sich dann zum Waschbecken, um sich die Hände zu waschen. Auf halbem Weg zum Hahn hielt er inne, betrachtete sich im Spiegel. Gestern nachmittag hatte er hier ebenso gestanden; es waren keine vierundzwanzig Stunden vergangen, seitdem er sich für die Parade gestylt hatte. Mit wenig Enthusiasmus, wie er sich jetzt ins Gedächtnis zurückrief. Ein paar Einladungen aus der Szene hatte er bekommen, aber nirgendwo fest zugesagt. Und er war nur ausgegangen, weil er das Gefühl gehabt hatte, ihm fiele die Decke auf den Kopf. Was konnte schon passieren, wenn er sich unter die Menge mischte? Er konnte jederzeit zurück nach Hause, und die Parade war immer eine grandiose Show, ob er sich nun beteiligte oder einen auf "Touri" machte. In der Sekunde, in der er Chris entdeckt hatte, war er von der Macht des Schicksals überzeugt gewesen. Und von der Tatsache, daß er eine zweite Chance bekommen hatte. Wenn er jetzt die Zeit zurückdrehen könnte...

... würdest du denselben Bockmist bauen! Begreifst du endlich, daß du das gebraucht hast? Dieses sprichwörtlich böse Erwachen ist das Einzige, das dich davon überzeugen kann, daß du Chris nicht so haben kannst, wie du ihn willst. Vergiß ihn oder gib dir sofort die Kugel!

"Ihn vergessen? Nach dieser Nacht?" Er schüttelte den Kopf - und registrierte irgendwo in seinem Hirn, daß er mit seinem Spiegelbild ein Zwiegespräch führte. Ein Zwiegespräch, bei dem er wohl unterliegen würde. "Es war--" Er brach ab, hatte keine Ahnung, wie er das, was er gefühlt hatte, in Worte fassen sollte. Besonders jetzt, wo alles in ihm ein absolutes Chaos war. Aber da war ja noch sein Gegenüber, das hilfreich einsprang.

Es war was? Der beste Fick deines Lebens? Der siebte Himmel? Die Erfüllung all deiner Träume? Warum stehst du dann hier und kampierst dann nicht vor seiner Wohnung und wartest auf seine Rückkehr? Mach ihm eine Szene, die sich gewaschen hat. Schlag ihm in die Fresse, heul' ihm die Taschen voll! Telefonterror - du kennst doch jetzt seine Nummer! Ich sag dir, warum du dich hier verkriechst. Du hast Angst, daß Chris es dir ins Gesicht sagt, daß du für ihn ein Abenteuer warst. Wenn du ihn wiedersiehst, wirst du deinen Stolz genau so verlieren wie deine Lie--

Das Klingeln der Haustür rettete Eddie vor Schlimmeren. Die Erleichterung über die willkommene Unterbrechung wurde durch ein Triumphgefühl über diese Bestätigung einer unausgesprochenen Gewißheit verdrängt, und er streckte seinem Spiegelbild die Zunge raus, stürzte dann zur Tür. Er riß sie auf und der Schock ließ ihn erstarren.

 

"Hallo, mein Sohn. Tut mir leid, daß ich dich überfalle, aber ich habe es zu Hause nicht mehr ausgehalten. Und du bist immer noch meine erste Anlaufstelle--" Iris brach ab. Schwieg für mehrere Sekunden, eine halbe Ewigkeit für ihre Verhältnisse.

Eddie nutzte die Stille, um ein "Mutter" herauszuwürgen.

"Was ist los, mein Sohn?"

Sie sieht es mir an. Natürlich. Sie ist meine Mutter. Sie hat mir immer alles angesehen. Scheiße. Was für ein beschissener Alptraum.

Erstaunlicherweise schaffte er es ins Wohnzimmer zurück, ließ sich auf das Sofa sinken, schnappte sich ein Kissen und preßte es gegen seinen Bauch, wartete auf das Unvermeidliche namens Iris. Hätte er nur durch den Spion geschaut! Aber er war doch sicher gewesen, daß es Chris war. Chris, der kam, um alles zu erklären. Chris, der ihn in den Arm nehmen und ihn als Idioten beschimpfen würde, weil er nicht auf ihn gewartet oder ihn angerufen hatte.

Iris tauchte im Türrahmen auf und Eddie war klar, daß er in der Falle saß. Daß er nicht gehört hatte, wie sie die Wohnungstür zugeknallt hatte, war ein schlechtes Zeichen. Vor Iris mußte man sich in Acht nehmen, wenn sie ihre Wut laut und unmißverständlich zum Ausdruck brachte. Aber wenn sie ruhig und gefaßt erschien, war sie regelrecht bedrohlich. Gott, wie mußte er aussehen, wenn sie so reagierte?

"Erzähl."

Vielleicht war es die Vertrautheit dieses Moments, die ihn zum Reden brachte. Schließlich war es schon öfter vorgekommen, daß Iris versucht hatte, ihn nach einer Katastrophe wieder aufzurichten. Auch wenn er im Moment daran zweifelte, daß sie es diesmal konnte. Er war nicht mal sicher, ob er jemals wieder aus diesem Loch heraus wollte.

Eddie schluckte den Kloß hinunter, den er plötzlich in seinem Hals spürte. Als er den Mund öffnete, bekam er keinen Ton heraus. Im nächsten Augenblick saß Iris neben ihm, legte den Arm um seine Schultern. "Hey, ganz ruhig. Wir haben alle Zeit der Welt." Sie strich ihm eine Locke aus der Stirn und küßte seine Wange.

"Kannst du dir vorstellen, daß ich mich vor ein paar Stunden für den glücklichsten Menschen auf der Welt gehalten habe?" Nein, so kam er nicht weiter. Und es war auch nicht nötig. Schließlich hatte Iris schon etliche Affären miterlebt. "Was rede ich eigentlich für einen Scheiß? Ich war gestern auf der Parade. Ohne Pläne oder Absichten, irgendetwas anzufangen. Doch als ich ihn gesehen habe, ging es mir durch und durch. Alles war da, dieses gewisse Etwas, dieses Unwiderstehliche, das mich alle Zurückhaltung und Vernunft vergessen ließ. Ein Kuß genügte und ich war wie Wachs in seinen Händen. Und wenn er mich ansah, wurden meine Knie weich. Ich weiß immer noch nicht, was mich davon abhielt, ihn sofort auf dem Asphalt flach zu legen. Und genauso wenig weiß ich, wie wir es in seine Wohnung geschafft haben. Es war so gut. Tat so gut." Der Redeschwall stoppte so abrupt wie er begonnen hatte. Eddie tippte sich auf die Brust. "Besonders hier." Er konzentrierte sich auf einen imaginären Punkt vor ihm. Hätte er Iris jetzt angesehen, wäre er in Tränen ausgebrochen, und dann hätte er sich die Seele aus dem Leib geheult.

Als Iris begann, seinen Nacken zu massieren, hielt er es nicht mehr neben ihr aus. Am liebsten wäre er sofort in sein Zimmer gestürmt, aber ihm war klar, daß kein Schloß der Welt Iris davon abhalten würde, ihm nachzukommen, bis sie wußte, was ihm zu schaffen machte. Aber Distanz brauchte er; das war am besten zu erreichen, wenn er in Bewegung blieb. Also tigerte er vor Iris auf und ab, gestikulierte nervös, während er ihr schilderte, wie er aus dem Traum erwacht war. Oder besser: erweckt worden war.

"Irgendwie muß er vergessen haben, mir mitzuteilen, daß er eine Freundin hat. Sie wohnen sogar zusammen. Was wohl ganz praktisch ist, denn sie hat ihm die leidige Aufgabe abgenommen, mich heute morgen abzuservieren."

"Was?" Iris sprang auf, plazierte sich blitzschnell direkt vor ihn, hinderte ihn am Weiterlaufen. Ihre Reaktion erinnerte ihn an seine eigene. Wie lang war das her? Keine drei Stunden!

"Als ich wach wurde, war er bereits weg und seine Freundin machte mir unmißverständlich klar, daß ich ein abgeschlossenes Abenteuer bin. One-Night-Stand. Eine geile Nummer für eine Nacht. Das Schlimme ist, daß ich selbst schuld bin. Ich war nach der langen Zeit der Einsamkeit zu verzweifelt und zu enthusiastisch."

"Mein Sohn, der talentierte Lügner. Das kannst du jedem anderen erzählen und vielleicht willst du diesen Mist auch selbst glauben, aber mir machst du nichts vor." Als Eddie ihrem Blick auswich, schnappte sie sich sein Kinn, zwang ihn, sie anzusehen. "Edgar, laß es doch raus. Was soll denn aus dir werden, wenn du dich wieder in deine Arbeit vergräbst? Ich bin nicht sicher, ob es Menschen gibt, die in der Lage sind, ihre Gefühl zu ignorieren, aber du kannst es auf keinen Fall."

Sie ließ sein Kinn los, er sah auf sie herab, öffnete den Mund, um das zu erklären, was er selbst nicht begriff, oder auch das, was er nicht wahrhaben wollte. Das Einzige, was herauskam, war ein leises "Sorry", verbunden mit dem inneren Stoßgebet, daß Iris dieses eine Mal von ihrer Beute ablassen würde. Natürlich wußte Eddie, daß sie nicht ihn mit ihrer stillen Wut meinte, und etwas in ihm schrie laut, daß er ihr Chris zum Fraß vorwerfen sollte, doch er konnte es nicht. Scham, Stolz und Schmerz ließen ihn von dem Menschen abrücken, der die einzige Konstante in seinem Leben zu sein schien. "Sorry", wiederholte er, mit etwas mehr Lautstärke und Nachdruck.

Iris sah ihn durchdringend an, schüttelte plötzlich den Kopf und trat ebenfalls einen Schritt zurück. "Oh mein Gott", brachte sie heraus.

 

Sich fragend, was sie in seinem Gesicht oder seinen Augen gesehen, in seiner Stimme gehört oder einfach nur gefühlt haben mochte, nutzte Eddie den Augenblick ihrer Verwirrung, um aus dem Wohnzimmer zu verschwinden. Mit langen Schritten jagte er ins Schlafzimmer hoch, knallte die Tür hinter sich zu, lehnte sich keuchend dagegen. 'Oh mein Gott' traf es ziemlich genau. Chris war die Erfüllung seiner Wünsche und Träume gewesen, ihn in seinen Armen zu halten das Einzige, was er sich vom Leben erhofft hatte. Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Das und alles, was diese Umarmung nach sich zog... natürlich. Eddie mochte Abblenden an den richtigen Stellen, doch diese Stellen unterschieden sich, je nachdem, ob er sich einer Schmonzette in Schwarz und Weiß hingab oder ob es sich um sein Leben handelte. Die Kostprobe, die er in der letzten Nacht erhalten hatte, war ganz nach seinem Geschmack gewesen, hatte Appetit auf mehr gemacht - und ihn völlig hilflos für die Begegnung mit Chris' Drachen.

Wieder liefen ihm die Tränen die Wangen hinunter, und diesmal ließ er es zu. Er hatte jedes Recht auf Wut und Selbstmitleid und Trauer, und jetzt, da er in der ultimativen Sackgasse angekommen war, gab es nicht mehr viel Ablenkung. Er zog sein Shirt über den Kopf, wischte sich damit durchs Gesicht. Der Geruch des Kleidungsstücks war ihm plötzlich zuwider, er meinte, Chris wahrzunehmen. Wie von Sinnen riß er sich die wenigen Sachen vom Leib, stolperte mehr als daß er lief ins Bad, drehte die Dusche voll auf, stellte sich unter den harten Strahl. Ungeachtet der nur geringen Temperatur und der Tatsache, daß etliches von dem Naß aus der offenen Kabine spritzte, ließ er das Wasser auf seinen Körper prasseln. Zuerst stand er völlig unbeweglich in der Dusche; als das Wasser wärmer wurde, streckte und dehnte er sich, fuhr sich mit den Händen durch die Haare. Er griff sich das Shampoo und schäumte sich vollständig ein, brauste sich ab, schäumte sich noch mal ein. Wieder abbrausen, wieder einschäumen, abbrausen.

Eddie drehte das Wasser ab, stieg aus der Kabine, tapste über die Fliesen zurück ins Schlafzimmer. Das Bad war voll Wasserdunst und begleitete ihn, als er die Tür vollständig aufstieß. Das Wasser rann ihm aus den Haaren, gesellte sich zu den Tropfen auf seinem Körper und perlte an ihm herab. Es war recht kühl im Zimmer; eine Tatsache, die er in den letzten Tagen bei der großen Hitze draußen zu schätzen gelernt hatte; ein Schauer rann über seine nackte Haut. Er ließ sich aufs Bett fallen, verbuddelte sich in den Laken, bis nur noch sein Haarschopf darunter hervor lugte. Seine Hand fuhr über das Kopfkissen, zog es näher heran. Eddie krallte seine Finger hinein. Er schloß die Augen, wartete darauf, daß sich sein Atem beruhigte. Es wurde schnell warm unter dem Laken und er strampelte sich frei, deckte sich wieder zu, diesmal nicht ganz so vollständig wie beim ersten Mal. Er dreht sich auf den Rücken, starrte an die Decke, sah dann in Richtung Fenster. Es war ohnehin zu hell, um zu schlafen. Er war ohnehin zu wach, um zu schlafen.

Nach ein paar Minuten wurde sich Eddie bewußt, daß er wartete. Auf das Klingeln des Telefons. Oder noch besser das der Türschelle. Chris würde kommen und ihn mit einem Kuß aus diesem Alptraum befreien. Das war es, was aus Chris in den letzten Jahren geworden war. Sein Märchenprinz. Ritter ohne Furcht und Tadel. Gott, wie hatte er die Geschichten geliebt, die Mike ihm von Zeit zu Zeit erzählt hatte - so weit er es konnte, ohne irgendwelche gravierenden Vorschriften zu verletzen. Natürlich hatte er mitbekommen, daß Mike bald etwas bemerkte. Sein schlechtes Gewissen hatte ihn auch nicht ruhen lassen, doch diesen Preis zahlte er gern. Was er Mike wirklich damit angetan hatte, war ihm erst klar geworden, als es schon viel zu spät war. Da hatte er längst ihre Chance auf eine dauerhafte Beziehung verspielt. Ihre dünne Chance auf Glück.

Wenn wir wirklich jemals eine gehabt hatten...

Unten in der Wohnung hörte er schließlich die energischen Schritte seiner Mutter. Iris lief rasch hin und her; dann hörte er den dumpfen Bass aus seiner Anlage, der nach zwei Sekunden wieder verstummte. Unwillkürlich grinste er. Die CD, die er gestern nachmittag eingelegt hatte, um sich für die Parade etwas in Stimmung zu bringen, war wohl nicht nach Iris' Geschmack. Es dauerte nicht lang, bis sanftere Töne erklangen, zu leise, daß er erkennen konnte, was es war. Er hoffte lediglich, daß Iris die Pur-CD, die beim letzten Julklapp in seinem Schoß gelandet war, nicht hatte aufspüren können.

Ist doch egal... du gehst eh' nicht runter. Am besten nie mehr!

"Schnauze. Du bist schlimmer als meine Mutter."

Dann geh doch zu ihr und heul' dich bei ihr aus. Vielleicht magst du ihr erzählen, wer hinter deinem Herzeleid steckt, dann kann sie ihm bei lebendigem Leibe die Haut abziehen. Ist es nicht genau das, was dieses Arschloch verdient? Du bist nur zu feige, es selbst zu tun.

Eddie setzte sich auf, zog die Beine an seinen Körper und starrte geradeaus. Sein Blick fiel auf die Kommode, an der gegenüberliegenden Wand. Darauf saß der Teddy. DER Teddy.

"Gib's auf. Ich hab' mich selbst in diese Scheiße geritten. Nicht nur, daß ich mich einmal in den Falschen verliebt habe, ich habe diesen Fehler noch wiederholt. Weil's so schön war, noch einmal von vorn."

Du hast dich schon öfter an den Falschen gehängt. Und der letzte auf dieser Liste war Mike. Nicht Chris. Chris ist deine große Liebe. Der einzig Wah--

"Was soll das hier? Erst versuchst du, mir Foltermethoden schmackhaft zu machen, und jetzt?"

Stille. Abgesehen von den leisen Klängen aus dem Erdgeschoß war es still. Und jetzt? Das war die alles entscheidende Frage, die wie Parfümduft in der Luft zurückblieb. Störend, betörend. Eddie war unfähig, sie zu ignorieren. Wenn er nur die Antwort hätte. Würde Chris in diesem Augenblick in der Tür stehen... Alles wäre möglich von einem Mord über eine tränenreiche Wutrede bis zu einem leidenschaftlichen Kuß. Eddie schlug mit dem Hinterkopf gegen die Wand, an der er lehnte. Wieder und wieder, als hoffte er, damit in seinem Kopf einen Schalter umlegen zu können und so das Chaos zu beenden, das dort herrschte. Nichts geschah, außer daß ihm schwindlig wurde. Er kuschelte sich wieder in seine Laken, schloß die Augen. Es dauerte keine Minute, bis die ersten Bilder von Chris vor seinem geistigen Auge erschienen. Wie er ihn mit hungrigen Augen ansah, ihn von oben bis unten taxierte. Lächelte... ein Lächeln, das seine Zähne zeigte. Wie er sich dann über die Lippen leckte.

In jeder Sekunde hatte Eddie damit gerechnet, daß Chris das Licht ausmachte, doch das tat er nicht. Minutenlang hockte er auf Eddies Oberschenkeln; Eddie völlig nackt, Chris noch in Jeans und Hemd...

 

"Das ist nicht gerade fair. Zieh dich aus."

Wieder dieses Lächeln. Und dann strich Chris mit seinen Händen liebevoll Eddies Oberkörper entlang. Dieser Kontakt brachte Eddies Haut zum Prickeln, er seufzte. Sein Seufzer wurde zu einem langgezogenen Stöhnen, als Chris' Hände die Höhe seines Bauchnabels erreichten, dort ohne weitere Bewegung verharrten. Eddie war sicher, daß sich in diesem Augenblick Handabdrücke in seine Haut einbrannten, ihn für immer und ewig markierten. "Chris, bitte", brachte er heiser hervor und Chris beugte sich nach vorn. Kurz bevor er Eddies Lippen mit den seinen berührte, hielt er inne. Sein Atem kam jetzt rasch und etwas unregelmäßig.

"Was für eine Verschwendung. All die Jahre, all die Nächte."

"Chris..." Eddies Krächzen war kaum noch zu verstehen, selbst bei dieser Nähe nicht. Er schluckte, war sich der Bewegung seines Adamsapfels so bewußt, als würde er sich selbst betrachten. "Chris, wir haben alle Zeit der Welt." Und wieder schluckte er, schluckte eine Bemerkung hinunter, die er nicht auszusprechen wagte.

"Du bist mir nicht böse, wenn ich trotzdem..." Chris legte sich mit einer geschmeidigen Bewegung auf ihn, der Stoff seiner Hose rieb an Eddies' Erektion, so daß Eddie vor Schock die Luft einsog und anhielt. "...anfange."

"Nur..." Eddie verdrehte die Augen, als Chris' Zunge an Eddies Hals hinab glitt. "Nur wenn du es zu Ende bringst."

Chris lachte leise. "Wenn du ganz brav bist."

In einer Mischung aus Erregung und Entrüstung schnaubte Eddie, setzte zu einer Antwort an, die Chris dadurch vereitelte, daß er seinen Mund auf Eddies preßte, ihn dann öffnete und seine Zunge vorstieß. Automatisch öffnete Eddie die Lippen, sog Chris' Zunge begierig ein, so als wäre sie der dringend benötigte Sauerstoff. Saugen und Stöhnen wurde eins, er wölbte seinen Körper nach oben, stieß auf den Widerstand in Form von Chris' Körper, der erst nur dagegen hielt und ihn dann nach unten drückte. Chris zog seine Zunge, dann seinen Kopf zurück. Als Eddie protestieren wollte, legte Chris seine Hand auf Eddies Mund.

"Du willst--"

 

-- dich wohl vor mir und dem Rest der Welt verkriechen!"

Eddie schnappte nach Luft und richtete sich auf. "Was?" Im nächsten Augenblick stand Iris vor ihm, beugte sich vor und nahm sein Gesicht in ihre Hände. "Mutter, was ist denn los?"

"Junge, das frage ich dich. Seit Minuten rede ich auf dich ein, du siehst mich an und siehst durch mich hindurch. Richtig gehend unheimlich. Ich habe mich nicht mal getraut, dich anzufassen--" Sie brach ab, ließ Eddie los, wollte zurücktreten.

Ohne nachzudenken griff Eddie ihr Handgelenk, hielt sie fest. Langsam begriff er, daß er völlig weggetreten gewesen sein mußte. Kein Wunder, bei dem Tagtraum. Oder besser: Alptraum. "Es tut mir leid, Mutter."

Iris riss sich los. "Der dir das angetan hat... dem sollte es leid tun! Ich wünschte, du würdest mir sagen, wer es ist."

Eddie schüttelte den Kopf. Er war so unglaublich müde. Zu müde, um sich mit Iris abzugeben, wo er viel lieber allein wäre. Zu müde, um sich zu entscheiden, was er jetzt tun sollte. Er wollte nur schlafen. Aber genau davor hatte er Angst. Vor dem Schlaf und den Träumen. Solange er wach blieb und sich konzentrierte, würde er seine Gedanken kontrollieren können. Er mußte es können. Sonst würde er noch wahnsinnig.

"Edgar, bitte, sag etwas. Du machst mich wahnsinnig mit deinem Schweigen. Immer hast du mir alles erzählt..." Iris' Stimme kippte beinahe. Sie hörte sich traurig und verzweifelt an. Auch das machte Eddie Angst. Das sah Iris so gar nicht ähnlich. Und es war etwas, mit dem er nicht fertig werden könnte. Nicht jetzt. Er konzentrierte sich auf einen imaginären Punkt an der Zimmerdecke und schwieg. Diesmal mußte er durchhalten. Sonst würde er Iris nicht mehr los, bevor sie alles wußte.

"Also gut. Dann erstick an deinem Selbstmitleid."

Eddie hielt die Luft an, bis sich schließlich die Tür schloß. Selbstmitleid? Iris hatte diesen Vorwurf bestimmt nicht ernst gemeint, ihr Ton hatte nicht gepaßt. Aber wahrscheinlich war es genau das. Selbstmitleid. Er bedauerte sich für etwas, das er sich ganz allein eingebrockt hatte. Mit seiner übergroßen Sehnsucht und der alles verschlingenden Einsamkeit, die über ihn hereingebrochen war, als er Chris wiedergesehen hatte. Die ihn dazu zwang, daß er Chris küßte und in den Arm nahm. Er wäre ertrunken, hätte er es nicht getan. Und während ihrer Liebesnacht hatte er Verzweiflung und Lust gegen etwas eingetauscht, das er für die wahre Liebe hielt. Hatte nicht nur seine eigenen Gefühle in dieses Muster gepreßt, sondern auch die von Chris. Großer Fehler. Sein großer Fehler.

Die Tür ging wieder auf und Iris stand da. Lächelte und hielt ein Glas mit Orangensaft in der Hand. "Du solltest etwas trinken." Sie stellte das Glas auf den Nachttisch. "Vorhin... es tut mir leid. Ich laß' dich jetzt in Ruhe." Eddie schielte auf das Glas, dann auf Iris, wieder aufs Glas. Er hatte tatsächlich Durst. "Ehrlich." Eddie nahm das Glas auf, nippte daran. Dann trank er in großen Schlucken, bis es leer war.

"Danke." Eddie gab ihr das Glas, als Iris die Hand ausstreckte. Sie wandte sich zum Gehen. Die ganze Szene kam ihm absolut unwirklich vor, so unwirklich, daß er sie noch einmal zurückrief. "Es ist wirklich okay, daß du da bist." Und für eine Sekunde meinte er es auch so.

"Wenn du noch was brauchst..."

Eddie nickte und Iris verschwand aus dem Zimmer, schloß die Tür, als wäre Eddie ein Schwerkranker. Der Eindruck des Surrealen war wieder da. "Wenn ich noch was brauche..." Eddie ballte die Fäuste, die Fingernägel verletzten die Handflächen. Endlich kamen die Tränen. Er drehte sich wieder in die Bettdecke. In einer solchen Wirklichkeit brauchte er Träume nicht zu fürchten.

 

 
Montag, kurz vor Sonnenaufgang

 

The small hours. So hieß es wohl im Englischen, wenn von der Zeit vor Sonnenaufgang die Rede war. Das Einzige, das Eddie im Moment klein vorkam, war er selbst. Er stand am großen Fenster im Wohnzimmer, ein großes Glas mit Orangensaft in der Hand. Eiskalt. Er mußte mehrmals die Hand wechseln, während er hinausschaute in die Dämmerung. Die Lichter der Straßenbeleuchtung waren schon erloschen; im Zwielicht bot die Stadt ein Bild, das ihm völlig fremd war. Und er fühlte sich auch fehl am Platze. Wie ein kleiner Junge, der in einer Umgebung aufgewacht war, die er nicht erkannte. Nicht bedrohlich oder beängstigend. Nur fremd. Sehr fremd.

Nach dem Aufwachen hatte er sich Shorts und Shirt übergezogen, war leise die Treppe ins Erdgeschoß hinunter gegangen. Er hatte auf keinen Fall Iris wecken wollen. In der Küche hatte er kurz überlegt, ob er sich etwas Stärkeres genehmigen sollte, aber er hatte schon leichte Kopfschmerzen und einen schlechten Geschmack im Mund. Saft also.

Das Getränk spülte den Geschmack runter, aber die Kopfschmerzen blieben. Im Arzneischränkchen waren noch Aspirin, aber bei dem Gedanken an Tabletten würgte es ihn. Er nahm noch einen Schluck Orangensaft, hielt das Glas schief, mit einem Achselzucken leerte er es und stellte es auf dem Fensterbrett ab. Langsam wippte er auf Fußballen und -spitzen vor und zurück. Wie lange würde es noch dauern, bis die Sonne aufging? Es wurde mit jeder Minute heller und heller, bald müßte er die ersten Strahlen ausmachen können. Aber nein, vorher würde sich der Himmel rosarot färben. Einen Sonnenaufgang hatte er schon ewig nicht mehr miterlebt. Es gab eine Zeit, da hatte er jedes Wochenende durchgemacht, bis es wieder hell wurde. Und anfangs, als er jede Mark fürs Geschäft brauchte, hatte er manche Nachtschicht in der Werkstatt verbracht, zusätzlich zu den normalen zwölf bis vierzehn Stunden, die er Tag für Tag leistete. Bei diesen Gelegenheiten hatte er manchen Sonnenaufgang in mehr oder weniger wachem Zustand mitbekommen.

Dieser Morgen war anders... Es schien ihn zu überraschen, daß es überhaupt wieder hell wurde. Allenfalls ein müdes Grau hatte er der Welt noch zugetraut...

Fehlt nur noch, daß du dich Sack und Asche kleidest und Gedichte um die verlorene Liebe aufs Papier kritzelst...

Die Stimme in seinem Kopf war so laut und wirklich, daß Eddie sich umdrehte, um sicher zu gehen, daß niemand ins Zimmer gekommen war. Seine Dämonen waren also noch da und ebenso wach und bei Sinnen wie er selbst. Einige Stunden ungestörten Schlafes mochten mit einem verdorbenen Magen fertig werden oder mit großer Erschöpfung, aber sonst...

Die Welt da draußen schien allerdings keine Sonderbehandlung zu brauchen. Aus dem Hellgrau wurde ein Hellrosa, das langsam in einen tieferen Farbton wechselte. Auf den Straßen waren vereinzelt Autos und Motorräder zu sehen. Auch ein paar Fußgänger und Radfahrer. Späte Heimkehrer. Frühschichtler. Ein Jogger mit Hund, bei denen er nicht erkennen konnte, wer mit wem lief...

Wie du siehst, ein Tag wie jeder andere. Für den Rest der Welt. Einschließlich Chris Schwenk...

Mit einem Schlag war alles wieder da, das Eddie in den letzten Tagen von einem Extrem ins andere hatte fallen lassen. Der Aufstieg aus seiner Gleichgültigkeit in schwindelerregende Höhen, der rasende Fall ins Bodenlose, den finalen Aufprall erwartend, nein, fürchtend, der dann niemals kam. Sein Sturz hatte sich irgend wann gewandelt, in etwas, das er nicht zu definieren vermochte. Sein ganzes Ich schien in einem Schwebezustand darauf zu warten, daß irgendetwas oder irgendwer es anstieß und wieder eine erkennbare Richtung nehmen ließ.

Nichts war passiert. Niemand hatte ihn angestoßen. Iris hatte es nicht geschafft, zu ihm durchzudringen. Das konnte wohl auch nur einer. Und für den war es jetzt zu spät. Kein Einsatz dauert so lang, jedenfalls nicht ohne eine Nachricht. Chris war Polizist, hätte keine Probleme, jemanden zu finden, den er finden wollte. Wollte. Die entscheidende Vokabel in dieser Feststellung. Wieso würde er wollen? Chris' Nachricht war nichts anderes als ein Alibi gewesen; wahrscheinlich hatte er nicht damit gerechnet, daß seine Gabi für ihn die Drecksarbeit so effektiv erledigen würde. Eddie hätte angerufen, eine lahme Erklärung serviert bekommen, vielleicht eine unbestimmte Zusage für das nächste Treffen. 'Ich ruf' dich an. Im Moment weiß ich nicht, wo der Kopf steht.'

Ja, diese Sprüche kannte Eddie, konnte sie, ohne mit der Wimper zu zucken, selbst benutzen, um eine flüchtige Bekanntschaft erst auf Abstand zu halten, bevor er sie dann endgültig los wurde. Bei Chris hätte er die brutale Methode erwartet, aber vielleicht war die ihm zu gnädig erschienen. Rache nach sechs Jahren. Wie klingt das als Titel für eine Liebesgeschichte? Gar nicht schlecht... Solang man in der Story nicht in der Rolle des Verlierers mitspielte...

Was Eddie noch vor wenigen Minuten unmöglich erschienen war, war geschehen. Die Sonne war tatsächlich aufgegangen. Vor seinen Augen. Und was nun? Wenn die verdammte Welt sich weiter drehte, was blieb ihm dann noch anderes übrig als mitzumachen? So wie in den vergangen Jahren, als nichts seinen Panzer wirklich durchdrungen hatte, allenfalls der Stolz über eine gelungene Arbeit. Das hatte er immer noch, das nahm ihm keiner weg. Auch ein Chris Schwenk nicht.

Was hatte Mike mal zu ihm gesagt? "Du bist so was von begabt, wenn es um diese Karren geht. Alles, was du unter die Finger kriegst, bekommst du hin. Du hast es gar nicht nötig, diese verdammten Risiken einzugehen. Mit diesen Händen", er hatte sie in die seinen genommen und sie zärtlich mit den Daumen gestreichelt, "kannst du Autos zu Gold machen. Ohne dir die Finger schmutzig zu machen." Mike hatte gelacht und Eddie geküßt. "Oder besser: indem du sie dir schmutzig machst." Irgendwie schade, daß Mike und er nicht mehr zusammen gewesen waren, als er diesen neuen Traum verwirklicht hatte.

War das die Strafe? Eddie verletzte Mike, Chris verletzte Eddie. Und irgendwo da draußen gab es bestimmt jemanden, der Chris weh getan hatte. Alles glich sich aus, oder? Dann fiel Eddie Gabis eisiges Lächeln an, ihre selbstsicheren Bewegungen, ihre erbarmungslosen Worte. Wahrscheinlich war sie es, die jetzt in Chris' Bett lag, in seinen Armen. Vielleicht würden sie gerade jetzt...

Die Vorstellung allein schnürte ihm die Kehle zu. Er war auf dem besten Weg zum Wahnsinn. Und da kannte er nur eine Medizin. Wenn er jetzt in die Werkstatt fuhr, ersparte er sich außerdem das Frühstück mit Iris. Ein nicht zu unterschätzender Bonus.

 

 
Drei Stunden später
Alfa Romeo, Eddies Werkstatt

 

Die Medizin wirkte diesmal nicht. Im Gegenteil. Eddie war von Minute zu Minute nervöser geworden und nach einer Stunde war er überzeugt, daß er zehn linke Daumen besaß, einen Silberblick hatte und sein Technikverstand aus seinen Ohren heraus geflossen war.

Nachdem ihm dieselbe Schraube zum dritten Mal aus den Fingern geglitten und diesmal unter das Regal gerollt war, schmiß er den Schraubenschlüssel mit voller Wucht in den Werkzeugkasten zu seinen Füßen und stapfte ins Büro. Mit dem Fuß knallte er die Tür zu und setzte Kaffee auf. Da wartete genügend Papierkram auf ihn, daß er sich beschäftigen konnte. In der Werkstatt bestand die Gefahr, daß er sich krankenhausreif arbeitete. Den Bleistift würde er wohl halten können, ohne sich zu verletzen.

Mit einem großen Becher Kaffee setzte er sich an den Schreibtisch, holte die Abrechnungen der beiden letzten Monate vor. Er wollte die Rechnung, die er am Freitagabend nur auf einen Notizblock gekritzelt hatte, ins Reine schreiben. In zehn Tagen stand die Zwangsversteigerung der Böhnisch-Werkstatt an, da brauchte er Bargeld, um das eine oder andere Schnäppchen ergattern zu können.

Viel erfolgreicher als in der Werkstatt war Eddie nun aber auch nicht. Als er seine Aufstellung endlich komplett hatte, überprüfte er die Rechnung dreimal und jedes Mal kam er auf eine andere Summe, obwohl er bei zwei Durchgängen den Taschenrechner benutzte. Fluchend ging er zum Schrank, um die Rechenmaschine heraus zu holen. "Schweres Geschütz", murmelte er. Natürlich war das Papier alle und Ersatz hatte er nicht. Er warf einen Blick auf den Computer. "Ich hasse diese Teile!"

Nach einer weiteren Stunde hatte er seine Aufstellung in die Tabellenkalkulation eingegeben und erhielt gerade das fünfte Ergebnis, als das Telefon schrillte. Mit einem Fluch griff er nach dem Hörer und sagte einigermaßen beherrscht, "Alfa Romeo, Autotuning nach Ihren Wünschen, Edgar Sänger. Kann ich Ihnen helfen?"

Stille. Oh. Mein. Gott. Chris. Chris. Jetzt mach keinen Blöd--

"Hallo Eddie! Chris hier, wir müssen..."

"Was du musst, ist mir scheißegal. Dass du es wagst, dich nach dem gestrigen Tag noch mal bei mir zu melden. Du und deine Freundin habt mich ja schön abserviert. Lass dich nie wieder bei mir blicken. Verschwinde aus meinem Leben!" Eddie knallte den Hörer auf die Gabel, atmete schwer. Verdammt, verdammt, verdammt. Chris... Oh, Gott, Chris! Er wollte schreien und heulen. Wie konnte er nur so dumm sein? Chris so anzuschreien, ohne ihn auch nur eine Minute anzuhören.

Dumm? Endlich hast du ihm das gegeben, was er verdient! Und was du brauchst! Du bist ihn los. Ein für allemal!

Eddie hielt sich immer noch am Hörer fest. Wenn er Chris jetzt sofort anrief... Bestimmt würde er ihm alles erklären.

Natürlich. Wundervoll stimmige Lügen. Und alles beginnt von vorn. Willst du ihm wieder ins offenes Messer laufen?

Langsam ließ er den Hörer los. Aus. Schluß. Vorbei. Beinahe zumindest. Er ließ die Tränen die Wangen hinunter laufen und sie tropften auf seine Unterlagen.

 

 
Vier Stunden später
Eddies Wohnung

 

Eddie stand vor der Haustür und atmete tief durch. Er würde sich Iris stellen müssen. Flucht kam nicht mehr in Frage - dazu war er viel zu ausgepowert und verzweifelt. Vier weitere Stunden hatte er in der Werkstatt zugebracht. Aber dieser Arbeitstag lag klar auf der Minusseite. Null Ergebnisse standen einer zerbrochenen Kaffeekanne und einer dicken Schramme gegenüber. Letztere hatte er in den linken Kotflügel des VW-Käfers gezogen, der in vier Tagen abgeholt werden würde. Natürlich nachdem er ihm eine frische Lackierung verpaßt hatte. Und bevor er irreparablen Schaden anrichtete...

Nachdem er die Haustür aufgeschlossen hatte, zählte er die Sekunden, bis Iris über ihn hereinbrach. Erstaunlicherweise geschah nichts dergleichen. Das Haus war völlig ruhig und nichts schien sich zu regen. Natürlich bestand die Möglichkeit, daß Iris ausgegangen war. Auch wenn er das für unwahrscheinlich hielt...

Er legte die Autoschlüssel auf der Anrichte ab und zog sich das durchschwitzte Hemd über den Kopf. Als er auf der Treppe nach oben war, hörte er Iris' Stimme. "Edgar?" Sie war in der Küche und ein paar Sekunden später war er auch dort. Iris saß am Tisch, hielt ein Glas umklammert.

"Orangensaft." Iris sah auf und lächelte. "Aber diesmal ohne das hier." Sie griff in ihre Rocktasche und warf eine kleine Medikamentenpackung auf den Tisch.

Eddie stellten sich die Nackenhaare auf. Was war das für ein Spiel?

"Es tut mir leid, Edgar, ich bin gestern völlig ausgeflippt, als ich dich so gesehen habe. Als ich oben bei dir war und du durch mich durchgesehen hast, mit diesem halb verzückten Lächeln auf dem Gesicht. Das sich dann in diese grausige Maske gewandelt hat, hinter der du dich gestern vor mir versteckt hast. Ich hatte das Gefühl, du würdest nie zur Ruhe kommen, wenn... wenn ich--"

"--du nicht nachhelfen würdest?" Daher die Kopfschmerzen, deswegen der schlechte Geschmack im Mund. "Du hast mich ruhig gestellt?"

"Ach, Edgar, es waren nur Schlaftabletten." Sie hob abwehrend die Hände, als er ansetzte, um sie anzubrüllen. "Schrei nicht los, ich weiß, daß ich Mist gebaut habe. Gestern allerdings... ich denke, ich war genauso neben der Spur wie du. Und nachdem du endlich eingeschlafen warst, da fiel mir regelrecht ein Stein vom Herzen. Nur als ich heute morgen gemerkt habe, daß du einfach fort bist, habe ich begriffen, daß es falsch war."

Eddie schluckte ein paar Mal, erinnerte sich an die Traurigkeit in ihrem Gesicht und Tonfall, als sie gestern bei ihm im Zimmer gewesen war. Erinnerte sich, wie er sie mit seinem Schweigen abgeblockt und ausgeschlossen hatte. "Keine Ahnung, ob es falsch war. Ich habe keine Ahnung. Ich weiß eigentlich gar nichts mehr. Nur habe ich das Gefühl, daß ich alles, was ich anpacke, falsch mache. In der einen Minute möchte ich ihn erwürgen, in der nächsten bin ich drauf und dran, ihn anzurufen. Besonders nachdem Chris heute morgen in der Werkstatt angerufen hat--"

"Chris?"

Eddie war froh, daß es endlich heraus war. Er hatte es nicht mal unbewußt ausgesprochen. Jetzt war der Rest nicht mehr schwer. "Du erinnerst dich an Chris Schwenk?" Eddie lächelte Iris bei dieser Halbfrage schief an.

"Du willst mir sagen, daß dieser Chris Schwenk dich so--"

"Er ist derjenige welche. Um ehrlich zu sein... Nach unserer Nacht hatte ich gehofft, daß er wirklich derjenige welche ist. The one and only, wenn du verstehst."

Iris schwieg, starrte auf ihre Finger. Eddie war etwas überrascht über ihre Reaktion. Er hätte eher mit einem Wutausbruch gerechnet, mit der Drohung, es Chris heimzuzahlen. Aber sie saß nur da und schwieg, sah ihn nicht mal an.

"Mutter? Was ist los?"

"Tschuldige, Edgar, ich bin völlig geschockt. Dieser Extrem-Macho, dieser Ultra-Hetero--"

"Naja, du hast damals nicht alles mitgekriegt. So Ultra/Extrem war er eigentlich nie. Mega war er. Im Bett. Und als Arschloch."

Und wieder schwieg Iris. Irritiert zog Eddie einen Stuhl heran und setzte sich zu ihr. Sie spielte mit dem Glas, trank es schließlich aus und setzte es mit einem Knall ab. "Mega-Arschloch ist genau der richtige Ausdruck. Daß er die Dreistigkeit besitzt, es noch einmal zu versuchen--"

 

Der Klang der Schelle ging Eddie durch Mark und Bein. Iris war in schon an der Tür, als er sich langsam erhob. "Warte, Mutter, es kann auch ganz jemand anderes sein."

Sie wandte sich halb zu ihm um und er war froh, endlich wieder seine Mutter zu erkennen. "Aber es ist doch in Ordnung, wenn ich die Tür öffne?" In der nächsten Sekunde war sie durch die Tür und auf dem Weg zum Hauseingang. Eddie war sicher, daß es Chris war, traute sich nicht weiter als bis an die Küchentür. Da würde er alles hören können.

Leicht sogar. Iris' Wut hatte endlich ein Ziel gefunden. "Was wollen Sie noch hier? Reicht es Ihnen nicht, was Sie Edgar angetan haben? Müssen Sie ihn noch weiter quälen?"

Eddie hielt den Atem an. Er fürchtete sich regelrecht davor, Chris' Stimme zu hören. Aber er konnte sich auch nicht dazu bringen, die Tür zu schließen, um diese Stimme auszublenden...

"Iris, das, was gestern passiert ist, tut mir leid. Ich wollte das Ganze doch gar nicht. Warum glauben Sie, dass ich gestern hier war? Ich wollte mich für Gabis Verhalten entschuldigen und alles mit ihm klären."

"Erstens bin ich für Sie Frau Sänger und zweitens ist es mir egal, was Sie hier wollen. Sie haben Edgar von Ihrer Freundin rausschmeißen lassen, da gibt es nichts zu erklären. Ganz zu schweigen davon, dass Sie mit Edgar geschlafen haben, obwohl Sie noch mit einer Frau zusammen waren. Was meinen Sie, wie er sich jetzt fühlt?"

Eddie schluckte. Wie sehr Iris' Worte ihn an seine eigene innere Stimme erinnerten, die ihn seit gestern morgen mit blöden Ratschlägen in Atem hielt!

"Und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie jetzt den Fuß aus der Tür nehmen können, damit ich sie schließen kann, denn wir haben uns nichts mehr zu sagen."

"Richten Sie bitte Edgar aus, daß ich hier auf ihn warten werde, egal, wie lange es dauern wird."

In dem Moment, in dem er aus der Küche stürzte, schmiß Iris die Haustür zu und drehte sich zu ihm um. Sie war noch in voller Fahrt. "Sieh mich nicht so an, Edgar. Diesen Blick kenne ich." Sie hatte ihre Stimme gerade so eben unter Kontrolle. "Was ich diesem Chris Schwenk gesagt habe, meine ich auch. Das, was passiert ist, ist jenseits aller Erklärungen. Und jenseits aller Hoffnungen."

Langsam wich Eddie vor Iris zurück, die langsam auf ihn zugekommen war. Er lehnte sich gegen die Wand. So nach und nach wurde ihm bewußt, was Chris Iris gesagt hatte. "Er war schon mal hier?"

"Macht das einen Unterschied?" Eddie schüttelte den Kopf, unfähig zu antworten, unfähig, eine Antwort zu finden. "Macht das für dich einen Unterschied?" Iris war jetzt unerbittlich, und für eine Sekunde fühlte er sich wie ein kleiner Junge. Als er Kind war, hatte Iris ihn eigentlich nie angeschrien. Oh, sie hatte ihre Wutanfälle gehabt, sie hatten sich oft gestritten. Aber Eddie konnte sich nicht daran erinnern, daß sie ihn auf irgendeine Art eingeschüchtert hatte. Wenn es ganz ernst gewesen war, dann war es so wie jetzt gewesen. Sie hatte sich vor ihm aufgebaut - der Größenunterschied war mit den Jahren erst geschmolzen und dann wieder angewachsen -, hatte ihn offen angesehen und diese Fragen gestellt, die immer genau den wunden Punkt in ihm zu treffen schienen.

"Wie meinst du das?", fragte er und war schon halb an ihr vorbei und auf dem Weg zur Tür, als sie antwortete.

"Du willst jetzt den leichten Weg gehen, Edgar."

Eddie drehte sich wieder zu ihr um. "Du glaubst, das ist leicht? Da raus zu gehen und... und... und..."

"Ich sehe es dir doch an. Sein Auftauchen hat genügt. Du brauchtest ihn noch nicht einmal zu sehen, nur zu hören..." Iris legte ihre Hand auf seinen Arm. "Edgar, wenn du jetzt zu ihm gehst, wirst du niemals wissen, was du wirklich willst. Was er dir wirklich bedeutet und was er dir angetan hat."

Alles in ihm schrie jetzt gegen Iris' Worte an. "Und was ist, wenn ich nicht gehe? Bringt mich das dann weiter auf dem... dem Weg der Erleuchtung?"

"Das weiß ich nicht. Das ist deine Entscheidung. Nicht meine, nicht die von Chris Schwenk."

Eddie sah zur Haustür, starrte sie an, als könnte er durch sie durchsehen, wenn er sich genug konzentrierte. Mit jeder Sekunde, die er hier stand, wich die Sehnsucht der Angst. Angst vor dem, was passierte, wenn er jetzt die Tür öffnete.

So als könnte sie seine Gedanken lesen, stellte sich Iris neben ihn und legte ihren Arm um seine Taille. "Wenn er es wert ist, wird er warten."

Egal, wie lange es dauern wird... sechs Jahre... zwei Tage... einen einzigen Herzschlag lang...

 

***
 

Wieder lag Eddie auf seinem Bett, unfähig und unwillig, Schlaf zu finden. Hatte sich seit gestern abend überhaupt etwas geändert? Chris war gestern hier gewesen. Deshalb war Iris wohl so wütend geworden. Wütend auf sich selbst, weil sie ihn nicht erwürgt hatte. In dem Zustand, in dem sie gestern war, wäre sie durchaus dazu in der Lage gewesen...

Und heute morgen hat er angerufen. Es lag ihm etwas daran, mit Eddie zu sprechen. Reichte das nicht aus, daß er ihm wenigstens noch einmal gegenübertrat? War diese ganze Verwirrung und Unsicherheit nicht ein Zeichen dafür, daß es gar keine Liebe war, die er für Chris empfand?

Was war es dann? Seine Gefühle für Chris waren dafür verantwortlich, daß er eine Beziehung in die Brüche hatte gehen lassen und daß alle darauf folgenden Affären im Keim erstickt waren. Und irgendwann waren dann die Affären von seiner Arbeit verdrängt worden. Anfangs war es die Notwendigkeit zum puren Überleben gewesen, die ihn jeden Abend und an den Wochenenden Überstunden machen ließ. Auch der Urlaub blieb in den ersten Jahren auf der Strecke - den Horrortrip nach Hongkong, den ihm Iris eingebrockt hatte, war unter der Rubrik Naturkatastrophen abgelegt.

Der Übergang von Notwendigkeit zur bequemen Entschuldigung, nichts gegen seine Einsamkeit zu unternehmen, war ein fließender gewesen. Sehr gefährlich - es war so einfach, der täglichen Routine zu folgen, ohne an der Richtigkeit derselben zu zweifeln. Eine plötzliche Wendung hätte ihn vielleicht dazu gebracht, seinen Lebensentwurf noch einmal zu überdenken. Vielleicht auch nicht. Das, was er wollte, konnte er nicht haben. Da blieb er lieber beim Zweitbesten.

Für wenige, aber wahnsinnige, Stunden hatte er geglaubt, er hätte das Beste dazu bekommen. Durch Zufall. Durch das Schicksal. Durch ein verdammtes Glück. Glück.

Ein paar Wochen, nachdem Mike mit Klaus zusammen gekommen war, hatte er Eddie in seiner Werkstatt aufgesucht. Es gab nur wenige Leute, die Mike so sehr mochte, daß er offen und ehrlich mit ihnen war, direkt und ohne Umschweife zum Thema kam. Das hatte sich selbst nach ihrem großen Krach und der anschließenden Trennung nicht geändert.

 

"Ich dachte, ich erzähle es dir selbst. Bevor du es durch die üblichen Kanäle erfährst."

"Ich geh' nicht mehr viel aus."

"Weiß ich. Das habe ich durch die üblichen Kanäle erfahren."

"Hmm." Eddie schwang seinen Bürostuhl herum und rollte zu dem kleinen Kühlschrank, holte zwei Flaschen Bier heraus, nicht so sehr, weil er wollte, daß Mike es sich gemütlich machte, sondern mehr, um sich mit etwas anderem zu beschäftigen als dem, mit dem Mike ihn konfrontierte.

Mike stand aus dem Besucherstuhl auf und kam zu ihm herüber, nahm das angebotene Bier und stellte es auf dem Kühlschrank ab. "Mir ist schon klar, daß es dich nichts angeht, was ich tue oder mit wem ich zusammen bin. Und mir ist ebenso klar, daß es dich auch nicht wirklich interessiert. In einem Beziehungsdrama wäre ich hergekommen, um dein schlechtes Gewissen zu beruhigen, um dir die Schuldgefühle zu nehmen, daß du mein Leben ruiniert hast. Ungefähr so: 'Es war richtig gewesen, diese Trennung, so sehr ich dich damals dafür gehaßt habe. Doch hätte ich ohne diesen Schritt niemals mein wahres Glück gefunden.'"

"Und? Hast du mich damals nicht gehaßt?"

"Du hast es niemals begriffen, bis heute nicht. Ich habe dich nicht dafür gehaßt, daß du einen anderen liebst. Ich habe es gehaßt, daß du meintest, deswegen Mitleid mit mir haben zu müssen. Du hattest wegen der Lüge ein schlechtes Gewissen, hast es aber so gedreht, daß du es mir nicht zumuten wolltest, mit dieser Lüge zu leben. Doch erstens wäre und war es meine Entscheidung gewesen und zweitens war es für mich nie eine Lüge."

"Und warum bist du jetzt hier?"

"Weil es für mich immer noch wichtig ist, wie es dir geht. Daß es dir gut geht, verdammt noch mal."

"Mir geht es gut."

"Schon klar."

Eddie wich Mikes Blick aus. Mike war wohl der einzige, der ihn durchschauen konnte. "Gut genug jedenfalls."

"Eddie, schmeiß dein Leben nicht weg wegen eines unerfüllten Traums. Ich habe meine Erfahrungen auf diesem Gebiet. Aber ich bin dir gegenüber im Vorteil. Ich habe meinen Traum leben dürfen. Mit allem drum und dran. Aufwachen inklusive." Mike nickte in Richtung Bierflasche. "Danke für das Angebot, aber nein danke. Jedenfalls nicht heute. Ein anderes Mal gern. Meine Nummer hat sich nicht geändert. Ruf an, wann immer du willst."

Eddie hatte immer noch das Gefühl, Mike wäre nur da, um ihn zu zeigen, daß er - Eddie - endgültig Geschichte war. Um es ihm heimzuzahlen. "Danke, kein Bedarf. Und was würde dein Lover sagen, wenn dein Ex sich bei euch meldet?"

"Solange sich 'Ex' nicht auf unsere Freundschaft bezieht, ist das völlig okay. Für ihn und für mich." Mike wandte sich zum Gehen. "Aber so wie es aussieht, ist es für dich nicht in Ordnung."

Es machte förmlich 'klick' in Eddies Hirn, als er Mikes Gesichtsausdruck sah. "Hey, Mike... warte. Es tut mir leid."

"Tut es nicht. Tat es dir nie. Wenn du ehrlich zu dir bist, weißt du es genau so gut wie ich."

 

Diese Begegnung mit Mike... Nichts Ruhmreiches. Danach hatte Eddie sich eingeredet, daß es Mike gewesen war, der sein Gewissen hatte beruhigen wollte. Ohne Erfolg. Dazu kannte er Mike zu gut. Wäre Mike nur ein bißchen mehr Arschloch gewesen, hätte er ihm eins auf die Fresse geben können. Oder noch besser: Mike hätte ihm... Aber wahrscheinlich hätte auch das nichts geändert. Auch wenn Mike begriffen hatte, daß Eddies Interesse an ihm in der Sekunde erloschen war, in der als Infoquelle bezüglich Chris Schwenk nicht mehr funktionierte, weigerte er sich beharrlich, Eddie einfach aufzugeben. Eddie wußte genau, wovon Mike damals gesprochen hatte, als er über seinen gelebten Traum philosophiert hat. Über ihn. Eddie war Mikes Traummann gewesen, war es vielleicht immer noch. Klaus hin oder her. Im Gegensatz zu ihm war er aufgewacht und hatte es geschafft, ein neues Leben nach Edgar Sänger zu beginnen.

Und genau das war sein eigenes Problem. Er hatte niemals losgelassen. Ein 'nach Chris Schwenk' existierte nicht. Im Gegenteil. Sein Traum hatte unkontrollierbare Dimensionen erreicht. Eddie schloß die Augen, versuchte, ruhig zu atmen, versuchte zu ignorieren, daß Chris da unten war. Egal, wie lange es dauern wird...

 

***
 

Ein leises Geräusch ließ Eddie hochfahren. Es war dunkel geworden. Durch die Tür fiel ein Lichtstrahl, in dem sich ein Schatten bewegte. Von ihm weg bewegte. "Mama?"

"Tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken." Der Schatten kam wieder auf ihn zu, trat aus dem Schein heraus und setzte sich auf die Bettkante. "Ich wollte nur nach dir sehen, bevor ich schlafen gehe."

Eddie wich nicht aus, als sie ihm die Haare aus dem Gesicht strich. Er sah auf die Nachttischuhr. 2.24 Uhr. Gott, er war nicht nur eingenickt, sondern regelrecht eingeschlafen. "Ist er weg?"

Iris schüttelte den Kopf. "Egal, was er ist, dieser Chris ist schon was Besonderes."

"Das klang heute nachmittag aber ganz anders." Es war schwer, nicht einfach aufzustehen und die Treppen hinunter zu laufen. In zwei Minuten könnte er bei Chris sein. Der Moment ging vorbei. "Da hatte ich Angst, du würdest ihn die Treppen hinunterwerfen."

Iris seufzte übertrieben. "Da war ich auch besonders wütend auf ihn."

"Und jetzt?"

"Weiß ich nicht mehr, was ich denken soll. Da geht es mir wohl so wie dir, mein Sohn." Iris strich Eddie noch einmal durchs Haar. "Ich war wütend auf Chris, aber nicht nur auf ihn. Ich war auch wütend auf mich. Gestern abend war er hier und wollte dich sehen. Das war nach... dem Schlafmittel." Sie lachte kurz auf und schüttelte den Kopf. "Was für ein Witz. Wir sind aus essen gegangen und ich habe ihm von dir erzählt. Jetzt weiß ich, warum er die ganze Zeit so seltsam war. Gestern habe ich mich gefragt, ob ich ihn eingeschüchtert habe. Schon vor sechs Jahren wußte er wohl nie, ob er sich mit mir einlassen oder einfach weglaufen sollte."

"Du hast ihn angemacht?"

Iris zuckte mit den Schultern. "Ja, ich sollte mich schämen. Keine Sorge, dein Chris war ganz der Gentleman. Wahrscheinlich wäre er gestern wirklich weggelaufen, wenn... Er hing geradezu an meinen Lippen, als ich von dir gesprochen habe. Es muß für ihn ein Tanz auf der Klinge gewesen sein. Falls es stimmt, was er mir erzählt hat."

Es konnte nur einen Grund geben, warum Iris jetzt bei ihm saß und mit ihm über die ganze Sache sprach. "Falls es stimmt?"

"Er könnte natürlich ein ausgekochtes Schlitzohr sein. Aber ich glaube ihm."

"Und was genau glaubst du ihm?"

"Er lebt mit seiner Ex zusammen. Zusammen in einer Wohnung. Wohl aus praktischen und Bequemlichkeitsgründen. Seit einigen Monaten ist er solo."

"Und was diese Gabi da abgezogen hat, ist nur Show gewesen?"

"Er hat sie dafür rausgeschmissen. Das hat er mir heute abend gesagt, als ich nachsehen wollte, ob er aus seiner Drohung, uns zu belagern, Ernst macht... Und was das andere betrifft: Entweder glaubst du dieser Gabi oder Chris. So einfach ist das."

So einfach ist das. Genau. Und da fangen meine Schwierigkeiten erst an...

Iris ließ ihm keine Zeit zum Grübeln. Noch nicht. "Ich gehe jetzt wirklich zu Bett. Früh genug ist es ja. Selbst für meine Verhältnisse." Typisch für Iris hatte sie schnell zu der gewohnten Mischung aus Leichtfertigkeit, Spielerei und ein kleines bißchen Ernst zurückgefunden, die ihren Charme ausmachte. Sie war schon an der Tür, als sie sich noch einmal umdrehte. "Ich hätte gern erlebt, was der liebe Herr Schwenk im Winter angestellt hätte... Aber vielleicht ergibt sich diese Gelegenheit ja noch mal..." Damit war sie aus der Tür, die sie leise hinter sich ins Schloß zog.

Zum ersten Mal machte sich Eddie darüber Gedanken, wie dieses Wochenende wohl abgelaufen wäre, wenn Iris nicht hier aufgekreuzt wäre. Vermittlerin oder eher Katalysator? Unwichtig. Das Bild von Iris, wie sie Chris herausforderte, war plötzlich ungebeten in seinem Kopf. Und ebenso ungewollt mußte er bei der Vorstellung lächeln. Armer Chris... Gott, bin ich froh, daß diese Frau meine Mutter ist... Das war er wirklich. Nicht nur aus dem Grund, daß er dadurch vor ihr in Sicherheit war.

Eddie lauschte, hörte Iris im Bad hantieren. Gästezimmer mit Bad. Iris war bei ihrer ersten Besichtigung des Hauses begeistert gewesen.

"Geradezu perfekt für meine Heimsuchungen."

Als Antwort hatte er mit den Augen gerollt und Iris hatte gelacht. Das Beste, was er hinbekommen hatte, war ein schiefes Lächeln gewesen. Auch diese Bemerkung von Iris hatte Erinnerungen wachgerufen.

Wer hat nur den dummen Spruch erfunden, Zeit heile alle Wunden?

Der stimmt ja auch. Für Wunden, die sauber geblutet haben...

Seine innere Stimme war wieder da. Pünktlich, um ihm nicht weiter zu helfen bei seinem Problem, das mittlerweile seit Stunden auf den Treppenstufen seines Hauses hockte.

Wie ein Filmtrailer liefen seine Momente mit Chris vor seinem geistigen Auge ab... Wieder stockte ihm der Atem, als er Chris zum ersten Mal sah... sturzbetrunken... wie er die erste Nacht in seinem Bett schlief, total fertig nach einem wohl grauenhaften Tag... Sein entsetzter Blick, als er zu begreifen versuchte, was nicht zu begreifen war... Chris Schwenk im Bett eines Mannes... zusammen mit einem Mann... Chris sexy, Chris arrogant, Chris wütend, Chris verloren... So, als wollte er diesen Film stoppen, schloß Eddie die Augen und rieb mit den Handflächen dagegen. Und das nächste, was er sah, nein, spürte, war Chris' Körper, der seine Nähe suchte, sich an ihn kuschelte, als wäre dies der natürlichste und beste Platz in der Welt.

Mike hatte recht. Es war etwas anderes, den Traum zu leben und aufzuwachen. Unfair, wie das Leben nun einmal war, gefror es nicht in dem perfekten Moment. Es ging unerbittlich weiter, egal, wie sehr er sich an diesen Moment klammerte. Ein Traumprinz hätte ihn vor dieser Erkenntnis schützen können, doch Chris Schwenk hatte Scheiße gebaut und saß nun da unten, auf weltliche Vergebung wartend.

Die konnte er haben. Aber diese Vergebung war nicht umsonst. Der Preis brachte ihn - Eddie - fast um den Verstand. Aber wenn er ihn nicht zahlte, könnte er sich gleich erschießen. Nach dieser Nacht mit Chris war eine Rückkehr zu seinem alten Leben - oder das, was er für sein Leben gehalten hatte - nicht mehr möglich.

Aber das konnte doch nicht alles gewesen sein. Oder doch? War er zu feige, dieses Risiko einzugehen? War er so ohne Hoffnung? Vielleicht wartete auch diese Antwort auf seinen Treppenstufen.

Eddie befreite sich aus den Laken. Schlafen würde er jetzt nicht mehr können. Alles lief auf den zweiten Sonnenaufgang in Folge hinaus...

 

***
 

Sein Timing war in der Tat exzellent. Als er es sich endlich über sich brachte, die Haustür zu öffnen, erreichten die ersten Sonnenstrahlen die Gestalt, die auf den Treppenstufen saß, die Arme als Schutz gegen die Morgenkühle um sich geschlungen. Iris' Worte über den Winter fielen ihm wieder ein.

Chris drehte sich nicht zu ihm um und Eddie war froh darüber. Das machte es einfacher, weiter zu gehen, sich neben Chris auf die Stufen zu hocken. Waffenstillstand, fiel ihm ein, als Chris weiter schwieg, und dann, Aber wir sind doch nicht im Krieg?

Der Sonnenaufgang gehörte zu den schönsten, die er je erlebt hatte. Gestern noch hatte er das Naturereignis als einen Schlag ins Gesicht empfunden, als Beweis für seine eigene Bedeutungslosigkeit. Jetzt saß er neben Chris, so dicht wie es möglich war, ohne daß sie sich berührten. Ich hoffe, er friert nicht so sehr... Und ein kleiner irrationaler Teil seines Hirns wünschte, daß er genug Wärme ausstrahlte, daß Chris nicht kalt war. Und pünktlich zum Finale meldete sich wieder seine innere Stimme.

Siehst du, wie gefährlich es war, heraus zu kommen? Kaum sitzt du neben ihm, verlierst du total die Kontrolle...

Eddie zog eine Grimasse. Halt die Schnauze. Du hattest deine Chance! Jetzt bin ich dran!

Er spürte Chris' Blick und zählte langsam bis drei. Wenn Chris dann immer noch schwieg...

... drei...

"Ich habe einmal in einem Buch gelesen, daß es nicht ratsam wäre, sich etwas zu sehr zu wünschen, denn manchmal, wenn die Götter besonders grausam sind, erfüllen sie einem diesen Wunsch."

Endlich war Eddie sich sicher, was er sagen sollte, wie er es sagen konnte. Aber er wußte auch, er mußte weiterreden, bevor Chris ihm zuvor kam. Das mußte jetzt raus.

"Genauso komme ich mir vor. Da habe ich jahrelang von dir geträumt. Und dann fällst du mir beim Christopher Street Day in die Arme. Die Nacht mit dir war die Erfüllung all meiner Wünsche, und wenn du mich gestern morgen gefragt hättest, dann hätte ich dir gesagt, dass ich dich nie wieder los lassen will."

"Aber ich..."

Eddie sah Chris an. "Nein, lass mich bitte ausreden. Jetzt habe ich die Kraft dazu, später vielleicht nicht mehr." Chris nickte und schwieg. Mutter hat Recht, ihm zu glauben. Es besteht kein Zweifel daran, daß er auch durch die Hölle gegangen war.

"Aber inzwischen ist etwas Zeit vergangen und ich habe nachgedacht. Du wirst vielleicht sagen, dass ich zuviel Zeit gehabt hatte. Vielleicht ist es auch so." Eddie konnte Chris nicht mehr ansehen, dies hier fiel ihm schwer genug, auch ohne, daß er in diese Augen sah. Es ging nicht mehr darum, wer wen verletzt hatte oder verletzen würde. Es ging jetzt nur noch darum, daß er aus diesem Loch herauskam, das sein Leben war. Er fuhr sich durch die Haare. Genug geschwafelt. Sag's ihm endlich. Gute Nachricht, schlechte Nachricht.

"Mutter hat mir diese Nacht erzählt, dass du bereits am Sonntag versucht hast, mit mir zu sprechen. Und dass du schon seit einigen Monaten nicht mehr mit dieser Tussi zusammen bist. Und sie hat mir auch gesagt, dass sie dir glaubt. Ich vertraue ihrem Urteil, sie hat eine gute Menschenkenntnis. Und irgendwann werde ich auch erfahren, wo du am Sonntag warst."

Eddie hörte Chris aufatmen und beeilte sich, weiter zu reden. "Nur... Gott, wie soll ich es erklären?" Er merkte, wie ihm fast die Stimme versagte. So als wollte er seine eigenen Worte nicht hören. "Okay, ich kann mit dir nicht zusammen sein. Es geht nicht."

Fast hätte er sich geduckt, in Erwartung, daß Chris ausrasten würde. Er hätte es an seiner Stelle bestimmt getan.

"Warum nicht?"

Ein Schlag wäre einfacher zu handeln gewesen als diese simple Frage. Schade. Jetzt mußte er versuchen, Chris klarzumachen, was er sich selbst jahrelang nicht eingestanden hatte. "Weil es dir gegenüber nicht fair wäre." Gott, was soll das? Wartest du immer noch auf den Meteor, der dich hier und jetzt erschlägt, damit du aus dieser Situation herauskommst?

Chris reagierte entsprechend. "Was wäre mir gegenüber nicht fair? Verdammt, ich war derjenige, der Sonntag morgen gegangen ist, ich habe dich Gabi ausgeliefert. Und jetzt kommst du an und sagst, dass es mir gegenüber nicht fair wäre. Ich verstehe das nicht."

Habe ich auch nicht erwartet. "Gut, ich versuche, es zu erklären." Schließlich habe ich zwei Tage Grübeln Vorsprung... Er stand auf und begann, hin und her zu laufen. Es half nichts. Er sah zu Chris herab, hoffte, daß er sich würde verständlich machen können. Und er setzte sich wieder hin.

"Weißt du, damals, als ich mit Mike zusammen war, war ich mit ihm zusammen, weil ich das als meine einzige Chance gesehen hatte, dir nahe zu sein. Mir war ja klar geworden, dass du mich zwar magst, aber Helen liebst und deswegen eine Beziehung nicht möglich war. Und als Mike das rausbekommen hatte, da hat er mit mir Schluss gemacht. Und du, du hast unsere Freundschaft einschlafen lassen, weil du einfach keine Zeit mehr hattest. Mann, hat das damals wehgetan. Ich hatte seitdem keine Beziehung mehr, sondern habe mich in meine Arbeit vergraben. Und ich habe oft davon geträumt, wie es denn wäre, mit dir zusammen zu sein. Denn ich habe dich seit damals geliebt und es einfach nicht geschafft, dich aus meinem Herzen zu verbannen. Und deswegen können wir nicht zusammen sein."

"Aber warum nicht? Was ist daran falsch?"

"Weil ich jahrelang von einer Beziehung und einem Freund namens Chris Schwenk geträumt habe. Dieser Chris Schwenk ist aber eine Traumgestalt geworden. Mir ist gestern klar geworden, dass egal, was du machst, du von mir an dieser Traumgestalt gemessen wirst, und das ist dir gegenüber nicht gerecht, denn der Vergleich würde immer zu deinem Ungunsten ausfallen. Und innerhalb kürzester Zeit wäre von dieser Beziehung nur noch ein Scherbenhaufen übrig. Das ist nun mal die Rache der Götter. In der Phantasie ist alles perfekt, nur die Realität sieht anders aus."

Endlich kam Bewegung in Chris. Eddie hatte begonnen, sich Sorgen zu machen. Chris stand auf und lehnte sich an das Mauerwerk. Bevor Eddie reagieren konnte, schlug er mit der Faust gegen die Wand. Eddie zuckte zusammen, aber Chris sagte kein Wort. Wie mußte das schmerzen! Jetzt, wo die Wahrheit heraus war, konnte Eddie wieder seinem Instinkt folgen. Er streckte die Hand aus, legte sie auf Chris' Schulter. Im nächsten Augenblick hielt er Chris im Arm und als Chris sich an ihn schmiegte, begriff er, wieviel Kraft ihn die letzte Nacht gekostet haben mußte. Oder besser: die letzten Tage.

Wieder folgte er seinen Eingebungen. Der Kuss war nicht fordernd, versprach nichts. Chris brauchte nur eine Sekunde und reagierte. Es war vielleicht der reinste und ehrlichste Kuss in Eddies Leben. Und weil es so bleiben sollte, brach er ihn ab. Viel zu früh.

Wenn du das glaubst, war es fast schon zu spät. Der Ton seiner inneren Stimme hatte sich merklich geändert. Sie war nicht länger herausfordernd und vorwurfsvoll. Eddie ließ Chris los, ließ sich auf den Treppenstufen nieder. Die überwältigende Erleichterung darüber, daß seine Wunde endlich sauber bluten konnte, machte ihn fast schwindlig.

Chris ließ sich neben ihm nieder. Er hatte verstanden. Mehr noch. Er konnte es akzeptieren. Mehr als Eddie zu hoffen gewagt hatte. Ex bedeutete nicht immer auch das Ende der Freundschaft. Er genoß diese Minuten ihres gemeinsamen Schweigens. Bis Chris' Magen auf sich aufmerksam machte. Eddie grinste, grinste noch breiter, als er merkte, daß er auch dies mit Chris teilte. "Ich kenne direkt um die Ecke eine kleine Pizzeria. Sie haben immer ein italienisches Frühstücksbuffet. So wie dein Magen sich anhört, könnte er ein Frühstück vertragen. Kommst du mit?"

"Solange die keine Ananas zum Frühstück haben, einverstanden. Ich lade dich ein."

Ananas zum Frühstück? War das nicht Himbeereis? Egal. "Hey, ich bin nicht mehr der arme kleine Mechaniker, der ständig pleite ist, weil er kein krummes Ding mehr drehen darf." Als Chris ihm die Hand hinhielt, zögerte Eddie keine Sekunde und schlug ein. Lächelnd zog Chris ihn hoch. Es tat gut, seine Kraft zu spüren.

"Nicht? Ich lade dich trotzdem ein. Und am Samstag bezahlst du dann!"

Typisch Chris. Kaum reicht man ihm eine Hand, will er den ganzen Mann! "Seit wann sind wir am Samstag verabredet und was ist dann?"

"Ich habe dienstfrei und ich werde unsere Freundschaft nicht noch mal einschlafen lassen. Ich werde mir schon etwas einfallen lassen, was wir Samstag unternehmen können."

"Glaube aber nicht, dass du mich zum Fußball schleppen kannst. Wie du Mike und mich damals dahin gezerrt hast, hat mir gereicht." Von dem Fußballspiel hatte er nicht viel mitbekommen. Vor allem hatte er sich gründlich mit seinem nicht existierenden Wissen blamiert und beinahe einen Streit mit einer Gruppe Halbstarker vom Zaun gebrochen. Mike hatte damals geschworen, nie mehr ein Stadion in Eddies Begleitung zu betreten.

Chris schien sich ebenfalls zu erinnern, denn er grinste breit. Wie zur Herausforderung trat er eine leere Dose in Eddies Richtung. "Dann mach du einen Vorschlag! Wir machen, was auch immer du willst."

Eddie traute seinen Ohren kaum, aber er schoß die Dose zurück, als Zeichen dafür, daß er die Herausforderung annahm. "Das wirst du bereuen." Er rempelte gegen Chris, machte so ein paar Meter gut. Sein Herz tat einen regelrechten Hüpfer, als Chris hinter ihm herlief.

"Sicher, ich freue mich darauf."

Dito, Chris, dito...

 
Ende

 
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