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Vision

© by Syrinx ()

 

Disclaimer: Alle Charaktere und verwandten Konzepte gehören J.K.Rowling.
Archiv: Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de) auf der Harry Potter-Seite

 

Harry stolperte. Er fühlte, wie er in dem glitschigen Morast den Halt verlor und ausrutschte. Verzweifelt versuchte er, sein Gleichgewicht wiederzuerlangen. In diesem Moment fiel seine Laterne zu Boden und erlosch. Es war nun vollkommen finster um ihn herum, als er der Länge nach in den Matsch fiel. Er tastete nach seiner völlig verschmierten Brille. Zum Glück war sie nicht zerbrochen! Er rappelte sich langsam wieder auf, rieb mit Hilfe seines Pullovers den Dreck von seiner Brille, setzte sie auf und versuchte, die Gegend um sich herum zu erkennen.

Es war eine feuchte, wolkige Nacht, der eben noch so strahlende Vollmond war hinter dicken Wolken verborgen und es wehte ein kalter Wind. Harry fröstelte. Er stand auf, versuchte, seinen Umhang vom Schlamm zu befreien, und tastete nach seinem Zauberstab. Gott sei Dank, er war noch da! Er zog ihn heraus, murmelte "Lumos" und hob ihn in die Höhe, um eine bessere Sicht zu haben.

Die Landschaft, die er erblickte, schien direkt einem Gruselroman entsprungen zu sein. Vor ihm breitete sich ein morastiger, schwarzer Tümpel aus, an dessen Ufer eine tote Weide ihre knorrigen Äste in das Wasser hängen ließ. Hinter dem Tümpel, auf einer leichten Anhöhe, stand ein altes, verfallenes Haus. Seine schwarzen, leeren Fenster schienen Harry bedrohlich anzustarren. Er meinte plötzlich, eine hohe, unangenehme Stimme aus dem Haus zu hören.

Harry wich instinktiv einige Schritte zurück. Er hielt den Atem an, um diese Stimme besser zu verstehen, doch sie war bereits verstummt. Harry war ratlos. Was sollte er tun? Schließlich entschloss er sich, doch zu dem Haus zu gehen, da sonst außer Hügeln und dem Tümpel nichts zu erkennen war und er vielleicht in diesem Haus mehr über den Grund seiner Anwesenheit erfahren würde. Harry begann also, sich am Ufer entlangzutasten, mit der anderen Hand hielt er seinen Zauberstab fest umklammert über seinem Kopf.

 

Je näher er diesem seltsamen Haus kam, desto unruhiger wurde er. Er verspürte auch wieder das inzwischen fast schon wohlbekannte, aber dennoch unangenehme Kribbeln und Zwicken seiner Narbe. Er musste daran denken, wie er in seinem zweiten Schuljahr den Basilisken besiegt hatte und wie er in der dritten Klasse mit seinem Patronus die Dementoren hatte vertreiben können.

Doch dieser Gedanke beruhigte ihn nicht. Er gab ihm auch nicht das erwartete Gefühl der Stärke. Im Gegenteil. Er merkte plötzlich, dass diese Ungeheuer vielleicht zu den schlimmsten Kreaturen der Zaubererwelt gehörten, er aber noch nicht sehr lange in dieser Welt lebte und es somit auch noch grauenvollere Wesen als Dementoren geben konnte.

Eine lähmende Übelkeit begann sich von seinem Magen aus in seinem ganzen Körper auszubreiten. Was machte er hier eigentlich? Er wollte doch dieses Haus gar nicht betreten!

Als er sich dessen bewusst wurde, fand er sich jedoch bereits auf der Schwelle des Hauses wieder. Er stand einen Moment einfach nur da, unfähig, sich zu bewegen, und versuchte verzweifelt, die Übelkeit hinunterzuschlucken. Harry zwang sich, an Sirius zu denken, und er wurde langsam wieder ruhiger. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und drückte leise die Klinke der Türe hinunter. Er nahm noch einen tiefen, verzweifelten Atemzug, ehe er die Tür öffnete.

Sie knarrte leise in den Angeln, dass Geräusch klang schaurig in der vollkommen Stille. Er betrat den Raum- und hob seinen Zauberstab vorsichtig, um etwas zu erkennen.

Es war ein kleiner, kahler Raum, leer bis auf einen Tisch mit drei Stühlen, einem Kamin, in dem kalte Asche lag und einem langen Regal an der rechten Wand. Nachdem Harry sich vergewissert hatte, dass niemand in diesem Raum war, ging er zu dem Regal und betrachtete es genauer. Es standen viele Fotos und Gegenstände auf diesem Regal.

Im ersten Moment dachte Harry, es wären Muggelfotos. Er hatte sich jedoch geirrt, es waren eindeutig Zaubererfotos, auch wenn sie sich nicht bewegten. Auf diesen Bildern waren die verschiedensten Wesen der Zaubererwelt zu sehen. Der Grossteil waren Zauberer und Hexen, es gab aber auch Abbildungen von Kobolden, Elfen, Wassermenschen und sogar von einer Todesfee. So unterschiedlich diese Wesen auch waren, eines hatten sie alle gemeinsam: es lag ein seltsamer Ausdruck auf ihren Gesichtern, ein erstauntes Grauen, als hätten sie etwas Schreckliches gesehen, von dem sie schon einmal gehört hatten, es aber nicht glauben konnten, dass es tatsächlich existierte.

Eine weitere Gemeinsamkeit der Bilder war, dass auf jedem Bild im Hintergrund einige grosse, vermummte Gestalten zu sehen waren, wenn auch nur verschwommen. Auch schwebte über jedem Wesen ein seltsames helles Gebilde von einer nicht zu erkennenden Form. Harry betrachtete diese Bilder eine Zeit lang und rätselte, was die Gestalten im Hintergrund und das Gebilde sein könnten.

Ein plötzliches Scharren über ihm holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Er sah sich um, doch in dem Raum hatte sich nichts verändert. Jetzt hörte er die Stimme wieder, kalt murmelte sie direkt über ihm, im ersten Stock. Harry konnte nicht verstehen, was sie sagte. Er schaute sich in dem Raum um. Gegenüber der Eingangstür lag die Treppe, die in den oberen Stock führte. Er schlich auf sie zu und begann, mit zitternden Knien hinaufzusteigen. Jetzt meldete sich auch die Übelkeit wieder. Er hatte gerade den oberen Treppenabsatz erreicht, als das Murmeln plötzlich abbrach.

Harry blieb in der plötzlichen Stille wie elektrisiert stehen und hielt den Atem an. Seine Eingeweide wanden sich. War er entdeckt? Was geschah dort oben? Doch plötzlich wurde die Stille von der selben hohen, kalten Stimme zerrissen: "Avada Kedavra"! Wie ein Blitz erhellte plötzlich ein grellgrünes Licht das ganze Haus.

Harry schloss die Augen, doch das Licht fraß sich durch seine Lider und stach ihm direkt in seinen Kopf. Gleichzeitig hörte ein unerträgliches Sirren. Harry hatte das Gefühl, sein Kopf müsste zerplatzen, seine Narbe hatte ebenfalls begonnen zu brennen. Er sank wimmernd auf der obersten Stufe zusammen und spürte nur noch grellen Schmerz in seinem Kopf. Doch dann war alles genauso plötzlich vorbei, wie es begonnen hatte.

 

Harry kauerte zitternd auf der Schwelle der Treppe. So also waren seine Eltern gestorben! Jetzt hatte er es zum erstenmal selbst erlebt, wie jemand durch den unverzeihlichsten aller unverzeihlichen Flüche umgebracht wurde. Er hatte das Sirren des rasenden Todes gehört.

Seine Gedanken fuhren Achterbahn. Er hörte die Stimmen seiner Eltern wieder, wie sie Voldemort anflehten, ihn zu verschonen, er hörte dieses eigentümliche Sirren und er spürte das Brennen des grünen Lichts. Langsam richtete er sich wieder auf. Harry versuchte, sein aufgewühltes Inneres zu beruhigen, er durfte jetzt nicht den Kopf verlieren und in Trauer ausbrechen.

Er rappelte sich wieder hoch und taumelte einige Schritte vorwärts, hinein in das obere Zimmer des Hauses. Er versuchte, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Sein Zauberstab war erloschen und immer noch geblendet von dem grünen Licht konnte Harry nur einige tanzende Lichtflecken in der Düsternis erkennen. Er tastete sich vorsichtig weiter, murmelte "Lumos" und sein Zauberstab, den er noch in der Hand hielt, erstrahlte wieder und warf einen weichen Lichtschimmer auf seine Umgebung.

Das Zimmer unterschied sich bis auf die Tatsache, dass es vollkommen leer war, nicht von dem Raum im Erdgeschoss. Harry ging immer weiter in hinein, bis er plötzlich stolperte. Da lag etwas auf dem Boden! Sein Herz pochte wie verrückt, als er sich umdrehte und bückte, um festzustellen, über was er gestolpert war. In dem Leuchten seines Zauberstabs erkannte er zunächst ein paar Füsse, die zu einem Menschen in einem Zaubererumhang gehörten. Harry bewegte seinen Zauberstab weiter in Richtung des Kopfes des Mannes, um zu sehen, wer es war. Ein langer, silbriger Bart wurde sichtbar, dann ein Gesicht mit vertrauten Zügen, schliesslich ein spitzer Zaubererhut...

Harry glaubte, die Welt müsste aufhören, sich zu drehen. Das Blut in seinem Kopf begann wie wild gegen seine Schläfen zu pochen. Das konnte doch nicht..... Das war doch nicht etwa.... Harry betrachtete das Gesicht des Mannes noch einmal genau. Doch, kein Zweifel, das war tatsächlich Dumbledore! Harry konnte es einfach nicht fassen. Dumbledore war Harry immer unbesiegbar vorgekommen. Dumbledore, der für alles eine Lösung wusste. Dumbledore, der so unendlich klug und weise war. Dumbledore, der immer ein offenes Ohr für Harry gehabt hatte und ihm immer geglaubt und vertraut hatte. Dumbledore, der Harry gütig und wohlwollend durch seine blitzenden Halbmondgläser hindurch musterte. Es konnte nicht sein, dass dieser Mensch tot war!

Harry schluchzte. Er wurde sich bewusst, wie alleine er nun war. Jetzt gab es auch keinen Dumbledore mehr, der ihm zur Seite stehen konnte.

Plötzlich wurde Harry unsanft aus seinen Gedanken gerissen. Jemand legte eine Hand auf seine Schulter! Harry erstarrte. Fast zeitgleich flammte ein greller Schmerz in seiner Narbe auf.

"Du trauerst ihm wohl nach, dem alten Schlammblutverteidiger," sprach die kalte Stimme, die Harry schon vorher gehört hatte. Langsam drehte er sich um.

Die Hand ließ seine Schulter los, so dass er Voldemort nun direkt gegenüber stand. Harry kniff die Augen zusammen, der Schmerz in seiner Stirn blendete ihn. Soweit er es erkennen konnte, sah Voldemort noch genauso aus, wie er auf dem Friedhof erstanden war. Harry holte tief Luft und sprach zitternd: "Du warst das, stimmt's? Du hast ihn getötet!"

Voldemorts schmale Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. "Stimmt. Und nicht nur ihn. Du kennst doch sicher diesen Zauberspruch, um bereits ausgeführte Zauber eines Zauberstabs sichtbar zu machen?" Er murmelte etwas.

Plötzlich kamen die Harry schon bekannten grauen Gestalten aus der Spitze des Zauberstabs von Voldemort hervor, nur dass sie diesmal nicht lebendig waren, sondern nur still und stumm in der Luft hängenblieben. Als erstes kam das Abbild von Dumbledore hinaus, danach folgten einige Zauberer und Hexen, die Harry nicht kannte.

Doch plötzlich entdeckte er ein bekanntes Gesicht: das war ja Ron! Entsetzt beobachtete Harry, wie die ganze Familie Weasley aus Voldemorts Zauberstab herauskam und in der Luft hängen blieb. Voldemort begann leise und kalt zu lachen.

"Siehst du, so kann es einem ergehen, wenn man sich dem wahren Weg verschließt. Sei du nicht so dumm, Harry, wie alle diese eingebildeten Sturköpfe. Sie haben gedacht, sie wären über mich erhaben. Doch sie haben ihr wahres Schicksal nicht erkannt. Ich habe dir bei unserem ersten Zusammentreffen vor vier Jahren schon gesagt, dass es kein Gut oder Böse gibt. Es gibt nur die Macht. Schließe dich mir an, Harry, und wähle ein Leben, das dir alles ermöglichen und geben kann, was du dir nur wünschst. Du hast bereits die Fotos meiner Anhänger bewundert. Deines könnte schon bald daneben stehen. Oder verschließe dich vor mir, und du wählst Qualen, Schmerzen und schließlich den Tod. Du stehst nun vor der Entscheidung deines Lebens. Aber wähle klug, überlege dir sehr genau, was du wählst, überlege es dir sehr genau!"

Voldemorts Stimme wurde immer eindringlicher, immer lauter, während seine Gestalt immer mehr vor Harrys Augen verschwamm. Voldemort schrie auf Harry ein, seine Stimme gellte ihm in den Ohren....

 

Harry erwachte mit einem Schlag und setzte sich in seinem Bett auf. Die Sonne strahlte in sein Zimmer im Ligusterweg 5 und ließ die Chromstäbe von Hedwigs leerem Käfig blendend hell aufblinken. Harry blinzelte verschlafen und verwirrt in die Helligkeit.

Sein Herz klopfte noch immer wie verrückt und ihm stand kalter Schweiß auf der Stirn. Einerseits war er sehr erleichtert, dass diese ganze Geschichte nur ein Traum gewesen war, andererseits hatte er auch ein sehr unangenehmes Gefühl, dass dieses Szenario schneller Realität werden könnte, als ihm lieb war. Voldemort war ja wieder erstanden, und er drehte sicherlich keine Däumchen, sondern war emsig bei der Arbeit, Anhänger um sich zu scharen, um das Reich der Zauberer und Hexen in eine zweite Dunkelheit zu stürzen. Die Entscheidung, vor die Voldemort Harry in seinem Traum gestellt hatte, würde bald die gesamte magische Welt zu treffen haben, und Harry wagte sich nicht vorzustellen, wie diese bei vielen der Hexen und Zauberer ausfallen würde.

Auf einmal wurde Harry grob aus seinen Grübeleien gerissen. Dudley riss die Tür von Harrys Zimmer auf und trampelte geräuschvoll herein.

"Dad hat gesagt, du sollst aufstehen. Jetzt. Sofort. In einer halben Stunde kommen deine abnormalen Freunde und holen dich ab, wir wollen schließlich eine erholsame Ferienzeit auf Mallorca verbringen. Mann, bin ich froh, dass ich dich nun für ein Jahr nicht mehr sehen muss."

"Und ich erst", dachte Harry still bei sich. In diesem Moment kam auch Onkel Vernon nach oben und keifte Harry an, ob er schon gepackt hätte, die Grangers würden in einer halben Stunde kommen und er wolle Harry auf jeden Fall pünktlich loswerden.

Bei der Aussicht, in einer halben Stunde die Dursleys für ein Jahr los zu sein, konnte Harry nichts mehr die Laune vermiesen. Er beschloss, den Traum für heute einfach zu vergessen und sich auf vier Wochen tolle Ferien mit seinen beiden besten Freunden zu freuen.

 
Ende

 
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