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Die Schatten waren im ganzen Haus verstreut, langgezogen und verschlungen - Peg Hunnicutt, mit all der Gewissenhaftigkeit eines Kindes, das fest an das in den Ritzen lauernde Böse glaubt, vermied es, auf sie zu treten. Es war wie eine Wanderung im Wald, dunkel und geheimnisvoll, und zwischen den dichten Bäumen stahl sich orangerotes Licht bis auf den Boden hinunter. Wie das Dornendickicht, das Dornröschen am Erwachen hinderte. Es war Winter, später Januar, und die Bäume zitterten bei Temperaturen, die in Kalifornien als 'Kälte' galten. Regen hing an den nackten Ästen vor dem Wohnzimmerfenster, doch in der untergehenden Sonne sahen die Tropfen aus wie Blut. Einen Moment lang blieb Peg in der Raumesmitte stehen, den Kopf zur Seite geneigt als suchte sie in sich nach dem Ort, dem dieses groteske Bild entsprungen war. Sie kannte ihn, jenen Ort. Manchmal, wenn sie B.J. küßte, war es als ob sie seine Schreie schluckte - und wenn sie es irgendwie schaffte, ihm diese Schreie zu nehmen, kamen auch schon neue von dort her.
('Wo immer sie auch herkommen - die Körper - wo immer sie auch herkommen', sagte B.J und klang als spräche er für jemand anderen, 'es wird nie aufhören. Sie werden immer da sein, werden immer von irgendwo herkommen....' Und sie sagte, unzählige Male, hilflos, "Schatz, der Krieg ist vorbei.")
Dann drückte sie die beiden Dinge in ihren Händen an ihr klopfendes Herz, kreuzte die Arme vor der Brust. Zum einen handelte es sich um ein buntes Kinderbuch; der Titel "Schneewittchen" war in altmodischen Lettern auf den Umschlag gedruckt. Und zum anderen... Vorsichtig trat Peg um den Schatten des Sofas herum und nahm auf dem kleinen, dekorativen Stuhl am Kaffeetisch Platz; hier legte sie das Buch ab und strich den anderen Gegenstand darauf glatt. Ein Foto, schwarzweiß, körnig vom Staub und der Sonne Koreas. Das Gesicht auf der linken Seite war ihr so vertraut wie die Schicksalslinien auf ihren Handflächen; sie hatte jene Gesichtszüge berührt, als sie entstanden und sich veränderten. Und um sie herum, an den Wänden, waren andere Bilder, die den Lauf der Zeit dokumentierten - sie starrte sie an wie allwissende Spiegel.
("Spieglein, Spieglein", - warum nur fühle ich mich wie die böse Königin? - "die Wahrheit sprich, sag' mir wen B.J. liebt..." Sie steht in den Schatten, ihr hellbraunes Haar verborgen unter einer schweren Krone. "Spieglein, Spieglein, die Wahrheit sprich, sag' mir wen B.J. liebt..." Und der Spiegel sagt, "Ah - nicht dich.")
Peg zwang sich, die Bilder in ihren Rahmen anzusehen, sich auf die alte Zuneigung zu besinnen. Die Jahre, die sie mit B.J. verlebt hatte, waren aufgereiht wie Dominosteine. Beanspruchte also jemand anderes zwei dieser Jahre für sich...nicht weiter schlimm. Waren ja nur zwei Jahre. Praktisch nichts im Vergleich mit den Jahren, die sie als die ihren verbuchen konnte. Gefangen in einem braunen Holzquadrat waren ein unschuldig lächelnder Junge und ein Mädchen mit schiefgeflochtenen Zöpfen - beiden war es sichtlich unangenehm, mit dem anderen, lästigen Geschlecht im selben Bild zu sein. Die nächste Aufnahme zeigte eine errötende Frau in jungfräulichem Weiß und einen ernst dreinschauenden jungen Mann in einem hoffnungslos aus der Mode gekommenen weißen Jackett. Als nächstes strahlte eine Mutter in die Kamera, in ihren Armen ein Baby, rosig mit neuem Leben; der Vater lächelte, purer Stolz in seinen Augen, die jedem sagten, 'Meine Mädchen'. Und ihr Blick kehrte auf das billige Polaroidbild in ihrer Hand zurück. B.J. mit dem lächerlichen Schnurrbart und einer schmerzhaften Fröhlichkeit in den Augen. 'Zumindest', dachte sie schwermütig, 'weiß ich, daß er in Korea nicht sein echtes Lächeln hatte.' Das war irgendwo verloren gegangen - selbst zuhause, selbst jetzt noch, war sein jedes Lächeln breit und gezwungen. Aber der andere Mann, dieser andere Mann, der lächelnd einen Arm um ihren Ehemann gelegt hatte? Dieser Mann, der mit unbewußter Eleganz an B.J.s Seite lehnte, und sich dabei sichtlich wohlfühlte? Der Mann, dessen Erinnerung ihren Ehemann immer noch lächeln und lachen ließ, und er - wenn gefragt - ausweichend meinte, daß ihm nur etwas eingefallen sei, das Hawkeye mal gesagt hatte. Peg starrte das Bild an und erinnerte sich, mit welcher Heimlichkeit und Sorgfalt sie es aus seinem Versteck in B.J.s Arbeitszimmer entwendet hatte. Sie konnte nichts aus der Aufnahme herauslesen, es war nur ein Moment, aus dem zeitlichen Zusammenhang gerissen und eingefroren, völlig losgelöst von jeglichem Kontext von Bedeutung. Irgendwo schlug eine Uhr. Im Zimmer am Ende des Flurs bewegte sich Erin in ihrem Bett, rollte sich zur Wand herum und schlief ruhig weiter. Peg ließ den Atem entweichen, den sie unbewußt angehalten hatte, und legte eine Hand auf das Telefon als wäre es ein scheues Tier, das sie erschrecken könnte. Sie drehte das Foto um, zog die Worte in der unbekannten Handschrift mit dem Finger nach. Einfach nur, "Hawkeye und B.J., 4077th, Korea 1953". Und darunter war in B.J.s fahriger, enger Schrift "Benjamin Franklin Pierce" gekritzelt. Als müßte der Name festgehalten werden, weil man ihn sonst vergessen könnte. Warum? Ein saures Gefühl glitt in ihrer Kehle hinunter, als sie den Hörer abnahm. Am anderen Ende der Leitung ertönte eine Stimme, die Vermittlung - ob sie Peg wohl helfen könne? Kaum daß sie ihre Nervosität in eine kleine, enge Flasche irgendwo hinter ihrem Herzen verbannt hatte, sagte Peg, "Hallo? Ich hätte gerne eine bestimmte Nummer." "Ja, Ma'am. Welche Stadt?" Die Stimme eines jungen Mädchens. Peg konnte sich die Sommersprossen vorstellen, das blaue Kleid aus zweiter Hand und vielleicht auch die Verabredung, die sie am Freitagabend haben würde. Nur eine Stimme am anderen Ende. Langsam zog die junge Mutter zwischen den kindlich-hoffnungsvollen Seiten von "Schneewittchen" einen weiteren Gegenstand hervor. Einen Briefumschlag - gefunden in derselben Schublade wie das Foto. Die Wolken am Januarhimmel draußen verschoben sich, die Sonne fiel auf den Tisch, und sie hielt den Absender ins Licht. Den eigentlichen Brief hatte sie nicht finden können. "Crabapple Cove, Maine", sagte Peg mit Nachdruck. "In Ordnung", ein Klicken, eine Pause, "und den Namen, bitte?" "Pierce - Benjamin Franklin." Es war das erste Mal, daß sie den Namen laut aussprach. Er lag schwer auf ihrer Zunge, eine Zauberformel, die sie -
(Warum fühle ich mich wie die böse Fee? "Spieglein, Spieglein...")
- einfach nicht meistern konnte. Die Zeit blieb stehen, in der Leitung hallten nur Pegs Atemzüge und die des Mädchens, das an der Verbindung arbeitete. Geistesabwesend nahm Peg einen Stift zur Hand und blätterte ans Ende des Märchenbuches. "Tut mir leid, Ma'am", die Vermittlerin räusperte sich, "den einzigen Pierce, den ich in Crabapple Cove habe, ist ein Daniel." - "Schon gut." Peg tappte mit dem Stift auf Pappe. "Geben Sie mir die Nummer." Mehrere Zweien und eine Sieben, wie üblich mit einem Querstrich durch den senkrechten Balken. Sie schrieb sie in die obere Ecke auf die Innenseite des hinteren Einbands, neben die blasse, friedlich wirkende Zeichnung eines Feengesichts. "Für einen Aufschlag kann ich Sie verbinden", bot die Vermittlerin an, "nur wenn Sie möchten, Ma'am." "Nein", erwiderte Peg und schüttelte ihre honigblonden Locken, "nein, danke vielmals." Fast hätte sie den Hörer zurück auf die Gabel geknallt. Sie hob eine Hand und massierte ihre Schläfen, beruhigte sich mit der Erinnerung an die Stimme ihres Mannes, wie sie über eben dieses Telefon klang - "Ich arbeite heute länger, Liebling." Auch nicht länger als an allen anderen Tage, nicht mehr Überstunden als auch sonst.
(Länger arbeiten, Ereignisse von längerer Dauer. Dinge ändern sich über kurz oder lang.)
"Du kannst es tun", wies sich Peg an. Ihre leicht gebogenen, halbmondförmigen Fingernägel strichen über die anderen Markierungen, die sie unter der gerade aufgeschriebenen Telefonnummer gemacht hatte. Einst hatte sie die Tage, die ihr Mann fort war, auf dem Kalender abgehakt; sie hatte ihn an der Rückseite der Küchentür aufgehängt, um sich daran zu erinnern, für ihn zu beten.
("Jetzt wo ich mich schlafenlege, Herr, beschütze meine Wege, halt Wache über meinem Kinde und laß den Krieg ein Ende finden. Bring' Frieden zu uns hier auf Erden...oh Gott, laß meinen Mann nicht sterben.")
Vielleicht war der Auslöser das erste Mal gewesen, als B.J. im Schlaf leise und zärtlich mit jemand anderem sprach, oder als er zum fünfzigsten Mal von etwas Urkomischem berichtete, das Hawkeye in Korea getan hatte.
(Er spricht nie von Korea, über den Krieg, was mit ihm passiert ist. Er spricht immer nur von Hawkeye - nicht mal von 'Hawkeye und dem Krieg', sondern wie Hawkeye den Krieg mit etwas Verrücktem vertrieb, damit sie nicht alle verrückt wurden.)
Wann es auch geschehen war und was immer der Grund, Peg fing wieder an, die Tage zu zählen - nicht auf etwas zu zählend, sondern von etwas fort. Die Anzahl der Tage, seit ihr Mann nach Hause gekommen war. Sie sahen so verrückt aus, diese kleinen Kreuze im Buch ihrer Tochter, Kreuze zusammen mit Gute-Nacht-Geschichten, wie die Kratzer an der Wand einer Gefängniszelle. Wieder nahm sie den Hörer auf, fühlte ihren eigenen Pulsschlag in ihrer Hand.
("Dial the number", drängte die brüchige, kratzige Frauenstimme auf der alten Grammophonplatte. "Even his smile makes her turn away // You have one, maybe two days // He's looking for that feeling // What will I do?")
Das Drehen der Wählscheibe ließ Peg schwindelig werden.
(Die Stimme sang mit einem sanften Kentucky-Akzent, "Even his smile makes her turn away // Dial the number.")
Ein Klingeln am anderen Ende, und noch eines und noch eines, das Warten dauerte an. Und noch ein Klingeln. "Komm' schon, verdammt", zischte Peg und erschrak beim Klang ihrer eigenen Stimme. Noch ein Klingeln und dann, fast so als wäre es das letzte Geräusch am Ende der Welt, ein Klicken. Die Männerstimme war jung. Und klang viel zu müde, um so jung zu sein. "Hallo?" "Hallo." Peg stützte sich auf den Kaffeetisch. "Könnte ich bitte mit Benjamin Pierce sprechen?" "Am Apparat", sagte die Stimme. "Und mit wem habe ich die Ehre?" "Ich bin...", und sie wollte auflegen, oh, und *wie* sie es wollte! "Ich bin Peg. Peg Hunnicutt." Für eine Weile war da Schweigen, gleichzeitig kurz wie auch lang. "Oh." "Sie -" Plötzlich brauchte sie die Gewißheit. "Sie sind Ben Pierce? Hawkeye?" "Berühmt in Lied und Legende." Die Antwort war ein Reflex, ein Scherz. Hawkeyes Stimme war weit entfernt, klang nachdenklich. "Wissen Sie, Sie klingen ganz anders als ich es mir vorgestellt hatte." Sie stotterte, "Tue ich das?" "B.J.'s Bilder", erklärte er. "Ich fand immer, Sie sähen aus als hätten Sie vielleicht eine etwas tiefere Stimme, wohlmöglich einen Alt." Seine eigene Stimme war schleppend, aber angenehm - doch war da eine Beifärbung, ein seltsamer Nebenton. "Es -", das hier war so lächerlich, "es tut mir leid...?!" "Nein, nein", versicherte er ihr, "keine Entschuldigung, bitte. Sie haben eine wunderschöne Stimme. Wie ein Engel, genau wie B.J. immer gesagt hat." "B.J. hat das gesagt?" Seltsam, seltsam. "Peg..." Er überlegte es sich anders, fing erneut an, unnatürlich langsam, "Ms. Hunnicutt...was ist Ihr...? Ah, weshalb rufen Sie an?" "Weil - weil ich mit Ihnen reden muß", die Worte purzelten aus ihr heraus, ihre Zunge blieb an ihnen hängen, "und weil ich von Ihnen wissen muß...was B.J. zugestoßen ist." In der Antwort lagen nur Freundlichkeit und Güte. "Korea ist B.J. zugestoßen, Ms. Hunnicutt." "Nennen Sie mich Peg", forderte sie urplötzlich, fast boshaft. "Und Sie verstehen nicht! Er ist nicht mehr B.J...er ist diese andere *Person*, die nur manchmal B.J. ist." "Peg..." "Und nachts schreit er", redete Peg hastig weiter, "es würde Ihnen das Herz brechen, wenn Sie hören könnten, wie -" "Ich habe es gehört", sanft, unaufdringlich, "und es - es ist gebrochen." "Warum hört das alles nicht endlich auf?" klagte sie und fühlte sich wie ein Kind, das sich über die unabänderlichen Gesetze des Universums beschwert. "Es ist doch schon Monate her." "Ich glaube nicht", sagte Hawkeye mit hörbar tiefem Bedauern, "daß es jemals aufhören wird." "Aber", seufzte sie, "aber es muß vorbei sein! Korea ist da *drüben*", sie unterdrückte die Versuchung, zur Betonung ihren Arm zu bewegen, den Krieg mit einer entschlossenen Geste abzuwehren. "Oh, das ist seltsam", lachte Hawkeye. "Ich meine, es ist schon seltsam genug, mit Ihnen zu reden, aber es ist auch seltsam zu hören, wie jemand Korea *da drüben* nennt. Ah, was ich sagen will, ist daß es, ah, für mich nicht *da drüben* ist. Korea ist hier, in mir - manchmal glaube ich, noch immer dort zu sein." "Ich...ich...", meinte sie hilflos, "ich verstehe nicht..." "Sicherlich tun Sie das..." Seine Stimme klang nun schwächer, als ob er sich entfernte. "Ich *habe* mit den verdammten Psychiatern geredet!" Plötzlich war Peg Aurora, Schneewittchen, Dornröschen-egal-bei-welchem-Namen, und gebrauchte zum ersten Mal wieder ihre Stimme. "Ich habe mit B.J. geredet. Er spricht nicht über den Krieg, er spricht von Ihnen." Ein tiefer Atemzug rasselte durch die Leitung. "Peg, Peggy - mein Herz", redegewandt versuchte er, aus einem Lied zu zitieren, aber es lag mehr in seinen Worten, "warum rufst du ausgerechnet jetzt an?" "Jetzt?" wiederholte sie, nur teilweise irritiert von der persönlichen Anrede. "Nun ja, also, Erin schläft -" "Ach, Erin!" Hawkeye klang erfreut. "Wie geht es ihr? Nennt sie jetzt B.J. 'Daddy'?" "Sie nennt ihn 'Papa'..." Sie runzelte die Stirn. "Gut, gut." Eine Pause. "Es hat B.J. wirklich getroffen, als er hörte, daß sie Radar 'Daddy' nannte. Vielleicht hättest du ihm das nicht schreiben sollen." Peg starrte das Telefon an; es kam ihr lebendig vor und abartig fremd. Schließlich meinte Hawkeye, "Tut mir leid, ich habe dich unterbrochen. Das war unhöflich von mir - ich fürchte, meine Manieren sind zusammen mit Teilen meines Gepäcks verloren gegangen, ganz zu schweigen von meinem Verstand. Red' weiter, bitte." "Nun", sie atmete tief durch, "Erin schläft, B.J. ist arbeiten. Ich brauche... Ich brauche Hilfe. Niemand, mit dem ich geredet habe, hat mir etwas *Reales* gesagt. B.J. ist so weit weg, manchmal ist er hier bei mir und trotzdem so unwirklich... Ich weiß nicht, was ich *tun* soll." "Ihn lieben." Es hörte sich so einfach an, wie er es sagte. "Er liebt dich sehr, Peg." Sie wartete einen Moment und ließ die Tränen ungehindert fließen, damit sie sich nicht in ihre Stimme einschlichen. "Aber w-w-warum?" "Warum was?" "Warum spricht er im Schlaf mit dir?" Jetzt war ihr als hätte sie sich selbst aufgeschnitten - der Strom floß nun ungehindert aus ihr heraus. "Warum versteckt er deine Briefe, trinkt Gin und schaut dein Foto an? Warum...? Eines Nachts, als wir im Bett waren, da hat er..." "Du brauchst mir das nicht zu erzählen, Peg", sagte er und klang ganz wie ein großer Bruder, "und ich bin mir nicht sicher, daß ich es wissen möchte." "Nein, nein, nein", beharrte Peg auf ihrer Erzählung, "ich habe so getan als hätte ich's nicht gehört. Wir waren...zusammen...er begann - ah, lauter zu werden...und sagte... Es, es klang wie..." Gesprochen mit der Stimme eines kleinen Jungen, "Bitte...bitte erzähl' mir das nicht." "Es klang wie *dein* Name!" Stille, nur sein flaches Atmen und ihr leises Schluchzen. Schließlich sagte er, "Peg...B.J. war dir treu in Korea." Da war ein Klirren, und dann noch eines, wie als wenn etwas fallengelassen wurde, oder Hände von etwas abglitten, ihren Halt verloren. "Es ist mir egal, ob es so oder so war, es kümmert mich nicht mehr", schniefte sie, hielt das Märchenbuch wie ein Kind. "Ich will, daß du mir hilfst. Ihm hilfst. Bitte." "Du hast dir einen komischen Zeitpunkt für deinen Anruf ausgesucht, Peg", leise, leiser, "denn ich..." Er atmete tief und angestrengt ein. "Nun, ich bin ziemlich zittrig. Und wirklich müde." "Zittrig?" Auf einmal war ihr kalt, so kalt, daß sie nichts mehr fühlte, und sie fühlte so wenig, daß ihr kalt war. "Mein Dad ist unterwegs und macht Hausbesuche, weißt du", in Hawkeyes Worten schwang ein Lächeln mit, "und fast hätte ich den Hörer gar nicht erst abgenommen. Aber dann dachte ich mir, was wenn es einer der Nachbarn ist und ich *nicht* rangehe? Dann würde wohlmöglich jemand vorbeikommen..." "Ben - " Es fühlte sich nicht richtig an auf ihrer Zunge. "Hawkeye -" Ja, das war er, der Name, der ihrem Mann gelegentlich mit einem Atemzug entkam. "Kann ich dir eine Frage stellen?" "Ich denke schon", antwortete sie verhalten. "Was meinst du, was passiert, wenn wir sterben?" Er schien ihr Zögern zu spüren und setzte in einem sachlichen Tonfall hinzu, wie ein Reporter, "Ich mache eine Umfrage - ganz inoffiziell." "Was...?" entwich es ihr, dann antwortete sie automatisch, "Ich bin eine gute Baptistin." Warum hatte sie nur das Gefühl, daß er sie vom ursprünglichen Thema fortlockte und daran vorbeiführte? "Man kommt in den Himmel, schätze ich. Oder man wird wiedergeboren - ist es nicht das, woran sie in Korea glauben?" "Ich bin zu müde, um wiedergeboren zu werden", scherzte Hawkeye. "Warum fragst du dann -?" "Peg?" Er war nunmehr ein leises Stimmchen am anderen Rand des Kontinents. "Peg, ich bin echt müde und mir ist schwindelig. Können wir jetzt Schluß machen?" "Warum-" Sie schluckte ihre Furcht herunter. "Was ist los mit dir?" "Oh", meinte er beiläufig, "nichts Ungewöhnliches, nur das, was halt so bei extremem Blutverlust passiert." Die Worte würgten sie. "Blutverlust?" Er verfiel in den gleichen Arztmodus, den auch B.J. besaß, "Ja, weißt du, wenn die Schnitte zu tief sind und Gerinnung nicht möglich ist..." "Rede mit mir!" Sie ließ es wie einen Befehl klingen. "Es war schon verrückt in Korea", gestand ihr Hawkeye, "und jetzt ist es das Hier, das verrückt ist. Nur...nur daß es das nicht sein sollte. Aber er ist hier, der Irrsinn. In den Hartriegelbüschen und dem alten Schulhaus, und in einem Moment bin ich noch hier und im nächsten bin ich schon...da drüben, wie du sagtest. Und B.J. ist nicht da, nur der Irrsinn. Er ist in mir drin, Korea ist in mir, also mußte ich es rauslassen..." Stille Faszination gemischt mit kindlichem Staunen - irgendwie war er tatsächlich wie ein kleiner Junge. "Nur kommt es zusammen mit meinem Blut raus." "Oh Gott." Sie starrte das Foto an, die zwei lachenden Gesichter in jenem Anderswo-Land und wie das orangerote Sonnenlicht über sie strich. Aus der Ferne kam ein Geräusch, ein Schlüssel, der sich im Schloß drehte, aber ihr war zu elend zumute und sie war zu sehr in sich selbst gefangen, um es wirklich zu bemerken. "Also...auch wenn ich wirklich gerne noch weiter mit dir reden würde, Peg", fuhr er fort, "bin ich einfach zu müde..." "Nein!" fand sie endlich ihre Stimme wieder. "Oh nein, bitte, nein!" "Komisch, daß du ausgerechnet jetzt angerufen hast", sagte er zum wiederholten Male. "Aber ich bin froh, daß ich mit dir reden konnte. Du klingst so nett - du wirst nett zu B.J. sein, nicht wahr? Ab und zu seine Hand halten? Und wenn er Alpträume hat -" Da war eine Silhouette im Türrahmen, ein langer Schatten fiel auf Peg. (Weh dir unvorsichtigem Mädchen, bist auf eine Ritze getreten!) Sie sah auf und erblickte das Gesicht eines Fremden, ähnlich dem Gesicht, das sie kannte, und blaue Augen erfüllt von einer Person, die sie liebte, und anderen Dingen, die sie nicht verstand. B.J. fragte, "Wer ist am Telefon, Peg?" "Ich hatte vor einigen Nächten diesen furchtbaren Traum...daß ich in einem Sarg läge. Ich glaube nicht, daß ich begraben werden möchte", erzählte Hawkeye ganz gemächlich, "doch ist mir das erst vor ein paar Minuten eingefallen, und als ich eine Nachricht für Dad schreiben wollte, war das ganze Papier voller Blut... Könntest du ihnen sagen, daß sie mich nicht in die Erde legen sollen? Und mir auch keinen Anzug oder so anziehen sollen - das wäre albern." "Du *kannst* nicht sterben!" hörte Peg sich selbst kreischen. "Du kannst nicht sterben, du mußt mir helfen!" Nun war B.J. bei ihr, seine Hände auf ihren Schultern. "Peg! Was ist los? Mit wem redest du?" Peg stammelte, "B.J., ich -" "Ssssh... Zeit zum Schlafengehen. Keine Alpträume mehr." Es klang als würde Hawkeye lächeln, als vertraue er ihr ein unanständiges Geheimnis an. "Weißt du...könntest du bitte B.J. sagen -" "Er ist hier", rief sie, unterbrach ihn mit einer verzweifelten verbalen Rettungsleine, und es schien ihr als zöge er sie mit sich in die stillen Wasser des Jenseits. "Warum sagst du es ihm nicht selbst?" "Nein...kann nicht...zu müde, Peg. Hör' zu..." Hawkeye ließ nicht locker, und Peg war eine Gefangene in B.J.s Armen. "Sag' B.J., daß wenn es da etwas gibt...nach dem Tod und so weiter, also...sag' ihm bitte...ich werde auf ihn warten...okay?" "Hawkeye -", flehte sie und sah, wie die Augen ihres Mannes sich weiteten, verdunkelten. "Peg..." B.J. machte einen Schritt zurück. Seine Frage kam langsam, angsterfüllt. "W-was ist hier los?" Hawkeyes Stimme, die einen letzten, kleinen Kampf kämpfte. "Sag' ihm, ich werde warten." Ihr Mann hatte eine Hand am Telefon; sie weigerte sich loszulassen. "Das mache ich." "Danke. Ich..." Ein Scheppern, etwas fiel. Und mit rauer Stimme sagte B.J., *befahl* ihr, wie irgendeine fremde Person, "Peg! Laß mich mit Hawkeye reden!" Sie wandte sich um, schob ihn von sich fort und sah nun den B.J., der Hawkeye gehörte - hier unmittelbar vor sich, in den Augen ihres eigenen Ehemannes. Die Verbindung war abgebrochen, der Ton wie ein Herz, das aufgehört hatte zu schlagen; Peg weinte, beobachtete ihren Mann durch den Spiegel ihrer Tränen.
(Es war einmal...)
Und der Hörer, wie so viele andere Dinge, glitt ihr aus den Fingern und war fort.
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