Zurück
 

Iris

© by Jimaine ()

 

Disclaimer: Die Rechte für die Charaktere gehören Patrick O'Brian, der die Bücher geschrieben hat, und ich möchte sie ihm gar nicht streitig machen. Ich möchte klarstellen, daß ich rein gar nichts hiermit verdiene.
Dank an Birgitt, die immer genau weiß, wo das Skalpell anzusetzen ist! Obrigado!
Anmerkungen:
(1) Weil ein Regierungsbeamter in England seine Klappe nicht halten kann und Namen nennt, die nicht in gewissen Zusammenhängen genannt werden sollten, wird Dr. Stephen Maturin bei einer Mission im - zu dem Zeitpunkt wieder spanischen und mit Frankreich alliierten - Menorca kompromittiert. Er landet in den Händen einiger französischer, uh, 'Befragungsexperten', nennt man das, glaube ich.
Der letzte Absatz ist, bis auf den eigenmächtigen Einschub in Gedankenstrichen, original von Patrick O'Brian in der deutschen Übersetzung übernommen.
(2) Iris (griech.) = Regenbogen
Archiv: Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de)

 

Niemals hätte er gedacht, daß Schmerzen Farben haben könnten.

Zuerst Dunkelrot, fast noch Schwarz, wie Tinte oder ein berauschender Wein... geschundene Muskeln protestierten, als sie ihn zum wiederholten Male auf die Streckbank hinunter zwangen und die Riemen festzurrten. Als ob er sich noch wehren könnte...

Zartes Rosa, ein Sonnenaufgang über dem Meer, durchzogen von milchigen, ausgefransten Wolken wie von Pinselstrichen eines sich tagtäglich ändernden Gemäldes. Seine Wahrnehmung, abgestumpft und überlastet, öffnete sich für neue Schmerzeindrücke, ob er es wollte oder nicht. Seinen Körper hatten sie gebrochen, wenn auch noch nicht seinen Willen.

Feuriges Orange, als sie sich mit besonderer Sorgfalt seinen Händen widmeten, seine Finger einzeln brachen, seine Nägel herausrissen. Seltsamerweise galt seine Sorge weniger der Frage, in wieweit dieses Trauma ihn beruflich einschränken würde - für den Fall, daß er das hier überlebte - als der immer noch zu perfektionierenden Tartini-Sonate. Wenn das keine Ironie war, dann wußte er nicht was! Nun würde er wohl nicht mehr dazu kommen. Ein Versäumnis von ach so vielen.

Glühendes, fast flüssiges Gelb, das aus den Wolken in den Ozean zu tropfen schien (goldenes Blut), als die Sonne höher stieg, ihn mit ihren Strahlen wärmte. Strahl (Schlag) für Strahl (Schlag) wurde ihm wärmer. Die umbarmherzigen Hiebe, mit denen sie ihn traktierten, während der französische Offizier am Tisch seine Fragen stellte, wieder und wieder und wieder, verloren ihre Wirkung. In Gedanken war er schon längst nicht mehr anwesend, glitt über die endlose, blaue Weite dahin, frei wie ein Vogel. Die Segel waren seine Flügel und er flog der Sonne entgegen, begleitet von Lauten, die nie ein menschliches Wesen ausstoßen sollte.

Doch auch die Sonne bot ihm keinen Schutz, im Gegenteil, sie versengte ihn, nahm ihm die Sicht mit ihrem grellen Licht und ließ ihn fallen.

 

Fallen...

 

Freier Fall...in blendendes Weiß, so hell, daß ihm die Tränen übers Gesicht strömten. Sein Blick verschwamm, genau wie die harschen Worte, die an sein Ohr drangen. Französisch vermengt mit Catalá und schlechtem Englisch, ein Silbengemenge, das er unmöglich in seine sinnvollen Bestandteile zerlegen konnte. Nach und nach verweigerte ihm nun auch sein Verstand den Dienst.

Schließlich tröstliches Violett-Purpur wie ein Sonnenuntergang in den Hügeln, die den Landsitz seiner Großmutter umgaben, und die Luft war nach der Tageshitze schwer vom Duft wilder Kräuter. Ein friedlicher Ort, der Zuflucht bot. Hier war er glücklich gewesen. Doch man holte ihn fort, riß ihn zurück in den Alptraum aus ineinanderfließenden Farben, in dem Zeit keine Bedeutung hatte und Vergangenheit und eine Zukunft, die nie sein würde, sich in einem wütenden Schrei vereinigten. Nicht dem seinen, er hatte schon lange keine Kraft mehr dazu. Er kam jedoch aus der Nähe.

 

"NEIN!"

 

Wunderbar einschläfernder grauer Nebel, als er in die willkommene Bewußtlosigkeit hinüberglitt...bloß erreichte er das erquickende Avalon nie, seine verzauberte, rettende Insel. Den Farben konnte er nicht entfliehen. Verdammt...

In das Gemälde der Qual drangen Stimmen, die er bisher nur gehört hatte, wenn man ihm eine Pause gönnte. Zurück in der schmutzigen Arrestzelle verschaffte ihm das von Maragall gelegentlich hereingeschmuggelte Laudanum etwas Erleichterung, gestattete ihm stumme Zwiesprache mit sich selbst und den vielen Gesichtern, die er seiner schwindenden Hoffnung gab.

Ob Jack es nicht geschafft hatte, rechtzeitig am vereinbarten Treffpunkt in der Cala Blau zu sein? Bei seinem Haß für Unpünktlichkeit konnte er zumindest das ausschließen. Aber vielleicht war die 'Lively' vor Toulon unerwartet aufgehalten worden...dann wäre Jack nicht am Strand gewesen, und somit hätte Maragall die Nachricht nicht überbringen können und -

 

"Stephen! Mein Gott, Stephen, mach' doch die Augen auf!"

 

Ah, was ein letzter Hoffnungsschimmer dem verzweifelten Geist doch vorgaukeln konnte! Der Todesengel lockte ihn mit Jack Aubreys Stimme, der Halo um das Gesicht ähnelte trügerisch den blonden Locken, die sich unter seinen Fingern anfühlten wie kühle Seide...nein, nein, es war nicht die Wirklichkeit, bloß eine Erinnerung.

Aus der rauhen Stimme sprach die Sorge, aus den Augen die Liebe.

"Stephen!"

Doch blaue Augen und blondes Haar verblaßten, glitten mit ihm zurück in die Schatten.

 

Die Farben starben...hieß das, daß es nun zu Ende ging? Seine Arme und Beine spürte er jedenfalls nicht mehr, den Rest konnte er nur noch erahnen. Welle für Welle schwemmten ihn die Schmerzen auf das Nachtschwarz zu, und er war zu erschöpft, noch länger gegen die Strömung anzukämpfen. Schwimmen gehörte ohnehin nicht zu seinen Talenten. Also ließ er sich treiben, sinken...

 

Bis ihn die Hand auf seiner Schulter festhielt.

 

Jack?

Und Maragall...und Bonden...

 

Sie waren schon vorher dagewesen, aber nie alle gleichzeitig und nie in diesen toten Farben. Er lächelte Jack an, obwohl dessen armes Gesicht erschreckend bleich, besorgt und erregt aussah. Aber als Jacks Hände sich an den Riemen zu schaffen machten, erstarrte das Lächeln zu einer angsterfüllten Grimasse. Unter dem Ansturm der wütenden Schmerzen verschmolzen seine beiden Zeitebenen - Vergangenheit und die Illusionen der Zukunft - zu einer qualvollen Realität.

 
Ende

 
Du bist der 1601. Leser dieser Geschichte.