|
Ashes, Ashes: Eine Geschichte© by Meredith Bronwen Mallory ()übersetzt von Jimaine(sbrzezinski@arcor.de)
Hier ist eine Geschichte, die der Wahrheit entspricht, oder auch nicht, die man sich einst erzählte, oder auch nicht. Als ein müder Arzt-Soldat heimkehrte zu einem Leben, das er vergessen hatte, und zu einer Tochter, die sich nicht an ihn erinnerte, hat er vielleicht an ihrem Bettchen gesessen und ihr diese Geschichte erzählt. Es besteht die Möglichkeit, daß Kathy und Becky, wie sie die Habseligkeiten ihres Vaters durchsahen, drei Tage nachdem der gute Dr. McIntyre einem Schlaganfall erlegen war, in dem Schwarzweißfoto eines Unbekannten das Rascheln dieser Geschichte gehört haben. Es kann sein, daß Erin - nunmehr älter, weiser, unfähig, sich ans Nichterinnern zu erinnern - sich an diese Geschichte erinnerte und, verwirrt durch die Worte ihrer Mutter, in den dicken Bänden der Märchenbücher nach ihr suchte - Kinderdinge, die sie einst weggeschlossen hatte. Sie fand sie nicht. Diese Geschichte besteht nicht aus mit Lettern gedruckten Worten, ist in kein Buch gebunden. Wenn sie existiert, dann in einem wackeligen Haus in Maine, das etwas zu nahe am Ozean steht. In einem einfachen Grabstein, jetzt überwuchert von wildem Wein und Löwenzahn.
Nun, hier also ist die Geschichte; in den Träumen ihrer frühen Morgenstunden wacht Erin auf und greift nach ihr. Ihr Vater hat nur drei Dinge jemals wirklich geliebt; sie, ihre Mutter, und... Laßt uns sagen, daß es einen Jungen gab, einen Jungen mit dunklem Haar und grünen Augen; er plagte sich hinter einem Pflug auf der Farm der Familie Pierce. Aber sein Körper war zu schmal und sein Geist zu wach für diese Art von Arbeit. Seine Mutter mußte ihn immer wieder aus dem warmen Stall herauslocken, fort von den Pferden und Schweinen, deren uhrwerkgleiche Körper ihn faszinierten. Sie verzog das Gesicht angesichts der Stücke des Frosches, den er auseinandergenommen hatte in seinem Eifer, Herz und Knochen zu finden und mit den ihm bekannten Tieren zu vergleichen. Sein Vater, streng und hart wie Eisen, folgte mit gebieterischem Finger den Zeilen der Bibelverse, doch dieser Junge - genannt Daniel - wendete seinen Blick ab. In der Kirche hielt er den Kopf gesenkt und studierte die blau hervortretenden Linien in seinen blassen Handgelenken. In seiner Familie gab es drei kräftige, stramme Jungen, völlig anders als er es war, und ein Mädchen einfachen und flatterhaften Gemüts; er ging ohne Zögern fort und gelangte nach einer holperigen Fahrt hinten auf dem Obstkarren eines Nachbarbauern schließlich in die Stadt. Schriftsetzer, Kaufmann, Schmied - er versuchte so manches, doch seine geschickten Finger waren besser für feinere Arbeiten geeignet; eine Zeit lang verdingte er sich als Tellerwäscher in einem Gasthaus, wo er in seiner freien Zeit auf einer geliehenen Violine spiele. Ein Arzt, ein Mann mit Büchern und Wissen, mit einem leeren Haus und keinen eigenen Kindern, sah wie die schlanken Finger die Saiten streichelten. Daniel Pierce wurde sein Lehrling. Vor Daniel breiteten sich Bücher aus, endlos wie der Horizont - wie ein Kartenzeichner erforschte er die Ströme des Blutes, die Hauptstädte der Organe und die sieben Weltmeere der Haut. Bilder, alles gut und schön, und voller Eifer verschlang er die Worte seines Lehrmeisters, doch alles, woran er denken konnte, wenn er die dicken Bücher in des Doktors Bibliothek ansah, waren sein Vater und die schwere Bibel. Einmal kam er zum Weihnachtsfest nach Hause, da lag seine einfache Schwester im Sterben - ihm wurde bewußt, daß er sie gar nicht wirklich kannte, und die Tatsache, daß sie eine Fremde für ihn war, machte ihm Angst. Sie würde sterben, und dann würde er keine Schwester mehr haben; er fragte sich, ob es ihm auffallen würde, und sein Brustkorb schmerzte bei dem Gedanken. Diese seine Schwester hatte einen guten christlichen Namen, sie hatte sich in der strengen Obhut der Schulmeisterin in einer anderen Stadt befunden - eine, die aus dem felsigen Boden Neu-Englands einfach aufgetaucht zu sein schien; sie hatte wenige Freunde, und diese Freunde nannten sie Posy. In ihrem schmalen Bett auf dem Speicher liegend, erzählte Posy mit leiser Stimme von all den Dingen, die sie gesehen hatte - sie und Daniel schoben ihre Worte und Erfahrungen über die zerlöcherte Bettdecke hin und her. Im Geiste war sie wunderschön, sie glitzerte, die Schönheit nur verdeckt durch ihr Gesicht - Daniel blieb an ihrer Seite bis zum Februar, als ihr Blut in kleinen Tropfen auf ihr schneeweißes Taschentuch fiel. Lies' mir vor, bettelte Posy - und sie hatte nur ein einziges Buch mit ihrem Namen darin. Daniel legte sich den Lederband von "Der letzte der Mohikaner" aufgeklappt auf den Schoß, und obwohl die Worte zuerst herumsprangen wie die verdammenden Reden des Jeremias, las er das ganze Buch laut vor. Als Hawk-eye schließlich am Grab kniete, allein, sah Daniel seine Schwester dahinschwinden, doch ihre Blicke trafen sich, voller Schmerz und Begeisterung für die Geschichte, die sie liebgewonnen hatten. Posy wurde eine Woche später begraben. Was der Arzt ihn nicht lehren konnte, lernte Daniel in Boston - Jazz zischte und köchelte überall um den Platz im Zentrum herum. Daniel hört nicht hin, sondern sitzt in der Schreibstube eines Sekretärs über Abrechnungen, um sich das Brot auf seinem Teller zu verdienen.
((An dieser Stelle erinnert sich Erin vielleicht - aber auch nur vielleicht - daran, wie sie sich vorlehnte, mit kleinen, runden Händchen Papas Knie umklammerte. Denn sicherlich steht etwas Gutes bevor - es ist Herbst in Neu-England, und die Farben lassen ein Geheimnis vermuten, das niemand lösen kann. Erin kennt das Meer, aber das war der Pazifik - fernöstlich, weich und nach Wärme riechend; eines Tages überquert sie eine Brücke in Rhode Island, und der Atlantikgeruch trifft sie in voller Stärke, macht sie atemlos. Vielleicht erinnert sie sich daran, aber vielleicht aber auch nicht.))
Draußen auf dem Land, dort wo einst Krieg und Elend herrschten, färben sich die Blätter blutrot. In Boston klingeln die Glocken noch immer leise und erzählen von Revolution. Daniel kommt sonntags in die Schreibstube, denn er braucht Geld, um sich Licht und Brennmaterial für die Nächte leisten zu können, die er mit Lernen verbringt. Der schlaksige und vielleicht etwas zu dünne junge Mann setzt sich an sein Pult, schlenkert etwas gedankenverloren mit den Beinen und hört ein deutliches 'Oof!'. Eine Maus von einer jungen Frau hat sich unter dem Tisch versteckt, ihre blauen Röcke unter und um sich gelegt - aber das erste, was Daniel sieht, sind ihre endlos braunen Augen und ihr geheimnisvolles Gesicht umrahmt von glatt herabströmenden schwarzen Haaren. Sie sieht aus, als sei sie geradewegs aus Posys Buch gestiegen, welches sicher in der Tasche verstaut ist, die er überall mit hinnimmt. "Guten Tag, Sir", sagt das Mädchen, als wären sie sich gerade auf der Straße begegnet. "Ah", antwortet Daniel gewandt. "Auch Ihnen einen guten Tag, Miß. Darf ich fragen -" Das Mädchen legt einen Finger auf die Lippen und zischt ihren Schweigebefehl wie eine verzauberte Schlange. "Mein Vater sucht nach mir." Als ihn ein alter Mann in hirschledernen Hosen ausfragt, sagt Daniel, daß er an diesem Morgen noch niemanden gesehen hat - später schleichen er und das Mädchen hinaus auf den Platz und er kauft ihr Gebäck, das er sich nicht leisten kann. Sie sagt, ihr Name sei Maddoc, nach dem Indianerprinzen - daß ihr Vater einen Sohn wollte, aber nur sie hat. Sie besteht darauf, für Daniels Laib Brot zu bezahlen, und meint, damit seien sie quitt. Sie fragt, ob er nach dem Daniel aus Daniel in der Löwengrube benannt ist - Daniel zuckt nur mit den Schultern und gibt vor, sich nicht mehr an die Geschichten erinnern zu können, die sein Vater in seiner Donnerstimme vorlas. Maddoc behauptet, daß er wissen müsse, was sein Name bedeute, denn er sei ein Teil von ihm. Alles hat einen Namen, ein Wort nur für sich, und Worte sind Macht. Damit entfernt sie sich, und bei seinem nächtlichen Studium sieht Daniel nun oft ihre Rehaugen und stellt sich vor, wie sie sich katzengleich durch den Wald bewegt. Sie treffen sich wieder, als ihr Vater seine Töpferwaren zum Verkauf in die Stadt bringt. Wie sie Hände halten, mit Fingern voller Liebe zum Detail, sagt Daniel plötzlich, daß sie beide gleich sind; ihr Ton ist die Haut der Erde, die Haut seiner Patienten ist sein Ton. Dann läuft er rot an, senkt verschämt den Kopf und weiß nicht, von wo aus seinem Inneren etwas derartig Abergläubisches kommen konnte. Als der erste Schnee fällt, machen sie gemeinsame Spaziergänge, sie sitzen beieinander am Feuer, als der Winter vollends Einzug hält, und reden von Indianern, Vögeln und den Gestalten, die in einer anderen Art von Dunkelheit zwischen den Bäumen leben. Als der Tag kommt und Daniel vor ihr niederkniet, ist Maddoc vollkommen überrascht - sie sagt, er sei ihr bester Freund, und muß lachen bei dem Gedanken, ihn zu heiraten. Daniel sagt er liebe sie - Maddoc wird ernst und gibt zu, daß sie ihn ebenfalls liebt. Kurssturz an der Börse. Wirtschaftskrise. Kranke Menschen gibt es immer, aber jetzt bezahlen sie Daniel mit kleineren Mengen ihres Ernteertrags und manchmal mit Lederwaren. Daniel und Maddoc heiraten im Gerichtsgebäude, ihr Vater ist der Trauzeuge - einen Priester gibt es nicht, sie heiraten nicht im Angesicht Gottes, und Maddocs Trauring ist der gebogene Griff eines Silberlöffels. In der Pension, in der sie leben, erledigt sie die Wäsche für die Nachbarn, und im Morgengrauen, wenn die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont kriechen, fällt Daniel erschöpft neben ihr ins Bett. Die Stadt ist zu überfüllt, sie können es nicht schaffen; der Fahrer eines Holzlasters nimmt sie mit und sie sitzen Arm in Arm auf der Ladefläche und suchen nach einer Kleinstadt, die einen Arzt braucht. Sie finden Crabapple Cove.
((Der Name der Stadt wird vom Erzähler dieser Geschichte mit geliehener Wärme ausgesprochen - so als ob er sich durch einen Blick, dem er in der Ferne begegnet, an die Augen von jemand anderem erinnere. Kathy und Becky finden in der alten Armeetasche ihres Vaters einen Brief - im Absender steht besagte Stadt und der Brief sagt nicht mehr, als daß Hawkeye durch seine eigene Hand gestorben sei. Erin erinnert sich, wie ihr Vater zur Beerdigung geflogen ist. Obwohl ganz Crabapple Cove kam, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen, und ebenso Freunde von einem Ort, der jetzt nur noch in der Erinnerung existiert, blieb John McIntyre dem Ereignis fern. Er sprach seine Abschiedsworte in eine Flasche Gin, die zu gut schmeckte - Becky, wenn auch noch sehr jung, erinnert sich sogar an den flammenden Streit, den ihre Eltern in jener Nacht austrugen.))
Da steht ein wackeliges Haus auf dem Hügel - das ehemalige Sommerdomizil von jemandem, dessen Wohlstand zusammen mit den Börsenkursen ins Nichts stürzte, wie ein im Flug abgeschossener Vogel. Es ist seine Arbeit mit den Mechanismen des menschlichen Körpers, die Daniel und Maddoc das Essen auf ihrem Tisch einbringt, also ist sie es, die durch ihre harte Arbeit als Haushaltshilfe der Frau des Polizeichefs das Geld für das Haus verdient. Die Leute der Stadt reden über sie, verbreiten Gerüchte. Manchmal bleibt sie auf der Straße stehen, ihr Rücken mit natürlicher Grazie gebogen, den Kopf zur Seite gelegt als lausche sie den Worten, die zischelnd hinter ihrem Rücken hin und her fliegen. Hexe, sagen sie, oft ohne das Wort tatsächlich auszusprechen - aber sie verfallen in ängstliches Schweigen, wenn sie so stehenbleibt. Wieder kommt der Herbst, und die kleine Stadt erstrahlt in überirdischer Pracht mit Rot- und Goldtönen, die Boston bei weitem übertreffen. Maddoc höhlt Kürbisse aus, hebt die Kerne zum Pflanzen auf, kleine, tränenförmige Gebilde zwischen ihren langen Fingern. Leise vor sich hinlachend, schneidet sie in die orange Haut hinein wie in eine Tonschale und stellt die ausgehöhlte Frucht mit einer Kerze darin auf die Veranda. Am Abend vor Allerheiligen tuscheln und kichern die Kinder vor freudiger Angst, machen eine Mutprobe daraus, ganz bis zur Tür der Pierces zu gehen, aber sie spielen der Frau keine Streiche, die in leisen und etwas ehrfürchtigen Tönen nur 'die Frau von Dr. Pierce' genannt wird. Die Dinge werden besser, weil sie schlechter nicht werden können - die Erde blüht und der Ton tanzt unter Maddocs anmutig-ungeschickter Hand. Daniel wird manchmal bis in die übernächste Stadt gerufen, setzt seine geschickten Hände gegen Krankheiten ein - er ruft sich seine Kindheit ins Gedächtnis zurück und den Geruch von frischem Heu, wenn er gelegentlich auch den Geschöpfen mit vier statt mit zwei Beinen hilft. Viele Menschen kommen ins Haus, schauen mißtrauisch die Spiegel an, die Maddoc benutzt, um ihre wahren Gesichter zu sehen. Die Menschen vertrauen Dr. Pierce. Babys landen in Daniels wartenden Händen, der Husten in den Lungen kleiner Kinder wird gestillt. Sein Schritt ist leicht und seine Augen sind klar, nur dann immer von Schatten überzogen, wenn ein Patient von ihm geht, verloren hinter der hohen Mauer des Todes. Maddoc hält ihn fest, drückt seinen Kopf an ihre Brust und raunt Geschichten, denen gegenüber Daniels eigener Vater die Ohren verschlossen hätte; von den Städten der Toten, dem Niemandsland und den Pfaden, die hinunter zu Orten führen, die geschaffen wurden von menschlichen Träumen. In ihrem schmalen, schmiedeeisernen Bett liegen sie zwischen den weißen Laken beisammen, und Maddocs beschleunigter Atem und leiser Aufschrei lassen es erscheinen, als hätte sie eine andere Seele in ihren Körper gezogen. In der Ferne, aber allzu nah, dröhnt der Krieg wie ein schreckliches Monster am Horizont, der Klang marschierender Füße und Marschlieder, der Geruch von Rauch und brennendem Fleisch kriecht über fremde Länder. Maddoc schließt vor ihm ihre Fenster und Vorhänge, weiß nicht, wann er kommen wird - nur daß er kommen wird. Sie arbeitet mit gebeugtem Rücken im Garten, Schweiß rinnt zwischen ihren Haaren, und schon seit der Zeit vor Weihnachten wächst ihr Bauch wie der zunehmende Mond. Vom Fenster aus beobachtet Daniel sie, seinen Kopf über dem Rechnungsbuch, und denkt an den allzu mageren Jungen, der einst hinter dem Pflug hertrottete.
((Hier kommt ein Teil, der mit einer etwas anderen Stimme erzählt wird, denn den Fakten folgen die Mythen - wenn man jemanden liebt - so unmittelbar wie auf dem Rücken gefaltete Flügel. Erin beobachtet die Augen ihres Vaters, seinen Gesichtsausdruck im rosa Schein ihrer Zimmerlampe. Ein auf den Kopf gestelltes Schneewittchen, auf Links gezogen; keine Flucht in den Wald möglich, aber das herausgeschnittene Herz wird auf einem glitzernden sterilen Silbertablett serviert. Vielleicht sind die Instrumente gar keine Gabeln oder Löffel oder Messer, sondern Retraktoren und Skalpelle, die gereicht werden, wenn nach ihnen verlangt wird. Aber das kommt später, das kommt am Ende, oder zumindest kurz davor. Kathy und Becky stehen beisammen, halten sich bei den Händen, als man ihren Vater dem Boden übergibt - sie schneiden seinen Nachruf aus und kleben ihn in ein Album zusammen mit dem letzten Bild, das von ihm aufgenommen wurde. Am unteren Ende des Ausschnitts wird erwähnt, daß John F. X. McIntyre in Korea gedient habe. Veteran, heißt es. Opfer, flüstert eine Stimme, die keinem der Mädchen bekannt ist. Dies ist der Teil, wo die Geschichte weniger zu einer Geschichte wird, sondern zu einem Rätsel, das weder Katherine noch Rebecca noch Erin Marie je lösen können. Nun denn, sagt die Stimme von Erins Vater, mit einem versteckten Lachen, das die Traurigkeit fernhält.))
Am Fenster sitzend, im Schoß ihre Näherei, redet Maddoc mit dem wachsenden Leben in ihrem Leib, spricht zu ihm in der halbvergessenen Sprache ihrer Träume. Draußen sieht sie einen Vogel in der hohen, launischen Eiche landen - seine Flügel sind weitgespreizt und sein Gesicht intelligent, er ruft der Indianerfrau etwas zu und zwinkert mit seinen Goldaugen. Einmal, zweimal. Ein drittes Mal. Vielleicht erschrickt Maddoc und sticht sich in den Finger - aber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht; der Vogel und die Mutter neigen beide ihren Kopf in gegenseitiger Anerkennung. Die Schmerzen kommen später, und einmal mehr liegt Maddoc in dem schmalen Ehebett, während Daniel und ein anderer Arzt mit und zwischen ihren Schreien arbeiten. Das Baby schwimmt auf seinem Strom von Blut in die wartenden Hände seines Vaters und fort von der Schnur, die sich fast um seinen Hals gelegt hatte. Sie nennen das Kind Benjamin Franklin Pierce. Sie _rufen_ ihn Hawkeye. Seine Augen sind blau, und Maddoc sagt, das bedeute Glück.
((Hier wird die Geschichte über schlechtem Gin erzählt, im Flüsterton, wenn es einfach zu viele Kinder wurden, die durch die OP-Tür hereinströmten und ihre Gesichter zu verschwimmen begannen. Zwei Männer, ihre Rücken gebeugt, kauern sich zwecks Wärme und etwas Sicherheit in ihrem schmutzigen Zelt zusammen, genauso gut könnte es ein Schützenloch sein. Mal sind es rotblonde Locken und schwarzes Haar, mal angrauendes Ebenholz und sich lichtendes Hellbraun. Die Witze sind farblos und die Sehnsucht so tief, daß kein chirurgischer Eingriff sie beheben könnte. In der Tiefe der Feldkiste, auf der 'B. F. Pierce, Captain' steht, ist ein Photo versteckt - Maddocs Hand hoch erhoben im salzigen Wind, sie hält sich an ihrem Jungen fest, so als ob sie eines Tages fortgeweht werden könnte. Sie wird.))
Die Spiegel im Haus scheinen zu erblinden, wenngleich - in ihren überschatteten Oberflächen - Daniel und Hawkeye sich bei Nacht rasch umdrehen, in dem Glauben, im Augenwinkel den Schimmer eines blauen Kleides oder ein verschmitztes Lächeln zu sehen. Seht ihr? Könnt ihr sehen? Ein Mann und sein Sohn, unsicher, verloren, aber sie halten durch. Schließlich gibt es am Eßtisch wieder Lachen und sie verbringen ganze Tage mit Angeln am Bach. Maddoc streift durch das Haus wie ein Traum, atmend und dennoch so tot - Hawkeye geht seinen Schulweg und schleppt Bücher über Herz, Lungen und Geist mit sich. Er liest wie ein Verhungernder, und sein Vater zeigt ihm in der Praxis, was die Worte bedeuten. Da ist das Heranwachsen, was Hawkeye mit all der Hartnäckigkeit von Unkraut tut, widerstandsfähig und lebendig allen Widrigkeiten zum Trotz. Es kommt eine Nacht, da ist das Gras feucht vom Tau und seine Hände ebenfalls, er steht gebückt da, als der Schiedsrichter abzählt, erhascht einen Blick in braune Augen und sieht für einen kurzen Moment wie durch ein Fenster in eine Zukunft, die er unmöglich verstehen kann. Dann stürmt er vorwärts und es kommt zum Zusammenstoß. Dann ist da die medizinische Ausbildung, und ein Mädchen mit feingeschnittenem Gesicht und Haaren wie ein Heiligenschein. Sie treffen zusammen und driften auseinander, ihre Lebenswege noch unbekannt und doch so festgelegt wie die Sterne, die ihm sein Vater und seine Mutter gezeigt haben. Prüfungen, Praktika, Aufsätze und Assistenzzeit in einem Stadtkrankenhaus - Hawkeye ist konzentriert und brillant, ein Künstler, der nur mit roter Farbe arbeitet. Bald, bald wird es davon zuviel geben, und es kommt der Tag, an dem ein schlichter brauner Briefumschlag wie eine zusammengeringelte Schlange auf dem Küchentisch liegt. Die Lage wird verzweifelt, und sie werden es umso mehr. Während Bomben wie kranker Regen auf den Boden treffen, liegt Hawkeye bei Trapper, doch spricht er nie das Wort 'Liebe' aus, keiner von ihnen tut es. Es ist bedauerlich und auch eine Erleichterung, ein beidseitig wohlbehütetes Geheimnis, denn es kommt der Tag, an dem ein Fremder auf Dr. McIntyres Feldbett schläft, und Hawkeye daliegt, sein Gesicht abwendet und seinen Kummer ein- und ausatmet wie ein Anästhetikum. Scherze fliegen wie Kugeln, schnell und mit tödlicher Treffsicherheit. Daheim hängen Kathy und Becky an Trapper wie zwei entschlossene Baumkletterer; und wenn Mommy und Daddy nicht viel reden und Daddy manchmal ein Zeug trinkt, das seinen Atem komisch riechen läßt....nun, dann soll es halt so sein. Das passiert am Atlantik, und nun hinüber zum Pazifik - eine Frau mit glatten, nach innen gefönten Haaren hält ihr kleines Mädchen im Arm und zählt die Tage, die ihr Mann schon fort ist. Dann zählt sie die guten Dinge, an die sie sich erinnern kann, und die Tage seit Erins Geburt, die Tage, die sie verheiratet ist, und sogar wie oft das Wort Hawkeye in der Handschrift ihres Mannes auf den Seiten der Briefe auftaucht. Sie zählt sie und ist nicht eifersüchtig, denn die Zahlen sind kühle Fakten und wollen ihr nichts Schlechtes. Also nimmt sie das Geschriebene hin und kümmert sich um ihre eigenen Aufzeichnungen, dann um die anderer Leute, und schließlich um eine gerichtliche Verfügung bis zum Ende der Straße.
In Korea gibt es einen Bus und eine Mutter und ein Baby - Hawkeye wird sich ewig daran erinnern, gesagt zu haben, das Kind doch ruhig zu stellen. Er wird sich an die kleine Frau und ihr schwarzes Haar erinnern, schwarz wie ein Trauerschleier. Manchmal, in seinen Träumen, hebt sie ihren Blick und ihr Gesicht ist nicht das ihre, sondern das seiner Mutter, die ihn mit Worten anfleht, die er nicht versteht. Er wandert durch seines Vaters Haus wie durch ein fremdes Königreich, spricht leise in das Telefon, und die Drähte vibrieren quer durch die Nation. Es ist nicht genug, und niemand trägt die Schuld daran, also nimmt Hawkeye eines Nachts sein Skalpell zur Hand. Diesmal gebraucht er es an sich selbst und flüchtet zu seiner Mutter in die verschlungenen Wege des Nichts.
In Ordnung, okay, dies sollte eigentlich das Ende der Geschichte sein, aber sie _hat_ kein Ende, denn noch vor Jahren konnte niemand Korea oder Vietnam oder den Irak auf einer Landkarte finden, und jetzt können sie es. Nun sind diese fremden Worte zu Orten geworden - da drüben, wo dein Liebling, dein Bruder Vater Schwester Mutter Frau Mann Kind kämpft und gewinnt und stirbt. Erin steht da, die Arme um ein Mädchen gelegt, das kaum größer ist als sie - beide schauen sie auf ein Grab mit den Initialen B.J., und niemand fragt, wofür diese stehen. Ihr Geflüster handelt wieder von Korea, und es läßt Schauer über Erins Rücken laufen, wie sie in Abigails Armen liegt. Es weckt Dr. Houlihan in ihrem Bett in Südflorida, Nacht für Nacht, bis ein Tag kommt, an dem niemand sie mehr wecken kann. Die geflüsterten Worte kriechen über Kathys Haut, klappern zwischen Beckys Ohren. An einen Rollstuhl gefesselt, hält ein alter Mann die Hand seiner jüngsten, etwas langsamen und doch begabten Tochter, und das Mädchen nennt ihren Vater 'Radar'.
Dann ist da ein Veteranentreffen. Es soll patriotisch und aufmunternd sein, doch die Überlebenden und ihre Familien können einander nur ansehen und Trost in der Gewißheit finden, daß sie nicht allein sind. Erin mischt sich unter die Menge, schüttelt Hände und hört den wenigen verbliebenen Personen zu, die ihren Vater kannten. Es liegt ein Schimmern in der Hitze draußen, als sie vor die Tür geht, um etwas Luft zu schnappen - sie wendet den Kopf und sieht zwei Gesichter wie Seiten aus einem Buch, ähnlich verschieden. Beide Mädchen tragen Aufkleber, auf denen '4077th' steht - Erin lächelt wortlos und zeigt auf ihr eigenes Namensschild. Ein Austausch der üblichen Höflichkeiten. Wessen Kind/Enkel/Verwandter bist du? Kathy und Becky. McIntyre. Erin. Hunnicutt. Die Worte scheinen vertraut. Ein Arzt, ja, und dein Vater? Gleichfalls. Oh! Das stimmt. Der Ersatzmann. Hmm...er wurde entlassen, bevor sie die Anzahl der Rotationspunkte erhöhten. Glück für ihn - oh, aber er hat es sich nie verziehen. Ist vor einigen Jahren an einem Schlaganfall gestorben. Diente zusammen mit - Pierce, ja. Hawkeye? Huh. Ah, er war dort bis zum Kriegsende. Kann mich aber kaum richtig daran erinnern, daß er je fort war. Ich war zu jung. Er ist erst vor wenigen Monaten gestorben. Unser Beileid - lieb von euch, danke. Ich komme ganz gut zurecht. Ich weiß, er ist jetzt an einem besseren Ort. Bei jemandem, der ihn liebt. Wieder schreiten sie durch die Menge, behalten einander genau im Auge. Etwas weiter die Straße hinunter treffen sie sich in einem kleinen, von Sonnenblumenbeeten umgebenen Grill, sitzen an der leichtverräucherten Theke und bestellen Martinis, ohne zu wissen warum. Sie blicken in ihre Gläser und dann einander ins Gesicht, heben schließlich bedächtig ihre Drinks. Auf unsere Väter. Auf Hawkeye, sagen sie alle zusammen, und dem Wort wohnt eine seltsame Magie inne, die sie niemals wirklich verstehen werden.
Das ist schon gut. Es ist schließlich nur eine Geschichte - und soviel mehr als das.
|