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Schattendämmerung

© by Kitty ()

 

Disclaimer: Die Figuren Scully, Doggett und Mulder aus AXTE X unterliegen dem Copyright von Chris Carter, 1013 Productions und 20th Century Fox.
Duncan MacLeod aus der Serie HIGHLANDER ist Eigentum von Davis & Panzer, sowie Gaumont Television.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)

 

"Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? Und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge
von seinem stärkeren Dasein. Denn
das Schöne ist nichts als des Schrecklichen
Anfang, den wir noch gerade ertragen, und
wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich."

~ Rainer Maria Rilke, Duineser Elegien, Erste Elegie (1912-1922)
 

 

Die Schlagzeilen der Tageszeitung verschlang der Wind. Das Rascheln der schon teilweise feuchten Blätter mischte sich zu ihren langsamen, ziellosen Schritten. Sie wusste nicht, wie lange sie schon durch Foxhall Village irrte, den Mantelkragen hochgeschlossen, den Blick gesenkt, mit zerzaustem roten Haar. Verloren inmitten der künstlichen Einsamkeit des Parks.

Ein Ausriss eines Zeitungsblattes legte sich auf ihren Schuh und verhedderte sich dort. Sie bückte sich, um das Papier zu lösen.

Kopflose Leiche im Foxhall Village Park; stand dort in großen Lettern, der ausschweifende Bericht teilweise zerrissen oder beschmutzt.

Dana Scully zerknüllte gedankenverloren das Papier. Mulder hätte sich sofort hinter diesen Fall geklemmt und sich redlich bemüht, ihn der örtlichen Polizeibehörde zu entreißen. Die Zeugenaussagen von einem ungewöhnlichen Lichtphänomen über dem Park in jener Nacht, teilweiser Stromausfall, elektrische Entladungen... Mulder hätte eine ebenso phänomenale Erklärung dafür gefunden. Ein UFO, einen Kugelblitz, einen zweiten Peter Oswald vielleicht.

Ja, Mulder...

Sie seufzte leise, ihre Finger strichen eine Träne aus dem Augenwinkel. War es der Wind gewesen oder doch die Erinnerung...?

Wieder sah sie ihn vor sich, kurz, bevor er daraufhin für immer verschwunden war. Einfach so, aus ihrem Leben, auf ewig verloren und sie der Einsamkeit überlassen.

Dabei hatte sie sich eingebildet, an diese Einsamkeit gewöhnt zu sein.

Doch was er zurückgelassen hatte, war ein Gefühl der Leere, das umso größer wurde, je öfter sie vor seinem Grabstein stand, fassungslos auf eine unerklärliche Weise. So oft war er dem Tod so nahe gewesen, warum hatte er ihm jetzt nachgeben müssen, so ohne jede Vorwarnung?

Warum hatte er sie beide allein gelassen?

Gedankenverloren strich sie über ihren sich unter der Kleidung wölbenden Bauch.

Allein mit ihm, einem ungeborenen, unschuldigen Leben

Warum jetzt?

 

Sie wirkte erschöpft, als sie sich auf einer der Parkbänke niederließ, die den Weg säumten, und blicklos vor sich hinstarrte. Die Energie, die sie noch in sich getragen hatte, als alles noch so unklar und zugleich hoffnungsvoll gewesen war... mit der unumstößlichen Wahrheit war sie in ihr zerbröckelt, eine morsch gewordene Mauer einstiger Stärke. Haltlos. Den Fokus verloren...

"Mieses Wetter, nicht wahr?"

Ihre Augen trafen auf die eines Mannes, der einige Schritte weiter auf einer zweiten Bank saß. Sie wusste nicht, woher er auf einmal gekommen war - oder hatte sie ihn in ihrer Gedankenverlorenheit einfach nur übersehen?

"Ja...", antworte sie zögerlich, während sie den Fremden etwas misstrauisch beäugte. Er hatte relativ kurzes, nach hinten gestrichenes dunkelbraunes Haar, einige Strähnen hingen ihm beinahe verspielt über der Stirn. Die buschigen Augenbrauen waren etwas angehoben, ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Er trug eine beige Cordhose mit grauen Rollkragenpullover und einen langen, anthrazitfarbenen Mantel.

"Der Winter kann eine schrecklich deprimierende Jahreszeit sein", fuhr er fort und stieß mit dem Fuß leicht in die sich auftürmenden kleinen Häufchen loser, brauner Blätter. "Er scheint vielen so leblos erscheinen zu lassen..."

Sie starrte ihn an, mit ihrer Beherrschung ringend. "Manchmal lässt er es nicht nur so erscheinen", brachte sie leise hervor, nur um diese Worte sofort wieder zu bereuen. Was sagte sie das einem vollkommen fremden, plötzlich erschienenen Mann... hier; inmitten eines einsamen Parkgeländes?

"Ja, der Verlust ist nie leicht zu ertragen. Wie der Winter erscheint er einem oft. Er kommt immer und immer wieder in einem Leben, und man selbst hat ihn schon so oft gesehen, gespürt und erlebt. Und dennoch... man mag sich nie daran gewöhnen. Denn den wärmenden Sommer gibt man doch ungern her. Wie alles, an dem man hängt, egal, wie oft man es zuvor schon hat aufgeben müssen. Es bleibt immer in einer Weise schmerzvoll. Mal mehr, mal weniger. Aber es bleibt. Verlust, es ist wie eine zweischneidige Klinge..." Er blickte versonnen auf die gefrorene Rasenfläche hinaus. Sie bemerkte, dass er mit einem leichten, kaum merklichen Akzent sprach, vermochte diesen aber nicht zu bestimmen. Wer war dieser Fremde, der es wagte, ihre kaum verheilten Wunden wieder aufzureißen?

"Einerseits muss man Abschied nehmen von etwas oder jemanden, einer Gewohnheit, einem Lebensabschnitt... und andererseits bringt die damit verbundene Veränderung Neues. Ob positiv oder negativ - aber man selbst sollte immer das Beste daraus machen. Vorrausgesetzt, man selbst ist es sich wert." Er suchte ihren Blick. Sie wusste nicht recht, ob sie sich von diesen durchdringenden grünbraunen Augen belästigt fühlen sollte oder nicht. Etwas in ihr sträubte sich, sagte ihr, er wusste mehr, als er eigentlich konnte, sah mehr, als sie sich vorgab, zu zeigen.

"Man kann weiterleben oder weiterexistieren", sagte er leise. "Die Wahl, welchen Weg man einschlägt, liegt bei jedem selbst."

Sie konnte nichts anderes tun, als schweigen, und selbst, als er sich von seiner Bank erhob, sagte sie nichts. Er blickte sie nicht an, als er sie passierte und sich langsamen Schrittes entfernte. Der Mantel blähte sich leicht im Wind, wie die dunklen Schwingen eines zur Erde hinabgestiegenen Engels, und wieder raschelten lose Blätter und Zeitungsfetzen über den schmalen Weg.

Regungslos und nachdenklich sah sie ihm nach.

 

~ * ~
 

Er stand, an die Rinde eines alten, mit Moos überzogenen Baumes gelehnt, einige Meter entfernt. Er schloss kurz die Augen, das Pochen und Rauschen seines Blutes spürend, das Pulsieren, die endlose Bewegung, das unumstößliche Leben. Das, was war und nicht sein konnte.

Er beobachtete sie, ihre kleine Gestalt auf dieser verlassenen Parkbank.

Zu gern wäre er einfach zu ihr gegangen, um sie auf seine Art zu begrüßen, wie er es immer tat, ein einfaches, beinahe lässiges und zugleich erwartungsvolles Guten Morgen. Ein kurzes Kopfnicken, ein Lächeln, eine kleine Kabbelei.

Doch diese Gewohnheit, sie sollte sterben, auf immer.

Innerlich wehrte er sich ebenso sehr dagegen, wie sie sich gegen die Akzeptanz seines Todes zu wehren schien.

Musste sie es denn tun, wenn es gar nicht wahr war? Wenn er doch einfach nur zu ihr zu gehen brauchte, um sie in die Arme zu schließen und ihr diesen Schrecken, diesen falschen Glauben zu nehmen?

Eine Hand auf seiner Schulter unterbrach seine Gedanken.

"Lass uns gehen", hörte er ihn leise sprechen. "Ihr Leben und deines, sie gehen nun getrennte Wege."

"Sie ist schwanger", versuchte er zu widersprechen.

Das Gesicht seines Gegenübers verzog sich in leichtem Schmerz und Mitgefühl. "Aber es ist nicht dein Kind. So sehr ich es dir wünschen würde, es kann es nicht sein."

"Selbst wenn..."

"Fox, es ist so. Es war schon immer so." Ein tiefes Seufzen. "Komm, und lass sie ihr Leben fortführen. Ein normales Leben. Das, welches wir führen... du kannst es ihr nicht antun. Wenn dir etwas an ihr liegt, so tue das, was am Besten für sie ist, gewähre ihr ein Leben, wie sie es verdient. Erspare ihr den großen Schmerz, nur weil du ihr den kleinen nehmen möchtest."

Fox Mulder wandte den Kopf, sah ein letztes Mal hinüber zu der Frau, die einige Jahre seines Lebens mit ihm gegangen war und die er nun allein lassen musste, mit dem Glauben, er sei tot, irgendwo unter der Erde, ohne jeden wirklichen Abschied von ihr.

 

Da war ein Mann, groß und dunkelblond, mit besorgtem Blick, der nun vor sie getreten war. Dann setzte er sich zu ihr, den Arm um ihre Schultern gelegt. John Doggetts tröstende, leise Worte waren auf diese Distanz nicht zu verstehen, höchstens zu erahnen.

"Wird sie mich vergessen, Duncan?", fragte Mulder leise.

Der Schotte lächelte leicht. "Nein", erwiderte er. "Das wird sie nie."

Ein letzter Blick, ein paar geflüsterte Worte, ein gedanklicher Abschied von ihr. Dann gab er der Hand auf seiner Schulter nach und wandte sich um.

 

Die Wolkendecke über ihnen hatte sich geschlossen, und der Wind trieb die Schneeflocken in einem anmutigen Reigen durch die Luft. Sie fielen auf lose Blätter und Äste und Gras, Parkbänke und Wege. Immer dichter rieselten die Flocken herab, während die beiden Männer in ihrem Treiben mehr und mehr verschwanden. Wie ein überdimensionales Tuch legte sich das himmlische Weiß über den Park und bedeckte die Spuren eines alten Lebens unter sich, immer bereit, die eines neuen in seiner weichen, kalten Haut zu dulden.

 
Ende

 
Du bist der 1951. Leser dieser Geschichte.