Zurück
 
Schwein gehabt!
Teil 1
Teil 2
 
 

Schwein gehabt

Teil 1
© by Birgitt ()
 
Disclaimer: Ich besitze keinerlei Rechte an den Charakteren und den Ereignissen aus Echte Kerle. Diese Copyrights gehören Buena Vista und Touchstone. Ich beabsichtige in keiner Weise, diese Rechte zu beschneiden. Zwar besitze ich die Rechte an dieser Geschichte, habe aber keine Intentionen, materielle Vorteile durch sie zu erlangen.
Anmerkungen der Autorin: Diese Story ist eine Antwort auf die ffp-Challenge für die Monate Februar/März 2004 ("Wie ihr es verpackt, ist eure Sache. Hauptsache ein Märchen (egal, ob selbsterfunden oder uralt) spielt eine zentrale Rolle."). Ich habe mich von dem Hans-Christian-Andersen-Märchen Die Sparbüchse inspirieren lassen; den Text findet ihr hier:
http://gutenberg.spiegel.de/andersen/maerchen/sparbue.htm
Schwein gehabt spielt knapp ein Jahr nach Echte Kerle, stellt derzeit die chronologisch gesehen erste Geschichte im CSD-Universe dar. Zum Verständnis der Story sollte man zumindest mit den Geschehnissen aus Echte Kerle vertraut sein; ich empfehle, sich den Film anzuschauen. Und das lohnt nicht nur in Hinblick auf diese Story. Echte Kerle ist echt geil. Ich habe selbst ein paar Jahre und zwei Anläufe gebraucht...
Es ist der Wahnsinn... Die ursprüngliche Infektion ging von Atti aus, aber es waren Aislings Geschichten, die mir die Augen und mein Herz für dieses Fandom öffneten. Die Charaktere sind mir nicht nur ans Herz gewachsen, ihre Schicksale gehen mir wahrlich unter die Haut. Ich widme Schwein gehabt Aisling, als Dank für die Inspiration und die Diskussionen rund um dieses Universe und nicht zuletzt für ein beta, bei dem sie den Finger in mehr als eine Wunde legte. Außerdem danke ich ihr für perfekt getimte Aufmunterungen und die absolut großzügige Erlaubnis, in diesem Universe spielen zu dürfen.
Archiv: Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de) auf der Echte-Kerle-Seite

 
Dienstag, 22. Juli 1997
Frankfurt

 

Mike parkte den Wagen fast einhundert Meter oberhalb des Hochhauses, in dem Raphaels Wohnung lag. Bei dem Verkehr kam Parken in zweiter Reihe nicht in Frage, wenn er kein - berechtigtes - Hupkonzert riskieren wollte. Er stellte den Motor ab und wandte sich seinem Partner zu, der den Sicherheitsgurt löste und dann einige kreisende Bewegungen mit der linken Schulter vollführte. Seine Grimasse bewies, daß die Verletzung schmerzhafter war, als er zugegeben hatte.

"Ich kann dich wirklich ins Krankenhaus fahren. Wenn es nun etwas Schlimmeres ist als nur ein Bluterguß--"

"Quatsch mit Sauce, Mike. Ich stelle mich für den Rest des Abends unter die Dusche, packe mir Eis auf den blauen Fleck und haue mich in die Falle. No big deal. Er hat mich nicht mal richtig getroffen, das Teil ist mehr abgerutscht. Hey, ich habe die offizielle Bestätigung der Sanis." Mike nickte, aber überzeugt war er nicht. Raphael schien mit seinem Redeschwall nicht nur ihn, sondern auch sich selbst zu beruhigen. Offensichtlich begriff Raphael, daß er nicht ohne so einfach davonkam. "Wenn es schlimmer wird, nehme ich ein Taxi und lasse mich in die Ambulanz bringen. Versprochen."

"Ich glaub's dir ja." Mike grinste und Raphael öffnete die Wagentür. "Soll ich dich morgen abholen?"

"Nicht nötig. Vicki kommt morgen zum Frühstück und setzt mich auf dem Weg zur Arbeit im Präsidium ab."

"Ach, daher das stille Leiden. Du fürchtest, daß sie dich da behalten und dich um dein Date bringen."

"Scharfsinnig, Herr Hauptkommissar. Schönen Abend noch, Mike."

"Und dir einen guten Morgen!" Mike beobachtete im Rückspiegel, wie Raphael auf das monströse Gebäude zuging. Jedesmal, wenn er die Anlage sah, fragte er sich, wie all die Bienen ihre jeweiligen Waben wiederfanden. Raphael bewegte seinen linken Arm noch einmal. Mike hatte sein Angebot mehr der Form halber angebracht; er war ziemlich sicher, daß Raphael nur einen Bluterguß abbekommen hatte. Aber es war knapp gewesen. Auf Hermanns hatte klar der Spruch des in die Enge getriebenen Tiers gepaßt. Obwohl sie beide die Waffen im Anschlag gehabt hatten, war der durchgeknallte Kerl mit der Rohrzange auf sie losgegangen. Und hatte Raphael noch so eben erwischt, als der sich wegdrehte. Im nächsten Moment hatten sie den Mann überwältigt, zwei Minuten später war er abgeführt worden.

Raphaels Verletzung war der einzige Wermutstropfen in einem erfolgreich abgeschlossenen Routinefall. Und Raphael hatte sichtlich die Behandlung der herbeigerufenen Sanitäterin genossen, während Mike sich um die Sicherstellung der Beweise gekümmert hatte. Alles Routine, aber dennoch ein langer harter Tag. Raphaels Abendprogramm, abgesehen von dem Eisbeutel, hatte etwas für sich. Mike sehnte sich nach einem ausgedehnten Bad und seinem Bett. Auch wenn letzteres nicht wirklich--

Mike brach den Gedanken ab, bevor er zu dem gewohnten ekligen Stachel in seinem Kopf werden konnte. Er reihte sich in den Abendverkehr ein und keine zwanzig Minuten später parkte er auf seinem Anwohnerparkplatz. Als er zum Haus lief, schlang er die Arme um seinen Oberkörper. Der Abend war kalt und windig, absolut unpassend und ungewöhnlich für den späten Juli. Ja, ausgedehntes Bad klingt gut, heiß und mit dekadent viel Schaum.

 

Als er die Wohnungstür aufschloß, schlug ihm die Stille entgegen. Er rannte geradezu zur Stereoanlage und schaltete sie ein. Mit Rücksicht auf seine empfindlichen Nachbarn und als Zugeständnis an die allzu dünnen Wände stellte er eine moderate Lautstärke ein. Auch wenn dies nicht so recht zu The Joshua Tree paßte, hatte er keine Lust, die CD zu wechseln.

Er ließ das Wasser in die Wanne laufen, fügte einen guten Schuß Schaumbad zu. Im Schlafzimmer zog er sich die verschwitzten Klamotten aus. Zurück im Bad testete er zunächst die Temperatur und stieg dann ganz in die Wanne. Gerade hatte er sich zurückgelehnt, als die Türklingel ihn aufschreckte.

"Nein, ich bin nicht zu Hause. Dies ist eine gänzlich andere Dimension. Ich bin nicht da", murmelte er vor sich hin. Wenn er den Besucher nur lang genug ignorierte... Es würde ohnehin nur ein Zeitschriftenwerber sein, ein Zeuge Jehovas oder einer der Nachbarn, der glaubte, sich über die Musik beschweren--

"Verdammt, die Musik... Deine deduktiven Fähigkeiten hast du wohl im Revier gelassen... Jedem vor der Tür ist natürlich klar, daß da jemand hinter der Tür ist!"

Brummelnd stieg er aus dem Bad, griff sich das Badetuch, trocknete sich halbherzig ab und schlang es dann um die Hüften. Barfüßig tapste er zur Wohnungstür. Ein Blick durch den Spion offenbarte ihm das Ende seines gemütlichen Feierabends. Iris. Mike schlug leicht mit der Stirn gegen die Tür. Der Schauder, der ihm über den Rücken lief, kam nicht allein daher, daß Wasser auf seinem Rücken kondensierte.

"Ich bin gar nicht da, Iris!" Gleichzeitig öffnete er die Tür, stützte den ausgestreckten Arm gegen die Türrahmen, so daß er den Zugang zur Wohnung versperrte. Was bei Iris natürlich nicht funktionierte, denn sie schob ihn einfach beiseite.

"Mike, bitte, ich werde nicht lange bleiben. Es ist wichtig, nichts, das ich am Telefon besprechen möchte."

Was das bedeutete, war Mike sofort klar. Wenn Iris ihn persönlich in einer Angelegenheit aufsuchte - heimsuchte, korrigierte eine allzu vertraute Stimme - dann wollte sie seine Hilfe. Bisher hatte Mike es niemals geschafft, ihr etwas abzuschlagen. Zumindest nicht, wenn sie ihn auf ihre ganz eigene Art ansah. Am Telefon hätte sie riskiert, daß er sie erfolgreich abwimmelte.

"Hat dir schon mal jemand gesagt, daß du mit unfairen Mitteln kämpfst?"

"Heute noch nicht. Und so direkt höre ich es auch nicht oft. Ich nehme sowohl deine Feststellung als auch deine Offenheit als Kompliment, Mike."

"Mach's dir bequem, ich zieh mir was über."

"Aber doch nicht wegen mir, mein lieber Mike."

"Nein, nicht wegen dir, sondern wegen der Temperaturen. Ich habe beschlossen, die Heizung nicht vor September anzustellen. Und einen Kamin habe ich leider nicht." Er deutete hinter sich in Richtung Küche. "Wenn du etwas trinken magst... Viel kann ich nicht bieten."

"Danke, aber nein danke. Ich komme gerade von einem Meeting, Verpflegung inklusive. Aber... darf ich die Musik wechseln?"

"Wenn du etwas findest, das dir besser gefällt..." Mike ging ins Schlafzimmer und zog frische Klamotten aus dem Schrank. Jeans, Wollpulli und ein paar dicke Socken. Scheiß Sommer.

Im Wohnzimmer begrüßten ihn die Klänge von Genesis' Mama. "Soll ich das als Anspielung verstehen?", nickte er in Richtung Anlage.

"Nur wenn du daran zweifelst, daß ich wegen Edgar hier bin." Sie klopfte auf die Couch und Mike setzte sich neben sie. "Und diesmal geht es nicht um eure nicht mehr existente Beziehung." Sie legte Mike eine Hand auf den Oberschenkel. "Jedenfalls nicht direkt."

"Nicht mehr existente Beziehung...", wiederholte Mike leise. "Ich bilde mir ein, daß wir immer noch eine Beziehung haben. Ich zumindest sehe mich immer noch als sein Freund."

"Was glaubst du, warum ich hier bin? Es tut mir immer noch leid, daß es zwischen euch nicht funktioniert hat. Eddie hat dir eine Menge zu verdanken, und ich weiß, es ist ungerecht ist, daß ich gerade dich jetzt um Hilfe bitte." Bevor Mike diese Aussage kommentieren konnte, fuhr Iris fort. "Aber ich will dich nicht in Verlegenheit bringen."

Mike war froh, um eine Reaktion auf ihre Bemerkung herumzukommen. Mitleid war nicht gerade das, was er sich als Überbleibsel aus seiner Beziehung mit Eddie wünschte. Schon gar nicht von der Mutter des Ex! "Was du nichts sagst. Das ist mal was Neues!"

Iris lachte. "Ja, ich gebe es zu, ich kann schrecklich sein. Aber manchmal ist es so einfach und zu verlockend."

"Manchmal ist gut. Aber bevor wir anfangen, peinliche Momente wiederzubeleben... Wie wäre es, wenn du mir einfach sagst, warum du hier bist? Was hättest du vor allen Dingen gemacht, wenn ich nicht hier gewesen wäre?"

"Wäre ich jetzt auf dem Weg zu meinem Sohn."

"Weiß er von seinem Glück?" Eddie liebte seine Mutter heiß und innig, aber jeder ihrer Besuche hatte den Hang, zu einer mittleren Katastrophe zu werden. Ein nicht unbedeutender Aspekt war der blöde Effekt, daß bei Eddie sexuell nichts lief, solange Iris sich in der Wohnung aufhielt. Bei solchen Gelegenheiten hatten sie es als weise Entscheidung empfunden, daß sie nie offiziell zusammengezogen waren und entsprechend disponieren konnten. In Frankfurt war es nicht ratsam, seine Wohnung aufzugeben, wenn man nicht sicher wußte, daß die neue Bleibe eine auf Dauer sein würde. Und Mike war ziemlich schnell klar gewesen, daß sein Verhältnis mit Eddie nichts mit 'und wenn sie nicht gestorben sind' zu tun gehabt hatte.

"Zur Abwechslung habe ich mich freundlichst bei ihm eingeladen und das schon vor ein paar Tagen. Wie eine brave Mutter halt. Wie gesagt, ich hatte ein Meeting und ich werde erst am Donnerstag nach Hause fahren. Und deine Wohnung lag auf dem Weg, da habe ich die günstige Gelegenheit ergriffen..." Sie nahm die Hand von Mikes Bein und fuhr sich durchs Haar. Mike wurde etwas unruhig bei der ungewohnten Geste. Iris schien nach Worten zu suchen, jetzt, da sie zur Sache kommen sollte. "Vielleicht könntest du mir doch etwas zu trinken holen? Ein Saft oder ein Glas Wasser wäre völlig ausreichend."

"Klar. Natürlich." Mike hatte keine Ahnung, worauf dieses Gespräch hinauslaufen würde. Zwar war Iris ein Quell an Überraschungen, aber dieses Verhalten war selbst für ihre Verhältnisse merkwürdig. "Orangensaft okay?", fragte er über seine Schulter hinweg, als er in die Küche ging.

"Gern."

Er holte den Orangensaft aus dem Kühlschrank, nahm zwei Gläser aus dem Hängeschrank und ging zurück zu Iris. "Du machst es wirklich spannend. Soweit ich weiß, ist Eddie nicht in Schwierigkeiten. Zumindest nicht in den Schwierigkeiten, von denen ich erfahren würde." Es war nicht einfach gewesen, Eddie aus der Szene rauszuholen, aber ihnen war nichts anderes übrig geblieben. Mike hätte seinen Job bei der Kripo nicht nur riskiert, sondern um seine Entlassung geradezu gebettelt, wenn er als Ermittler in Sachen KFZ- und Ersatzteilschieberei mit einem Autodieb schlief. Aber entscheidend war vor allem, daß Eddie wirklich raus wollte. Er hatte es nicht in erster Linie für Mike oder ihre Beziehung getan, sondern hauptsächlich für sich selbst.

Mike goß ihnen Saft ein. Iris nahm ihr Glas, trank aber dann doch nicht. "Wahrscheinlich sollte ich mich gar nicht einmischen."

"Woher kommen denn plötzlich diese Skrupel? Deine Meinung hast du ihm immer gesagt. Und letzten Endes hast du immer Eddie entscheiden lassen, egal wie es dich gestört haben mag, was er so trieb." Oder mit wem.

"Weil es eine ziemlich krasse Idee ist."

Mike starrte Iris an, dann schüttelte er den Kopf. "Jetzt begreife ich. Du brauchst nicht meine Hilfe, sondern ich bin dein Versuchskaninchen. Wie ich auf deine Idee reagiere..." Mike nahm einen Schluck Saft. "Erzähl mir einfach, worum es geht."

"Um Eddies Arbeit. Er hat ganz gut zu tun, das ist es nicht. Zumindest kommt er finanziell zurecht. Aber in den letzten Wochen habe ich das Gefühl bekommen, daß er nicht zufrieden ist."

"Mütterliche Intuition oder hast du einen konkreten Anhaltspunkt?" Er würde den Teufel tun und Iris gegenüber zugeben, daß er einen ähnlichen Eindruck gewonnen hatte. Dafür waren seine Begegnungen mit Eddie viel zu selten und zu kühl gewesen, als daß seine Schlußfolgerungen irgendetwas taugten. Außer dazu, Iris' Ausführungen nicht rundweg abzutun. Ihr Gefühl trog sie nicht, aber Mike wollte zunächst wissen, auf welche Geschichte er sich hier einließ, bevor er Iris unterstützte.

"Ist das ein Verhör?"

"Nicht, wenn du freiwillig mit den Einzelheiten rausrückst. Du solltest froh darüber sein, daß Eddie sauber ist und über die Runden kommt. Es dauert halt, sich einen Namen zu machen. Egal in welchem Gewerbe. Und als ehrlicher Automechaniker ist Edgar Sänger nun mal ein absoluter Neuling."

"Genau da kommt meine Idee ins Spiel. Ich habe jemanden kennen gelernt, der Eddie weiterhelfen kann. Ich muß Eddie nur dazu bringen, daß er sich weiterhelfen läßt."

"Eine Vitamin-B-Spritze, Iris? Das ist dein Plan? Du weißt, wie Eddie so was abkann. Er hat mich mal gefragt, ob ich ihn an meinen Wagen lasse, weil ich ihn für einen guten Mechaniker halte oder weil wir miteinander schlafen. Und er hat es nur halb im Scherz gesagt."

"Auf der anderen Seite hat er damals keine Probleme damit gehabt, daß du und Chris ihm geholfen habt." Mike nickte langsam. Eddie hat die Gelegenheit ergriffen, die sich ihm geboten hatte. Anfangs war es Chris Schwenk gewesen, Mikes Expartner bei der Kripo, der Eddie gehörig in den Arsch getreten hatte, als ihm klarwurde, womit Eddie seine Brötchen verdiente. Gott, das war der verrückteste Sommer in Mikes Leben gewesen. Noch nicht mal ein Jahr her und so viel war seitdem passiert. Und zu keinem Zeitpunkt hatte er das Gefühl gehabt, die ganze Geschichte kontrollieren zu können. Mikes Träume von einer Beziehung mit Eddie waren klar und einfach gewesen. Nur Eddie hatte sich geweigert, die entsprechende Rolle als Traumprinz zu spielen. Ihre Trennung war vorprogrammiert gewesen und im Nachhinein wunderte es Mike eigentlich nur, daß sie überhaupt ein 'ganzes halbes' Jahr zusammen gewesen waren.

Iris riß ihn aus seinen Überlegungen. "Wie heißt es so schön? Ich kann ihm Türen öffnen, durchgehen muß er selbst. Anders ausgedrückt... Wenn Eddie meinen Bekannten nicht mit seinem Können überzeugen kann, wird das Ganze ohnehin nichts. Es geht hier nur darum, einen ersten Kontakt aufzubauen."

"Und was ist daran dann krass, wenn es so harmlos ist, wie du es mir gerade einreden willst? Das, was du mir jetzt erzählst, ist absolut Eddie-tauglich. Mach die beiden einfach bekannt, Eddie kann zeigen, was er drauf hat, und der Rest ist Geschichte."

"Da liegt der Knackpunkt, Mike. Mein Bekannter wird sich nicht 'einfach' mit Eddie bekannt machen lassen."

"Hast du es schon versucht?"

"Ich habe Informationen und gewisse Erfahrungswerte, da ist der Versuch zwecklos. Nein, lieber verlasse ich mich auf weibliche List." Sie lächelte und Mike schüttelte seufzend den Kopf.

"Ich kenne diesen Ausdruck, Iris. Gib zu, daß es dir auf die komplizierte Tour viel mehr Spaß macht. Du siehst jetzt schon aus wie die Katze, die eine Maus verspeist... Mindestens eine Maus... Bin ich auch auf deiner Liste mit Beutetieren?"

"Chronologisch gesehen stehst du ganz oben."

"Wieso fühle ich mich nicht geehrt? Und wenn ich mich weigere?" Bereits als er die Worte aussprach, war ihm klar, daß eine solche Reaktion undenkbar war.

"Warum solltest du? Wir helfen Eddie und werden eine Menge Spaß bei der Sache haben."

"Was du so Spaß nennst..."

"Ich kann auf dich zählen?"

"Das wußtest du doch, seitdem du durch die Tür spazierst bist."

Iris strahlte ihn an und hakte sich bei ihm ein. "Ich wußte es! Ähm, ich meine, ich wußte, daß du mir helfen würdest, Mike. Und schließlich tun wir nur das Beste für Eddie. Ich erkläre dir die Geschichte unterwegs. Eddie wird sich bestimmt schon fragen, wo ich bleibe."

"Was, jetzt?" Das war, was ihm zu seinem Glück gefehlt hatte. "Warum wundere ich mich eigentlich noch über dich, Iris?"

"Nimm's nicht tragisch, Mike, manchmal überrasche ich mich sogar selbst."

 

***
 

Auch nach mehreren Monaten war es noch seltsam, vor einer Tür zu stehen und darauf zu warten, daß sie geöffnet wurde, wenn man dazu schon mal einen Schlüssel besessen hatte. Mike befingerte nervös den Ledergurt von Iris' Reisetasche, den er in den Händen hielt.

"Nervös?" Iris lächelte ihn an und er war fast so weit, Tasche und Iris vor Eddies Wohnungstür stehen zu lassen. "Überlaß das Reden nur mir. Ich brauche dich nur als Rückendeckung."

"Rückendeckung? Bist du sicher, daß du nicht Kanonenfutter meinst?"

"Für einen Kriminalbeamten bist du ein ziemlicher Angsthase, Mike."

"In meinem Job gehe ich nur kontrollierte Risiken ein."

Iris lachte nur und drückte nochmals auf den Klingelknopf. "Wo bleibt er denn?"

Als Antwort auf das Klingeln erklang aus dem Wohnungsinnern ein gebrülltes, "Ich komme."

Mike atmete tief ein. Eddies Stimme allein ging ihm durch und durch. Bevor er dem inneren Drang nachgeben und fliehen konnte, öffnete sich die Tür und Eddie starrte ihn an, nachdem sein Blick Iris nur gestreift hatte. Na toll. Von wegen Rückendeckung. Ich stehe voll in der Schußlinie.

"Was machst du denn hier?"

"Guten Abend, mein Sohn. Freut mich auch sehr, dich zu sehen. Und du hast dich gar nicht verändert. Deine Manieren lassen immer noch zu wünschen übrig."

"Was?", fragte Eddie, ohne seinen Blick von Mike zu nehmen.

"Du hast Besuch. Bitte ihn herein, biete einen Sitzplatz und etwas zu trinken an. Und vor allen Dingen nimm endlich deine Mutter in den Arm. "Iris piekste mit ihrem Zeigefinger in Eddies nackten Oberarm. Mike schlußfolgerte, daß Eddie noch nicht lange von der Arbeit zurück war, denn seine Haare waren noch feucht und er stand in Jeans und Unterhemd vor ihnen. Es fiel Mike schwer, seinen Blick und seine Gedanken nicht schweifen zu lassen. Überlaß das Reden nur mir? Iris hätte sich keine Sorgen machen müssen. Eddies Anblick - so vertraut und so verlockend - verschlug ihm die Sprache.

Diese Situation war einfach nur absurd. Er hatte hier nichts mehr zu suchen, würde Eddie wütend, sich selbst lächerlich machen. Doch bevor er sich einen einigermaßen würdevollen Abgang verschaffen konnte, warf Eddie ihm noch einen funkelnden Blick zu und zog dann wirklich Iris in die Arme. "Hallo, Mutter. Schön, dich zu sehen."

Es war vielleicht eine Sinnestäuschung, daß Eddie das 'dich' so betont hatte, aber es gab Mike den nötigen Schubs aus seiner Starre. Mike schob die Reisetasche mit dem Fuß in die Diele. "Ich geh dann mal wieder." Er hoffte, er hörte sich nicht so kläglich an, wie er es selbst empfand. "Ciao, Iris."

Iris hatte ihn am Arm gefaßt, bevor er auch nur einen Schritt machen konnte. "Du hast es mir versprochen, Mike." Sie sah ihn an und Mike bemerkte mal wieder die Ähnlichkeit zwischen Mutter und Sohn Sänger. Sie drehte sich wieder zu Eddie um. "Mike ist auf meinen ausdrücklichen Wunsch hier und wenn du ihn nicht rein läßt, bist du mich auch sofort wieder los."

Sehr schön, Iris, mach ihm ruhig dieses verlockende Angebot.

"Okay, okay, kommt rein, ihr zwei." Eddie trat beiseite und öffnete die Tür etwas weiter, zog sich den grauen Pulli über, den er in der Hand gehalten hatte.

Es kostete Mike den Rest seiner Beherrschung, den Blick von Eddie abzuwenden, und trat ein, wider besseres Wissen und noch mehr gegen jeden Instinkt. Eddies Nähe war im Moment zu viel des Guten und er schnappte sich wieder die Reisetasche und steuerte damit auf das Gästezimmer zu. "Ich bring das mal weg." Er schloß die Tür des Zimmers hinter sich, stellte die Tasche auf die Matratze, setzte sich dann selbst darauf. Mike wußte, daß es feige war, wie er sich verhielt, aber er wollte nicht, daß Eddie sauer auf ihn war. Auch wenn er Eddies Reaktion verstehen konnte. Schließlich hatte Iris in den letzten Monaten dreimal versucht, sie wieder zu verkuppeln.

Ein getürktes Blind Date war die harmloseste Aktion gewesen und sie hatte sogar fast Erfolg gehabt. Nicht daß dieser Erfolg über ein One-Night-Stand hinausgegangen wäre. Aber als sie nach einigem Hin und Her herausgefunden hatten, wer hinter der Überraschungsverabredung gesteckt hatte, war es ein wirklich entspannter Abend geworden. Eddie war allein, Mike war allein und Sex zwischen ihnen hatte selten Anlaß zur Klage gegeben... Ganz dicht hatten sie davor gestanden, es noch einmal zu versuchen, und Mike hatte sich erst einige Tage danach eingestanden, wie dankbar er Eddie war, daß der Vernunft bewiesen und die Notbremse gezogen hatte. Denn so eine Nacht hätte ihre Freundschaft, so wackelig sie im Moment auch sein mochte, garantiert zerstört.

Beim zweiten Mal war es ungleich schlimmer gewesen. Eine regelrechte Iris-Falle. Sie hatte sowohl Mike als auch Eddie zu ihrer Geburtstags'party' eingeladen, die darauf hinauslief, daß sie sich allein in Iris' Haus wiederfanden. Keine anderen Gäste und eine Gastgeberin, die die Schlüssel auf den Tisch des Hauses gelegt hatte und entschwunden war. Bevor sie die Haustür von außen zuzog, hatte sie ihnen noch "Macht euch einen schönen Abend, Jungs. Kühlschrank ist gut gefüllt und das Essen steht im Ofen" zugerufen. Bei dieser Gelegenheit hatte es in einem handfesten Streit geendet, bei dem beide sich gegenseitig die Schuld gegeben hatten, Iris' 'Intrige' wissentlich und billigend in Kauf genommen zu haben, um noch einmal beim anderen landen zu können. Und da ihre Vorwürfe zumindest das sprichwörtliche Körnchen Wahrheit beinhaltet hatten, waren alle spitzen und giftigen Pfeile im Schwarzen gelandet.

Ein paar Tage danach hatten erst Eddie und dann auch Mike mit Iris gesprochen, um ihr klarzumachen, daß es zwischen ihnen aus war und jeder weitere Kuppelversuch nicht nur sinnlos, sondern auch nicht zuträglich für ihr - sprich Eddies und Mikes - Seelenheil wäre. Iris hatte Besserung gelobt, und sowohl Eddie und Mike hatten ihr geglaubt. Weitere zwei Tage nach diesen Gesprächen hatte Iris Eddie eine reservierte Platzkarte fürs Kino überlassen, die sie nicht verfallen lassen wollte. Sie hatte Mike eine Karte geschenkt und ihn gebeten, sie ins Kino zu begleiten. Die beiden Männer hatten brummelnd in dem Programmkino gesessen und sich Portrait of a Lady in der Originalfassung angesehen. Es war Ende April, stürmisch und regnerisch und kalt und das Kino hatte nichts, was einer funktionierenden Heizung auch nur nahe kam. Nach einer halben Stunde intellektuell gepflegter Langeweile waren sie in die nächste Kneipe geflohen, hatten ein paar Biere gekippt und sich dann geschworen, Iris Iris sein zu lassen und in Zukunft jedem Manipulationsversuch von ihrer Seite zu widerstehen. Bis heute abend hatten sie beide diesen Schwur eingehalten.

Und jetzt zählte Mike in Eddies Gästezimmer die Minuten und hoffte, daß Iris Eddie davon überzeugen konnte, daß es ihr diesmal nicht darum ging, sie wieder zusammenzubringen. Und Mike versuchte zur selben Zeit, sich ebenfalls davon zu überzeugen. Viel Erfolg hatte er nicht dabei.

Als die Tür sich öffnete und Eddie seinen Kopf ins Zimmer steckte, schrak er regelrecht hoch. "Komm schon raus, Alter. Abendessen ist fertig und du siehst aus, als könntest du ein Bier vertragen. Und ich muß zugeben, Iris hat mich neugierig gemacht. Außerdem wäre mir wohler, wenn du mir Rückendeckung gibst." Bei Eddies Lächeln ging es Mike durch und durch. Er konnte Eddie - wie auch Iris - niemals etwas abschlagen... Er streckte die Hand aus und ließ sich von Eddie hochziehen.

 

****
 

Es war fast wie in alten Zeiten, die gerade mal ein paar Monate zurücklagen und die auch nicht länger als ein paar Monate gedauert hatten. Mike genoß das Abendessen, soweit ihm das mit der Aussicht auf das Danach möglich war. Bei Eddie konnte man nie wissen, wie er reagierte. Auch das hatte er von seiner Mutter.

Aber das mußte warten. Als er sich an den gedeckten Küchentisch gesetzt hatte, merkte er, wie hungrig er war. Iris hatte vorgesorgt und alles für ein Abendbrot mitgebracht. In dieser Beziehung traute sie Eddie gar nichts zu, nicht mal wenn sie sich vorher ankündigte. Sie hatte genügend Erfahrung von früheren Besuchen...

Beim ersten Schluck Bier war Mike klargeworden, daß er das wirklich gebraucht hatte. So langsam entspannten sich die drei und aus etwas unbeholfenem Small Talk wurde überraschend schnell eine richtige Unterhaltung.

 

"Wie macht sich eigentlich dein neuer Partner, Mike?", erkundigte sich Eddie plötzlich.

Mike zuckte mit den Achseln und angelte sich eine weitere Scheibe Brot. "Neu trifft es nicht ganz. Mittlerweile ist das schon zweieinhalb Monate her und ein blutiger Anfänger ist er auch nicht gewesen, als er nach Frankfurt kam. Raphael reißt gerade sein achtes Jahr bei der Truppe ab. Aber ich glaube nicht, daß es noch viele Jahre mehr werden."

"Und das bedeutet genau was?"

"Es gibt solche und solche Polizisten, Iris. Und Raphael gehört zu der Kategorie, die diesen Abschnitt ihrer Karriere als zeitlich begrenztes Projekt ansieht. Er wird sich 'verändern', wie man so schön sagt, früher oder später. Und ich habe das Gefühl, es ist eher früher. Der Vater seiner Freundin hat in Frankfurt vor kurzem die Leitung einer Firma übernommen. Vicki, Raphaels Freundin, mischt ebenfalls im Management mit und sowohl Vater als auch Tochter scheinen darauf zu drängen, daß Raphael sich ebenfalls einbringt. Er ist ganz und gar nicht abgeneigt und wenn er weg will, braucht er ja nur einen Antrag auf Entlassung zu stellen. Schade eigentlich, er ist ein verläßlicher Kollege."

"Verläßlich... Das hört sich ja nicht gerade begeistert an." Iris schnaubte es fast.

Mike hielt inne und sah ihr voll ins Gesicht. "Du glaubst doch nicht etwa der wunderbaren Welt der TV-Serien, wo die Ermittler nicht nur Arbeitskollegen, sondern auch die allerbesten Freunde sind? Wenn ich jemanden neben mir sitzen habe, bei dem ich weiß, daß er nicht nur Bulle spielt und mir im Ernstfall den Rücken deckt, ist das mehr als ich erwarten kann. Gerade ich."

"Du meinst, weil du schwul bist? Komm schon, Mike, da mußt du doch drüber stehen." Mike sah jetzt zu Eddie rüber; er hatte plötzlich das Gefühl, von beiden in die Zange genommen zu werden.

"Klar, weil ich schwul bin, was denkst du denn? Ich habe nicht umsonst Jahre für mein Coming out gebraucht. Und daß Raphael mit meiner Sexualität kein Problem hat, betrachte ich als Glücksfall." Nicht, daß ich momentan groß Gelegenheit habe, es ihm unter die Nase zu reiben. Nach Dienstschluß gehen wir beide unserer Wege und mein Programm in punkto Privatleben hat ohnehin recht früh Sendeschluß.

Als Eddie und Iris schwiegen, begriff Mike, was er angerichtet hatte. "Hey, was soll denn die plötzliche Begräbnisstimmung? Das schlägt mir auf den Magen, also hochgezogene Mundwinkel, bitte!"

"Deute ich deinen Vorwurf richtig, daß du noch ein Bier willst?" Eddie hielt schon die volle Flasche in der Hand.

"Da ich ja nicht fahren muß, nur her damit."

Iris ließ sich nicht so leicht von dem Thema abbringen. "Aber was passiert, wenn dieser Raphael wirklich den Dienst quittiert?"

"Ich bekomme - irgendwann - einen neuen Partner. Nur habe ich nicht vor, mir darüber jetzt schon den Kopf zu zerbrechen. Und niemand kann so grauenhaft sein wie Kallenbach oder Deichsel." Nach Chris Schwenks schon legendärem Ausbruch, der ihm den Spitznamen 'Krawalltunte' in der Abteilung eingebracht hatte, war niemand so dumm gewesen, gewisse Antipathien oder Vorbehalte gegen Schwule offen nach außen zu tragen. Doch die Zeit heilt alle Wunden, selbst blutig geschlagene Nasen und angekratzten Stolz, und irgendwann entwickelte sich die Stimmung in der Abteilung zurück zum Normalen. Mit dummen Sprüchen und Anspielungen kam Mike klar, das waren reine Schulhofspielchen, das Niveau, das Kallenbach seinen Busenfreund Deichsel ausweiden ließ. Kallenbach spezialisierte sich auf andere Taktiken. Obwohl nach außen völlig korrekt, ließ sein ganzes Verhalten Mike spüren, was der liebe Kollege von Schwulen im Polizeidienst hielt. Weniger als nichts. Sah Mike als einen Außenseiter und potentiellen Störenfried. Mike war wirklich froh, daß Raphael tough und in seinen Ansichten unabhängig genug war, das abzukönnen.

"Außerdem geht so was nicht so schnell über die Bühne, wie es sich anhört." Er hatte Chris' Namen schon auf den Lippen, um ihn als Beispiel anzubringen, und hielt sich im letzten Moment zurück. Eddie wäre bestimmt nicht begeistert, von dem Mann zu hören, in den er - Eddie - sich im letzten Sommer so Hals über Kopf verliebt hatte, unglücklich verliebt, wohlgemerkt, und der letzten Endes als unerreichbares Traumbild dafür gesorgt hatte, daß Mikes und Eddies Liebesgeschichte gerade mal sechs Monate überstanden hatte.

Ja, klar will er nichts von Chris hören. Er hat dich ja auch ganz beiläufig nach deinem neuen Partner gefragt. Und hast du seinen Hundeblick vergessen, den er bekam, wann immer du auch nur Chris' Namen erwähnt hast? Nichts hatte sich geändert. Für ein paar Informationen über Chris vergaß Eddie jede Rücksichtnahme. Und Mike ritt der Teufel, als er diesen Gedanken aufnahm. "Aber ihr habt ja selbst mitgekriegt, wie lange Chris gebraucht hat, bis die hohen Herren ihn endlich versetzt hatten. Dazu braucht es schon einen Sturkopf wie Chris Schwenks, wenn man diesen Aufwand auf sich nehmen will." Mike sah Eddie an und bei seinem Anblick verkrampfte sich sein Magen. Du willst noch mehr hören? Kannst du haben. "Bereut hat er es jedenfalls nicht. Sein neuer Chef, Krause, ist wohl schwer in Ordnung, und er hat den Antrag ja nicht nur gestellt, um aus der alten Abteilung rauszukommen und sich beruflich zu verändern." Mike verfluchte sich selbst für seine eigene Feigheit. Selbst jetzt, wo er die Gelegenheit zu einem Tiefschlag hatte, wurde ein harmloser Knuff daraus. Aber nach Eddies Gesichtsausdruck, eine Mischung aus Traurigkeit und Sehnsucht, zu urteilen, hatte wenigstens der gesessen.

Und da war ja noch Iris, die natürlich bei der Anspielung nachhakte. "Ach ja, seine reizende Kollegin! Helen!" Der Name hallte förmlich nach in der folgenden Stille. Iris sah von Mike zu Eddie, dann wieder zurück zu Mike. "Was ist denn, Jungs? Stimmt da was nicht?"

Mike schluckte und beschloß, Eddie zu ignorieren. Anscheinend waren Neuigkeiten über Chris das einzige, was er wollte, egal wie diese Neuigkeiten aussahen. "Ganz im Gegenteil. Die beiden sind immer noch zusammen. Ich habe sie länger nicht getroffen. Unter der Woche klappt es meist wegen unserer Arbeitszeiten nicht und am Wochenende versucht Helen, Chris ein wenig zu erziehen. Oder zumindest haben sie einen Deal laufen. 'Tausche einen Nachmittag Museumsbesuch gegen ein Spiel bei der Eintracht.'"

"Interessante Geschichte. Das bringt mich tatsächlich auf eine Idee."

Eddie räusperte sich. "Noch eine Idee, Mutter? Ich warte immer noch auf deine erste. Vor allem, was die mit mir zu tun hat."

Ein kleiner Teil von Mike bedauerte Eddie, aber nach dem, was Eddie gerade abgezogen hatte, war dieser Teil merklich geschrumpft. So konnte er sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen, als sich Iris kerzengerade aufrichtete, Besteck und Geschirr von sich schob und die Ellbogen auf den Tisch legte. Jetzt kommt es.

"Ich denke, ich habe dich lang genug auf die Folter gespannt."

Iris machte eine Pause und Eddie grollte nur, "Mutter!"

Sie legte ihre Hand auf seinen Unterarm. "Entschuldige, ich fange ja schon an. Ich habe dir doch erzählt, daß ich seit etwa einem Monat offiziell Mitglied bei dem Förderkreis ARSenal bin. Reingeschnuppert habe ich ja schon länger. Wir kümmern uns um junge Künstler mit Talent und mutigen Ideen. Im Vordergrund steht nicht die finanzielle Unterstützung. Uns geht es vielmehr darum, den Künstlern die Möglichkeit zu bieten, sich einem interessierten Publikum vorzustellen. Wer Mitglied wird, verpflichtet sich dazu, diese Events zu organisieren. Ausgefallen müssen sie sein, das ist der einzige Maßstab. Und die Verpflichtung ist recht locker gehandhabt. Deshalb haben wir diese regelmäßigen Meetings, um Ideen auszutauschen und uns abzustimmen."

"Wie ich dich kenne, wirst du da keine Probleme haben. Und da du jetzt hier sitzt..."

"... sollte dir klar sein, daß ich schon ein Event im Kopf habe und daß ich dazu deine Unterstützung brauche. Und zwar in Form deiner Werkstatträume."

"Aha", machte Eddie und rutschte auf seinem Stuhl hin und her. "Was hast du denn vor mit meinem Heiligtum?"

"Nicht mit deinem Heiligtum, sondern in deinem Heiligtum, mein lieber Eddie. Es gibt da ein Trio, das Puppenspiele aufführt. Genauer gesagt agieren die Schauspieler, als wären sie lebensgroße Puppen. Ihre Stücke sind einfach nur gut. Wir würden in deiner Werkstatt die Bühne aufbauen, sie spielen etwas aus ihrem Repertoire. Vor ausgesuchtem Publikum natürlich, ich bin mir der räumlichen Zwänge durchaus bewußt. Aber das Ambiente wäre etwas besonderes."

"Aha", kam es wieder von Eddie. "Da der finanzielle Aspekt nicht im Vordergrund steht, stelle ich die Räume quasi für einen guten Zweck zur Verfügung, ja?"

"Es wäre an einem Sonntag, Eddie-Schatz. Vormittags Aufbau, dann ein Brunch, den der Verein sponsert, mit anschließender Aufführung. Oder alternativ erst die Aufführung mit anschließendem Imbiß. Spätestens abends um acht ist der Spuk vorbei und wir können den Urzustand wiederherstellen." Eddie hob eine Augenbraue und Iris fügte schnell hinzu. "So gut es eben geht."

Eddie sah zu Mike herüber. "Wie lange weißt du denn schon davon?"

"Gerade mal zwei Stunden. Iris dachte, ich könnte zum einen bei dem Drumherum behilflich sein--"

"Du? Mit deinen ganzen Allergien, die immer dann auftreten, wenn es um körperliche Arbeit geht?"

Mike spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg, ging aber nicht auf Eddies Bemerkung ein. "-- und dir außerdem moralische Unterstützung bieten."

"Wieso?" Eddie sah Iris funkelnd an. "Was hast du mir nicht gesagt?"

"Ich will nicht nur deine Werkstatt für einen Tag, ich möchte, daß du an dem Tag zugegen bist. Als Gastgeber sozusagen."

"Kommt überhaupt nicht in die Tüte. Über die Werkstatt können wir reden, wenn ihr mir garantiert, daß meine Schätze in Sicherheit gebracht werden, und wenn ihr ausreichend versichert seid. Aber ich spiel doch da nicht den Kasper."

"Sollst du ja gar nicht. Es geht um die Publicity. Das ist ein lokales Ereignis von Medieninteresse. Zumindest die Printmedien werden berichten. Du bist Geschäftsmann, Eddie, und diese Art von Werbung ist unbezahlbar."

"Was hat ein Autoschrauber mit Kunst am Hut?"

"Nichts. Außer der Autoschrauber will mehr aus seiner Karriere machen." Das saß. Eddie wurde etwas blaß und Iris setzte gekonnt nach. "Was glaubst du, wie viele solcher Chancen sich dir bieten werden? Ehrliche und harte Arbeit ist gut und schön, aber solange niemand hinschaut... Ich verlange nicht von dir, daß du ein Kunstinteresse vorgaukelst, das du nicht empfindest. Sei einfach du selbst, das reicht völlig. Das Argument, ein gutes Projekt unterstützen zu wollen, ist doch in Ordnung. Und es ist sogar ehrlich gemeint. Denn du warst doch bereit, mir die Werkstatt zu überlassen, bevor du die 'Hinterlist' in meinem Plan erkannt hast." Eddie schwieg und sie alle wußten, daß Iris gewonnen hatte. "Sag mir, daß es nicht wahr ist und wir vergessen die ganze Geschichte. Egal, wie du dich entscheidest, ich werde dir keine Vorwürfe machen."

Mike konnte erkennen, wie es in Eddie arbeitete. Fast wäre er mit dem Rest der Geschichte rausgerückt, aber das war Iris' Spiel. Trotzdem kam er nicht umhin, sich daran zu erinnern, wie er zusammen mit Chris auf Eddie eingeredet hatte, daß er den Absprung wagen sollte. Und er war heilfroh gewesen, als endlich klar war, daß sie ihn nicht nur überredet, sondern auch überzeugt hatten. Iris kannte auch den Unterschied, denn sie ließ Eddie Zeit, eine Antwort zu finden.

"Ich suche nach einem Haken und finde keinen. Das sollte mich nervös machen, besonders bei dir, Mutter."

Iris lächelte und stützte ihr Kinn auf die Handfläche. "Ich finde, ich habe dir Haken genug präsentiert. Den Event zu organisieren wird kein Zuckerschlecken und ich zähle auf eure tatkräftige Mithilfe."

"Mike?"

"Also ich mach' mit, wenn du es tust. Wird vielleicht ganz spannend. Und was meine Allergien angeht... mit Autos und Ersatzteilen hatte ich noch nie Probleme. Wer hilft denn sonst noch bei der Vorbereitung, Iris?" Mike konnte sein schlechtes Gewissen wegen dieser Halbwahrheiten nicht beruhigen und es fiel ihm schwer, Eddie offen anzusehen.

"Da sind natürlich die anderen Mitglieder, die sich um das Catering und die Einladungen und die Presse und all das kümmern werden. Wir müssen nur das Setting vorbereiten. Und eine Art Vorbesichtigung wäre nicht schlecht. Also wenn das Trio Infernale, so heißen die Jungs origineller Weise, ein paar Tage vorher bei dir vorbeikommen könnten, wäre das ideal."

"Wann soll's denn über die Bühne gehen?"

In Iris' Stimme schwang ein Anflug von Triumph mit. "In etwa zehn Tagen, erstes Wochenende im August. Du wirst es nicht bereuen, Eddie-Schatz."

Eddie standen die Zweifel deutlich ins Gesicht geschrieben und Mike hatte ebenfalls Bedenken. Aber Iris hatte gerade erfolgreich ihre zweite Maus verspeist.

 

***
 

"Ich hätte wirklich ein Taxi nehmen können." Eddie blickte kurz zu ihm herüber und Mikes Unbehagen wuchs.

"Laß das, ja."

"Was soll ich lassen?"

"Mach nicht einen auf höflich. Das paßt nicht zu dir."

Eddie hatte Recht, aber Mike hatte sein Schweigen nicht mehr ausgehalten, und mit dem, was er wirklich auf dem Herzen hatte, wollte er schon gar nicht rausrücken. Da war Verteidigung zur Abwechslung mal besser als Angriff. "Was paßt denn zu mir?"

"Auf keinen Fall der Auftritt von heute abend. Du und meine Mutter! Mein Leben ist so schon kompliziert genug."

"Du hattest deine Chance, uns vor die Tür zu setzen. Und ich habe Iris nur zugesagt, daß ich ihr... ich meine dir... ach verdammt, daß ich helfen würde, diesen Event umzusetzen. Nichts weiter."

"Schon gut, ich glaub's dir ja. Aber Iris vor die Tür zu setzen... Wirklich toller Vorschlag, Mike. Gegen meine Mutter bin ich noch nie angekommen, vergiß es."

"Und deshalb läßt du deinen Frust jetzt an mir aus? Echt Weltklasse. Danke!" Mike war klar, daß er im Grunde nichts anderes tat, aber er würde sich nicht von Eddie in die Ecke drängen lassen. Nicht diesmal. "Und du kannst es dir ja immer noch überlegen. Wenn du die ARSenal-Geschichte nicht durchziehen willst, warum sagst du das Iris nicht einfach? Ich hatte vorhin nicht das Gefühl, daß sie dich zu irgendwas gezwungen hat."

Wieder ein Seitenblick. "Auf welcher Seite stehst du eigentlich, Mike? Ich denke, du stellst Ehrlichkeit über alles."

Das hatte ja kommen müssen. "Das mit der Ehrlichkeit funktioniert nur dann, wenn der andere die Wahrheit auch hören will. Es würde schon helfen, wenn du Iris erzählst, warum wir uns getrennt haben. Dann würden ihre Versuche, uns wieder zusammenzubringen, wahrscheinlich aufhören." Das 'wahrscheinlich' war eine Einschränkung, die bei Iris einfach notwendig war. Bei ihr konnte man nie wissen.

"Dann gibst du also zu, daß das heute Abend wieder so ein Versuch war?"

"Spinnst du jetzt total? Natürlich nicht. Und ich dachte, Iris hätte dir das klargemacht."

"Sie hat's versucht, aber nach dem, was du so während des Abendessens von dir gegeben hast... Von deinen Blicken mal ganz abgesehen... Du würdest doch alles dafür geben, wenn du mich jetzt vernaschen könntest!"

Mike mußte mehrmals schlucken, um Eddie nicht anzubrüllen. Ruhig war seine Stimme dann aber immer noch nicht. "Na, da ist der Herr ja wohl auch Experte! Ich habe diese 'Blicke', die du mir unterstellst, bei dir oft genug gesehen, selbst wenn das Objekt deiner Begierde noch nicht mal anwesend war. Und ich habe niemals einen Hehl daraus gemacht, daß ich dich immer noch liebe. Das wird sich auch nie ändern." Nur der Preis ist mir mittlerweile zu hoch geworden. Aber diesen Gedanken konnte und wollte er nicht aussprechen. Dann wäre alles aus und er würde Eddie nie mehr wiedersehen können. "Und das gibt mir zumindest das Recht, mir um dich Sorgen zu machen. Und bei Iris ist das im Grunde nichts anderes. Wir wollen dir verdammt noch mal helfen. Wenn das dein Leben kompliziert macht, bleibt dir gar nichts anderes übrig, als damit klarzukommen."

Wieder schwieg Eddie, aber diesmal war Mike froh darüber. Er brauchte jetzt jede Minute, um sich wieder zu beruhigen. Er war drauf und dran, Eddie für ganz zu verlieren. Und so weh es tat, ein Teil seines Leben zu sein, war doch die Alternative völlig undenkbar.

Eddie hielt vor Mikes Haus, stellte den Motor ab. Sagte immer noch nichts, sah Mike auch nicht an. Nach der berühmten halben Ewigkeit sagte Mike, "Du kannst hier nicht stehenbleiben."

"Ich weiß. Bin ja nicht das erste Mal hier." Eddie knipste die Innenbeleuchtung an. Er drehte sich zu Mike um. "Es ist nur so unfair, Mike. Jedes Mal, wenn ich dich sehe, kann ich nur an Chris denken. Und will eigentlich nur über ihn sprechen, etwas von dir über ihn erfahren. Es tut weh, aber gleichzeitig brauche ich es wie ein Süchtiger seinen nächsten Schuß. Und das Schlimmste ist... jetzt, wo du nicht mehr mit ihm zusammenarbeitest--"

Mike schnürte es bei Eddies Anblick die Kehle zu. Jeder Mann mit nur einem Funken an Verstand würde jetzt aus diesem verdammten Auto steigen und das Kapitel Edgar Sänger ein für alle mal beenden. Aber Mikes höhere Gehirnfunktionen setzten in Eddies Gegenwart regelmäßig aus. Das war die Komplikation, mit der er leben mußte. Eddie streckte seine rechte Hand aus, legte sie an Mikes Wange, der sich nicht daran erinnern konnte, daß ihn Eddie jemals derartig zärtlich berührt hatte. "Jetzt, wo ich nicht mehr mit ihm mehr zusammenarbeite, tauge ich nicht mal mehr dazu, dich mit diesem Schuß zu versorgen", brachte er Eddies Feststellung zu Ende.

"Es tut mir leid, Mike."

Tut es nicht. Tat es dir nie. Das ist nicht das Problem. Das Problem ist, daß du glauben willst, daß es dir leid tut. Er griff Eddies Handgelenk und zog die Hand weg. Drehte sie um und hauchte einen Kuß auf die Innenfläche. "Verrückt, was? Wir haben vor Monaten aufgehört, miteinander zu schlafen, und machen erst jetzt Schluß. Was für eine Verschwendung."

"Wenn du willst, komme ich mit rauf."

Das Angebot war so verlockend wie schockierend. Ein Fick zum Abschied? Vielleicht aus Mitleid? Selbst wenn Eddies Motivation seine eigene Verzweiflung ist... "Lieber will ich in der Hölle schmoren. Das ist vorbei. Aber du wirst mich nicht aus deinem Leben raushalten. Das ist verdammt noch mal der einzige Gefallen, den ich dir nie tun werde."

 

 

***
 
Mittwoch, 23. Juli 1997

 

Als Mike die Tür zum Büro öffnete, stand Raphael an seinem Schreibtisch. "Einen Moment, er kommt gerade zur Tür rein." Raphael hielt den Telefonhörer in Mikes Richtung. "Für dich, Mike. Iris Sänger?"

Mike tauschte die Hermanns-Akte, die er von der Spurensicherung geholt hatte, mit dem Hörer und setzte sich. "Iris? Eine Sekunde, ja?" Ohne auf die Antwort zu warten, bedeckte er die Muschel mit der rechten Hand. "Sieh dir mal den Bericht über die Fingerabdrücke an, die die Kollegen auf dem schwarzen Golf gefunden haben. Das sollte selbst Ehrenberger genügen."

"Du siehst aus, als hättest du einen Sechser im Lotto."

"Fast, Raphael, fast. Wenn wir es gefickt einschädeln, kriegen wir nicht nur Hermanns, sondern auch..." Mike machte eine Pause, bis Raphael die relevante Seite gefunden hatte.

"Kuralik und Paulsen."

"Nette Überraschung, was? Und du hast die Ehre, die Kollegen in Wiesbaden zu kontaktieren. Natürlich nachdem wir den Chef von der neuen Sachlage in Kenntnis gesetzt haben." Raphael grinste, als hätte ihm Mike gerade den besagten Hauptgewinn überreicht. "Ist doch nur fair. Dein Informant, deine frohe Botschaft."

Er nahm die Hand von der Muschel. "So, jetzt bin ich für dich da."

"Mike, Lieber, ich komme gerade von Eddie. Die Jungs vom Trio haben sich bereits die Werkstatt angesehen und sind hin und weg. Mein Sohn war einfach Zucker. Er war sogar einverstanden, daß wir für eine Presseankündigung ein paar Fotos von der 'Location', so wie sie normalerweise genutzt wird, machen können. Oder sie nutzen die Bilder für diesen Vorher-Nachher-Effekt, ich hab das gar nicht so mitbekommen. Ich war etwas nervös, daß Eddie vielleicht doch noch einen Rückzieher machen würde."

Mike lachte; Iris hörte sich an wie ein junges Mädchen. Was immer sie für Hintergedanken bei dieser Aktion haben mochte, ihre Begeisterung für das Projekt war echt. "Du solltest Eddie besser kennen. Würde er nie tun."

"Weiß ich, weiß ich. Aber ich war trotzdem nervös. Jetzt ist alles gut."

"Du meinst, abgesehen von all der Arbeit, die auf deine Sklaven zukommen wird?"

"Das schaffen wir mit links. Jede zusätzliche Hilfe wäre allerdings willkommen."

Mike sah lächelnd in Raphaels Richtung, der leise vor sich hin summte, als er den Bericht der Spurensicherung durchging. "Ich kenne da jemanden, der gerade in genau der richtigen Stimmung ist, mir einen kleinen Gefallen zu tun."

Iris schwieg für einen Augenblick und lachte dann leise. "Ich scheine auf dich aufzufärben, mein lieber Mike."

"Ich sollte mir wirklich Sorgen machen, meine liebe Iris. Aber bitte denk dran, daß mein Job für Überraschungen der unangenehmen Sorte gut ist. Ich habe zwar Urlaub für das Wochenende einschließlich den Montag angemeldet, aber gegen die Entscheidungen höherer Mächte habe ich keine Chance."

"Die Notfallnummer der Studentenvermittlung ist in meinem Handy eingespeichert."

Da spielt Eddie wohl kaum mit. Aber Mike hatte weder Zeit noch Lust, diese Eventualität zu diskutieren. "Steht schon der Zeitplan?"

"Eddie wird bereits samstags nach Feierabend mit dem Um- und Aufräumen beginnen, so ab sieben. Es wäre sehr schön, wenn du oder ihr dann schon mithelfen könnt. Je nachdem, wie weit ihr kommt, treffen wir uns dann wieder am Sonntag früher oder später."

"Alles klar, ich werde sehen, was ich tun kann. Rechne mich für Samstag abend ruhig ein." Mike wollte sich schon verabschieden, da fiel ihm etwas ein. "Ach, Iris? Denk bitte daran, daß euer Verein seine Hausaufgaben in punkto Genehmigung und Versicherung macht. Die zuständigen Behörden sind immer wieder begeistert, wenn sie aus der Presse von nicht angemeldeten Veranstaltungen erfahren."

"Das werde ich gleich heute Nachmittag abklären, Mike. Ich gehe davon aus, daß es in der Hinsicht keine Schwierigkeiten geben wird. Es ist ja nicht die erste Veranstaltung dieser Art, die der Verein ausrichtet."

"Aber es ist die erste Veranstaltung, wo ich vielleicht einigen Kollegen erklären muß, was speziell ich dort zu suchen habe."

"Dein Sinn für Abenteuer ist nicht sehr ausgeprägt, mein lieber Mike."

"Mir ist meine Pension auch lieber. Und jetzt laß uns Schluß machen, offiziell bin ich immer noch bei der Kripo beschäftigt."

"Warte, Mike. Ich dachte, ich lade dich und Eddie heute Abend zum Italiener ein, als kleines Dankeschön im Voraus. Ganz ohne Hintergedanken."

Mike schielte zu Raphael rüber, der immer noch in seine Akten vertieft zu sein schien. Doch jede wahrheitsgemäße Entgegnung würde eine langatmige Erklärung nach sich ziehen, und weder Zeit noch Ort waren passend. "Danke für das Angebot, aber ich muß passen. Ich hab' Training und fest für ein Sparring zugesagt." Die kleine Lüge war offensichtlich, aber Mike hoffte, daß Iris begriff, was los war.

"Verstehe." Nach einer kaum merklichen Pause sagte sie mit wesentlich sanfterer Stimme. "Mike, es tut mir wirklich leid."

Dir muß es nicht leid tun. Laut sagte er nur, "Mir auch."

"Wann immer du reden willst, du weißt, daß ich für dich da bin."

Ja, genau wie für Eddie auch. Und wenn es hart auf hart kommt, für wen wirst du dich dann entscheiden? "Werde ich. Versprochen." Und er meinte es auch wirklich so, trotz des unfairen Gedankens von gerade. Ungeachtet der Tatsache, daß sie Eddies Mutter war, konnte er mit ihr noch am besten reden. Vielleicht sogar deswegen.

"Tschüß, Mike. Wir sehen uns in zehn Tagen." Und damit legte sie auf. Mike schlug mit dem Hörer leicht gegen sein Kinn. Besser er rief sie später noch mal an und klärte, warum er dem gemeinsamen Abendessen nicht zugestimmt hatte. Nicht, daß sie auf dumme Gedanken kam. Aber die Gefahr bestand nicht wirklich. Eher kam Iris auf schlaue Gedanken. Und das war noch gefährlicher.

"Muß ich mir Sorgen um dich machen, Mike?"

Mike schrak hoch und knallte den Hörer fast auf den Apparat. "Was?"

"Nun ja... Iris? Und es tut dir leid, daß du ein Angebot von ihr ablehnen mußt?" Raphael schüttelte grinsend den Kopf. "Ich muß sagen, du überraschst mich."

"Du hast Glück, daß Lauschen eine unter Kollegen anerkannte Berufskrankheit ist..." Mike konnte selbst ein Grinsen nicht unterdrücken. Raphaels Flachs half ihm tatsächlich, sich von seinen Grübeleien loszureißen. "Iris ist die Mutter meines Ex und eine wirklich gute Freundin."

"Du hast mit ihrem Sohn Schluß und sie redet noch mit dir. Interessant. Und sie hat eine überaus sympathische Stimme. Was ist mit dem Rest?"

Auch ohne daß Raphael plastische Gesten vollführte, wußte Mike, worauf Raphael hinauswollte. "Wahre Klasse, halt. Viel zu viel Klasse für einen ehrgeizigen Polizisten, der angeblich in einer festen Beziehung lebt."

"Was heißt hier angeblich?" Raphael schmiß die Akte auf den Tisch und lehnte sich genüßlich lächelnd zurück. "Die goldenen Fesseln werden schon geschmiedet."

"Was? Du meinst--"

"--daß die Verlobung an ihrem Geburtstag Ende August steigen wird. Mit Glanz und Gloria und allem Pi-Pa-Po. Dafür sorgt schon der Herr Papa!"

"Und das sagst du mir einfach so?" In Mikes Kopf hallten seine Bemerkungen von gestern Abend wider. Klar, so schnell geht das nicht.

"Na ja, die offizielle Einladung geht nächste Woche raus. Was hast du denn erwartet? Daß ich dich um Erlaubnis frage?" Raphael klang eindeutig amüsiert.

"Quatsch." Mikes Stimme klang rauh in seinen eigenen Ohren. Er räusperte sich und versuchte, sich zusammenzureißen. "Es kommt nur so plötzlich. Und viele Männer reagieren etwas anders, wenn sie... nun ja, an die Kette gelegt werden."

Raphael lachte. "Nun, nicht jeder Mann kann so ein Glück haben wie ich. Viktoria Kappenberg ist doch so was wie ein Hauptgewinn. Sieht einfach nur geil aus, nett im Bett, sehr nett sogar, hat Geld und Kontakte..." Er grinste noch ein bißchen breiter und sah Mike herausfordernd an.

"Ich hab's begriffen. Und mir graut davor, daß du noch anfängst, ihre ganzen inneren Werte aufzuzählen." Mike hatte keine Mühe, sarkastisch zu klingen.

"Ach komm schon, Mike, mach hier jetzt nicht einen auf moralisch. Ich hab das Mädel wirklich gern. Aber soll ich auf die ganzen Annehmlichkeiten spucken, nur um meine Ehrenhaftigkeit zu demonstrieren? Vickilein weiß, daß ich sie liebe. Und daß ihr Vater meine Fähigkeiten nicht nur zu schätzen weiß, sondern auch in der Lage ist, mir eine entsprechende Anstellung anzubieten, ist doch ein Bonus."

"Kriege ich darüber, wenn du hier den Sittich machst, auch noch offiziell Bescheid?"

Das Grinsen verschwand abrupt und Raphael beugte sich vor, legte die Ellbogen auf den Schreibtisch. "Jetzt begreife ich. Daher weht der Wind."

"Ja, genau daher weht der Wind. Hast du gedacht, ich wäre begeistert, daß du hier nur ein kurzes Gastspiel gibst?"

"Nein. Ich meine... Keine Ahnung, ich hab' mir nicht groß Gedanken darüber gemacht. Hab' mir noch nicht mal groß Gedanken darüber gemacht, daß es dir was ausmacht. Ich hab ja nie einen Hehl daraus gemacht, daß ich nicht ewig bei der Truppe bleiben werde. Nichts für ungut, Mike, und schon gar nichts gegen dich... Der Job hier ist nicht gerade der Traumberuf. Nicht, daß mir die Arbeit an sich nicht gefällt; ich will ja auch im Bereich Sicherheit bleiben. Aber die Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten kannst du doch grad mal vergessen, zumindest verglichen mit dem, was mir die freie Wirtschaft bietet. Dann die grauenhaften Arbeitszeiten--" Raphael brach ab, schien zu begreifen, wie seine Worte auf Mike wirken mußten. "Scheiße, Mann, nicht jeder kann ein so guter Bulle sein wie du."

Mike war verblüfft und zeigte es auch. "Du hältst mich für einen guten Bullen?"

"Ja, klar, du bist genau der Typ, der aus den richtigen Gründen bei der Truppe ist."

Mike lächelte schief. "Das ist eines bescheuertsten Komplimente, die ich jemals gehört habe."

"Ist kein Kompliment, ist ehrlich gemeint. Und ich find es wirklich... na ja, es macht mich stolz, daß es dir etwas ausmacht, wenn ich hier abhaue."

Das tat es wirklich. Der Gedanke kam etwas überraschend, bisher hatte sich Mike in erster Linie darum Sorgen gemacht, daß er bald wieder mit Deichsel und Kallenbach abhängen und wahrscheinlich Monate auf einen neuen Partner warten mußte. Doch in diesem Augenblick wurde ihm bewußt, daß er sich an Raphael nicht nur gewöhnt hatte, sondern ihn auch für einen guten Mann hielt. "Du hast alle Möglichkeiten, auch ein... guter Bulle zu werden."

"Das meinst du ernst, was? Du willst mich nicht nur belatschern?" Es war keine Frage, nicht mal eine rhetorische. "Ein paar Wochen bleibe ich dir noch erhalten. Noch habe ich den Antrag nicht eingereicht; du weißt ja, wie schnell sich so etwas herumspricht. Du kannst dich darauf verlassen, daß ich den Job hier vernünftig zu Ende bringe." Raphael sah ihn ernst an und fast rechnete Mike damit, daß er ihm die Hand geben würde, um das Versprechen zu besiegeln. Der Moment verging und Raphael grinste wieder. "Vielleicht wirst du nach einem langen heißen Sommer froh sein, daß du mich los wirst."

Mike nickte in Richtung Fenster, wo die Regentropfen an die Scheiben klatschten. "Dazu muß es erst mal ein langer heißer Sommer werden."

"Du hast heute nicht gerade deinen optimistischen Tag, Mike. Aber du kannst mir die gute Laune nicht mehr verderben. Nicht nach dem hier." Raphael hielt die Akte hoch. "Das wird doch eine wahre Parade für uns."

"Für uns?" Es war raus, bevor Mike es runter schlucken konnte. Er haßte es, Raphael seine Illusionen zu nehmen. "Sorry, daß ich dich enttäuschen muß, aber unsere Parade wird das wirklich nicht." Als Raphael ihn verständnislos anstarrte, zuckte er mit den Schultern. "Mann, das kann dich doch wirklich nicht überraschen. Kuralik und Paulsen, die sind nicht unsere Liga. Das LKA wird sich Hermanns schnappen und grillen, um die beiden aus dem Verkehr zu ziehen."

"Aber du hast doch vorhin noch gesagt... Wenn wir es geschickt anstellen..."

Hatte er. "Hab ich auch. Aber das war doch nicht so gemeint, daß wir beide-- Ach Scheiße, Raphael, damit wollte ich doch nur ausdrücken, daß wir diese Typen von der Straße kriegen. 'Wir' wie in... na, wie in wir halt. Wir und die Jungs in Wiesbaden."

Raphael starrte ihn immer noch an, schüttelte langsam den Kopf. "Wenn du jetzt noch den Spruch bringst 'ist doch egal, wer die Lorbeeren einheimst', hau ich dir eine rein, Mike, Boxer oder nicht Boxer!" Wieder schüttelte er den Kopf, dann nickte er lächelnd. "Siehst du, ich hatte Recht."

Jetzt war es an Mike, seinen Partner anzustarren. Er hatte tatsächlich für ein paar Minuten gedacht, Raphael wäre sauer auf ihn. "Womit hast du Recht gehabt?"

"Daß du ein guter Bulle bist. So im richtig altmodischen Sinn!" Mike merkte, wie ihm warm wurde. "Junge, du wirst ja rot!"

"Und du hast kein Taktgefühl und kein Respekt vor dem Alter."

"Okay, der Herr Hauptkommissar wollen Respektbezeugungen. Reicht strammstehen oder auch noch salutieren?"

Raphael hatte erreicht, was er wohl im Sinn gehabt hatte. Mikes Verlegenheit war den Bach runter, wie auch seine Befürchtungen, was oder besser wer nach Raphael auf ihn zukommen könnte. Er sollte sich auf das konzentrieren, was vor ihnen lag. Und speziell vor ihm lag. "Rufst du also in Wiesbaden an?"

"Und ich mach auch den Bericht für Ehrenberger fertig."

"Einfach so? Ohne Gegenleistung?"

"Ich dachte, du könntest mich dieser Iris vorstellen."

Mike grinste. Das war ja eine hervorragende Eröffnung. "Gerne. Wie sieht deine Planung für übernächstes Wochenende aus?"

"Das meinst du ernst." Es war offensichtlich, daß Mikes Reaktion Raphael aus dem Konzept gebracht hatte.

"Völlig. Ich könnte dich vor Iris warnen, aber das hätte gar keinen Zweck, das mußt du schon selbst herausfinden, auf was du dich da einläßt."

"Falls du glaubst, ich kneife--" Raphael brach ab und beäugte Mike mißtrauisch. "Was läuft hier eigentlich?"

"Kommt ganz auf dich an. Iris plant einen kulturellen Event, alles ehrenamtlich, jede zusätzliche helfende Hand ist herzlich willkommen."

"Was läuft da ab? Für die Helfer meine ich."

"Wir räumen eine Autowerkstatt aus."

"Ist ja nix Neues für uns."

"Und nachher wieder ein."

"Das ist neu." Raphael rieb sich die Nasenspitze, als könnte ihm das bei der Entscheidungsfindung helfen. "Kultur in der Werkstatt sozusagen. Das hat was. Solange du daran denkst, daß ich im Moment körperlich etwas eingeschränkt bin." Er deutete auf seine linke Schulter.

"Wie könnte ich das vergessen? Heute morgen hast du es wie oft beiläufig erwähnt? Sieben-, achtmal? Oder sind wir schon zweistellig? Seltsam, daß es dir immer dann einfällt, wenn sich ein weibliches Wesen nach deinem Befinden erkundigt." Mike fiel es leicht, über die Verletzung zu spötteln, nachdem klar war, daß es wirklich nichts Ernstes war. "Keine Sorge, wir werden schon eine adäquate Beschäftigung für dich finden. Du hast ja zwei Schultern."

"Ich habe noch ein Handicap. Was mache ich mit Vicki? Wochenenden gehören der Liebe. Außer wir beiden Hübschen schieben Dienst."

Bei Kallenbach hätte Mike hinter dieser Bemerkung einen schlechten Witz vermutet. Bei Raphael hakte er sie einfach ab. "Bring die Liebe mit. Ich kann ihr bestimmt eine Karte für den Event besorgen. Ist eine exklusive Geschichte."

"Hmm, das könnte ihr gefallen."

"Presse ist auch da." Es war ein Schuß ins Dunkel, aber Mike traf sogar ins Schwarze.

"Das wird ihr gefallen. Und wo findet das Ganze genau statt?"

"Alfa Romeo, Tuningwerkstatt." Mike zog seine Brieftasche aus der Jacke, die über seinem Stuhl hing, holte Eddies Visitenkarte heraus. "Hier steht alles drauf, was du wissen mußt. Wir fangen schon Samstag an, ab sieben Uhr abends."

"Samstag abend kannst du vergessen, da machen wir in Familie. Aber Sonntag geht klar, denke ich. Vorausgesetzt, Vicki spielt mit." Raphael betrachtete die Karte genauer. "Sänger? Wie in Iris Sänger?" Er sah Mike bei der Frage nicht an.

"Jep. Die Werkstatt gehört Eddie, meinem Ex. Brauchst du eine Karte oder mehr?"

"Was?" Raphael starrte immer noch auf die Visitenkarte.

"Für Vicki. Vielleicht will sie nicht allein kommen, wenn du mit uns in den Kulissen schuftest."

"Mit uns...", wiederholte Raphael langsam und ziemlich leise. Mike hatte keine Ahnung, was in ihn gefahren war.

"Hey, Erde an Raphael. Bist du noch ganz bei dir?"

Endlich sah Raphael hoch. Und jedes Anzeichen guter Laune war aus seinem Gesicht verschwunden. "Ich denke, ich muß dir was gestehen."

Mike schluckte. So wie Raphael ihn ansah, konnte es nichts Gutes sein. Er flüchtete sich in Galgenhumor. "Solange du nicht die Dienstpläne manipuliert und mir eine Woche Kallenbach als Observationspartner eingebrockt hast..."

"Es geht um Vicki. Sie weiß nichts davon, daß ich... daß du... Herrgott, das ist so was von bescheuert. Sie weiß nicht, daß ich einen schwulen Partner habe, und wenn es irgendwie geht, sollte das auch so bleiben. Das heißt, das mit der Karte kannst du mal glatt vergessen."

"Und was kann ich sonst noch vergessen?" Mike fühlte sich, als hätte Raphael ihm ins Gesicht geschlagen. Es hatte ihn unendlich viel Kraft gekostet, sein Privatleben, sein wahres Privatleben, jahrelang vor seinem Expartner geheimzuhalten. Nicht, daß es so schwierig gewesen war, es vor Chris zu verbergen. Aber es hatte ihn belastet, mit dem Menschen, der so eng und manchmal fast rund um die Uhr mit ihm zusammengearbeitet hatte, nicht offen reden zu können. Es hatte gut getan, wenigstens in diesem Punkt keine Heimlichkeiten vor Raphael zu haben. Und jetzt ging es wieder los. Hatte eigentlich nie aufgehört. Nur daß jetzt sein Partner Versteck spielte...

"Nichts weiter! Ich werde ihr sagen, daß ich an dem Sonntag was vorhabe. Mit Kollegen. Ich hab' gesagt, daß ich helfe und das tue ich dann auch. Das mit Vicki ist mein Problem und das kriege ich schon hin." Mike sah ihn an, wußte keine Entgegnung, außer Vorwürfe und vielleicht Vorurteile. "Das ist nichts, worauf ich stolz bin, Mike. Aber diskutieren hilft da nichts, ich hab's schon mehrfach angetestet. Sie macht bei dem Thema sofort zu."

"Du brauchst mir nichts zu beweisen. Es ist schon okay."

"Ist es nicht. Und ich muß nicht dir was beweisen, sondern höchstens mir selbst." Raphael suchte Augenkontakt und schließlich konnte Mike dem Blick nicht mehr ausweichen. "Wenn du noch willst, wäre ich gern dabei. Ich will immer noch Iris kennen lernen."

Mike nickte, konnte ein Lächeln nicht mehr zurückhalten. "Das wirst du, keine Sorge. Mach mir nur später keine Vorwürfe."

 

***
 

 
Samstag, 2. August 1997

 

"Stop!"

Mike gefror nahezu das Blut in den Adern bei diesem panischen Aufschrei. Langsam dreht er sich zu Eddie um, der mit erhobenen Händen keine drei Meter entfernt stand und am Boden festgewachsen zu sein schien.

"Was ist denn nun schon wieder? Ich weiß, ich soll ganz vorsichtig sein, das ist ein absolut rares Teil und du stirbst, wenn da auch nur ein Kratzer drankommt. Ich weiß das alles, Eddie. Darf ich diese verdammte Lampe jetzt nach nebenan tragen?"

Eddie begann wieder zu atmen und nickte langsam. Mike konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Du bist unmöglich, weißt du das? Wenn das so weiter geht, haben wir heute Abend vielleicht ein Dutzend der drei Milliarden Nischen frei, in die du deine Werkstatt aufgeteilt hast."

"Du übertreibst."

"Ich übertreibe? Ich übertreibe? Ahhh, ich verstehe. Herr Sänger versucht, komisch zu sein. Laß mal, heb dir die Schoten für später auf. Vielleicht wenn wir endlich soweit Land sehen in diesem Chaos, das du nicht wirklich beherrschst. Vielleicht wenn ich mich irgendwann heute Nacht nach Hause traue, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Oder hattest du vor, die Nacht durchzumachen?"

"Tut mir leid. Aber ich hatte nicht erwartet, daß es so viel sein würde."

"So viel ist es gar nicht. Nur etwas aufwendig, wenn du darauf bestehst, daß wir jede einzelne Schraube in Watte packen, bevor wir sie ins Lager bringen."

"Ich hänge nun mal an den Sachen. Und das meiste sind wirklich Sammlerstücke. Mein Kapital sozusagen."

Mike hatte Verständnis gehabt, sehr viel und sehr lange. Doch wenn er hochrechnete, wie lange sie bei diesem Tempo noch brauchen würden, bis sie Platz für Bühne und Buffet hätten, wurde ihm ganz anders. "Ich dachte, dein Kapital ist da drin." Mike deutete auf das große Schwein aus Ton, das auf einem der Regale stand und sie bei ihrer Arbeit zu beobachten schien. Eddie hatte das Teil von einem Kunden bekommen, statt einer Barzahlung. Der zwölfjährige Gereon aus der Nachbarschaft war mit seinem Rad in Eddies Werkstatt aufgetaucht, nachdem seine lieben Mitschüler es ihm ramponiert hatten. Er wollte es bei Eddie so nach und nach wieder in Ordnung bringen, je nachdem wie sein Geld dafür reichte. Eddie hatte es dann in einer Nacht- und Nebelaktion repariert. Zum Dank war Gereon mit diesem Riesenschwein aufgetaucht und war nicht davon abzubringen, es Eddie zu überlassen. Samt Inhalt. "Ist nicht viel drin, vielleicht zehn Mark." Und Eddie hatte ihn beruhigt, daß das Schwein selbst den Differenzbetrag locker abdeckte. Seit dem Tag war das Schwein festes Inventar der Werkstatt und fraß Kleingeld und manchmal auch einen Schein, alles, was sich so an Barem in Eddies Taschen ansammelte.

"Mittlerweile hat sich Napoleon ganz schön was einverleibt." Eddie sah mit einem liebevollen Blick zu dem Schwein hoch; in solchen Augenblicken wußte Mike wieder, warum er sich Eddie viel zu lange als Lover angetan hatte. Trotz aller Seelenqualen...

"Was machst du, wenn er abgefüllt ist? Schließlich ist er mehr oder weniger ein Schlachtsparschwein..."

"Na ja, da werde ich etwas Geschick und ein paar Hilfsmittel aufwenden, um ihn durch den Schlitz zu leeren. Schlachten kommt nicht in Frage. Was soll denn Gereon denken, wenn er mich besucht und Napoleon ist nicht mehr da?"

"Kommt er in der neuen Schule besser klar?" Mike hatte noch mitbekommen, wie Gereons Klassenkameraden ihre Tyrannei immer weiter getrieben hatten. Auf Eddies Drängen hatte Gereon mit dem Rektor der Schule gesprochen, der sich die Jungen zwar vorgenommen hatte, aber das Ganze endete eher mit Schreckschüssen für die Übeltäter. Und mit Tagen voller Angst für Gereon. Eddie war drauf und dran gewesen, sich die kleinen Monster vorzuknöpfen, aber Mike hatte abgeraten. Bei Eddies Vergangenheit konnte da zuviel schiefgehen. Stattdessen hatte Mike Kollegen von der zuständigen Wache gebeten, Augen und Ohren offenzuhalten, rund um den Schulhof etwas Präsenz zu zeigen. In der Zwischenzeit hatte Iris eine Freundin einer Freundin kontaktiert und einen Wechsel mitten im Schuljahr möglich gemacht. Alles wunderbar diskret und geräuschlos.

"Läuft alles erste Sahne für den Kleinen. Freunde. Spitzenzeugnis. Nur leider kriege ich ihn nur ab und an zu sehen. Die organisieren eine Menge - wie hatte Gereon das ausgedrückt? - außerschulische Aktivitäten. Sport und Kunst und was weiß ich noch alles."

"Ist doch gut, wenn er gleichaltrige Freunde hat."

"Ja klar. Und das Ganze hat noch einen Vorteil..."

Mike versuchte, eines der hüfthohen Regale aus dem Raum an die Wand und damit aus dem Weg zu schieben, und stellte fest, daß er es keinen Zentimeter bewegen konnte. "Zu Weihnachten schenke ich dir Rollcontainer. Was ist denn in all diesen Boxen? Hast du die mit Zement gefüllt?"

Eddie zuckte mit den Schultern und sagte dann mit leicht schiefem Grinsen. "Na, Ersatzteile halt."

"Mach mich nicht nervös, Edgar Sänger."

"Da ich wußte, daß ich heute die Polizei da haben würde, habe ich entsprechend vorgesorgt und alles Verdächtige weggeschafft. Ich bin doch nicht blöd."

"Du warst lang genug blöd."

Eddie seufzte. "Auch wieder wahr. Du hast eklig oft Recht, Mike."

"Ich nehme das mal als Kompliment. Hilfst du mir jetzt mit dem Regal? Ach warte... Was hältst du davon, die Oberfläche abzuräumen? Die können wir dann für das Buffet benutzen. Die Teile stehen nicht mehr im Weg und wir müssen weniger Tische hier reinschleppen."

"Davon habe ich drei Stück."

"Muß reichen, es wird ohnehin reichlich eng." Mike schnappte sich eine der leeren Transportboxen und befreite die Regaloberfläche von einem Sammelsurium an Farbtöpfen, unterschiedlichsten Behältnissen mit Schrauben und Werkzeugen. "Was ist denn der andere Vorteil?"

"Hmmmm?" Eddie wischte mit einem bereits völlig verdreckten Lappen die frei geräumten Flächen ab. Mike hielt mit seiner Beschäftigung inne und sah ihm zu.

"Sag mal, du mußt ja wirklich paranoid sein, was deinen Laden hier angeht. Du läßt mich keine Sekunde aus den Augen, du stehst mir bei jedem Schritt fast auf den Schlappen, und wenn ich auch nur in die Nähe von irgendetwas komme, spüre ich quasi deinen heißen Atem im Nacken. Hast du Angst, ich könnte was mitgehen lassen? Oder hast du doch was hier herumstehen, was ich nicht finden soll?" Letzteres war nur im Scherz gesagt, aber Eddie sah ihn an, als wäre er mit der Hand in der Zuckerdose erwischt worden. "Eddie, tu mir das nicht an."

"Nee, Mike, das ist es nicht. Mir ist nur... Irgendwie ist es mir peinlich, wie das hier so aussieht. Viele Sachen stehen hier schon Monate herum, einige sind sogar noch von dem Vorbesitzer. Ich hab mich nie groß darum geschert, aber jetzt, wo du dabei bist und ich bei der Hälfte deiner Fragen gar nicht weiß, was seit wann und warum hier steht und wo es hergekommen ist..."

Mike griff in die Box und zog einen ungefähr halben Meter langen Metallstock heraus, der zu Dreiviertel mit grauem Fell eingehüllt war. "Ich hoffe, das ist auch so ein Überbleibsel vom Vorbesitzer. Keine Ahnung, wofür das gut sein soll."

Eddie legte den Kopf schief, ging um Mike herum und besah sich das Objekt genau. "Interessant. Hab' ich noch gar nicht entdeckt. Vielleicht, wenn wir das Fell waschen... Die richtige Dicke scheint es ja--"

"Untersteh dich, deine schmutzigen Gedanken auszusprechen! Das kommt direkt in den Müllcontainer!"

"Wieso meine schmutzigen Gedanken? Ich denke an Sauberkeit. Stell dir vor, wie gut das Teil in die Zwischenräume der Heizkörper passen würde. Die sind immer so viel Staub--"

Mike schlug mit dem Stock leicht auf Eddies Kopf. "Du bist auch voller Staub und zwar da oben!"

Eddie platzte fast vor Lachen und Mike schmiß den Stock schließlich auf den Müllberg, den sie in einer der Ecken angelegt hatten. Als Eddie sich einigermaßen beruhigt hatte, griff er das Thema wieder auf. "Ernsthaft, Mike, ich bin zwar kein Ordnungsfanatiker, aber in letzter Zeit nervt es mich ziemlich, wenn hier alles drunter und drüber geht."

"Ideen hast du manchmal. Solange du klarkommst in diesem Chaos..."

"Tja, genau das ist es. Ich wurschtel mich so durch. Hier in der Werkstatt... bei der Arbeit an den Wagen... in meinem Leben. Das alles läuft schon lange nicht mehr rund. Und seit wir uns getrennt haben, ist es noch schlimmer geworden. Es hat mir irgendwie geholfen, abends mit dir über all diesen Scheiß zu reden und manchmal hat mich das Reden allein schon auf ganz gute Ideen gebracht."

Mike wußte gar nicht, wie ihm geschah, als er Eddie anblickte. Sollte der Kerl endlich begriffen haben, daß er für ihn da sein wollte und würde, wenn er ihn brauchte? Oder wo kam jetzt diese Anwandlung her? "Na, das kannst du doch immer noch haben. Du hast meine Nummern, du weißt, wo ich wohne." Eddie nickte und sah schließlich weg. Mike packte ihn an der Schulter. "Laß uns 'ne Pause machen. Dein Staub trocknet mir die Kehle aus und du hast doch bestimmt ein paar Flaschen Bier kaltgestellt."

Zwei Minuten später saßen sie nebeneinander auf Eddies Schreibtisch in dem kleinen Raum, den Eddie für den Papierkram nutzte. Erst als Mike seine Flasche halb geleert hatte, fand er seine Stimme wieder. "Okay, und jetzt raus mit der Sprache. Was ist los?"

Eddie nahm einen weiteren Schluck von seinem Bier. "Ich bin drauf und dran, Iris anzurufen, damit sie die Sache abbläst."

"Du bist nervös wegen morgen? Lampenfieber?"

"Ja und auch wieder nein." Eddie zuckte mit den Schultern. "Schwer zu erklären, Mike. Auf der einen Seite macht mir das Ganze nichts aus, finde die Idee, daß ein Theaterstück in der Werkstatt stattfindet, sogar ziemlich cool. Aber dann fällt mir ein, daß es meine Werkstatt ist und ich damit einen Teil von mir preisgebe. Sozusagen der Öffentlichkeit präsentiere. Und ich muß feststellen, daß mir der Teil gar nicht so gut gefällt. Daß ich es gern anders hätte..." Er leerte die Flasche und stellte sie hinter sich ab. "Am Tag, nachdem du mit Iris bei mir aufgetaucht bist... am Tag, nachdem wir richtig Schluß gemacht hatten... Iris und ich waren essen und sie hat die ganze Zeit erzählt und geplant und ihre Begeisterung war richtiggehend ansteckend. Alle paar Minuten hat sie mir gesagt, wie phantastisch sie findet, daß ich mitmache, daß ich diese Chance ergreife..."

Mike konnte die Szene richtiggehend vor sich sehen. Iris, die glücklich und erleichtert war, daß ihr Plan funktioniert hatte, Eddie, der mit jeder Minute stiller und nachdenklicher wurde... Eddie, der nachdachte... nur über was genau nachdachte? Mike wollte nicht riskieren, daß Eddie sein Geständnis abbrach, also wartete er einfach ab, bis er weitersprach.

"Wenn meine Mutter so etwas in die Hand nimmt, klappt es. Alles funktioniert. Und: Alle funktionieren. Du... ich... dieses komische Trio... ihre Freunde aus dem Kunstverein. Alle ziehen mit. Nicht, daß es eine supergroße Sache wird, die Iris da veranstaltet. Aber das, was sie auf die Beine stellt, macht sie... hundert Prozent. Mindestens."

Eddie hatte Recht. Vollkommen. Iris begeisterte sich und dann andere. Und nicht einer blieb stehen und fragte sich - zumindest nicht ernsthaft - warum er das tat. Warum er sich extra Urlaub nahm... Warum er ein paar Hunderter springen ließ... Mike räusperte sich und Eddie zuckte leicht zusammen bei dem Geräusch. "Sie ist hundert Prozent. Mindestens."

"Ja, ist sie. Und was tue ich? Nichts Halbes, nichts Ganzes. Komme nirgendwo an, aber laufe schon mal los, egal in welche Richtung. Habe Autos verschoben, aber nicht so richtig ernst. Nie im großen Stil, nie so, daß es mich wirklich reich gemacht hätte. Kleiner Fisch in großem Teich. Steige aus, werde ehrlich, versuche, etwas aufzubauen. Versuche es!" Er machte eine erneute Pause, sein Atem ging schneller und er sah auf seine Finger. Mike spürte, was jetzt kommen würde. "Bin der coole Schwule, verliebe mich über beide Ohren in einen Mann, der sich nicht ganz traut, auch wenn er mir schließlich getraut hat. Und weil ich das Beste nicht kriegen kann, nehme ich das Zweitbeste." Das letzte kam als Flüstern und Mike schluckte und schluckte, damit der Kloß in seinem Hals wegging. Tat er nicht. "Mache Schluß, aber nicht so richtig. Mache richtig Schluß und sitze keine zehn Tage später hier und schütte mein Herz aus. Alles nicht ganz richtig und nicht ganz falsch."

"Hast du nicht was vergessen?" Der Klumpen war immer noch da, aber Mike stellte fest, Reden ging trotzdem noch.

"Was denn?"

"Die anderen. Du redest nur über dich, Eddie. Du sitzt ja nicht allein hier. Ich könnte gehen, wenn ich wollte. Will ich nicht. Ich hätte damals nein sagen können. Hab ich nicht. Chris hätte ja sagen können. Hat er nicht. Wenn du was ändern willst, tu es. Aber ändere das, was in deiner Macht steht. Nicht die anderen. Nicht Chris. Nicht Iris. Nicht mich."

Eddie nickte. "'kay."

"Finde ich auch." Mike kalkulierte das Risiko, ob Iris ihn wohl erwürgen würde, und sagte dann, "Einer von den Kunstbesessenen morgen..."

"Ja?"

"Der hat eine Leidenschaft für Autos. Geld und Beziehungen."

Geschockt sah Eddie nicht aus. Nicht mal überrascht. Schließlich war er der Sohn seiner Mutter. "Aha. Danke, daß du es mir sagst. Jetzt habe ich wenigstens einen Grund, nervös zu sein."

"Da nicht für. Wozu sind Freunde da?"

"Freunde und Mütter, meinst du wohl."

"Das ist bei Iris dasselbe."

"Jep."

"Eddie?"

"Ja?"

"Du hast mir immer noch nichts über den anderen Vorteil gesagt, daß Gereon neue Freunde und nicht mehr soviel Zeit hat, hier aufzutauchen."

Eddie sprang vom Schreibtisch und ging rückwärts zur Tür. "Ach so. Ja. Er verkuppelt mich nicht länger mit seiner Mutter. Du siehst - das Motto meines Lebens: Nichts Halbes, nichts Ganzes."

 

***
 

 
Sonntag, 3. August 1997

 

"Klopf, klopf!"

Mike sah demonstrativ auf die Uhr, als Raphael in die Werkstatt trat. Halb neun. "Wir haben schon länger Sommerzeit. Ich weiß, du hast Probleme mit der Pünktlichkeit, aber fast neunzig Minuten?"

Raphael stellte zwei große Plastiktüten auf einem der freien Regale ab. "Wecker gestellt, aber nicht den Alarm aktiviert. Tut mir wirklich leid, aber an dienstfreien Wochenenden funktioniert das Hirn nicht so ganz."

"Aha. Ich könnte jetzt die zeitliche Einschränkung mit dir diskutieren, aber das würde zu weit führen."

"Du hättest mich ja auch anrufen können", kam die lahme Antwort.

"Habe ich. Beziehungsweise deinen Anrufbeantworter. Und laut deiner Mailbox hat wohl auch dein Handy dienstfrei."

"Oops. Nachdem du gestern Abend angerufen hattest, habe ich's ausgestellt."

"In der Tat oops. Aber da du jetzt da bist..."

"... können wir erst mal frühstücken. Ich war an der Tanke und habe mein schlechtes Gewissen gegen Eßbares eingetauscht."

"Das macht einiges wieder gut, aber nicht alles. Aber während Eddie und ich uns auf deine Gaben stürzen, kannst du dich an die Toilette machen, die entspricht noch nicht ganz den Hygienevorschriften. Eddie ist im Büro und bastelt gerade ein Männlein-Weiblein-Schild." Mike nutzte Raphaels entsetztes Schweigen, um Eddie von der bevorstehenden Pause zu unterrichten. "Eddie, Frühstück!"

Keine zwei Sekunden später stürzte Eddie aus dem Büro. "Frühstück? Wo kommt das denn her?"

"Das kann dir mein Partner genauer erklären. Eddie, Raphael. Raphael, Eddie. Raphael hat sich freiwillig für die Toilette gemeldet."

"Sehr nett. Kommst du jetzt öfter?" Eddie streckte die Hand aus und Raphael schüttelte sie.

"Kommt drauf an, was ihr hier so zu bieten habt. Jedenfalls bin ich nicht die neue Klofrau. Und auch nicht der Brötchenjunge." Raphael sah sich in dem Raum um. "Wow, das sieht ja... leer aus. Viel Platz, um zu sehen und gesehen zu werden."

Eddie schlug ihm auf die Schulter und ließ die Hand dort liegen. Mike mußte ein Grinsen unterdrücken. Eddie hatte so seine eigenen Rituale, wie er Heteros auf ihre Schwulentauglichkeit prüfte. "Da hast du wohl das Wesen der Veranstaltung erkannt. In zwei Stunden kommen die Jungs, um die Bühne aufzubauen. Die brauchen ungefähr drei Stunden. Es wird eng, es wird hektisch, aber spannend."

"In diesem Sinne macht ihr jetzt erst einmal Pause."

Mike war zufrieden und fast schon ein bißchen stolz, wie Raphael auf Eddie und die Prüfung reagierte. Er hätte es Eddie vorher sagen können, aber der hätte trotzdem seine Spielchen durchgezogen. "Ich denke, wir können das parallel. Essen und arbeiten, meine ich." Mike marschierte auf die Tüten zu und holte ein paar der belegten Brötchen heraus, reichte zwei an Raphael und Eddie weiter. "Ich mach dann mal den Kaffee dazu." Auf halbem Weg blieb er stehen. "Ach, ist doch Blödsinn. In zehn Minuten ist der Kaffee durch, dann gönnen wir uns eine richtige Pause. Wir sind ohnehin so gut wie fertig."

Im Büro legte er die Brötchen, die er noch in der Hand hielt, auf dem Schreibtisch ab und ging mit der Kaffeekanne in den Toilettenraum, um Wasser zu holen. Als er zurückkam, waren Eddie und Raphael damit beschäftigt, das Essen aus- und auf die Teller zu packen, die Eddie im Büroschrank deponiert hatte. Mike machte die Kaffeemasche startklar und stellte sie an.

Raphael betrachtete das Arrangement vor sich auf dem Tisch. "Schönes Geschirr. Meißen, gemischt. Eine Reise durch drei Jahrzehnte Geschichte der Porzellanmanufaktur."

Eddie nickte. "Der Herr kennt sich anscheinend aus."

"In meiner Küche sieht's ähnlich aus. Eine Mutter, zwei Omas und mindestens fünf Tanten haben ihre Schränke durchforstet, um dem Jungen seine erste eigene Wohnung mit dem Notwendigsten zu füllen. Aber ihr solltet meinen Wäscheschrank sehen. Da sieht's noch viel dramatischer aus."

Mike stellte Milchpulver und Zucker auf den Schreibtisch. "Aber das wird sich doch bald ändern, oder?"

"Du meinst wegen der Heirat? Ja, die Aussteuer- und Geschenklisten sind schon in Arbeit."

Eddie griff sich ein Käsebrötchen. "Hört sich nach guter Partie an."

"Klassisches Programm. Meine Familie ist begeistert. Vickis Anhang ist ebenso auf Tradition bedacht wie unser Clan. Vielleicht noch einen Tacken mehr. Und das will bei uns was heißen."

Eddie schluckte seinen ersten Bissen hinunter. "Was denn?"

"Mein Name kommt nicht von ungefähr. Meine Mama kommt aus Deutschland, aber der väterliche Teil ist einhundert Prozent italienisch."

"Hört man dir nicht an. Und sieht man auch nicht unbedingt."

"Ich bin schon in Deutschland geboren. Zu Hause wurde konsequent Deutsch gesprochen. Und bei mir sind Mamas Gene ziemlich dominant. Bei meinen Geschwistern kommt mehr das Südländische durch. Aber wenn's um Traditionen geht, da verstehen weder Mama noch Papa Spaß. Das ist eine ernste Angelegenheit."

"Und wenn deutsche und italienische Bräuche sich ins Gehege kommen?"

"Fliegen die Fetzen und am Ende gewinnt Mama. Aber sie läßt Papa in dem Glauben, daß er es für das Wohl der Familie so entschieden hat."

"Apropos Mütter..." Mike schüttete den Kaffee in die Tassen. "Wo bleibt eigentlich Iris? Sie müßte längst hier sein."

"Das fragst du mich? Du hast mit ihr zuletzt telefoniert." Eddie nahm seine Tasse und schüttete nach Gutdünken Zucker hinein, griff sich einen Löffel und rührte um.

"Sie wollte spätestens um halb neun hier sein."

"Mike! Entspann dich mal, du bist ja nervöser als ich." Mike schielte zu Eddie hinüber; dessen Gesichtsausdruck war eindeutig. Er hatte ihn durchschaut. "Du bist wirklich unmöglich. Und Iris weiß genau, wie sie das ausnutzen kann."

"Wovon redet ihr da eigentlich?" Raphael blickte von einem zum anderen.

"Mike hat die Aktion von heute mehr oder weniger 'adoptiert'. Sorgt sich um die Organisation, um den Ablauf, daß alle Beteiligten ihre Hausaufgaben machen..."

"Oh, das kommt mir bekannt vor. Läuft im Büro nicht anders. Und glaubt, es merkt keiner, daß er sich engagiert. Schiebt seine Allergien vor. Katzenallergie."

"Lederallergie."

"Ja und meine Lieblingsallergie... die gegen Pflanzen, wenn er beim Chef vorbeischauen soll. Das Büro von Ehrenberger ist nämlich voller Grünzeugs. Nur damit keiner den wahren Grund für seine Aufregung mitkriegt."

"Wenn ihr mit meinem Seelenleben durch seid, könnten wir vielleicht noch etwas tun." Mike war sich nicht ganz sicher, wie er auf den Flachs der beiden reagieren sollte. Das Schlimmste war, daß Abstreiten überhaupt keinen Zweck hatte. Die beiden trafen mit ihren Sprüchen ziemlich ins Schwarze. Gerade nach dem Gespräch mit Eddie gestern abend, hatte er - Mike - den Event als seine Verantwortung begriffen.

"Jungs, ich bin da." Mike konnte so eben einen Seufzer der Erleichterung unterdrücken, als er Iris' Stimme hörte. Einen Moment später stand sie in der Tür, bepackt mit Plastiktüten. "Ich dachte, ihr könntet--" Sie brach ab, starrte auf die Szene vor sich. Leiser fuhr sie fort, "ein Frühstück vertragen. Deshalb ist es später geworden. Ich habe darauf bestanden, daß sie die Brötchen frisch zubereiten."

Mike räusperte sich. "Möchtest du einen Kaffee, Iris?" Als sie nickte, schüttete er ihr den Rest aus der Kanne ein.

Eddie riß ihm die Kanne aus der Hand und rannte förmlich aus dem Raum, gab Iris vorher einen flüchtigen Kuss auf die Wange. "Hallo, Mutter."

Mike konnte sehen, wie es um seine Mundwinkel zuckte. Es passierte nicht oft, daß seine Mutter überrumpelt war. "Milch, Zucker?"

"Nein, danke, Mike. Schwarz ist mir sehr recht." Sie stellte die Tüten auf dem Boden ab. "Tja, wer zu spät kommt..."

"Vielleicht möchten Sie sich setzen, gnädige Frau? Darf ich Ihnen etwas anbieten?"

Iris blickte Raphael an. "Das dürfen Sie sehr gern, junger Mann. Und Sie dürfen mir verraten, mit wem ich die Ehre habe."

"Raphael Manzini. Ich arbeite mit Mike bei der Kripo. Sie müssen Frau Sänger sein, Eddies Mutter. Und die Initiatorin dieser wundervollen Idee. Ich muß sagen, Mike hat nicht übertrieben, als er mir von Ihnen erzählt hat."

"Tatsächlich?" Iris packte ihr charmantestes Lächeln aus und blickte zu Mike, zwinkerte ihm zu. "Nun, Sie müssen mir bei Gelegenheit verraten, was der liebe Mike so über mich sagt." Mike mußte sich ein Grinsen verkneifen. Wenn Iris auf dieses zuckersüße Spiel einging, dann bestimmt nicht ohne Hintergedanken. "Ich stelle fest, ich habe mir grundlos Sorgen gemacht. Die Werkstatt ist ja nahezu leer. Ich muß sagen, ich bin beeindruckt. Besonders nachdem Mike gestern abend nicht so begeistert geklungen hat."

Wie aufs Stichwort tauchte Eddie wieder auf. "Das liegt daran, daß er Zweckpessimist ist." Im Rücken von Iris sandte er Mike einen flehentlichen Blick zu. Mike begriff, daß sie von dem gestrigen Abend besser keine Einzelheiten erfahren sollte. Zumindest nicht jetzt.

"Dein Sohn hat vorhin ganz anders geklungen. Da hat er noch von Hektik gesprochen."

"Das kommt auch. Ich habe so meine Bedenken, was das Trio vom Bühnenaufbau versteht. Unseren Teil schaffen wir locker. Wir müssen eigentlich nur noch den Boden einigermaßen sauber kriegen und dann die Regale für das Buffet vorbereiten. Ich hab da so ein paar Rollen mit Papier, damit können wir die Teile abdecken."

Iris schüttelte den Kopf. "Das mit dem Boden laßt mal. Und auch das Abdecken, schließlich soll man dem Raum ja noch die Werkstatt abkaufen. Aber die Regale fürs Buffet zu nutzen ist eine gute Idee. Das spart Zeit für den Aufbau." Dann wandte sie sich an Eddie. "Und mach dir keine Gedanken wegen der Bühne. Die Jungs machen das nicht zum ersten Mal."

Eddie warf ihr einen 'warten wir's ab'-Blick zu, sagte aber nichts.

Raphael blickte in die Runde, etwas entgeistert. "Heißt das, ich habe mich quasi umsonst abgehetzt? Und mir ein schlechtes Gewissen eingeredet? Wir sind so gut wie fertig?"

"Wir ja. Du nicht." Mike grinste, als Raphael aufstöhnte. "Komm schon, so schlimm ist das nicht. Nachher wird's ekliger. Und schließlich haben Eddie und ich schon etliche Stunden hinter uns."

"Was wird ekliger? Und wieso schlechtes Gewissen?"

Bevor Mike oder Eddie antworten konnten, schaltete sich Raphael ein. "Ich muß zugeben, ich bin selbst schuld, gnädige Frau. Ich habe heute Morgen verschlafen. Als kleine Wiedergutmachung habe ich dieses Frühstück organisiert."

"Aha", machte Iris, sah Mike und Eddie an. Es war klar, was Iris mit diesem Blick ausdrücken wollte. Sie hatte ihnen beiden nicht zugetraut, daß der Imbiß auf ihrem Mist gewachsen war.

Eddie trat dichter an Mike heran. "Paß bloß auf, den Blick kenne ich. Nicht, daß Raphael uns vom Haken geht. Ich putze nicht die Klos", flüsterte er und Iris funkelte ihn an.

"Und was ist mit dem 'eklig'?"

"Die Aufgabe, die jetzt vor mir liegt, gnädige Frau. Die sanitären Anlagen bedürfen wohl einer Reinigung."

Mike schüttelte sich innerlich ob des Märtyrertons in Raphaels Stimme. Nicht, daß Iris doch noch auf all das Süßholz reinfiel... "Ich habe nur an dein Handicap gedacht, als wir dir diesen Aufgabenbereich überlassen haben."

"Handicap?"

Gespannt, wie Raphael seine Schulter benutzen würde, um bei Iris Eindruck zu schinden, betrachtete er seinen Kollegen genau. Er tippte auf harter Kerl mit weichem Kern...

"Ein Arbeitsunfall. Nur ein Bluterguß, der leider meine Bewegungsfähigkeit etwas einschränkt."

Iris hob eine Augenbraue, und Raphael beeilte sich, hinzuzufügen, "Wirklich nicht der Rede wert, gnädige Frau."

"Warum sagen Sie nicht Iris zu mir?"

"Aber gern, sehr gern." Er ergriff Iris' Hand und zwinkerte Mike zu, der den Eindruck hatte, das Theaterstück hätte schon angefangen. "Und jetzt mache ich mich wohl besser an die Arbeit. Je eher ich es hinter mir habe..."

Wieder flüsterte Eddie Mike ins Ohr. "Keine Sorge, sie spielt nur. Der wird sich noch wundern."

"Sehr schön, Raphael. Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen zeige, wo Sie alles finden, was Sie... brauchen?"

Für eine Sekunde verging Raphael das charmante Lächeln. Dann hatte er seine Gesichtszüge wieder unter Kontrolle. "Ja, klar, danke." Iris ging voraus, tätschelte Eddies Wange, hauchte Mike "Netter Kollege" ins Ohr.

Und Raphael wackelte hinterdrein. "Was für eine Mutter", teile er Eddie noch mit und dann raunte er Mike zu, "Klasse Frau."

Eddie und Mike beobachteten den Abgang, hatten Mühe, ernst zu bleiben. "Ich hab's dir doch gesagt", verkündete Eddie.

"Ja, hast du."

"Die wären erst mal beschäftigt." Er hob das Schild für die Toilette hoch. "Das hätte Raphael mitnehmen sollen. Wenn Iris ernst macht, wird er nachher nicht mehr wissen, ob er Männlein oder Weiblein ist."

"Was soll das eigentlich mit diesem Schild? Bei nur einem Raum für die allzu menschlichen Bedürfnisse?"

"Ich dachte es wäre ganz witzig herauszufinden, wie lange die Leute brauchen, um festzustellen, daß das Herrenklo auf der anderen Seite vom Damenklo ist." Er drehte das Schild hin und her.

"Ich würd's solche Experimente lieber lassen. Der Nachmittag wird ohnehin Streß, auch ohne deine Forschungen auf dem Gebiet der Sozialkunde. Und bei unseren beiden Flirtisten hatte eher den Eindruck, Iris hat kein Problem, daß Raphael Männlein ist. Bin gespannt, wann dem wieder einfällt, daß er fast verlobt ist."

Eddie schmiß das Schild auf den Schreibtisch. "Ist mir egal. Solange wir das Klo nicht saubermachen müssen..."

 
weiterlesen im nächsten Teil

 
Du bist der 3173. Leser dieser Geschichte.