Zurück
 
Schwein gehabt!
Teil 1
Teil 2
 
 

Schwein gehabt Teil 2

© by Birgitt ()
 
Disclaimer: Ich besitze keinerlei Rechte an den Charakteren und den Ereignissen aus Echte Kerle. Diese Copyrights gehören Buena Vista und Touchstone. Ich beabsichtige in keiner Weise, diese Rechte zu beschneiden. Zwar besitze ich die Rechte an dieser Geschichte, habe aber keine Intentionen, materielle Vorteile durch sie zu erlangen.
Anmerkungen der Autorin: Diese Story ist eine Antwort auf die ffp-Challenge für die Monate Februar/März 2004 ("Wie ihr es verpackt, ist eure Sache. Hauptsache ein Märchen (egal, ob selbsterfunden oder uralt) spielt eine zentrale Rolle."). Ich habe mich von dem Hans-Christian-Andersen-Märchen Die Sparbüchse inspirieren lassen; den Text findet ihr hier:
http://gutenberg.spiegel.de/andersen/maerchen/sparbue.htm
Schwein gehabt spielt knapp ein Jahr nach Echte Kerle, stellt derzeit die chronologisch gesehen erste Geschichte im CSD-Universe dar. Zum Verständnis der Story sollte man zumindest mit den Geschehnissen aus Echte Kerle vertraut sein; ich empfehle, sich den Film anzuschauen. Und das lohnt nicht nur in Hinblick auf diese Story. Echte Kerle ist echt geil. Ich habe selbst ein paar Jahre und zwei Anläufe gebraucht...
Es ist der Wahnsinn... Die ursprüngliche Infektion ging von Atti aus, aber es waren Aislings Geschichten, die mir die Augen und mein Herz für dieses Fandom öffneten. Die Charaktere sind mir nicht nur ans Herz gewachsen, ihre Schicksale gehen mir wahrlich unter die Haut. Ich widme Schwein gehabt Aisling, als Dank für die Inspiration und die Diskussionen rund um dieses Universe und nicht zuletzt für ein beta, bei dem sie den Finger in mehr als eine Wunde legte. Außerdem danke ich ihr für perfekt getimte Aufmunterungen und die absolut großzügige Erlaubnis, in diesem Universe spielen zu dürfen.
Archiv: Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de) auf der Echte-Kerle-Seite

 

Oh. mein. Gott. Mike ging ein paar Schritte zurück, bis er gegen die Wand hinter sich stieß. Das ist nicht fair! Er zwang sich, langsam ein- und auszuatmen, bis er einigermaßen sicher war, nicht bei den nächsten Schritten aus den Latschen zu kippen. Eddies Anblick konnte einem Mann wirklich den Atem nehmen. Nicht, daß Mike ihn nicht schon in nahezu allen möglichen Situationen erlebt hatte, aber es waren Augenblicke wie diese, die ihm immer noch weiche Knie bescherten. Und die ihm bewiesen, daß er - gegen alle Vernunft und trotz seiner Sehnsucht nach einer echten Freundschaft - immer noch in Eddie verliebt war und ihn mit jeder Faser begehrte.

Vor einer Stunde hatten Iris und Raphael sie in der Werkstatt abgelöst, damit auch sie sich umziehen konnten. Iris sah umwerfend aus in ihrem duftigen Sommerkleid, dem passenden Seidenschal und dem eleganten Hut. Auffällig aber nicht aufdringlich. Sämtliche Männer drehten sich nach ihr um. Der Event erlebte sein erstes Highlight... Iris hatte sich Raphael als ihren Begleiter auserkoren und er machte eine ausnehmend gute Figur dabei. Vergessen war aller Unmut über die morgendliche Reinigungsaktion. Er strahlte mit seiner Gastgeberin um die Wette, und Mike würde einiges wetten, daß er heilfroh war, daß dieser Tag ohne seine Vicki stattfand.

Er sollte darauf achten, daß er nicht in die Presse kommt... Der Fotograf mußte ihn für ein Model halten; Mike hatte den Verdacht, daß sein dunkelblauer Anzug maßgeschneidert war. Zumindest trug er ihn so.

Raphaels Anblick war aber in dem Moment vergessen, als Eddie zurück war. Bei jedem anderen hätte der Aufzug proletenhaft gewirkt, aber Eddie trug Lederhose, weißes T-Shirt und darüber das offene schwarze Seidenhemd mit einer Selbstverständlichkeit, die selbst Iris' selbstbewußte Erscheinung verblassen ließ. Die Goldketten, die er um Hals und am Handgelenk trug, vollendeten einen absolut atemberaubenden Anblick.

Mike war nur froh, daß er sich im Hintergrund halten konnte. Mit seiner dunkelgrauen Hose, passendem Jackett und schwarzem Hemd hatte er sich vor ein paar Minuten noch für absolut overdressed gehalten. Zumindest für seine Verhältnisse. Locker bleiben, Mike, ganz locker. Warte, bis ein paar Leute mehr hier sind, dann machst du den unauffälligen Abgang.

 

Plötzlich stellte sich etwas zwischen ihm und Eddie und fast hätte er lautstark protestiert. Er schloß den Mund, als er erkannte, wer da vor ihm stand.

"Was hat dich denn hergetrieben, Alter? Die Aussicht auf ein kostenloses Essen?"

Mike war klar, daß Chris nur Spaß machte, aber er nahm die unerwünschte Störung und die Tatsache, daß er Eddie nicht länger ausmachen konnte, als Anlaß, etwas von seinen widersprüchlichen Gefühlen loszuwerden. "Was hast du denn gedacht? Für ein kaltes Buffet nehme ich gern mal ein paar Stunden Langeweile in Kauf. Ich tue mal so, als wäre das eine ganz normale Observation, dann bin ich doch ganz in meinem Element!"

"He, langsam, Mike, komm runter. Was ist dir denn über die Leber gelaufen?" Statt auf Abstand zu gehen, kam Chris noch ein Stück näher, drehte sich dann aber unwillig um. "Was denn?" Chris trat einen Schritt zur Seite und Mikes Blick fiel auf Helen, die Chris noch etwas mehr wegdrückte.

"Hallo, Mike. Achte gar nicht auf den Holzklotz, er meint, er hätte heute seinen geistreichen Tag." Helens Begrüßung, ihre Erklärung und der Kuß, den sie Mike auf die Wange drückte, waren ein Friedensangebot. Oder zumindest ein Angebot für einen Waffenstillstand. Bei seiner eigenen Reaktion auf Chris' harmlose Neckerei wohl eher das letztere.

"Helen, grüß dich. Tut mir leid, ich bin etwas neben mir. Iris hat mich bei diesem Teil irgendwie an Bord geholt und während alle es geschafft haben, ihr Lampenfieber an der Garderobe zu lassen, schleppe ich meines wohl noch mit mir rum." Er sah zwar Helen an, aber die Worte waren viel mehr an Chris gerichtet, der nach einem weiteren Knuff von Helen denn auch prompt reagierte.

"Schon okay. Du sahst nur so aus, als würdest du dich am liebsten in die nächste Kneipe verdrücken. Wenn du den Fluchtplan in die Tat umsetzt, sag Bescheid, dann komme ich mit."

"So nicht, Chris, du hast versprochen, du machst hier keinen Aufstand. Nicht nur mir, sondern auch Iris zuliebe."

"Sieht aus, als säßen wir gemeinsam in der Falle, Mike."

"Tut es."

Helen machte eine Handbewegung, als wollte sie beide Männer würgen oder mit den Köpfen zusammenstoßen. Mike traute ihr so etwas durchaus zu. Aber dann war ihr wohl der Rahmen nicht angemessen. "Ihr seid hoffnungslos. Ich gehe zu Iris und ihr könnt euch abreagieren, bevor ihr zur Zivilisation stoßt."

Chris stellte sich neben Mike und beobachtete, wie Helen auf Iris zusteuerte. "Da geht sie hin."

"Das tut sie. Und mit Klasse tut sie es."

"Muß ich mir Sorgen um dich machen, Mike?"

"Manchmal habt ihr Heteros ein zu enges Weltbild. Ich muß doch ein Bild nicht haben wollen, um seine Schönheit bewundern zu können."

"Du hörst dich an wie Iris."

"Kann schon sein. Die Frau hat einen abfärbenden Charakter. Unter anderem."

"Ja." Helen kam bei Iris an und sich die beiden Frauen fielen sich nahezu um den Hals. Küsschen links und rechts und wieder links.

"Muß am Publikum liegen", kommentierte Chris trocken.

Mike fiel auf, daß er durstig war. "Wenn wir schon dumm rumstehen, können wir das auch in der Nähe der Tränke tun."

"Die beste Idee, die ich heute höre."

Zwei Minuten später standen die beiden in der Nähe der improvisierten Theke und hielten ihr erstes Bier in Händen. Nach dem ersten Schluck sagte Chris, "Schon viel besser. Wenigstens weiß Iris, was sie ihren Gästen schuldig ist. Wer ist eigentlich der Kerl an ihrer Seite?"

"Mein neuer Partner."

"Das ist dein neuer Partner? Ich stelle fest, daß wir uns in letzter Zeit selten sprechen, Mike." Iris stellte Helen offensichtlich vor. "Ich hätte auf Model getippt." Chris nahm einen weiteren Schluck. "Armer Kerl."

"Ich hab ihn vor der Lady gewarnt. Er ist mit offenen Augen und bei vollem Bewußtsein in sein Unglück gerannt."

"Nicht wegen Iris. Wegen seines neuen Partners."

Mike holte kurz aus und schlug zu. "Noch so ein Satz und ich alarmiere die Security, daß er dich rausschmeißt."

"Dann bist du allein hier mit dieser Schickeria."

"Das wär's mir wert." Mike konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. "Ich hoffe nur, Iris läßt am Ende noch den Hut rumgehen. Bei all dem feinen Zwirn, der hier auftritt, müßte da einiges an Barem drin sein."

"Andere Liga, Mike. Die schreiben Schecks aus."

"Kann man auch in 'nen Hut werfen."

"Wo steckt eigentlich Eddie?"

Mike sah Chris von der Seite an. Beiläufig hatte Chris nicht geklungen. Eher so, als hätte er die Frage zu lange zurückgehalten.

"Ich hab ihn aus den Augen verloren, als ihr beiden aufgetaucht seid." Er konnte Chris' Blick nicht deuten.

"Aus den Augen verloren? Seid ihr wieder--"

Mike war klar, daß sein Gesichtsausdruck ihn verraten und Chris hatte verstummen lassen. "Nein, sind wir nicht." Alles, was er hätte hinzufügen können, hätte ihm nicht geholfen und Chris nur in Verlegenheit gebracht. Eddie hat endlich begriffen, daß ich nicht die Lösung seiner Probleme sein kann. Und daß ich nicht als Grund für sein schlechtes Gewissen weitermachen kann. Es tat auch in Gedanken noch weh genug. Zeit für einen Wechsel des Themas. "Helen sieht absolut umwerfend aus. Du übrigens auch. Sie tut dir gut."

"Du hörst dich wirklich an wie Iris. Aber du hast Recht. Helen ist klasse." Chris sah aus, als käme da noch mehr und Mike hakte nach.

"Aber?"

"Meistens klasse. Sie hält immer noch nicht viel von meinen idealen Wochenenden und ich habe immer noch nicht begriffen, wozu Kunst was taugt, wenn's kein Diebes- oder Schmuggelgut ist. Das ist die erste Veranstaltung dieses Kalibers, bei der ich ein vernünftiges Bier kriege. Und wo nicht alle auf Schicki-micki machen."

"Wirklich leidend siehst du aber nicht aus."

"Man wägt halt Vor- und Nachteile ab. Schau sie dir an. Da muß man schon was investieren."

"Solange es keine Teddybären sind."

"Tu mir einen Gefallen, Mike. Vergiß die Teddybären."

Mike kannte Chris gut genug, um zu wissen, wann er nicht mehr zu Scherzen aufgelegt war. "Und der Job?"

"So langsam wird's. Ich denke, wir haben die üblichen Aufnahmerituale erfolgreich hinter uns. Und gewisse Kollegen nicht mehr sehen zu müssen, ist ein ohne Zweifel ein Bonus."

Mike stellte sein Bier ab, drehte dabei Chris seinen Rücken zu. Fast jede Bemerkung von Chris ging ihm wie ein Stachel in die Haut und blieb dort stecken. Als er das Gefühl hatte, sich wieder einigermaßen unter Kontrolle zu haben, wandte er sich wieder an Chris. "Ich brauche ja wohl nicht lange zu raten, wen du mit 'gewisse Kollegen' meinst."

"Und wie macht sich dein Partner?"

Gar nicht schlecht reagiert, Chris. Wenn Iris auf mich abgefärbt hat, hast du von Helen gelernt. "Kann wirklich nicht klagen. Guter Mann." Mike wußte, welche Frage jetzt kommen würde, aber er wollte es Chris nicht zu leicht machen.

"Und weiß er, daß du schwul bist?" Nie hätte Mike gedacht, daß der König der Schwulenwitze dieses Zauberwort einmal in ernstem Zusammenhang würde aussprechen können, ohne sich die Zunge zu brechen. Eddie hatte Mike erzählt, daß er es Chris einmal vorgehalten hatte. Was Eddie und Chris sich letzten Sommer 'angetan' hatten, war nichts anderes als Leben extrem gewesen. Damit konnte Mike nicht konkurrieren. All die Jahre als Chris' Partner und die Monate an Eddies Seite waren für die beiden nicht halb so intensiv gewesen wie die Wochen, als Chris bei Eddie Unterschlupf und ein bißchen mehr gefunden hatte.

"Weiß er. No big deal. Seine Worte, nicht meine."

Plötzlich war die Luft raus. Extreme wie belanglosen Small Talk oder Hüpfen auf zu dünnem Eis überstanden sie - normale Gesprächsthemen waren zwischen Chris und ihm einfach nicht mehr drin. Wie auf Kommando sahen sich beide nach irgendeinem Rettungsanker um. Und Gott sei Dank ließ der nicht lange auf sich warten. Iris und Helen hatten ihre Begrüßungsrunde wohl durch und kamen auf sie zu. Raphael blieb zurück, in ein Gespräch mit Gästen verwickelt.

"Mein lieber Chris, glauben Sie nicht, daß Sie mir zumindest ein Hallo schulden?" Bevor Chris reagieren konnte, hatte Iris ihn auf beide Wangen geküßt.

"Hallo, Iris." Chris lächelte. "Vielen Dank für Ihre Einladung."

Iris lachte und drehte sich zu Helen um. "Habt ihr das zu Hause geübt?" Dann wandte sie sich wieder an Chris. "Ich sehe, ihr seid schon versorgt. Wir werden gleich offiziell eröffnen. Ich hoffe, ihr habt viel Spaß."

Mike rechnete damit, daß sie sich wieder ins Gewühl stürzte, das mittlerweile in der Werkstatt herrschte. Umso überraschter war er, als sie ihn plötzlich recht energisch am Oberarm packte und ein Stück von Helen und Chris wegzog. "Hast du Eddie gesehen?"

"Ja... nein... Nicht die letzten zehn Minuten, als ich mit Chris gesprochen habe. Er ist doch vorhin hereingekommen, stand sogar in deiner Nähe."

"Nun, plötzlich war er nicht mehr da. Solang kann er auf der Toilette ja nicht brauchen, außer ihm ist schlecht geworden."

"Ich sehe, ob ich ihn finden kann."

"Danke, ich kann ja hier nicht weg. Wir sind schon ein paar Minuten überfällig, in spätestens einer Viertelstunde werde ich anfangen. Früher wäre mir lieber." Sie wartete keine weitere Erwiderung ab und ging zurück zu ihren Gästen, hängte sich bei Raphael ein. Die Tatsache, daß sie nicht Raphael gebeten hatte, nach Eddie zu schauen, bewies, daß sie ein schlechtes Gefühl hatte, warum er verschwunden war. Und Iris' Gefühle trogen sie selten, speziell bei Eddie. Nur bei der Geschichte mit Chris hatte sie nicht durchgeblickt. Aber wer hatte das schon?

Chris... Mike dämmerte plötzlich, warum Eddie verschwunden sein konnte. Er mußte Chris gesehen haben... mit Helen... Mike checkte zuerst den Toilettenraum. Kein Eddie. Auch im Büro war Eddie nicht.

Der bringt es fertig und haut einfach ab. Mike ging vorn raus auf den Parkplatz. Eddies Alfa Romeo war noch dort und Mike atmete durch. Vielleicht braucht er nur ein paar Minuten allein und kommt gleich zurück... Er würde noch das Lager und den Hinterhof checken.

 

Im Hof fand er ihn. Eddie hockte in dem Käferkabrio, an dem er bis gestern Abend noch gebastelt hatte, als Mike in die Werkstatt gekommen war. Mike ging um den Wagen herum und öffnete die Beifahrertür. "Darf ich?"

"Klar." Eddie zog an der Zigarette, die er in der linken Hand hielt.

"Du hast das Rauchen aufgegeben."

"Ja. Und gerade wieder angefangen."

"Und hörst du gleich wieder auf?"

"Vielleicht. Chris ist gekommen."

"Ja, ist er. Mit Helen."

"Mit Helen. Die beiden sehen wirklich gut aus. Zusammen, meine ich. Nicht, daß das etwas Neues für mich ist. Ich habe sie oft genug zusammen gesehen."

"Ich war oft genug dabei. Aber irgendwie war da immer etwas in deinem Blick gewesen und in deiner Stimme, wenn du mit ihnen gesprochen hast... das hat mir gesagt, daß du es nicht glauben konntest."

"Jetzt glaube ich es."

"Was war denn heute anders?"

"Heute? Nichts."

"Seit wann glaubst du es denn?" Mike war sicher, daß Eddie die Erleuchtung nicht gekommen war, als er noch mit ihm zusammengewesen war, bei den seltenen Anlässen, wo sie sich mit Helen und Chris getroffen hatten.

"Als wir Schluß gemacht hatten, war Chris quasi außer Reichweite für mich. Außer ich ergriff selbst die Initiative. Zuerst habe ich nur den Anrufbeantworter belästigt. Einmal hat Chris zurückgerufen, hat mich mehr oder weniger abgewimmelt. Er klang so... nicht abweisend. Das wäre schon zuviel Gefühl gewesen. Eher gleichgültig. Als wenn er sich absolut nicht mehr auf mich einlassen wollte, weder im Guten noch im Schlechten. Damals hatte ich gedacht--" Eddie zog wieder an der Zigarette, drückte sie dann im Ascher aus. "Ich hatte gedacht, du hättest ihm von unserem Streit erzählt. Einzelheiten."

"Du meinst eine Einzelheit. Verdammt, Eddie, ich habe es satt, daß du nicht mit dieser heuchlerischen Rücksichtnahme aufhören kannst. Frag mich, was du fragen willst. Und wenn du dich nicht traust, sag ich's dir auch so. Ich habe Chris nicht erzählt, daß du seinen Namen gerufen hast, als wir Sex hatten. Ich habe ihm überhaupt nichts über unsere Trennung gesagt. Er weiß nur, daß es nicht funktioniert hat."

"Reg dich ab, Mike. Es ist jetzt nicht mehr wichtig. Ich habe begriffen, daß da für mich nichts mehr geht. Chris liebt Helen, sie sind fast rund um die Uhr zusammen. Beruflich und privat. Und genießen jede Sekunde."

"Sag mal, weißt du, wie sich das für mich anhört?" Mike traute sich nicht, den Gedanken zu Ende zu bringen. Das erledigte dann auch Eddie für ihn.

"Ich habe sie beobachtet. Wollte Chris endlich sprechen, zu packen kriegen. Aber er hatte mir keine Ausreden präsentiert, als er mir gesagt hat, daß er kaum Zeit hat. Sie kommen jeden Abend spät von der Arbeit, völlig geschafft, aber gleichzeitig so... Was soll ich groß nach Worten suchen... Glücklich sehen sie halt aus."

"Und was hast du jetzt vor?"

"Ich gehe wieder rein, tue Iris den Gefallen, mich präsentieren zu können. Vielleicht springt was dabei raus, vielleicht auch nicht. Ich komme so oder so klar."

Mike hatte so eine Ahnung, daß Eddie vielleicht doch den leichteren Weg wählen und noch abhauen würde. "Da bist du also wieder bei nichts Halbes und nichts Ganzes angekommen."

"Laß mich in Ruhe, Mike."

"Das hättest du wohl gerne. Ich hab dir schon mal gesagt, daß ich dir diesen Gefallen nicht tue. Ich bewege mich keinen Millimeter, bis du mit mir hineingehst. Das bist du uns schuldig, jetzt machst du keinen Rückzieher mehr. Was danach abgeht, ist dann wieder dein Ding. Aber die nächsten Stunden ziehst du das durch."

"Und was ist mit Chris?"

Die Sehnsucht in Eddies Augen und seiner Stimme waren mehr als Mike ertragen wollte. "Um den kümmert sich Helen."

"Arschloch."

"Dito." Mike stieg aus dem Wagen. "Komm schon. Ich will Iris nicht allein begegnen."

"Feigling."

"Dito."

Eddie schüttelte den Kopf und stieg ebenfalls aus. "Du hast eklig oft Recht, Mike."

 

***
 

Mike sah auf die Armbanduhr, als er Eddie vor sich durch die Tür schob. Er wollte kein Risiko mehr eingehen, daß Eddie es sich noch einmal überlegte. So langsam hatte er die Nase voll von diesem Tag. Sobald er Eddie bei Iris abgeliefert hatte und das Spektakel im Gange war, würde er sich verziehen. Was jetzt aus Iris' ursprünglichen Plan noch werden würde, hing ohnehin allein von Eddie ab. Er selbst hatte alles versucht, bis auf die Methode, Eddie an einen Stuhl gefesselt in der Werkstatt zu plazieren. Allerdings hätte mir die Methode eine Menge Arbeit erspart...

Der Raum war mittlerweile gut gefüllt - Mike schätzte die Anzahl der Gäste auf ungefähr zwanzig - und ihm wurde fast schwindlig von der Luft. Oder besser dem Mangel an derselben. Zwar hatten sie die Oberlichter geöffnet, aber das half nicht viel. In den letzten Tagen waren die Temperaturen merklich gestiegen und seit der Mittagszeit verdichteten sich die Anzeichen auf ein Gewitter. Draußen ging kaum ein Lüftchen und entsprechend staute sich die Wärme in der Werkstatt. Daß ein Großteil der Gäste mit künstlichen Duftnoten nicht gespart hatten, kam erschwerend hinzu.

Sollte die Atmosphäre noch einen Tick dramatischer gestalten. Ein weiterer Grund, hier bald zu verschwinden.

"Mike?" Eddie blieb stehen und Mike konnte gerade noch verhindern, in ihn hinein zu rennen.

"Was ist jetzt schon wieder?"

"Iris ist schon auf der Bühne." Mike sah an Eddie vorbei. Iris stand auf der Konstruktion, die die Infernale-Schauspieler in Rekordzeit heute Morgen aufgebaut hatten. Sie hatte Eddie und ihn gesehen und winkte sie zu sich hinauf.

"Dann mach's mal gut. Wird schon schiefgehen."

"Du willst mich doch nicht allein da raufgehen lassen?"

"Eddie, tu mir das nicht an. Ich bin nur für den reibungslosen Ablauf im Hintergrund vorgesehen. Ich gehe nicht da oben rauf."

"Ja dann..." Eddie befreite sich von Mikes Griff um seinen Oberarm und machte sich in Richtung Ausgang davon. Mike sah hoch zu Iris, zuckte mit den Schultern. Iris sah aus, als wollte sie mit dem Fuß aufstampfen. Stattdessen machte sie Mundbewegungen, die Mike als "Mach schon, Mike" interpretierte, aber wenn es ein "Tu doch was" oder ein "Bring ihn her" gewesen wäre, hätte es auch keinen Unterschied gemacht. Ihr Gesichtsausdruck war eindeutig. Und es war klar, was jetzt passierte.

Mike lief ein paar Schritte, holte Eddie ein, hielt ihn wieder fest. "Hat dir schon mal jemand gesagt, daß du absolut brillant im Zicken bist? Du hast gewonnen, ich komme mit hoch. Und bleibe, bis alles vorbei ist." Eddies Grinsen ließ Mike seine Linke ballen. "Und heute Abend leere ich die Getränkereste im Alleingang."

Wieder gingen sie in die Werkstatt, Eddie voran, Mike folgte. Er haßte Deja vus. Als sie zur Bühnentreppe kamen, nutzte er jeden Moment, um seine Gesichtszüge zu entspannen, und hoffte, einigermaßen normal auszusehen, als sie oben ankamen. Iris kam zu ihnen, hakte sich bei Eddie unter und Mike konnte ihn endlich loslassen. Nur daß er jetzt nicht wußte, wo er seine Hände lassen sollte. Es kostete ihn eine Menge Überwindung, sie nicht in den Hosentaschen verschwinden zu lassen. Schließlich faltete er sie hinter seinem Rücken, kam sich vor wie der Typ von der Security. Vielleicht sollte er genau das durchspielen. Dann würde es niemanden wundern, wenn er Eddie ab und zu etwas zu nahe kam oder ihn gar anfaßte... Die Vorstellung war amüsant genug, daß er endlich wieder ein echtes Lächeln zustande brachte. Security grinst nicht. Jetzt, wo er ein Lächeln nicht mehr brauchte, wurde er es nicht mehr los. Im Gegenteil.

Ein hochgewachsener Mann, der neben Iris auf der Bühne gestanden und mit ihr diskutiert hatte, ging an den vorderen Bühnenrand und fummelte mit dem Mikrofon, das dort aufgestellt war. Wahrscheinlich der Chef des Ganzen. Vielleicht sogar der Kontakt, den Iris Eddie verschaffen wollte. Irgendwie sah er nach edlen Automobilen aus. Beiger Anzug, mehr salopp als elegant, mit dunklem Halstuch statt Krawatte. Mike stellte sich vor, daß er sich die Schirmmütze aufsetzte, Iris den Schlag eines Cabrios aufhielt, sie einsteigen ließ, lässig um den Wagen herumlief und sich auf den Fahrersitz schwang... Reiß dich zusammen, Junge, das wird noch ein langer Tag. Aber irgendwie halfen diese Gedankenspiele Mike über die Tatsache hinweg, daß er auf dieser verdammten Bühne stand. Er hatte gelesen, es würde bei Lampenfieber helfen, sich die Zuschauer nackt vorzustellen.

Zum ersten Mal sah er hinunter auf die Gäste, die sich vor der Bühne versammelt hatten. Ein Durcheinander von unbekannten Gesichtern. Sein Hirn half automatisch aus und Mike konnte seinen Blick auf Helen und Chris fokussieren, die etwas rechts standen, in der zweiten oder dritten Reihe. Chris grinste ihn an und tat so, als würde er ihm applaudieren. Es war ein Leichtes, sich Chris Schwenk nackt vorzustellen, da hatte er genug Erinnerungen aus der gemeinsamen Dienstzeit. Aber die Vorstellung half nicht unbedingt, ernst und distanziert zu erscheinen. Er hatte Chris' Körper schon immer für überaus attraktiv gehalten. Mike atmete durch. Vielleicht klappte der Trick ja bei Helen--

"Mike!" Eddie tauchte neben ihm auf. "Was ist los? Träumst du? Wir müssen von der Bühne." Diesmal schob Eddie Mike vor sich her und dirigierte ihn an einen einigermaßen freien Platz, als sie von der Bühne waren. "War alles kurz und schmerzlos. Kurze Begrüßung, Dank an meine Mutter für die Idee und die Organisation, Dank an mich für die Bereitstellung der Räumlichkeiten. Blablabla, die Spiele sind eröffnet."

In diesem Moment erlosch die Beleuchtung und es wurde überraschend dunkel. Mike hatte nicht gedacht, daß die Abdeckung der Fenster so gut funktionieren würde. Im nächsten Augenblick erstrahlten die Scheinwerfer. Als sich seine Augen an das neue Licht gewöhnt hatten, bemerkte Mike erste Bewegungen auf der Bühne.

"Mondphasen. Ein Stimmungsbild in vier Akten", kam es aus den Lautsprechern. Außer ein paar sich bewegenden Schatten konnte Mike noch immer nichts erkennen. Dann starrten plötzlich drei übergroße Masken auf sie herab. Er begriff, daß die Schauspieler ganz in Schwarz gekleidet sein mußten, daß nur die Masken vor dem dunklen Hintergrund zu sehen waren. Eine trug ein übertriebenes, fast schon fratzenhaftes Lächeln, die zweite stellte wohl unendliche Traurigkeit dar und die dritte war seltsam ausdruckslos. Mike hatte eine solche Leere schon gesehen. Auf den Gesichtern von Toten. Mord und Totschlag war zwar nicht sein Ressort, aber in jeder illegalen Szene kam es zu Überreaktionen oder die Trennlinie zwischen den Verbrechen verschwamm in dem einen oder anderen Fall. Ihn schauderte und das Schaudern wandelte sich in einen Schweißausbruch, als die Masken einen Singsang anstimmten, dessen Lautstärke mehr und mehr zunahm und in einem ohrenbetäubenden Kreischen explodierte. Abrupt endete der Schrei und gleichzeitig verloschen auch die Scheinwerfer.

"Bist du okay?", hörte er Eddies besorgte Stimme. Mike war einen Schritt zurückgewichen und gegen Eddie geprallt, der dicht hinter ihm stand.

"Geht so", brachte er raus. Dann fühlte er Eddies Hand auf seiner Schulter.

"Mann, du zitterst ja immer noch. Was ist denn los?"

"Wenn ich's bloß erklären könnte... Ging mir irgendwie durch und durch. Wie ein Alptraum, den ich oft erlebt habe und an den ich mich bis gerade nicht erinnern konnte... Jetzt kann ich's."

"Sollen wir rausgehen?"

"Keinesfalls!" Mike erschrak selbst über seine heftige Reaktion. "Sorry, ich wollte dich nicht anblaffen. Jetzt will ich auch den Rest sehen. Schlimmer kann's ja nicht werden." Hoffte er. Und irgendwie auch nicht.

Die Scheinwerfer sprangen wieder an und auf der Bühne saß die fröhliche Fratze auf einer Schaukel, die von einer Stange herabhing, die von den beiden anderen Masken hochgehalten wurde. "Fliegen ist Illusion." Die Fratze schaukelte vor und zurück, höher und höher. "Fliegen ist Illusion. Eine Freiheit, die zum Versagen verurteilt ist. Fliegen heißt..." Die fröhliche Fratze schwang nach vorn, ließ die Schaukel los und flog aufs Publikum zu, das erschreckt zurückwich. Doch die fröhliche Fratze wurde zurückgerissen, fiel auf den Bühnenboden, blieb reglos liegen. Und das Licht erlosch.

"Ob das dazu gehört?"

Mike nickte. Eddie stand so dicht hinter ihm, daß er die Geste wahrnehmen mußte. So wie Mike mitbekam, wie Eddie langsam wieder zu atmen begann, nachdem die Schrecksekunde vorüber war. Es wurde unruhig im Publikum; es stellte sich wohl nicht nur Eddie die Frage, ob der Sturz Teil des Programms war. Dann war ein Wimmern zu hören, schwankend in der Lautstärke, war mal leiser, mal lauter, setzte ab und an ganz aus. Scheinwerfer um Scheinwerfer sprang an. In der Mitte der Bühne stand ein Holztisch, auf dem die Todes- und die traurige Maske im Schneidersitz hockten und Karten spielten. Das Wimmern kam wohl von der Todesmaske, die sich im richtigen Rhythmus zum Wimmern bewegte.

"Was wimmerst du?"

"Ich darf nicht verlieren."

"Was gibst du mir, wenn ich dich gewinnen lasse?"

"Ich bringe dir Fröhlichkeit zurück. Aber so läuft das Spiel doch nicht. Die Regel geht so: Wenn ich gewinne, bekomme ich dich dazu. Nur wenn ich verliere, lasse ich die Fröhlichkeit zurückkehren. Was du vorschlägst... das ist Betrug."

"Ich sag's nicht weiter. Ich lasse dich gewinnen... und du kannst Großmut zeigen."

Eine lange Stille folgte. Dann. "Gut. Abgemacht. Gib dir eine Karte."

Die traurige Maske hielt ihre Karte hoch. "Pik Bube."

Todesmaske stöhnte auf. "Und jetzt mir." In der Sekunde, als die traurige Maske das Blatt hochhielt, erloschen wieder die Scheinwerfer, bevor jemand das Kartenbild sehen konnte.

"Hey!", beschwerte sich Eddie und er war nicht der einzige Zuschauer, der seinen Unmut über diesen Cliffhanger äußerte. Mike stimmte innerlich zu, wippte aber nur nervös auf den Fußballen.

Es dauerte keine halbe Minute, da flammten die Scheinwerfer wieder auf. Die drei Masken saßen auf der Bühne vor dem Tisch, die traurige und die fröhliche Maske Rücken an Rücken, die Todesmaske im Schneidersitz dahinter, auf dem Tisch.

"Du hast es versprochen."

"Wie konntest du mir trauen?"

Es war nicht klar, welche Maske was sagte. Und die Scheinwerfer erloschen ein letztes Mal. Nach ein paar Augenblicken wurde die normale Beleuchtung eingeschaltet. Die Bühne war verlassen. Zunächst herrscht Stille, dann brach Beifall los.

Mike drehte sich zu Eddie um, der sich etwas zittrig mit der Hand durch die Haare fuhr. Und seine Stimme bebte auch ein bißchen. "Mann. Ganz schön heftig. War das jetzt am Ende Vollmond oder Neumond?"

"Ich denke, das kommt auf die zweite Karte an. Es funktioniert in beiden Fällen."

"Nur wenn du grundsätzlich glaubst, daß man den Tod betrügen kann, Mike."

"In Märchen geht es."

"Hat es dir gefallen?"

"Nein. Aber es hat mich beeindruckt. Irgendwie."

"Uns auch." Helen stand plötzlich neben ihnen und küßte Eddie auf die Wange. "Grüß dich. Wir hatten schon gedacht, du wärst geflohen."

"Ist nicht so einfach, wenn man unter Polizeibewachung steht. Nicht wahr, Chris?" Eddie reichte Chris, der hinzugekommen war, die Hand, der sie auch ergriff und schüttelte.

"Was immer du sagst, Eddie." Der Beifall verstärkte sich noch einmal, als das Trio nochmals die Bühne betrat. "Ich denke, die Hälfte der Leute klatscht nur, weil sie nicht zugeben wollen, daß sie nichts begriffen haben."

Helen boxte Chris in die Seite. Mike hatte den Eindruck, daß es eine ihrer meist gebrauchten Gesten war. "Aber du hast es verstanden, ja?"

"Klar. Ich weiß zwar nicht, ob meine Lösung richtig ist, aber das ist ja auch egal. Hier fragt mich keiner Interpretationen ab." Er nickte in Richtung Theke. "Sollen wir uns einen Platz sichern, solange die Menge noch nicht begreift, daß das Buffet eröffnet ist?"

Eddie schüttelte den Kopf. "Ich muß noch mal hoch auf die Bühne, das Ganze offiziell abschließen. Kommst du mit, Mike?"

Im Gegensatz zu vorhin war diese Frage eine rein höfliche. Aber Mike wollte sich den Rest nicht entgehen lassen. Es sah so aus, als hätte Eddie eine weitere Gemeinsamkeit mit seiner Mutter entdeckt und den Auftritt vorhin genossen. "Haltet uns einen Platz frei, ja?"

"Klar. Ich mache mich breit."

Diesmal schlug Helen mit der flachen Hand auf Chris' Oberarm. "Das wirst du schön bleiben lassen." Die beiden schoben ab.

Eddie sah ihnen nach, ein scheinbar zufriedenes Lächeln auf den Lippen. "Der Mann wird als Stempelkissen enden." Mike kaufte ihm die Show nicht ab, aber da es noch etwas dauerte, bis die Sache hinter ihnen lag, wollte er gerade jetzt nichts mehr riskieren.

"Komm, laß uns hochgehen, bevor Iris einen Suchtrupp auf uns beide losläßt." Mike hielt sich gerade noch zurück, Eddie abermals vor sich herzuschieben. "Da fällt mir ein... Wo ist eigentlich Raphael?"

Eddie deutete auf die Bühne. "Uns einen Schritt voraus. Der scheint den Tag ja wirklich zu genießen." Raphael war in ein Gespräch mit dem hochgewachsenen Mann vertieft, der vorhin die Ansage übernommen hatte, die Mike so völlig entgangen war.

"Wer ist das eigentlich, mit dem er da redet?"

"Du hast vorhin wirklich nichts bekommen, was? Iris sagt, er ist der Primus inter pares bei den ARSenalisten. Herbert Jakobi. Und ich vermute..." Eddie lief die Bühnentreppe rauf und Mike folgte dicht auf und vollendete dann den Satz.

"... daß er derjenige welche ist? Den Eindruck hatte ich auch."

Eddie nickte. "Wir sollten es unserer Berufe wegen einschätzen können. Warten wir's ab. Komm, ich stell dich vor." Jakobi und Raphael unterbrachen ihr Gespräch, als sie sich näherten.

"Herr Jakobi? Darf ich Ihnen Herrn Niemcek vorstellen? Er hat meiner Mutter und mir tatkräftig dabei geholfen, den heutigen Tag auf die Beine zu stellen. Mike, Herbert Jakobi, vom Kunstverein ARSenal."

Hätte nur noch gefehlt, daß er mich als alten Freund der Familie vorstellt...

Jacobi schüttelte Mike die Hand. "Na, dann danke ich herzlich im Namen der Künstler und im Namen des Vereins. Wie sind Sie denn in die Sache hineingeraten?"

"Haben Sie schon mal versucht, Frau Sänger etwas abzuschlagen?"

"Touché. Aber jetzt kommen Sie, die Presse wartet schon ungeduldig auf ein Promo-Foto." Mike hatte wenig Erfolg, seine Reaktion zu verbergen. "Keine Widerrede, Herr Niemcek, mitgefangen mitgehangen. Herr Sänger?"

Mike schnappte sich Raphaels Handgelenk, als Jakobi Eddie mit sich zog. "Solltest du jetzt nicht lieber woanders sein? Nur für den Fall, daß deine Vicki Zeitung liest. Oder sich die Bilder anschaut."

Raphael sah nicht begeistert aus, nickte aber. "Du hast Recht. Und ich muß eh aufs Klo." Damit war er von der Bühne. Mike sah ihm kopfschüttelnd nach. Irgendwas mußte in der Luft liegen, daß sie sich auf einmal alle wie die Idioten aufführten.

"Herr Niemcek?"

"Komme schon." Und er nahm sich gar nicht aus. Was war aus seinem genialen Plan geworden, sich in einem geeigneten Augenblick aus dem Staub zu machen? Jetzt stellte er sich mit Eddie, Iris, dem Trio, Jakobi und noch ein paar anderen vom Kunstverein in einem Halbkreis auf, prostete der Presse mit einem Glas Sekt in der Hand zu. Und betete, daß Kallenbach mit dem Feuilleton seiner Zeitung nicht nur angeberisch herumwedelte, sondern es auch las. Der Kerl hielt sich für das kulturelle Herzstück des gesamten Präsidiums...

 

Als die Presse zufrieden abzog, wechselte die Kunstgang noch ein paar Worte mit dem Trio. Iris gab Mike und Eddie einen Wink, auf sie zu warten.

"Endlich ist das vorbei."

"Das ja. Aber da kommt ja noch eine Aftershow auf mich zu."

"Wenn es wirklich Jakobi ist, sollte es nicht zu schlimm werden. Der scheint mir ganz in Ordnung."

Iris kam auf sie zu. "Das wäre geschafft. Das Trio muß morgen früh weiter, sie werden so nach und nach die Bühne und das andere Equipment abbauen. Gott, was bin ich froh, daß das vorbei ist." Obwohl sie fast die gleichen Worte wie Mike benutzte, klangen sie deutlich anders. Was sich bei ihm wie ein Seufzer der Erleichterung angehört hatte, war bei Iris Ausdruck ihres Triumphes.

"Du siehst nicht so aus, als wenn du gestreßt wärest, Iris. Ganz im Gegenteil."

"Danke, Mike. Und ihr wart auch phantastisch. Alle sind voll des Lobes. Vor allem Jakobi."

"Ist er derjenige welche, Mutter?"

Mike hatte auf einmal genug damit zu tun, seine Fußspitzen im Auge zu behalten. Nicht, daß das Iris davon abhielt, ihn zu fixieren. Er konnte ihren Blick spüren.

"Wann hast du es ihm erzählt?"

"Gestern Abend." Mike sah wieder hoch, irgendwie kratzte der leise Vorwurf in ihrer Stimme an seinem Stolz, so als wollte sie seine Urteilsfähigkeit anzweifeln, was gut für Eddie war. "Komm schon, Iris, spätestens jetzt hättest du ihm reinen Wein einschenken müssen. Oder er wäre mittlerweile von selbst darauf gekommen oder Jakobi hätte eine Andeutung gemacht. Wie auch immer, es macht keinen Unterschied." Im nächsten Moment hätte er sich treten können, nicht so sehr für seine scharfe Reaktion, sondern für die Tatsache, daß Iris und er hier standen und über Eddie diskutierten, als wäre er gar nicht da. Genau da lag das eigentliche Problem. Sie beide hatten in den letzten zehn Tagen nichts anderes getan, als zu entscheiden, was das Beste für Eddie war. Um die Bevormundung perfekt zu machen, waren sie nicht einmal so fair gewesen, ehrlich mit Eddie zu sein.

Nur war es für eine Grundsatzdiskussion jetzt zu spät. Das einzige, was er tun konnte, war, sich aus dem Rest herauszuhalten. Und im entscheidenden Augenblick Eddie wissen zu lassen, daß er jede seiner Entscheidung in dieser Sache akzeptieren würde. Auch wenn er mit diesem Verhalten Iris in den Rücken fallen sollte, im Zweifel ging ihm Eddie vor.

Iris' Gesichtsausdruck war unergründlich, als sie ihn musterte. Wahrscheinlich entschied sie, daß Eddie wichtiger war als Mikes Launen, denn sie ignorierte ihn dann einfach. "Eddie, Jakobi will mit dir sprechen, sobald er sich genug 'gezeigt' hat. Er ist ziemlich beeindruckt von dem, was er hier gesehen hat."

"Von was denn? Die Werkstatt kann er ja nicht meinen."

"Eher von dir. Er hält sich für einen guten Menschenkenner und findet dich sympathisch. Hält dich für ehrlich und geradeaus."

Mike konnte sich nicht zurückhalten. "Na, wenn Jakobi das sagt..."

"Mike, bitte. Am besten stärkt ihr Jungs euch erst einmal am Buffet; ich brauche hier noch ein bißchen."

"Sollten wir nicht beim Abbau helfen?"

"Danke für das Angebot, mein Junge. Aber die sind ein eingespieltes Team und nachher kommen noch Freunde, die beim Abtransport helfen." Sie küßte Eddie auf die Wange und flüsterte Mike dann ins Ohr. "Er soll bitte bleiben. Jakobi ist kein Sprücheklopfer und wird ehrlich mit ihm sein. Bitte, Mike."

Haben Sie schon mal versucht, Frau Sänger etwas abzuschlagen? "Mach dir keine Sorgen, Iris. Ich passe auf ihn auf." Er meinte es ehrlich, auch wenn er Eddie nicht mehr in irgendeine Richtung pushen würde, in die er nicht wollte.

Auf dem Weg zum Buffet neigte sich Eddie zum ihm runter. "Hat sie dich wieder zu meinem Wachhund gemacht?"

"Jep."

"Sie hat dich mittlerweile genauso im Griff wie mich."

"Jep." Mike wollte noch soviel mehr sagen, aber das war hier nicht mehr der Ort dafür. Alles, was hier gerade ablief, war der Teil eines Spiels, das ihm nicht länger gefiel. Aber Eddie mußte selbst herausfinden, was er davon hielt.

"Tut mir leid, Mike. Das erste Bier geht auf mich."

"Überaus großzügig, Herr Sänger. Das hier ist alles Freibier."

"Ich hätte dich auch eingeladen, wenn ich zahlen müßte."

An der Theke winkte ihnen Raphael zu. "Da seid ihr endlich. Kommt Iris auch bald?"

Mike sah Richtung Decke. "Du hast es aber nötig."

"Ach, Blödsinn, sie ist halt sehr nett."

"Nett? Hast du das gehört, Eddie?" Mike drehte sich zum Kellner um und orderte zwei Bier.

"Hab ich. Sag ihr nie, daß sie nett ist."

"Wo werde ich? Ich bin doch nicht bescheuert."

Chris und Helen traten zu ihnen. "Na, wer sagt's denn, Helen. Direkt aus dem Rampenlicht an die Tränke. Wie es sich für Prominenz gehört. Habt ihr denn gar keinen Hunger? Das Essen ist vom Allerfeinsten."

Mike zuckte nur mit den Schultern. "Das wenige, was ich esse, kann ich auch trinken." Eddie hatte sich merklich versteift. Mike würde ihn nicht mehr festhalten, wenn er sich verdrücken wollte. Wenn er auch für sich selbst einen Weg gefunden hatte, in der Nähe seiner großen Liebe zu sein, ohne völlig wahnsinnig zu werden, war es noch lange kein Konzept für Eddie. Er mußte seinen eigenen Ausweg finden. Allerdings hinderte ihn niemand daran, Eddie ein bißchen Zeit zu verschaffen. "Raphael? Dieser Ausbund an Höflichkeit ist Christoph Schwenk. Das zauberhafte Wesen, das unverständlicher Weise seine Gesellschaft teilt, ist Helen Renmark. Auch beim Zoll. Helen, Chris, mein Partner, Raphael Manzini." Bei der nächsten Veranstaltung würde Mike Namensschilder vorschlagen. Was heißt denn hier nächste Veranstaltung?

"Hätte ich das geahnt, ich hätte Mike zu einem Ehemaligentreffen gedrängt. Und ihn begleitet!" Raphael nahm Helens Hand und hauchte einen Kuss darauf.

"Machst du überhaupt eine Sekunde Pause, Mann?" Fast hätte Mike Raphael einen Klaps gegeben. Helens Gegenwart steckte an. "Helen, der Mann ist fast-verlobt."

"Schon okay, Mike. Ist ja nicht gerade so, daß ich auf der Suche bin."

Raphael hob beschwichtigend beide Hände hoch. "Die Botschaft ist laut und deutlich angekommen. Mike, sag mal, hat sich die Presse inzwischen verzogen?"

"Die Fotografen sind weg, wenn du das meinst."

"Dann kümmere ich mich mal um das leibliche Wohl der Kreativen. Wir sehen uns dann später."

Mike sah Raphael nach, wie er sich auf den Weg zur Bühne machte. Chris stieß ihn an. "Dein Kollege hat ja wahrlich Hummeln im Hintern."

"Die letzten Tage in Freiheit, Chris." Chris sah aus, als wollte er etwas darauf erwidern, doch dann nickte er nur. Der Kellner schob die bestellten Getränke in Reichweite und Mike bot Helen eines der Biere an, das sie auch nahm. "Was ist mit dir, Chris?"

"Wir nehmen ein Taxi. Und ich auch ein Bier."

Mike schaute über die Schulter zum Kellner. "Noch mal zwei."

"Du siehst ziemlich geschafft aus, Mike. Iris hat uns erzählt, daß ihr seit gestern die Werkstatt auf Vordermann gebracht habt. Muß eine Heidenarbeit gewesen sein." Bevor Mike auf Helens Bemerkung reagieren konnte, mischte sich Eddie ein.

"Nachdem wir nicht mehr versucht haben, alles gleichzeitig weg- und aufzuräumen, ging es eigentlich. Wir haben die Priorität auf Platz schaffen gelegt."

Chris gestikulierte mit seinem Glas. "Platz ist das Stichwort. Kommst du überhaupt klar?"

"Es geht, seitdem ich das Lager und den Abstellraum von nebenan übernehmen konnte. Sind nicht so viele Dollars mehr und es ist zumindest ein Anfang." Er nahm Mike das Bier ab und trank einen Schluck. "Viele Alternativen hatte ich ja nicht. Und trotz aller Schwierigkeiten bereue ich nichts."

Mike rollte innerlich die Augen. Typisch Eddie, daß er sich diese Gelegenheit nicht entgehen ließ, Chris einen Ball zuzuspielen. Da spielte es überhaupt keine Rolle, daß Helen und er dabeistanden. Was hatte Iris eigentlich geritten, Helen und Chris einzuladen? Das hatten weder Eddie noch er gebraucht. Verdammter Mist. Mike wußte, daß er Iris mit diesem stillen Vorwurf unrecht tat. Weder Eddie noch er hatten Iris jemals darüber aufgeklärt, was sich wirklich zwischen ihnen abgespielt hat. Warum - oder besser: wegen wem - sie sich getrennt hatten. Wie sollte sie darauf kommen, daß Chris Schwenk nicht nur ein Freund von Eddie und ihm war. Und daß Helens Existenz vielleicht das Einzige war, das eine Beziehung zwischen Eddie und Chris verhindert hatte. Ohne sie wäre Chris vielleicht bei Eddie im Bett gelandet. Nicht nur aus Zufall, sondern mit allen Konsequenzen und aus eigenem Antrieb... Aber Iris' Ahnungslosigkeit erklärte keineswegs, warum die beiden der Einladung auch gefolgt waren.

Helen war dichter an Chris herangetreten und schlang jetzt ihren Arm um seine Hüfte. Sie lächelte Eddie an. "Zur Not hast du ja immer noch die Möglichkeit, dich als Handwerker durchzuschlagen. Wenn du da mal eine Referenz brauchst, wende dich ruhig vertrauensvoll an mich."

Na, das kann ja heiter werden... Mike schielte zu Chris rüber, aber entweder bekam der nicht mit, was Helen da spielte oder er selbst reagierte viel zu paranoid auf Helens Geste und den Ton in ihrer Stimme.

Allerdings schien auch Eddie etwas gespürt zu haben. "Laß mal, Helen, wenn ich mir schon die Hände schmutzig mache, dann tue ich doch lieber was, das mir Spaß macht." Seine Stimme hatte einen harten Klang, wurde aber um etliche Nuancen sanfter, als er sich an Chris wandte. "Aber das ihr überhaupt Zeit habt, hier aufzutauchen... Machen die Schmuggler heute Pause?"

Chris machte sich von Helen frei und beugte sich vor. "Wer sagt denn, daß wir nicht dienstlich hier sind?", murmelte er. "Vielleicht sind wir undercover..."

"Ihr entschuldigt mich bitte? Der Ruf der Natur..." Helen legte ihre Hand kurz auf Chris' Unterarm. Mike sah ihr nach und nach einem Blick auf Chris und Eddie, die begonnen hatten, sich angeregt zu unterhalten, beschloß er, ihr zu folgen.

"Helen, könnte ich dich mal sprechen?" Helen blickte sich um und Mike beeilte sich, zuzufügen. "Vielleicht im Hof?"

Sie sah zurück zu Chris und Eddie und nickte dann. Draußen drehte sie sich zu Mike um. "Wenn es um Eddie geht, werde ich keine Rücksichten nehmen, Mike. Ich habe Iris' Einladung vor allen Dingen angenommen, um zu sehen, wie Eddie... nun ja, wie Eddie auf Chris reagiert. Ich habe genug gesehen. Nicht nur heute, sondern auch bei ein paar anderen Gelegenheiten. Und gehört. Wenn es um Chris geht, habe ich einen regelrechten Alarm entwickelt. Zweimal habe ich Eddie gesehen, ich will mir gar nicht vorstellen, wie oft er uns beobachtet hat. Und seine Botschaften auf dem Anrufbeantworter hörten sich zumindest in meinen Ohren nicht danach an, als wollte er sich nur mal mit alten Freunden treffen."

Mike schluckte, wußte absolut nicht, was er ihr jetzt noch sagen sollte. "Du bist nicht überrascht, Mike?"

Er schüttelte den Kopf.

"Wenn du noch irgendeinen Einfluß auf Eddie hast... Ich werde Chris nicht aufgeben, Mike. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich getraut habe, mich auf das Risiko, ihn zu lieben, einzulassen. Aber wie Eddie bereue ich nichts. Und das, was ich jetzt habe... Ich werde nicht zulassen, daß mir das jemand zerstört."

"Wenn Chris denkt wie du, hast du ja nichts zu befürchten. Kann mich nicht erinnern, daß du so aggressiv auf Eddie reagiert hast, als er noch mit mir zusammen war. So wie ich das sehe, ist das eine Sache zwischen Chris und Eddie."

"Ich hatte immer gedacht, du würdest eine Beziehung respektieren, Mike."

"Was erwartest du denn von mir, Helen? Daß ich Eddie an die Kette lege?" Nicht einmal, als es um seine eigene Beziehung mit Eddie ging, hatte er gegen dessen Gefühle für Chris ankämpfen können. Wie und vor allem wieso sollte er das für Helen tun? Mike wandte sich ab, war schon halb durch die Tür, als sie ihn zurückhielt.

"Du verzeihst ihm wohl alles, was?"

Sie hatte wohl wirklich eine Art sechsten Sinn in dieser Sache entwickelt. Und kam der Wahrheit mit dieser Frage näher, als Eddie es in all den Monaten geschafft hatte. Es wäre ein Leichtes gewesen, sie zu beruhigen. Ihr zu sagen, daß Eddie begriffen hatte, daß Chris zu Helen gehörte. Doch wie wahr wäre diese Feststellung? Man brauchte Eddie nur anzusehen, wenn Chris in der Nähe war. Da ging alle Vernunft den Bach runter. So wie bei ihm, wenn er Eddie nahe sein konnte. Manche Motten mußten sich wieder und wieder verbrennen. Bis es sie vielleicht irgendwann so schlimm erwischte, daß sie gar nicht mehr fliegen konnten.

"Wenn ich dafür sorgen könnte, daß Eddie glücklich wird, täte ich es, egal, wer dabei auf der Strecke bleibt. Beantwortet das deine Frage?"

"Seit wann bist du so scheinheilig, Mike? Wäre ich nicht gewesen, wie groß wäre die Wahrscheinlichkeit, daß Eddie etwas mit dir angefangen hätte?"

Vielleicht hatte sie sogar einen siebten Sinn. "Da soll ich dir - oder euch - Eddie aus reiner Dankbarkeit vom Hals halten? Wenn du dir deiner Wirkung auf Chris so sicher bist, worüber reden wir dann eigentlich hier?"

"Das könnte ich genauso gut dich fragen, Mike. Du wolltest mich sprechen."

"Ich wollte nur sicherstellen, daß du diesen Nachmittag nicht für eine Demonstration in Sachen Chris Schwenk benutzt."

"Da mach dir keine Gedanken. Ich weiß jetzt, was ich wissen wollte."

"Das hättest du anders haben können. Schließlich weißt du, wo und wie du Eddie erreichen kannst. Aber dann hättest du riskiert, daß sogar Chris was mitbekommt."

"Du traust ihm in der Beziehung wohl nicht sehr viel zu."

"Jahrelange Erfahrung." Mike hatte nie verstanden, wie Eddie es überhaupt geschafft hatte, Chris so nahe zu kommen. Und wie Chris es dann fertig gebracht hatte, nicht schwach zu werden, war ein noch größeres Rätsel. Aber er war parteiisch, deshalb ersparte er sich ein abschließendes Urteil über den Mangel an Intelligenz eines Chris Schwenk. "Aber dein Vertrauen in ihn scheint ja auch nicht so ausgeprägt. Und im Gegensatz zu dir schlafe ich nicht mit ihm." Mike tat der Tiefschlag fast leid, als Helen blaß wurde. Fast rechnete er damit, daß sie ihm eine Ohrfeige gab. Aber es blieb bei geballten Fäusten. "Erwarte in dieser Sache keine Fairneß von mir."

Er konnte sie nicht einfach stehen lassen. Also lehnte er sich gegen die Wand hinter sich und wartete ab. Helen funkelte ihn an, schüttelte dann den Kopf. "Wieso streite ich eigentlich mit dir? Ich sollte mich mit Eddie anlegen."

"Warum eigentlich? Soweit ich das beurteilen kann, bist du mit dem Menschen zusammen, den du liebst."

"Ja, tue ich. Und es läuft so gut, daß ich anfange, mir Sorgen zu machen. Irgendwie ist es zu schön, um wahr zu sein. Und Eddies Anrufe waren vielleicht noch kleine Schönheitsfehler. Nur, daß ich ihn in der Nähe unserer Wohnung gesehen habe... Das kannst selbst du nicht normal finden, Mike."

"Muß ich auch nicht. Wenn überhaupt, solltest du mit Chris darüber reden. Nicht Eddie ist dein Problem, Helen." Damit hatte er sie endgültig. Sie ließ die Schultern etwas sinken, entspannte endlich ihre Hände. "Mehr kann ich dir nicht raten, Helen. Ich hab nur kapieren müssen, daß es niemals für zwei reicht, egal wie sehr man liebt." Mit einem Mal war seine Wut auf sie verflogen und er streckte seinen Arm aus. "Komm schon, laß uns wieder hineingehen. Bevor wir feststellen müssen, daß es unseren beiden Helden gar nicht auffällt, wie lange wir weg waren."

 

***
 

Zurück in der Werkstatt machte Helen ihren Abstecher zur Toilette. Chris und Eddie standen immer noch zusammen an der Theke. Auf halbem Weg zu ihnen entschied Mike, daß er absolut keinen Bock mehr auf irgendwelche Beziehungsspiele hatte, und beschloß, speziell diese Motte Motte sein zu lassen. Stattdessen schlenderte er zurück zur Bühne, wo das Trio mit dem Abbau beschäftigt war. Sie schleppten gerade die Requisiten auf den Hof. Vor einer halben Stunde noch hätte er einfach mit angepackt, ohne groß zu fragen. Jetzt setzte er sich auf den Bühnenboden und sah sich die Gäste genauer an.

Nicht seine Welt. Und er hätte auch nicht gedacht, daß es etwas für Eddie wäre. Aber der hatte sich recht schnell angepaßt, während der paar Minuten auf der Bühne, bei der Begrüßung, nachher beim Foto. Er war immer noch Eddie, aber irgendwie paßte sein Charme überall hin. Wenn ich es nicht weiß, wie unwiderstehlich der Mann in jeder noch so unmöglichen Situation sein kann, wer dann? Allein die erste Begegnung mit Eddie, als der in Chris' Begleitung in der Disco aufgetaucht war... Der Moment, als er begriff, daß er als Kleinkrimineller mitten unter Bullen gelandet war... Chris war es peinlich gewesen, aber nicht Eddie. Der hatte sich wahrscheinlich nur über Chris' Unbehagen amüsiert, und er hatte damals nichts getan, um ihm dieses Unbehagen zu nehmen. Im Gegenteil... Er hatte mit Chris gespielt. Ohne zu zeigen, was für ihn - Eddie - auf dem Spiel stand.

"Verdammt!" Es war nur ein Flüstern, ein lauter Fluch gehörte nicht hierher. Mike machte sich klar, was Iris' Plan wirklich bedeutete. Sie hatte die Strategie, die ursprünglich auf Mikes und Chris' Mist gewachsen und aus ihrer mißlichen Lage vor einem Jahr entstanden war, vollends durchdacht. Sie hatte begriffen, daß es nicht reichte, aus einer Szene herauszukommen, ohne neue Bindungen aufzubauen. Aber das hier? Mike wußte, daß er selbst hier hingehörte wie die Tarantel auf die Torte. Und im Moment war er empfindlich genug, jeden beiläufigen Blick, den man ihm zuwarf, als Bestätigung dieser Tatsache zu verstehen.

Paradiesvögel. High Society. Schickeria. Und ein Weltschmerz, der all meine Vorurteile an die Oberfläche spült. Weltschmerz? Oder doch eher guter alter Liebeskummer?

Mike versuchte, einen Blick auf Eddie und die anderen zu bekommen, aber der Raum war zu voll. Wahrscheinlich würde er niemals über Eddie hinwegkommen, egal was Eddie tat, was er ihm antat. Und wenn er sich von ihm fernhalten müßte, um es irgendwann zu überwinden, dann riskierte er lieber ab und an ein kleines Gerangel mit seinen Dämonen und schmerzhafte Bauchlandungen. Du verzeihst ihm wohl alles? Helens Worte hatten es so ziemlich getroffen.

 

Ein Schatten tauchte neben ihm auf und als dieser Schatten ihn auch noch mit sanfter Stimme ansprach, glaubte er für eine Sekunde, Eddie wäre gekommen, um nach ihm zu sehen. Aber die Worte paßten nicht, auch nicht die Hand, die sich dicht neben seinem Oberschenkel auf dem Bühnenboden abstützte, als der Schatten sich setzte. "Wo ist denn Ihr Freund geblieben? Er sollte Sie nicht so lang allein lassen."

Mike starrte weiter auf die Hand. Trug er denn seine Gefühle so offensichtlich mit sich herum? Trug er ein Schild um den Hals, auf dem all seine Gedanken in der Sekunde, in der er sie selbst zu fassen bekam, in leuchtenden Buchstaben aufflammten? Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Eine gute alte Anmache, passend zum guten alten Liebeskummer. Und die Antwort war auch schon raus, bevor er sich zurückhalten konnte.

"Ich denke, ich komme gut allein zurecht."

Dann war die Hand weg und der Schatten rückte näher. "Und ich denke, daß eine solche Party wohl nicht der geeignete Ort ist, um allein zurechtzukommen." Die Stimme war unglaublicher Weise noch sanfter geworden und Mike konnte nicht anders und sah endlich hoch. Dunkle Haare, ein dichter Schopf, dunkle Augen. Eddie nicht unähnlich, aber der Rest paßte nicht. Wo Eddie weiche Züge hatte, war dieses Gesicht hart. Nein, nicht hart, dazu waren die Augen zu lebendig. Kantig. Nicht gutaussehend. Attraktiv traf es besser. Sehr viel besser. Mike richteten sich die Nackenhaare auf, bei dem Blick, den ihm der andere schenkte. Und sein Hirn protestierte. Mach jetzt keinen Scheiß, Mike.

"Nur eine kleine Atempause. Ich wollte--"

"Mike!" Iris baute sich vor ihm auf. "Entschuldigt, daß ich störe, aber..." Mike sah ihr ins Gesicht, hatte den Eindruck, daß sie etwas mitgenommen aussah. "Jakobi muß gleich los. Wo ist denn Eddie?"

Was weiß ich, wo dein vermaledeiter Sohn ist? Aber Mike schluckte diese Reaktion auf den Vorwurf, den er in Iris' Stimme gespürt hatte, hinunter. "Drüben an der Theke, zusammen mit Helen und Chris."

"Danke." Damit war sie fort und Mike folgte ihr mit seinem Blick, bis sich die Menge, die sich für sie geteilt hatte, wieder schloß. Keine Minute später kam sie zurück, hatte Eddie im Schlepptau, schob ihn dann in Richtung Büro. Als sie an Mike vorbeikam, raunte sie ihm zu, "Drück' uns die Daumen." Sie stieg auf die Bühne und kam in Begleitung von Jakobi wieder herunter. Zusammen gingen sie ins Büro. Es ging so schnell, daß Mike sich noch nicht mal entschieden hatte, ob er wirklich die Daumen drücken sollte.

Ein leises Lachen holte ihn aus seiner Starre. "Iris hat mal wieder alles im Griff."

"Sie kennen Iris?"

"Seit ein paar Wochen. Der vorletzte Event, den ARSenal organisiert hat, war mein Auftritt. Rolf Hagen."

"Mike Niemcek."

"Ich habe Sie vorher noch nie gesehen. Gehören Sie auch zu den ARSenalisten?"

Mike schüttelte den Kopf. "Ich gehöre zu Iris. Irgendwie." Rolf hob eine Augenbraue. Das nächste rutschte einfach so raus. "Ich war mal mit ihrem Sohn zusammen."

"Verstehe. Warum kommen Sie nicht mit zu meiner Gruppe? Da sind die Jungs von meiner Band und ein paar... na ja, Förderer unserer Kunst."

Besser als auf Eddies Rückkehr zu warten. Viel besser als zu Chris und Helen zu gehen. Unendlich viel besser als hier zu sitzen und auf die nächste pick-up line zu warten... Und solange ich die Bürotür im Augen behalten kann...

Mike bereute die Entscheidung, als ihm einfiel, daß es hier immer noch keine Namensschilder gab. Zu spät...

 

Rolfs Gruppe unterbrach ihre Diskussion, als sie hinzutraten. Was Mike wenig überraschte, denn Rolf hatte eindeutig Ausstrahlung. Und seine Größe tat ein Übriges. Mike schätzte, daß er einen halben Kopf größer als Eddie war. Und jetzt hörst du bitte auf, ihn mit Eddie zu vergleichen.

"Kinder, darf ich euch Mike vorstellen? Mike, das hier sind Corinna Dahlen und Hermann Großbeck, beides ARSenalisten. Die beiden Mädels sind..."Rolf machte eine kurze Pause und lachte. "Das ist wirklich unfair, Hermann, daß du Zwillinge mitgebracht hast, jetzt muß ich die beiden ganz ungentlemanlike bitten, sich selbst vorzustellen."

Mike schätzte die beiden Blondchen, die bei diesen Worten loskicherten, auf gerade mal Anfang zwanzig, Großbeck war wohl Ende vierzig. "Marion" und "Michaela" piepsten die beiden und kicherten dann weiter. Na, die werden es schwer haben, meine Vorurteile abzubauen.

"Und das hier sind Ray und Charlie, der Rest unserer Band."

Mike nickte den ARSenalisten zu, schüttelte Ray und Charlie die Hand. Rolf schlug ihm auf die Schulter. "Ich denke, wir brauchen noch etwas zu trinken."

"Laß mal, Rolf, das mache ich." Charlie nahm Ray das leere Glas aus der Hand. "Ihr Mädels bleibt beim Sekt?" Die Frauen in der Runde nickten. "Hermann?"

"Rotwein."

"Mike?"

"Bier."

Charlie grinste. "Ein Mann nach meinem Herzen. Rolf, bleibst du beim Wasser?"

"Schorle, bitte. Wenn die so etwas hinkriegen."

Corinna wandte sich an Mike. Ihre kurzgeschnittenen Haare waren tiefschwarz gefärbt und klebten an ihrem Kopf, als wären sie schweißnaß. Ihre blaß geschminkte Haut stand in starkem Kontrast dazu. Mike fühlte sich an eine der Masken aus dem Stück erinnert. Das verstärkte sich noch, als sie ein süßliches Lächeln aufsetzte. "Ich habe Sie vor dem Stück auf der Bühne gesehen. Gehören Sie zu den Künstlern?"

Jetzt kommt also der Check, ob ich ein adäquater Gesprächspartner bin.

"Oh nein, dazu fehlt mir jegliches Talent. Iris hat mich als Heinzelmännchen eingeteilt." Und jetzt, da man mich erwischt hat, sollte ich eigentlich machen, daß ich wegkomme...

"Verzeihen Sie meine Neugier, aber kennen Sie Iris schon länger? Ich habe Sie noch bei keinem Event gesehen."

"Ist auch... mein erstes Mal." Und alle Zeichen deuten darauf hin, daß es auch das letzte ist.

"Ich finde, es ist ein gelungener Nachmittag. Das Ambiente ist einfach ideal." Großbeck fummelte an seinem bepelzten Mantelkragen. Mike fragte sich, wie er es bei der Hitze in dem schweren Ding überhaupt aushalten konnte. Und wenn er dann noch Rotwein trank... Bei dem Gewicht... Der Mann war Kandidat Nummer Eins für den Rettungsdienst. Mike war gegen seinen Willen von diesen Kunstfans fasziniert. Bisher hatte er solche Typen nur als Klischees in schlechten TV-Produktionen für möglich gehalten.

Corinna nickte eifrig, legte Großbeck die schlanke Hand auf seinen Ärmel. "Ideal, ganz ideal, insbesondere in Anbetracht der politischen Aussagekraft des Stückes."

Politisch? Mike starrte Corinna an. Was war daran politisch gewesen? Doch die anderen nickten nur. Entweder hörten die nicht zu oder die Dame bezahlte für diese schweigende Zustimmung. Nun, er hatte noch kein Geld gesehen. "Politisch? Was war an dem Stück denn politisch?"

Corinna verschluckte sich fast an dem letzten Schluck Sekt. "Wie meinen Sie?"

"Ich konnte in diesem Stück nichts Politisches finden. Nicht, daß ich viel Ahnung von darstellender Kunst habe..."

Corinna entspannte sich bei diesem Eingeständnis sichtlich. "Die zentrale Aussage-- diese Auflehnung gegen das Establishment, gegen die Spielregeln..." Corinna war es wohl nicht gewohnt, ihre Statements zu rechtfertigen. Durchdacht klang ihre Erklärung nicht.

Mike seufzte. Die Frau tickte nicht richtig, aber alle spielten mit. "Tut mir leid, da kann ich nicht folgen. Da verlasse ich mich mehr auf meinen Instinkt."

"Und was sagt dein Instinkt, Mike?" Rolf trat dichter an ihn heran. Heute bleibt mir aber auch nichts erspart. Aber da die Bürotür immer noch geschlossen war...

"Für mich ging es eher um die Unfairneß des Lebens und daß man nur eine Chance hat zu gewinnen, wenn man den Mut hat zu bescheißen."

"Sehen Sie das nicht ein bißchen oberflächlich? Diese Unfairneß, von der Sie da sprechen, kommt doch nicht von ungefähr, die ist doch von gewissen Gruppen gewollt."

"Aber, aber, regt euch doch nicht auf." Großbeck zog tatsächlich einen Fächer aus seinem Mantel und versorgte sich mit zusätzlichem Sauerstoff. "Dafür ist es doch viel zu heiß. Genießt doch lieber das Ambiente."

Die anderen schienen das auch zu finden. Mike seufzte wieder, schielte zu Rolf hinüber. Der bemerkte den Seitenblick und beugte sich zu ihm vor. "Mach dir nichts draus, die interessieren sich kein Stück für das, was hier abgeht. Sie müssen nur dabeisein."

"Tut mir leid, aber das reicht mir nicht. Nicht mehr."

"Können wir uns wiedersehen?" Rolf zog eine Karte aus der hinteren Hosentasche. "Ruf mich an, wann immer du magst."

Mike nahm die Visitenkarte an sich und sah wieder hinüber zum Büro. Die Tür war immer noch geschlossen. Er steckte die Karte ein, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen.

"Oder besser, wenn du den Kopf wieder frei hast."

Vielleicht sollte ich irgendwann lernen, ein Pokerface aufzusetzen. Charlie kam mit den Getränken zurück, Mike bekam sein Bier und er leerte es in einem Zug. Rolf schien okay zu sein, seine Freunde von der Band wohl auch. Aber die anderen? Mike kam sich vor, als hätte das Theaterstück nie geendet. Er stellte sich dichter neben Rolf, erhaschte daraufhin einen wissenden Blick von Großbeck, der ihm fast übel werden ließ. "Spaß kann dir das doch nicht machen, oder?"

Rolf flüsterte ebenso leise zurück. "Nein. Aber macht dir alles Spaß in deinem Job? Talent und harte Arbeit reichen nicht aus. Aber wenn--" Er brach, schien nach den richtigen Worten zu suchen. "Wir können wirklich gehen, wenn du willst. Großbeck hält es für chic, Leute wie uns zu akzeptieren. Und für Corinna..."

"... ist es wahrscheinlich eine Art politisches Statement."

"Das Geheimnis ist, sie einfach reden zu lassen, und ihnen das Gefühl zu geben, es wäre irgendwie wichtig, was sie von sich geben. Du hast es selbst gesagt. Das Leben will betrogen werden."

"Solange du dich nicht selbst betrügst."

"Wer im Glashaus sitzt, Mike... Ich bin nicht derjenige, der sehnsuchtsvolle Blicke in eine bestimmte Richtung wirft. Zum Pokern gehört Bluffen."

Wie aufs Stichwort öffnete sich die Bürotür und Jakobi und Iris kamen raus, schlenderten eingehakt zum Vordereingang.

"Es scheint, du hast mich schon länger beobachtet?" Spricht nicht für meine Instinkte. Allein, daß ich noch hier bin, spricht nicht für meine Instinkte.

"Ich finde, es hat sich gelohnt." Eddie kam immer noch nicht aus dem Büro. Kein gutes Zeichen. "Nun geh schon."

 

Das ließ er sich nicht zweimal sagen. An der Bürotür überlegte Mike, ob er klopfen sollte. Doch wenn Eddie keine Antwort gab, müßte er ohnehin hineingehen. Also sparte er sich das Ritual und trat ein. Eddie hockte auf dem Bürostuhl, Unterarme auf den Oberschenkel abgestützt, Kopf gesenkt. Er sah nicht mal auf, als Mike sich vor ihn stellte. Auch kein gutes Zeichen.

"Soll ich besser gehen?"

"Macht keinen Unterschied."

"Soll ich dir was zu trinken holen? Oder willst du lieber nach Hause?"

"Mike, bitte!" Eddie sah ihn immer noch nicht an.

"Okay, ich bin in der Werkstatt, wenn du mich brauchst. Und schließ besser ab, wenn ich raus bin."

Draußen vor der Tür lief er Rolf in die Arme. Der nahm ihn etwas zur Seite. "Mike, wir wechseln das Revier. Großbeck hat wohl begriffen, daß das Ambiente auf Dauer ein bißchen zuviel für ihn ist. Er hat die Gang in seine Villa eingeladen."

"Viel Spaß noch."

"Ich würde dich ja einladen mitzukommen, aber die Frage spare ich mir."

Das reichte, um Mike zum Lächeln zu bringen. "Ich kann nicht mal sagen, daß es mir leid tut. Rechne nicht in naher Zukunft mit einem Anruf von mir."

"Wie war das mit der Unfairneß? Du bist nicht der Typ, der bescheißt, Mike. Schade eigentlich." Dann war er weg.

Mike schlug leicht mit dem Hinterkopf gegen die Wand. "Exzellentes Timing, Alter." Aber er wußte, daß Rolf Teil dieses absurden Nachmittags war und auch später nie Thema gewesen wäre.

 

Fast als wäre deren Aufbruch ein Signal, folgten Rolfs Gruppe noch etliche andere und der Raum leerte sich merklich und recht schnell. Vielleicht hatte es unter den Anwesenden auch einen geheimen Code gegeben, der sie zum Verlassen des Gebäudes zwang. Mike schaute den verschiedenen und meist übertriebenen Abschiedsritualen zu, segnete im Geiste jeden, der aus der Tür rauschte. Iris kam zurück in die Werkstatt; wahrscheinlich hatte sie Jakobi bis zu seinem Wagen gebracht. "Iris!" Sie sah sich suchend um und er ging ihr entgegen.

"Ist irgendetwas passiert, Mike? Hat jemand Feueralarm gegeben?" Sie nickte und winkte als Reaktion auf die Zurufe der abwandernden Gäste.

"Wenn du das nicht weißt, wie so etwas von statten geht... Ich habe keine Ahnung. Wie war das Gespräch mit Jakobi und Eddie?"

"Hast du Eddie noch nicht gesprochen?"

"Er ist immer noch im Büro und ich habe den Eindruck, er braucht ein bißchen Zeit für sich allein."

Iris nickte. "Das Gefühl hatte ich auch. Und mittlerweile weiß ich, daß die ganze Idee eine ganz idiotische Geschichte war. Jakobi war nicht nur nicht begeistert, als er merkte, was ich von ihm wollte, er war auch nicht angetan davon, mit Eddie darüber zu sprechen. Eigentlich hat er es nur getan, um seine Ruhe zu haben. Vor mir. Mist, verdammter."

Mike hatte Iris noch nie fluchen hören. "War es denn so schlimm?" Er war drauf und dran, Iris einfach stehenzulassen und zu Eddie zu gehen, mochte es Eddies Stimmung zulassen oder nicht. Er hatte sein Wort gegeben, Eddie und auch Iris.

"Jakobi war einfach nur offen mit ihm. Hat ihm - und damit auch mir - klargemacht, daß er nur zu Spitzenkräften geht, ausgebildeten Fachleuten... Und solange das fundierte Know-how Eddie fehlen würde, wäre da nichts drin."

"Wie hat Eddie denn reagiert?"

"Er hat sich halbherzig damit verteidigt, daß er bis jetzt so klar gekommen ist. Und Jakobi ist darauf angesprungen wie ein Hai, der Blut riecht. Warum er sich denn allein auf sein Talent verließe, hat er ihn gefragt. Hat einen Vergleich zu Rennpferden gezogen, bei denen nicht unbedingt das beste, sondern das am besten trainierte gewinnt. Dass Eddie keine großen Preise gewinnen würde, solange er halbe Sachen macht."

Mike schluckte einen Fluch hinunter. Das mußte Eddie regelrecht den Rest gegeben haben. "Tschuldige, Iris, ich muß--" zu ihm. Bevor da irgendwas schiefläuft.

Natürlich war die Tür nun verschlossen. "Ich mit meinen tollen Ratschlägen." Er mußte sich zusammenreißen, daß er nicht die Tür eintrat. "Eddie, ich bin's, Mike. Laß mich rein."

Überraschender Weise waren sofort Schritte zu hören und dann wurde der Schlüssel umgedreht und Eddie öffnete ihm die Tür. "Wer soll es denn sonst sein?"

"Iris hat mir erzählt, was Jakobi so von sich gegeben hat."

Eddies schiefes Grinsen war für Mike eindeutig der schönste Anblick des Tages. "Ja. Er hat sich angehört wie eine Kombination aus dir und meinem eigenen Gewissen."

"Und? Hast du ihn ebenso erfolgreich ignoriert wie uns?"

Eddie drehte sich um, schob die Hände in die Hosentaschen. "Ich hab's versucht. Ehrlich. All das hier geht mir tierisch auf den Sender."

"Die paar Stunden wirst du doch wohl noch aushalten, die meisten Leute sind schon weg und der Abbau der Bühne ist in vollem Gange... Iris hat inzwischen eingesehen, daß sie keinem von uns mit dieser Aktion einen Gefallen getan hat. Also aus der Richtung hast du nichts mehr zu befürchten."

"Das glaubst du doch wohl selbst nicht." Eddie lachte rau und schlenderte zum Schreibtisch, lehnte sich dagegen. Nein, Mike glaubte es auch nicht. Iris würde ein paar Tage brauchen, um über diesen Rückschlag wegzukommen, wenn überhaupt, und dann zum nächsten Angriff übergehen. "Mach dir mal keine Sorgen, Mike, da kommt noch mehr." Da war etwas in Eddies Augen, das Mike nicht zu akzeptieren wagte. Eine Spur von Schalk, von diesem Funkeln, das er bei Eddie viel zu lange nicht mehr gesehen hatte. Und das fast immer nur dann aufgeblitzt war, wenn von Chris Schwenk die Rede gewesen war. "Außer..." Eddie brach ab, aber das Funkeln blieb.

"Außer was?"

"Außer ich komme ihr zuvor. Als ich sagte, daß mir das hier auf den Sender geht, da war nicht diese Show da draußen gemeint. Ich meinte das Ganze hier, die Sache mit der Werkstatt, meine kläglichen Versuche, mit meiner Vergangenheit abzuschließen und wirklich neu anzufangen. Wenn ich noch ein paar Wochen so weiter mache, lande ich wieder da, wo ich hergekommen bin. Und offengestanden, Mike... Da kann ich nicht mehr hin." Eddie legte die Stirn in Dackelfalten. Mike wußte genau, wann Eddie auf Show machte, und er war gespannt, was jetzt kam. "Mir ist die Abenteuerlust abhanden gekommen. Ob ich alt werde?"

"Weiß nicht. Zupfst du dir mittlerweile die grauen Haare aus?"

"Würde ich nie riskieren, wer weiß, wo das endet. Ich bin nicht der Typ für eine Glatze." Eddie machte eine Pause, als warte er auf einen Einspruch. Aber Mike tat ihm den Gefallen nicht. Eddie war eitel genug. "Ich dachte dann schon eher an Färben."

Ein bißchen Grau könnte dir ganz gut stehen. Mike hütete sich, den Gedanken laut auszusprechen. "Wenn du nicht zurück willst... oder kannst... Wohin willst du dann?" Was hatte Iris gesagt? Ich kann ihm Türen öffnen, durchgehen muß er selbst. In diesem Fall mußte Eddie auch die Tür finden, die er öffnen wollte. Mike würde lediglich mit ihm - oder hinter ihm - durchgehen.

Statt einer Antwort öffnete Eddie die oberste Schublade des Schreibtisches und holte einen DIN-A4-Umschlag heraus und warf ihn Mike zu. "Das habe ich mir schicken lassen. Und eigentlich wollte ich es sofort wegschmeißen. All das Zeug, das da auf mich zukommen würde..." Mike zog die Unterlagen heraus. Es war ein 08/15-Anschreiben, in dem Eddie für sein Interesse gedankt wurde. Und dann gab es da noch ein paar Prospekte und Faltblätter.

"Die Meisterschule?"

"Es war so eine blöde Eingebung. Wie gesagt, ich werde das nie packen. Ich müßte in die Abendschule, das dauert insgesamt fünf Semester. Zweieinhalb Jahre keine Freizeit, nur ackern und büffeln. Natürlich ohne Erfolgsgarantie. Ich wäre doch vom wilden Affen gebissen, oder?"

Mike schlug ein Faltblatt auf. Da waren einige Stellen mit Marker hervorgehoben, ein paar Notizen an den Rand gekritzelt. Eddies Handschrift. Mike mußte ein Grinsen unterdrücken.

"Oder, Mike?"

"Wenn du glaubst, daß du es nicht schaffst... Oder daß du daran keinen Spaß hättest, das Ganze dich nicht reizen würde... dann stünde ich jetzt nicht hier mit diesem Zeug in der Hand."

"Du hältst es nicht für total bescheuert?"

Ich halte es für die beste Idee, die du je gehabt hast, Edgar Sänger. Aber ich werde den Teufel tun und dir das ins Gesicht sagen. Da unten ist das Becken, voll mit eiskaltem Wasser. Spring endlich!

"Völlig egal, was ich davon denke, Eddie. Völlig egal."

"Ein toller Freund bist du!"

"Was willst du denn noch von mir? Bessere Gegenargumente als du selbst schon aufgezählt hast, kann ich wohl kaum finden. Und wenn ich dir sage, daß du es tun sollst... Ich hab keinen Bock darauf, irgendwann als Buhmann dazustehen."

"Mike, wenn du weiter so einen Stuß redest, mach ich's allein aus Frackigkeit."

"Du brächtest das, keine Frage." Mike las sich das Anschreiben noch einmal durch, blätterte dann durch die restlichen Papiere. "Wo ist denn das Anmeldeformular?" Eddie wurde rot und Mike schluckte sein Lachen so eben runter. Und endlich auch dieses sonderbare Gefühl, in einer Farce den Hampelmann zu geben, das ihn seit Stunden beschäftigt hatte. Er war wieder zurück in der Realität. "Wann hast du es ausgefüllt?"

"Vorhin, als du raus warst."

"Aha."

"Was soll denn das heißen?"

"Einfach nur 'aha'. Noch irgendwas, was du mir sagen willst?"

"Ich bin mir nicht klar, wie ich den Lehrgang und die Prüfung finanzieren soll."

"Es gibt Banken, Eddie, die haben so eine nette Sache eingeführt, die sich Kredit nennt."

"Ja. Davon habe ich gehört. Auch wenn ich nicht denke, daß meine Sicherheiten reichen."

"Du denkst immer an der falschen Stelle."

"Okay, ich mache einen Termin."

"Wenn du etwas Startkapital brauchst--"

"Ich leihe mir nichts von dir, keine Chance. Und von meiner Mutter schon gar nicht, wenn das dein nächster Vorschlag sein sollte."

"Reg dich ab, Alter." Mike schüttelte den Kopf. "Und hör bitte mit diesen voreiligen Schlüssen auf. Iris wäre mein erster Vorschlag gewesen. An meine eigenen Reserven habe ich erst in zweiter Linie gedacht." Eddie riß ihm die Unterlagen aus der Hand und Mike lachte. "Ich sollte mich an deinen neuen Titel gewöhnen. Meister Edgar Sänger. Klingt nach Märchenfigur."

 

***
 

"Warum fährst du nicht schon nach Hause, Iris? Du siehst todmüde aus."

"Es geht noch, Mike, das sind nur diese Schuhe. Die bringen mich noch um. Aber ich bleibe. Till the bitter end."

"Dann setz dich wenigstens, bis wir fertig sind. Du brauchst uns nicht im Stehen beim Arbeiten zusehen."

"Warum habe ich das Gefühl, im Weg zu sein und daß du mich loswerden willst?"

"Weil du ein gutes Gespür für solche Situationen hast." Mike drehte sich zur Theke um. "Raphael, ist da noch Wein?" Er sah sich zu Iris um, die etwas ungelenk zum nächsten Stuhl ging. "Weiß oder Rot, Iris?"

"Habt ihr nichts Stärkeres? Vielleicht einen Whiskey?"

"Whiskey kommt, Iris!" Raphael holte eine noch spärlich gefüllte Flasche vom Regal hinter ihm. "Nur Eis ist keins mehr da."

"Hätte ich mir auch verbeten!"

Raphael schob Mike das Glas hin und machte sich wieder an der Zapfanlage zu schaffen. Mike brachte Iris den Drink und sie klammerte sich an dem Glas fest. "Danke."

"Keine Ursache." Zurück an der Theke stand dort ein Bier mit der perfekten Schaumkrone. "Danke, Raphael."

"Hey, das war meins."

"Ja, warum hängst du dich nicht direkt an den Kran? Wieviel hast du mittlerweile intus?"

"Ach, die paar Gläser."

"Im Gegensatz zu mir mußt du morgen zum Dienst."

"Ich denke, ich werde krank." Er zapfte das nächste Bier an.

"Ich schreib dir keine Entschuldigung."

"Brauchst du nicht. Das mache ich seit dem sechsten Schuljahr selbst."

"Mike! Kannst du den Smalltalk mit dem Barkeeper auf Sendeschluß verschieben? Wir arbeiten hier!"

Das kam von Chris, der Helen vor einer Viertelstunde in ein Taxi verfrachtet und dann beim Abbau der Bühne angepackt hatte. Jetzt hielt er die Kante einer Kulissenwand in den Händen.

Mit einem Seufzen stellte Mike das Bier ab, funkelte Raphael an, als der es mit einem Grinsen an sich nahm, und ging zu Chris rüber. "Hat sich nichts geändert. Du kannst immer noch nichts alleine."

"Keine Beschwerden bitte. Ich kann mir auch sofort ein Taxi rufen."

Mike hob die andere Kante an. "Das wiegt ja Tonnen." Da er noch keinen sicheren Griff hatte, stellte er die Wand noch mal ab und packte erneut zu. "Jetzt können wir." Er ging rückwärts zur Hintertür. "Langsam, Chris."

"Geh etwas weiter nach links." Mike gehorchte und machte einen Schritt zur Seite.

"Das ANDERE Links!" Zu spät, Mike nahm das Regal mit der rechten Schulter mit, das unter dem Aufprall zu schwanken begann.

"Vorsicht!"

Bei Eddies Schrei sprangen Mike und Chris instinktiv zurück, ließen die Kulisse auf den Boden knallen. Einen Sekundenbruchteil später knallte noch etwas.

"Napoleon!" Eddie stürzte heran und kniete neben dem Scherbenhaufen, der einmal sein Schwein gewesen war. "Ihr habt Napoleon auf dem Gewissen!"

Mike war sich nicht sicher, ob Eddie die Verzweiflung nur spielte, und blaffte ihn an. "Herrgott, das war ein Unfall."

Dann hockte er sich neben Eddie und zog ein paar der größeren Scherben heraus. "Vielleicht kann man ihn kitten." Ihm war klar, daß es ein aussichtsloses Unterfangen war. Niemand würde diese 10000-Teile-Puzzle lösen können. Er sah hoch, die anderen standen um sie herum. Raphael, leicht vor und zurück schwankend. Iris, etwas bleich um die Nase. Chris, der sich neben sie stellte und ihr einen Arm um die Schulter legte, als sie sich an ihn lehnte. Das Infernale-Trio und ihre zwei Freunde.

Letztere fanden als erste in die Realität zurück. "Vielleicht solltet ihr das Geld aufsammeln." Dann zogen die Fünf ab und nahmen ihre Arbeit wieder auf. Mike wurde jetzt erst klar, daß sie nicht nur auf Napoleons sterbliche Überreste starrten, sondern auch auf die Ersparnisse, die er in den letzten Monaten für Eddie gefressen hatte.

Chris räusperte sich. "Ist ja gar nicht mal wenig."

"War ja auch ein großes Schwein", giftete Eddie.

"Betonung liegt auf 'war'", kicherte Raphael. Eddie sah zu ihm hoch und Mike hatte Angst, er könnte den Rest seiner Kontrolle verlieren. Zeit einzuschreiten. Er stand auf und schob Raphael in Richtung Theke.

"Du räumst das jetzt auf. Ohne Pause. Das restliche Bier bleibt im Faß, klar?"

Er wandte sich an Chris. "Machst du weiter beim Abbau mit? Die Jungs wollen ja irgendwann fertig werden." Mike hoffte, daß Chris diesmal die versteckte Bitte mitbekam. Wundersamer Weise nickte er und zog ab. Vielleicht war es ihm auch einfach nur zu blöde, um ein Sparschwein zu trauern.

"Iris, könntest du etwas besorgen, wo wir das Geld rein tun können? Und auch ein... Behältnis für Napoleon." Um Iris' Mundwinkel zuckte es, aber sie hielt sich zurück. "Ich denke, da werde ich was finden." Sie machte sich auf in Richtung Büro.

Mike sah zu, wie Eddie anfing, Geld und Schwein zu trennen. Die Guten ins Töpfchen... "Tut mir leid. Ich hätte besser aufpassen sollen." Eddie nahm eine der Münzen in die Hand, rollte sie zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. "Vielleicht finden wir einen Zwillingsbruder von Napoleon." Eddie schaute Mike an, als hätte er den Verstand verloren. "Ich meine, damit Gereon nichts merkt."

"Ja, das wäre nicht schlecht. Und es ist genau so meine Schuld. Ich wollte ja, daß er da oben stehen bleibt."

Iris kam zurück und reichte Mike wortlos zwei Schuhkartons. Dann zog sie sich wieder zurück. "Komm schon, Eddie, wir können Napoleon doch nicht so liegen lassen. Stell dir vor, du fährst mit einem der Wagen durch eine Scherbe..."

Eddie nickte und die beiden sortierten Scherben und Geld in die Kartons. Als sie fertig waren, legte Eddie den Deckel auf den Karton mit Napoleons scherblichen Überresten. "Wir können ihn im Hof begraben."

"Machen wir." Mike rüttelte den anderen Karton. "Chris hat Recht. Ist gar nicht wenig."

"Stimmt." Dann lächelte Eddie. "Startkapital."

"Was?"

"Startkapital. Für den Lehrgang."

"Gute Idee."

"Jetzt hast du's zugegeben! Daß der Lehrgang eine gute Idee ist." Eddie lachte und schlug gegen Mikes Schulter.

"Du wirst nie erwachsen, Eddie." Und das ist auch gut so.

Eddie griff in den Karton und zog eine der Münzen heraus. "Aber vielleicht sollten wir das Glück entscheiden lassen?" Er warf die Münze hoch, fing sie geschickt auf und klatschte sie auf den Rücken der anderen Hand. "Kopf oder Zahl?"

"Vergiß es. Morgen gehst du zur Bank. Und die Briefmarke für die Anmeldung zahle ich."

"Und das neue Schwein?"

"Das auch." Mike zog Eddies Hand weg und nahm die Glücksmünze. "Und die kommt dann da wieder rein!"

 
Ende

 
Du bist der 3229. Leser dieser Geschichte.