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Von Fröschen und Prinzen© by Aisling(Aisling@gmx.net)
Die Tür fiel krachend ins Schloss und Chris lehnte sich aufseufzend gegen die Wand. Es war mal wieder ein Scheißtag gewesen. Zusammen mit Helen hatte er den ganzen Tag einen illegalen Zigarettenverkäufer observiert. Morgen würden sie sich den Kerl schnappen. Die Zeit im Auto war die absolute Hölle gewesen, besonders als während der letzten zwei Stunden die Klimaanlage ausgefallen und die Temperatur im Wagen unerträglich geworden war. Und als sie dann abends im Büro den Bericht fertig geschrieben hatten, da war Helen auch noch zu Krause gerufen worden. Chris hatte zwei Stunden warten müssen, bis sie wieder zurück kam und sie endlich nach Hause fahren konnten. Am liebsten hätte er Helen sofort gefragt, was Krause denn gewollt hatte, aber ihr Gesichtsausdruck hatte ihn davon abgehalten. In den zwei Jahren ihrer Beziehung hatte er gelernt, in welchen Momenten er sie besser nicht ansprechen sollte. Es war zwar schon Routine, dass er für jede Kleinigkeit einen Stoß in die Rippen bekam, aber manchmal war es trotzdem besser, kein Gewitter zu riskieren. "Musst du die Tür so laut zuschmeißen? Ich habe Kopfschmerzen!" "Sorry, aber das habe ich gebraucht. Es ist schon wieder fast zehn und wir haben jetzt erst Feierabend. Der Tag war absolut beschissen und um sieben klingelt schon wieder der Wecker. Ich brauche jetzt eine Dusche, ein Bier und etwas zu essen." Helen reagierte nicht weiter auf diesen Kommentar, sondern ging ins Schlafzimmer. Chris hatte auch nichts anderes erwartet. Er raffte sich auf und ging in die Küche. An der Pinwand hingen die Flyer der verschiedenen Bringdienste. "Was willst du? Italienisch, Chinesisch oder sollen wir den Türken ausprobieren, von dem wir gestern den Zettel im Briefkasten hatten?" Aus dem Augenwinkel bemerkte Chris, dass Helen schon in Unterwäsche auf dem Weg ins Bad war. Die Versuchung, das Essen erst mal zu vergessen und Helen unter die Dusche zu folgen, war groß. "Mir egal. Ach, bestelle mir beim Chinesen doch die zweiunddreißig, extra scharf. Und die nächste Viertelstunde will ich unter der Dusche nicht gestört werden." Damit hätte sich das schon wieder erledigt. Und der Türke auch, der liefert erst ab fünfzehn Euro. Ersatzweise ging Chris zum Kühlschrank und holte sich ein Bier. Ein Glas sparte er sich und trank aus der Flasche. Als der erste Durst gestillt und das Bier leer war, schnappte er sich das Telefon und orderte das Essen. Dann holte er sich eine neue Flasche, ging ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher an. Wirklich Lust, etwas zu schauen, hatte er nicht, aber es war besser, als die Mücken an der Wand zu zählen. Da aber nirgendwo etwas lief, das ihn einfangen konnte, zappte er sich durch die Programme. Bis eine kleine energische Hand ihm die Fernbedienung aus der Hand nahm und den Aus-Knopf drückte. Wie sie da nur mit einem Handtuch um ihre feuchten Haare vor ihm stand, da flatterte es in Chris' Bauch und er streckte die Hand aus, um Helen zu sich runter zu ziehen. Doch diese stemmte ihre Hände in die Hüften und schaute ihn an. Es war ihr vorwurfsvoller und anklagender Blick, den sie immer dann anwendete, wenn Chris mal wieder etwas falsch gemacht hatte. "Mein Gott, Chris! Musst du das Bier denn immer aus der Flasche trinken? Es sieht so prollig aus, wenn du das machst, und die Füße gehören auch nicht auf den Glastisch" Und wenn ich ganz übel drauf bin, dann steck ich meine Hand in die Hose. "Helen, lass mal gut sein. Ich hab jetzt auf deine Erziehungsversuche überhaupt keine Lust. Ich bin fix und fertig und möchte dich jetzt einfach nur noch im Arm halten. Komm, setz dich zu mir." Doch Helen ignorierte seine ausgestreckte Hand und wanderte unruhig auf und ab. Mit einem resignierten Seufzen ließ Chris die Hand sinken.
Seit Helen gemerkt hatte, dass Chris nur bis zu einem bestimmten Grad bereit war, ihr entgegenzukommen und sich zu ändern, gab es Spannungen in ihrer Beziehung. Es lag nicht daran, dass Chris es nicht wollte, aber er langweilte sich auf den ganzen Ausstellungen, Vernissagen und Events, zu denen Helen ihn ständig schleppte. Er hatte immer mehr das Gefühl, dass er in den letzten Monaten nicht nur genug Kultur für die nächsten zwei Jahre, sondern für sein ganzes Leben ertragen hatte. Dementsprechend gut war auch seine Laune, wenn mal wieder an ihrem freien Sonntag der Wecker um acht klingelte. Es war nicht so, dass sie um zehn bei den Veranstaltungen sein mussten, sondern dass Helen so einen Tag mit einem heißen Bad und viel Körperpflege startete, fürs Kuscheln und mehr war dann keine Zeit. Da hatte Chris' Laune schon einen Tiefpunkt erreicht, bevor sie überhaupt losgefahren waren. Und das hatte in den letzten Wochen regelmäßig zu Streit geführt.
"Was wollte denn Krause von dir, dass er dich solange festgehalten hat?" Eigentlich hatte Chris nicht fragen wollen, aber er hielt die Stille einfach nicht mehr aus. "Ich habe endlich ein passendes Angebot bekommen." Endlich hörte Helen auf rumzulaufen und setzte sich hin. Doch nicht auf die Couch neben Chris, sondern gegenüber in den Sessel. Für Chris war diese Ankündigung nicht wirklich eine Überraschung. Er wusste, dass es Helen mit ihrem Studium und ihrer umfassenden Ausbildung nicht reichte, als simple Ermittlerin auf der Strasse zu arbeiten. "Was haben sie dir angeboten?" "Es ist ein Traumjob, aber dafür muss ich nach Berlin. Ich wäre dort für die internationale Koordination von Einsätzen zuständig und die Stelle ist wie für mich gemacht." Eigentlich sollte er sich ja für Helen freuen, die Sektgläser rausholen und mit ihr feiern. Aber das Einzige, was Chris fühlte, war eine große Leere. In Berlin bin ich überflüssig. Ich bin doch nur ein kleines Licht, die brauchen mich nicht. Und zum Prinzgemahl tauge ich nicht. "Was ist? Du siehst so bedrückt aus." Helen verließ ihren Sessel und hockte sich vor Chris. "Was soll ich in Berlin? Ich komme mir hier doch manchmal schon überflüssig vor, wenn du dich mit deinen Schickimicki-Freunden triffst." "Erstens sind das keine Schickimicki-Freunde und zweitens bist du alles, nur nicht überflüssig!" Doch Chris hatte das Gefühl, dass ihre Entrüstung nicht echt war. Es hörte sich an wie tausendmal geprobt und doch nicht richtig passend. Deswegen schüttelte er auch den Kopf. "Und selbst wenn, ich werde nicht mit dir nach Berlin gehen." "Das kannst du mir doch nicht antun! Ich habe mit Krause alles abgesprochen. Sie organisieren uns sogar eine Wohnung in Berlin." "So, du bestimmst das einfach so!" Das kann doch einfach nicht wahr sein! Chris konnte nicht mehr sitzen bleiben. Er stand auf, schob Helen zur Seite und begann, unruhig auf und ab zu gehen. Dabei versuchte er, sein Temperament unter Kontrolle zu bringen. Denn wenn er Helen anbrüllen würde, dann würde sie aufstehen, sich anziehen und die Wohnung verlassen. Sie würde erst dann wieder zurückkommen, wenn er sich beruhigt hatte. Dieses Szenario hatte er schon mal erlebt. Das war typisch Helen. Und er hasste sie dafür. "Wer gibt dir das Recht, einfach so über mein Leben zu bestimmen? Einfach so, als ob es darum geht, ob wir heute beim Chinesen oder beim Türken bestellen. Ich bin verdammt noch mal alt genug, um selber darüber zu entscheiden." "Aber wir sind doch zusammen und wir wollen doch beide beruflich weiterkommen und das ist für uns die Chance." "Das ist deine Chance, nicht meine. Was springt für mich dabei raus? Oder werde ich dann dein direkter Untergebener und muss genauso springen, wie ich es schon im Privatleben mache?" "Chris! Das ist nicht fair!" Helen war inzwischen aufgestanden und stellte sich in Chris' Weg. Ihre Hände hatte sie in die Seite gestemmt und sah ihn angriffslustig an. "Stimmt! Es wäre fair gewesen, wenn du mich dazugeholt hättest, als du mit Krause den Deal gemacht hast. Ich bin kein Prinzgemahl, der zu allem Ja und Amen sagt, wenn die Königin es befiehlt. Verdammt! Deinetwegen habe ich meinen Charakter schon so weit verbogen, dass ich mich manchmal morgens im Spiegel ansehe und mich frage, wer der Typ ist, der mir da entgegen lächelt." "Das ist doch gar nicht wahr!" "Und ob das wahr ist, Helen. Du hast irgendwann mal gesagt, dass ich dich an den Frosch aus dem Froschkönig erinnert habe, den man an die Wand knallen musste, damit er zum Prinzen wird. Es tut mir leid, ich bin weder ein Frosch, noch dein Prinz. Und damit musst du dich abfinden." "Und was wird jetzt aus uns beiden? Ich liebe dich doch!" Doch Chris sah dies anders. "Du liebst nicht mich, sondern dass, was ich sein könnte, wenn du mich nur oft genug an die Wand geklatscht hast. Du liebst einen Traumprinzen." "Ach, so siehst du das? Dann gehe ich auch jeden Abend mit einem Traumprinzen ins Bett, ja? Dann schlafe ich mit einem Prinzen und arbeite mit ihm. Sorry Chris, aber aus dem Traum hast du mich schnell rausgeholt!" Der Sarkasmus war unüberhörbar. "Wieso verdammt noch mal klatschst du mich denn immer noch gegen die Wand? Als ob einmal nicht ausreichen würde, um den Frosch zu verwandeln? Ich bin es satt, von dir ständig Rippenstöße zu bekommen, weil ich mich nicht so benehme, wie es dir genehm ist. Ich bin es satt, ständig von dir gemaßregelt zu werden wie ein kleines Kind. Und mir ist es so was von über, dass du über mein Leben bestimmst, als ob nicht intelligent genug wäre. Ich habe früher einmal die Männer belächelt, die unterm Pantoffel stehen und jetzt... jetzt stehe selber unter dem Pantoffel. Freiwillig! Ich muss ja verrückt sein!" Zum ersten Mal seit langer Zeit redete sich Chris in Rage und die letzten Sätze brüllte er raus. Und es war ein unendlich befreiendes Gefühl. Bevor Helen etwas erwidern konnte, klingelte es an der Haustür. "Das ist dein Chinese und bringt dir deine Nummer zweiunddreißig, extrascharf." Ironie und Sarkasmus beherrschte Chris auch. Und wenn sie es herausforderte, dann konnte er ihr gerne zeigen, wer darin der bessere war. "Sag mal, hast du sie noch alle? Was glaubst du eigentlich, wer du bist?" "Ich bin ein Mann, dem es hergottverdammtnochmal tierisch auf den Sender geht, wie du über ihn bestimmst. Und jetzt entschuldige mich, ich gehs Essen bezahlen, denn du bist dafür nicht passend angezogen." Chris warf einen bezeichnenden Blick auf das einzige Handtuch an ihrem Körper - es war immer noch kunstvoll um ihren Kopf drapiert - drehte sich um und ging zur Haustür. Während er den Boten bezahlte, beruhigte er sich ein wenig. Er hatte immer noch keine Lust, Helens Verhalten einfach so hinzunehmen, doch er hatte sich erstmal ausgetobt. Und als er wieder ins Wohnzimmer kam, war er bereit, sich hinzusetzen und alles mit Helen durchzusprechen. Die Tüte ließ er im Flur. Sonst konnte womöglich einer von ihnen auf den Gedanken kommen, den Inhalt als Munition zu verwenden. Helen hatte sich auch etwas beruhigt, sie hatte sich hingesetzt und schaute Chris ruhig und gefasst an. "Wir sollten in Ruhe miteinander reden." "Lass uns reden, ich will nicht streiten." Das Grinsen auf Chris' Lippen kam nicht von Herzen, aber es war ein Anfang. Er setzte sich zu Helen und schaute sie an. "Gut, dann fange ich an. Es ist nicht so, dass ich dich nicht lieben würde. Aber ich habe bereits einmal alles für dich aufgegeben, um dir zum Zollkriminalamt zu folgen. Ich mache es nicht noch mal. Versteh mich nicht falsch, aber ich habe ein total schlechtes Gewissen, wenn ich bedenke, dass Mike wieder einmal mit Kallenbach und Deichsel zusammenarbeiten muss, während er darauf wartet, seinen dritten Partner zugeteilt zu bekommen. Wie du vielleicht weißt, wechselte Raphael Anfang des Jahres in die freie Wirtschaft. Und ich habe noch nicht einmal Zeit, mich mit Mike zu treffen. Genau so ist das auch mit all meinen anderen Freunden und Bekannten. Eddie habe ich zum Beispiel das letzte Mal bei diesem seltsamen Theaterstück gesehen, das seine Mutter in seiner Werkstatt organisiert hatte. Dabei sind wir doch Freunde." "Wirklich nur Freunde?" "Gott, Helen, jetzt reite doch nicht wieder darauf rum. Diese Eifersucht ist ja verrückt. Auch wenn Kallenbach etwas anderes behauptet, ich bin hetero und habe nie was mit Eddie gehabt. Du bildest dir da was ein. Und dabei haben wir uns schon ewig nicht mehr gesehen." "Aber er war beim an die Wand klatschen wesentlich erfolgreicher!" Helen wirkte nicht verbittert, sondern traurig. "Wie meinst du das denn jetzt? Und wir sollten langsam aufhören, von mir als einem Frosch oder Prinzen zu reden. Beides passt nicht zu mir." "Damit hast du angefangen. Aber in der kurzen Zeit, als du bei Eddie gewohnt hast, da hast du dich ihm zuliebe viel mehr geändert als in den zwei Jahren, in denen wir zusammen sind. Und dann sagst du noch, dass ich nicht eifersüchtig sein soll. Ich habe jeden Grund dazu, denn er würde dich sofort nehmen, wenn er auch nur den Hauch einer Chance hätte. Denn für ihn bist du der Frosch, der zum Prinz geworden bist." "Du spinnst doch. Und außerdem ist das jetzt gar nicht das Gesprächsthema. Denn das lautet, dass du nach Berlin gehst. Ohne mich." "Ist das dein letztes Wort?" Ich will einmal eine Beziehung vernünftig zu Ende bringen, bevor sie im totalen Desaster endet. Chris hasste solche Momente. Aber er musste da jetzt durch. Auch wenn Helen jetzt so einsam und verlassen aussah. Er nahm ihre Hand und drückte sie. "Wenn ich jetzt nicht hier bleibe, dann wirst du mich vielleicht nicht in dem nächsten halben Jahr verlassen. Aber früher oder später merkst auch du, dass wir in zwei verschiedenen Welten leben. Während du deine Ausstellungen liebst, gehe ich halt lieber zu einem Spiel der Eintracht. Ich bin es so was von über, sonntags dieses Schaulaufen zu machen, du glaubst es gar nicht. Da gibt es noch so viele andere Sachen, die uns trennen. Ich hatte früher gedacht, dass unsere Liebe es überwinden könnte. Aber das hat sich als Irrtum erwiesen. Bitte, lass es uns jetzt in Frieden beenden." Dass eine einzelne Träne Helens Wange hinab lief, erleichterte es nicht, aber Chris war jetzt nicht mehr umzustimmen. Auch wenn er diese Entscheidung eher spontan getroffen hatte, er wusste, dass sie richtig war. "Du meinst, wir leben die letzten Wochen noch zusammen und wenn ich nach Berlin gehe, dann übernimmst du die Wohnung und bleibst?" "Ich weiß es nicht. Ich habe mir noch keine Gedanken darüber gemacht, aber ich will mich nicht mit dir streiten, dafür liebe ich dich zu sehr, auch wenn wir einfach nicht zusammen passen. Es tut mir leid aber unter unserer Beziehung wird niemals 'Und wenn sie nicht gestorben sind...' stehen." Tröstend nahm Chris Helen in den Arm und als sie bei ihm Trost fand und sich ausweinte, da fragte er sich, ob es nicht irgendwo eine starke Schulter gab, an die er sich anlehnen konnte und wo er Trost finden konnte. Dass dabei zum ersten Mal seit langem Eddies Bild in seinem Kopf rumspukte, irritierte ihn ungemein.
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