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Stille Nacht, Eilige Nacht...© by Jimaine ()
Weihnachtszeit gleich Familienzeit. Harmonie, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Bla, bla, bla. Schwungvoll pfefferte Nina Metz, Polizeihauptkommissarin, 30 Jahre alt, Raucherin (die aber schon 53 Mal erfolgreich aufgehört hatte!) und - und das war das bedauerlichste Punkt auf ihrer 'Dinge, die in meinem Leben schieflaufen'-Liste - am Tag vor Heiligabend 2003 immer noch Single, ihre Tasche in die Ecke und entschied, daß es höchste Zeit war, ihrem Magen etwas Nahrhaftes zuzuführen. Bleib die Frage, ob vom Italiener, Chinesen, Thai, Inder, Griechen oder dem neuen Mexikaner-Grill, von dem sie letzte Woche den Flyer im Briefkasten gefunden hatte. Der Italiener hatte die kürzeste Lieferzeit, aber dafür war der Pizzarand niemals wirklich knusprig und die Peperoni nie scharf genug. Dagegen blieb einem beim Vindaloo des Inders der Atem weg, auch wenn man etwas länger warten mußte. Allerdings sollte man ja auch stets den neuen Anbietern eine Chance einräumen, deshalb kramte sie aus dem Bündel Zettel neben dem Radio das noch jungfräulich-unbekritzelte Faltblatt des Mexikaners hervor. Tacos, Burritos... Nebenbei wanderte sie um das als Raumteiler fungierende Regal herum und entledigte sich der Dinge, die sie tagtäglich am Gürtel mit sich herumschleppte, knipste den Fernseher an. Vielleicht doch einen von den Fajitas...? Ihre Aufmerksamkeit wurde kurz von der aufgeschlagenen Fernsehzeitung abgelenkt und was sie sah, verdarb ihr fast den Appetit. "Bridget Jones...und solche Filme bringen sie zu Weihnachten? Legen es die Programmdirektoren darauf an, die Selbstmordquote in die Höhe zu treiben?" Absolut unverantwortlich, fand sie, tappte zurück in die Küche und riß die Kühlschranktür auf. Licht erhellte eine gähnende Leere...und inmitten dieser Leere, wie eine Insel - ohne die zwei Berge - ein halbvolles Glas Almighurt Marzipan-Mohn. Sofern sie sich richtig erinnerte, hatte sie das vor drei Wochen geöffnet. Oder waren es vier gewesen? Einen kurzen Moment lang überlegte sie, ob sie das Glas wegschmeißen oder das wissenschaftliche Experiment noch eine Weile fortführen sollte. Dann hätte sie zu Silvester wohlmöglich doch jemanden zum Reden...jemanden, der nicht aussah wie Leo, redete wie Leo, lachte wie Leo, sie in den Arm nahm wie Leo... "Aaaargh!" knurrte sie und knallte die Kühlschranktür zu, versetzte ihr außerdem noch einen Tritt, den sie sofort bereute, denn sie hatte nur Socken an. Auf einem Bein und mit zusammengebissenen Zähnen hopste sie zurück zum Bett, dort lag nämlich das Telefon, verfing sich jedoch auf halbem Wege im Teppich und wurde letztendlich zu Fall gebracht von dem Berg Bügelwäsche, den sie irgendwann mal auf dem Boden vor dem Bett deponiert hatte. "Oh *shit*..." Still blieb sie liegen, wie sie fiel, das Gesicht in ihren Teddybär geknautscht, und stöhnte leise in ihrer ergebenen Verzweiflung. Konnte es denn noch schlimmer werden? Ah, nein, eine gefährliche Frage, auf die sie nicht wirklich eine ehrliche Antwort wollte. Sie entschied sich für einen Curry-Hähnchen-Fajita. Morgen mußte sie dringend einkaufen oder es hieß wieder, für die notwendigsten Dinge zur Tankstelle traben zu müssen. Mit Dirk, dem Pächter und Chefmechaniker, war sie mittlerweile per Du, aber an Heiligabend würde sie sich nicht dermaßen erniedrigen. So tief war sie noch nicht gesunken. Entschlossen griff sie nach dem Telefon und wählte die Nummer. Merry messy Christmas...
Nie hatte 'It Came Upon A Midnight Clear' schöner geklungen als wie wenn es auf einem einzelnen Cello gespielt wurde, und das bei Kerzenschein, wenn draußen der Schnee in dicken Flocken fiel. Der gesamte Weihnachtsstreß ließ sich vergessen, fortgetragen von den sonoren, volltönenden Klängen... Er liebte es, Thorsten beim Spielen zuzusehen. Wenn er sich in seiner Musik verlor, wenn nicht nur der Arm den Bogen führte, sondern es schien als käme die Musik aus seinem ganzen Körper. Natürlich war Hauptkommissar Leo Kraft in der Hinsicht restlos voreingenommen. Speziell was den fraglichen Körper anging. "Ganz wunderbar, Schatz. Auch ohne die Begleitung anderer Instrumente."
"Hm", brummte Thorsten und griff nach dem Bogenharz. "Das sagst du doch nur so." Aus dem Augenwinkel beobachtete er Leo, wartete auf vehementen Widerspruch. Der nicht kam. Leo beschäftigte sich nämlich mit dem Flaschenöffner und einem '96er Shiraz. Thorsten mußte mehrmals schlucken. Warum war sein Mund plötzlich so trocken? Mußte die Art sein, wie Leos Finger sich um den Flaschenhals legten, wie er kraftvoll das Gewinde des Öffners in den Korken schraubte... Die Assoziationen, die sich ihm aufdrängten, waren *nicht* jugendfrei. "Wie sieht gleich noch unsere Planung für die Feiertage aus?" fragte er, um die Unterhaltung am Laufen zu halten, doch rechnete er nicht mit einer Antwort. Das war mal wieder *so* typisch Leo! Während der letzten vier Wochen, ja eigentlich seit dem bedauerlichen Mißverständnis am ersten Adventswochenende - für das sich Leo noch immer entschuldigte, wenn er Grund dazu fand - hatte der Job seinen Kuschellöwen voll in Anspruch genommen. Er hatte oft nur mitbekommen, wie Leo neben ihm ins Bett fiel und dann wieder vor dem Morgengrauen aufstand, und manchmal nicht einmal das. Der Weihnachtsmann-Mörder, der wochenlang in der Münchener Innenstadt sein Unwesen getrieben hatte, hatte eine Menge zu verantworten, inklusive sein auf Sparflamme geschaltetes Liebesleben! Aber weil sein Terminkalender in der Vorweihnachtszeit ebenfalls mit Konzerten ausgebucht gewesen war, teilten sie sich sowohl das schlechte Gewissen wie auch den Wunsch, die versäumten Stunden wieder gutzumachen. An den Wochenenden hatte er daher kaum von Leos Seite weichen wollen, was ihm meist gelungen war und regen Zuspruch gefunden hatte. Und trotz all der Nähe hatte der Herr Hauptkommissar nicht mitbekommen, worüber sie doch mindestens zwei Dutzend Mal gesprochen hatten. "Am ersten Feiertag besuchen wir meine Mutter...und am zweiten bleiben wir zu Hause und stellen das Telefon ab." Leo hob den Kopf und sah ihn mit einem Stirnrunzeln an. "Hatten wir nicht auch gesagt, daß wir am zweiten Feiertag ins Kino wollten?" *Daran* erinnerte sich Leo also noch! _Na klar, jedes winzigste Detail den Fall betreffend bleibt bei ihm hängen, aber alles, was mit Mutter zusammenhängt, verdrängt er erfolgreich!_ Ein wahres Musterbeispiel für die Regel, daß Männer ein herrlich selektives Gedächtnis hatten; sich selbst wollte er gar nicht davon ausnehmen. "Welcher Film?" "Welcher Film! 'Herr der Ringe' natürlich. Der dritte und letzte Teil." Mit ruhiger Hand füllte Leo zwei Gläser zur Hälfte. "Mittlerweile sollte der anfängliche Ansturm abgeflaut sein und wir haben klare Sicht auf Hobbits und Orks und Viggo Mortensen -" Das ihm dargebotene Glas vorläufig ignorierend, legte Thorsten das Cello vorsichtig zurück in den buntbemalten Tragekoffer. Dann wandte er sich seinem Partner zu. "Leee-ooo, ich bin längst nicht so begeisterungsfähig für Filme wie du!" 'Herr der Ringe' entsprach nicht seiner Vorstellung von Kuschelkino; sie würden zu sehr auf den Film achten müssen. Viel hätte nicht gefehlt und Leo hätte die Gläser fallengelassen und wäre in lautes Gelächter ausgebrochen. "Haha! Kann ich das bitte schriftlich haben, der Herr? Von wegen 'nicht begeisterungsfähig'! Wer von uns beiden hat sich vor drei Wochen, kaum daß wir aus dem Kino wiederkamen, ans Telefon gehängt und seinen Studienkollegen vom Konservatorium angerufen?" Thorsten seufzte. "Touché. " "Weswegen ihr auch dieser Mailingliste beigetreten seid und du mit dem Geschenkgutschein, den du von mir bekommen hast, bei Amazon.co.uk alle zwanzig Bücher bestellen mußtest, plus diverse Sekundärliteratur!" fuhr Leo neckend fort. "Die sind für unsere Bibliothek", verteidigte Thorsten seine Errungenschaft, für die sie hier im gemeinsamen Arbeitszimmer ein ganzes Regalbrett hatten freiräumen müssen. "Darf ich nicht auch mal ein Hobby haben?" Ein leichter Unterton in B-schmoll schlich sich in seine Stimme. "Außerdem brauchte ich ja etwas, um all die Zeit auszufüllen, in der du und Nina eurem mordenden Weihnachtsmann hinterher gejagt seid, und der Beschreibung nach kommt Jack Aubrey dir recht nahe...ausgenommen Körpermasse, Narbensammlung und Haarlänge. Im genauen Vergleich bist und bleibst du aber der Attraktivere." Leo antwortete mit einem inartikulierten Brummen. "Muß ich also nicht eifersüchtig sein?" "Nun, Aubrey *hat* den musikalischen Bonus..." Abermals ließ Leo ein indigniertes Schnaufen hören und hielt beide Hände hoch, wackelte mit den Fingern. "Lerne ich extra Geige spielen, nur um mit dir die Kammerkonzerte in 'Master & Commander' nachzustellen?" "Weswegen ich ja Dennis angerufen habe. Er spielt den Boccherini meisterhaft." "Na, wenigstens hast du dich in meiner Abwesenheit gut unterhalten!" "Ja", spielte Thorsten die Tatsache herunter, daß er sich etwas vernachlässigt gefühlt hatte, "ein gutes Buch ist schon viel wert." Der Enthusiasmus in Leos Antwort war umwerfend. "Nicht, wenn du dadurch verlernst, wie ein normaler Mensch zu reden! Wenn du mich noch mal darum bittest, den Tisch abzubacken, werde ich *dich* backen!" Er hob sein Glas und sie stießen an. "Besser du gehst runter und schaust mal nach dem Reis. Ich habe nämlich Hunger." Zwei Gläser Wein und ein exzellentes Essen später - Straußenfilet auf Wildreis mit Mangosauce - lümmelten sich die beiden Männer ein Stockwerk tiefer auf der Couch und kuschelten bei Kerzenlicht. Ein Abend, wie sie ihn schon lange nicht mehr hatten genießen können, ohne viel Gerede aber dafür mit umso mehr Körperkontakt. Die Uhr schlug halb zwölf, als Thorsten seine Lippen von Leos löste, aber er hielt den blonden Kopf immer noch mit beiden Händen fest, nicht willens, die willkommene Nähe jetzt schon aufzugeben. "Hmm...hey, hey...wo willst du denn hin?" "Ich hol' uns nur etwas Schokolade." Doch Thorsten gab ihn nicht frei, blieb auf ihm liegen. "Wenn du deinen Geheimvorrat im Kleiderschrank hinter den Handtüchern meinst, gib' dir keine Mühe, das Versteck habe ich am Samstag ausgehoben und den Inhalt konfisziert." "Thorsten!" empörte sich Leo. "Das letzte Mal, daß mir jemand Schokolade weggenommen hat, war in der Grundschule! Bernd Obermeit. Zwei Klassen über mir, einen Kopf größer und gnadenlos, wenn es um Mundraub ging." Seine bessere Hälfte hob eine warnende Hand. "Ob mich das interessiert? Es ist zu deinem eigenen Besten. Leo, du wolltest dich doch während der Adventszeit mit den Süßigkeiten einschränken. Sonst gibt es bald einen Unterschied weniger zwischen dir", und er zwackte Leo in den Bauch, "und Captain Aubrey." "Daran bist du allein schuld, du kochst einfach zu gut! Die Schokolade ist nur das I-Tüpfelchen. Und wenn du nicht da bist, brauche ich nun mal was anderes...Süßes..." "Ah-ah!" Thorsten schüttelte den Kopf. "Charme und Süßholzraspeln werden dich nicht mehr retten, Schatz." "Und wenn's doch die Wahrheit ist." "Dann brauchst du ja jetzt, wo ich in voller Lebensgröße hier bin, das Ersatzprodukt nicht mehr. Laß mich dir sagen, meine besten Rezepte kennst du noch gar nicht." Der weiche Unterton war noch verführerischer als das Cellospiel von vorhin, und Leo durchlief ein wohliger Schauer, als die schlanken Finger sich an seinem Gürtel zu schaffen machten, ihm das Hemd aus der Hose zogen. Stückweise. Endlich nackte Haut berührten. "Ich liebe dich", flüsterte Leo, während er langsam das karierte Hemd aufknöpfte und seine Worte mit einem langen, zärtlichen Kuß unterstrich. "Und es tut mir leid, daß ich in letzter Zeit so selten hier war. Ich mache es wieder gut, das verspreche ich. Spätestens Silvester wirst du mich anflehen, dich ein paar Stunden am Tag allein zu lassen!" Thorsten schloß die Augen und ließ sich von seinem Tastsinn leiten. "Entschuldigung angenommen. Und mach' ruhig weiter." Wie ein Kater, der die Zuwendung des ihn streichelnden Menschen übers normale Maß hinaus genoß, streckte er sich auf der Couch aus. Rollte herum, bis Leo über ihm kniete, einen Arm um seine Taille, und er war mehr als willig. Noch ein Kuß und noch einer und noch einer... "Wir sollten das hier lieber ins Schlafzimmer verlegen", murmelte er in Leos Haar. Mit etwas Mühe kamen sie beide auf die Beine. "Komm, mein Großer." Leo grinste und ließ die Hand, die auf Thorstens Rücken lag, tiefer gleiten, schob sie in den Bund der engen Jeans. Ließ sie dort. Wie erwartet schmiegte sich Thorsten enger an ihn, verstärkte seine Umarmung. "In Ordnung." Schritt für Schritt bewegten sie sich in Richtung Treppe, etwas schwierig, wenn keiner von dem anderen lassen wollte und sie sich gegenseitig am Vorwärtskommen hinderten. Die Treppe war ein schier unüberwindliches Hindernis, im Durchschnitt brauchten sie für jede Stufe gut eine Minute, doch schließlich erreichten sie ihr Ziel. "Ah, Thorsten, für dich würde ich alles lernen. Geige, Harfe, Querflöte..." Er unterbrach sich für einen Kuß, im selben Moment wie sein Hemd auf dem Boden landete, gefolgt von Thorstens. "Triangel...und -" Weiter kam er nicht, denn Thorsten brachte ihn aus dem Gleichgewicht, und sie fielen gemeinsam aufs Bett. Ab hier waren Worte überflüssig; dies hatten sie schon vor langer Zeit gelernt.
Die kitschige Weihnachtsdeko im Revier blinkte bereits in allen unmöglichen Farben, als sie hereinstürmte mit einer Miene wie Dr. Seuss' Grinch. "Morgen, zusammen." Die Anwesenden - alleinstehend, ungebunden, ledig wie sie, oder auf Neudeutsch 'frustrierte Singles' - würdigten sie nur eines flüchtigen Blickes. Das galt zumindest für Schulz und die Pathologin Dr. Reiner, denen sie auf dem Gang begegnete. Nicht aber für alle. Leider. "Ah, die Kollegin Metz. Frohe Weihnachten." "Wacker." Manchmal wußte sie nicht, wie es dieser Mann jemals durch die Polizeischule geschafft hatte. Hatte sich vermutlich durchgebissen wie das Wiesel, dem er so ähnelte. An 98 von 100 Tagen demonstrierte er Qualitäten - bzw. deren Mangel - die eigentlich schon bei der Aufnahmeprüfung hätten auffallen sollen. Naja, folgerte sie, während sie den Computer anschaltete und in dem Chaos auf ihrem Schreibtisch eine Lichtung für die Kaffeetasse schuf, im Biologieunterricht hatte Frau damals schließlich gelernt, daß es für jedes gelungene Exemplar, das dem Genpool entstieg - sprich Leo - ein entsprechendes, mißlungenes Pendant geben mußte, welches, wenn man Darwin Glauben schenken mochte, evolutionstechnisch auf der Strecke bleiben würde. Doch wie sie das Schicksal und seine Launen kannte, würde der gute Wacker seine Gene eher weitergeben als Leute, bei denen es sich lohnte. "Der Kollege Kraft ist heute wohl verspätet, was?" "Sehen Sie ihn hier irgendwo? Nein? Dann wird er in der Tat verspätet sein, ja." "Die Straßen sind schon seit einer Stunde geräumt." "Sie wissen es vielleicht nicht, aber er hat offiziell frei." Zu so einer frühen Stunde, zudem noch ohne die erforderliche Koffeinkonzentration im Blut, war Nina einfach nicht in der Lage, sich auf eine Diskussion mit ihrem Kollegen ein - und sich folglich auf dessen Niveau herabzulassen. Grantig ließ sie sich in ihren protestierenden Stuhl fallen und nahm sich vor, den Blick nicht vom Bildschirm abzuwenden. Unter keinen Umständen. Jedenfalls nicht bevor Leo da war, um ihr Rückendeckung zu geben. Hoffentlich kam er bald. Sehr bald. Sehr, sehr bald. _Wem mache ich hier eigentlich was vor?_ Leo würde nur kurz reinschauen, aus reiner Solidarität mit ihr, und dann nach Hause verschwinden, ins warme, kuschelige (_weihnachtliche_, wisperte ihr gehässiges Unterbewußtsein) Nest zu Thorsten. Ihr war es ohnehin ein Rätsel, weshalb Leo heute freiwillig herkam, immerhin wurde er in den Akten als 'fest gebunden' geführt und hatte jeden Anspruch auf Urlaub über die Feiertage. Weshalb baute er bloß den Job in seine Weihnachtspläne ein? Übertriebenes Pflichtgefühl, fand sie, völlig deplaziert. Im Falle eines Notfalls war er schließlich nur einen Telefonanruf entfernt. Immer nur lächeln, dann würde dieser Arbeitstag schon irgendwie vorbeigehen, Minute für Minute. Endlich regte sich auch ihr Computer. Besser spät als gar nicht. _Oooookay, der Aktenstapel ruft...._ "Guten Morgen, Frau Metz." Morgen, ja. Gut, nein. Die Miene der Abteilungschefin verhieß nichts Gutes. Alarmstufe Rot! Alarmstufe Rot! Captain Kirk auf die Brücke! Die Sirene in Ninas Kopf war so laut, daß man sie eigentlich im gesamten Großraum München hören müßte. "Darf ich Sie bitten, Ihren Abschlußbericht zum Weihnachtsmann-Fall noch einmal zu überarbeiten? Er steckt noch immer voller Rechtschreibfehler und", sie zog die Nase kraus, was ihrem schmalen Gesicht etwas Spitzmaushaftes gab, "manche Ihrer Formulierungen erscheinen mir doch sehr...salopp. Geben Sie dieser Sache allerhöchste Priorität, dann kann der Kollege Kraft noch schnell gegenzeichnen, wenn er heute reinkommt. Dann werde ich die Dokumente an den bearbeitenden Staatsanwalt weiterleiten, damit er seine Anklageschrift vorbereiten kann, während ich mit gutem Gewissen in Urlaub fahre. Eine Woche Wellness im Harz", seufzte sie verträumt, einen Moment lang fast menschlich, doch ihr professionelles Ich kehrte umgehend zurück. "Worauf warten Sie noch?"
Bericht. Okay. Sie rief das Verzeichnis auf, gab ihr Paßwort ein und machte sich an die Arbeit. _Wenn ich gut in kreativem Schreiben wäre, hätte ich die Journalistenschule besucht!_ Wie buchstabierte man denn...? "Onych- ..." Warum konnten Mediziner sich niemals in normalem Deutsch ausdrücken? "Frau Dr. Reiter", erhob sie ihre Stimme. Hoffentlich stand die gewünschte Person noch draußen herum. "Könnten Sie mir mal kurz reinkommen?" Und was hieß das überhaupt, Onychodystrophie? Eine halbe Stunde später waren zumindest die medizinischen Fachbegriffe korrekt geschrieben. Jetzt mußte sie bloß noch auf den Musenkuß hoffen, bevor Leo auftauchte. Und wieder ging. Schrieb man Rollsplittopf mit zwei oder doch mit drei 'T'? In Ermangelung eines Dudens angelte sie nach ihrer Kaffeetasse. Eine Woche Wellness klang fantastisch, sie wäre ja schon mit drei Tagen zufrieden. Alle Welt hatte etwas vor. Und was für Pläne hatte sie? Keine. Absolut keine. Den Kopf in die Hände gestützt, rang sie mit mehreren Entscheidungen, keine von ihnen wirklich gut. Es galt, das geringste Übel zu finden. Allmählich sollte sie darin ja schon Expertin sein. Sie brauchte nur zum Telefon zu greifen... und tat es auch. Allerdings rief sie nicht Leo an, sondern das besagte kleinste Übel. Ihre wenigen Prinzipien waren wirklich auf Sand gebaut. Verflucht, was war sie bloß für eine erbärmlich willensschwache Person...
Es war soweit. Daß sie auf dem Großparkplatz von REAL noch einen Parkplatz gefunden hatte, grenzte an ein Wunder. _Gut, mit einem Auto, das als überdachte Monatskarte auf vier Rädern durchgehen könnte, hätte ich auch bei den Einkaufswagen parken können._ Unter Einsatz von Ellbogen und vollen Tüten kämpfte sich Nina durch den Einkaufsrush am Heiligabend. Heilignachmittag. Schon faszinierend, daß sich dieses Hamsterkauf-Ritual mit schönster Regelmäßigkeit wiederholte, kaum daß mehrere Feiertage bevorstanden. Das Chaos zwischen den Regalen war schlimmer als der Berufsverkehr am Montagmorgen, normalerweise für sie schon der Inbegriff von Streß, Hetze und mühsam kontrollierter Aggressivität. Heute kamen entnervte Eltern und schreiende Kinder hinzu, Mütter, die sich wie Straßenkatzen um den allerletzten Billig-DVD-Player oder das letzte Exemplar von 'Pirates of the Caribbean' prügelten. An der Fischtheke schrieen sich zwei Kundinnen an, daß sie glaubte, sich in einem Asterix-Comic zu befinden. Und die *Musik*! Wenn sie noch ein einziges weiteres Mal "Oh Tannenbaum" gehört hätte, wäre sie durch eine "Weihnachts-Metz-elei im Affekt" in die Nachrichten gekommen. Als Trittbrettfahrerin des Mörders, den sie selbst verhaftet hatte. Das gäbe richtige Schlagzeilen! Zum Abschluß der Tortur bestätigte sie die Warterei in der Kassenschlange in ihrer Entscheidung, im Dienst bequeme Turnschuhe zu tragen. Die Füße wurden geschont, ja, ihr Nervenkostüm allerdings nicht. Als sie durch den Schneematsch zu ihrem Auto zurück schlurfte, lagen ihre Nerven blank und viel hätte nicht gefehlt und sie hätte den Mann, der sie freundlich um ihren Einkaufswagen bat, tätlich angegriffen.
Bei Rückkehr in ihre Wohnung wurde ihr endgültig klar, wie trostlos ihr Leben doch war. Kein einziges Bild schmückte ihre Fensterscheiben - wozu hatte sie sich das Window Colors-Set eigentlich gekauft? Kein einziger Tannenzweig vermittelte auch nur eine Spur Feststimmung. Sie hatte nicht mal eine Schale mit Mandarinen, Nüssen, Lebkuchen oder selbstgebackenen Keksen herumstehen, denn das hieße ja, daß sie Zeit gehabt hätte, Kekse zu backen. Sie schaute auf die Uhr. Viertel nach Fünf. Zu spät, um sich noch auf die Jagd nach einem vernünftigen Baum zu begeben, beziehungsweise einem Bäumchen, das in ihre Bude paßte. Aber sie glaubte sich zu erinnern, daß der 99-Cent-Laden an der übernächsten Straßenecke... Genau! Genau das würde sie machen! So kam es, daß sie bis halb Sieben alles nachholte, was sie seit Beginn der Adventszeit mit Verachtung gestraft hatte. Ein Lichterbogen stand auf der Fensterbank, selbstklebende Foliensterne und Schneeflocken ließen kaum noch Fensterfläche frei, an der Tür hing ein Mistelzweig mit roten Schleifen und goldenem Tinnefkram, und als absolute Krönung thronte eine kleine und für ihre Größe überladene Plastiktanne auf dem dafür freigeräumten Regalplatz. Die Bügelwäsche war unter der Tagesdecke ihres Bettes gelandet und für den herumliegenden Müll war doch tatsächlich noch Platz in der Tonne gewesen. Als nächstes nahm sie das Essen in Angriff und schlug mit einem nie gekannten Enthusiasmus das Thai-Kochbuch an der markierten Stelle auf. Sie sollte sich mit diesem Curry sputen, immerhin wollte Werner um Sieben kommen. Nur wenn sie sich das hier so durchlas.... "Och, nöööö..." Zwar stand dabei 'einfach, für Anfänger', symbolisiert mit einer Chilischote, doch verstand sie schon vom ersten Paragraphen nur die Hälfte. Was abermals bewies, daß sie absolut beziehungsuntauglich war. "Ich sollte bei Thorsten einen Kochkurs belegen", murmelte sie und rätselte, was wohl der Trick bei den Garnelen war. "'Schwanzstück abschneiden und Darm entfernen'. Igitt...beim Kochduell auf VOX sieht das immer so leicht aus." Ohne Bringdienste würde sie bestimmt nicht lange überleben, soviel war sicher. Ungeschickt schnippelte sie die Zwiebel und den Knoblauch und sortierte die umfangreiche Palette Gewürze, die das Rezept erforderte. Von einigen hatte sie noch nie zuvor gehört. Wie konnte ein ganzes Land tagtäglich so kompliziert kochen, inklusive der unzähligen Auswanderer in anderen Teilen der Welt, insbesondere England?
Das Feuer im Kamin war angezündet, die Fische gefüttert, und mit seiner Mutter hatte er auch schon telefoniert, also war an diesem Abend mit keiner Störung mehr zu rechnen. Zufrieden drückte Thorsten auf die Schließen-Taste der Fernbedienung des CD-Players und klickte sich bis zu Titel Nr. 7 seiner derzeitigen Lieblingsfilmmusik durch. Sollte Leo doch maulen, es war immerhin aus Corellis Weihnachts-Concerto! "Thorsten, bitte!" schallte es aus dem oberen Stockwerk herunter. "*Schon* wieder?" Er antwortete nicht, sondern drehte die Lautstärke auf und stellte sich taub. Leo schrieb die letzten Weihnachtsmails, damit ihnen hinterher niemand aus ihrem Bekanntenkreis nachsagen konnte, vergessen worden zu sein. Daher übernahm er das Tischdecken, was bei dem geplanten "Menü" kein Staatsakt war. Schon die Servietten waren teurer als das Essen an sich, den Wein mal ausgenommen. Das Adagio mitpfeifend, eilte er zwischen Küche und Eßtisch hin und her. Erst Essen, dann beim Fernsehen schön kuscheln und - Gerade als er die Gläser auf dem Tisch abgesetzt hatte und für das Besteck den Weg zurück in die Küchenecke einschlug, klingelte das Telefon. "Hallo", meldete er sich, auf Namen verzichtend, weil ihn die Nummer im Display absolut nicht überraschte. An Weihnachten, von allen Tagen! Er hoffte nur, daß seine Befürchtungen sich nicht realisieren würden. "Thorsten? H-Hi. Ich bin's, Nina." Natürlich war sie es. "Nina. Servus." So verheult hatte sich Nina schon lange nicht mehr angehört. Nicht seit der eingebildeten Schwangerschaft im Sommer. "Werner...W-Werner..." Der Name sagte alles. "Ah, genug der Worte! Komm' ruhig her. Das Essen reicht für eine weitere Person. Und unsere Geschenke liegen ja auch noch hier, dann brauchst du nicht bis Montag zu warten. Ja, bis gleich also." Er legte auf und rief die Treppe hinauf, "Ahm, Leo, wir bekommen gleich Besuch..." In T-Shirt und abgetragener Trainingshose - von Thorsten oft abfällig *Wohnbeutel* genannt - kam Leo die Stufen heruntergepoltert. "Etwa Nina?" "Du solltest Kandidat bei Günther Jauch werden. Natürlich Nina. Warum sollte *gerade* Weihnachten eine Ausnahme sein?" Spielerisch warf er mit dem Topflappen nach Leo und musterte ihn dann mit kritischem Blick von den zerzausten Haaren über den Dreitagebart bis zu den Tennissocken. "Ich deck' einen dritten Teller auf. Bei dem Verkehr dauert es bestimmt noch eine Weile, bis sie hier ist. Da hast du genug Zeit, dich zu rasieren und dir etwas Vernünftiges anzuziehen, denn im Gegensatz zu dir bin ich ein wahrer Dressman." Aber bereits eine halbe Stunde später klopfte jemand gegen die Scheibe der Eingangstür. "N'abend, Thorsten. Leo. St-st-stör' ich?" Leo, nun in schwarzer Jeans und dem blauen Seidenhemd, das er nur zu besonderen Anlässen anzog - und Thorsten ihm nur zu gerne wieder auszog - breitete die Arme aus. "Ninalein, sag', wann hast du je gestört? Komm' rein, Herzchen. Essen ist fertig, wir haben nur auf dich gewartet." Prompt kullerte eine Krokodilsträne über Ninas Wange. "Auf mich gewartet...das klingt sooo schön, besonders an Weihnachten...wo alle mit ihren Familien zusammensitzen...Gans mit Rotkohl essen...und Geschenke auspacken... Un-un-und überall", schniefte sie, "riecht es nach Keksen und Bratäpfeln, alle singen Weihnachtslieder und es brennen Kerzen...und mein tolles Essen ist verbrannt und Werner schenkt mir eine Stehlampe! Obwohl ich eine habe! Der Kerl ist einfach zu doof...." Jetzt konnte sie nicht mehr und sank heulend an Leos Brust. Blieb mehrere Minuten an ihn gelehnt. Solange bis ihr Magen vernehmbar knurrte. "Was gibt's eigentlich zu essen?" "Bockwurst mit Kartoffelsalat à la Thorsten." So abrupt Ninas Heulanfall begonnen hatte, so abrupt hörte er auch wieder auf. Sie schnaubte mehrmals in das Stück Küchenkrepp, das Thorsten ihr reichte, und sah die beiden ungläubig an. "Is' nich' euer Ernst! Dafür habt ihr euch so rausgeputzt? Ganz ordinärer Kartoffelsalat mit Bockwurst? Kein ausgefallenes exotisches Drei-Gänge-Menü mit allen Schikanen?" Da hätte sie doch besser an der Dönerbude vier Straßen weiter anhalten sollen. Thorsten zerwuschelte Leo die sorgfältig gekämmten Haare und legte ihm den Arm um die Hüfte. _Ah, dieses Hemd...er legt es wirklich darauf an, mich zu quälen._ "Das hatte ich ursprünglich ja vor, doch hat Leo es mir verboten." "Genau. Ich wollte nicht, daß er den ganzen Tag in der Küche steht und ich nichts von ihm habe." *Das* Argument konnte Nina gelten lassen. "Ihr habt in den letzten Wochen nicht viel Zeit für euch gehabt, hm?" _Was für eine selten dämliche Frage! Und ausgerechnet *ich* stelle sie, ich, die ich diese Zeit in Anspruch genommen habe!_ Und jetzt drängte sie sich auch noch an Weihnachten auf. "Uh, vielleicht war es keine so gute Idee, herzukommen..." Doch Leo schüttelte energisch den Kopf. "Papperlapapp, Herzchen. Du bist hier besser aufgehoben als bei Werner. Was hat er dir doch gleich geschenkt?" "Eine Stehlampe. Von IKEA." "Aha", nickten die Männer synchron. "Idioten Kaufen Einfach Alles. Die Notlösung für alle Ideenlosen." Während Leo den Baum neben dem Aquarium anzündete - sie hatten sich schnell auf 'erst Essen, dann Bescherung' geeinigt - trug sie zusammen mit Thorsten das Essen auf und traf die Musikauswahl. Solange es keine Weihnachtsmusik war, die ihre 'Oje, du Fröhliche'-Stimmung wiederherstellte, war sie mit allem einverstanden. Die Wahl fiel auf Dire Straits, und nach fünf Minuten war Nina der festen Überzeugung, daß der Abend auch mit einem Fünf-Sterne-Menü von Käfer nicht besser gewesen wäre. Satt und zufrieden lehnte sie sich schließlich zurück, schloß für einen Moment die Augen. "Mmmm, Thorsten, das hast du wunderbar gekocht...gemixt...ah, gemacht...was sagt man im Falle eines Kartoffelsalats?" "Ich habe auch geholfen", merkte Leo an. "Ich hab' das Würstchenglas aufgeschraubt." "Werner hat dir also eine Stehlampe geschenkt?" gelang es Thorsten, elegant das Thema zu wechseln, ohne auf den Kommentar einzugehen. "Obwohl du schon eine hast?" "Ja.", bestätigte sie. "Und er konnte noch nicht mal eine aussuchen, die zu meiner restlichen Einrichtung paßt. Sogar das Geschenkpapier war von IKEA." Die Männer wechselten einen verschwörerischen Blick, dann meinte Leo mit einem Grinsen, "In dem Fall werden dir unsere Geschenke doppelt gut gefallen." Er brauchte nichts zu sagen, Thorsten lief von sich aus los, um sie zu holen. _Geschenke...Mehrzahl...oh, Jungs! Nun, Zeit für die Beichte, Frau Metz!_ "Mache ich also den Anfang. Ich wußte echt nicht, was ich euch schenken sollte...euch, die ihr alles habt, was man - mit einem sowie mit zwei *N* - sich nur wünschen kann." _Lügnerin! Gib' doch einfach zu, daß du im Moment keine Kohle hast!_ "Doch nach einigem Grübeln ist mir etwas eingefallen. Ihr bekommt von mir einen Gutschein für einen Zwei-Tages-Besuch im LEGOland Deutschland, einzulösen nächstes Jahr ab April." "Und natürlich kommst du mit." "Natürlich, was denkst du denn?" Leo kannte sie einfach zu gut. Und er sah unverschämt gut aus in diesem Hemd! Daß Thorsten sich noch beherrschen und die Finger von ihm lassen konnte! Nicht daß sie was dagegen hätte...sie sollten sich bloß nicht an ihrer Anwesenheit stören... "Ich frage ja nur wegen der Vertretung." Dann kam ihm ein ganz anderer Gedanke. "Oh Gott, ich allein mit euch zwei Kindern im LEGOland...das wird mein Ende sein!" Mit einem großen, zwei mittleren und einem sehr kleinen Paket in den Händen kehrte Thorsten nun aus dem oberen Stockwerk zurück und nahm für die feierliche Übergabe neben Leo Aufstellung. Dieser räusperte sich umständlich. "Uh, also, Nina...frohe Weihnachten von uns beiden." Alleine schon Ninas Gesichtsausdruck war das Opfer der Zweisamkeit wert. Sie strahlte wie der Weihnachtsbaum, der Adventskranz und das Feuer im Kamin zusammen. Mit leuchtenden Augen nahm sie den Stapel entgegen und sank in den Sessel, Leo auf der einen, Thorsten auf der anderen Lehne. "Ahm, Thorsten..." Leo wies auf das eine Geschenk, das sich vom Einwickelpapier von den anderen drei unterschied. "Was ist das denn?" Die Antwort war ein unschuldiges Grinsen. "Mein ganz persönliches Weihnachtsgeschenk für Nina.." _Wie jetzt...?_ Leo hatte keine Zeit, seine Verwunderung zu bekunden, denn Nina hatte Geschenk Nr.1 ausgepackt. "Geil! Ein Buch über *Kartoffelchips*...für so was fehlt Werner der Humor! Er ist viel zu praktisch veranlagt. Danke, ihr zwei. Und was", sie befingerte Geschenk Nr.2, dem Gefühl nach ein kleiner Karton, "ist das?" "Etwas Praktisches", rutschte es Thorsten heraus, bevor Leo ihn stoppen konnte. Diesmal zerriß sie das Papier, mit ihrer Geduld am Ende. "Oh. Für den 54. Versuch, hm?" "Eine gutgemeinte Hilfe." Leo zuckte mit den Schultern. "Obwohl ich ja weiß, daß es vergebene Liebesmüh ist. Aber die Hoffnung bleibt..." Nina kniff ihn ins Bein. "Du klingst wie mein Vater!" Nun war Thorstens Geschenk an der Reihe. Vom Gewicht und den Maßen her könnte sie fast glauben, es handele sich um - "Thorsten! NEIN! Du hast doch nicht etwa - !" Oh, das klang verdächtig! Mißtrauisch stellte Leo seinen Liebsten zur Rede. Versuchte es zumindest, denn Thorsten hatte dieses Katze-nach-dem-schmackhaften-Kanarienvogel-Grinsen aufgesetzt, das bei ihm jede Alarmglocke schrillen ließ. Er war nicht beunruhigt, nein, nur fühlte er sich....uninformiert. Berufskrankheit. Wie das Papier in kleinen Fetzen zu Boden segelte und Nina immer hibbeliger wurde - wie viele Meter Papier hatte Thorsten bitte auf dieses Objekt verwendet? - wuchs seine Spannung. "Eh, Nina, wie lange dauert das noch? Hast du heute zwei linke Hände, alles Daumen? Und warum ist eigentlich - oh jemineh, ich wandere aus!" Es war schlimmer als er sich je hätte ausmalen können. "Thorsten!" "Ja?" Thorsten nahm seine linke Hand und drückte einen Kuß auf die Innenseite des Handgelenks. Leo registrierte den Zärtlichkeitsbeweis aber nicht, weil er viel zu beschäftigt war, nach Atem zu ringen - und um seine Fassung. "Du *Irrer*!" Gleichzeitig brach Nina jedoch in begeistertes Kreischen aus und sie hielt die DVD-Box hoch wie den Heiligen Gral. "Oh, Thorsten, du bist ein Schatz! Die erste Staffel von -" Leos Stöhnen war ebenso laut wie Thorstens "Ja, und natürlich nicht ganz uneigennützig." "Und..." Ihre Hand flog zum Mund, um ein weiteres Begeisterungsquieken zu unterdrücken. "OH MEIN GOTT! Sie ist *signiert*!" Sie wußte nicht, was sie sagen sollte, also tat sie etwas und fiel Thorsten um den Hals, zog ihn herunter, daß er förmlich quer über ihrem Schoß lag. Nach einer Minute schaltete sich Leo ein. "So ungern ich dazwischen gehe, ihr Lieben, aber ich will Nina auch noch *mein* persönliches Geschenk geben, bevor ich überstimmt werde und man mich zwingt, mit euch diese...Serie zu sehen." Thorsten rappelte sich wieder auf und hatte das gleiche, betretene Halbgrinsen wie Nina aufgesetzt. "Wie kommst du darauf?" "Ich kenne euch alle beide und eure kranke Vorliebe für diese....Ärzte-Soap. Und", fügte er hinzu, "ich ergebe mich der Übermacht. Aber erst das hier." Er legte das letzte Geschenk, kaum größer als eine Zigarettenschachtel, in Ninas Hand. "Frohe Weihnachten, Herzchen. Wenn du in Zukunft mal wieder die Notwendigkeit verspürst, dich zu verstecken oder Gesellschaft zu haben, ist hier der Freibrief." Er schüttelte ihre Hand mit dem Karton und das leise metallische Klirren war eindeutig. Nina fiel die Kinnlade herunter. "Schlüssel? Für hier?" Mit offenem Mund wie einer der Fische im Aquarium starrte sie erst Leo und dann Thorsten an, und als auch letzterer zustimmend nickte, brach sie erneut in Tränen aus. "Ooooooooooh... Ihr seid immer noch meine liebsten Männer...was würde ich nur ohne euch tun? Ich liebe euch alle beide", schnüffelte sie, "alle beide...alle b-b-beide..." Leo lachte leise. Ohne Nina wäre der Abend sicher anders verlaufen, aber es hätte sich nur halb wie Weihnachten angefühlt. Ob das mit der irgendwann mal scherzhaft vorgeschlagenen Adoption gesetzlich machbar war? Naja, und selbst wenn nicht, auf eine seltsame, verquerte Weise gehörte sie ebenso sehr zu ihm und Thorsten wie eine Schwester. _Eine jüngere, Schwester mit lausigem Karma!_ "Na los", meinte er zu ihr, "pack' dein Geschenk in den DVD-Player. Ich hol' uns noch einen Wein und dann machen wir's uns gemütlich." So gemütlich es sein konnte mit dieser unglaublich künstlichen Fernsehwelt mit noch künstlicheren Weißkitteln, die noch nicht mal gut aussahen. Aber wenn es die beiden glücklich machte, würde er eben leiden.
Und leiden tat er, drei Stunden lang. Oder waren es vier? Jedenfalls flackerte Folge um Folge über den Fernsehbildschirm, während die Kerzen am Baum herunterbrannten und schließlich von Leo gelöscht wurden. Als er sich umdrehte, wollte er gerade den Mund zu einem "Hey, wer mag noch einen Absacker?" öffnen, da hielt ihn Thorsten mit seinem 'Shh' davon ab. Nina war, kaum daß er aufgestanden war, zur Seite gefallen und lag nun friedlich und leise schnarchend da, ein Kissen im Arm. Ein Blick genügte, um sich abzusprechen. Sie breiteten eine Decke über ihr aus und hoben ihre Beine auf die Couch, machten es ihr so bequem wie möglich. "Möchtest du tanzen?" Leo gähnte hinter vorgehaltener Hand und blinzelte überrascht. "Tanzen?" "Ja." Rasch legte er eine neue CD auf und kam dann mit verführerischem Hüftschwung zu Leo zurück, hielt ihm die Hand hin. "Darf ich bitten, Herr Kraft?" Der vereinten Wirkung von Thorsten und Van Morrison konnte er nicht widerstehen. Engumschlungen bewegten sie sich durch den Raum, nicht wirklich im Takt der langsamen Musik, aber dafür umso mehr im Takt miteinander. Thorsten hatte das Gesicht an Leos Hals vergraben und ließ sich führen, leise die Worte des Liedes mitsingend, denn sie entsprachen genau dem, was er sagen wollte.
I've been searching a long time
For someone exactly like you I've been travelling all around the world Waiting for you to come through. Someone like you makes it All worth while Someone like you keeps Me satisfied. Someone exactly Like you... "Genau jemanden wie dich." Statt einer Antwort drückte Leo ihn noch etwas fester, und er hoffte, daß Nina noch einige Zeit weiterschlief. Denn sie näherten sich rasch dem bestimmten Punkt, ab dem er es ihr sehr übelnehmen würde, wenn sie aufwachte.
I've been travellin' a hard road
Lookin' for someone exactly like you I've been carryin' my heavy load Waiting for the light to come Shining through. Someone like you makes it All worthwhile Someone like you keeps Me satisfied. Someone exactly Like you. "Schön, wenn man andere für sich reden lassen kann, hm?" Offenbar hatte Leo seine Fähigkeit zur verbalen Kommunikation wiederentdeckt. "Manchmal weiß ich nicht, weshalb ich mich mit einem Polizisten eingelassen habe. Sie sind überarbeitet, neurotisch, neigen zur Eifersucht, haben die unmöglichsten Arbeitszeiten, verbringen mehr Zeit mit ihren Kolleginnen als mit ihren Lebenspartnern..." "Und dieser überarbeitete, neurotische, zur Eifersucht neigende Polizist, der die unmöglichsten Arbeitszeiten hat und mehr Zeit mit seiner Kollegin verbringt als mit seinem Lebenspartner - was übrigens gar nicht stimmt, ich hab' das nachgerechnet - weiß wie immer nicht, womit er dich verdient hat." "Glück, schätze ich." "Verdammtes Glück." "Hab' ich dir eigentlich mal gesagt, daß du exakt der Typ Mann bist, vor dem Mama mich immer gewarnt hat?" "Sie hat dich immer vor Männern gewarnt? Ich dachte, die meisten Mütter warnen ihre Söhne vor bestimmten Frauentypen." "Seitdem sie weiß, daß ihr einziger Sohn und Augapfel schwul ist, du Plattfuß! Polizisten...und Schauspieler. Am liebsten wäre ihr ein Anwalt gewesen." "Ein *Anwalt*?" Leo blieb stehen und hielt Thorsten auf einer Armlänge Abstand. "Davon höre ich ja jetzt zum allerersten Mal!" "Ist doch jetzt auch völlig egal." "Sicher, bei ihrer Neigung, ihre Arthritis mit gewissen, ahm, homöopathischen Mitteln zu behandeln, wäre ein Anwalt natürlich von größerem Nutzen als ein Polizist." "Und trotzdem hast du dich an dem Geschenk für sie beteiligt. Obwohl du genau weißt, daß sie in Maastricht garantiert nicht nur die Sehenswürdigkeiten bestaunt." "Ich ziehe es vor, mich nicht daran zu erinnern, was sie dort tut, ansonsten könnte ich in Versuchung kommen, dienstlich zu werden, und das möchte ich nicht, denn dann müßte ich gegen mich selbst ermitteln. Wegen Mitwisserschaft und Vertuschung einer Straftat..." "Bist du wohl still?" Thorsten hinderte ihn mit einem Kuß am Weitersprechen, überließ das Reden Van Morrison.
I've been doin' some soul-searching
To find out where you're at I've been up and down the highway In all kinds of foreign lands Someone like you.... _Ich könnte überall hinreisen, egal in welchen Winkel der Erde, und niemals jemanden so wie dich finden. Du bist einzigartig...und irgendwie habe ich es geschafft, dich für mich zu gewinnen._
I've been all around the world
Marching to the beat of a different Drum. But just lately I have Realised... Jetzt war es Leo, der den Text aufgriff, die Strophe beendete, "'The best is yet to come. Someone like you...'" "Das Beste kommt noch, ja?" Unter dem Hemd wanderte Thorstens Hand in forschen Kreisen über Leos Rücken und er stöhnte leise, als Leo ihm mit einer gezielten Berührung klarmachte, was ihm vorschwebte. "Und ich auch. Gleich, wenn du so weitermachst." "Thorsteeeen, wir sind nicht alleine..." Er sah die leere Couch und korrigierte sich, "Wir *sind* allein. Wo ist sie hin?" "Vermutlich ist sie aufgewacht, hat uns gesehen und ist nach oben ins Gästezimmer geschlichen." "In ihrem Zustand? Respekt. Warte kurz..." Thorsten machte sich von ihm los und stolperte die Treppe hinauf, nur um einige Sekunden später zu rufen, "Uh, Leo." Sein Partner folgte dem Ruf, der von einem Lachen ersetzt wurde. "Was?" wollte er wissen. Thorsten zog Leo neben sich in den Türrahmen. "Schau', mein Lieber. Da hat sich jemand wohl in der Tür geirrt." "Sie hatte definitiv einige Gläser zuviel." "Da wäre ich jetzt nicht drauf gekommen, immerhin liegt sie halbkomatös im Bett. In *unserem* Bett", verdeutlichte er mit einer Geste in Richtung des Futons auf dem Mezzanin. Zu sehen war lediglich ein schlaff über die Seite hängender Arm. Statt ins Gästezimmer zu torkeln, hatte sich Nina zielstrebig in das Arbeits-, Schlaf- und Musikzimmer begeben, den Raum mit dem besten Licht, da er an der einen Seite vollständig verglast war. Leo legte einen tröstenden Arm um Thorsten. "Halb so wild. Sie nimmt ja nicht viel Platz weg, wir könnten also noch locker -" "LEO!" "Nicht ernstgemeint." In einer Bewegung zog Leo Thorsten einarmig an sich und schloß mit der anderen Hand die Tür. "Bei euch zwei bin ich mir manchmal nicht so sicher." "Wir haben zwei Möglichkeiten", erläuterte Leo das Offensichtliche. "Entweder tragen wir sie jetzt die Treppe hinunter ins Wohnzimmer...oder wir übernachten im Wohnzimmer und improvisieren." "Improvisieren...das klingt hervorragend, Schatz." "Zumindest hat Nina alle deine neuen Bücher griffbereit, für den Fall, daß sie nachts aufwacht und nicht mehr schlafen kann. Was unwahrscheinlich ist." "Um auch nur Buch Eins zu schaffen, müßte sie eine *Woche* bei uns bleiben." "Oh, führe sie nicht in Versuchung, sondern...ach, komm' mit!"
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