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Coda

© by Jimaine ()
 
Disclaimer: die Rechte für die Charaktere gehören Patrick O'Brian, der die Bücher geschrieben hat, und ich möchte sie ihm gar nicht streitig machen. Auch beanspruche ich keinerlei Rechte an dem Kinofilm - sollen MIRAMAX und Universal Pictures doch alles behalten und sich gefälligst mit der Fortsetzung beeilen! - und möchte klarstellen, daß ich rein gar nichts hiermit verdiene. Alle eventuellen Profite werden an "Maturin's Famous Weevil Dance Troupe" gespendet oder gehen für neue Cellosaiten und Stephens Weihnachtsgeschenk drauf: ein Satellitentelefon!!!
Spoiler: Angesiedelt einen Tag nach dem Aufbringen der 'Acheron'. Aubrey hat das erbeutete Schiff dem Kommando seines First Lieutenants unterstellt und gibt ihm den Befehl, damit nach England zurück zu segeln. Doch schon wenige Stunden nach dem Abschied ergab es sich, daß die 'Surprise' wieder hinterher muß.
Umfangreiche A/N:
(1) Ich kenne außer dem Film nur zehn der zwanzig Bücher und von den restlichen lediglich ausgewählte Kapitel bzw. tabellarisch zusammengestellte Hintergrundinformationen. Daher weiß ich viele Dinge nur aus zweiter Hand. Irrtümer nicht ausgeschlossen!
Das Nette an Patrick O'Brians Büchern ist, daß frau zwischendurch mal richtig laut lachen kann und zudem nicht - wie bei C.S. Forester - ständig das Gefühl hat, mit einem Haufen Hobbits zu segeln, *g*. Hornblower, Bracegirdle, Buckland...
(2) Dinge, die ich am Film ignoriert habe: Ich beziehe mich zwar unmittelbar auf den Film, habe aber einiges an Background-Infos aus den Büchern verarbeitet.
Da wäre zunächst die sinnlose (weil nur rein USA- besänftigende) Änderung der Jahreszahl von 1812 in 1805, für die ich Peter Weir kielholen lassen möchte! Daher *ignoriere* ich diese eigenmächtige Handlung, was bedeutet, daß wir Diana und Sophie im Leben der Herren haben und noch so einiges anderes passiert ist. Macht alles noch interessanter. Zudem hätte Tom Pullings 1805 in ValparaÍso Probleme gekriegt....war spanisch...1805 konnten Spanien und England nicht miteinander. Wohl aber 1812...
Zweitens das Casting: Ich LIEBE die Kombi Crowe/Bettany...nur wenn sie letzteren um 15cm kürzen und einige Kilo Körpermasse an Crowe abgeben könnten...?!
(3) sardana - katalanischer Tanz
TÁ mÉ anseo, mo croÍ. - Ich werde hiersein, mein Herz (Irisch-Gälisch)
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 

Vorsichtig bahnte sich Captain Jack Aubrey seinen Weg über das Oberdeck, ließ seinen wachsamen Blick hierhin und dorthin schweifen. Die Spuren des erbarmungslosen Kampfes von vor zwei Tagen waren noch schmerzhaft sichtbar, selbst jetzt bei Nacht und Kerzenschein. Alle paar Meter hob er seine eigene Lampe, untersuchte eine spezielle Stelle genauer, um dann zufrieden zu nicken. Gut, gut... Er würde nicht ruhig schlafen, bis auch der kleinste Kratzer übermalt worden war. Auf diesem Schiff war ihm jeder Nagel, jeder Tampen bestens bekannt, praktisch ein Teil von ihm. Zwar hatten sie sich über die Jahre immer wieder getrennt, er hatte andere Schiffe der Flotte befehligt, aber die 'Surprise' war das Heim, in das er am Ende der Reise stets zurückkehrte.

Die Wiederherstellung der See- und Kampftüchtigkeit hatte oberste Priorität, die Schönheitsreparaturen an seinem geliebten Schiff dagegen hatten zu warten. Zuerst mußte getan werden, was unbedingt nötig war, um eine rasche Verfolgung der 'Acheron' zu gewährleisten, und die Mannschaft tat es, mit vollem Einsatz. Bei den beschränkten Reserven und ohne Möglichkeit, Material an Bord zu nehmen, würde das geborstene Holz- und Seilwerk erst in einigen Tagen ausgetauscht sein; Lamb und sein neuernannter Maat leisteten ihr Möglichstes.

Wie alle anderen auch.

Die Details der Arbeitseinteilung überließ er Mr. Hollar.

 

Er schluckte mehrmals, zwang sich, den mehr als unangenehmen Geruch zu ignorieren. Noch immer hatte sich der Gestank von Tran und verbranntem Holz nicht verzogen; öliger Rauch klebte an allem, überlagerte den sonst normalen Mief unter Deck, eine Mischung aus Schweiß, Pulver, Schimmel, nasser, ungewaschener Kleidung und Pökelfleisch. Hinzu kamen Teer und Viehmist.

_Und Blut_, fügte er als Nachgedanken hinzu, als er registrierte, wie viele der Männer Verbände um Kopf und Gliedmaßen trugen. Stets darauf bedacht, die Grüße zu erwidern, schritt er das Deck der Länge nach ab, schenkte den Arbeitenden die Aufmerksamkeit, die sie sich mit ihrem selbstlosen Einsatz verdient hatten. Ihre Wunden waren Beweis genug.

Wahrlich, er könnte sich keine bessere Crew wünschen.

 

Über den Niedergang gelangte er zum Unterdeck und bewegte sich geduckt durch das Halbdunkel in Richtung Bug. Eigentlich brauchte er die Lampe nicht, er wußte genau, wohin er seine Füße setzte, wich jedem Hindernis geschickt aus.

In den Hängematten lagen schlafende und verwundete Seemänner, einige nicht schwer genug verletzt, um wie die meisten Verwundeten mit der 'Acheron' fortgeschickt worden zu sein, doch noch zu schwach, um ihre tägliche Pflicht zu tun. Ein paar Tage und sie würden wieder ihren Beitrag leisten können. Sie schienen sich an dem geschäftigen Treiben, das um sie herum herrschte, nicht zu stören, schliefen trotz des Lärms von Hämmern und Sägen an einem Ort, der nie wirklich still war.

Zu seiner Rechten sah er einen wohlbekannten blonden Schopf vorbeihuschen und mußte unwillkürlich lächeln. "Guten Abend, Lord Blakeney."

Der Fähnrich blieb beim Klang der Stimme sofort stehen. "Captain, Sir." Auch er wirkte müde und abgekämpft, seine Haare waren verklebt und sein blasses Gesicht rußverschmiert. Dennoch stand er aufrecht vor seinem Captain, blickte ihm direkt in die Augen.

"Sie leisten gute Arbeit, Mr. Blakeney", meinte Jack anerkennend, darum bemüht, seinen Ton nicht allzu wohlwollend klingen zu lassen. Er hatte einen Narren an dem Jungen gefressen, und das nicht nur, weil dieser im Kampf außerordentlichen Mut bewiesen hatte und, ganz im Sinne von Lord Nelson, mit nur einem Arm genauso hart - wenn nicht noch härter - arbeitete wie manche Seeleute mit zwei gesunden Armen.

Stephen, so wußte er, mochte ihn auch. Offenbar hatte der junge William Blakeney ein Talent für Naturwissenschaften. Auf jeden Fall die nötige Intelligenz und eine hervorragende Beobachtungsgabe. Laut Stephen. Das sagte einiges aus; er kannte seinen Schiffschirurgen und besten Freund als einen Mann, der sparsam mit Lob umging. "Wohin des Weges?"

Stolz leuchtete in den Augen des Jungen und er schien gleich einige Zentimeter zu wachsen. "Padeen und Williamson erwarten mich auf dem Achterdeck, Sir." Er hob den Eimer, den er in der Linken trug. "Farbe für den Rumpf. Zur Namensänderung. Damit wir die 'Surprise' wiederbekommen."

Nun, *das* war eine Schönheitsreparatur, die nicht früh genug erledigt werden konnte! Die 'Syren' hatte ihren Zweck erfüllt, hatte ihrem Namen Ehre gemacht und die Beute in die Falle gelockt. "In der Tat eine wichtige Aufgabe. Bevor Sie fortfahren, darf ich fragen, wo sich Dr. Maturin aufhält? Ich habe ihn bereits beim Frühstück vermißt. Ist er noch im Lazarett?"

"Nein, Sir. Gegen Ende der ersten Hundewache begab er sich in sein Quartier."

Sein Quartier. Nicht die geräumige Kajüte, die sie sich als Wohn- und Schlafbereich teilten. Unmut grub sich als steile Falte in seine Stirn und er war nicht sicher, woher dieses Gefühl kam. Mit der freien Hand klopfte er dem Jungen auf die Schulter, nickte ihm zu. "Sehr verbunden, Mr. Blakeney. Lassen Sie sich nicht aufhalten." Der Junge antwortete mit einem angedeuteten Salut und einem 'Aye-aye, Sir' und eilte die bugwärtigen Stufen hinauf in die Nacht. Die Offiziersquartiere befanden sich achtern, also schlug Jack die Richtung ein, aus der er gekommen war.

 

Unmittelbar vor der hintersten Tür an Steuerbord zögerte er, hinterfragte die Beweggründe für sein Herkommen. Da war die im Kampf um die 'Acheron' erlittene Dolchwunde in seiner Seite, die er vorschieben könnte...er könnte sagen, daß die Verletzung ihm Probleme bereite. Aber sie war so oberflächlich, daß er in seinen Bewegungen nicht eingeschränkt war, und Stephen wußte nur zu gut, wie er Verletzungen seiner Person beurteilte. Dies war kaum mehr als ein Kratzer, nach Jack Aubreys Maßstäben.

Der wahre Grund war ein anderer. Nebensächlich, und dadurch umso persönlicher. Besser, er schob anderer Leute Wohlergehen vor.

Sein Klopfen war halbherzig, doch wurde es gehört.

"Herein."

Zögernd trat er in den engen Raum, der auf dem Unterdeck dem Chirurgen als Quartier diente. "Guten Abend."

Grüne Augen fixierten ihn mit einem kühlen Blick, weder abweisend noch einladend. "Jack. Oder spreche ich mit dem Captain?"

"'Jack' wird genügen."

"Dann sei so gut und komm' herein, damit ich auch etwas von deiner Lampe habe, meine ist bereits ganz heruntergebrannt, wie du siehst. Und mach' die Tür zu. Ich brauche nicht mehr Gesellschaft als zwingend erforderlich. Die Katze des Bootsmanns ließ sich mühsam genug vertreiben. Ich sage dir, sie scheint meine häufige Abwesenheit als Freibrief zu nehmen, dieses Quartier für sich zu beanspruchen!" Sichtlich widerstrebend löste Stephen Maturin seinen Blick von dem Notizbuch, in dem er seine Patientenberichte verfaßte, ließ die Feder sinken und rückte die Brille zurecht. Oh, er kannte diesen Gesichtsausdruck bestens...kein zufälliger Besuch, soviel war sicher. "Was kann ich für dich tun, Jack? Wird es dir an Deck zu voll?" Das Kratzen der Feder auf Papier wurde fortgesetzt.

Jack befolgte die Bitte, schloß die Tür hinter sich, bevor er Antwort gab. "An Deck ist es so ruhig, daß Aspasia das Schiff steuern könnte. Ich wollte nur sehen, wie du dich hier unten schlägst. Wie geht es den Männern? Nennenswerte Probleme bei den Verwundeten?"

"Den letzten Verband habe ich vor zwei Stunden gewechselt", berichtete Stephen knapp, ein Gähnen unterdrückend. "Bislang keine Anzeichen von Infektionen, bei niemandem. Padeen wird freundlicherweise heute Nacht wach bleiben und mich wecken, wenn erforderlich. Außerdem sollten wir bei nächster Gelegenheit unseren Medikamentenvorrat auffüllen, insbesondere das Laudanum...und da der Inselbesuch *wieder* auf unbestimmte Zeit vertagt wurde", ja, er schaffte es, das richtige Quentchen Vorwurf in die Bemerkung zu legen, "ich ergo keine Zeit mit trivialen naturwissenschaftlichen Studien verbringen kann, nutze ich die freien Stunden für meine Aufzeichnungen."

Für Aufzeichnungen *und* sein Äußeres. Wenn man Stephen so ansah, fiel die Vorstellung schwer, daß er noch vor einem Tag über und über mit Blut bedeckt gewesen war. Gesicht, Kleidung...es hatte rot aus seinen Haaren getropft...

Die Hände, die die Feder führten, waren makellos sauber, das Hemd blütenweiß. Und er war rasiert. Für einen Mann, der sonst eher zur Schlampigkeit neigte, fast schon ein Schritt zu weit im Handbuch der Etikette. Die gesamte Erscheinung des Arztes war uncharakteristisch gepflegt, als habe er Nachricht bekommen, sich für eine Unterredung mit seinen Vorgesetzten in Whitehall bereit zu halten.

Keine Rasur konnte jedoch über die Müdigkeit hinwegtäuschen, die wie eingemeißelt auf dem schmalen Gesicht stand. Des Captains Arbeit war schließlich lang getan gewesen, als die seine erst anfing. Kokablätter putschten vorübergehend auf, verbannten den Hunger und lieferten Energie für eine Nacht pausenloser Arbeit, doch der Mensch, vor allem wenn es ihm, wie in Stephens Fall, an körperlichen Reserven mangelte, hatte seine Belastungsgrenzen.

Jack war sicher, daß er, wäre er eine halbe Stunde später gekommen, den Freund schlafend vorgefunden hätte. "Genau deswegen bin ich hier."

"Weil ich in meiner Hängematte liege und schreibe?" Absichtlich steuerte Stephen am Thema vorbei; im Stillen gratulierte er sich zu Jacks Lächeln, das er damit erntete. Die beste Medizin war so einfach zu verabreichen. Bedächtig klappte er das Notizbuch zu und schloß das Tintenfaß. "Der unmittelbare Zusammenhang ist mir nicht deutlich, fürchte ich."

"Der Wind steht ungünstig und ist längst nicht so stark, wie es mir lieb wäre, erschwert somit unsere Fahrt", legte Jack den Grund für seine nächtliche Wanderung offen. Das Schiff mochte er befehligen, aber nicht die Elemente. Dinge, die nicht seiner Kontrolle unterlagen, die er partout nicht ändern oder beeinflussen konnte, waren ihm zutiefst verhaßt, und er konnte seinen Ärger über diese Machtlosigkeit schlecht verbergen. Stephen war da ein besserer Schauspieler. "Wir dümpeln bei kaum drei Knoten dahin. Selbst wenn ich schwimmen würde, wäre ich schneller! Unser einziger Vorteil ist, daß es um die 'Acheron' nicht besser bestellt ist; sie segelt ohne Großmast und wir haben einen Jurymast als Besan. Bleibt die Hoffnung, daß sich der Wind während der Nacht dreht und auffrischt. Gar zu weit können wir nicht mehr entfernt sein, wenn der von Mowett gegißte Kurs korrekt ist." Bis Sonnenaufgang wollte er diese verbliebene Distanz verkürzen. Gegen die Wand gelehnt preßte er die Handballen auf seine brennenden Augen. Schlaf...er brauchte Schlaf.

Stephen schwang die Beine zu Boden und setzte sich auf. Notizbuch, Tintenfaß und Feder fanden ihren Platz auf der Seekiste unterhalb der Hängematte. "Du machst dir Sorgen um ihn." Der Captain des Schiffes sprach zu ihm als Offizier und im Vertrauen, äußerte Zweifel über eine getroffene Kommandoentscheidung. Seine Antwort sollte dementsprechend sachlich sein. Doch zwischen Jacks Worten hörte er die Stimme des Freundes, der eine ganz andere Art von Antworten suchte. "Um Tom, meine ich."

Jack seufzte. "Wie könnte ich nicht? Immerhin kenne ich ihn nun schon viele Jahre. Seit der 'Sophie', genau wie dich. Wie Bonden, Mowett und Davies. Er hat mich nie enttäuscht...ich wünschte, ich könnte behaupten, das gleiche für ihn getan zu haben. Es wäre sehr zu bedauern, würde ein französischer Dolch sein erstes Kommando - nun da ihm endlich ein Schiff vergönnt ist - beenden, noch bevor er ValparaÍso erreicht." Seine Stimme erstarb. "Ich war so blind, Stephen. Wie steht es doch in der Bibel, 'Auge um Auge, Zahn um Zahn'? Oh, ich gratulierte mir noch zu meinem geglückten Täuschungsmanöver, da war man bereits dabei, es mir mit gleicher Münze zurückzuzahlen! *Doktor* DÉvigny! Ein paar unterwürfige Worte, ein formvoll offerierter Säbel. Verdammt, werde ich alt?" Eh er sich beherrschen konnte, knallte seine geballte Faust bereits mit voller Wucht gegen die Wand, hinter der noch bis vorgestern der Mann Quartier bezogen hatte, über den sie redeten.

"Quidquid id est, timeo Danaos et dona ferentes." Stephen ließ sich nicht aus der Fassung bringen.

"Du weißt, mein Latein ist miserabel. Fürchtet Geschenke?" riet er halbherzig, einmal mehr der Unterlegene. Wenn es um die Klassiker der Literatur ging, war es sinnlos, sein beschränktes Wissen mit Stephens messen zu wollen. Dennoch tat er ihm stets den Gefallen und ließ sich zum Schein auf das Spiel ein.

An jedem anderen Tag hätte Stephen mit der Antwort gewartet und Jack Schritt für Schritt durch den Irrgarten der Vokabeln und Deklinationen an die Lösung herangeführt, wie einen der blutjungen Kadetten an Bord, doch mangelte es ihm heute an Lehrlaune. "Homer. Aus der 'Ilias'. Laokoons Warnung, sich vor den Griechen zu hüten, selbst wenn sie Geschenke bringen. In deinem Fall wohl eher vor den Franzosen."

"Oder vor Ärzten." Der Raum, ein Verschlag, der kaum genug Platz bot für die Hängematte und einige persönliche Gegenstände, erlaubte es dem Captain nicht, sich durch Bewegung abzureagieren. So lehnte er sich nur wieder an die Wand und verschränkte die Arme vor der Brust. Eine lange, blonde Haarsträhne fiel ihm ins Gesicht. Zunächst strich er sie fort...dann wurde sie zur willkommenen Ablenkung für seine Finger. "Unser Blutzoll an die 'Acheron' ist bereits hoch genug. Über ein Dutzend Männer. Allen, Calamy... Wenn auch Tom ums Leben kommt...wenn wir das Schiff wieder an die Franzosen verlieren - und unsere verwundeten Männer in die Kriegsgefangenschaft - trage ich dafür die Schuld!"

Stephens Stimme verlor nichts von ihrer ruhigen Bestimmtheit, als er antwortete, "Du konntest es nicht wissen, Jack. Es war ein teuflisch geschickter Schachzug, der Mann hat seine Chance gesehen und genutzt, auf brillante Weise...jeder wäre darauf hereingefallen."

"Du nicht", ereiferte sich Jack mit einer Bitterkeit, die seine Worte weitaus lauter machte als beabsichtigt, darum wiederholte er etwas leiser, "Du nicht! Du kennst die ganzen Tricks, Stephen, du weißt, worauf zu achten ist! Du hast Erfahrung mit -"

"Tarnung und Täuschung?" Kopfschüttelnd nahm Stephen die Brille ab, steckte sie in die Westentasche und rieb sich mit zwei Fingern den Nasenrücken. "Ich bitte dich, mein Freund, du stellst mich als eine Art Hellseher und Alleskönner dar, wenngleich meine Talente doch eher bescheiden sind."

Der Captain ließ die Einwände nicht gelten. An Bord konnte jeder bezeugen - und er ebenfalls, mit unzähligen Narben - daß Dr. Stephen Maturin kein Quacksalber war, der nur ein bedingtes Geschick mit der Knochensäge hatte und sich ansonsten auf sein Glück verließ. "Du hättest sein Spiel durchschaut! Dich hätte er nicht für fünf Minuten hinters Licht führen können. Und du kannst nicht leugnen, daß wir uns ohne dein umfassendes Wissen der Täuschung nicht einmal bewußt wären. Woher wußtest du das von DÉvigny überhaupt?" Verärgerung wich widerwilliger Neugier. "Wenn mir die Frage erlaubt ist. Oder unterliegt diese Information strengster Geheimhaltung?"

"Keineswegs. Und es hat auch nichts mit 'umfassendem Wissen' zu tun, um ehrlich zu sein", gestand Stephen. "Ein Zufall, wenn man's genau nimmt. Du erinnerst dich an die Depeschen und übrige Post, die wir erhielten, als wir vor Brasilien kreuzten, einige Tage, bevor uns die 'Acheron' überraschte? Ein geschätzter Studienkollege von mir aus Dublin, derzeit in Gibraltar stationiert, zu seinem großen Leidwesen, denn er haßt Hitze jeglicher Art wie das biblische Fegefeuer, erwähnte DÉvignys Tod in einem persönlichen Brief. Er dachte, es könnte mich interessieren, immerhin diskutierten wir noch bei unserem letzten Treffen kurz vor dem übereilten Auslaufen der 'Surprise' eine Abhandlung, die Dr. DÉvigny einst über Wundbrand veröffentlichte. Er war Armeechirurg bei den französischen Truppen, die 1798 die irische Rebellion unterstützten. Naja", relativierte er und sein Ton bekam etwas latent Zynisches, wie immer, wenn er Politik und speziell die heikle Politik seiner Heimat väterlicherseits diskutierte, "die Rebellion, wie sie stattfand. Und soweit man da von Unterstützung reden konnte." Er konnte sehen, daß Jack die Nachfrage schon bereute. Daß man ihn regelmäßig zu Empfängen und Banketten mitnahm, war keinesfalls Höflichkeit seitens Jacks, oder gar ein Freundschaftsdienst, sondern eine Verlegenheitslösung. Das war Stephen sonnenklar. Jack hatte gerne etwas Schützenhilfe bei unangenehmer Tischkonversation. Angesichts des zunehmend teilnahmslosen Blicks beließ er es also dabei und meinte abschließend, "Wenn sich der gute Captain einen anderen Namen ausgesucht hätte, wäre seine Rechnung aufgegangen."

Jack rang sich ein Lächeln ab. "Ein Hoch auf deinen Freund in Gibraltar und dein gutes Gedächtnis. Tom wäre sonst dem Tod geweiht. So hat er zumindest eine Chance."

"Ja, ein Glück für ihn, daß manche Marines so beklagenswert schlechte Schützen sind, hm?" Wie er jetzt aufstand und sich vorsichtig streckte, erinnerte ihn der stechende Schmerz unterhalb des linken Rippenbogens daran, wie knapp er doch dem Tod entronnen war. Die Wunde heilte gut; in zwei bis drei Wochen würde er sie kaum noch spüren. "Und nun da ich dir die Bestätigung für deine folgenschwere Leichtgläubigkeit gegeben habe, könntest du mir sagen, weshalb du hier bist. Ansonsten würde ich nämlich gerne versuchen, den Schlaf zu bekommen, von dem ich glaube, daß ich ihn heute vielleicht sogar finden werde." Die Sorgen des Captains hatte er angehört; jetzt war der Freund an der Reihe.

"Einfach nur, weil ich herkommen wollte."

Dem eigenen Quartier der Kajüte den Vorzug zu geben...ein Signal, wie Jack es unmöglich mißverstehen konnte, davon war er überzeugt gewesen. Nur hatte er gehofft, vielleicht erst morgen zur Rede gestellt zu werden. "Weil du herkommen wolltest." Noch immer war sein Gesicht unbewegt; einzig der fahle Schein der Lampe füllte die Blässe mit Leben, ließ die fahlgrünen Augen mit einem seltsamen Licht funkeln. Er zog die Pause in die Länge, hauptsächlich, weil er Jack etwas zappeln lassen wollte, und überraschte dann mit einem plötzlichen, "Langeweile, also? Du zeigst die klassischen Symptome, Bruderherz."

"Dir entgeht wahrlich nichts. Langeweile...und eine Unruhe, die mir jegliche Zerstreuung unmöglich macht. Briefe, Berichte, Bücher...nichts davon hält meine Aufmerksamkeit für länger als zehn Minuten. An Schlaf ist nicht zu denken. Deshalb habe ich Mr. Mowett informiert, daß wir uns für eine Flasche Wein zurückziehen. Der Abend gehört uns, zumindest bis der Wind sich gnädiger zeigt."

"Ah", merkte Stephen an, holte seine Brille wieder hervor und setzte sie umständlich auf. "Und da erging ich mich für einen Moment in der Illusion, du kämest um meiner Willen. Dabei geht es um Wein. Nun denn... Aber Irren ist ja bekanntlich menschlich."

Ergeben breitete Jack die Arme aus, mimte den Ertappten. Stephens Blick war durchdringend, sein Ton ließ keine Ausflüchte zu. "Und um zu fragen, ob wir uns die Wartezeit auf besseren Wind mit etwas Musik vertreiben wollen. Mir scheint, etwas Bach könnte uns guttun."

Hatte er doch richtig vermutet! "Ist das deine ehrliche Meinung als Mediziner?" Doch sein Freund hatte Recht. Auch er war beunruhigt von dem Gedanken an eine Menge verwundeter Männer in der Obhut eines Arztes, der in Wahrheit ein französischer Offizier ohne medizinische Kenntnisse war. Da machte es keinen Unterschied, daß Jack den guten Higgins auf die 'Acheron' abgestellt hatte. Stephen schätzte Higgins' Talent beim Zähneziehen, eine Kunst, die er selbst niemals ganz gemeistert hatte, aber sogar Padeen Colman, sein Landsmann, rechte Hand am Operationstisch und ein Mann kindlich-einfachen Gemüts, besaß mehr chirurgisches Geschick. Auf jeden Fall wäre das Überraschungsmoment auf Seiten der Franzosen. Captain Pullings mochte die Unterstützung der Walfänger von der 'Albatros' haben und zusätzlich ein Kontingent Marines, doch wenn der gegnerische Captain eine Revolte anzettelte, solange sie noch außer Reichweite waren, könnten die Verluste erheblich sein. Er wußte aus eigener Erfahrung, wieviel Schaden ein einziger Mann anrichten konnte, sofern er lange genug unerkannt blieb und freie Hand hatte.

"Spiel' mit mir, Stephen. Nur für eine Weile, zwei oder drei Stücke. Bitte." Es klang wie eine schlichte Frage und war dennoch soviel mehr als das. Einladend streckte er ihm eine Hand entgegen. "Ich verspreche dir - uns beiden - hinterher wird der Schlaf uns schon finden. Du hast ihn mehr als jeder andere verdient. Viele Männer verdanken dir ihr Leben."

Viele...doch nicht genug. Wieviele Amputationen hatte er durchführen müssen, acht? Oder waren es achtzehn gewesen? Vom Finger bis zum Unterschenkel war alles vertreten gewesen, er hatte keinen Unterschied zwischen den eigenen Männern und den französischen Seeleuten gemacht. Die Geschosse einer Kanone richteten den menschlichen Körper um Längen furchtbarer zu als Gewehrkugeln, verursachten direkte wie indirekte Wunden und schlimmer noch, wenn die Geschütze mit Kartätschen geladen waren. Zerfetzte Glieder und Schreie...irgendwann war da nur noch Rot gewesen.

Kleidung ließ sich wechseln und waschen, der blutgetränkte Sand wurde von den Planken gefegt, der Rest fortgespült. Gedanken waren nicht so leicht zu säubern.

Egal wie lange er diesen Beruf schon auf See ausübte, gewöhnen würde er sich nie an die...Hilflosigkeit. Das Sammeln von Insekten und das Studium von Büchern waren soviel zivilisierter. "Gute Argumente, Jack, ich bin beeindruckt." Nicht daß Argumente nötig waren, Jack hatte ihn schon mit seinem bloßen Kommen überzeugt. Und allzu spät war es noch nicht, gerade einmal ein Glas in die zweite Hundewache hinein. Er löschte die Lampe am Spanten über seiner Hängematte und wies auf die Tür, den Protest ermatteter Muskeln ignorierend. "Unter diesen Umständen kann ich die Einladung des Captains unmöglich ausschlagen. Nach dir."

Nach drei Schritten blieb Jack abrupt stehen, stellte eine letzte Frage, "Fällt Ihnen noch etwas in Bezug auf die 'Acheron' und ihren, ahm, *Arzt* ein, das ich vielleicht wissen sollte, Doktor?"

"Im Moment nicht, Sir." Was der Wahrheit entsprach.

 

Auf dem Weg begegneten sie Schiffszimmermann Lamb, der einen Zwischenbericht abgab, ob der Captain ihn haben wollte oder nicht, ebenso Hollar, der sich nicht nehmen ließ, das Gleiche zu tun.

Geduldig wartete Stephen an den Spill gelehnt, während Jack beiden zuhörte und sie dann mit der gebührenden Anerkennung entließ. Hollar war nicht zu beneiden. Neben seinen üblichen Pflichten mußte der Bootsmann derzeit auch die Rolle des gefallenen John Allen ausfüllen, bis der Captain einen neuen Master benannte, und war demzufolge für alles verantwortlich, was auf dem Schiff passierte. Für den Zustand der 'Surprise' wie auch das Betragen ihrer Besatzung. Gute zwanzig Minuten waren verstrichen, als sie ihr Ziel erreichten.

 

In der geräumigen Achterkajüte, des Captains Refugium, von Killick stets in makellosem Zustand gehalten, standen ein Krug dekantierter Wein und zwei Gläser auf dem Tisch, ebenso etwas Käse, frischer Fisch und ein Korb mit Schiffzwieback. Bei ihrem Eintreten passierten sie den exzentrischen Steward, der sein Mißfallen über die Verspätung mit einem düsteren Blick zum Ausdruck brachte. Er hatte die Kerzen schließlich schon vor über einer Dreiviertelstunde angezündet! Und überhaupt, der Wein, das Essen....verdammte Trödelei....

 

"Da du heute, wie man mir sagte, treu deiner Gewohnheit, einen Wurm besser zu behandeln als dich selbst, das Essen einfach vergessen hast", der milde Tadel war schlecht getarnte Besorgnis, "eine kleine Stärkung vorab...nur damit dir der Wein nicht gleich zu Kopfe steigt und du einschläfst, wo du sitzt. Besonders viel hast du ja noch nie vertragen. Und was hinterher angeht..." Er hängte die Uniformjacke über die Rückenlehne des nächststehenden Stuhls, wo sie wirkte wie ein stummer dritter Gast, ein Symbol, daß der Captain bis auf weiteres in den Hintergrund trat. Stephen hatte bereits seinen angestammten Platz am anderen Ende des Tisches eingenommen. "Killick weiß Bescheid, daß es länger dauern könnte."

"An zwei aufeinanderfolgenden Abenden...?" Stephens Verhältnis zu Killick, der sich seit jeher mit seiner ureigenen, schrulligen Gründlichkeit um das Wohl des Captains kümmerte, ließ sich bestenfalls als 'höflich-gespannt' bezeichnen. Nur widerwillig bezog der Steward ihn in seine Dienste mit ein, ließ ihn aber niemals vergessen, daß die seiner Person entgegengebrachte Fürsorge keineswegs selbstverständlich war, sondern auf Wunsch des Captains geschah. "Jack, wir müssen vorsichtig sein. Sonst läßt er uns bald selbst für unsere Verpflegung sorgen, sollten wir ihm mehr als drei Konzerte pro Woche zumuten. Warum warst du dir überhaupt so sicher, daß ich zustimmen würde?"

"Ich wußte es einfach", lautete die schlichte Antwort. Mit einer Handbewegung bedeutete er Stephen, den Wein einzuschenken, setzte sich auf die Bank unter dem Fenster. "Aus dem Magazin der 'Acheron'...ein '93er Bordeaux. Privatvorrat des Monsieur le Capitaine."

"Ein gutes Jahr für französische Weine...kein gutes Jahr für französische Könige." Trotz seiner Erschöpfung zitterte Stephens Hand kein bißchen, als er der Aufforderung nachkam, die Gläser füllte. Dann hielt er inne und sah seinen Freund fragend an. "Worauf sollen wir trinken? Es ist Mittwoch, also...auf uns selbst?!" Die wöchentliche Reihenfolge der traditionellen Navy- Trinksprüche würde er sich nie merken, umso erfreuter war er, als er Jacks bestätigendes Nicken sah. "Oder nieder mit Napoleon?"

"Darauf, daß er bald in seine Schranken gewiesen wird von unserer 'Nation von Ladenbesitzern'...ist solche Arroganz denn zu glauben?" fragte Jack, tappte mit den Fingern ein Stakkato gegen den Fensterrahmen. Der Humor stand im Widerspruch zu seiner grimmigen Miene. "Oder", überlegte er laut, "noch besser auf geleistete Arbeit...und günstigen Wind vor Ende der Nacht."

Stephen lächelte versöhnlich. "Was immer du sagst, Jack."

"Hört, hört! So hab' ich dich gerne. Außerdem sollten wir darauf trinken, daß du bald erneut Gelegenheit hast, GalÁpagos zu besuchen...und dir dann genügend Zeit für deine Forschungen gegeben ist. Für Echsen, Vögel, alles, was nicht flink genug ist, deinem Zugriff zu entkommen!"

Der Bordeaux hatte ein exzellentes Bouquet, schwer und fruchtig; in seinem derzeitigen Zustand könnte wohlmöglich schon ein Glas zuviel sein, fürchtete Stephen. Also nahm er sich vorab etwas von dem Fisch und salutierte Jack mit einem Stück Brot. "À la tienne, mon frÈre."

"Merci, docteur."

Jack Aubreys Französisch war besser als sein Latein und reichte aus, um sich bedingt zu verständigen, doch wollte er es nicht übertreiben. Stephen wußte, daß Jack seine eigenen Grenzen sehr wohl kannte; er war ein gestrenger Captain, der praktisch auf See erzogen worden war, von Kommandanten, die ebenso peinlich genau auf Disziplin achteten wie auf die Handhabung von Leine und Muskete. Viele Grundsätze waren ihm in frühester Jugend eingeschärft worden, so sehr Teil seines Denkens geworden, wie die Windrichtungen oder die Namen aller Einzelteile seines Schiffes. Dieses Denken gab ihm die Selbstsicherheit, die ihn zum Führer machte und ihm die Loyalität seiner Männer sicherte. Doch in manchen Situationen war er unbeholfen wie ein zwölfjähriger Kadett, nämlich wenn er gefühlsmäßig auf sich allein gestellt war. In Situationen, für die es kein Regelwerk gab, und er sich mit Seemannsschläue und militärischer Taktik nicht helfen konnte.

Wenn Stephens Sinne ihn nicht trogen, war dies eine ebensolche. Er beschloß, Jack Zeit zu geben. Schätzungsweise eine halbe Stunde verging, während der er aß, im Schneckentempo, und den unschlüssigen Blick auf sich ruhen spürte. Draußen vor dem Fenster erloschen die Lampen, verstummten die Stimmen. Blakeney und Williamson hatten ihre Malerarbeiten am Heck beendet und wurden von Padeen zurück aufs Achterdeck gezogen, und noch immer dauerte das Schweigen an.

Es wurde zur Erstwache geglast.

Wie er diese Geduldsproben haßte!

Erst als er seinen Teller fast geleert hatte und Jack beim dritten Glas Wein war, hörte er den charakteristischen Seufzer, der Redebereitschaft ankündigte. Bedächtig langsam faltete er die Serviette zusammen. Legte sie neben den Teller. Rückte mit dem Stuhl vom Tisch ab und in die Reichweite von Notenständer und Cello. Die Daumen in die Westentaschen gehakt, wartete er ab.

 

Endlich war es soweit, daß Jack das Schweigen brach. Den Blick auf seine Schuhe gerichtet oder auf eine bestimmte Ritze zwischen zwei Deckplanken, räusperte er sich umständlich, bevor er begann, "Ich...ich sollte mittlerweile daran gewöhnt sein, dies zu tun, immerhin passiert es oft genug, aber bisweilen kann ich einfach nicht...verflucht, du weißt, was ich sagen will, verdammt nochmal! Ich habe dich nie um Verzeihung gebeten, Stephen. Jedenfalls nicht richtig." Dies war nicht länger der Kommandant, der redete, sondern der Freund, der sein Gewissen erleichterte. "Ich wollte dich nicht anschreien...du schaffst es nur immer wieder, daß ich mir vorkomme wie ein Unmensch, wenn ich Befehle gebe, die nicht allen zusagen. Sogar wenn ich weiß, daß meine Entscheidung absolut richtig und gerechtfertig ist, scheint sie mir die falsche zu sein, denn du findest *immer* etwas zum Kritisieren!" Dabei war es diese Kritik, die ihn bestätigte, ihm Sicherheit gab. Er brauchte sie. Ohne sie waren seine Entscheidungen nur halb so viel wert, mangelte es ihnen an Überzeugung.

Finesse mit Worten gehörte nicht zu Jack Aubreys Talenten. Schon bei ihrer ersten Begegnung, jenem Konzert damals in Port MahÓn, wo Jack einen denkbar schlechten ersten Eindruck bei ihm hinterlassen hatte, war er fasziniert gewesen, wie ein Mann, dessen Stimme selbst den stärksten Orkan übertönen konnte und dem es im Umgang mit Menschen des öfteren an Feingefühl und Takt mangelte - speziell mit Vorgesetzten, die dank zahlreicher Auszeichnungen und Titel nicht mehr die gleiche Sprache sprachen wie er - eine derartige Affinität zur Musik haben konnte.

Es erschien ihm so widersprüchlich, entgegen aller Naturgesetze.

Als Widerspruch hatte er Jack Aubrey kennengelernt - als Widerspruch in sich und noch mehr als Antithese zu seiner eigenen Person - und staunend zugesehen, wie sich die schwieligen Finger über die Saiten bewegten, bei einem Vivace am Steg des Instruments entlang tanzten, der eigentlich viel zu schmal erschien, um eine derartige Präzision zuzulassen. Nie hatte er erwartet, daß solche großen Hände, rauh und gezeichnet von der Arbeit mit Tau, Ruder und Säbel, derart virtuos, ja geradewegs zärtlich, mit einer Violine umgehen könnten. Einem Instrument, das in ihrem Griff so zerbrechlich wirkte.

Die Violine brachte den anderen Jack Aubrey zum Vorschein. Den Mann, dem bei der Schlußarie von 'La Traviata' die Tränen kamen. Den Mann, der sich als Kommandant keine Blöße gab, aber lachte wie ein kleiner Junge, wenn Delphine munter um sein Schiff herumtollten, ja sogar zu ihnen ins Wasser sprang und sich nackt zum Sonnenbaden auf den Fockrüsten unterhalb der Reling ausstreckte, offenbar ohne einen Funken Schamgefühl.

Oder zum Spaß bis hoch in die obersten Rahen aufenterte, ständig in Bewegung und voller Energie wie die See selbst.

Dieser Jack Aubrey war es, der nun Reue zeigte, dies war der Mann, dem er sich verpflichtet hatte, mit Leib und Seele. Kein Treueeid war nötig gewesen, kein Schwur.

Lediglich ein Versprechen, das er eines Nachts in Freundschaft gegeben hatte, und nicht mehr zurücknehmen konnte, nicht für den Rest seines Lebens.

Es gehörte Mut dazu, zu seinen Gefühlen zu stehen...und diese auch auszusprechen, sei es mit Worten oder dem Allegro affetuoso einer Sonate von Boccherini.

"Es tut mir ehrlich leid, Stephen."

Oh, ausgesprochen wurden sie, ja, selten aber außerhalb dieser Kajüte.

Die Worte taten gut, wenngleich sein Groll über die verpaßte Chance für die Wissenschaft schon längst verraucht war.

"Es besteht kein Grund für Entschuldigungen, Jack. Genaugenommen sollte ich es sogar sein, der um Verzeihung bittet, denn ich habe mich im Ton vergriffen." Das Privileg, das Ohr des Captains zu haben - und mehr noch als das, was nicht immer von Vorteil war - verführte einen leicht zu unüberlegten Bemerkungen. Gelegentlich mußten sie die Grenzen neu abstecken, und genau das war geschehen. Mit der Uniform waren für Jack Abenteuer und Gefahren verbunden, aber vor allem Pflichten. Pflichten gegenüber Land und Krone. Und den Männern. "Es war niemals meine Absicht, deine Autorität in Frage zu stellen. Ich will mir nicht anmaßen, unserer Freundschaft eine größere Bedeutung beizumessen als sie tatsächlich hat. Du bist zunächst und vor allem Captain. Die 'Surprise' kommt an erster Stelle. Die Navy kommt an erster Stelle. Deine Befehle, deine Pflicht."

Das war Jacks Welt, eine Welt voller Vorschriften und Absoluten, in der er sich nicht selten fühlte wie ein Außenstehender, selbst nach all den Jahren. Isoliert und ohne Zugang zu dem Mann in der Uniform. Captain Jack Aubrey. Lucky Jack. Charmanter Draufgänger und immer ein Beispiel für seine Crew.

Diese Beispielfunktion erforderte den bedingungslosen Gehorsam seiner Gefolgsleute.

Und gerade Gehorsam war etwas, das Stephen Maturin, dem Gelehrten und unabhängigen Denker, schwerfiel, denn das Hinterfragen von Regeln - so auch der angeblich natürlichen Rangordnung der Navy - war Grundbestandteil seines Weltbilds.

Langsam fuhr er fort, "Und der unglückliche Umstand, daß ich angeschossen wurde, sollte sich keinesfalls mildernd auf den Tatbestand meines unziemlichen Verhaltens auswirken. Ich vergesse bisweilen, daß ich deinem Kommando unterstehe...und kein ganz und gar unbeteiligter Beobachter bin."

"Stephen -" Eine solche Selbstgeißelung entsprach nicht den Erwartungen, die er an diesen gemeinsamen Abend gestellt hatte. Er hatte seine Rede so schön als Solo geprobt...jetzt machte Stephen daraus ein Duett. Rasch legte er dem Arzt die Hand auf den Arm, befahl mit einem Lachen, "Hör' auf, ich bitte dich. Gegenseitige Selbstanklagen bringen uns nicht weiter."

"Höre ich recht?" Nun hob auch Stephen sein Weinglas zum Trinken, fast als Geste des Protests, und leerte es mit einem Schluck bis zur Hälfte. "Du darfst dich entschuldigen, dein Gewissen erleichtern, aber ich nicht? Das nenne ich ungerecht!" Ein weiterer Schluck und das Glas war leer. Ein hervorragender Wein, zweifellos.

"Gut. Wenn es dir denn so wichtig ist. Entschuldige dich nach Herzenslust. Los, bring's hinter dich, ich habe gewiß keine besseren Pläne!" Jack gab vor, gar nicht zuzuhören, packte stattdessen seine Violine aus. Sinnlos, Stephen den Mund verbieten zu wollen, wenn er redete, dann redete er, daran hatte Jack sich gewöhnt. Irisches Temperament und südländische Redefreude ergaben eine Mischung, der man hin und wieder freien Lauf lassen mußte, wenn es um eine Angelegenheit ging, die ihm am Herzen lag. Anders bei Themen, die ihn nicht interessierten, dann bekam man mitunter den Eindruck, es mit einem Taubstummen zu tun zu haben, so wie Stephen jegliche Unterhaltung beflissen ignorierte, sich mit keinem Wort einbrachte.

"Wenn mein Protest...oder besser 'meine Bedenken' als Kritik aufgefaßt wurden, so bitte ich, selbige zu entschuldigen. Aber", warnte er, "aufhören werde ich mit der Kritik nicht!"

Anders wollte Jack es auch gar nicht haben. Stephen wäre sonst nicht Stephen. Sein Freund hatte ausgeprägte politische Ansichten, für die er mit Überzeugung eintrat, und konnte eine Waffe führen, wenn die Situation es verlangte. Sogar töten, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber in erster Linie war Stephen Arzt und Wissenschaftler, der es vorzog, sein Können auf möglichst unblutige Weise zum Wohle Englands einzusetzen, und egal, was für ein wertvoller Mitarbeiter er für Sir Joseph Blaine und die anderen Geheimdienstler der Admiralität war, ein exotischer Vogel faszinierte ihn nach wie vor mehr als eine Depesche über französische Spionageaktivitäten in Malta. Die Informationen, die er für den Marinegeheimdienst sammelte, führten nicht selten zu Blutvergießen, nur bestand sein Beitrag oft nur aus Papier, Briefen, einem Gespräch hier und da - die Aggressoren und handelnden Personen waren andere. Manchmal würde Jack es begrüßen, wenn Stephen diese Nebentätigkeit aufgäbe, die ebenso riskant war wie eine Schlacht auf offener See und ihm ebenso schnell den Tod bringen konnte. Zu oft waren sie in der Vergangenheit in Schwierigkeiten geraten, weil Ausläufer der unliebsamen Schattenwelt sich in ihr Leben auf See einmischten. Es würde ihm aber nie einfallen, den Freund dahingehend zu belehren, ihn an die Gefahren zu erinnern; selbst wenn er es täte, Stephen würde weitermachen. Also unterstützte er ihn nach bestem Können. "Du beherrschst die Kunst der Entschuldigung zweifellos besser, Stephen, das muß ich dir zugestehen. Ihr Iren seid alle mit einer silbernen Zunge geboren."

"Ich versichere dir, ich bin dem legendären Stein von Blarney niemals nahegekommen."

"Mag sein. Stattdessen entschuldigst du dich gleich mehrsprachig."

Stephen zuckte mit den Schultern, positionierte das Cello zwischen seinen Knien. "Ich tue, was ich kann, so wie du. Auf meine Weise."

Sein Freund, der Arzt und Spion. Und sein Herz flüsterte weitere Begriffe, die er im Keim erstickte, bevor sie ihr Echo in seinen Augen finden konnten. Stephen war all das, was Sophia nicht war, sein Gegenstück in jeglicher nur erdenklicher Hinsicht, und vor allem war er hier. Hier. "Mein Freund, das Genie. Gehen wir zum angenehmen Teil des Abends über...es sei denn", in den drei Worten lagen drei weitere, ein 'Ich hoffe nicht!', "es gibt noch etwas, über das du reden willst. Eine neue Krankheit...einen Vogel..." Als eine Antwort ausblieb, setzte er das Instrument an die Schulter; der erste Kontakt von glattem Holz auf Haut war etwas, das er stets genoß als wäre es das allererste Mal. Wie der allererste Kuß, an den man sich sein Leben lang erinnerte, mit dem man alle späteren verglich.

Einen Moment später wurde er sich Stephens kritischer Miene gewahr. "Was?" verlangte er mit gespielter Empörung.

"Soll ich euch beide alleinlassen?"

Verächtlich schnaufend griff Jack nach dem bestickten Tuch, ein Geschenk von Sophia, und legte es sich unters Kinn. "Nichts, was du nicht schon mal gesehen hast, Stephen," brummte er, strich versuchsweise eine Saite an. Ein klägliches Quietschen, weit vom Kammerton entfernt. Nach so vielen Abenden, die auf exakt die gleiche Weise verlaufen waren, nach dem selben Schema - ein Gespräch unter Freunden, etwas Wein, dann Musik, sie beide in einer Welt, die frei war von Konventionen und Zweifeln - waren sie daran gewöhnt, ihre Instrumente zu stimmen und sich dabei weiter zu unterhalten, bis die hin und her fliegenden Laute von Cello und Violine ebenso aufeinander abgestimmt waren wie die Worte der Musiker.

Schließlich zog Jack aus dem Stapel Notenblätter ein bestimmtes Werk hervor und meinte trocken, "Ich muß ja ein furchtbarer Anblick sein, wenn du nicht aufhören kannst, mich anzustarren."

"Ganz im Gegenteil, Jack", dozierte Stephen in seinem besten Gelehrtentonfall, der an klinischer Nüchternheit nicht mehr zu übertreffen war. "Der Fachterminus, mein Lieber, ist Skopophilie. Die Lust am Schauen, Wert wird auf die Befriedigung des Auges gelegt."

Ein schiefes Grinsen war darauf die einzige Reaktion. "Dir gefällt also, was du siehst?" Die wohlige Wärme, die in seinem Inneren aufstieg, rührte nicht vom Wein her, dafür hatte er sie schon zu oft in absolut nüchternem Zustand verspürt. Der Name war egal, Skopo-wie-auch-immer, eines konnte er jedenfalls sagen: es beruhte auf Gegenseitigkeit. Ob die gute Diana auch nur annähernd wußte, was sie wirklich in Stephen hatte? Er hegte seine Zweifel.

"Ah, das weißt du doch."

"Du kennst mein Gedächtnis. Manchmal vergesse ich es. Manchmal, wenn du monatelang untergetaucht bist und dich auf geheimer Mission in Spanien oder einem anderen Winkel der Erde herumtreibst, habe ich Angst, dich aus den Augen zu verlieren." _Angst, daß ein Abend wie dieser unser letzter sein könnte, ohne daß ich dir zuvor noch einmal sagen konnte, was du mir bedeutest. Angst, daß meine letzte Erinnerung an dich dieser Anblick sein soll. Nicht nur das Auge will befriedigt werden, Stephen, mein Herz, der Rest von mir hat ebenfalls Bedürfnisse...._ "Eine Sonate von Bach?" Er hielt das Blatt hoch ins Licht. "Oder steht dir der Sinn nach etwas Schnellerem? Eine sardana, vielleicht?"

"Ich tendiere heute eher zu deiner Streicher-Adaption von Mozarts Concerto für Klarinette und Orchester in A-Dur. Du hast lange genug daran herumgebastelt, jetzt sollten wir sie endlich einmal ausprobieren."

"Wenn du meinst." Papier raschelte und er reichte Stephen das gewünschte Stück. "Ich hoffe, du kannst alles lesen...meine Handschrift läßt wie üblich zu wünschen übrig."

"Von allen Dingen an dir ist deine Handschrift das letzte, was ich kritisieren würde, Jack." Er nahm den Bogen zur Hand. "Fang an. Ich finde schon den richtigen Einsatz...hoffe ich."

 

Die Violine begann, acht Takte später stimmte das Cello mit ein. Düstere Gedanken, die um die 'Acheron' und ihre Besatzung kreisten, wurden in eine neue Richtung gelenkt, die innere Anspannung löste sich in der Bewegung der Bögen über die Saiten.

Ein unbeteiligter Beobachter hätte sich gefragt, ob sie die Instrumente spielten oder die Instrumente sie.

In dieser Sprache konnten sie sich unterhalten, ohne daß jemand das Gesagte verstand, die Musik war vertraulicher als jeder Geheimcode, und an diesem Abend brauchten sie genau das, nichts anderes.

Wein und die ineinanderfließenden Harmonien schufen ein Gefühl, in dem sie sich treiben ließen und nur gelegentlich aufs Blatt schauten. Eigentlich waren die Noten überflüssig, sie neigten ohnehin zum spontanen Improvisieren. Mal dominierte das Cello, mal die Violine, niemand schrieb den Weg vor, den die Melodie nehmen würde. Wenn einer aus seinem selbstvergessenen Spiel aufsah, dann um dem Blick des anderen zu begegnen.

Die Stunden verrannen, stetig und unaufhaltsam wie der Sand in der Uhr oben an Deck, wo die Glocke regelmäßig daran erinnerte, daß es etwas wie Zeit gab. Mozart wurde abgelöst von Haydn und Locatelli, und Killick brachte eine weitere Flasche Wein zum Käsetoast.

 

Zwei Glasen.

Vier. Da sie zwischendurch regelmäßig zu den Weingläsern griffen, immer wenn sie die Instrumente nachstimmten, bekamen Stephens Züge rasch wieder Farbe. Zuviel Farbe, vermutete er schuldbewußt und zog den bereits lockeren Knoten seines Halstuches noch weiter auf. Vorhin in seiner Kammer hatte er gefroren, jetzt war ihm entsetzlich warm.

Aus dem Augenwinkel beobachtete er Jack, wie dieser seine Notensammlung durchsuchte. "Jene Partitur da hat schon bessere Zeiten gesehen", lautete sein beiläufiger Kommentar, und mit dem Wein kehrte der irische Einschlag in seine Stimme zurück. "Angesengt und eingerissen...welchem Ofen ist sie denn zu nahe gekommen?"

"Ein Neuzugang zu unserem Repertoire, eine Sonate für zwei Violinen von LeClair. Man könnte sagen, sie sei vor kurzem unangenehm 'überrascht' worden", gab Jack Auskunft und schmunzelte. "Gerettet aus den Trümmern der Kajüte der 'Acheron', ein einsames, verlorenes Streicherstück zwischen lauter Zeug für Blechbläser. Ich war der Meinung, wir hätten vieles gemeinsam. Angesengt und eingerissen...genau wie ich."

Fünf Glockenschläge tönten durch die Nacht.

Urplötzlich schlug sein Tonfall von heiter zu bitter um. "Habe ich dir schon gesagt, wie froh ich bin, daß du am Leben bist, Stephen?"

"Oh, ein oder zwei Mal sicherlich..."

"Dann sage ich es hiermit nochmals." Noch am Leben...das war das Stichwort.

Als Stephen ihm das neugefüllte Glas abnahm - "Mein letztes, danke, Jack, nicht mehr..." - blieb sein Blick an dem hochgekrempelten Hemdsärmel hängen, dem sauberen, weißen Stoff. Zu oft mehr rot als weiß; noch gestern hatte die Farbe beunruhigend sehr dem dunklen Rot des Bordeaux im Glas geglichen, und Stephen hatte gewiß nicht in Rotwein gebadet.

Sicher, es war das Blut anderer gewesen, nicht sein eigenes, aber... Mit einem erzwungenen Blinzeln befreite sich Jack aus dem Moment und sah Stephen ins Gesicht, wollte nur das sehen, was er hatte. Nicht daran denken, was er verlieren könnte.

Fast verloren hatte. Gott, wie oft konnte er sein Glück noch herausfordern, ohne daß es ihn verließ? Nun, vielleicht hatte es das schon, noch hatten sie die 'Acheron' nicht eingeholt.

Als Captain bedeutete ihm das Leben eines jeden Mannes auf seinem Schiff etwas, jeder Tod hinterließ seine Spuren, der eine mehr, der andere weniger.

Mit der Zeit kam Vergessen, kam Akzeptanz - nicht zuletzt dank des Beistands eines Freundes, dessen bloße Anwesenheit genügte, ihn nach vorne blicken zu lassen.

Wer würde ihm beistehen, wenn er eben diesen Freund verlor?

'Das Auge eines Freundes ist ein guter Spiegel.' An die irischen Worte des Sprichwortes konnte er sich nicht mehr erinnern, nur an die Übersetzung, die Stephen einst zitiert hatte, irgendwann vor vielen Jahren, fast zu Beginn ihrer Freundschaft. Und zum Spiegel war er geworden. Stephen... Stephen war sein Gewissen, ein Forum für Pro und Kontra, hielt ihn als Menschen auf Kurs wie Bonden das Schiff.

Bloß sah er immer öfter etwas in Stephens Augen, das er nicht verstand. Er sah sich selbst...und doch nicht. Einen Fremden. Und er wußte nicht, ob er deswegen besorgt sein sollte. Wie er sich den Tag in Erinnerung rief, die durchwachte Nacht auf der Insel, überkam ihn ein kalter Schauer. Die lähmende Furcht war bodenlos gewesen, endlos und schwarz wie das Eismeer. DÉjÀ vu. Eine andere Nacht, eine andere Insel. Ein ähnliches Bild. Stephen, verletzt und halb besinnungslos vor Schmerzen, und das nicht aufgrund eines dummen Unfalls. Damals hatte er sich zum ersten Mal dieser Furcht stellen müssen, hatte gewissen Fragen nicht ausweichen können. Könnte er glücklich sein als Ehemann und Vater, daheim in der Idylle von Ashgrove Cottage bei Sophia und den Kindern, ohne die Gewißheit, jemanden wie Stephen in seinem Leben zu haben? Es sollte nicht bei dieser relativ harmlosen Frage bleiben, andere waren dazugekommen.

Stephen hatte Recht. 'Lucky Jack' Aubrey war wirklich nicht gewohnt, zu verlieren.

Egal wie gut der Wein oder wie groß die Menge - die Furcht in seinem Herzen ließ sich damit nicht herunterspülen. "Ich wollte vorhin schon danach fragen...was macht deine Verletzung, Stephen?" Und mit der Angst, den anderen zu verlieren, kam eine noch viel größere Sorge. Nämlich daß sie, wenn sie so weitermachten, blind für bestimmte Grenzen werden würden. Ihnen würde ein Fehler unterlaufen, irgendwann...und vermutlich würde die Schuld bei ihm liegen, denn in Herzensangelegenheiten erlebte er für gewöhnlich die gleichen Berg- und Talfahrten wie im Berufsleben. Im Stillen bat er Stephen jetzt schon um Verzeihung.

"Oh..." Stephen tat die Frage mit einer beiläufigen Handbewegung ab und klopfte sich zur Bestätigung auf den Bauch. "Verheilt fabelhaft. Eine weitere Narbe, die von einer erfolgreichen Operation berichtet. Un otro capÍtulo en la vida del doctor Esteban Maturin y Domanova."

"Hört, hört." Dieses Glas leerte Jack in einem Zug, schenkte sich unverzüglich nach. Wenn er die Furcht schon nicht herunterspülen konnte, dann wollte er sie wenigstens für die Dauer des Abends ertränken, und wenn es ihn seinen ganzen privaten Vorrat kostete. "Eine Narbe mehr..." _Zusätzlich zu all denen, die dir die französischen Folterknechte zugefügt haben._ Selten hatte er weniger Skrupel gehabt, jemanden zu töten, als damals. Welch Alptraum...es hätte nicht viel gefehlt und er wäre zu spät gekommen.

"Muß mich doch anstrengen, wenn ich mit dir mithalten will."

"Wenn du diesen kleinen Kratzer meinst..." Fast an der gleichen Stelle wie Stephens Schußwunde. Vielleicht hatte das Schicksal gedacht, sie bräuchten neben der Musik eine weitere Gemeinsamkeit.

Mal wieder spielte Jack den Unverwundbaren. Die Rolle des Unnachgiebigen war dann wohl ihm zugedacht. Warum überraschte ihn das nicht? Es war ja *nur* eine Klinge gewesen, keine Kugel. "Netter Versuch, Bruderherz. Doch nicht gut genug. Morgen früh will ich dich und deinen *Kratzer* im Lazarett sehen!"

"Aye-aye, *Sir*."

Wenn er Jack ansah, das vertraute Gesicht im Kerzenlicht studierte, schien er ihm genauso ein seltsames Wesen wie die GalÁpagosechsen auf ihren Felsen, eine Chimäre, die in zwei Elementen zu Hause war, im Wasser und an Land. Soldat und Mensch, Befehlshaber und der Mann, den er seinen besten Freund nannte. Manchmal konnte er klar zwischen den beiden unterscheiden, an anderen Tagen, wie heute, waren die Übergänge fließend, waren die zwei Wesenshälften untrennbar. _Jack, oh Jack...._ Er hatte nicht gelogen, als er sagte, daß ihm gefiel, was er sah. Es gefiel ihm sogar sehr. Jacks blonde Mähne, die ihm in der Marine den Spitznamen 'Goldilocks' eingebracht hatte, hatte sich teilweise aus dem Lederriemen gelöst und fiel bis über die Schultern herab, verlieh ihm etwas Wildes, Unbändiges.

Jack Aubrey, der stolze englische Löwe. Der sich seiner Wirkung auf andere vollauf bewußt war. Stephen wußte aus erster Hand, wie leicht aus dem brüllenden Raubtier ein behaglich schnurrender Kater werden konnte, und Jacks Weinseligkeit ließ vermuten, daß nicht mehr viel fehlte, bis dieser Zustand erreicht war.

"Du wärst verloren ohne mich, Jackanapes", erinnerte er. "Genaugenommen wärst du schon lange tot. Und was mich betrifft...ich habe weitaus gefährlichere Situationen überstanden, wie du weißt." _Wenn auch nur knapp._

"Gefährlicher als alle paar Monate auf der Flucht vor feindlichen Agenten zu sein? Gefährlicher als Zielscheibe für die Marines Seiner Majestät zu spielen? Dr. Maturin, Sie haben eine verflucht lästige Angewohnheit, solche Erlebnisse schönzureden! Darf ich Ihr Gedächtnis auffrischen?" Die eine Flasche Wein, die er praktisch im Alleingang geleert hatte, vereitelte den Versuch, leichtfertig zu klingen, ließ die Emotionen hören, die mit der Musik gefährlich nah an die Oberfläche gedrungen waren. Etwas in seinem Inneren vibrierte wie eine überspannte Saite, stand kurz vor dem Zerreißen.

"Sieh es mal so, Jack: wenn mich unsere eigenen Leute nicht umbringen können, dann kann es der Feind erst recht nicht!"

"Ah", brach es aus Jack heraus. "Hol' dich der Teufel, Stephen!" Irischer Bastard! Schlagen konnte er ihn nicht, also gab er dem Impuls nach und tat das Nächstbeste. Und Stephen wich nicht zurück, ließ es zu.

Denn er hatte bereits damit gerechnet.

 

Er wehrte die Hände nicht ab, die ihm nun vorsichtig die Brille abnahmen und gegen seine Wangen zu liegen kamen. Als nächstes begannen die Finger, seine Schläfen zu massieren, kaum fest genug, um wahrgenommen zu werden. Zu sanft...zu bedeutungsvoll.

Das Cello wurde in seinen Ständer verbannt, und er schloß die Augen.

Jacks Daumen strichen über seine Lider, zeichneten die Brauen nach und glitten an der Nase herunter bis zur Oberlippe, um dann, kaum dort angelangt, zu den Augen zurückzukehren. Nur mit den Fingerspitzen, als wäre sein Gesicht aus Glas. Oder der Korpus einer Violine. Wieder und wieder.

Eine Geste, wie Jack sie schon unzählige Male ausgeführt hatte, im Licht und im Dunklen.

Noch wagte er nicht, die Augen zu öffnen, wagte nicht einmal zu atmen. Instinktiv packte er Jacks Handgelenke und suchte Halt an dem Mann, der ihm eben diesen Halt nahm, lehnte sich in die Berührung.

"Stephen..."

Sein Name, wie er ihn schon unzählige Male gehört hatte; die Dringlichkeit in der rauhen Stimme trieb ihm die Tränen in die Augen und das Herz in den Hals.

Langsam wanderten seine Hände weiter die Arme hinauf zu den breiten Schultern, die Bewegung wohlbekannt wie alles andere auch. Blind griffen seine Finger zu, nahmen Jack die Entscheidung über die letzten Zentimeter ab. Warme Lippen öffneten sich unter dem leisesten Druck...alles war so, wie er es in Erinnerung hatte. Kaum genug Raum für einen Namen und immer noch zuviel.

 

Als Jack - ja , es war Jack, denn ihm mangelte es an jeglicher Kraft für Bewegung oder der Wein hatte sie ihm genommen - sich schließlich zurückzog, sie beide wieder atmen ließ, verblieb Stephen mit der Stirn an seine Schulter gelehnt, die Rechte in der Fülle der langen Haaren vergraben. Er war an dem Punkt angelangt, an dem sein Körper nicht länger seinem Willen gehorchte, und Jack zu seiner Stütze wurde, schwer und massiv wie englische Eiche und ebenso unbeweglich...bis auf ein heftiges Zittern. Ein Beben. Der unsichtbare Sturm ging von dem größeren Körper auf den seinen über und ebbte schließlich - endlich - ab. Kein Festhalten mehr... nur noch ein Halten. Muskel für Muskel entspannte er sich, folgte dem beruhigenden Gemurmel, das durch das Klopfen seines Herzens drang. Auch wenn er die Worte nicht auf Anhieb verstand, identifizierte er die Stimme irgendwann als seine eigene. "Schon gut, Jack", wiederholte er, etwas deutlicher, "schon gut...shh..."

"Mein Gedächtnis ist leider nicht halb so gut wie das deine. Hatte fast...fast vergessen, wie du..." Jack verstummte und streichelte die kurzgeschorenen dunklen Locken an Stephens Hinterkopf, drückte ihn an sich. "Wie du dich anfühlst." Die Antwort war nicht mehr als ein atemloses Keuchen, ein flüchtiger Hauch an seinem Hals, beinahe ausreichend, ihn vergessen zu lassen, wo er war. Manchmal waren Erinnerungen einfach zu grausam...man konnte nicht vermissen, was man nie erfahren hatte.

Stephen *hatte* er erfahren, und es war eine Erfahrung, mit der er leben mußte. Jeden Tag aufs Neue. Von zwölf Jahren bereute er keine Sekunde.

"Fast vergessen, hm, Jack? Captain Aubrey, Sir, Sie sind ein erbärmlicher Lügner!" Ah, mittlerweile sollten sie eigentlich wissen, daß für gesprochene Worte in diesen kostbaren Momenten kein Platz war. Fehlgeleitete Zuneigung...auf ihre Weise ebenso berauschend wie Laudanum...manchmal fragte er sich, ob er eine Abhängigkeit gegen eine andere, viel stärkere, eingetauscht hatte, von der kein Freikommen möglich war. Jedenfalls nicht aus eigenem Antrieb.

Er führte ohnehin schon zwei verschiedene Leben, da war es nur ein verhältnismäßig kleiner Schritt, auch seine Gefühle entsprechend aufzuteilen, schmerzhaft wie es sein mochte. Diana und Jack, Jack und Diana...

Seine Verehrung für Diana war die Art romantischer Liebe, die Poeten in Liedern und Sonetten idealisierten. Und gleichzeitig vor ihr warnten. Seine Ehe existierte auf einem wackeligen Fundament aus Kompromissen, da war zuviel, das er vor Diana verbergen mußte, zuviel, das in gegenseitigem Einvernehmen toleriert wurde. Seine häufige Abwesenheit, seine Vergangenheit, seine Geheimnisse - alles Faktoren, die er vergeblich auszugleichen versuchte. Diana, unabhängig und willensstark, führte ihr eigenes Leben, weil sie es wollte. Er dagegen, weil er es mußte, und ihre Differenzen wuchsen unaufhaltsam.

Jack, trotz aller bestehenden Differenzen, war vom ersten Tag an niemals etwas anderes als eine Konstante für ihn gewesen.

Der bloße Gedanke an Diana stellte ihn vor das ewige Rätsel, womit er eine Frau von solcher Schönheit verdient hatte, denn er war nicht gerade das Musterbild eines vollkommenen Ehemanns und bestimmt nicht der Mann, den sie sich erwünscht hatte...was sie ihn immer wieder spüren ließ. Vieles hätte Stephen abschrecken, ihm die Augen öffnen sollen, doch er hatte sich ihrem Bann nicht entziehen können. Ihre Zukunft, wenn er wagte, einen solchen Begriff überhaupt zu verwenden, stand unter keinem guten Stern.

Für Jack brauchte er sich nicht zu verstellen. Jack sah ihn, wie er war, und nicht, wie er ihn sehen wollte, sah die ganze Person, nicht nur ausgewählte Teile.

An seinem Haar zog er ihn ein Stück zurück und flüsterte, "Könntest du es tatsächlich vergessen?"

Nicht einmal, wenn er es wollte. Dieses Stück würde er weiterspielen müssen bis zum bitteren Ende, die einzige Coda für diese Beziehung war der Tod. "Ah, nicht in diesem Leben, Stephen." Er fand sein Raunen übertönt von den gedämpften Geräuschen des Schiffes. "Du *hast* eine Sonderstellung, mein Freund. Auf diesem Schiff...und..." Weiter schaffte er es nicht. Das "- und in meinem Herzen" blieb ungesagt. Es war auch besser so. Die Opfer, die sie über die Jahre im Namen der Freundschaft erbracht hatten, sprachen für sich. "Weiß der Himmel, es sollte nicht sein...aber..."

Aber...

Aber es war egal, daß er quasi arm war wie eine Kirchenmaus und in der Heimat ein Schwarm Gläubiger wie Geier um seinen Schuldenberg kreisten, nur eben in Schach gehalten von einigen tapferen Anwälten - Stephens Vertrauen in ihn und die absolute, bedingungslose Offenheit, mit der seine Gefühle erwidert wurden, waren ihm mehr wert als jedes Prisenschiff der Welt. "Du weißt, was ich meine." Dies vergessen...es wäre einfacher, den eigenen Namen vergessen zu wollen.

"Nur zu gut. Wünschst du dir manchmal, es wäre anders?"

"Tust du das denn?"

"Ah", gab Stephen zurück, Jacks tieferes Timbre imitierend, "*nicht in diesem Leben*, Jack." Forsch faßte er ihn am offenen Hemdkragen und hielt fest, nicht bereit, auch nur einen Millimeter an Nähe aufzugeben. Die Finger der anderen Hand bewegten sich aufwärts, strichen über die rechte Halsseite...suchten und fanden die Stelle, knapp neben dem Kehlkopf.

Der Holzsplitter, den er nach der ersten Begegnung mit der 'Acheron' entfernt hatte.

Eine alte Schußverletzung über dem rechten Schlüsselbein, die verbliebene Narbe glatt und rund, berichtete von aufreibenden Nächten im Kampf gegen das Fieber.

Wulstiges Narbengewebe anstelle des linken Ohrläppchens, welches eine Kugel weggerissen hatte, die allererste Wunde, die er an Jack behandelt hatte.

Im Nacken die gezackte Spur eines Granatfragments. Jahre alt, fast vergessen.

Und dann, weiter rechts und tiefer, fast in der Mitte des Schulterblattes, der Beginn einer langen, schmalen Linie, die sich schräg über den Rücken abwärts zog und an der Hüfte endete. Der Hieb eines französischen Säbels, glücklicherweise nicht sehr tief.

Nur einige Wunden von vielen.

Wenn Sophie Jacks Körper berührte, mochte sie zwar die Narben unter ihren Fingern spüren...doch sie würde nie verstehen, wie tief sie reichten, würde nie in der Vergangenheit von Jack Aubrey lesen können.

Wie glücklich er sich doch schätzen konnte!

Während seines Studiums war ihm der Aufsatz eines französischen Gelehrten in die Hände gefallen, eine Idee für eine einheitliche Schriftform für Blinde, in der Buchstaben durch ein System aus in Papier gestanzten Punkten und Linien repräsentiert werden sollten.

Fast überflüssig, denn Stephen Maturin beherrschte diese Schrift bereits perfekt, und dieses spezielle Wörterbuch besaß er allein.

Jede Linie erzählte eine Geschichte.

Nach zwölf Jahren kannte er sie alle.

Kannte die harterkämpften Siege und blutigen Rückschläge, die größten Enttäuschungen genauso wie die Erfolge. Die Momente des Selbstmitleids und die pure Freude, inmitten eines Sturms an Deck zu stehen, Gischt in den wehenden Haaren und wild entschlossen, seine Kräfte und die seines Schiffes mit dem Wind zu messen. Diesem seinen Willen aufzuzwingen.

 

Von Zwang konnte im Moment keine Rede sein, höchstens von erzwungener Zurückhaltung.

Jack konnte unmöglich beschreiben, wie sehr er das hier vermißt hatte. Stephens Hand, die sich Zentimeter für Zentimeter unter sein Hemd stahl, Stephen, der sein Halstuch löste und es benutzte, um ihn festzuhalten, den leidenschaftlichen Kuß zu vertiefen. Eine stumme Bitte um mehr. Manchmal verdammte er sein Wissen um all das, was hiernach kommen konnte. Einmal geweckt, ließ sich der Hunger nicht mehr verleugnen. Er existierte, nagte unaufhaltsam an ihm wie Wellen an einer Klippe.

Ob an Bord oder an Land, es war nie mehr als eine Reihe von Momenten, gestohlene Zeit zwischen Händel und Corelli. Es war nicht abzusehen, wann die 'Surprise' ihren Kommandanten zurückfordern würde, der Freund dem Captain weichen mußte. Immer nur begrenzte Zeit auf begrenztem Raum. Jenseits der Tür, außerhalb dieser Kajüte, galten die üblichen Regeln, die sie um jeden Preis zu befolgen hatten.

_Um jeden Preis._ Die kühnen Worte eines Captains. Nun, für manche Dinge war der Preis zu hoch.

Bereitwillig ertrug er deshalb die Stille. Stephen war so verführerisch nahe...was hielt ihn davon ab, mehr zu fordern? Es wäre schließlich nicht das erste Mal, daß er eben das tat.

Gott war sein Zeuge, er liebte seine Frau, wie ein Mann eine wunderbare Frau nur lieben konnte, doch hatte ihn das nie davon abgehalten, mit seiner Zuneigung relativ freizügig zu sein. Leider konnte er Geheimnisse dieser Art furchtbar schlecht bewahren, Sophie sah ihm jede Indiskretion auf fünfhundert Yards sofort an.

Stephen war die einzige - die gefährlichste - Ausnahme von dieser Regel.

Eine Note, die nicht mehr aufhören wollte nachzuklingen.

Anfangs noch, unschlüssig und verwirrt von der Stärke seiner Empfindungen, hatte er ihn gefragt, wie es möglich sein könnte, vom rein wissenschaftlichen Standpunkt her, gerade die Person zu lieben, die zu lieben ihm von Gottes Gesetzen und denen der Menschen verboten war, und deswegen keinerlei Schuld zu empfinden. Und warum eigentlich sollte man sich für seine Empfindungen derart rechtfertigen müssen?

Mittlerweile fragte er nicht mehr. Das Warum war ihm egal.

Die einzige Frage, die ihn quälte, war eine andere.

Wie lange konnte man eine andere Person einatmen, ohne zu ersticken, sich verstellen, bevor man das Gesicht im Spiegel nicht mehr als das eigene erkannte?

"Stephen, wir sollten -" In der Tat, sie sollten. Nicht genug, daß er gewohnheitsmäßiger Lauscher war, außerdem pflegte Killick, ohne Anklopfen hereinzukommen, wenn nicht in regelmäßigen Abständen nach ihm verlangt wurde, und das letzte, was das Schiff in seinem jetzigen Zustand brauchte, war mehr Klatsch. Wenn ein gemeiner Matrose sich im Dunkel des Vorschiffs einem Kameraden zuwandte, rasche Befriedigung durch eine andere Hand suchte, wurde darum kein Aufheben gemacht, doch der Captain hatte über solchen Dingen zu stehen. Jack Aubrey, der Captain und Offizier Seiner Majestät König Georg III., war verpflichtet, andere Prioritäten zu setzen.

Frommes Wunschdenken.

"Bitte..." Mühsam preßte er das Wort hervor, sich gleichzeitig dafür verfluchend, daß es überhaupt so weit gekommen war. Wieder einmal. Es sollte jedoch noch dauern, bis er die Kraft fand, Stephen auf Armeslänge von sich zu drücken, die verkrampften Finger endgültig aus seinem Haar zu lösen. Allein in seinen Gedanken konnte er das Gegenteil tun, ihn noch näher an sich ziehen.

 

Stephen widersetzte sich nicht. Aus eigenem Willen hätte er nie geschafft, sich aufzurichten, loszulassen, sich zurückzulehnen. Wie der Anfang war auch das Ende immer gleich, er hatte nichts anderes erwartet. Warum also regte sich jedes Mal wieder dieser kleine Funke Hoffnung in ihm, wenn er doch wußte, daß er unerfüllt verlöschen würde?

"Noch etwas von dem Mozart, Jack?"

Langsam, sehr langsam, fuhr sich der Angesprochene mit der Zunge über die leicht geöffneten Lippen. Ohne die Augen aufzuschlagen (er wollte das Bild in seinem Kopf noch nicht von der Wirklichkeit zerstört sehen) schluckte er den Geschmack von Wein (und Stephen) hinunter, schüttelte den Kopf. "Nein", erwiderte er heiser, und dann war da wieder Holz statt Haut unter seinen Händen. "Boccherini. Die Cello- Sonate Nr. 4 in A-Dur." Kühles Holz, gewärmt allein von dem, der es berührte.

"Einverstanden."

 

**********
 

Lieutenant William Mowetts Blick verweilte dort, wo der Mond über dem Horizont hing, und erlaubte sich ein stilles Lächeln. Die vergangenen Tage waren hart gewesen, sie hatten einige gute Männer verloren. Doch die Musik, die aus der Kajüte nach oben aufs Achterdeck driftete, wirkte auf sein Gemüt besser als die tröstenden Worte eines Kaplans, der Bibelsprüche rezitierte. Sie vermittelte ihm ein Gefühl wiederkehrender Normalität, die Gewißheit, daß die Wunden heilen würden. Auch die seinen. Seit er zur See fuhr, hatte er schon manchen Freund den Fluten übergeben, und mit jedem Verlust wurden die verbliebenen Freundschaften umso wertvoller.

Die meisten Surprises taten diese abendlichen Konzerte als Marotte ab, etwas, das man nicht notwendigerweise verstehen mußte. Er allerdings, im Herzen ein Romantiker, zog aus der Musik die Hoffnung, um die er nicht offen bitten konnte. Diese Fahrt schien unter keinem guten Stern zu stehen. Zwar war er bei weitem nicht so abergläubisch wie der durchschnittliche Seemann, doch gab ihm die Kette unglücklicher Ereignisse, die in Gibraltar begonnen hatte und nicht abreißen wollte, zu denken. Und wenn sie nicht bald besseren Wind bekamen, würde der arme Tom Pullings ein weiteres 'unglückliches Ereignis' sein. Das wollte er nicht glauben, nein, nicht bei allem, was ihm heilig war! Er kannte Tom schon sein halbes Leben, sie waren beide Bootsmanngehilfen auf der 'Sophie' gewesen, als ein frisch beförderter Captain Aubrey die kleine Brigg übernahm. Also würde er, wenn es von Nutzen wäre, in seiner Frustration selber in die Segel pusten, um das Schiff voranzutreiben, solange bis seine Lungen versagten, und Barret Bonden hier an seiner Seite würde es ihm gleichtun.

Eine plötzliche Windbö fuhr ihm ins Gesicht und schreckte ihn aus seinen Gedankengängen. Die Segel, weißschimmernd im Mondlicht, blähten sich mit dem Wind, der raum von Westen aufkam und beständig stärker wurde. Gischtkronen tanzten auf der Dünung, als wollten sich die Wellen in ihrem Rhythmus den Klängen des Allegro moderato angleichen.

Während der Reprise ging ein Ruck durch das Schiff, kaum spürbar für jemanden, dessen Sinne nicht dafür geschärft waren, doch für die Männer an Deck ein willkommenes Zeichen. Gleichzeitig gierte die 'Surprise' leewärts. Mowett ging mit der Bewegung mit, stützte sich mit einer Hand an der Reling ab und drückte mit der anderen den Hut fester auf seinen Kopf. _Endlich...der Captain wird erfreut sein._

"Anscheinend hat jemand dort oben doch ein Auge auf uns, Mr. Bonden."

"Aye", bestätigte der Steuermann und legte den Kopf in den Nacken, blickte hoch in die Rigg. "Dabei habe ich gar nicht gebetet."

"Ich dafür doppelt."

Die Sonate ging über in ein Adagio, ein ruhiges Auf und Ab wie der Wind selbst.

Mowett seufzte. Fast tat es ihm leid, den Befehl geben zu müssen. Gerne hätte er noch gewartet, zumindest bis zum Ende dieses schönen Stückes. Aber der Captain hatte darauf bestanden, daß jede Veränderung der Windverhältnisse zum Besseren sofort auszunutzen sei.

"Mr. Hollar, lassen Sie Fock- und Großbramsegel anholen, Marssegel setzen - wir wollen keine Sekunde von diesem Lüftchen verpassen."

Ein Nicken in Richtung des Bootsmanns genügte. Im nächsten Moment schrillten bereits die Pfeifen durch die perfekte Harmonie von Cello und Violine, gefolgt von der lautstarken Wiederholung des Kommandos. "Alle Mann an Deck! An die Leinen! Holt an Fock- und Großbramsegel! In die Rahen für Marssegel! Los, los, bewegt euch, ihr Schönwettermatrosen!" Vor Hollars Stimmgewalt hätte eigentlich auch der Wind Respekt haben müssen.

Binnen einer Minute herrschte hektische Aktivität in der Kuhl. Die Männer, hellwach oder leicht schlaftrunken, stürzten an Deck und machten sich an den Fallen zu schaffen, schwangen sich in die Takelage. Auf diesen Moment hatten alle gewartet, nur hatte kaum einer damit gerechnet, daß er so bald kommen würde. "Mr. Boyle", wandte Mowett sich als nächstes an den Fähnrich, der die Wache mit ihm teilte. "Bericht an Captain Aubrey. Wind frischt auf und raumt achterlich. Setzen zusätzliche Segel und machen Schiff klar zum Anluven."

"Aye-aye, Sir." Boyle eilte zum Niedergang und verschwand unter Deck.

"Mr. Bonden, klar bei Ruder...komm' auf fünfzehn Grad...in den Wind! - Mr. Hollar, die Männer an die Brassen und klarmachen zum Anluven!"

 

*********
 

Die 'Surprise' lehnte sich an den treibenden Wind, nahm ihn auf in ihre Segel wie ein Ertrinkender den langersehnten Atemzug.

Ein tiefes Luftholen nach dem verausgabenden Gefühlsausbruch im Affetuoso.

 

Natürlich hörten die beiden Männer in der Kajüte das Kommando, ihr Spiel jedoch unterbrachen sie nicht, spielten weiter bis zum Ende der Coda. Bis zur letzten Note, ein Ton so real wie eine Berührung.

 

"Ich schätze, unser Abend wurde soeben für beendet erklärt. Die Pflicht ruft." Mit beiden Ellbogen stützte sich Stephen auf sein Instrument, faltete die Hände über den Saiten.

Jack legte die Violine fort, nickte schweren Herzens und schlug den Blick nieder. "Ja." Gleich würde es zweifellos an der Tür klopfen, man würde ihn in die Welt zurückholen, in der Musik keinen Platz hatte. "Tut mir leid, mein Freund." Leid, nicht das geben zu können, was er wollte und fühlte, es nicht einmal laut sagen zu dürfen. Die Uniformjacke über der Stuhllehne forderte ihn auf, wieder in die ihm zugewiesene Rolle zu schlüpfen. "Manchmal müssen wir Dinge tun, die wir nicht gerne tun wollen. Und manchmal ist es unsere Pflicht, der Versuchung zu widerstehen und Dinge nicht zu tun, die wir gerne tun würden." Er ballte die Hände zu Fäusten, preßte sie gegen die Knie. Alles war erlaubt, solange es nur nicht Stephen betraf.

_Jedenfalls nicht in diesem Leben._

Das erwartete Klopfen, einem Befehl gleich, beendete die freizügige Wanderung seiner Gedanken endgültig. "Ja. Bitte."

"Captain Aubrey, Sir, verzeihen Sie die Störung. Lieutenant Mowetts Empfehlung, er erbittet Ihre Gegenwart an Deck, Sir, und läßt ausrichten, daß der Wind auffrischt. Wir setzen zusätzliche Segel."

Ob Stephens angespannter Erwartungshaltung wollte Jack noch etwas sagen, etwas, das den Moment erträglicher machte, für sie beide. Etwas Verbindliches. Etwas anderes als 'Später'. Doch ihm fiel nichts ein. Also sagte er nichts. Es war immer 'Später', immer ein anderer Grund. "Danke, Mr. Boyle. Mr. Mowett kann in fünf Minuten mit mir rechnen." Kaum hatte sich die Tür wieder geschlossen, stand er auf, und Stephen mit ihm. Einmal mehr wußte er nicht, was er tun sollte. Er wußte nur, was er zu lassen hatte.

Einst hatte Stephen gesagt - Teufel, wie gelang es diesem Mann bloß, stets die passenden Worte zu finden, selbst für Dinge, für die es eigentlich keine Worte geben dürfte? - daß der größte Mut manchmal in einem 'Nein' läge.

Hier und jetzt sagte er nichts, erwiderte das Schweigen.

Stephen wickelte ihm das Halstuch neu, band die wirren Haare auf; Jack ließ ihn gewähren, bis hin zur letzten Berührung eines Fingers an seiner unrasierten Wange. Instinktiv neigte er den Kopf zur Seite, streifte mit den Lippen die Handfläche, dann tat sein Gegenüber einen Schritt zurück und war außer Reichweite. In mehr als einer Hinsicht.

Dunkelblauer Stoff und goldene Epauletten markierten abermals die ewige Barriere zwischen ihnen.

Seine Kehle fühlte sich so ausgedörrt an, daß jede Silbe kratzte wie ein Pfund Reißnägel, aber er mußte die Frage trotzdem stellen. "Wirst du die Nacht hier verbringen?" _Oder wirst du zurückgehen in dein Quartier? Möglicherweise Zuflucht im Laudanum suchen, um die Gedanken zu beruhigen, das Verlangen zu betäuben, so wie deine anderen Sorgen und Beschwerden?_ "Stephen?"

Weder das 'Ja', das sein Herz forderte, noch das 'Nein', das sein Verstand ihm diktierte, waren akzeptabel.

"Vielleicht, Jack."

Vielleicht. Die übliche Antwort. Die einzig mögliche Antwort. Jack erhaschte einen letzten Blick auf die Lippen, die er eben noch auf den seinen gespürt hatte, fühlte noch einen letzten Moment lang die Hand auf seiner Schulter liegen, dann wandte er sich ab und sie war fort, fiel von ihm ab. Ein hinderliches Gewicht. Der Captain hatte seine Pflicht zu tun. "Vielleicht..."

"Geh' schon, Jack, geh'..." Stephen war sich nicht sicher, es tatsächlich ausgesprochen zu haben, doch mußte es wohl so sein, denn er sah Jack nicken. Sich umdrehen.

"Vielleicht", murmelte er, war selbst noch nicht ganz überzeugt. Vielleicht würde er auch einfach umfallen, kaum daß Jack aus der Tür hinaus war. Seine Glieder waren schwer vom Wein und er fühlte sich schläfrig, wenn auch nicht schläfrig genug, um tatsächlich zu schlafen. Gleichermaßen mangelte es ihm an dem Willen, den Weg zu seinem beengten Quartier anzutreten. Die kurze Strecke könnte genausogut hundert Meilen betragen. Alternativ dazu befand sich eine Tür weiter die bequeme Koje, die er eigentlich hatte meiden wollen... Meiden sollte.

Jacks düstere Miene und der steife Gang, mit dem er aus der Kajüte rauschte, deuteten darauf hin, daß er nicht erwartete, ihn bei seiner Rückkehr, die durchaus erst in einigen Stunden sein konnte, noch hier anzutreffen. Ein müdes Lächeln huschte über sein Gesicht. Dafür, daß Jack ein Schiff mit dem Namen 'Surprise' befehligte, konnte der Mann Überraschungen denkbar schlecht vorausahnen. Nun... Mit wackeligen Knien schaffte Stephen es bis zurück zu seinem Stuhl und ließ sich niedersinken, hoffte, daß das Schwindelgefühl - lag es an ihm oder am Schiff? - bald nachließ.

Einen Versuch war es wert. Jack würde wissen, was er sagen wollte.

Ohne auf die Führung seiner Augen angewiesen zu sein, ergriffen seine Hände das Cello. Zeit für ein weiteres Versprechen. "TÁ mÉ anseo, mo croÍ."

 

*************
 

Sicheren Schrittes erklomm Jack die Stufen zum Achterdeck und trat neben seinen Second Lieutenant. Kühler Nachtwind fuhr ihm ins Gesicht, vertrieb binnen Sekunden die angenehme Wärme, die der Wein hinterlassen hatte. "Wie ich sehe, machen wir endlich Fortschritte, William."

"Aye, Sir. Sieben Knoten, laut Logspule, und ein guter Westwind, geradewegs gen ValparaÍso. Wenn alle Mann die Nacht über gehörig Hand anlegen, so daß wir jeden Schlag voll ausnützen können, müßten wir bis zur Morgenwache eine erhebliche Strecke gutgemacht haben."

"Sehr gut. Ganz hervorragend, ja." Jack tätschelte das Holz der Reling, lobte sein Schiff wie ein Pferd, das endlich, nach langwierigem guten Zureden, verstanden hatte, was sein Herr und Meister von ihm wollte. "Was meinen Sie, Sichtkontakt bei Morgengrauen?"

Mowett zuckte mit den Schultern und antwortete abwägend, "Vielleicht auch schon während der Nacht. Wir, speziell Bonden, werden die Augen offen halten."

"Sie sind sehr optimistisch."

"Sie etwa nicht, Sir?"

Die Frage hing in der Luft, wurde vom Wind fortgetragen, ohne daß er antworten konnte. Stattdessen mischte sich die sonore Stimme des Cello unter das Rauschen der Wellen und das rhythmische Knarren der Takelage. Rief nach ihm. "Immer, William. Immer", nickte er und überzeugte sich mit einem langen Blick auf das Treiben zwischen Klüver- und Besanbaum, daß seine Anwesenheit nicht zwingend notwendig war.

Ein langsames Stück. Händel.

'Xerxes', das Largo.

Man würde ihn wecken, wenn es Neuigkeiten gab. Er könnte gehen, Note für Note ein Schritt in eine fragwürdige Zukunft. Unbemerkt von Mowett schloß er seine Hand so fest um einen Belegnagel, daß die Knöchel weiß hervortraten. Die getragene Melodie schuf ein Bild, das nur er sehen konnte, stellte ihn vor eine Entscheidung.

"Bei allem Respekt, Sir, Sie sollten sich hinlegen. Sie haben fast zwei Tage nicht geschlafen."

Ausgerechnet jetzt, wo der Wind ihren Bemühungen etwas Leben einhauchte, sollte er schlafen? Sein Platz war hier an Deck. Der Platz des *Captains* war hier... Wenn er nicht genau wüßte, daß er hoffnungslos übermüdet seinem Schiff und auch Tom - sollten sie die 'Acheron' morgen erreichen - keinen Gefallen tat, würde er die Wache mit Mowett bestehen. "William", ließ er ihn wissen, "Sie klingen von Tag zu Tag mehr wie Killick."

"Gott behüte, Sir!" entsetzte sich Mowett.

"Aber ich werde Ihrem Rat folgen und schlafen gehen. Morgen könnte für uns alle ein langer Tag werden."

"Aye, Sir."

"Dann bringen Sie Dr. Maturin besser dazu, Ihrem Beispiel zu folgen", nutzte Bonden Mowetts Redepause, um sich einzuschalten. Er löste eine Hand vom Ruder - als Mann von der gleichen hünenhaften Statur wie der Captain konnte er das Schiff bei diesem Schwell einhändig auf Kurs halten, ohne einen einzigen Strich Abweichung - und deutete mit dem Daumen auf das Deck unter ihren Füßen. "Bei dem Schlaflied, das er da gerade fiedelt, fallen einem hier oben ja die Augen zu. Die Männer werden einschlafen, wo sie stehen, und wie überreife Äpfel aus den Toppen kippen. Wird er heute denn gar nicht müde?"

Die gleiche Frage hatte sich Jack ebenfalls schon gestellt. "Oh, das sehen Sie falsch, Barret", berichtigte er seinen alten Freund und klopfte ihm auf die Schulter, bevor er Rigg, Logbrett und Kursberechnung ein allerletztes Mal prüfte. Die Segel standen voll und bei, keine Verbesserung mehr möglich, folglich gab es wirklich nichts für ihn zu tun, außer ziellos auf und ab zu tigern und jeden mit seiner Nervosität anzustecken. "In Wahrheit schläft er bereits tief und fest. Er hat gelernt, sich selber in den Schlaf zu spielen." Wenn es der Wahrheit entspräche, wäre er nicht überrascht. Das Largo *hatte* einschläfernde Qualitäten, und Stephen war schon mehr als einmal fast über seinem Cello eingenickt, so daß er ihn ins Bett bringen mußte. "Allerdings werde ich ihn gerne davon abbringen, die komplette wachhabende Mannschaft einzulullen. Kurs Westsüdwest für die nächste Stunde halten, Mr. Mowett, dann weiter direkt nach Süden. Gute Nacht, die Herren, ich empfehle mich."

Die Wachgänger, allen voran Mowett, antworteten im leicht versetzten Chor, "Aye-aye, Sir. Angenehme Nachtruhe."

 

Das Cello rief ihn zu sich.

'Ja' sagte das Herz, 'Nein' sagte der Verstand.

Es mochte gut und gerne stimmen, daß sich der größte Mut oft in einem 'Nein' zeigte.

 

Heute jedoch entschied er sich für die Feigheit.

 
Ende

 
Du bist der 1953. Leser dieser Geschichte.