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Die Seefahrt wird lustiger...

© by Jimaine ()
 
Widmung: Für meine eierlegende Wollmilchsau. Ein Hoch auf die 'Drei von der Tankstelle', Lieutenant- WGs, die Klippe, bekiffte Mounties und die Erfindung des Bush- Sandwichs. Nein, nicht der US-Präsident, der sieht längst nicht so gut aus *g*.
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Mißmutig stocherte Elrond mit dem Strohhalm in seinem Glas herum, in dem sich nur noch gestoßenes Eis befand. "Wie lange, meinst du, brauchen wir noch bis Valinor?" wollte er wissen, doch Celeborn im Liegestuhl neben ihm reagierte nicht. Seitdem er einen der bestickten Kopfkissenbezüge zweckentfremdet hatte, um einem vorbeisegelnden Schiff - das auf der Suche nach einem ominösen weißen Wal war - zu signalisieren, daß sie bitte etwas Rum rüberschicken möchten, redete Celeborn nur noch mit ihm, wenn es sich nicht vermeiden ließ.

Mußte Galadriels Einfluß sein.

Die Frau wurde mehr und mehr zu einem Ärgernis, mußte er zugeben, und nach all den Jahren als Witwer war er aus der Übung, was Diskussionen mit Frauen anging, die älter als seine Tochter waren. Wenn sie doch *endlich* ankämen...

 

Elrond schlürfte geschmolzenes Eis und hielt die Augen geschlossen. Trotz der dunklen Sonnenbrille sah er noch zuviel von dieser Reise, die nun in ihre zweite Woche ging, und seine Ruhe hatte man auch nie wirklich. Kein Tag verging, ohne daß sie einem anderen Schiff begegneten, und die Begegnungen wurden immer bizarrer. Heute Vormittag war da dieser seltsame Piratenkahn gewesen, dessen Besatzung sie erst begeistert mit "Galee'e vo'aus! Galee'e vo'aus!" begrüßt, aber dann bei näherer Betrachtung unter panischem Geschrei von "Die Ga-! Die Ga-Ga-!" das eigene Schiff versenkt hatten.

Es mußte sich um eine bedauerliche Verwechslung handeln. Und Elrond hatte nicht einmal Gelegenheit gehabt, sie nach einigen Flaschen Rum zu fragen.

 

Ein weiteres Problem war der schrumpfende Bestand an benutzbarem Geschirr. Selbst schuld, schniefte Galadriel, und würdigte die Beschwerde keines weiteren Wortes. Folglich reinigten Elrond und Celeborn ihre Cocktailgläser und Kaffeetassen selbst, ein umständlicher Akt, der immer das Abfieren eines Beibootes involvierte, damit die beiden Elbenfürsten a.D. - ausgerüstet mit Schwamm, Bürste und einer von Gandalf zusammengebrauten Tinktur, die nicht nur reinigte, sondern auch gleichzeitig Meerwasser entsalzte - einen Bottich voll Schmutzgeschirr spülen konnten.

Streifenfrei.

 

Sie waren nicht die einzigen, die sich mit erzwungener Beschäftigungstherapie an ihre geistige Gesundheit klammerten. Haldir und Frodo - wenn der erstgenannte nicht gerade die Albatrospopulation dieser Breiten dezimierte und der zweite sich von seinem Onkel Bilbo, dem 24/7-Pflegefall, loseisen konnte - verbrachten ganze Tage damit, aus reiner Langeweile das Deck zu schrubben. Galadriel kochte zwar für ihre Mitreisenden (gelegentlich sogar mal Albatros, aber hauptsächlich aus einem vegetarischen Kochbuch, das sie in einem blaugestrichenen Souvenirshop der Grauen Anfurten namens "Ab hier gibt's nichts mehr!" gekauft hatte), hielt sich aber ansonsten von ihnen fern.

So ziemlich jeder an Bord fragte sich, was sie den lieben langen Tag unter Deck tat, ob sie nähte, klöppelte, oder in Ermangelung ihres Spülbeckens die Zukunft aus Teeblättern las, aber jeder war klug genug, diese Frage nicht direkt an sie zu stellen.

 

Gegen Nachmittag bewölkte sich der Himmel und eine merkliche Brise kam auf, die sich bis Sonnenuntergang zu einem waschechten Sturm ausgewachsen hatte. Das Schiff tanzte wie ein Korken auf den gewaltigen Wellen, stieg auf und ab, und es grenzte an ein Wunder, daß sie nicht querschlugen und mit Elb, Maus und Hobbit sanken.

Leiden mußten sie trotzdem.

Bis auf Haldir vielleicht. Der hatte sich mit einem Tau an der Bugreling festgebunden und lehnte sich mit ausgebreiteten Armen in die hochspritzende Gischt. "Ich bin der König von Mittelerde!" grölte er in den Wind...und schickte seinen Mageninhalt gleich hinterher. Als nächstes begann er zu singen, etwas Selbstkomponiertes mit dem einfallslosen aber aussagekräftigen Titel "Ich bin ein Elb - holt mich hier raus!"

Vorsichtshalber hielten alle anderen Abstand von ihm - was immer es war, es könnte ansteckend sein.

Elrond behauptete zwar hartnäckig, seine Übelkeit rühre von den ganzen Mai-Tais her, aber an diesem Abend konnte niemand sein Essen bei sich behalten. Gandalf ließ sich nicht blicken - er wollte nicht riskieren, daß ihm jemand auf die blendend weißen Roben reiherte, und das gleiche galt für Galadriel, deren vornehme Blässe einen höchst unattraktiven Grünstich angenommen hatte. Sie wollte nicht, daß jemand sie in diesem Zustand und Farbton sah.

 

Drei Tage lang dauerte die Tortur. Wie sie es überstanden, ohne das Segel einzubüßen, sollte auf ewig ein Geheimnis blieben. Zumindest hatte Haldir schon am Nachmittag des ersten Tages gestanden, weshalb er selbst bei extremer Schräglage des Decks auf den Füßen bleiben konnte; er hatte beim Aufräumen in Lothlórien die Superhaftstiefel gefunden, die Legolas nach der Schlacht auf den Feldern von Pelennor dort eingelagert hatte, bevor er mit Gimli auf Reisen ging, vermutlich, weil er glaubte, sie nicht mehr zu brauchen und hoffte, zurückzukommen, bevor die Elben Mittelerde verließen. Mit bestechender Logik, der niemand außer Haldir selbst folgen konnte, argumentierte der offiziell tote aber sonst quicklebendige Elb, daß sich ja jemand an den Hinterlassenschaften in Lórien vergreifen könnte, wenn niemand mehr da war, um drauf aufzupassen. Und warum sollten wertvolle Nutzgegenstände in die Hände von Plünderern fallen, wenn es jemanden gab, der sie zweckdienlich einsetzen konnte? Also hatte er sie mitgenommen. Legolas hätte dem sicher zugestimmt.

 

Als im Morgengrauen des vierten Tages der Wind schwächer wurde, traf Elrond Celeborn im Speiseraum an, eine Begegnung, die ihn überraschte, wenn er ehrlich war. "Ich sehe, du hast Kaffee gemacht. Ist noch welcher da?"

"Genug für dich, sicher. Noch eine halbe Kanne."

"Darf ich deiner Anwesenheit hier entnehmen, daß dir nicht mehr allzu schlecht ist, Cel?" Aus einem Wandschrank holte er einen Beutel Lembas hervor, legte ihn auf den Tisch und setzte sich.

"Nur noch etwas. Aber ich denke, ich kann jetzt etwas bei mir behalten. Galadriel dagegen..." Er verkniff sich eine buntere, detailgetreuere Beschreibung.

Und Elrond fragte nicht. Stattdessen brach er eine Lembas-Waffel in der Mitte durch. "Hier, nimm'...uh..." Angeekelt beäugte er die kleinen, weißen Würmer, die an der Bruchstelle aus dem Inneren des Gebäcks quollen. "Bei den Valar...Hafenmeister sind auch nicht mehr das, was sie mal waren! Hat der Kerl uns doch den ältesten Proviant mitgegeben, den er in seinem Magazin finden konnte! Das Zeug muß älter sein als ich!"

Fasziniert beugte sich Celeborn zu den Tierchen hinunter, stupste mit dem Finger in die Mitte des Gewimmels und zuckte sofort wieder zurück. "Igitt. Rüsselkäfermaden. Was machen wir mit ihnen? Als Angelköder verwenden? Oder geben wir sie Gandalf? Sie sind schließlich ein essentieller Bestandteil in dem Wundermittel, mit dem er den Rosenduft in der Bilge aufrechterhält."

Die Augenbraue des dunkelhaarigen Elben eilte seinem Haaransatz hinterher. "Aha", machte er und bot Celeborn statt dem Lembas einen Apfel an, den dieser dankend annahm. Woher Celeborn *das* nun wieder wußte...? "Aber", überlegte er laut, "vielleicht kann man sie trainieren...kleine Wettrennen veranstalten..."

Celeborn gestattete sich ein seltenes Lächeln. "Oder Formationstanz. Ich habe da mal einen Aufsatz gelesen, den ein Marinearzt von einer Insel namens Großbritannien zu ebendiesem Thema verfaßt hat...der Mann hatte wahrlich eine blühende Phantasie. Oder zuviel Zeit. Oder beides."

 

Die Sonne stieg am Himmel hoch...nur sahen sie davon nichts, denn ein Extrem wurde gegen ein anderes eingetauscht. Statt brausendem Wind herrschte nun nahezu totale Windstille, und als ob das nicht übel genug wäre, steckten sie in einer Nebelbank fest. Die Stunden verstrichen, ohne daß sich der Dunst auflöste und man weiter als einige Meter sehen konnte.

Und offenbar waren sie nicht die einzigen, die erst im Sturm vom Kurs abgekommen waren, um anschließend im Nebel die Orientierung zu verlieren; wenn man von Orientierung sprechen konnte, denn niemand an Bord verstand etwas von Segelkunst, Navigation oder Ähnlichem. Das war für die Bewohner von Lothlórien und Rivendell niemals erforderlich gewesen. Rudern und Paddeln, ja, wenn man an einem Fluß lebte, ließ sich schwerlich vermeiden, das eine oder andere zu lernen, aber mit einem Schiff auf dem Meer, diesem großen, großen Meer...das war eine andere Sache. Keiner hatte auch nur den Hauch einer Ahnung.

Außer Elrond. Den hatten sie im Verdacht, ein heimlicher Experte zu sein, schließlich glichen die Knoten und Schlaufen in seinen Haar den Seemannsknoten, mit denen die Leinen und Taue der Takelage belegt waren. Alle anderen waren überzeugt, daß sich das Schiff selbst segelte.

 

Kurz von Mittag wurde die dunstig-graue Monotonie aufgelockert. Dreimal ertönte der doppelte Schlag einer Schiffsglocke aus dem Nebel, gefolgt von einem weithallenden "An der Marke zehn, zehn Faden".

"Zehn Faden", wurde der Ruf wiederholt. Zu sehen war noch nichts.

Durch ihre vorherigen Begegnungen auf der Reise etwas mißtrauisch geworden, riefen sie Haldir an Deck. Voller Tatendrang stürzte der Elb mit gespanntem Bogen ins Freie, gefolgt von Frodo, der gerade Bilbo zu seinem Mittagsschläfchen ins Bett gebracht hatte.

"Wer das wohl sein mag?" wunderte sich der Hobbit und trat von einem Fuß auf den anderen. Die feuchte Kälte kroch ihm durch alle Kleiderschichten und ließ ihn sich wünschen, daheim im Auenland vor einem prasselnden Feuer zu sitzen. Hier an Bord waren wegen der Brandgefahr nur kleine Stövchen erlaubt, an denen man sich zwar die Hände wärmen konnte, aber jemand mit mehr Fuß als Hand - zudem noch einem Finger zuwenig - setzte nun mal ganz andere Prioritäten!

Das Wetter war das exakte Gegenteil von dem, was ihm für diese Reise versprochen worden war. Nach den Strapazen auf seinem Marsch nach Mordor hatte er ausdrücklich mildes Klima und Sonnenschein verlangt, alle Annehmlichkeiten, die er geglaubt hatte, nie wieder zu genießen. Erdbeeren mit Schlagsahne, eine gute Pfeife, eine Fußmassage...stattdessen stand er hier in dieser Suppe, fror erbärmlich und dachte seltsamerweise an die Hitze der Lavafluten am Schicksalsberg. Schon wurde ihm wärmer.

Noch immer waren es nur Geräusche, lautstarke Befehle, die sie erreichten, und darauf schließen ließen, daß irgendwo an Backbord ein anderes Schiff genauso blind wie sie durch den Nebel kroch und dessen Besatzung darüber genauso unglücklich war.

"Wie steht es mit der Lotleine?" Eine angenehme Singstimme war das nicht, die da fragte; der Sprecher war es hörbar gewohnt, Befehle zu geben

"Zehneinhalb Faden unterm Kiel, Mr. Bush, zehneinhalb."

Als nächstes brüllte die Reibeisenstimme, "Mr. Prowse, zusätzliche Lampen aufriggen und die Boote ausbringen. Wir können es uns nicht leisten, hier bekalmt rumzudümpeln. Matthews, wecken Sie alle Männer, auch die Freiwache, wir müssen das Schiff aus dieser elenden Suppe herausschleppen. Los, los, bewegt euch, ihr Landlubber! Und Meldung an Captain Hornblower, er möge bitte an Deck kommen."

"Aye-aye, Sir."

Es blieb bei den Stimmen. Zu sehen bekamen sie von dem anderen Schiff nicht den kleinsten Fetzen Segeltuch.

Vielleicht gut so, überlegte Frodo. Je weniger Schiffen sie begegneten, desto besser, denn so gab es keine unnötigen Verspätungen oder unangenehme Überraschungen. Die Piraten von neulich hatten ihm gereicht. Außerdem bedienten sich diese Seefahrer eines Vokabulars, von dem sie nur die Hälfte verstanden.

 

Zwei Stunden später hatten sie jedoch bereits den nächsten Kontakt, und allmählich entwickelte Celeborn die Theorie, daß diese Gewässer nicht exklusiv von ehemaligen Bewohnern von Mittelerde befahren wurden, sondern ein Tummelplatz für absolut alles und jeden waren, vom Ruderboot bis zum Ozeanriesen. Gab es irgendwo da draußen einen Reiseveranstalter, der illegal Seekarten vertrieb? Naja, solange niemand außer ihnen Valinor ansteuerte...außer ihnen würde niemand dorthin gelangen.

Das Schiff tauchte an Steuerbord auf, schälte sich quasi Planke für Planke aus der Suppe. Ein Mast wurde sichtbar, mehrere Personen...von denen einer nun an die Reling trat und winkte. "Hallooooooo...Schiff ahoi!"

"Ahoi", antwortete Frodo und spähte durch den Nebel. Fröstelnd zog er den Umhang enger um seine Schultern. "Guten Tag." Meine Güte, diese Ähnlichkeit war verblüffend! "Boromir?"

"Nein, mein Name ist Odysseus. Kennen Sie zufällig den Weg nach Ithaka?"

"Wohin?" Celeborn trat neben den Hobbit und schaltete sich ins Gespräch ein. Irgendwie fühlte er sich nämlich berufen, die Rolle des Kapitäns zu spielen, auch wenn er sie liebend gerne Elrond überlassen hätte.

"Ithaka. Die Insel Ithaka."

"Nie davon gehört." Die breiten Schultern des anderen Kapitäns sackten nach vorne und der Ausdruck auf seinem Gesicht ließ Celeborn ein diplomatisches, "Tut mir leid für Sie" nachsetzen. Der arme Mann schien völlig entmutigt. Und was er in den nächsten Minuten erzählte, klang wirklich nicht berauschend. Er hatte wahrlich einiges durchmachen müssen. "Sind Sie schon lange unterwegs?"

"Fast zehn Jahre."

'Was sind schon zehn Jahre?' wollte Celeborn lachen, besann sich aber eines Besseren. Verflucht, wo hatte sich dieses Taktgefühl während der letzten tausend Jahre seines Lebens versteckt? Und warum kam ihm der blonde Mann so bekannt vor? Er glaubte, ihn irgendwo schon mal gesehen zu haben, und lange konnte das nicht her sein. Frodos Gesichtsausdruck deutete auch auf Wiedererkennen hin. "Verflucht schlechtes Wetter, hm?"

Der Kapitän stützte die Ellbogen auf die Reling und den Kopf in die Hände. "Mit Sicherheit ist die Schuld bei Poseidon zu suchen."

Der Elb runzelte die Stirn. Zwar behauptete Galadriel immer, so was gäbe Falten, aber er hatte noch nie wirklich auf seine Frau gehört. "Poseidon?"

"Der Gott der Meere. Dank ihm befinde ich mich auf dieser Irrfahrt. Und daheim", klagte er, "warten meine geliebte Frau Penelope und mein Sohn Telemach...ach, allmählich gebe ich die Hoffnung auf...."

Hoffnung...was wußte ein sterblicher Mensch, der sich schon über zehn Jahre Unglück aufregte, von wahrer Hoffnung? Ihre Schiffe waren während ihrer Unterhaltung, die niemals über das übliche 'Woher und wohin' hinausging, aneinander vorbei getrieben, in entgegengesetzte Richtungen; das Heck des Elbenschiffes befand sich nun auf gleicher Höhe mit der Ruderpinne des anderen Seglers, und Celeborn verabschiedete sich. "Nun, Herr Odysseus, wir wünschen Euch viel Glück für Eure, uhm, Odyssee..."

"Danke, Lord Celeborn von Lórien...möglicherweise komme ich ja auch noch an Eurem Land vorbei. Gibt es dort jemanden, den ich grüßen soll?"

"Ah, nein. Nicht mehr." Ein letztes Mal hob er die Hand zum Gruß. "Lebt wohl."

Zur gleichen Zeit passierte Gandalf unter Deck ein Bullauge und stutzte. Sah hinaus, gerade als das Schiff wieder im Nebel verschwand. "Ich sehe wirklich Gespenster", murmelte er, nahm seine Pfeife aus dem Mund und blickte sie zweifelnd an. "Seltsam...ich könnte schwören, daß das auf dem Kahn da.... Aber das kann ja gar nicht sein. Nein, gewiß nicht." Sicher genauso eine Sinnestäuschung wie neulich, als er geglaubt hatte, Pippin, den Hobbit, als Steuermann auf einer vorbeifahrenden Fregatte zu sehen. Also nahm er es als Qualitätsgarantie für das Pfeifenkraut. Verflucht gutes Zeug...wirklich verflucht gut! Abermals gratulierte er sich für seine vorausschauende Planung: Unter seinen Roben hatte er einige Setzlinge an Bord geschmuggelt, um auch in Valinor nicht auf seine Pfeife verzichten zu müssen.

 

Es wurde Nachmittag und früher Abend. Ja, der Nebel lichtete sich und als die Nacht begann, konnten sie die Sterne und den Vollmond am wolkenlosen Himmel sehen.

Und auch einiges anderes.

Zuerst fand Galadriel, daß sie ganz hübsch aussahen. Wie funkelnde Sterne im Wasser. Nur als die Eisbrocken immer größer wurden, war auch sie beunruhigt. So sehr, daß sie ohne Rücksicht auf die späte Stunde alle Mann an Deck rief. Beim Anblick der Eismassen, speziell der glitzernden Wand, die sich an Backbord vorbeischob, beängstigend nahe am Rumpf und doppelt so hoch wie der Mast, war die am häufigsten gestellte Frage, wieso sie eigentlich nicht in Mittelerde geblieben waren. Hatte sie ja niemand wirklich *gezwungen* fortzugehen!

Mehrmals schien das Ende gekommen und die Passagiere sahen ihr Leben vor dem inneren Auge vorbeiziehen - was im Falle der Elben und Gandalf im extremen Zeitraffer ablief und sie trotzdem immer erst halb fertig waren, wenn Haldirs Entwarnungsruf aus dem Masttopp schallte.

Das Schiff manövrierte elegant und ohne Führung um die Hindernisse herum, sehr zum Staunen der Passagiere. Einer direkten Kollision würde diese Nußschale nicht standhalten. Als Entschuldigung, als universelle Erklärung für alles, führten sie "Elbentechnologie" an. Eine Art Autopilot. Zwar besaß das Schiff ein Ruder, doch legte niemand Hand daran, und das gleiche galt für den Kompaß, den jeder ignorierte.

Sie führten, sinnierte ein sentimentaler Elrond zwischen zwei Gläsern heißem Grog, nicht einmal ein Logbuch...kaum verwunderlich, wenn man bedachte, daß das Schiff keinen Namen hatte... Dann lehnte er sich in seinem Liegestuhl zurück - wenn sie sanken, wollte er nicht unter Deck gefangen sein - zog die fünf Decken bis zum Kinn und schlief ein.

Er bekam demzufolge nicht mit, wie ein großer Dampfer mit vier Schornsteinen vorbeirauschte. Oder daß Bilbo, der das Fußhaarzupfen aufgegeben und sich für den radikaleren Ansatz entschieden hatte, wegen der vom Dampfer verursachten Wellen das Gleichgewicht verlor und ihm eine großzügige Menge Enthaarungscreme über den Kopf schmierte.

Frodo verfrachtete seinen Onkel deshalb umgehend ins Bett, bevor noch Schlimmeres passieren konnte. Elrond mit Glatze würde schlimm genug sein. Als nächstes könnte es sein, daß er Celeborns bestickte Kissenbezüge für Kleidung hielt und darin an Deck erschien. Wenn es soweit kam, würde Frodo jegliche Verwandtschaft leugnen.

Gandalf und Celeborn legten sich auch wieder hin, bevor ihnen Nase oder Ohren abfroren.

Einzig Galadriel blieb, ihr machte die Kälte nichts aus. Nachdenklich blickte sie dem Schiff hinterher. Bei diesen Eisbergen sollte man wirklich nicht so rasen...was da alles passieren konnte...

Sie zog die Kapuze ihres Umhangs über den Kopf und drehte ihre Runden wie jede Nacht.

Dabei kam sie alle zehn Minuten an Haldir vorbei, der seit gut zwei Stunden wie angewurzelt an ein und derselben Stelle an der Backbordreling stand, völlig reglos, sogar ohne zu blinzeln. Kein einziges Haar flatterte im Wind; anscheinend benutzte er, genau wie sie, das bewährte Allwetter-Spray, wenngleich sehr sparsam, weil das 'Rivendell Haarstudio' mit dem Fortgehen der Elben weitgehend bankrott gegangen war. Außerdem trug er seit einigen Tagen ein Kopftuch. Aus Eitelkeit, denn seine Naturhaarfarbe war seit Abreise aus Mittelerde immer sichtbarer geworden war, aber die Möglichkeit zum Nachblondieren des Haaransatzes hatte er leider nicht. Jedenfalls war die Möwe, die sich auf seinem Kopf niedergelassen hatte, der Meinung, einen idealen Nistplatz gefunden zu haben, was ihn nicht zu stören schien. Genauso gut hätte er eine Statue sein können. Noch etwas länger und er würde zum Direkteinsteiger im Buch der Lächerlichkeiten werden, von Null auf Rang Zwei, gleich hinter Legolas' Tagebüchern, und damit die Frisur einer Rasse namens Centauri auf Rang Drei verbannen.

Als sie ihn nach dem Grund fragte, antwortete Haldir nicht, sondern starrte weiterhin auf das Wasser. Fast als würde er auf etwas warten. Gerade wollte sie sich von ihm abwenden und zu einer weiteren Runde aufbrechen, da kam Leben in den Elb.

"Ha! Da ist es wieder! Jetzt hab' ich dich!" Innerhalb weniger Sekunden feuerte Haldir ein halbes Dutzend Pfeile ins Wasser, bis Galadriel ihn beim Arm nahm.

"Auf was, bitte, schießt du da, Haldir?"

"Seht Ihr nicht, Lady Galadriel? Dort unten, das Seeungeheuer?" Er riß seinen Arm los und jagte ein weiteres halbes Dutzend Pfeile dem Objekt unter der Wasseroberfläche entgegen. Jeder Schuß ein Treffer, doch zeigte sich keine Wirkung.

"Ein Seeungeheuer?" echote die Herrin des Lichts...von welchem sie Haldir jetzt gerne eine Extraportion geben würde, denn er schien im Moment etwas unterbelichtet. "Haldir", begann sie so verständnisvoll es ihr möglich war, "so geht das nicht weiter! Du kannst nicht auf alles schießen, was an uns vorbeifährt oder -schwimmt!"

"Ich muß doch in Übung bleiben", rechtfertigte sich der Elb. "Und so etwas wie dieses Ungeheuer habe ich noch nie gesehen. Seht doch wie riesig es ist...und diese großen, leuchtenden Augen." Noch während er redete, zog er einen weiteren Pfeil aus dem Köcher und legte an, verlor dabei aber nie die Schaumspur ihres Kielwassers aus dem Auge.

Dieser nächste Pfeil prallte mit einem seltsam metallisch klingenden *Ping* von dem angeblichen Seeungeheuer ab und wurde von einer Welle fortgetragen. Und beim übernächsten Pfeil -

 

"Holy *SHIP*!" Ein Schrei, ein Japsen, ein abgehacktes Wiehern - und alles von unten, direkt vor ihrem Bug.

Galadriel und Haldir lehnten sich über die Reling und erblickten ein kleines Ruderboot, dem ihrigen nicht unähnlich, in dem zwei Männer saßen....und ein Pferd.

Alle drei schauten mit furchterfüllten Augen zu ihnen hoch.

"Entschuldigung", brach Haldir das unangenehme Schweigen. Mal wieder ein schlechter erster Eindruck, den er für sich verbuchen konnte. "Der Pfeil war für das Seeungeheuer..." Doch wie er auf die Stelle zeigen wollte, war das mysteriöse Wesen mit den leuchtenden Augen verschwunden. "Eben war es noch da", meinte er mit einem zerknirschten Lächeln, nur fiel seine Entschuldigung auf taube Ohren, denn die beiden Männer hatten die Ruder ergriffen und ruderten mit rekordverdächtigem Tempo in die Nacht. Hauptsache *weg*!

Galadriel, die nach der Spülbecken-Affäre und Elronds beginnendem Alkoholismus um den Rest des guten Rufes von Lothlórien fürchtete, packte ihren ehemaligen Wächter am Oberarm und geleitete ihn sanft aber bestimmt unter Deck. Hoffentlich gab es in Valinor gute Ärzte, die sich um Haldir kümmern konnten.

 

*********
 

Der nächste Tag begann mit strahlendem Sonnenschein, und nach dem Frühstück...

"Noch ein Segelschiff." Elrond stellte die Kaffeetasse ab und kniff die Augen zusammen; seine Sehschärfe war auch nicht mehr das, was sie mal gewesen war. Vielleicht hätte er damals den von Gil-galad vorgeschlagenen Gesundheitsplan unterstützen sollen, dann hätte er jetzt diese Probleme nicht. Und wenn er dem väterlich-besorgten Wunsch nachgegeben hätte, noch ein paar Jahre bei Arwen zu bleiben - unter dem Vorwand, sehen zu wollen, wie sie Aragorn als Ehemann und König machte - hätte er jetzt auch keine Halbglatze, schon gar nicht erst eine schräg von vorne nach hinten verlaufende. Mit Gandalfs altem, grauen Hut kam er sich reichlich lächerlich vor "Schaut mal, die ganzen Leute an Bord tragen so komische rote Uniformen...das sieht irgendwie seltsam aus."

"Was du nicht sagst!" Celeborn konzentrierte sich wieder auf seine neueste Stickarbeit. Allmählich wurden die Muster auf dem Bettbezug deutlicher; Galadriel glaubte, Gesichter zu erkennen. Hobbitfüße. Einen Baum. Mehrere Bäume. Blumen. Viel Grün, viel Buntes. Sie seufzte. Offenbar hatte Bilbo wieder etwas mit seiner Bettwäsche angestellt. Einen anderen Grund konnte es wohl kaum für das Auenlandmotiv geben. Vielleicht würde Celeborn nach Ankunft in Valinor - wenn sie die Hobbits nicht länger um sich hatten - endlich Gelegenheit haben, sich weiterzuentwickeln, die impressionistische Phase hinter sich zu lassen und etwas Neues auszuprobieren. Wie sie sich noch fragte, was sie selbst eigentlich im kommenden neuen Lebensabschnitt anfangen würde, ging das Segelschiff mit der einheitlich rotgekleideten Besatzung längsseits.

Galadriel staunte. Also *das* hatte sie am Vorabend der Abreise in ihrem Spiegel gesehen (bevor Celeborn und Elrond das sperrige Objekt über Bord warfen)! Ihre letzte Vision machte endlich Sinn! Und da hatte sie schon geglaubt, etwas Falsches gegessen zu haben.

Einer der Männer in Rot lehnte sich nun über die Reling und tippte sich zum Gruß an den Hut. "Guten Tag. Wenn ich mich vorstellen darf, Ma'am, mein Name ist Constable Benton Fraser -"

"Sie kamen nach Chicago auf der Spur der Mörder Ihres Vaters, und aus Gründen, die an dieser Stelle besser nicht näher erläutert werden, blieben Sie dort als Mitarbeiter des kanadischen Konsulats", endete Galadriel. "Ich weiß."

"Oh." Nach einem Moment der Sprachlosigkeit überspielte Fraser seine Überraschung mit einem Seitenblick auf den weißen Halbwolf, der soeben neben ihm auftauchte. "Wohin sind Sie unterwegs?"

"Nach Valinor. Aber irgendwie sind wir in dem Sturm vorgestern vom Kurs abgekommen. Könnten Sie uns vielleicht weiterhelfen?" Es widerstrebte ihr, wie ein dummer Zwerg nach dem Weg zu fragen, aber wenn sie schon eine Vision von diesen Rotröcken gehabt hatte, konnte dieses Treffen kein Zufall sein. Und woher wußte sie, daß der Halbwolf Diefenbaker hieß, Donuts liebte und an selektiver Taubheit litt?

"Ah, aber natürlich. Haben Sie was zum Mitschreiben?"

"Nicht nötig, wir verfügen über ein exzellentes Gedächtnis."

"In Ordnung."

"Ich höre."

Fraser nickte knapp und legte los. Nach zehn Minuten schlackerten selbst den Elben die spitzen Ohren vor soviel Übereffizienz und Detailliertheit.

"...und wenn Sie an der kleinen Insel mit zwei Bergen ankommen, gehen Sie auf Kurs West bei Nordwest und halten diesen Kurs für drei Tage, bis eine weitere Insel auftaucht, auf der Sie aber besser nicht landen, weil sie von gefährlichen Riffen umgeben ist. Außerdem wohnt da nur ein geistig verwirrter Einsiedler mit seinem Volleyball. Sie wechseln auf Westkurs, was Sie noch vor dem Abend vor die Küste einer Insel bringt, die Sie allerdings auch meiden sollten, denn es wimmelt dort von Dinosauriern. Aber dann kommt -"

Weitere zehn Minuten Beschreibung verstrichen, und Celeborn fragte sich, ob der Mountie zwischendurch überhaupt Luft holte.

"Haben Sie das alles?"

"Ja, danke vielmals."

"Oh, gern geschehen, Lady Galadriel." Fraser deutete eine steife Verbeugung an. "Viel Glück auf Ihrer Reise. Bei günstigem Wind werden Sie in einer Woche am Ziel sein. - Wir wollen auch los, haben Sie Ihre persönlichen Sachen?" wandte er sich an jemanden hinter Galadriel.

Sie drehte sich um. "Haldir!" Galadriel war überrascht, den semi-blonden Elben nach einer Nacht wie der letzten schon wieder an Deck zu sehen. Die langen Haare hatte er sorgfältig in einem Pferdeschwanz gebunden und trug den Bogen über der Schulter sowie unterm Arm eine zusammengefaltete - "Haldir!" ereiferte sie sich. "Was wird das? Was willst du -?"

Da sie alle auf die Wegbeschreibung konzentriert gewesen waren, war ihnen entgangen, daß sich Haldir angeregt mit einigen der anderen Mounties unterhalten hatte. "Wenn ich erklären darf, Ma'am", schaltete sich einer von diesen ein, doch Haldir ließ sich das Wort nicht nehmen.

"Viele Gründe. Fürs erste bin ich offiziell tot." Bei den erstaunten Blicken, die er erntete, fühlte er sich in seiner Entscheidung nur bestärkt. "Ich weiß, ich weiß, jeder dachte, ich wüßte es nicht und würde die Tatsachen verleugnen. Ich könne angeblich die Wahrheit nicht akzeptieren. Aber das ist nicht so. Ihr braucht mich nicht mehr, Lady Galadriel, aber bei der RCMP kann ich meine Fähigkeiten zum Besten nutzen." Ihm waren die Männer und Frauen an Bord überaus sympathisch. Zwar hatte er einige verbindliche Dokumente unterschreiben müssen, unter anderem das Manifest der BKAS (Britisch-Kanadischen Albatros-Schutzgesellschaft), aber dieses kleine Opfer brachte er bereitwillig, denn er hatte das Gefühl, sein ganzes Leben in Mittelerde auf diesen Moment gewartet zu haben. Höflich war er, das Still-wie- eine-Statue-Stehen hatte er perfektioniert, Reiten konnte er, er war ein erstklassiger Schütze...und in Rot sah er hervorragend aus. Daß er kein kanadischer Staatsbürger war, war eine reine Formalität und ließ sich gewiß schnell regeln.

"Und wofür steht das? Rotgekleidete Chaoten mit Pfeilbedarf?"

"Royal Canadian Mounted Police", soufflierte von der Seite ein weiblicher Rotrock.

Eine logische Weiterentwicklung, das sah auch Galadriel ein. Reiten konnte Haldir, an Monarchen war er gewöhnt und seine Aufgabe in Lothlórien hatte der eines Polizisten entsprochen. Und was sollte er in Valinor, außer sich langweilen? Also entließ sie ihn mit einem wohlwollenden Lächeln. "Wenn es dein Wunsch ist, Haldir, dann geh. Werde glücklich. Wo dieses Kanada auch liegen mag, es kann sich glücklich schätzen, dich als Wächter zu bekommen. Meinen Segen hast du. Namari‰."

"Meinen auch", rief Celeborn, ohne hinzusehen, denn er fütterte gerade Diefenbaker mit Lembas.

"Und meinen", brummte Elrond und griff nach seinem Mai-Tai. "Mach's gut, Haldir. Tschüßle, Namari‰, Ciao, Adios..."

Leider blieb keine Zeit, sich von Gandalf und den Hobbits zu verabschieden. Schon kehrten die Mounties auf ihr Schiff zurück und Fraser bedeutete seinem Wolf, Lembas gefälligst Lembas sein zu lassen und er solle sich gar nicht an die Leckerei gewöhnen.

Haldir setzte den Hut auf und schwang sich elegant auf die 'Bounty' hinüber, wo er umgehend in die Wanten kletterte, um den anderen Elben hinterher zu winken, wie sie - allerdings ohne ihm ihrerseits noch eine Spur Aufmerksamkeit zu schenken - dem Horizont entgegen segelten. Dann begann sein neues Leben. Das einzige, was er bedauerte, war daß er Legolas' Tagebücher nicht zu Ende gelesen hatte.

 

An Bord des Elbenschiffes kehrte wieder eine Illusion von Normalität ein. Frodo pflegte Bilbo, Celeborn verspürte das seltsame Verlangen, seine Ehe mit Galadriel zu kitten, und Elrond in seiner Verzweifelung versuchte, Gandalf, der sich durch seine Stapel alter Ausgaben des 'Gondor Guardian' und 'Edoras Enquirer' schmökerte, zu überzeugen, ihm ein magisches Haarwuchsmittel zu mixen.

So war jeder mit seinen eigenen Problemen beschäftigt und der Tag neigte sich dem Ende zu, während das Schiff ohne Steuermann den Kurs wechselte, der fernen Küste entgegenstrebte.

 
Ende

 
Du bist der 2403. Leser dieser Geschichte.